Das purpurne Hemdchen - Sara-Maria Lukas - E-Book

Das purpurne Hemdchen E-Book

Sara-Maria Lukas

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Beschreibung

Ihrer Angst hat Sina den Namen Mimosensumpfkuh gegeben und flirtenden Männern gegenüber bezeichnet sie sich lässig lächelnd als frigide, um sie wirkungsvoll abzuschrecken. Auch sonst zeigt sie sich cool in ihrem neuen Leben in Hamburg. Nur der ebenso souveräne wie heiße Fotograf Sam erkennt die Panik unter ihrer Maske der Selbstsicherheit. "Frigidität? Das ist meine Lieblingsherausforderung", lautet seine lapidare Antwort auf ihre Abfuhr. Sein messerscharfer Blick, gepaart mit den vor Vergnügen zuckenden Mundwinkeln, lassen die Schmetterlinge in ihrem Bauch Achterbahn fahren. Er verführt sie zu heißem Sex, doch mehr lässt Sina nicht zu. Sie ist sich sicher, wenn Sam ihre Vergangenheit kennt, wird er sie verachten, denn purpurne Reizwäsche reicht nicht, um glücklich zu werden ...

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Sara-Maria Lukas

DAS PURPURNE HEMDCHEN

Erotischer Roman

© 2017 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

© Covergestaltung: Mia Schulte

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-310-1

ISBN eBook: 978-3-86495-311-8

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Autorin

„Vielleicht ist gerade der wirklich stark,

Kapitel 1

„Und du willst wirklich nichts mitnehmen?“

Sina lächelt geduldig. „Nein, Tante Laura.“

Sie legt den Arm um die fast einen Kopf kleinere alte Dame, die mit großen, tränenfeuchten Augen zu ihr aufsieht, und drückt sie sanft. „Mutter hätte es so gewollt. Der Pfarrer wird die Möbel und den Hausrat an Menschen verteilen, die es gut gebrauchen können.“

Tante Laura schüttelt den Kopf. „Ach Mädchen, ich will das noch nicht glauben. So lange haben wir nebeneinander gewohnt. Nun ist deine Mutter tot und du gibst einfach alles auf. Hast du dir das wirklich gut überlegt?“

Ein Anflug stechenden Zorns verursacht einen bitteren Geschmack in Sinas Mund. Sie will das nicht mehr hören, sie kann es nicht mehr hören. Dieser Satz verfolgt sie wie der Geruch in den engen Fluren der alten Reihenhäuser, mit dem sie seit ihrer Kindheit vertraut ist. Zu oft hat sie ihn in den letzten Wochen und Nächten als innere Stimme im Kopf gehört. Er fühlt sich wie ein riesiges Kaugummi an, das mit der einen Seite an ihrem Arsch und mit der anderen in ihrem Elternhaus klebt und sie daran hindern will, sich fortzubewegen.

Was soll dieses weinerliche Getue? Tante Laura ist nicht mal eine Verwandte, sondern nur die Nachbarin. Sie hatten doch in Wahrheit nie etwas miteinander zu tun, außer dass sie sich jeden Tag gesehen haben. Zu ihrer Mutter mag sie ja ein enges Verhältnis gehabt haben, aber die ist tot. Ende. Aus. Vorbei.

Echte Verwandte gibt es nicht. Nichts hält sie hier. Nichts, verdammt noch mal. Verfluchte Gefühlsduselei! Schluss mit dem sentimentalen Gesäusel!

Innerlich einen Seufzer ausstoßend und sich selbst für ihre Gedanken rügend, drückt Sina der Nachbarin den Hausschlüssel in die Hand. „Ich habe es dir doch erklärt. Meine Wohnung in Hamburg ist sehr klein, ich muss mich von den Sachen trennen. Und jetzt laufe ich los, sonst verpasse ich noch den Zug.“

Sie will nichts mehr erklären. Sie will endlich diesen letzten Akt des Abschieds hinter sich bringen, in den Zug steigen und der Kleinstadt den Rücken kehren.

„Der Pfarrer holt den Schlüssel morgen früh und bringt ihn dir zurück, wenn das Haus leergeräumt ist, und der Makler meldet sich nächste Woche bei dir. Falls irgendwas ist, hast du meine Handynummer.“

„Ja Kind, ich weiß. Pass auf dich auf.“

„Du auch, Tante Laura.“

Eine letzte kurze Umarmung, dann zieht Sina energisch den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, legt den Schal fest um Hals und Kinn, dreht sich um und verlässt das Haus.

Die Rollen des Koffers blockieren im frisch gefallenen Schnee, als wollten sie sich weigern, ihr Zuhause zu verlassen. Neuer Zorn brodelt in ihrer Brust. Sie beißt die Zähne zusammen und blickt mit leicht verschwommenem Blick starr nach vorn, stapft ein letztes Mal an ihrem Elternhaus vorbei, ohne noch einmal den Kopf zu drehen. Ende. Aus. Schluss. Scheiß Gepäck. Scheiß Schnee.

Als sie Hamburg erreicht, ist es schon dunkel. Während der dreistündigen Zugfahrt hat sie sich kaum bewegt, sondern still dagesessen und aus dem Fenster gestarrt, dabei nichts von der Landschaft wahrgenommen, sondern die Erinnerungen ihrer Kindheit vor ihrem inneren Auge an sich vorbeiziehen lassen. Ein letztes Mal. Ab sofort ist nur noch der Blick nach vorn erlaubt.

Der Zug hält. Sina zerrt den schweren Koffer aus der Tür und sieht sich auf dem Bahnsteig um. Der Hamburger Bahnhof ist mindestens zehn Mal so groß wie der in ihrer Heimatstadt. Sie taucht in den Trubel ein wie eine Ameise in ihren Ameisenstaat. Anonym und in der Menge unsichtbar. Ein herrliches Gefühl. Der Bahnsteig ist voller Menschen, viele tragen Aktentaschen oder rollen kleine, schicke Trolleys hinter sich her. Vermutlich sind die meisten von ihnen Pendler auf dem Heimweg. Klar, es ist Freitag. Alle drängen routiniert aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig umzurennen. Keiner beachtet sie. Kopfschüttelnd verdreht sie die Augen. Mein Gott, natürlich nicht.

Plötzlich läuft eine schauererregende Freude über ihren Rücken. Tief einatmend saugt sie die Atmosphäre in sich auf. Lärm, Lichter, Lachen, Schreien, Gerüche … Leben. Endlich das pralle Leben, und sie ist mittendrin, gehört dazu, ist ein Teil dieser sprudelnden, aufregenden Welt. Yeah!

Voller Tatendrang folgt sie dem Hinweisschild Richtung Ausgang. Draußen erfasst sie unvermittelt ein böiger Windstoß, und kalter Regen klatscht ihr ins Gesicht.

„Hey, was ist das denn für ein Empfang“, motzt sie lachend und zieht die Schultern hoch. In ihrem Glücksrausch kann ihr so ein bisschen mieses Wetter sicher nicht die Laune verderben. Sie hebt den Kopf und schnuppert. Es riecht anders als in den Bergen der Rhön. Ob das von der Elbe kommt? Nord- und Ostsee sind ja auch nah. Sie wird ganz kribbelig bei der Vorstellung, das alles bald zu sehen. Sie will barfuß am Strand laufen, das hat sie sich fest vorgenommen, egal, was für ein Wetter an dem Tag ist, an dem sie zum ersten Mal das Meer sieht.

 Der Taxistand vor dem Hauptbahnhof ist nicht zu verfehlen. Sie wartet unter dem Dach, bis ein Wagen mit einer Fahrerin frei ist, steigt ein und nennt die Adresse des billigen Jugendhotels, das Sina übers Internet gefunden hat. Es ist nicht weit vom Bahnhof entfernt, doch zur Rushhour in Hamburg kommen selbst Taxis kaum voran. Staunend, und auch ein wenig eingeschüchtert, betrachtet sie durch die nasse Fensterscheibe das Gewusel von Autos und Menschen im Schein der Laternen. Als die Fahrerin endlich vor dem grauen mehrstöckigen Gebäude hält, zeigt die goldene Armbanduhr ihrer Mutter fast zwanzig Uhr an. Das ist zwar nicht ganz korrekt, denn die Uhr geht seit Jahren vor, aber das ist ihr egal. Sie trägt sie an diesem Tag sowieso zum letzten Mal.

Unter Aufbietung aller Kräfte betritt sie das Gebäude durch die schwere Schwingtür, die sich anscheinend weigern will, verschrammte, altmodische Rollkoffer mit hineinzulassen. Zum Glück ist die Empfangshalle leer und niemand beobachtet ihren ungelenken Kampf gegen die Tür. Die Kofferrollen scheppern unangenehm laut auf dem Fliesenboden, und Sina atmet erleichtert auf, als sie endlich vor dem Tresen steht und der Lärm aufhört, aber die junge Frau dahinter scheint ihn gar nicht bemerkt zu haben. Ihre Hände klappern ohne Unterbrechung auf der Computertastatur herum. Aus einem Gang rechts von ihr schlendern vier in Jeans und legere Jacken gekleidete Typen lachend und plaudernd heran. Unwillkürlich zieht Sina die Schultern hoch, doch die Männer gehen vorbei, ohne sie zu beachten. Entschlossen richtet sie sich kerzengerade auf. Neuanfang, alte Mimosensumpfkuh! Schon vergessen?

„Hallo“, grüßt sie, als die Rezeptionistin den Kopf hebt.

„Hi! Was kann ich für dich tun?“

„Sina Augustin, ich habe reserviert.“

„Moment …“ Ihre Finger mit den langen, schwarz lackierten Nägeln rasen erneut über die Computertastatur, während sie mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm sieht. In Sinas Kehle bildet sich ein Kloß. Wenn es nun mit der Reservierung per Mail nicht geklappt hat, was macht …

„Ah ja, hier habe ich dich. Zwei Nächte ohne Frühstück, richtig?“

Sina nickt erleichtert. „Ja.“

Die Rezeptionistin mustert sie unverhohlen. Mit ihren streichholzkurzen pechschwarzen Haaren, den schwarz geschminkten Augen und dem blutroten Lippenstift wirkt sie irgendwie abgefahren. Zuhause hätte sie in dem Outfit nie einen Job in einem der Kurhotels bekommen, denkt Sina. Aber dann lächelt die junge Frau offen und ganz normal. „Kleiner Wochenendtrip?“

„Ähm … nein. Ich ziehe hierher.“

Die schwarzen Augenbrauen zucken hoch. „Sag nicht, du willst innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung in Hamburg finden.“

Sina schüttelt den Kopf. „Ich habe schon eine. Ich bekomme morgen den Schlüssel und am Montag werden die Möbel geliefert.“

„Oh, alles klar. Dann herzlich willkommen. Deine Zimmernummer ist die 317, der Aufzug ist da vorn rechts. WLAN kostet extra, Getränke gibt’s hier links im Automaten. Wenn du was brauchst, sprich mich einfach an“, rattert sie so schnell herunter, dass Sina kaum folgen kann, und hält ihr die Schlüsselkarte hin.

„Danke.“ Sie nimmt die kleine Plastikkarte und dreht sich Richtung Fahrstuhl. Fünf Minuten später steht sie in ihrem Hotelzimmer, lässt den Koffergriff los und sich rücklings auf die Matratze fallen. Geschafft.

Sina sitzt senkrecht im Bett und starrt auf die Leuchtanzeige ihres Handys. Es ist zwei Uhr. Ihr Blick irrt im Raum herum. Das Licht ist doch an, wieso sind die scheiß Stimmen trotzdem noch da?

„O Mann! Verpisst euch!“, stößt sie verzweifelt hervor und presst die Fäuste gegen die Schläfen. Es hilft nichts. Erneutes gedämpftes Männerlachen, ganz eindeutig. Ihre Lungenflügel ziehen sich schmerzhaft zusammen, ihr Herz dröhnt so heftig, dass der Brustkorb hart vibriert und sie nicht klar denken kann. Angespannt lauscht sie, fluchtbereit, kurz vor dem Aufspringen. Jetzt wird es leiser. Ja, tatsächlich, es entfernt sich. Eine Tür klappt. Stille. Ihr Verstand setzt ein, und sie versteht, was passiert ist. Sie ist im Hotel, und Männer gingen gerade lachend den Flur entlang. Es waren Gäste, normale Hotelgäste. Niemand ist in ihrem Zimmer. Natürlich ist niemand im Zimmer. Es hörte sich doch auch ganz anders an als sonst. Wieso ist ihr das nicht gleich aufgefallen?

Zitternd atmet sie aus und reibt die Haut über und unter ihren Brüsten, wie sie es immer nach den schlimmen Träumen tut, um den fiesen Druck zwischen den Rippen loszuwerden. Sachte und langsam atmen, damit sich die Verkrampfung löst, vorsichtig ein und ganz bewusst wieder aus, bis der Schmerz sich auflöst.

Als die Panikattacke endlich überwunden ist, wischt sie sich mit der flachen Hand über die klebrig verschwitzte Stirn, rappelt sich auf und tapst in das kleine Bad. Nachdem sie sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hat, geht es ihr besser. Erleichtert legt sie sich wieder hin, starrt eine Weile an die Zimmerdecke und kann sich nicht davon abhalten, weiterhin misstrauisch zu lauschen. Auf der Straße fahren Autos. Klar. In einer so großen Stadt ist immer was los. Im Hotel bleibt es aber zum Glück still und irgendwann fallen ihr die Augenlider zu.

Der Wecker ihres Smartphones bimmelt um sieben. Sina schlägt die Augen auf und registriert sofort das Geprassel an den Fensterscheiben. Regen. Pah! Das blöde Wetter wird es nicht schaffen, ihr die Laune zu verderben. Zufrieden streckt sie sich unter der warmen, kuscheligen Bettdecke. Es gab im Laufe der restlichen Nacht keine fiesen Träume mehr. Das ist doch ein toller Start in ihr neues Leben. Yeah!

Voller Tatendrang springt sie aus dem Bett.

Während sie auf dem Klo hockt, betet sie sich selbst die To-do-Liste herunter, die sie längst auswendig kennt.

Um neun ist der Termin für die Schlüsselübergabe in der Wohnung, um zehn der beim Friseur. Das ist locker zu schaffen, denn laut dem Handy-Navi muss sie von ihrem neuen Zuhause bis zu diesem Haarstudio nur ein paar Minuten zu Fuß gehen. Danach will sie einen Laptop und peppige Klamotten für ihr nigelnagelneues Outfit kaufen. Vielleicht geht sie am Mittag in ein schickes Restaurant essen. Nein, sie wird sich doch lieber bei einem Imbiss etwas zwischen die Lippen schieben. Sie darf nicht übermütig werden, bevor sie Arbeit hat. Schließlich muss sie einige teure Anschaffungen tätigen, und ein Notgroschen sollte auf dem geerbten Sparbuch übrigbleiben, zumindest bis sie Geld verdient oder das Haus verkauft hat. Ach ja, auf keinen Fall vergessen, eine Tageszeitung zu besorgen. Bestimmt stehen auch in einer so großen Stadt nicht alle Jobs im Internet.

Nach dem Duschen flechtet sie ihre inzwischen hüftlangen braunen Haare, wie jeden Morgen in den letzten Jahren, zu einem dicken Zopf.

„Nur noch dieses eine Mal“, verspricht sie ihrem Spiegelbild. „Heute gibt es wieder eine richtige Frisur. Keine Zweifel mehr, Frau Augustin. Du bist stark und weißt, was du willst.“

Sie grinst und salutiert zackig. „Jawoll, Chefin.“

Erleichtert, dass alles so gut geklappt hat, verlässt Sina ihr neues Zuhause, nachdem sie den Mietvertrag unterschrieben hat. Den Wohnungsschlüssel so fest in der Hand haltend, als könnte er wegwehen, läuft sie die Straße entlang zu ihrem nächsten Termin. Da ist es schon: Haarstudio Madison.

Mit heftig klopfendem Herzen starrt Sina durch die großen Schaufenster. Sie schnaubt. Meine Güte! Ein Friseur ist doch kein Zahnarzt! Lächerlich! Entschlossen drückt sie die Glastür auf und betritt den Salon. Oh Mann. Sie hat null Ahnung, wie man sich in so einem Laden benimmt.

Der Raum ist hoch und hell. Mindestens zehn Kundinnen sitzen auf klobigen Sesseln vor großen Spiegeln an den Wänden, während mehrere Friseurinnen um sie herumwuseln und ihre Arbeit tun. Es ist sehr warm und duftet aufdringlich nach Parfüm und Haarspray. Erleichtert registriert sie, dass alle Mitarbeiter weiblich sind. Sie hat im Zug noch darüber nachgedacht, ob sie es ertragen könnte, wenn ein Mann ihre Haare schneiden würde. Zum Glück eine unnötige Sorge, wie sie jetzt feststellt.

Sina streift die Kapuze vom Kopf und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke auf. Eine junge Angestellte wird auf sie aufmerksam, läuft hinter den kleinen Verkaufstresen im Eingangsbereich und lächelt sie strahlend an. „Hi! Ich bin Hanna. Was können wir für dich tun?“

„Ähm … ja, hi, ich bin Sina Augustin. Ich habe letzte Woche angerufen und den Termin für heute vereinbart.“

„Du bist die aus den Bergen, die neu nach Hamburg gezogen ist und eine stadtpassende Frisur möchte, stimmt’s?“

Sina nickt. „Genau.“

„Du hast mit mir telefoniert. Ich erinnere mich an unser Gespräch.“ Die sorgfältig geschminkte Friseurin mit den kurzen blonden Haaren zeigt zur Seite. „Hier ist die Garderobe, und dann komm. Wir können gleich beginnen.“

Sie läuft vorweg und deutet auf einen leeren Platz vor einem der großen Spiegel an der Wand. „Setz dich.“

Sina gehorcht, nachdem sie sich an der Garderobe ihrer Jacke entledigt hat. Beim Hinsetzen fällt ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Im Gegensatz zu der souveränen Haarkünstlerin wirkt sie wie eine zehn Jahre ältere, blasse, langweilige Oma.

„Okay, wie möchtest du es haben?“, fragt Hanna hinter ihr, nachdem sie eine riesige Plastikschürze über Sinas Oberkörper geworfen hat, und lacht sie in den Spiegel blickend an.

Sina zögert und ärgert sich im gleichen Moment. Verdammt, sie weiß doch, was sie will! Also sollte sie jetzt die dämliche Mimosensumpfkuh gezielt ausknocken und loslegen.Sie strafft sich, räuspert sich und begegnet mutig dem Blick der Friseurin.„Es ist so: Ich komme aus einem kleinen Kurort in der Rhön. Da hat man keine große Ahnung von Mode. Hamburg ist … ähm … ein Neubeginn und ich will mich verändern.“

 Hanna klatscht begeistert in die Hände. „So was ist meine Spezialität! Was stellst du dir vor?“

„Alles ab“, stößt Sina beherzt hervor.

Die Friseurin stutzt und ihre Augenbrauen zucken hoch. „Ganz kurz?“

Sina nickt bissig entschlossen. „Ja. So …“, sie deutet mit der Hand nach oben, „in der Art, wie du es trägst.“

Hanna rümpft die Nase. „Mmh … ich weiß nicht … Moment, lass mich mal überlegen.“ Sie zieht das Haargummi raus und löst den dicken Zopf. Dann drapiert sie die Strähnen in verschiedenen Variationen um Sinas Gesicht herum, die schweigend im Spiegel zusieht.

„Nö.“ Entschlossen schüttelt Hanna den Kopf. „Das steht dir nicht. Du hast so wahnsinnig tolle Haare und deine Gesichtsform ist“, sie überlegt, „… eher oval … dir möchte ich … warte mal.“

Sie läuft los und kehrt mit einer dicken Mappe zurück, die sie vor Sina auf die Ablage legt und aufschlägt. Sie blättert wild darin herum, stoppt abrupt und stupst den Zeigefinger auf ein Foto. „Hier. Sieh dir das mal an. Das würde dir super stehen. Wir kürzen um runde zwanzig Zentimeter, dann reichen sie noch über die Schulter. Du lässt sie von jetzt an offen und sie werden vorn herrlich glänzend bis knapp auf die Brust herabfallen. Das Haselnussbraun lockern wir mit hellen Strähnen auf. Es wird toll aussehen, und die Haare bleiben lang genug, um auch mal einen Knoten am Hinterkopf zu tragen, wenn du Lust hast. So wird die Frisur nie langweilig.“

Sina zögert. „Meinst du? Ich wollte die elenden Fusseln eigentlich loswerden.“

 Hanna wedelt mit dem Kamm in der Hand ein deutliches, entschiedenes Nein. „Sieh mich mal an. Ich habe eine eher kleine, runde, unscheinbare Visage. Bei mir wirkt ein Kurzhaarschnitt pfiffig. Dein Gesicht ist ausdrucksstark. Du hast interessante große Augen, hohe Wangenknochen und herrlich geschwungene Lippen. Bei dir betonen lange, glatte Haare die feinen Gesichtszüge wie ein schöner Rahmen ein tolles Bild.“

Zweifelnd betrachtet Sina abwechselnd das Foto und ihr Spiegelbild. Ausdrucksstarkes Gesicht? Interessante Augen? Herrlich geschwungene Lippen? Sie? „Ähm … vielleicht vorn ein Pony?“, fragt sie zaghaft.

„Auf keinen Fall! Der würde bloß deine schöne hohe Stirn verstecken. Total ungünstig.“

Sina kann sich nicht entscheiden. Nachdenklich zwirbelt sie eine der langen Strähnen und starrt in den Spiegel.

„Pass auf, ich sag dir was.“ Hanna verschränkt die Arme vor der Brust. „Wir probieren diesen Schnitt. Du kombinierst ihn in den nächsten Tagen mit deinen liebsten Make-up-Variationen. Sollte er dir dann tatsächlich nicht gefallen, mache ich dir in einer Woche den Kurzhaarschnitt, ohne dass du noch mal was bezahlen musst.“

Make-up? Liebste Variationen? Fast bricht Sina in albernes Kichern aus. Meine Güte, sie weiß nicht mal mehr, was man dafür braucht. Sie ist wirklich ein total weltfremdes Dummchen geworden.Bloß nichts anmerken lassen.„Ähm … ernsthaft?“

„Yes.“ Hanna zwinkert. „Ich bin sicher, das Versprechen muss ich nicht einlösen.“

Sina nickt grinsend. „Okay, dann mal los.“

Während sie sich mit einem Kaffee vor der Nase unter Hannas Händen unangenehm ausgeliefert fühlt, ist die Haarkünstlerin voll in ihrem Element und bester Laune. „Das wird super aussehen. Du wirst es lieben, garantiert, diese Frisur passt perfekt zu deinem Typ“, plappert sie, summt eine Melodie vor sich hin und beginnt mit einem beiläufigen Smalltalk. „Wann bist du nach Hamburg gezogen?“

Sina überlegt. „Wenn man es genau nimmt, vor zwei Stunden.“

„Ups?“

Sie kichert. „Ich bin gestern angekommen, schlafe übers Wochenende in einem Hotel und habe heute Morgen die Schlüssel für mein neues Appartement bekommen. Montag werden die Möbel geliefert, dann ziehe ich richtig ein.“

„Wo ist deine Wohnung?“

„Ganz in der Nähe, Paula-Berg-Straße, das ist eine kleine Seitenstraße von …“

Die Friseurin reißt die Hände hoch. „Was? Bist du etwa bei uns unters Dach gezogen?“

„Ähm … es ist eine Dachwohnung, ja, Nummer siebzehn, vierter Stock.“

„Hey!“ Hanna stupst Sina lässig gegen den Oberarm. „Wir sind Nachbarn! Das ist klasse! Endlich eine Frau, die man gebrauchen kann! Wir haben sonst nur Bildschirmnerds und Rentner im Haus. Ich wohne in der WG in der zweiten Etage! Wir müssen unbedingt bald mal zusammen ein Bier trinken gehen.“

Sina spürt einen freudigen Schauer durch ihren Körper jagen. Sie kennt jetzt jemanden in Hamburg, sie gehört dazu, sie ist nicht mehr die Fremde, sie ist nicht mehr ganz allein. „Klar, gerne!“

„Wann hast du dir die Wohnung angesehen? Hans hat den Job in Köln doch so plötzlich bekommen, dass er quasi über Nacht verschwunden ist.“

Sina zuckt mit den Schultern. „Es gab keine Besichtigung. Ich habe die Anzeige im Internet entdeckt, als sie gerade mal eine halbe Stunde drin war, und die Immobilienfirma gleich angerufen. Die haben sie mir gegen Überweisung der Kaution reserviert und heute Morgen konnte ich den Mietvertrag unterschreiben.“

Hanna nickt deutlich beeindruckt. „Das war mutig. Es ist verdammt schwierig, in dieser Stadt eine bezahlbare Bleibe zu finden, und die kleine Dachbude ist echt gemütlich. Trotzdem hätte ich mich nicht getraut, ohne Sicherheiten so viel Geld zu überweisen. Was für ein Glück, dass du nicht angeschissen wurdest. Es gibt doch jede Menge Betrüger im Internet.“

Sina zuckt verlegen mit den Schultern. „Auf so eine Möglichkeit bin ich gar nicht gekommen. Als ich die Bilder sah, wollte ich die Wohnung unbedingt. Und als ich vorhin das erste Mal drinstand, war es genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.“

In Gedanken sieht sie das kleine, leere Appartement vor sich und möchte einen begeisterten Juchzer ausstoßen. Ein wenig unsicher war sie schon gewesen, etwas zu mieten, ohne es vorher zu besichtigen, doch nun ist sie uneingeschränkt glücklich. Es ist ein nur achtunddreißig Quadratmeter kleiner Raum mit Schrägen. Aber es gibt eine gemütliche Miniküche mit Tresen und zwei Barhockern davor, ein weiß gefliestes Duschbad und einen klitzekleinen Balkon, der so in das Dach eingelassen ist, dass man rechts und links direkt auf die Dachziegel schaut. Der Boden ist mit hellem Laminat bedeckt und die Wände sind mit schlichter Raufaser tapeziert. Sie kann es kaum erwarten, das neue Bett und den Schrank mit dem halbhohen, passenden Regal aufzubauen.

„Was machst du beruflich?“, fragt Hanna.

„Erst mal suche ich nur irgendeinen Job zum Geldverdienen.“

„Was hast du gelernt?“

„Ähm …“ Sie atmet tief durch. Wenn die nette Friseurin ihre neue Nachbarin und vielleicht sogar eine Freundin wird, muss sie es sowieso erzählen. Also soll sich die Kuh in ihrem Hinterkopf gefälligst aus diesem Gespräch raushalten. „Noch nichts.“ Sie räuspert sich, um ihrer Stimme mehr Festigkeit zu geben. Ich habe einige Jahre lang meine Mutter versorgt. Sie war querschnittsgelähmt und hatte nach dem Tod meines Vaters nur mich. Sie ist vor ein paar Wochen gestorben.“

„Das tut mir leid.“

„Danke.“

Hanna will anscheinend keine traurige Stimmung aufkommen lassen, denn sie erlaubt nur einen kurzen Moment der unangenehmen Stille. „Okay, und nun bist du hier und hast dein Leben vor dir. Was soll ich dir über Hamburg erzählen?“ „Ähm …“ Sina überlegt. „Das Wichtigste wäre erst mal, ob es in der Nähe einen Waschsalon gibt?“

„Brauchst du nicht. Du kannst unsere Waschmaschine benutzen.“

„Ehrlich?“

Hanna nickt. „Wir haben im Keller eine Maschine und daneben eine Sparbüchse. Wer wäscht, steckt fünf Euro rein. Davon bezahlen wir den Energieverbrauch und Reparaturen, falls das gute Stück mal den Geist aufgibt.“

„Wow, das ist klasse. Und du bist sicher, deine Mitbewohner haben nichts dagegen?“

„Jap, bin ich.“ Sie grinst. „Die Maschine gehört nämlich mir.“

Kapitel 2

Erleichtert seufzend lässt Sina sich auf das Hotelbett fallen. Die Beine tun ihr weh vom Durch-die-Straßen-Laufen. Was für ein anstrengender und gleichzeitig so phänomenal geiler Tag. Yeah!

Sie starrt gegen die weiße Zimmerdecke, und ein dickes, fettes Grinsen breitet sich in ihrem Gesicht aus. Es hat alles geklappt. Sie hat den Mietvertrag für die schönste Wohnung der ganzen Stadt in der Tasche, hat eine neue, coole Frisur und kennt eine Frau, die vielleicht ihre Freundin wird. Sie hat sich einen sauteuren, ultramodernen Laptop ausgesucht und pfiffige Klamotten, geile Stiefeletten mit kleinen Absätzen und eine Handtasche gekauft. Kichernd schüttelt sie den Kopf. Das ist alles Zeugs, mit dem sie sich ganz fremd vorkommt. Sie wird sich überwinden müssen, damit tatsächlich in die Öffentlichkeit zu gehen, aber das Anprobieren und Kaufen hat wahnsinnigen Spaß gemacht. Und zum Schluss war sie auch noch in einem Drogeriemarkt und hat jede Menge verschiedener Tuben, Lippenstifte, Pinsel und Farbdöschen in den Einkaufswagen gepackt.

Sie grapscht nach dem Kopfkissen und schlägt es gegen ihre Stirn. „Meine Güte, Apfelsinchen, deine zukünftigen Make-up-Variationen musst du aber gut üben, damit du nicht versehentlich wie der Clown Augustin durch die Straßen läufst“, mahnt sie spöttisch und ahmt dabei die Stimme der kernigen Friseurin nach.

Sie seufzt glücklich. Oh ja, sie ist verdammt froh, in Hamburg zu sein. Sie setzt sich auf, verschränkt die Beine zum Schneidersitz und schüttelt die Haare. Es fühlt sich toll an, den schweren dicken Zopf los zu sein. Ihr Blick fällt auf den Karton mit dem neuen Laptop. Fast atemlos vor Glück robbt sie vor, hebt ihn aufs Bett und packt das Gerät vorsichtig aus. Zuhause hat sie immer noch den uralten PC benutzt, den sie damals von ihren Eltern für die Schule bekommen hat. Nicht mal Videos konnte man damit ansehen.

Jetzt liegt dieses metallisch glänzende, handliche Wunderding vor ihr auf der Matratze. Zärtlich streicht sie mit den Händen darüber. „Du bist meine Zukunft“, flüstert sie und klappt behutsam, fast ehrfürchtig, den Bildschirm auf. Laut dem Verkäufer im Elektronikmarkt ist alles fix und fertig vorinstalliert und sie kann sofort lossurfen. An der Rezeption hat sie sich das Passwort fürs WLAN geben lassen. Nun schaltet sie das Notebook ein und starrt erwartungsvoll auf den Bildschirm. Tatsächlich, sie gelangt mit zwei Klicks direkt ins Internet. Wow.

Aufgeregt reibt sie sich die Hände. Okay, als Erstes den Facebook-Account einrichten. Oder?

Nein, vorher ein schönes Foto mit dem Handy für das Profilbild schießen und dann das Benutzerkonto anlegen. Und für das schöne Foto muss sie wissen, wie man dieses Make-up-Zeug benutzt. Kein Problem, sie hat ja Mister Google und kann jetzt sogar YouTube gucken. Da wird sie sicher Anleitungen für perfektes Schminken finden.

Drei Stunden später sieht das Badezimmer aus, als ob ein Kind mit Fingerfarben das Waschbecken angemalt hätte. Sina strahlt glücklich ihr Spiegelbild an. Der neue Laptop steht mit einem Handtuch geschützt auf dem zugeklappten Klodeckel, und sie hat per Videoclip-Anleitungen geübt, sich zu schminken. Nach unzähligen Versuchen mit Tuben, abgebrochenen Stiften, Pinseln und Mascaraflecken auf dem Kinn, Lachanfällen und Seifenschaum im Gesicht, um den Clown wieder in Sina zu verwandeln, hat sie es raus und sich so geschminkt, dass sie sich selber mag.

Vergnügt zieht sie sich die neue dunkelblaue Bluse mit den in hellblau dezent abgesetzten Linienmustern an und schießt kichernd mindestens fünfzig Selfies. Was für ein Glück, dass die Friseurin sich durchgesetzt hat. Der Schnitt ist einfach klasse, und mit den dunkel geschminkten Augen sieht sie ganz fremd, aber … ja … toll aus. Das schönste Bild wird zum Profilbild auf ihrer nagelneuen Facebook-Seite. Stolz betrachtet sie den Computerbildschirm und stellt sich vor, wie bald die Posts und Nachrichten vieler Freunde die Timeline füllen werden. Glücksgefühle kribbeln durch ihre Adern. Endlich leben. Oh Mann, sie ist so happy.

 Plötzlich knurrt ihr Magen laut und fordernd. Sie sieht auf die Uhr. Schon nach neun. Mist. Sie hat vollkommen die Zeit vergessen.

An der Reeperbahn ist ein Imbiss. Dorthin ist es nicht weit, aber es ist dunkel. Falsch, die dumme Mimosensumpfkuh in ihrem Kopf vergisst, dass es hier in der Stadt nie wirklich Nacht ist, weil überall Straßenlaternen stehen. Sie kann es wagen, oder? Soll sie es wagen?

„Verdammt, Kuh, halt den Mund. Natürlich wag ich es!“ Sie hat eine neue Frisur, hat sich toll geschminkt, hat moderne Klamotten, fängt IHR Leben an, und sie wird diesen Tag perfekt machen, indem sie einen abendlichen Bummel über die Reeperbahn wagt.

Ganz allein? Wirklich?

„Still, du blöde Miesmachersumpfkuh!“ Da sind überall Menschen. Es ist kein Risiko. In ihrem neuen Leben werden, verdammt noch mal, Abende in der Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit sein! Wann will sie anfangen, wenn nicht sofort? „Zum letzten Mal, verpiss dich, Kuh!“, knurrt sie, zieht sich eilig an und verlässt das Hotelzimmer.

Es regnet nicht mehr. Leichter Wind spielt mit ihren offenen Haaren, und es ist ein tolles Gefühl, die Strähnen aus dem Gesicht hinters Ohr zu streichen.

Überall geben Laternen und Lichtreklamen Helligkeit ab und jede Menge fröhlicher Menschen, Männer und Frauen, sind hier abends unterwegs. Es ist perfekt. Sina hat keine Angst. Vergnügt beißt sie in die Currywurst, nachdem der Imbissverkäufer sie ihr über den Tresen gereicht hat, und schlendert weiter den breiten Bürgersteig entlang. Sie ist stolz, ja, sehr stolz. Schließlich ist die Reeperbahn Hamburgs sündige Meile, wie sie bei Google gelesen hat, und trotzdem geht sie hier allein spazieren. In der Nacht! Im Dunkeln! Sie ist so cool! Sie kann alles, was sie will. The fucking Mimosensumpfkuh hat ihr gar nichts mehr zu sagen. Oh ja, das Leben fühlt sich verdammt geil an, wenn man mutig ist.

Die Atmosphäre auf der berühmten Flaniermeile ist herrlich, so voller Lärm und Aktivität, und sie ist mittendrin. Yeah! Yeah! Yeah!

Sie fühlt sich attraktiv und hat sich sogar Schaufenster angesehen, also, nicht irgendwelche, sondern Sexshopschaufenster, wie die Touristen, die überall im Weg herumstehen, um Fotos zu knipsen. Ob sie sich einen Vibrator anschaffen sollte? Innerlich kichernd stellt sie sich vor, mit so einem lila Ding zu experimentieren, wie sie es in einem der Sexshopfenster gesehen hat. Ja, vielleicht kauft sie mal so ein Teil. Zweimal hatte sie überdies den Eindruck, dass sie von Männern interessiert gemustert wurde, und selbst das hat nicht zu panischem Herzrasen geführt. Sie ist ein neuer Mensch und das Leben ist fantastisch!

Das Bild vor ihren Augen und ihre Reaktion kommen wie ein plötzlicher gleißender Blitz, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts.

Da ist dieser Typ, der, halb auf der Straße stehend, gebeugt fotografiert, und das Auto, das sich von hinten nähert und direkt auf ihn zurast.

„Vorsicht!“ Sina greift mit der freien Hand zu, ohne zu überlegen. Sie erwischt ihn am Oberarm und sein Ellenbogen schleudert seitlich gegen ihre Rippen. Sie verliert das Gleichgewicht und fällt rückwärts. Unmittelbar darauf folgt ein leichter Rempler eines Passanten von der anderen Seite, wodurch sie halb gedreht nach vorn gestoßen wird. Sie landet mit der Brust auf einem muskulösen, flachen Bauch und mit der Hand direkt auf einer warmen, ausgeprägten Ausbuchtung einer Jeans. Alles geht so schnell, dass ihre Reflexe nicht reagieren, sie stößt nicht mal einen Schrei aus. Um sie herum duftet es plötzlich unglaublich maskulin, sehr herb, vielleicht nach Holz und Moos, gemixt mit einer süßlich- bitteren Nuance. Sie saugt die aromatisierte Luft ein, dreht irritiert den Kopf und starrt gegen einen Männerarm in einer dicken Jeansjacke, der wie ein Pfahl gerade in Richtung Himmel aufragt. Ihr Blick folgt ihm hinauf, und sie erkennt in seiner Hand eine dieser teuren Spiegelreflexkameras, wie Fotografen und Journalisten sie benutzen.

„Fuck“, stößt eine raue, tiefe Stimme nah an ihrem Ohr aus. Schlagartig kapiert Sina, dass sie auf dem Brustkorb des Mannes liegt, den sie gerade von der Straße gezerrt und der den Arm hochgerissen hat, um die Kamera vor einem Aufprall zu schützen. Zu allem Überfluss fasst ihre Hand in etwas Warmes, Klebriges, Dickes auf rauem, feuchtem Jeansstoff über einem Ding zwischen seinen Beinen, was ist … wieso … WAS?! Jeder Muskel in ihrem Körper spannt sich augenblicklich an, und sie strampelt planlos hektisch herum, bis der Typ seinen Oberkörper aufrichtet und sie dabei mit anhebt. Ihre Füße finden Halt und sie rappelt sich ungelenk auf. Eine Sekunde später steht er auch und sie weicht erschrocken einen Schritt zurück. Er ist mindestens zehn, nein, gefühlte zwanzig Zentimeter größer als sie und seine Statur wirkt beeindruckend kräftig. Er ist schlank und seine langen, muskulösen Beine stecken in einer ausgeblichenen Jeans.

„Kannst du nicht aufpassen?“, donnert seine Stimme über ihr und ihr Blick zuckt hoch. Sie sieht im Strahl der Laterne nur die Hälfte seines Gesichtes. Der Rest liegt im Schatten. Zu erkennen sind schwarze, militärisch kurze Haare, dichte Augenbrauen und eine missmutig gekrauste Stirn. In seinen dunklen, bedrohlich zusammengezogenen Augen glitzert das gespiegelte Licht der Leuchtreklamen. Schmale Wangen und geschwungenen Lippen betonen den kräftigen Unterkiefer und das ausgeprägte Kinn. Ein Dreitagebart und die groben Schatten durch den Lichteinfall geben dem Gesicht einen herben, bedrohlichen Ausdruck. Seine Gestalt wirkt auf Sina beängstigend dominant und gleichzeitig verwirrend anziehend. Anscheinend erwartet er keine Antwort, denn er schenkt seine volle Aufmerksamkeit seiner Kamera. Nachdem er sie von allen Seiten begutachtet und ein paar Knöpfe gedrückt hat, knurrt er ein kaum verständliches „Funktioniert. Glück gehabt“.

Ihre Wahrnehmung wird abgelenkt. Sie hat wohl in einer unbewussten Schreckbewegung die Hand an den Mund gelegt, aber was klebt da so? Sie dreht die Handfläche und starrt auf glibberige, rötliche Soße.

„So eine Scheiße!“, flucht der Typ, der in diesem Moment anscheinend auch bemerkt, dass etwas Widerliches zwischen seinen Lenden pappt.

„Keine Scheiße, nur Soße“, rutscht es Sina trocken heraus, die soeben Curry auf ihren Lippen schmeckt und begreift, dass ihre Hand im Sturz die Currywurst auf seinem Schwanz zerquetscht hat. Oh je. Blamage in Perfektion.

„Nach vorn gucken soll helfen“, knurrt er genervt, und erst, als Sina auffällt, dass er deutlich angepisst in ihre Richtung starrt, wird ihr klar, dass er sie angesprochen hat.

„Wie bitte?“

„Augen auf beim Gehen, Mädel, hat deine Mutti dir das nicht beigebracht?“

„Ich?“ Perplex starrt sie zu ihm auf.

„Nein, die zehntausend anderen hier.“ Er schnaubt trocken. „Ja! Du! Wer sonst wollte mich gerade über den Haufen rennen?“

„Ich habe dir das Leben gerettet, du Spinner! Und das da“, sie zeigt auf seinen Penis, „war mein Abendessen!“ Ihre Stimme bebt vor Entrüstung.

„Willst du es abschlecken?“, fragt er süffisant grinsend.

Augenblicklich glüht ihr Gesicht. Der Mistkerl grinst immer noch so frech. Er verarscht sie! Was bildet dieser arrogante Schnösel sich eigentlich ein?

„Statt mich hier blöd anzumachen, wäre eine Entschuldigung angebracht! Wenn ich dich nicht zurückgezogen hätte, säßest du jetzt im Fahrstuhl auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe“, faucht sie, ohne über die Worte nachzudenken, bevor sie sie aus ihrem Mund flutschen lässt.

Er stutzt. „Wieso das denn?“

„Weil ein Auto dich fast erwischt hätte, Ar… äh … Blödmann.“

Irritiert dreht er sich halb und betrachtet den Platz, auf dem er gestanden hat, als sie ihn wegzog. Dann schüttelt er den Kopf. „Du spinnst. Da kann kein Auto kommen.“

„Natürlich! Ich hab’s doch gesehen! Meinst du, ich fasse Affen wie dich zum Spaß an?“, keift sie und umklammert ganz automatisch mit der rechten Hand die linke Faust, vermutlich weil ihr Unterbewusstsein sie davon abhalten will, auf ihn einzuschlagen. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur furchtbar nervös. Das Ketchup quillt zwischen den Fingern heraus und verursacht ein leises Schmatzen.

Er verdreht die Augen, hängt die Kamera über die Schulter, greift mit beiden Händen an ihre Oberarme und dreht sie ruppig um. „Da! Siehst du das? Das nennt man Absperrung. Hier fährt keiner.“

Ach du Scheiße. Tatsächlich. Aus ihrem Blickwinkel waren die zwei Pfähle und das Baustellengitter wohl nicht zu sehen gewesen. Er hat recht. Er war nicht in Gefahr gewesen. Das Auto hätte in jedem Fall einen Bogen gemacht.

„Oh.“

„Ja, oh“, ahmt er sie ironisch nach. „Fuck!“

„Das ist noch lange kein Grund, mich so anzumotzen. Schließlich habe ich es nur gut gemeint!“

„Du hast fast meine teuerste Kamera zerstört und …“, er sieht genervt stöhnend an sich hinab, „ganz eindeutig meine Hose versaut.“

Sina presst vor lauter Zorn und Scham die Lippen fest aufeinander. Sie hat sich gerade blamiert, okay, ja. Kann passieren, oder? Deswegen muss dieser Typ sich nicht wie das arroganteste Arschloch des Jahrhunderts aufführen.

Sein Blick scheint ihr Gesicht zu sezieren und ihr Wutpegel steigt. Der soll sie nicht so anstarren!

Als könnte er ihre Gedanken lesen und würde sich darüber amüsieren, verzieht sich sein Mund zu einem frechen Jungsgrinsen, während er neckisch den Kopf zur Seite neigt.

Von einer Sekunde zur anderen ist alle Bedrohlichkeit aus seiner Miene verschwunden, und ohne irgendeine Vorwarnung jagt ein glühend heißer Schauer durch Sinas Körper, direkt in ihre Geschlechtsorgane. Sehnsüchtiges Summen setzt in ihnen ein. Wie hypnotisiert starrt sie in dieses völlig verwandelte Gesicht, das plötzlich eine magische Anziehungskraft ausstrahlt.

„Du wolltest mich echt retten?“, holt seine Stimme sie in die Wirklichkeit zurück.

„Garantiert zum letzten Mal“, grummelt sie unsicher.

Er zwinkert. „Bevor du mich erwürgst, nachdem ich deine Rettung überlebt habe, schlage ich vor, wir schließen einen Waffenstillstand, okay?“ Er zieht ein Päckchen Taschentücher aus der Jacke. „Bitte, bedien dich.“

Sina schluckt. Das völlig unerwartete Schmetterlingsflattern in ihrem Bauch bringt sie aus dem Konzept. Seine weich geschwungenen Lippen unter der unwiderstehlich erotischen Nase ziehen ihren Blick an wie eine Schokoladensahnetorte im Schaufenster einer Konditorei. Erotische Nase? Oh Gott! Was geht in ihrem Kopf vor?

 Sie zwingt sich, die Schultern nach hinten zu drücken und das Kinn selbstbewusst vorzurecken. Das elende Zittern ihrer Finger, als sie nach einem Taschentuch greifen will, kann sie leider nicht verbergen.

Er zieht das Päckchen zurück. „Warte, du hast das Zeug ja überall kleben. So versaust du mit einem Griff gleich die ganze Packung.“ Er sieht sich kurz um und schiebt sie zwei Schritte nach links, direkt unter eine Straßenlaterne, an der auch ein Müllkorb befestigt ist. Dann zupft er eins der Papiertücher heraus und schüttelt es auf. „Zeig her.“

Verwirrt beobachtet sie, wie er vorsichtig die rote Soße von ihren Fingern wischt und das beschmierte Taschentuch wegschmeißt. Unter der Laterne ist es hell und sie kann alles sehen. Seine Hände sind groß und wirken kräftig. Sehnen und Adern ziehen sich deutlich strukturiert über die Handrücken. Winzige schwarze Härchen bedecken die Haut. Er ist einen halben Schritt nähergetreten und sein unwiderstehlicher Duft lullt sie wieder ein. Was ist das? Rasierwasser? Männerparfüm? Oder eine Seife?

Ihre Finger sind halbwegs sauber und sie hebt das Gesicht. Er lächelt. Augenblicklich glühen ihre Wangen und trotzdem muss sie ihn weiter anstarren. Diese schönen Lippen. Dieses Lächeln! Es fühlt sich an, als würden warme Sonnenstrahlen in ihren Brustkorb eindringen. Was ist das bloß?

Während seine Mundwinkel amüsiert zucken, wandert sein Blick eindeutig neugierig über ihr Gesicht. Reflexartig will sie zurücktreten.

„Warte“, murmelt er, nimmt ein neues Taschentuch und hebt die andere Hand. Er schiebt vorsichtig ein paar Haarsträhnen zurück, um ihr Kinn und ihre Wangen abzuwischen. Sina steht wie zu einer Salzsäule erstarrt regungslos da. Seine Finger sind warm und seine Bewegungen sanft. Ihre Brustwarzen ziehen sich zusammen, sie möchte sich an ihn schmiegen und … sie wird feucht. Oh Gott! Unwillkürlich spannt sie die Oberschenkelmuskeln an und muss sich zwingen, nicht die Beine zusammenzukneifen. Nachher denkt er noch, sie müsste dringend Pipi machen.

 Er senkt die Hände und schmunzelt mit Blick auf ihren Mund. „Süß. Mit und ohne Ketchup.“ Seine Mimik und die tiefe, raue Stimme wirken amüsiert, aber nicht gemein, eher warmherzig, fast zärtlich. Ihr Herz klopft schneller. Mag er sie etwa?

Nein. Sie runzelt unzufrieden die Stirn. Verdammt, wo ist ihr Verstand geblieben? Ist sie denn so ein dummes Landei, dass sie sich beim ersten Lächeln eines sexy Typen, dem garantiert reihenweise Frauen hinterherlaufen, was völlig Bescheuertes einbildet? Der Mistkerl verspottet sie doch nur, weil sie gerade keinen intelligenten, sondern einen total dümmlichen Gesichtsausdruck zur Schau stellt. Das ist die Realität! Sie starrt ihn an wie ein pubertierender Teenager einen Superstar. Vermutlich passiert es ihm täglich, dass Frauen ihn so anschmachten. So, wie er aussieht. Verdammt, sie macht sich gerade so was von lächerlich. Verflixte Gefühlsduselei! Entschieden tritt sie einen halben Schritt zurück. „Danke.“ Ihre Stimme klingt rau. Auch das noch!

„Gern geschehen.“ Er dreht sich etwas in Richtung Laterne und wischt die deutliche Penisausbuchtung zwischen seinen Beinen, so gut es geht, sauber.

Sie kann nicht aufhören, genau dort hinzustarren. Es ist zum Verrücktwerden. Erst, als er das letzte Taschentuch im Mülleimer entsorgt und das Gesicht wieder ihr zuwendet, erwacht sie aus dieser seltsamen Trance. Was tut sie? Warum steht sie hier noch rum? Sie sollte jetzt wirklich …

Er zwinkert. „Lass uns was trinken gehen. Ich lade dich ein, weil du mein Leben retten wolltest.“

„Was?“ Verblüfft glotzt sie zu ihm auf.

Er verdreht die Augen. „Das ist keine blöde Anmache. Ich schwöre.“

„Ähm … nein. Ich muss weiter. Danke.“

Er verzieht das Gesicht wie ein Kind, dem das frisch gekaufte Softeis aus der Hand gerutscht ist. Ha! Das ist der Schönling wohl nicht gewohnt, dass eine Frau mal Nein sagt. Unwillkürlich gluckst Sina und beißt sich schnell auf die Lippe, damit er sie nicht für völlig bescheuert hält.

Er guckt wieder ernst, aber seine Mundwinkel zucken, während er sich zu ihr hinabbeugt. „Du hast dein Leben für mich riskiert und ich war leider unfreundlich, bitte lass mich das ausmerzen“, flüstert er dicht an ihrem Ohr, als ginge es um ein Staatsgeheimnis. Seine Duftwolke hüllt sie kurz ein und in ihrer Klit puckert es aufdringlich. Als er sich wiederaufrichtet, kann sie sich gerade so davon abhalten, ihre Nase nach oben zu strecken, um den Geruch noch weiter einzusaugen.

„Ich hab gar nichts für dich riskiert“, stößt sie rüder als nötig hervor.

Er zwinkert. „Doch, das hast du. Gib mir die Chance, es wiedergutzumachen. Bitte.“

Sie kann mit der Situation nicht umgehen. Nur weil ein Typ sie anlacht, tropft sie ihr Höschen voll! Das ist nicht zu fassen! Sie muss jetzt unbedingt verschwinden, um sich nicht noch schlimmer zu blamieren. Energisch drückt sie die Schultern nach hinten. „Nicht nötig.“

Er lächelt, intensiv, irgendwie magisch, und sie kann nicht anders als zurückzulächeln. Verflixte Hormone. Flirtet er etwa mit ihr? Hilfe!

„Ich war ja auch nicht gerade freundlich“, erwidert sie hastig und zwingt sich, den Blick abzuwenden.

„Umso mehr ein Grund, sich jetzt nett kennenzulernen. Außerdem möchte ich dich unbedingt in meinem Studio fotografieren. Du hast ein faszinierendes Gesicht. Ich bin Samuel, für Freunde Sam.“

Ihr Herz klopft hart in der Brust. Nein, das geht nicht. Das ist zu viel.

„Ich kann nicht“, stößt sie etwas zu schrill aus. „Tut mir leid. Ich … ähm … bin verabredet.“

„Fuck, jetzt hast du mich falsch verstanden. Kein Pornoscheiß, dein Gesicht! Ich bin ein seriöser Fotograf. Ehrlich.“

„Nein.“ Sie schüttelt wild den Kopf.

„Lass uns zusammen einen Kaffee trinken. Bitte. Nur einen Kaffee!“

„Vielleicht ein andermal“, krächzt sie und dreht sich um. „Ich … ich muss jetzt …“

Ihre Füße laufen los, ohne das mit ihrem Kopf abzustimmen.

„Hey! Wie heißt du? Wie finde ich dich? Nun warte doch, ich geb dir wenigstens meine Karte“, ruft er, aber sie kann nicht mehr bleiben. Ihre Beine rennen einfach weiter. Schnell weg, bloß weg.

Erst im Hotel beruhigt sich ihr Herz, und erst allein im Zimmer kann sie wieder normal denken. Still liegt sie auf ihrem Bett und erlebt alle Einzelheiten ihres Abenteuers noch einmal. Jedes Wort und jede Geste hat sich in ihr Gedächtnis gebrannt, und das Gefühl seiner Finger auf ihrer Haut wird sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen.

Sie sieht sein Gesicht vor sich, sieht ihn lächeln. Und zwinkern. Schon wieder summt es in ihrem Bauch und sie wird feucht. Das ist doch nicht zu fassen! Und dieser Duft, den hat sie auch immer noch in der Nase. Nie vorher hat sie einen Mann getroffen, der so gut duftet.

Ganz allmählich wird ihr das unfassbare Ausmaß ihres Abenteuers bewusst. Sie hatte mit einem fremden Mann körperlichen Kontakt und keine Panikattacke. Das ist ein Wunder! Sie hat mit ihm geredet, sie konnte sogar schlagfertig sein … na ja … fast. Sie ist definitiv nicht ausgeflippt! Kein Herzrasen, keine Schwindelgefühle, keine Atemnot. Sie war erregt! Das ist … Glücksschauer jagen durch ihre Adern … das ist so fantastisch, irre, geil, unfassbar.