Shut up, Kätzchen! - Sara-Maria Lukas - E-Book

Shut up, Kätzchen! E-Book

Sara-Maria Lukas

4,8

Beschreibung

Erst bringt Charlottes Freund sie um Job, Wohnung und Erspartes, dann stirbt auch noch Bauer Harmsen, auf dessen Hof ihre vom Schlachter geretteten Gnadenbrotpferde wohnen. Sie muss Stall und Weide verlassen, weil die Erben, Harmsens Verwandte aus den USA, anreisen. Charlotte weiß nicht wohin und fälscht in ihrer Not einen Erbpachtvertrag. Ein Fehler, wie sie mit eiskalter Gewissheit erkennt, als die Erben vor ihr stehen. Es sind fünf Kerle mit Körpern aus Stahl, und einer von ihnen fixiert sie mit messerscharfem Blick, der ihr heiße Schauer den Rücken herunterjagen lässt. Er wird sie wie eine Fliege zwischen seinen Fingern zerquetschen, sobald ihr Schwindel auffliegt. Frauen sind Abschaum, weiß Logan, seitdem seine letzte BDSM-Gespielin ihn verraten, betrogen und gesellschaftlich ruiniert hat. Doch dann steht auf dem geerbten Hof in Deutschland diese dreckverschmierte, trotzige Zicke vor ihm, und ihre Augen senden Blitze direkt in sein Herz. Plötzlich will Logan nur noch eins: seine Lippen heiß auf ihre pressen! Ein romantischer BDSM-Roman.

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Sara-Maria Lukas

Hard & Love 1: Shut up, Kätzchen!

Erotischer Roman

© 2016 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamourbooks.com

[email protected]

Covergestaltung: © Mia Schulte

Coverfoto: © Shutterstock.com

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-258-6

ISBN eBook: 978-3-86495-259-3

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Inhalt:

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Autorin

Kapitel 1

„More coffee please, Sweety!“

Logan verdreht innerlich die Augen und öffnet den Mund, doch Jason reagiert vor ihm. „Wir reden in Deutschland richtiges Deutsch, Bruderherz“, brummt er genervt.

Ian grinst unbeeindruckt. „Reg dich ab, old man. Die Kleine versteht mich schon.“

„Die Frauen hier lassen sich übrigens ungern als Sweety bezeichnen. Wenn du nicht irgendwann von einem deutschen Mädchen ein Messer zwischen deinen Rippen haben willst, ändere deinen Stil, Kleiner“, wirft Steven ein und nickt der Bedienung, die inzwischen an den Tisch getreten ist und sie mit genervten Blicken mustert, freundlich zu. „Entschuldigen Sie, mein Bruder geht noch in den Kindergarten, dort haben sie das mit den Manieren anscheinend nicht genug geübt“, erklärt er mit seinem schönsten Manager-Macho-Lächeln, woraufhin die Kleine sich ein Blicksenken nicht verkneifen kann. „Es wäre nett, wenn Sie uns noch fünf Kaffee bringen könnten.“

Die Kellnerin nickt und geht. Ian grinst. „Okay, Stevy, willst du sie mitnehmen? Dann verzichte ich.“

Steven verdreht die Augen. „Danke, kein Bedarf.“

„Ich finde, sie hat einen knackigen Arsch“, resümiert Tyler, während er ihr mit schräg geneigtem Kopf hinterhersieht.

„Und ziemlich sicher will sie nicht, dass du sie mit diesem knackigen Arsch über dein verdammtes Knie legst“, brummt Jason.

„Woher weißt du das? Ich habe gehört, in Germany gibt‘s many submissive girls.“

Tyler beugt sich vor. „Hey Stevy, hast du in den letzten Wochen die Hamburger Club-Szene durchforstet? Hier soll so einiges los sein.“

Steven winkt ab. „Ich bin nicht vor euch umgesiedelt, um für die Beschäftigung eurer Schwänze Vorsorge zu treffen.“

Tyler feixt. „Aber du musstest doch deinen Schwanz auch beschäftigen.“

Steve grinst in gleicher Manier zurück. „Darüber mach dir mal keine Gedanken, der war beschäftigt.“

Ian pfeift. „War ja klar. Los, erzähl!“

„Der wahre Gentleman genießt und schweigt.“

Jason hat sein letztes halbes Brötchen in den Mund verfrachtet und lehnt sich mit einem zufriedenen Stöhnen zurück. „Deutsches Frühstück ist vortrefflich. Germany gefällt mir. Gab es Probleme bei der Übernahme deiner neuen Firma, Steven?“

„Nein, lief alles glatt. Gestern, beim Notartermin wegen des Hofes, übrigens auch. Ihr müsst nur noch zum Unterschreiben hin. Die alte Hütte wird euch gefallen.“

Logan beugt sich vor, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und reibt sich müde die Augen. Sie sind zwar in der Nacht geflogen, aber er konnte, im Gegensatz zu seinen Brüdern, noch nie gut im Flieger schlafen. Jetzt will er endlich ankommen, ankommen und sich ein neues besseres Leben aufbauen.

Seinetwegen müssten sie nicht erst in einem Café frühstücken, bevor sie weiterfahren. Die letzten Tage in Middletown waren aufreibend genug, nicht nur wegen diesem widerlichen Pressescheiß, der ihn immer noch verfolgt, sondern auch, weil sie innerhalb weniger Wochen alles verkauft, alle Brücken hinter sich abgebrochen haben. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Er seufzt. Ob die Entscheidung richtig war?

„Seit wann steht die Ranch denn leer? Bist du sicher, dass sie bewohnbar ist?“, fragt er mit Blick auf Steven. „Falls die Wasserversorgung nicht funktioniert, gehe ich lieber in ein Hotel.“

Steven verrührt die Milch in seinem Kaffee und winkt mit dem Teelöffel ab. „Das Haus steht noch nicht lange leer. Das junge Mädchen mit den Pferden, das unseren Onkel in den letzten Monaten versorgt hat, hat auch nach seinem Tod noch dort gelebt. Ich habe mit dem Anwalt telefoniert. Strom, Wasser und Heizung laufen, alle Schlüssel hat er mir per Post geschickt. Es ist nicht gerade moderner Wohnkomfort, aber für uns reicht es. Wenn ihr mit dem Frühstück fertig seid, können wir ohne weitere Verzögerungen rausfahren.“

Tyler beugt sich vor und dreht ihm den Kopf zu. „Was ist mit dem Mädchen?“

„Das Cowgirl ist zum letzten Monatswechsel ausgezogen.“

„Wie betrüblich“, seufzt Ian theatralisch.

Steven winkt ab. „Um die ist es nicht schade. Dürr, klein, schmutzig, mürrisch.“

„Sagtest du nicht, du hast sie gar nicht kennengelernt?“

„Hab sie von Weitem gesehen, als ich mit dem Anwalt da war.“

„Woher weißt du dann, dass sie mürrisch ist?“

„Fuck!“ Steven stöhnt gequält. „Ian, nerv nicht. Sie sah so aus, und jetzt ist sie weg, also forget it.“

Ian grinst. „Wir wollen in good old Germany Deutsch reden, Bruderherz.“

Die Kellnerin bringt den bestellten Kaffee. Logan betrachtet sie, während sie die neuen Kännchen auf dem Tisch verteilt. Sie ist blond und hat Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Sicher eine Bitch, die sich sehr gerne Sweety nennen lässt, denkt er verächtlich. Sie hebt den Kopf, begegnet seinem Blick und zuckt mit dem Gesicht zur anderen Seite, als ob er sie bedroht hätte. Keinen Mumm, typisch für so eine. Okay, gerechterweise muss er zugeben, dass man seinen Gesichtsausdruck auch nicht unbedingt als friendly bezeichnen kann.

„Ähm … darf ich bitte kassieren, wir haben Schichtwechsel“, fragt die Kleine, mit Blick auf Jason gerichtet, vorsichtig. Der erscheint ihr vermutlich am wenigsten gefährlich, weil er schon graue Schläfen hat. Logan schmunzelt. Wenn die wüsste, auf welche Art sein Bruder sich am liebsten mit Frauen beschäftigt …

Eine halbe Stunde später steuert er den bereits etwas älteren – um nicht zu sagen: antiquarischen – Van, den Steven für seine Brüder gekauft hat. Steven selbst fährt in seiner als Firmenwagen geleasten Limousine vorweg. Typisch Steven. Es musste ein schwarzer Angeber-BMW sein, als ob der marode Importhandel, den er für ’n Appel und ’n Ei vor drei Monaten ersteigert hat, ein erfolgreicher Global Player wäre.

„Es muss nach Erfolg aussehen, sonst trauen dir deine Geschäftspartner nicht“, meinte er achselzuckend, weil seine Brüder, als er sie am Morgen vor dem Flughafen darin abgeholt hatte, über die Bonzenkiste den Kopf schüttelten. Okay, er muss es ja wissen, denn er war schließlich in den letzten Jahren mit seinem Managementkonzept ziemlich erfolgreich. Nur leider für den falschen Chef, der zwar Stevens Engagement begrüßt, ihn aber trotzdem nicht, wie vereinbart, als Geschäftsführer der neuen Zweigstelle eingesetzt hatte, woraufhin Stevy wütend kündigte, aber nicht, ohne seinem Boss zum Abschied noch eine Rechte gegen das Kinn zu verpassen. Typisch Steven eben.

Logan schaltet die Scheinwerfer an. Sie fahren in den Elbtunnel. Noch circa eine Stunde, dann haben sie ihr neues Zuhause erreicht. Die Ranch befindet sich nah der Elbmündung in die Nordsee. Zum Meer wird es nicht weit sein. Das gefällt ihm, denn er mag das Meer.

Jason sitzt neben ihm und dreht an den urtümlichen Radioknöpfen herum, die Zwillinge haben es sich auf der hinteren Bank gemütlich gemacht.

„Ist der Container schon auf dem Hof angekommen?“, fragt Ian. „Wehe, meine Studioeinrichtung hat die Reise nicht unbeschadet überstanden.“

„Wenn du alles sorgfältig verstaut hast, wird schon nichts zu Bruch gegangen sein“, brummt Jason, während er weiterhin nach einem Radiosender sucht. „Steven sagt, es gab eine Verzögerung im Hafen, er müsste morgen geliefert werden. Dann haben wir vier Tage Zeit, ihn auszuräumen, bevor er wieder abgeholt wird.“

Ian stützt sich lässig mit einem Fuß auf dem vor ihm stehenden Koffer ab. „Am besten verstauen wir den ganzen Kram in der, wie heißt es noch, Tenne. Dann können wir die Stallgebäude für das Baumaterial nutzen und in der alten Diele gleich mit der Renovierung loslegen.“

„Du meinst die Scheune, Ian. Was man in Niedersachsen als Diele bezeichnet, ist in Bayern die Tenne, also der Stallanbau direkt am Wohnhaus“, erklärt Jason.

„Bist du sicher?“ Logan runzelt die Stirn. „Ich dachte, die Tenne wäre der Dachboden, wo Getreide und Heu gelagert werden.“

Jason stöhnt. „Fuck. Vielleicht auch das. Ist doch egal. Bei uns ist das große Lagergebäude die Scheune und der Stallanbau, in dem wir unsere Zimmer einrichten, die Diele. Basta.“

Ian lacht. „Die mit ihren Dialekten hier. Das werde ich nie kapieren. Und ‚Basta’ ist übrigens italienisch.“

„Basta hat unsere Mutter gesagt, wenn eine Diskussion beendet war, also ist es deutsch.“

Tyler verdreht die Augen. „Prügelt euch doch. Was meint ihr, wie lange werden wir brauchen, um die neuen Räume zu renovieren?“

Jason zuckt mit den Schultern. „Einige Monate bestimmt. Steven kann ja nur am Wochenende mit anfassen.“

Ian schüttelt den Kopf. „Ich bleibe dabei, wir sollten erst eure Werkstatt und mein Studio einrichten, um während der Renovierung auch schon arbeiten zu können, sonst geht uns in spätestens sechs Monaten die Kohle aus.“ Er seufzt. „Aber auf mich hört ja keiner.“

Logan stöhnt genervt. „Jungs, lasst uns erst mal ankommen. Wer weiß, wann die Zimmer im Haupthaus zuletzt renoviert wurden. Ich will nicht erst in einem halben Jahr eine vernünftige Dusche.“

Jason hebt die Hand und wendet sich seinen Brüdern auf der Rückbank zu. „Die Küche ist am wichtigsten, ohne funktionierende Küche kein gescheites Essen.“

Ian winkt ab. „Als ob der alte Mann für seine kleinen Brüder kochen würde. Wir leben doch sowieso nur vom Pizzaservice, das wird sich in good old Germany nicht ändern.“

Ian seufzt. „Wir hätten die kleine Kellnerin mitnehmen sollen, die kann bestimmt kochen.“

Logan schüttelt den Kopf. Typisch Ian, nur Weiber im Kopf. Er wirft einen Blick in den Rückspiegel. Tyler sieht, anscheinend völlig in Gedanken versunken, aus dem Fenster gegen die grauen Tunnelwände. „Was ist los, Ty?“

„Nichts.“ Er dreht den Kopf und ihre Blicke begegnen sich im Spiegel. „Ich dachte gerade an Mom. Was sie wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass wir in ihre Heimat umsiedeln?“

Jason lächelt. „Sie würden sich freuen, alle beide. Eure Mom und Stevens und meine auch.“

Und meiner ist es scheißegal, denkt Logan. Fuck. Seit wann interessiert ihn, was im Kopf der Frau passiert, die versehentlich mit ihm schwanger geworden war?

Heller Sonnenschein lässt sie die Augen zusammenkneifen, als sie den Tunnel durchquert haben.

Jason findet endlich einen Sender. The Boss. Yeah. Bruce Springsteen. Wenigstens wissen die Deutschen, was gute Musik ist.

„Vielleicht ist es eine Familie mit Kindern, die hier einzieht. Wenn die euch kennenlernen, werden sie euch lieben und sich freuen, wenn wir bleiben.“ Erwartungsvoll sieht Charlotte zu Morika hinüber, doch die braune Stute knabbert ungerührt weiter am Heu, als ob sie wüsste, dass diese Hoffnungen sowieso nur naive, dumme Wunschträume sind.

„So ’n Schietkram aber auch“, flucht Charlotte, zieht laut die Nase hoch, aber das nützt nichts mehr. Die Tränen fließen. Sie wirft die Mistgabel zur Seite, rutscht an der Boxenwand hinab und hockt sich zu dem Pferd ins Stroh. Schluchzend reißt sie sich die Brille von der Nase und wischt sich mit dem Handballen die Tränen aus dem Gesicht. „Wenn sie mich erwischen, komm ich in den Knast. Urkundenfälschung ist ein anderes Kaliber als Ladendiebstahl. Aber was soll ich tun? Ich kann euch doch nicht schlachten lassen.“ Verzweifelt schlägt sie sich mit den Fäusten gegen die Stirn, bis die Stute sie mit ihren weichen Nüstern sanft anstupst.

„Ist ja schon gut.“ Charlotte streichelt ihr über die samtige Haut am Maul. „Ich bin einfach zu dösig für diese Welt. Egal was ich mache, ich greife jedes Mal in die Scheiße.“

Die Stute schüttelt den Kopf und Charlotte kichert. „Danke, Mori, wenn ich nicht gesehen hätte, dass da eine Fliege war, würde ich denken, du willst mich trösten.“

„Ach, nützt ja nichts.“ Sie zerrt das Taschentuch aus der Jeans, schnaubt ordentlich rein, atmet tief durch und setzt ihre Brille wieder auf. „Genug geflennt. Wenn sie kommen, muss hier alles picobello sein. Wir müssen den besten Eindruck machen. Unsere Zukunft darf nicht daran scheitern, dass sie mich für faul und dreckig halten.“

Hufgetrappel nähert sich von draußen. Ein Pony schaut zur Tür herein. „Na, Blessy? Hast du Langeweile?“

Ein Geräusch lässt sie innehalten. Aus dem vorderen Teil der Stallgasse ist ein tiefes, drohendes Knurren zu hören. Charlotte zuckt zusammen und starrt Richtung Tür. „Oh nein! Sind sie das etwa schon? Porky, benimm dich! Bleib bloß hier! Wenn du ihnen Angst machst, schmeißen sie uns gleich raus.“

Jetzt hört auch sie das Motorengeräusch, und ihre Knie werden weich wie Watte. Mann oh Mann, was für ’n Schiet.

Sie tritt aus dem geräumigen Offenstall auf die Stallgasse hinaus und schließt mit zittrigen Fingern die hölzerne Boxentür. Dann wischt sie die Hände an ihrer Jeans ab und kämmt mit den Fingern die Strähnen ihrer Haare zurück, die sich während der schweißtreibenden Arbeit mit der Mistgabel aus dem Zopf gelöst haben. Sie atmet tief durch, rückt die Brille zurecht und geht zögernd nach vorn. Im Eingang bleibt sie neben ihrem Hund stehen.

Eine große, schwarze Nobelkarosse hält links direkt vor dem Wohnhaus, dahinter parkt ein gelber alter VW-Bus. Die Türen gehen auf und Männer steigen aus. Sie stehen da und sehen sich um.

Charlotte richten sich umgehend die Nackenhaare auf und in ihrem Magen verknotet sich etwas. Ein bitterer Geschmack breitet sich in ihrem Mund aus. Ihr wird kotzübel. Das ist bestimmt nicht Familie Carter.

„Auweia“, flüstert sie fast andächtig. Das müssen Typen einer Schlägertruppe sein. Wahrscheinlich hat Jan sie engagiert. Der Arsch hat doch schon alles von ihr, was will er denn noch? Sie atmet zitternd ein. Rache, was sonst? Hat er ihr ja oft genug angedroht. Schließlich hat sie in ihrer Wut sein Dope im Klo runtergespült.

Es sind fünf. Fünf Gorillas in der totalen Einöde gegen sie und ihren Hund. Niemand wird ihr Schreien hören. Das war‘s also. So jung wollte sie nicht sterben. Wahrscheinlich werden sie ihre Leiche in die Elbe werfen. Vielleicht rammen sie ihr auch ein Messer in den Bauch und lassen sie halb tot in der Stallgasse liegen. Mit Glück, mit viel Glück, kommt Familie Carter und lässt sie ins Krankenhaus karren, bevor sie in ihrem eigenen Blut elendiglich verreckt ist. Und was wird dann aus den Pferden?

Jetzt haben die Männer sie entdeckt und schlendern auf sie zu. Charlotte kneift die Augen zusammen und sieht genau hin. Irgendwas passt nicht. Schlägertrupps sehen anders aus. Ihr Herz klopft schneller, aber sie wagt nicht, wirklich aufzuatmen. „Vielleicht sind es nur Touristen, die sich verfahren haben, Porky. Davor brauchen wir keine Angst haben“, versucht sie sich selber Mut zu machen.

Misstrauisch sieht sie der Gruppe entgegen. Zwei Männer wirken etwas jünger als die anderen, ein blonder und ein schwarzhaariger. Der Blonde trägt Klamotten wie eine Ampel. Knallrotes Hemd und grüne Hose mit gelbem, breitem Gürtel. Er grinst lässig, schubst jetzt den anderen mit dem Ellenbogen an, aber der findet das nicht lustig. Er macht ein Gesicht wie der mieseste Schläger von Sankt Pauli, wenn man ihm ein Bier über den Kopf geschüttet hat. Seine Aufmachung passt zum Gesicht. Er trägt ein enges schwarzes T-Shirt zur Jeans und seine Arme sind mit Tattoos bedeckt. Dahinter läuft ein Managertyp in grauem Anzug mit Krawatte neben einem Älteren in Jeans und rot kariertem Hemd. Der könnte glatt als Cowboy durchgehen, sieht ein bisschen so aus, als ob er vor einer halben Stunde noch auf einer Ranch ein Pferd geritten hätte. Ihre Augen gleiten weiter zu dem fünften Typen, der seinen Kopf abgewendet hat, um die Umgebung zu mustern. In diesem Moment dreht er das Gesicht und ihre Blicke treffen sich. Es fühlt sich an, als ob ein elektrischer Blitz durch ihren Körper saust, und ein eiskalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Sie will sich umdrehen und abhauen, aber sie bleibt wie hypnotisiert regungslos stehen und kann nicht aufhören, ihn anzustarren. Er wirkt so furchteinflößend wie ein Killer, aber der Ernst in seinem Gesicht und ein unbestimmter Ausdruck von Trauer um seine vollen Lippen herum lassen tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch zu einem Rundflug starten. Er trägt eine schwarze Lederhose und ein schwarzes Hemd, bei dem er die Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt hat. Seine Unterarme sind so dick wie ihre Waden und seine Schultern so breit wie die von Herkules, ihrem alten Friesenwallach. Der Typ ist, wie die anderen vier auch, mindestens zwanzig Zentimeter größer als sie. An seinem Gang ist irgendetwas seltsam. Fast scheint es, als ob er ein Bein nachzieht. Ausgeprägte Kiefer- und Wangenknochen werden von gebräunter Haut bedeckt. Ein dunkler Bartschatten und schwarze, in die Stirn fallende Haare geben ihm einen fast mystischen Touch. Auf seiner Nase ist ein Hubbel, sie war sicher schon mal gebrochen. Seine Lippen wirken, als würden sie sich niemals zu einem Lächeln verziehen. Er ist auf keinen Fall ein schöner Mann, aber defintiv einer, dessen Gesicht man nie vergisst. Seine Augen unter dichten, zusammengezogenen Brauen sind blau, doch sie wirken fast schwarz, wie das Meer unmittelbar vor einem Unwetter. Er verzieht keine Miene. Ihre Hoffnung auf harmlose Touris ist dahin. Dieser Typ kann nur ein bezahlter Killer sein. Das ist der, der sie erdrosseln wird, mit einer Hand, mehr braucht der nicht. Sie ist überzeugt, dass ihr Ende gekommen ist, und auf seltsame Weise beruhigt es sie, dass er es ist, der ihr den Tod bringen wird. Er ist ganz eindeutig ein Profi, der seine Aufgabe kennt, keine Skrupel hat und sich nicht nervös machen lässt. Er wird es besonnen und zügig tun, ohne dass es lange wehtut. Sie ist bei ihm in guten Händen. Fast will sie sich an ihn schmiegen, ihr Schicksal besiegeln, weil sie die Angst nicht mehr aushalten kann.

Während ihr diese irrealen Gedanken noch durch den Kopf torkeln, fragt sie sich schon, ob sie jetzt vollständig den Verstand verloren hat. Sie atmet tief durch, zwingt ihren Blick von ihm weg und ballt die Hände zu Fäusten. „Porky, bleib bei Fuß“, zischt sie, streckt sich und sieht den Männern mit erhobenem Kopf entgegen.

„Das hier ist Privatbesitz“, sagt sie, als die Typen sie fast erreicht haben.

Die Kerle bleiben stehen. Nur der Cowboy tritt einen Schritt weiter auf sie zu. Er hat lange dunkelblonde Haare, die er zu einem Zopf zusammengebunden trägt. Seine Augen sind auch blau, nein, eher grau, und er ist ebenfalls ein Typ mit einem so beeindruckenden Körper, dass man Angst vor ihm haben könnte. Aber um seinen Mund und seine Augen herum haben sich Lachfalten gebildet, die die Strenge aus seinem Gesicht nehmen.

Porky springt vor, baut sich vor ihm auf und fletscht die Zähne.

Der Typ zuckt zurück.

Ja! Ihr Herz macht einen Sprung. Gott, wie sie ihren Hund liebt.

„Ho, ho, lass uns am Leben“, brummt der Cowboy friedlich und zeigt die Handflächen, als ob er dem Hund beweisen wollte, dass er unbewaffnet ist.

„Porky, Fuß“, befiehlt Charlotte genüsslich und fügt an die Typen gerichtet spöttisch hinzu: „Kommen Sie lieber nicht näher, mein Hund versteht keinen Spaß.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und stellt sich lässig etwas breitbeiniger hin. Leider muss sie den Kopf in den Nacken legen, um zu ihnen aufzusehen, andersrum würde es ihr sehr viel besser gefallen. „Haben Sie nicht verstanden? Hier ist Betreten verboten.“

Der Managertyp grinst. „Immer mit der Ruhe, Lady. Mein Name ist Steven Carter und das sind meine Brüder: Jason, Ian, Tyler, Logan.“ Er zeigt nacheinander auf den Cowboy, die Ampel, Bad Boy und den Killer. „Und du bist das Mädel mit den Pferden, das eigentlich schon Ende April ausgezogen sein sollte, nehme ich an.“

Eine Sekunde lang glaubt Charlotte, in Ohnmacht zu fallen. Es sind tatsächlich die Erben. Der Typ spricht zwar perfektes Deutsch, aber der amerikanische Slang ist nicht zu überhören. Vor ihren Augen explodieren Sterne. Sie kann nichts sehen, beißt die Zähne fest zusammen und zwingt sich, ruhig zu atmen. Jetzt bloß keine Panikattacke. Die kann sie gerade ganz und gar nicht gebrauchen. Sie zählt bis fünf und dabei langsam aus, so, wie sie es gelernt hat. Das Augenflimmern verschwindet. Gott sei Dank.

Das ist Familie Carter? Kein nettes Ehepaar mit niedlichen Kindern? Diesen gefährlichen Typen will sie einen Vertrag mit gefälschter Unterschrift vorlegen? Fast dringt ein hysterisches Kichern aus ihrer Kehle. Ihr Blick fällt auf das Gesicht des Managers. Er wartet mit fragend hochgezogener linker Augenbraue auf Antwort. Sein Gesichtsausdruck teilt ihr unmissverständlich mit, dass er es nicht gewohnt ist, auf etwas zu warten.

Sie schluckt und zwingt sich, ihm in die Augen zu sehen. „Oh … ähm … I’m sorry, I don’t know …“

„Wir sprechen alle fließend Deutsch“, unterbricht Cowboy Jason sie. Er hält ihr die Hand hin und nickt höflich. „Guten Tag.“

Porky macht ein schnappendes Geräusch mit dem Maul und Charlotte erstarrt. Der Cowboy zeigt sich allerdings wenig beeindruckt. Er geht doch tatsächlich in aller Ruhe in die Hocke, dreht dem Hund seine Längsseite zu und hält ihm lockend die Hand hin. „Sorry, ich muss erst dir Guten Tag sagen. Sure. Mach ich doch gerne, bist ein Guter und ein ganz Hübscher, nicht wahr? Und du passt so gut auf dein Frauchen auf. Well done. Fine, so fine, good dog“, brummt er friedlich und sanft.

Logan verdreht innerlich die Augen. Jason muss mal wieder seine Hundeflüsterershow abziehen. Und wie vor ihm schon Tausende, fällt auch dieser dämliche Köter natürlich drauf rein. Es dauert keine Minute, da lässt er sich wohlig hinterm Schlappohr kraulen, was seinem seltsamen Frauchen den Schweiß auf die Stirn treibt.

Steven grinst und die Kleine scheint kurz vor einer Panikattacke zu stehen. Ian tritt vor und hält ihr augenzwinkernd die Hand hin. „Keine Angst, schöne Frau, wir sind ganz harmlos.“

Schöne Frau? Hat sein kleiner Bruder diese nach Stall stinkende Brillenschlange gerade tatsächlich als schöne Frau bezeichnet? Logan kann mit Mühe ein lautes Prusten zurückhalten.

„Porky“, zischt die Kleine, ohne Ian die Hand zu geben. „Komm sofort zurück.“

Doch der Hund wedelt nur noch kräftiger und drängelt sich an Jasons Bein.

Ian lacht. „Mach dir nichts draus, Jason ist der talentierteste Hundeflüsterer der gesamten USA. Wie heißt du?“

Sie starrt ihn misstrauisch an. „Charlotte Folkert.“

Neugierig lässt Ian seinen Blick über ihren Körper gleiten. „Steven hat uns erzählt, du wärst längst ausgezogen?“

„Bin ich auch.“ Sie räuspert sich. „Aus dem Haus natürlich.“ Sie schiebt trotzig das Kinn vor. „Im Stall bleibe ich ja.“

Steven stutzt. „Im Stall bleibst du?“

Ihr Kopf zuckt wieder zu ihm herum. „Natürlich“, sagt sie angriffslustig und rückt ihre Brille zurecht. „Im Stall habe ich doch Nutzungsrecht. Hat der Anwalt das nicht gesagt?“

Bis jetzt hat Logan das Geplänkel zwischen der kleinen Zicke und seinen Brüdern noch relativ gelangweilt verfolgt, jetzt wird er langsam neugierig. Sie hat wieder die Arme vor der Brust verschränkt und hält inzwischen mit den Händen ihre Oberarme so fest umschlossen, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Ihr Körper ist steif wie ein Brett. Irgendwas stimmt mit der Dame nicht. Interessiert mustert er sie. Sie ist klein, zierlich und drahtig. Die strammen Schenkel stecken in engen, fleckigen Jeans, die schon mal bessere Tage gesehen haben.

Unter dem nahtlos anliegenden blauen T-Shirt zeichnen sich nicht allzu große, aber pralle Brüste ab. Nett. Allerdings macht sie ein Gesicht, als ob sie jeden Moment ein MG rauszieht und sie alle über den Haufen knallt. Gleichzeitig ist sie so bleich wie eine weiße Wand und ihre Unterlippe zittert, als ob sie Angst hätte, dass einer von ihnen ein MG rauszieht, um sie abzuknallen. Dabei hat sie eigentlich ein hübsches Gesicht, ungeschminkt und angenehm natürlich. Das ist er bei Frauen nicht gewohnt, aber es gefällt ihm. Ihre Gesichtsform ist eher schmal. In der Mitte prangt eine süße Stupsnase über einem spitzen Kinn und unter einer hohen Stirn. Die Augenbrauen schließen direkt mit dem schwarzen Brillengestell ab. Ihre Lippen wirken dunkelrot und voll, obwohl sie sie gerade ziemlich angespannt zusammenpresst.

Genüsslich verschränkt er die Arme vor der Brust, um das Schauspiel in Ruhe weiter zu genießen.

„Nein, hat er nicht. Was heißt das, Nutzungsrecht?“, fragt Steven.

„Das ist wie Erbpacht.“

Ihre Augen zucken ganz kurz zur Seite. Das Miststück lügt. Garantiert versucht sie gerade irgendeine Schweinerei.

Ha! Tyler hat es auch gemerkt. Er tritt dicht vor sie. „Was ist Erbpacht?“, knurrt er misstrauisch.

Sie wird noch bleicher und weicht unwillkürlich einen Schritt zurück, doch er fixiert sie gnadenlos mit seinem Blick. Als ehemaliger Cop weiß er, wie man jemanden einschüchtert. Der lässt sich von keiner Frau einwickeln und ganz sicher nicht von so einer nach Stall stinkenden kleinen Göre.

Sie schluckt deutlich schwer. „Ich … ich habe einen Vertrag.“ Ihr bleibt fast die Stimme weg, so sehr verunsichert Ty sie. Wenn sie wüsste, was für ein Genuss ihre Reaktion für das sadistische Gemüt seines kleinen Bruders ist, würde sie schreiend abhauen.

Logans Mundwinkel wollen amüsiert zucken, doch in diesem Moment strafft sie sich, hebt das Kinn und starrt … geradewegs in seine Augen. Ein heißer Blitz trifft ihn unvorbereitet mitten ins Herz. Was er sieht, ist keine bösartige Verschlagenheit, sondern nackte Verzweiflung und Todesmut, brennender Wille, gepaart mit dem Wissen, nichts mehr zu verlieren zu haben. Diese Offenbarung ihres Gefühlsaufruhrs kommt so überraschend, dass er den reflexartigen Drang verspürt, sie in seine Arme zu ziehen und vor seinem Bruder zu beschützen.

Ihr Kopf zuckt wieder herum. Jetzt starrt sie erneut Tyler an und öffnet den Mund. „Für meine Pferde. Wohnrecht für meine Pferde.“

Ihre Stimme hat kaum Kraft, als wäre sie gerannt und hätte nicht genug Luft zum Reden.

Was soll das? Warum ist sie so in Panik? Konzentriert versucht Logan, mehr in ihrem Gesicht zu lesen. Ihre Augen hinter den Brillengläsern verwirren ihn, die Iriden schimmern in einem Mix aus Grün und Braun, als ob jemand braune Farbe in grüne gegossen und dann einmal umgerührt hätte. Es ziehen sich Schlieren, bevor sich alles zu einem braunen Mix vermischt.

Sie weicht Tylers Blick nicht noch einmal aus. Wie gebannt starrt sie ihn an, als wüsste sie, dass sie verloren hat, wenn sie wegsieht.

Jason steht auf und winkt ab. „Ty, das hat Zeit. Lass uns erst mal ankommen.“ Er nickt ihr freundlich zu. „Mit Karlotta reden wir später. Dann wird sie uns alles erklären.“

„Charlotte“, faucht sie mit einer Inbrunst, die Logan schmunzeln lässt.

Jason grinst. „Sorry, Lady. Scharlotta, komm doch heute Nachmittag rein, damit wir uns in Ruhe unterhalten können, okay? Bis dahin haben wir uns halbwegs eingerichtet.“

Er dreht sich seinen Brüdern zu. „Lasst uns erst mal ins Haus gehen und die Koffer reinbringen. Wir brauchen auch Lebensmittel. Einer von uns sollte heute Mittag in das kleine Dorf zurückfahren, durch das wir eben gekommen sind. Da war doch ein Laden. Anschließend können wir dann bei einem Kaffee in Ruhe mit ihr reden.“

Ian nickt. „Gute Idee. Ich fahre.“

Die anderen stimmen zu. Sie wenden sich ab und schlendern Richtung Haus. Nur Logan kann sich nicht losreißen. Nachdenklich betrachtet er dieses seltsame Mädchen, das immer noch regungslos dasteht und seinen Brüdern hinterherstarrt.

Jetzt dreht sie sich um und hastet in den Stall, nicht mehr beachtend, dass ihr treuloser Hund, fröhlich mit dem Schwanz wedelnd, seinem neuen Freund nachtrottet.

Charlotte flüchtet zu den Pferden in den großen Offenstall und knallt die Tür zu. Sie zittert am ganzen Körper, lehnt sich von innen gegen die Holzwand und greift sich an den Hals. Atemnot. So ’n Schietkram, verflucht! Sie will diese Panikscheiße nicht mehr! Seit sie von Jan weg ist, war alles gut, aber jetzt fängt es wieder an. Röchelnd rutscht sie auf die Erde. Sie muss sich beruhigen. Was hat der Arzt gesagt? Zählen. Sie muss beim Ausatmen zählen. Aus zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Einatmen und aus, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Einatmen und aus, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben.

Langsam löst sich der Druck in ihrer Brust. Erleichtert lehnt sie den Hinterkopf gegen die Wand, zieht die Beine an und stützt die Ellenbogen auf die Knie. Mist, wie kommt sie aus der Nummer bloß wieder raus?

Porky galoppiert heran, stellt sich mit den Vorderpfoten auf der Boxenwand ab und starrt zu ihr hinunter. „Du untreuer Kürbis. Das verzeih ich dir nie“, stöhnt sie, rappelt sich auf und zieht ihm verspielt die Schlappohren lang.

Die anderen Pferde haben es sich draußen in der Maisonne gemütlich gemacht, Morika steht aber immer noch im Stall am Heu. Wie jeden Tag ist für sie fressen das Wichtigste. Charlotte dreht sich dem Pferd zu und streicht ihm über den Hals. Plötzlich überfällt sie die Ausweglosigkeit ihrer Situation mit aller Macht. Tränen drängen ihr in die Augen, sie stützt die Stirn gegen das Pferd und schluchzt los. Was soll sie bloß tun? Die Typen kapieren doch sofort, dass der Vertrag gefälscht ist. Das Beste, was ihr passieren kann, ist, dass sie sie nur vom Hof jagen und nicht auch noch die Bullen rufen. Aber wo soll sie hin? Mit vier Pferden und keinem Cent in der Tasche?

Logan sieht ihr nach. Er hört eine Tür knallen, dann ist es still. Der Hund kommt, galoppiert fröhlich an ihm vorbei in den Stall.

Er will unbedingt mehr über diese Göre wissen und folgt dem braunen Schlappohr-Ungetüm in das Gebäude. Die Stallgasse ist ziemlich breit. Auf der rechten Seite befinden sich Pferdeboxen mit teils halb hohen, teils bis oben vergitterten Wänden. Sie sind alle leer. Hinten links führt eine hölzerne niedrige Pforte in einen großen Laufstall, von dem aus ein geöffnetes breites Tor den Blick auf einen Paddock zulässt. Eine braune Stute steht da und frisst.

Gemächlich schlendert Logan weiter, bis er die Kleine entdeckt. Sie dreht ihm den Rücken zu, lehnt an der Schulter des Pferdes und heult, laut und haltlos wie ein Kind.

Sie hat ihn noch nicht bemerkt. Kein Wunder, er trägt Schuhe mit Gummisohlen und sie schluchzt wie ein defektes Fahrradventil, wenn die Luft entweicht. Der Hund dreht sich ihm zu und winselt. Wie hat sie das struppige Bisonkalb noch genannt? Porky. Der Name passt. Er streichelt ihm über den Kopf, nachdem er sich lässig gegen die Wand gelehnt hat, um sein Frauchen zu betrachten. Sie hat einen knackigen Arsch, genauso wie er es mag.

Jetzt reißt sie sich die Brille von der Nase, schnieft ordentlich und flucht. „Solche miesen Gorillas! Warum können es nicht nette normale Leute sein? So ’n Schiet aber auch, hätte ich es bloß schon hinter mir.“

Sie wischt sich mit den Händen über die Augen, zieht ein Taschentuch aus der Jeans und schnäuzt sich ausgiebig. Dann setzt sie die Brille wieder auf, dreht sich um und erstarrt. Sie rückt die bereits akkurat sitzende Brille zurecht und schiebt kampfbereit die Schultern zurück. Mit gerunzelter Stirn kommt sie aus dem Stall heraus und schließt mit einem festen Ruck die halb hohe Holztür. „Was wollen Sie?“

In aller Ruhe lässt er seinen Blick über ihren definitiv nicht unansehnlichen Körper gleiten. Ihre Hände beginnen zu zittern und sie atmet schneller. Ihre Brustwarzen drücken hart gegen den Stoff. Fuck! Jetzt verschränkt sie die Arme vor der Brust und starrt ihn an wie ein in die Enge getriebenes Wildschweinferkel. Die Dame verbirgt etwas, die will ihn und seine Brüder verarschen, und gleichzeitig geht ihr der Arsch auf Grundeis, ganz eindeutig.

Ihr Gesicht ist dreckverschmiert. Innerlich erlaubt er sich ein gehässiges Grinsen. Das kommt, wenn man mit staubigen Fingern nasse Tränen verreibt. Sie wirkt wie ein trotziges kleines Mädchen, obwohl sie grob geschätzt sicher schon um die fünfundzwanzig Jahre alt ist.

„Wie viele Pferde hast du?“, fragt er.

„Vier.“

„Wo sind die anderen?“

„Paddock.“

Er nickt bedächtig. „Was machst du mit ihnen?“

„Nichts.“

Er zieht fragend die Augenbrauen hoch, und ihr wird anscheinend klar, dass sie nicht gerade intelligent antwortet. Sie strafft sich.

„Sie sind nicht mehr gesund.“

„Hast du sie zuschanden geritten? Springsport oder so was?“

Augenblicklich fahren ihre Arme auseinander. Sie ballt die Hände zu Fäusten und wird wieder zur Furie. „Ich reite überhaupt nicht“, faucht sie. „Das waren die Arschlöcher, die sie hinterher zum Schlachter gegeben haben.“

Irritiert betrachtet er die Stute. „Was machen sie dann hier?“

„Ich habe sie freigekauft.“

„Aha.“

Wieder dieses böse, misstrauische Anstarren. Okay, was soll‘s. Die Kleine wird noch früh genug reden. Er dreht sich in Richtung Stalltür. „Dann bis nachher.“

Sie presst die Lippen zusammen und nickt.

Er wendet sich ab, sollte wirklich gehen, bevor sie tatsächlich noch in Panik gerät, doch er kann sich einfach nicht losreißen. Genüsslich dreht er sich noch mal um, woraufhin sie zusammenzuckt. Er macht drei lässige Schritte auf sie zu. Sie flüchtet rückwärts, aber da stößt sie schon gegen die Wand. Er bleibt erst stehen, als er sie fast berührt. Mit panisch aufgerissenen Augen sieht sie zu ihm auf.

„Wie alt bist du?“

„Sechsund… das geht dich gar nichts an!“

Schmunzelnd legt er Daumen und Zeigefinger an ihr Kinn. Ihr Augenlid zuckt, aber sie zieht den Kopf nicht zurück.

„Atme, Sweetheart, das ist nützlich, wenn man nicht umkippen will.“

Sie starrt ihn wie hypnotisiert an und ihre kleinen Nasenflügel beben. Er lässt sie los und deutet auf ihre Wange. „Etwas Wasser und Seife bewirken wahre Wunder.“

Sie zieht die Stirn kraus, kapiert kein Wort. Wie überaus amüsant. Vergnügt wuschelt er ihr durch die Haare, was sie ärgerlich zurückzucken lässt.

Logan dreht sich um und schlendert davon. Wieder im hellen Sonnenlicht bleibt er stehen und sieht sich um. Es ist still, man hört nur das leise Rascheln der Blätter von den beiden hohen Bäumen an der Einfahrt zum Hof. Die Sonne scheint von einem tiefblauen Himmel. Für die Jahreszeit ist es ungewöhnlich warm, und die friedliche Atmosphäre hier, weitab jeder Stadt, lässt ihn nach langer Zeit innerlich zum ersten Mal entspannen.

Links liegt das Haupthaus mit dem daran angeschlossenen großen ehemaligen Rinderstall. Das nennt man in Norddeutschland eine Diele, wie Steven seinen Brüdern ja erklärt hat. Gegenüber steht eine hohe geräumige Scheune, a large barn, und daneben eine Werkstatt. Darin werden sie ihre Möbeltischlerei einrichten.

Der große Pferdestall, aus dem er gerade herausgetreten ist, wurde quer zu den anderen Gebäuden errichtet, sodass der Hof wie ein weiträumiges, aber in sich geschlossenes Ensemble wirkt. Etwas abseits, hinter der Scheune, ist noch ein Häuschen, der ehemalige Schweinestall. Daraus will Ian sein Fotostudio machen.

Das alte Kopfsteinpflaster gefällt Logan, ebenso wie der antiquarische Steinbrunnen mit der verrosteten Handpumpe und die schiefe verwitterte Holzbank vor dem Eingang des Wohnhauses.

Er atmet tief durch. Die echte und urtümliche Atmosphäre tut gut. Endlich hat er die ganze Scheiße weit hinter sich gelassen und kann nach vorn sehen, auf ein neues Leben. Und das beinhaltet unvorhergesehenerweise ein zähes, zierliches norddeutsches Mädchen mit Brille und Stupsnase.

Ian streckt den Kopf aus der Tür und sieht sich suchend um.

„Wo bleibst du?“, brüllt er über den Hof und Logan winkt ab. „Komme schon.“

Pfeifend schlendert er Richtung Haus.

Kapitel 2

Charlotte ist fix und fertig. Von Stunde zu Stunde wächst ihre Nervosität und nun musste sie sich auch noch übergeben. Sie setzt die Mineralwasserflasche an und spült den widerlichen Geschmack in ihrem Mund runter. Immer wieder sieht sie im Geiste den Killer vor sich stehen. Wie er ihr nachgeschlichen ist und dann so selbstgefällig auf sie herabgesehen hat. So eine miese Ratte. Es hat ihm sicher so richtig Spaß gemacht, sie einzuschüchtern. Sie fühlt jetzt noch seine Finger an ihrem Kinn. Oh Mann!