Hard & Heart 5: Ein Gorilla für die Nachtigall - Sara-Maria Lukas - E-Book

Hard & Heart 5: Ein Gorilla für die Nachtigall E-Book

Sara-Maria Lukas

5,0

Beschreibung

Die Hamburgerin Pia muss bei Stress immer aufräumen und leidet gerne mal an der einen oder anderen Panikattacke. Nachdem sie während einer politischen Demo einen Mord beobachtet hat und als Zeugin vor Gericht aussagen soll, muss sie beschützt werden. Finn ist Trainer für zukünftige Personenschützer. Er ahnt nichts Schlimmes, als sein Chef Pascal Engel ihm mitteilt, dass er die Tochter seines alten Freundes beschützen soll, bis sie eine Aussage vor Gericht gemacht hat. Als er Pia abholt und sie bei seinem Anblick mit einer Blumenvase nach ihm wirft, ist es "Liebe auf den ersten Blick", und Finn fragt sich, ob es legitime Selbstverteidigung ist, eine Sub bereits vor der offiziellen Einverständniserklärung übers Knie zu legen ... Teil 5 der romantischen BDSM-Reihe "Hard & Heart".

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Sara-Maria Lukas

EIN GORILLA FÜR DIE NACHTIGALL

Erotischer Roman

© 2017 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

© Covergestaltung: Mia Schulte

© Coverfoto: Shutterstock.com

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-260-9

ISBN eBook: 978-3-86495-261-6

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Autorin

Kapitel 1

„Nein!”

Pia starrt mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster, wechselt das Telefon ans andere Ohr und schüttelt den Kopf. „Ich komme nicht nach Hause. Ich lasse mich nicht bewachen. Auf keinen Fall. Gewöhn dich endlich daran, dass deine Tochter ihr eigenes Leben führt. Du weißt, warum.”

Energisch drückt sie das Gespräch weg, dreht sich um und kehrt zur Sitzecke zurück.

Doreen verzieht mitleidig das Gesicht. „Dein Vater?”

Pia nickt, lässt sich auf die Couch fallen und nimmt einen Schluck Tee. „Er gibt einfach nicht auf.”

„Na ja, im Moment kann ich ihn verstehen.”

Pia kämmt sich seufzend mit den Fingern durch die kurzen Haare. „Da ich mich weigere, bis zum Prozess in seinen Luxusbunker zu ziehen, will er mir jetzt einen Leibwächter aufzwingen.”

Doreen neigt den Kopf. „Er macht sich Sorgen um deine Sicherheit. Immerhin bist du sein einziges Kind.”

„Um sich Sorgen zu machen, braucht man ein Herz in der Brust. Mein Vater hat keins, sonst wäre meine Mutter noch am Leben und er würde seinen Profit nicht aus dem Elend anderer Menschen ziehen. Er will mich endlich kontrollieren, damit ich seiner Firma nicht mehr schade, das ist der Grund”, stellt Pia bitter fest, beugt sich vor und zieht das Notebook näher. „Lass uns weitermachen. Markus’ Bericht aus Indien soll diese Woche noch bei allen großen Zeitungen auf den Redaktionsschreibtischen liegen, inklusive der Bilder.”

Doreen rührt sich nicht. „Dein Vater will einen Bodyguard für dich engagieren? Ernsthaft?”

„Mein Erzeuger ist ein eiskalter Kapitalist. Ich möchte jetzt nicht weiter darüber reden.”

Seufzend beugt Doreen sich vor und greift zu den Notizzetteln. „Okay, schon gut. Also, wo waren wir stehen geblieben?”

Keuchend stoppt Kira vor der Haustür, beugt den Oberkörper vor und stützt sich mit den Handflächen auf den Oberschenkeln ab. „Irgendwann schlage ich dich”, stößt sie hervor, „ich schwöre es!”

Finn grinst. „Für eine Anfängerin bist du wirklich gut und du hast verdammt viel Ehrgeiz. Aber wenn’s drauf ankommt, spielen gerade deswegen deine Nerven nicht mit. Du bleibst nicht cool. Sobald wir den Endspurt starten und ich dich verfolge, wirst du hektisch, beginnst zu hecheln wie ein Dackel und dann verlässt dich mitten im Sprint die Power”, erklärt er gelassen.

„Wenn die geräuschvolle Atemtechnik der Grund ist, müsstest du nach fünfzig Metern zusammenbrechen, du … du … Bernhardinerschnaufer.”

In diesem Moment öffnet sich die Haustür. Pascal baut sich breitbeinig vor ihnen auf und verschränkt die Arme vor der Brust. „Hast du meine Freundin schon wieder fertiggemacht, Finn?” Seine Mundwinkel zucken amüsiert. „Wenn ich es richtig sehe, finanziert sie eure Joggingkasse ganz allein.”

Finn hebt übertrieben ängstlich die Hände. „Sie wollte es nicht anders, Boss. Ehrlich. Ich habe ihr mehrfach angeboten, heute auf den Zielsprint zu verzichten, aber sie hat darauf bestanden, fünf Euro zu verlieren.”

„Irgendwann bin ich so fit, dass nur noch du zahlst”, verspricht Kira und streckt ihrem Joggingpartner die Zunge heraus.

Pascal hebt demonstrativ die linke Augenbraue. „Ich schätze, vorher bezahlst du, allerdings auf andere Art. Der Bernhardinerschnaufer und die rausgestreckte Zunge dürften nicht billig werden.” Er wendet sich Finn zu. „Tut mir leid, ich habe meine Erziehungs- und Aufsichtspflicht anscheinend sträflich vernachlässigt.”

Finn verkneift sich ein Grinsen, nickt ernst und lässt seinen Blick über Kiras verschwitzten Körper gleiten. „Ich an deiner Stelle würde ihr heute noch den Hintern versohlen.”

Pascal seufzt ergeben und greift in Kiras Haare, um ihren Kopf zu sich zu drehen. „Du hörst es, ich bin viel zu nachsichtig mit dir, diese Fehlentwicklung werde ich schleunigst korrigieren.” Er zwingt ihr deutlich vergnügt einen Kuss auf, bevor er sie loslässt und sich wieder Finn zuwendet. „Ja, sie hat es nicht anders gewollt. Du allerdings wirst auf das Vergnügen zuzusehen verzichten müssen. Es gibt einen Job für dich.”

„So’n Pech aber auch.” Während Kira kichernd an Pascal vorbei ins Haus flüchtet, runzelt Finn die Stirn. „Der nächste Lehrgang ist doch erst in drei Wochen.”

Pascal nickt. „Richtig. Aber du fährst heute nach Hamburg.”

„Was soll ich da?”

„Geh duschen und dann komm zu uns rüber. Ich erkläre dir alles beim Frühstück.”

„Okay, Boss. Bis gleich.” Sich lässig an die nicht vorhandene Mütze tippend, dreht Finn sich um, läuft über den Hof und betritt das alte Bauernhaus. Gut gelaunt pfeift er vor sich hin. Das Leben hat es schon schlechter mit ihm gemeint. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass er sich bei Pascal Engel zu einem Lehrgang für Personenschützer anmeldete. Bis dahin hat er seine Abende und Nächte als Türsteher verbracht. Er wollte jedoch weiterkommen, besuchte den Kurs und blieb, weil Pascal ihn fragte, ob er als Trainer für ihn arbeiten wolle. Seitdem wohnt er im Haupthaus des ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebes, den Pascal für seine Trainingslehrgänge gemietet hat. Seit der Boss mit seiner Freundin nun auch auf dem Hof im stilvoll umgebauten alten Schweinestall lebt, muss Finn jedoch aufpassen, kein Fett anzusetzen, da Kira ihn zur Familie zählt und ihn bei den Mahlzeiten mit einplant. Obwohl Pascals Herzensdame in ihrem nahe gelegenen Hotel genug zu tun hat, liebt sie es, zu Hause ihre Männer zu verwöhnen.

Bevor die beiden auf den Hof zogen, hat Finn sich um seine Verpflegung keine Gedanken gemacht. Er ist sehr genügsam, bewohnt, wie die Teilnehmer während der Seminarwochen, eins der schlicht eingerichteten Gästezimmer und benutzt die Kaffeemaschine und den Kühlschrank in der großen Gemeinschaftsküche der Kursteilnehmer. Er würde im Traum nicht darauf kommen, für sich selbst aufwendig zu kochen. Das Geld spart er lieber für seine Reisen quer durch Europa im Camper, zu denen er gerne spontan aufbricht, wann immer er Zeit hat.

Kira trinkt den letzten Schluck Kaffee aus ihrer Tasse, erhebt sich und schiebt den Stuhl zurück. „So, ihr beiden, ich muss los. Mona erwartet mich.”

Pascal runzelt demonstrativ die Stirn. „Warum weiß ich davon nichts?”

Sie grinst. „Ich bitte vielmals um Verzeihung, großer Häuptling. Wir haben uns erst gestern Abend verabredet. Und da du angekündigt hast, den Tag mit deiner Freundin, Madame Buchführung, zu verbringen, hielt ich es für überflüssig, um Erlaubnis zu fragen”, fügt sie schnippisch hinzu. Sie stellt sich hinter Pascal, legt ihre Hände auf seine Schultern und drückt ihrem Liebsten einen geräuschvoll schmatzenden Kuss auf die Wange. Als sie sich umdrehen will, packt Pascal sie am Unterarm. „Nicht so schnell, Haselnuss.”

Kira verdreht die Augen. „Mona wartet, ich bin spät dran.”

Ungerührt zieht er sie auf seinen Schoß. „Was habt ihr vor? Wann sehe ich dich wieder?”

„Wir sind auf die Idee gekommen, Töpferwaren aus Monas Werkstatt als Souvenirs im Hotel zu verkaufen. Darüber wollen wir sprechen. Keine Ahnung, wie lange es dauert.”

Er packt ihr Kinn, zwingt sie, ihm ihren Kopf zuzudrehen, und sie versinken in einem intensiven Kuss.

Finn räuspert sich. „Soll ich besser …”

„Ja”, knurrt Pascal an ihren Lippen, doch Kira reißt sich los und kichert. „Du kannst bleiben, Finn. Ich bin weg.”

„Schlecht erzogen, das Weib”, grummelt Pascal, „definitiv schlecht erzogen. Komm du mir nach Hause!”, ruft er ihr drohend hinterher.

Lachend läuft sie hinaus.

Finn greift zur Thermoskanne. „Willst du noch Kaffee?”

„Ja, gieß ein.”

Er füllt beide Becher und gibt Milch und Zucker in seinen dazu. Dann lehnt er sich zurück und trinkt einen großen Schluck. „Okay, was ist mit dem Job in Hamburg?”

Pascal nickt. „Es geht um Zeugenschutz und wird sehr gut bezahlt.”

Irritiert die Stirn runzelnd öffnet Finn den Mund, doch bevor er nachfragt, hebt Pascal schon die Hand. „Hör erst mal zu.”

Finn stellt seinen Becher ab und verschränkt die Arme vor der Brust. „Leg los.”

„Die Dame, um die es geht, heißt Pia Krüger. Ich kenne ihren alten Herrn aus meiner aktiven Zeit als Personenschützer. Hermann Krüger ist ein alteingesessener hanseatischer Unternehmer und schwerreich. Seine Tochter wurde gestern Zeugin eines Mordes im Rotlichtmilieu und muss vor Gericht aussagen. Er will, dass wir bis zur Verhandlung auf sie aufpassen.”

„Wenn der Typ so reich ist, wird er doch sein Haus vernünftig gesichert haben?”

„Pia wohnt nicht in der Familienvilla, sondern in einer eigenen Wohnung. Außerdem sitzt der alte Krüger den ganzen Tag im Büro. Er kann sich nicht selbst um seine Tochter kümmern, und dass die Polizei angeboten hat, vermehrt Streife rund ums Haus zu fahren, reicht ihm natürlich nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass heute Morgen ein Foto von Pia in der Tageszeitung veröffentlicht wurde. Ich habe ihm versprochen, dass wir ab heute Nachmittag übernehmen, bis dahin bleibt sie in ihrer Wohnung. So hat er es mit ihr abgesprochen.”

Finn nickt. „Soll ich sie hierherholen oder Tag und Nacht bei ihr bleiben?”

„Fahr erst mal hin und rede mit der Dame. Stell fest, wie sicher ihre Wohnung ist und wie sie psychisch klarkommt. Einen Mord zu beobachten und danach bedroht zu werden, ist ja nicht gerade ein nettes Gesellschaftsspiel. Sie hat wohl einen Freund, aber der alte Krüger weiß nicht, ob sie zusammenleben. Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter scheint nicht das Beste zu sein. Er kann nicht viel über ihr Leben erzählen. Sollte sie die Wohnung mit ihrem Lover teilen, reicht es sicher, sie nur außerhalb ihrer vier Wände zu begleiten.”

„Und wenn sie allein lebt?” Er zwinkert. „Vielleicht gibt sie mir dann ja ein Eckchen in ihrem Bettchen. Wie alt ist die Dame überhaupt?”

Pascal legt den Kopf in den Nacken und blickt nachdenklich Richtung Zimmerdecke. „Pia müsste zwischen fünfundzwanzig und dreißig sein. Soweit ich mich erinnere, sah sie gut aus, war damals aber ziemlich verschlossen und mürrisch.”

„Na klasse”, stöhnt Finn.

Pascal winkt ab. „Als ich für ihren Vater gearbeitet habe, war sie eine pubertierende Fünfzehnjährige, deren Mutter sich umgebracht hat.”

„Umgebracht?”

Pascal seufzt. „Ja, war nicht schön damals. Sie wurde mindestens ein Jahr lang psychologisch betreut. Inzwischen dürfte sich Pias seelische Verfassung normalisiert haben.”

Geräuschvoll ausatmend stellt Finn seinen Kaffeebecher ab und steht auf. „Wollen wir es hoffen. Hat die Dame einen Beruf oder lebt sie von den Millionen ihres alten Herrn?”

Pascal zuckt mit den Schultern. „Einen normalen Vollzeit-Job hat sie wohl nicht. Ihr Vater erzählte nur, dass sie für irgendeinen politischen Verein, Frauenrecht oder so was, aktiv ist, und klang ziemlich abfällig.”

Finn wirft einen verzweifelten Blick Richtung Zimmerdecke. „Verwöhntes Millionärstöchterchen, Emanzipation und Politik, das klingt nach einem verdammten Scheißjob.”

Pascal lacht. „Lass solche Vorurteile nicht unsere Ladys hören, sonst hängen sie dich gemeinschaftlich an Tims Andreaskreuz und toben sich mit dem Rohrstock auf deinem Hintern aus.”

Finn zuckt theatralisch zurück. „Bewahre!”

Pascal zwinkert. „Am besten machst du Pia Krüger ein bisschen Angst. Anschließend überredest du sie, bis zum Prozess in die Familienvilla zu ziehen. Dann musst du sie nur begleiten, wenn sie zum Friseur geht oder die wöchentliche Shoppingtour absolviert. Ihre politische Karriere kann sie fortsetzen, nachdem sie vor Gericht ausgesagt hat.” Er deutet mit dem Kopf in Richtung seines Arbeitszimmers. „Auf meinem Schreibtisch liegt die Adresse ihrer Wohnung.”

Finn dreht sich um und hebt grüßend die Hand. „Okay, ich nehme Maggie, dann kann ich vor ihrer Tür übernachten, falls es nötig sein sollte.”

Kapitel 2

Finn parkt seine Maggie, den dunkelblauen Lieferwagen, den er sich zu einem gemütlichen Campingbus umgebaut hat, in der Nähe des Hauses und sieht sich in Ruhe um. Wenigstens lungern nicht bereits zwielichtige Typen auffällig unauffällig vor ihrer Tür herum, die darauf warten, das Mädel zu erwischen. Es scheint also momentan keine akute Bedrohung zu geben. Pia Krüger wohnt in einer der ungepflegteren Ecken von Altona. Nicht gerade der typische Stadtteil für Millionärstöchter und ganz bestimmt nicht der sicherste von Hamburg. Missmutig steckt er sich ein scharfes Pfefferminzbonbon zwischen die Zähne und steigt aus dem Auto.

Die angegebene Adresse gehört zu einem dieser typischen hässlich grauen Nachkriegs-Mietshäuser in der Nähe der Sternschanze. Trotz des herrlichen Frühsommertages mit strahlendem Sonnenschein wirkt die Straße schmuddelig. Unten reihen sich kleine Läden und Kneipen der eher alternativen und linken Szenen aneinander. Die Mieter der oberen Wohnungen waren früher typische Arbeiterfamilien, heute sind es vor allem Studenten-WGs und politisch engagierte junge Leute. Graffiti und Parolen schmücken die Hauswände, und zwei einsame Bäume kämpfen, zwischen parkenden Autos und zerquetschten Getränkedosen, ums Überleben. Irgendjemand hat einen zertrümmerten Stuhl an der Straßenecke entsorgt, Mülleimer quellen über und Fußgänger eilen den Bürgersteig entlang.

Die alte verschrammte Haustür steht offen und Finn betritt unbehelligt das Treppenhaus.

Pia Krüger wohnt ganz oben im vierten Stock. Auf dem Klingelschild liest er unter ihrem Namen drei weitere: Tobias Wagner, Doreen Schmidt und Nadja Sonntag.

Ein Pärchen kommt ihm auf den ersten Stufen entgegen. Die beiden schlängeln sich an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten.

Als Finn den letzten Treppenabsatz erreicht, betrachtet er alarmiert die geöffnete, angelehnte Wohnungstür. Augenblicklich ist er hoch konzentriert. Der Klingelknopf ist aus der Wand gerissen. Er hängt nur noch an einem Draht und funktioniert sicher nicht mehr. Drinnen dudelt ein Radio. Sachte klopft er gegen die Tür, wodurch sie ein Stück aufschwingt und er in einen langen Flur blicken kann.

Kein Mensch ist zu sehen, niemand hat sein Klopfen gehört. Entweder hatte die Dame schon unliebsamen Besuch oder sie ist extrem leichtsinnig. Er betrachtet das Schloss und den Schließzylinder. Einbruchspuren sind nicht zu erkennen, also scheint ihm die zweite Version wahrscheinlicher. Finn stöhnt innerlich auf. Na klasse, solche Menschen zu beschützen, gestaltet sich meist ziemlich anstrengend.

Er tritt ein und sieht sich um. Die Wände leuchten in hellem sauberen Weiß. Zwei Zimmertüren stehen offen, drei weitere sind geschlossen. Links kann er direkt in eine kleine Küche gucken. Auf den beigen, schlichten Schränken neben der Spüle und dem Herd türmt sich benutztes Geschirr. Der Flur ist bis auf eine mit Jacken und Mänteln überladene Garderobe leer. Männer- und Frauenschuhe reihen sich unordentlich an der Wand entlang.

„Hallo? Jemand da?”

Keine Antwort.

Er wirft einen Blick in den rechten Raum, ein Schlafzimmer, in dem es leicht chaotisch aussieht. Das Bett ist nicht gemacht, Klamotten, Bücher, Taschen und Schuhe liegen wild über einem Sessel und einem Stuhl verteilt. Auf einem Schreibtisch türmen sich Papierberge. Der Anblick erinnert ihn kurz an sein Jugendzimmer in seinem Elternhaus. Kopfschüttelnd wendet er sich ab.

Aus dem gegenüberliegenden Raum tönt die Musik. Finn klopft gegen den Türrahmen. „Hallo?”

Keine Antwort.

Er schiebt die Tür weiter auf und tritt ein. Das Zimmer ist größer und das absolute Gegenteil vom ersten Raum. Es ist so aufgeräumt, dass es steril wie eine Ausstellungsecke im Möbelhaus wirkt. Rechts an der Wand fällt sein Blick auf eine schlichte, altmodische, mit grauem Stoff bezogene Couch. Es ist eines dieser unförmigen Teile, die man zu einem Bett ausziehen kann. Davor stehen zwei Sessel und ein niedriger Tisch. Die andere Raumhälfte wird von einem großen Schreibtisch aus dunklem Eichenholz dominiert, dessen Arbeitsplatte bis auf einen Laptop leer ist. Daneben steht ein Kleiderschrank. Vor einer geöffneten Balkontür agiert hektisch eine kleine, schmale Person mit kurzen braunen Haaren. Sie ist anscheinend konzentriert damit beschäftigt, sauber zu machen. Sie hält einen Lappen in der einen und eine Vase, die sie mit energischen Bewegungen abwischt, in der anderen Hand.

Finn räuspert sich. „Pia Krüger?”

Sie wirbelt herum. Aus einem blassen, zum Kinn hin ovalen Gesicht mit weich geschwungenen Lippen starren ihn, unter einigen in die Stirn gefallenen Haarsträhnen, zwei große braune Augen an.

Pias Herzschlag setzt eine Sekunde lang aus, bevor sich eisige Kälte unter ihren Rippen ausbreitet und die Luft in ihrer Lunge zu Eiskristallen gefrieren lässt. In ihrem Magen bildet sich ein zentnerschwerer, Übelkeit verursachender Felsbrocken. Sie schluckt schwer. Vor ihr steht ein Schrank von einem Mann. Er ist mindestens zwanzig Zentimeter größer als sie und so breit wie die Tür. Seine vollen Lippen biegen sich höhnisch verzogen aufwärts, braun-grüne Augen mustern sie mit einem derart arroganten Gesichtsausdruck, dass ihr übel wird.

So schnell haben die Arschlöcher sie also gefunden. Die Erkenntnis trifft sie wie ein fieser Nadelstich direkt in den Brustkorb. Sie hat nicht damit gerechnet, dass die Typen es so eilig haben. Am helllichten Tag! Es ist nicht zu fassen. Die fühlen sich so sicher, dass sie nicht mal Angst vor Zeugen haben. Ihr ganzer Körper wird steif und ihr Puls rast. Der Kerl ist ein Auftragskiller. Garantiert. Er wirkt wie ein in harmlose Jeans verkleideter Rocker. Er wird sie zusammenschlagen, damit sie schweigt, oder eine Pistole ziehen, um sie gleich zu töten. Ach Quatsch, der braucht keine Waffe, er kann sie locker mit einer Hand erwürgen. Sie ist allein mit ihm. Niemand wird ihr helfen. Der Gedanke verwandelt ihre Gehirntätigkeit in pure, planlose Panik.

„Hau ab!”, keift sie und wirft die Vase in seine Richtung. Der Typ bückt sich und das Porzellan zerspringt hinter ihm am Türrahmen in tausend Teile. Er hebt die Augenbrauen, dreht sich kurz um und betrachtet lässig den Schaden, dann tritt er unbeeindruckt einen Schritt auf sie zu.

Scheiße! So eine Scheiße!

„Die Tür stand offen. Das ist keine besonders gute Idee, wenn man bedroht wird”, stellt er spöttisch fest und schlendert weiter in ihre Richtung. Er hat lange blonde Haare, die am Hinterkopf zu einem Zopf zusammengebunden sind. Unter der hohen Stirn ist das Gesicht, mit ausgeprägten Jochbeinen und einem vorspringenden, glatt rasierten Kinn, kantig. Der Blick aus seinen Augen mit einer seltsamen Farbe wirkt durchdringend, taxierend und gefährlich. Der Hals des Ungeheuers ist so massig wie einer ihrer Oberschenkel. Seinen Armen sieht man durch den dünnen Stoff des schwarzen Hemdes die ausgeprägten Muskeln an. Genauso sehen die Bösen in Fernsehkrimis aus. Er ist ein Kämpfer, einer dieser Türsteher, einer fürs Grobe, einer, der engagiert wurde, um sie zum Schweigen zu bringen. Ganz sicher.

Pia denkt nicht mehr, sie sieht rot, nur noch rot. Sie stürzt sich mit erhobenen Fäusten auf ihn und beginnt, seinen Brustkorb mit kräftigen Schlägen zu malträtieren. Er wankt nicht mal, er stöhnt nicht, er reagiert einfach gar nicht!

Pias Paniklevel steigt weiter, kreischend prügelt sie auf ihn ein, bis sich seine Finger eisenhart um ihre Handgelenke legen und sie festhalten.

„Ruhe!”, motzt er mit tiefer, rauer Stimme.

Sie verstummt umgehend.

„Was du da machst, ist Energieverschwendung”, stellt er, schon wieder vollkommen relaxt, fest, lässt ihr linkes Handgelenk los und öffnet mühelos ihre rechte Faust, die sie immer noch mit verkrampften Fingern bildet. „Wenn du von einem Mann angegriffen wirst und dich wehren willst, trete ihm erst in die Eier. Dann stich mit den Fingerspitzen zu. Und nicht gegen den harten Brustkorb deines Gegners, da lacht ein Kerl wie ich nur drüber, sondern ziel in eine empfindliche Region, zum Beispiel hier.” Er führt ihre Hand schräg an seine Kehle. „Klar?”

Sie starrt in dieses herbe Gesicht mit den geschwungenen Lippen und versteht kein Wort. Die ungewöhnliche braun-grüne Farbstreuung seiner Iriden lässt das schwarze Schimmern der Pupillen noch dunkler wirken, als sähe man in tiefe Abgründe. Und diese Mimik hat nichts Wohlwollendes. Sie ist gleichgültig, gelassen, nahezu ausdruckslos kalt. Ja, definitiv ein Profikiller, ganz sicher. Sie hat keine Chance gegen ihn. Es ist vorbei. Ihre Atmung setzt aus. Verzweifelt japst sie nach Luft, doch da ist nur noch Vakuum.

„Fuck”, knurrt der Typ, lässt ihre Hand los und dirigiert sie an den Oberarmen rückwärts zu einem der Sessel. „Atme, Mädel, ich tu dir nichts.”

Sie plumpst auf das Polster. Ihre Lunge schmerzt höllisch, Tränen lassen ihren Blick verschwimmen. Er geht vor ihr in die Hocke. Sein Gesicht ist jetzt ganz nah. Wieder liegen seine Hände fest an ihren Unterarmen, diesmal aber nicht schmerzhaft, sondern warm und beruhigend. Die Daumen streichen sachte über ihre Haut. Sie starrt zu ihm auf und unvermittelt halten seine Augen sie auf eigenartige, sehr dominante und gleichzeitig besänftigende Weise gefangen. „Du wirst jetzt ausatmen. Alles ist gut, ich bin da, um dich zu beschützen. Okay? Mach es mir nach”, befiehlt er ruhig, aber autoritär, und beginnt zu summen. Er ist es definitiv gewohnt, dass man ihm gehorcht. Sein Gesichtsausdruck drückt so viel gelassene Selbstsicherheit aus, dass sie sein Verhalten nicht infrage stellt, sondern einfach der Anweisung folgt. Der Schmerz löst sich, sie holt zitternd Luft. Ein Hauch seines Geruches zieht in ihre Nase. Er duftet unaufdringlich, nicht ganz klar definierbar, nach Mann und eventuell etwas Schweiß, gemixt mit einem Deo oder Rasierwasser und Pfefferminzbonbon. Ohne dass sie sich dagegen wehren kann, ist sie auf ihn fixiert, als hätte er sie hypnotisiert, als wäre sie bei ihm in Sicherheit, fast will sie näher zu ihm rutschen. Sie starrt in sein Gesicht, atmet mit ihm ein und summt mit ihm aus, ganz automatisch.

Er nickt und zeigt ein angedeutetes Lächeln. „So ist es richtig. Langsam einatmen und tief summen, bis die Lunge leer ist. Du machst das sehr gut. Gleich geht es dir besser.”

Minuten später ist der Panikanfall überwunden. Pia kann wieder denken. Irritiert von dem gerade durchlebten Gefühlsaufruhr, befreit sie ruckartig ihre Arme aus seinem Griff. „Wer bist du?”

„Finn Lorenz. Bodyguard.”

„Wie?”, stößt sie heiser hervor.

„Lorenz. Mich schickt der Schutzengel.”

„Was?”

Er zwinkert. „Ich bin der bei Pascal Engel angeforderte Personenschutz.”

Er richtet sich auf und tritt einen Schritt zurück, sodass sie auch aufstehen kann, was sie unverzüglich tut.

Schnell bewegt sie sich zur Seite, weg von ihm, und schüttelt den Kopf. „Dein Name sagt mir nichts und ich habe niemanden herbestellt.”

„Ich bin ein Mitarbeiter von Pascal. Dein Vater hat mich engagiert. Er hat dir doch Bescheid gesagt, oder etwa nicht?”

Sie räuspert sich, um ihrer Stimme mehr Festigkeit zu geben. „Tut mir leid. Du bist umsonst gekommen. Ich habe meinem Erzeuger ausdrücklich mitgeteilt, dass ich keinen Personenschutz will.”

Finn streicht sich nachdenklich über das glatt rasierte Kinn und mustert die zierliche Kleine mit dem ernsten Gesicht. Sie entspricht nicht dem, was er erwartet hat. Verwöhnte Töchter aus reichen Familien sehen gewöhnlich anders aus, benehmen sich anders und reden anders. Pia duzt ihn ganz selbstverständlich. Sie trägt schlichte Jeans, eine ebenso schlichte blaue Bluse und darunter einen BH, der ihre Brüste nicht betont, sondern flach drückt, wahrscheinlich einen dieser Sport-BHs, wie Kira sie beim Joggen anzieht, damit nichts wackelt. Sie ist barfuß und ungeschminkt. Die pflegeleichte Kurzhaarfrisur wirkt nicht, als ob sie viel Zeit beim Friseur verbringt, und die Einrichtung der Wohnung passt eher zu einem Studentenhaushalt als zu einer Millionärin.

Inzwischen hat sie ihre Fassung wiedergefunden. Sie hebt ihr Kinn und sieht ihm in die Augen. „Lass dir die Anfahrt von meinem Vater bezahlen. Tut mir leid, es ist ein Missverständnis zwischen meinem Vater und mir.”

Er sollte gehen. Er hat wirklich Besseres zu tun, als sich irgendwo aufzudrängen, wo er nicht erwünscht ist. Er wird jetzt die Wohnung verlassen, sich ins Auto setzen und es Pascal überlassen, die Angelegenheit mit ihrem Vater zu klären, aber … fuck, er tut es nicht.

Er dreht sich zum Radio und schaltet es aus. Das Gedudel geht ihm auf die Nerven. Vielleicht braucht er auch nur einen Moment, um sich zu sammeln.

Als er sich ihr wieder zuwendet, verschränkt er die Arme vor der Brust. „Ich bin unbehelligt in dein Wohnzimmer marschiert, und du warst davon überzeugt, dass ich dir etwas antue. Warum willst du dich nicht beschützen lassen? Ruf deinen Vater an, falls du mir noch nicht traust. Er wird bestätigen, dass er mich engagiert hat.”

„Nein. Bitte geh.”

Ihre Coolness ist gespielt. Sie versucht ganz offensichtlich, ihre wahren Gefühle zu verbergen, doch das gelingt ihr nicht. Sie zieht die Schultern hoch und er erkennt das leichte Beben ihrer Unterlippe. Sie will ihm ausweichen, geht an ihm vorbei zur Tür, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und zuckt in der gleichen Sekunde zusammen. „Au!”

Während sie reflexartig den rechten Fuß hochzieht, presst sie die Lippen fest aufeinander und schwankt kurz, bis sie am Türrahmen Halt findet. Blut tropft auf den Laminatboden.

„Du hast dich an einer Scherbe geschnitten.” Finn greift nach ihrem Arm, um sie zu stützen.

„Lass mich”, zischt sie, „das ist nichts.”

Er verdreht genervt die Augen. „Das ist ein langer Schnitt, und dir fällt kein Zacken aus der Krone, wenn du dir helfen lässt.”

„Ich …”

Ehe sie weiterredet, hat er sie auf den Arm gehoben.

„Hey!”

„Wo ist das Bad?”

„Lass mich runter!”

„Sag mir, wo das Bad ist, oder willst du deine ganze Wohnung versauen?”, grollt er und spürt im gleichen Moment, wie sie sich fester an ihn drückt. Augenblicklich zuckt sein Schwanz.

„Hinten links, letzte Tür”, stößt sie heiser hervor.

Sie reagiert wie ein Magnet auf seine Dominanz. Finn praktiziert lange genug BDSM, um ihre Mimik und ihr Verhalten richtig zu deuten. Pia Krüger ist devot. Sein Penis drückt unangenehm gegen den festen Stoff der Jeans und er will sie nie mehr aus seinem Arm entlassen. Verflucht! Was ist das? Spinnt er? Noch nie hat er so spontan und so intensiv auf eine Frau reagiert.

Er drückt mit dem Ellenbogen die Klinke herab, schubst die Tür auf und sieht sich beim Eintreten schnell um. Es ist ein recht geräumiges, altmodisches Bad mit einer Waschmaschine neben einer Wanne und einem hässlichen, halb zugezogenen Duschvorhang. Er setzt sie vorsichtig auf der Waschmaschine ab und wirft ein Handtuch auf den Boden, damit das Blut aufgefangen wird.

Pia winkelt das Knie an und legt die Wade auf den anderen Oberschenkel, um die Fußsohle sehen zu können. Sie zieht zischend Luft durch die zusammengebissenen Zähne.

„Kopf weg, lass mich das machen”, befiehlt er ungeduldig.

Sie murmelt irgendetwas Unverständliches, wehrt sich jedoch nicht, als er ihren Oberkörper an der Schulter zurückschiebt, sanft den süßen schmalen Knöchel umfasst und die Verletzung betrachtet. Es ist ein ungefähr drei Zentimeter langer, aber zum Glück nicht tiefer Schnitt am Rand des Ballens.

„Hast du Pflaster und Verbandmull?”

„Im Schrank neben dem Waschbecken, linke Tür.”

Ihre Stimme ist ganz leise und rau. Prüfend mustert Finn ihr Gesicht. Ihre Wangen glühen. Sie ist verlegen, atmet aber normal. Sie hat keine Angst mehr vor ihm und vermutlich ist ihr Höschen schon feucht.

Er verkneift sich ein Schmunzeln, steht auf, öffnet den Schrank, findet, was er braucht, und wendet sich wieder ihr zu. Mit routinierten Bewegungen legt er einen Druckverband an, der die Blutung sofort stoppt. Es gefällt ihm, ihren zierlichen Knöchel in der Hand zu halten. Sie schweigen.

„Noch nicht auftreten”, warnt er, als er fertig ist, und drückt sachte auf ihre Schulter, damit sie sitzen bleibt. Unwillig murrend versucht sie, ihn abzuschütteln, was ihn allerdings wenig beeindruckt. „Leg den Arm um meinen Nacken, ich trage dich zurück.”

„Nein.”

„Jetzt!”

Reflexartig schlingt sich ihr Arm um seinen Hals, und er muss erneut ein Lächeln unterdrücken, während er sie hochhebt.

Er trägt sie in ihr Zimmer, um sie dort auf die Couch zu setzen. Bevor er sie runterlässt, nähern sich seine Lippen ihrem Gesicht. Er will seiner Intuition folgen, sie auf die Stirn zu küssen, aber im letzten Moment zuckt er zurück. Fuck! Das hier ist ein Job! Er kann sie doch nicht einfach küssen! Was macht die Kleine nur mit ihm?

„Danke. Ich komme jetzt allein klar.” Mit einer steilen Falte zwischen den Augenbrauen und glühenden Wangen starrt sie an ihm vorbei.

Seufzend setzt er sich ihr gegenüber in den Sessel. „Du bist Zeugin eines Mordes geworden. Richtig?”

Sie reagiert nicht, blickt stur auf den Fußboden und ihre Finger graben sich in das Polster der Couchlehne. Genervt beugt er sich vor, fasst an ihr Kinn und zwingt sie, ihn anzusehen. Sie wehrt sich nicht, wird aber stocksteif.

„Als ich reinkam, dachtest du, ich bringe dich um. Du hattest Todesangst, also erzähl mir nicht, dass du keinen Schutz brauchst.”

Er lässt sie los und lehnt sich zurück. Sofort weicht sie seinem Blick wieder aus. „Mein Vater will mich nur kontrollieren.”

„Er will, dass du sicher bist.”

Sie holt tief Luft. Das stimmt nicht. Er …”

„Sei still!”

Sie zuckt zusammen. Ihre Mimik zeigt Anzeichen von Entrüstung. Finn muss aufpassen, dass er nicht versehentlich lächelt. Es sieht so süß aus, wie sie die Stirn krauszieht und ihre Augen zu schmalen Schlitzen werden, aus denen ihn die Pupillen mutig anblitzen. Ihr Trotz macht ihn wahnsinnig an. Er will in ihren Nacken packen, ihren Kopf zu sich heranziehen und ihr einen Kuss aufzwingen. Es muss sich heiß anfühlen, diese geschwungenen Lippen zu berühren, die Zunge in ihren Mund zu drängen und zu spüren, wie ihr Körper nach der anfänglichen Abwehr weich und nachgiebig wird. Verflixt noch mal! Was sind das für Ideen? Sie ist eine Kundin. Er sollte öfter in den Club gehen, um für einen besseren Ausgleich seines Hormonhaushaltes zu sorgen. Genervt atmet er tief durch und konzentriert sich darauf, gelassen zu klingen. „Es geht mich nichts an, was zwischen dir und deiner Familie abläuft. Wenn du mir nicht traust, weil dein Vater mich beauftragt hat, steht es dir frei, jemand anders zu engagieren. Aber bis du das getan hast, beschütze ich dich”, erklärt er ruhig.

Ungläubig starrt sie ihn an. „Du kannst mich doch nicht zwingen! Ich will, dass du gehst.”

„Ich bleibe.”

Stille.

„Warum tust du das?”

„Weil mein Boss deinem Vater versprochen hat, dass wir für deine Sicherheit sorgen.”

„Pascal Engel?”

„Du kennst Pascal. Er hat schon früher für euch gearbeitet.”

Sie nickt knapp, schüttelt dann aber unwillig den Kopf. „Dies ist eine WG. Ich wohne nicht allein hier, sondern mit …”, sie zögert kurz, „mit meinem Freund und zwei Freundinnen. Das ist sicher genug für mich.”

Er will nach ihren Händen greifen, zwingt sich jedoch, es nicht zu tun. Er ist Profi! PROFI! Verflucht!

„Warum stand die Tür dann auf? Warum konnte ich unbehelligt bis zu dir ins Zimmer laufen? Warum hat niemand deine Schreie gehört und ist zu Hilfe geeilt?”

Sie stöhnt genervt. „Das Holz ist verzogen, wenn man nicht aufpasst, schnappt der Riegel nicht ein. Ich sage meinen Mitbewohnern Bescheid, dann werden sie zukünftig darauf achten.” Sie senkt für einen kurzen Moment den Blick, richtet sich aber schnell wieder entschlossen auf. „Außerdem macht mein Freund Judo, er wird mir nicht mehr von der Seite weichen und kann mich verteidigen.”

Freund? Pah! Den will er erst mal kennenlernen, bevor er sie ihm anvertraut.

„Wo ist er denn, dein Freund?”

„Der kommt gleich wieder.”

„Fein. Dann werden wir ja sehen, wie gut er dich beschützt.”

Auf ihrer Stirn bildet sich erneut eine tiefe Falte. „Wie meinst du das denn?”

Er grinst. „Nur so.”

Ihre Augen blitzen. „Du hast kein Recht dazu, dich hier so aufzuspielen”, faucht sie.

Pia fühlt einen dicken Kloß im Hals. Was macht dieser Typ mit ihr? Warum setzt sie sich nicht durch? Eine endlose Minute lang versinken ihre Blicke ineinander, ohne dass sie sich losreißen kann. Schon wieder!

„Ich habe einen Auftrag, und dein Vater bezahlt gut”, stellt er schließlich entschieden fest und lehnt sich zurück, als wäre das Gespräch mit diesem Statement beendet.

Sie will ihn rausschmeißen, die Polizei rufen, das Fenster öffnen und um Hilfe schreien, ihm kaltes Wasser ins Gesicht schütten, damit er abhaut, aber sie macht … nichts. Sie bleibt einfach sitzen. Sie kann nicht. Nein, sie will nicht. Sie will nicht, dass er geht. Sie will ihn wieder spüren, seine Finger an ihrem Kinn, seine Kraft, als er sie getragen hat, seine Wärme, als er ihre Handgelenke gehalten und mit dem Daumen so beruhigend über ihre Haut gestreichelt hat. Er ist stark und weiß, was in kritischen Situation zu tun ist. Sie fühlt sich so sicher bei ihm. Sie möchte auf seinen Schoß krabbeln, die Augen schließen und sich geborgen fühlen. SCHEISSE! Ist sie denn total verrückt? Er steht auf der Lohnliste ihres Vaters! So einem darf sie doch nicht trauen! Sie atmet tief durch, aber es wird nicht besser.

Dieses Gefühl, jeden Halt zu verlieren, weil sie bedroht wird und hilflos ist, durchdringt sie plötzlich bis auf die Knochen, wie eisige Kälte im Winter. Es ist die Ausnahmesituation, die Angst vor diesen Verbrechern, die ihr den Verstand raubt. Immer wieder blitzt das Geschehene wie ein Film vor ihrem inneren Auge auf. Sie kann sich nicht dagegen wehren, muss zum hundertsten Mal zusehen, wie in einer irrealen Art von Slow Motion dem armen Kerl die Kehle durchgeschnitten wird, wie er unnatürlich zuckend in sich zusammensinkt und wie die Typen sich umdrehen und sie entdecken.

Diese fiesen Blicke verfolgten sie die ganze Nacht, sodass sie nicht eine Minute schlafen konnte. Sie weiß nicht, wie sie mit der Situation und ihrer Angst klarkommen soll, aber Finn ist nicht die Lösung. Sie darf ihm nicht trauen, auch wenn es sich gerade noch so verdammt gut angefühlt hat, als dieser arrogante Bodyguard über sie bestimmt und ganz selbstverständlich und souverän die Führung übernommen hat.

Und selbst wenn sie ihm glauben würde, dass er auf ihrer Seite ist, der Zustand ihrer Geschlechtsorgane verbietet ihr jeden weiteren Kontakt. Die Wirkung seiner Dominanz auf ihre Libido ist gefährlicher als seine Verbindung zu ihrem Erzeuger. Es erregt sie, wenn er sie anfasst, wenn er sich gegen ihren Widerstand durchsetzt, wenn er sie mit seinem Blick hypnotisiert. Sie spürt eine unheimliche, starke, eine beängstigend intensive Sehnsucht nach seiner Dominanz. Noch nie ist sie feucht geworden, wenn ein Typ sie anmotzt. Auf der verdammten Waschmaschine hätte sie um ein Haar die Beine gespreizt, damit er ihren Venushügel berührt! In ihrem Bauch summt und vibriert es, wenn er sie nur ansieht. Sie will seine starken Arme um ihren Körper fühlen. Sie will, dass er wieder ihre Handgelenke packt, will sich seinem Willen beugen und sich bei ihm ankuscheln. All das macht ihr fast mehr Angst als die Bedrohung durch diese scheiß Killer.

Finn ist exakt der Typ Mann, von dem sie träumt, wenn sie sich ihren Fantasien hingibt. Wenn sie sich vorstellt, von einem starken, dominanten Mann überwältigt zu werden, ihm ausgeliefert zu sein, Schmerzen zu fühlen, das Denken aufzugeben und sich ihm wehrlos hinzugeben. Im realen Leben ist ihr noch nie so ein Typ begegnet, auch nicht, als sie in Hamburgs SM-Szene hineinschnupperte und sich enttäuscht wieder daraus entfernte. Ja, natürlich! Das ist die Erklärung, das muss der Grund sein: Es ist nicht der Mann, der diese Wirkung auf sie hat, sondern nur der Typ Mann. Nur weil er so ein Berg von Kerl ist, löst seine Anwesenheit diese nie gekannte Sehnsucht nach Erfüllung ihrer Fantasien in ihr aus. Sie weiß nichts über ihn, kennt ihn nicht, er wird von ihrem Vater bezahlt und ist deswegen ihr Feind.