In den Fesseln der Vergangenheit - Sara-Maria Lukas - E-Book

In den Fesseln der Vergangenheit E-Book

Sara-Maria Lukas

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Beschreibung

Jaydens Familie wurde von der Mafia ermordet. Deshalb kämpft er - nicht immer mit legalen Mitteln - gegen das organisierte Verbrechen. Seit Jahren jagt er den Mörder seiner Familie, jetzt bringt er dessen Ehefrau in seine Gewalt, um ihn aus seinem Versteck zu locken. Als junges Mädchen fällt Katie auf den Charme und die Lügen eines Mafioso herein. Der Ausstieg gelingt ihr, indem sie einen Handel mit der Familie ihres Mannes eingeht. Doch ihre neu gewonnene Freiheit endet abrupt, als sie von einem Mann entführt wird, der offensichtlich nicht weiß, dass sie nicht mehr zur Mafia gehört, und Informationen aus ihr herauspressen will, die sie nicht hat. Sind Jayden und Katie mutig genug, den Hass zu überwinden und sich die Anziehungskraft einzugestehen, die trotz allem zwischen ihnen wächst?

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SARA-MARIA LUKAS

IN DEN FESSELN DER VERGANGENHEIT: KATIE & JAYDEN (DANGER MEETS LOVE TEIL 1)

© 2021 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-489-4

ISBN eBook: 978-3-86495-490-0

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

INHALT

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Autorin

Prolog

Katie lag auf dem Rücken und starrte gegen die Zimmerdecke. Neben ihr schnarchte Trevor. Die Klimaanlage surrte, der Morgen dämmerte bereits und die Umrisse der Möbel im nobel eingerichteten Schlafzimmer wirkten wie bedrohliche dunkle Ungeheuer auf sie.

Sie hatte die ganze Nacht lang wach gelegen, denn am letzten Abend war ihr mit aller Deutlichkeit klargemacht worden, wie sehr man sie verarscht hatte.

Wie hatte sie bloß so dumm sein können? Warum hatte sie nicht viel eher etwas gemerkt? Warum hatte sie Trevor nicht durchschaut?

Liebe macht blind, dachte sie verbittert; der Spruch hatte definitiv seine Daseinsberechtigung.

Wie wunderbar hatte alles begonnen. Es war wie ein Traum gewesen.

Sie hatte Trevor de Winter in einem Café kennengelernt und sich schnell in ihn verliebt. Er war zehn Jahre älter als sie und sehr selbstbewusst gewesen. Sie hatte ihn nur zwei Wochen nach dem Tod ihres Großvaters, ihrem letzten Verwandten, kennengelernt. Es war eine Zeit, in der sie sich sehr allein und einsam gefühlt hatte. Trevor war charmant gewesen, aber gleichzeitig auch selbstsicher, dominant und fürsorglich. Er war genau der Typ Mann, auf den Katie stand. Er hatte ihr erzählt, dass seine Eltern früh durch einen Unfall gestorben waren, genau wie ihre. Das hatte sie von Anfang an miteinander verbunden, mehr als es normal gewesen wäre.

Er war ein Finanzgenie, legte das Geld anderer Leute an, kaufte und verkaufte Aktien. Seine Kontakte managte er diskret und intelligent, er verdiente sehr gut, und Katie hatte es genossen, nicht mehr immer nur sparsam sein zu müssen.

Sie hatte es auch genossen, wenn er ihr die Autotür zum Einsteigen öffnete oder streng darauf bestand, dass sie, anstatt zur Uni zu gehen, im Bett blieb und sich verwöhnen ließ, wenn sie eine kleine Erkältung hatte.

Ja, sie hatte sich von seiner Großzügigkeit, seinem Aussehen und seiner Selbstsicherheit blenden lassen. Er hatte sie schon nach ein paar Wochen ihrer Beziehung gefragt, ob sie ihn heiraten würde, und anstatt auf mehr Zeit zu bestehen, hatte sie zugestimmt, vielleicht auch, weil sie keine Familie mehr hatte und so gern wieder zu jemandem gehören wollte.

Jetzt hasste sie sich für ihre Naivität.

Alles Lüge! Es war alles Lüge und Show gewesen, nur mit dem Ziel, sie in eine Falle zu locken! Was für ein Scheiß!

Als sie zugestimmt hatte, ihn zu heiraten, hatte er um eine stille, heimliche Hochzeit gebeten. Ihre Eltern waren tot und viele Freunde gab es nicht, so war sie damit einverstanden, kein traditionelles großes, fröhliches Fest zu veranstalten. Sie hatten mit zwei Fremden als Trauzeugen vor einem Standesbeamten gestanden und sich in einer kurzen Zeremonie das Ja-Wort gegeben. Als Termin hatten sie den Beginn der Semesterferien gewählt, um anschließend eine ausgedehnte Reise unternehmen zu können.

Bereits während der ersten Tage ihrer Flitterwochen hatte er begonnen, sich zu verändern. Er war ungeduldiger geworden, hatte sie immer öfter stundenlang allein gelassen, angeblich, um sich um seine Geschäfte als Global Player zu kümmern. Am Anfang hatte sie sich nichts dabei gedacht, doch als er aufgehört hatte, mit ihr zu schlafen, sie stattdessen abends ebenfalls lange allein ließ und mit einer Alkoholfahne und unnatürlich vergrößerten Pupillen zurückkehrte, wurde sie allmählich sauer. Manchmal stank er auch nach billigem Parfüm oder hatte Lippenstiftspuren am Hemdkragen.

Er entschuldigte sich, sagte, er müsse manchmal mit Kunden in Nachtclubs gehen, um Geschäfte zu machen, und schenkte ihr teuren Schmuck und Blumen, doch sie entfremdeten sich immer mehr voneinander.

Vor zwei Tagen war die Situation eskaliert. Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er im Badezimmer gekokst hatte. Sie hatte ihn angeschrien und er war wütend aus dem Hotelzimmer gerannt. Daraufhin hatte sie seine Sachen nach Drogen durchsucht, einen zweiten Pass mit seinem Bild gefunden und darin den Namen Mendoza gelesen.

Ihre Welt war zusammengebrochen. Sie hatte ihren Koffer gepackt und wollte nach London zurück, um die Ehe annullieren zu lassen, doch Trevor war zurückgekehrt, bevor sie verschwinden konnte. Er hatte sie mit der Waffe bedroht, als er den gepackten Koffer gesehen hatte, und seine Maskerade vollständig fallen lassen. Seine Eltern waren nicht tot, sondern putzmunter, und er gab zu, Trevor Mendoza zu sein statt ein harmloser Mann namens Trevor de Winter. Und das war das Schlimmste, denn der Name Mendoza war Katie ein Begriff. Als angehende Anwältin mit dem Ziel, eines Tages für die Staatsanwaltschaft zu arbeiten, hatte sie sich mit den großen Namen des weltweiten organisierten Verbrechens beschäftigt, und auf der langen Liste stand Mendoza ziemlich weit oben.

Es war nicht zu fassen! Ohne es zu wissen, hatte sie den Sohn von Carlos Mendoza geheiratet. Vielleicht wäre sie eher darauf gekommen, wenn sie nicht so vertrauensselig gewesen wäre, denn im Internet gab es Fotos der Familie. Sie hätte ihn darauf erkannt, aber natürlich hatte sie nie das Bild ihres Liebsten in Mafiakreisen gesucht.

Trevor telefonierte, während er sie mit seiner Waffe in Schach hielt. Kurze Zeit später wurden sie von mehreren Männern abgeholt und in einer Limousine mit abgedunkelten Scheiben zu einem kleinen Privatflugplatz gefahren. Dort zwang man sie mit vorgehaltener Waffe in einen Hubschrauber, der sie zum Landsitz des Clans flog.

Nachdem der Hubschrauber gelandet war, empfing Carlos Katie wie einen Gast in seinem Büro und schickte seine Männer und seinen Sohn weg, um sich allein mit ihr zu unterhalten. Sie stand mitten im Raum und hatte Zeit, ihn zu mustern, bevor sich die Tür schloss und sie mit ihm allein war. Er war ein alter Mann mit weißen Haaren und einem gebeugten Rücken. Trotzdem wirkten seine Gesichtszüge, die nichts von seinen Gedanken verrieten, nicht harmlos, sondern extrem gefährlich. Die Kälte, die er ausstrahlte, ließ Katie innerlich erstarren. Diesen alten Mann durfte sie auf keinen Fall unterschätzen.

Er schlenderte hinter seinen Schreibtisch und betrachtete sie. An jede Sekunde und jedes Wort, das sie miteinander gewechselt hatten, konnte sie sich erinnern:

«Bitte setz dich, Katie.» Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

«Für Sie bin ich Katinka Fleming», fauchte sie und ballte die Fäuste.

«Für mich bist du die Schwiegertochter, die ich mir immer gewünscht habe.»

«Was für ein Blödsinn.» Sie schnaubte. «Ich wurde hintergangen. Die Heiratsurkunde ist nicht gültig. Die Ehe zwischen Trevor und mir existiert nicht.»

Er lächelte. «Die Urkunde ist korrekt und die Trauzeugen werden das bestätigen. Ein sich liebendes, innig vertrautes Paar ist vor den Standesbeamten getreten und niemand wird die Echtheit der Ehe bezweifeln.» Er machte eine Pause, und seine Augen ruhten so eindringlich auf ihr, dass sie Mühe hatte, dem Blick standzuhalten. Dann fuhr er fort: «Ich kann dich nicht einfach gehen lassen, Katie, ich brauche dich. Zumindest für eine Weile.»

«Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mich in ihre dreckigen Geschäfte verwickeln lasse! Sie unterschätzen mich, Mr. Mendoza. Ich bin kein dummes Weibchen, das sich manipulieren und herumschubsen lässt.»

Er lächelte wieder. «Das weiß ich, meine Liebe, deswegen bist du ja so wertvoll für uns. Trevor sollte dich allmählich auf deine zukünftige Aufgabe vorbereiten, aber leider hat er sich wie ein Dummkopf benommen.» Er seufzte. «Aber ich bin bereit, großzügig zu sein, um das wiedergutzumachen. Jeder hat seinen Preis, und ich bin bereit, dir für deine Kooperation einen guten Preis zu zahlen. Du bist eine intelligente Frau und wirst bestimmt zu schätzen wissen, was ich dir bieten kann. Es geht nicht nur um Geld. Trevor wird irgendwann die Zügel in dieser Familie in der Hand halten und jemanden brauchen, der darauf achtet, dass er … sagen wir mal … nicht allzu viel falsch macht. Du kannst eine der mächtigsten Frauen der Welt werden, Katie. Reizt dich das nicht?»

«NEIN!»

«Ich bin nicht dein Feind, ich will nur dein Bestes.»

«Wir haben nichts zu bereden! Ich bin nicht korrupt!»

Einen Moment blieb es still, dann räusperte er sich. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Nacht in einem unserer Kellerräume verbringen möchtest, um einen klaren Kopf zu bekommen, damit wir uns vernünftig unterhalten können. Setz dich endlich.» Er deutete mit der Hand auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Stille. Die Sekunden vergingen, und sie begriff, dass sie ihre Gefühle kontrollieren und mit ihm reden musste, denn zumindest im Moment hatte sie keine Chance, sich aus diesem Haus und dieser Familie zu befreien. Sie setzte sich und presste die Lippen aufeinander.

Er lehnte sich zurück, faltete die Hände und lächelte. «Du hast nicht nur einen wachen Geist, du bist auch eine Kämpferin, Katie. Das gefällt mir. Wir brauchen Kämpfernaturen in unserer Familie.»

Sie antwortete nicht, sondern wartete darauf, dass er weiterredete. Und das tat er.

«Du hast deine Eltern früh verloren und ich habe mir immer eine Tochter gewünscht. Wir haben dich lange beobachtet, bevor wir dich als Ehefrau für Trevor ausgewählt haben. Ich freue mich, dich jetzt endlich persönlich kennenzulernen.»

Katie starrte ihn nur an, denn ihr fiel wieder keine passende Antwort ein.

Er beugte sich vor und legte die Fingerspitzen zu einer Raute zusammen. «Was weißt du über den Namen Mendoza?»

«Genügend.»

Er lachte laut. «Da täuschst du dich, meine Liebe. Niemand weiß wirklich etwas über uns, man vermutet nur so einiges. Du gehörst jetzt zu einer der reichsten und einflussreichsten Familien des Landes. Du kannst ein herrliches Leben führen. Was ist daran so schlimm?»

«Ich bin betrogen worden. Ich habe einem drogensüchtigen Lügner vertraut! Die Ehe besteht für mich nicht! Auf der Urkunde steht ein falscher Name, wir haben nichts mehr miteinander zu tun.»

Er seufzte. «Ich verstehe, dass du auf Trevor sauer bist. Er ist jung und leider nicht immer so vernünftig, wie er sein sollte. Den falschen Namen mussten wir ihm besorgen, weil er bei einem Geschäft nicht vorsichtig genug war und auf die Fahndungslisten der Polizei geraten ist. Ich werde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen. Er wird dir in Zukunft mit mehr Respekt begegnen, das verspreche ich dir. Ihr müsst keine Bilderbuchehe führen; solange der Schein nach außen gewahrt bleibt, reicht das völlig. Bleibt für ein paar Jahre das Ehepaar de Winter, danach kannst du dich meinetwegen auch offiziell von ihm trennen.»

«Warum? Was soll das alles?»

«Du wirst mal eine hervorragende Staatsanwältin sein. Bereits in den nächsten Semesterferien absolvierst du ein Praktikum in der Staatsanwaltschaft und bekommst interessante Einblicke in Akten, die uns bisher verschlossen sind. Du wirst Karriere machen, und es spricht nichts dagegen, dass du eines Tages in die Politik gehst. Du könntest sogar Premierministerin werden.»

Er zwinkerte und sie kapierte. Der Clan brauchte einen Insider in der Staatsanwaltschaft und plante langfristig mit ihr in dieser Rolle. Die Ehefrau eines Mafioso im Parlament wäre natürlich sehr praktisch.

«Nein.»

Er lehnte sich zurück, griff nach einem Kugelschreiber und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. «Ich dachte, du würdest an deinem Leben hängen.»

Er sagte den Satz so beiläufig, als ob er übers Wetter reden würde, doch sein Blick glitzerte wie die blanke Schneide eines Schwertes. Dann lächelte er plötzlich wieder. «Ich meine natürlich dein Leben im Luxus, das Leben, das dein Ehemann dir bietet.»

Katie wusste sehr genau, was er meinte. Sie schluckte und nickte. «Ich verstehe.»

Carlos stand auf, holte zwei Gläser und eine Flasche Cognac aus einem Schrank und schenkte für sie beide ein. Als er ein Glas vor ihr auf dem Schreibtisch abstellte, nickte er ihr zu. «Mach nicht so ein schockiertes Gesicht, meine Liebe. Du bist intelligent, nervenstark, ehrgeizig und realistisch. Du wirst ein sehr glückliches Leben führen und eine tolle Karriere machen. Für das, was ich dir anbiete, würden andere Frauen morden.» Er lachte. «Keine Sorge, das verlange ich gar nicht von dir. Für derartig profane Aufgaben haben wir genügend Männer auf unseren Lohnlisten. Wir stoßen jetzt auf eine erfolgreiche Zukunft an, und dann erkläre ich dir im Detail, was ich von dir erwarte.»

«Und wenn ich mich weigere? Sie können mich nicht ständig kontrollieren, wenn ich in der Staatsanwaltschaft arbeiten soll.»

Er zuckte mit den Schultern. «Du kannst deine Karriere vergessen, wenn rauskommt, dass du heimlich einen Mafioso geheiratet hast. Wir haben eine zweite Heiratsurkunde ausstellen lassen, in der du die Ehefrau von Trevor Mendoza bist, und du kannst mir glauben, die Unterschrift wird niemand als Fälschung erkennen. Ich habe wahre Künstler für derartige Aufgaben in unserer Organisation. Außerdem können jede Menge Leute bezeugen, was für ein glückliches Paar ihr gewesen seid. Die Urkunde liegt hier im Tresor, und dort bleibt sie auch … solange du kooperierst.»

Trevor räusperte sich im Schlaf und Katies Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sie war in einer Luxusvilla eingesperrt, und ihr Leben hing davon ab, ob sie bei dem Arrangement mitspielte oder sich weigerte. Sie sollte Katie de Winter bleiben, um einen Fuß in die Staatsanwaltschaft zu bekommen, was ihr mit dem Familiennamen Mendoza natürlich niemals möglich wäre.

Sie würde mitspielen. Aber nur zum Schein. Katinka Fleming würde kein Opfer, kein Spielball, keine Marionette eines Mafiaclans sein. Carlos Mendoza würde sich noch wundern. Oh ja! So einfach konnte man sie nicht manipulieren. Er und sein widerlicher Sohn würden eines Tages Albträume von ihr haben, wenn sie den Rest ihrer jämmerlichen Leben in Zellen verbringen mussten, in denen sie durch die Staatsanwältin Katinka Fleming gelandet waren.

Durch sie wollte Carlos Mendoza einen Fuß in die Staatsanwaltschaft und die große Politik bekommen. Das war ein Fehler, den er bitter bereuen würde.

Sie würde sich zum Schein fügen und mitspielen, doch sobald man sie nicht mehr auf Schritt und Tritt bewachte, würde sie aktiv werden. Ihren Ehemann würde sie mittels einer anonymen Anzeige loswerden, die Trevor de Winter als Trevor Mendoza outete. Das sollte ihn in den Knast bringen oder ihn zumindest dazu zwingen, wieder unterzutauchen, denn es bestand ja immer noch der Haftbefehl.

Aber vorher musste sie Beweise sammeln, um sich auch gegen den Zugriff durch seinen Vater zu schützen. Seit Jahren arbeiteten die Behörden daran, den Mendoza-Clan zu zerstören. Sie war nun mittendrin und würde bestimmt genug Material finden, um Carlos dazu zu zwingen, sie in Ruhe zu lassen. Während ihres Studiums hatte sie sich nicht nur mit Rechtswissenschaften beschäftigt. Sie wusste über die Methoden der Kriminellen Bescheid, wusste, wie man Geld wusch, und kannte sich im Darknet aus. Sie wusste, wie man mit versteckten Kameras und Abhörgeräten arbeitete, wusste, wie man Informationen so gut verstecken konnte, dass sie auch durch die Anwendung von Foltermethoden nicht verraten werden konnten.

«Fuck, Carlos Mendoza, du schmieriger, böser alter Mann, du wirst es bitter bereuen, mir mein Leben gestohlen zu haben. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist», flüsterte sie in die Stille des Schlafzimmers, schloss die Augen und schlief ein.

Kapitel 1

Zwei Jahre später

«Und du willst tatsächlich wochenlang allein in der Einöde leben?»

«Da ist keine Einöde, sondern ein Cottage, dessen Nachbarn nur etwas weiter voneinander entfernt wohnen als hier in der Stadt.» Katie lehnte sich zurück und trank einen Schluck Kaffee.

 Dana winkte ab. «Es ist eine klitzekleine Hütte mit einem verwilderten Garten, umgeben von gaaaanz viel Land, ohne Menschen und weitab jeder Zivilisation. Kein Pub, kein Café, keine Mitbewohnerin, kein Sex … nur du allein in diesem alten Haus. Was für eine furchtbare Vorstellung!»

Katie gluckste. «Genau deshalb ist es perfekt geeignet, um dort meine Abschlussarbeit zu schreiben.»

«Manchmal beneide ich dich um deine Disziplin. Wenn andere noch schlafen, arbeitest du schon in der Bäckerei, anschließend gehst du zur Uni und lernst am Abend und schläfst ein paar Stunden, bis um drei der Wecker klingelt und du wieder Brötchen backen gehst. Du bist in der Uni die Beste des Jahrgangs, und dabei nicht mal einer dieser total verschrobenen Nerds, sondern du feierst gerne und bist witzig. Woher nimmst du so viel Energie?»

Katie stand vom Frühstückstisch auf und begann, die Lebensmittel vom Tisch in den Kühlschrank zu räumen. «Ich bin ganz normal, wie du und alle anderen.» … habe bloß bereits Erfahrungen im Leben gemacht, die mir das, was ich jetzt habe, dreimal so wertvoll erscheinen lassen, wie es für Leute in unserem Alter normal wäre, führte sie den Satz im Geiste weiter. Doch davon musste Dana nichts wissen. Katie redete nicht über die siebzehn Monate ihrer Ehe, die mehr einer Gefangenschaft als einer Beziehung geähnelt hatten. Das Kapitel war abgeschlossen. Sie sah nach vorn, beobachtete akribisch die Menschen, die ihr begegneten, und versuchte, trotz aller Gefahren ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen.

Dana stöhnte. «Das glaubst auch nur du. Oder hast du deine ganze Kindheit auf der Farm deiner Großeltern verbracht?»

«Ja, und es war herrlich. Ich könnte mir keine bessere Kindheit vorstellen.» Katie lächelte, während sie das Marmeladenglas zuschraubte. «Ich war ja noch sehr klein, als meine Eltern durch den Unfall starben und meine Großeltern mich bei sich aufnahmen.»

Dana zuckte seufzend mit den Schultern. «Melde dich wenigstens regelmäßig bei mir, damit ich mir keine Sorgen um meine Mitbewohnerin machen muss.»

«Sei nicht albern.»

«Okay, dann melde dich wenigstens, wenn die Einsamkeit dich depressiv macht.»

Katie verdrehte die Augen. «Versprochen, und nun sieh zu, dass du loskommst. Du willst doch bestimmt nicht am ersten Tag im neuen Ferienjob zu spät kommen.»

«Zu Befehl, holde Freundin.» Dana sprang auf und breitete die Arme aus. «Lass dich umarmen, Süße. Ich bete für dich, dass du die Einsamkeit ohne bleibende Schäden im Kopf überstehst.»

Katie schüttelte den Kopf. «Du Spinnerin.» Sie fielen sich in die Arme. «Du redest, als ob ich zu einer Abenteuerreise durch die Sahara aufbrechen würde.»

«So ähnlich fühlt es sich auch an.»

«Anstatt dir über mich Sorgen zu machen, treib du es in den Nächten nicht so doll, während ich nicht da bin. Denk dran, ich kann nicht auf dich achtgeben.»

Dana winkte ab. «Mach dir keine Sorgen. Ich habe mir fest vorgenommen, in den nächsten Wochen um Bars und Clubs einen weiten Bogen zu machen. Schließlich jobbe ich in der Anwaltskanzlei, in der ich nach dem Studium arbeiten möchte. Da sollte ich wohl einen halbwegs soliden Eindruck machen.»

«Stimmt. Hauptsache, du vergisst das nicht, wenn Claire und Pam dich abends überreden wollen, um die Häuser zu ziehen.»

«Zu Befehl.» Dana griff nach ihrer Jacke und ging in den Flur. «Bye, Süße, bis in drei Monaten.»

«Bye-bye, Dana.»

Die Tür klappte zu und wohltuende Stille breitete sich in der Wohnung aus. Leise eine Melodie summend, räumte Katie die Küche auf und schlenderte in ihr Zimmer, um ihren Koffer zu packen. Sie freute sich auf die schottische Ostküste und den Ort ihrer Kindheit.

Das Handy klingelte. Katie griff danach. Die Nummer war ihr nicht bekannt. «Ja?», meldete sie sich zögernd.

«Ich bin’s.»

Als sie die heisere Stimme von Carlos Mendoza hörte, stellten sich ihr sofort die Nackenhaare auf. «Was willst du?»

«Dich warnen. Hör mir einfach zu.»

Sie wartete und er räusperte sich.

«Trevor ist im Moment etwas außer Kontrolle.»

«Was meinst du?»

«Die Drogen vernebeln ihm den Verstand. Er hat dumme Ideen. Er könnte dich angreifen.»

Katie schnaubte. «Hast du Angst, dass meine Beweise gegen dich und deinen Clan öffentlich werden?»

Er seufzte. «Ich bekomme ihn wieder unter Kontrolle, nur im Moment ist es etwas schwierig. Wo verbringst du die Semesterferien?»

«Ich besorge mir nachher am Flughafen ein billiges Last-Minute-Ticket für einen Strandurlaub.»

«Wir werden auf dich aufpassen.»

«Danke. Kein Bedarf.»

Er seufzte. «Sei in der nächsten Zeit vorsichtig.»

Es klickte. Das Gespräch war beendet.

Katies Knie waren weich. Sie setzte sich auf den Rand ihres Bettes und dachte nach.

Sie hatte sich kurzfristig zu der Reise in das Haus ihrer Kindheit entschlossen. Niemand wusste, dass sie dort ihre Ferien verbringen wollte. Außerdem kannte Trevor den Ort nicht. Sie hatte zwar damals von ihren Großeltern erzählt, aber nie, dass ihr das Haus noch gehörte. Sie hatte sich nach dem Tod ihres Großvaters nicht um den Verkauf bemüht, und als sie dann Trevor kennengelernt und so schnell geheiratet hatte, war es beinahe in Vergessenheit geraten. Nun stand es schon fast zwei Jahre lang leer, und es wurde Zeit, dass sie sich darum kümmerte. Ja, je länger sie überlegte, desto sicherer war sie: Sie könnte sich in Kingscandle so sicher fühlen, wie sie sich vor ihrer Ehe überall gefühlt hatte. Dort würde er sie nicht suchen, und dass Carlos’ Leute, die sie garantiert beobachteten, sie aus den Augen verlieren würden, dafür würde sie sorgen. Vermutlich waren ihre Aufpasser schon unterwegs zum Flughafen, um sie dort zu überwachen.

Schnell packte sie ihre Reisetasche. Bei dieser Reise war es nicht schwer, die passende Kleidung zu wählen. High Heels und modische Outfits waren überflüssig, denn im Zuhause ihrer Jugend reichten Jeans, Sweatshirts, Sneakers und ein paar dicke Pullover für kalte Tage. Die Winterzeit mit Eis und Schnee war zwar vorbei, aber im Mai und Juni konnte es am Meer noch ganz schön windig und kalt werden.

Katie warf einen Blick auf die Uhr. Viel Zeit sollte sie sich mit dem Reiseantritt nicht mehr lassen. Irgendwann würden sich Carlos’ Leute wundern, warum sie nicht am Flughafen eintraf.

Zum Glück hatte man in London inzwischen das Trimester abgeschafft und dafür das Semester eingeführt, sodass eine lange Sommerpause zustande kam, die sie nun nutzen wollte, um ihre Masterarbeit zu schreiben und das Haus zu verkaufen.

Ob Dana recht hatte? War es vielleicht doch keine so gute Idee, vier Monate in dem alten Haus ihrer Großeltern zu verbringen? Seit Katie in London wohnte, hatte sich ihr Leben extrem verändert. Sie war nicht mehr das naive Dorfmädchen, sondern eine Frau, die nach den miesen Erfahrungen in ihrer Ehe mit dem Scheißtypen, an dessen Namen sie nicht einmal denken, geschweige denn ihn aussprechen wollte, selbstbewusst an ihrer Karriere bastelte. Sie liebte die Großstadt, die Menschen, ihre modischen Klamotten und das Nachtleben. Sie liebte es auch, dreimal in der Woche um drei Uhr aufzustehen, um in der Großbäckerei zu schuften und sich so ihr Studium zu finanzieren. Sie liebte alles in ihrem Leben, aber vor allem ihre Selbstbestimmtheit, weil sie wusste, wie knapp sie lebenslanger Abhängigkeit und Gefangenschaft entkommen war.

Nein, Dana hatte nicht recht mit ihren Befürchtungen. Sie wusste ja nichts von der ständigen Bedrohung, der Katie ausgesetzt war. Sie würde die Zeit in Schottland auf jeden Fall genießen. Sie hatte das Studium fast geschafft, es fehlten nur noch ein paar Prüfungen, aber vorher musste die Masterarbeit geschrieben werden. Was eignete sich besser zum Lernen als ein letzter Aufenthalt in der Welt ihrer Kindheit? Seit Grandpa so plötzlich und unerwartet gestorben war, stand das Haus leer, und sie musste sich endlich überwinden, es zu entrümpeln, damit sie es verkaufen konnte. Das Geld aus dem Verkauf würde sie anlegen und es vielleicht in ein paar Jahren als Startkapital für eine eigene Kanzlei nutzen.

Das Telefon klingelte und Katie ging ran.

«Hey, Sweety, gehst du heute Abend mit? Benni gibt einen aus. Er hat gestern seinen Arbeitsvertrag unterschrieben.»

Katie ließ sich auf ihren Bettrand nieder und seufzte. «Nein, Claire, ich verreise.»

«Ach ja, du willst dich ja irgendwo vergraben, um deine Masterarbeit zu schreiben, stimmt’s? Dana hat’s erzählt, hatte ich vergessen, sorry.»

«Stimmt. Ich werde die nächsten Wochen im Cottage meiner Großeltern verbringen.»

«Ich habe keine Lust, mir damit meine Ferien zu versauen. Ich wünsche dir trotzdem einen schönen Sommer. Such dir für die Abende wenigstens einen Urlaubsflirt.»

Katie gluckste. «Kein Bedarf. Danke. Dir auch einen schönen Sommer, Claire.»

Katie legte auf und schüttelte den Kopf. Manchmal wurde ihr doch sehr deutlich bewusst, dass ihr Leben bisher anders verlaufen war als das ihrer Kommilitonen. Sie hatte in der Uni erzählt, dass sie diesen Sommer ihrer Facharbeit widmen würde, doch Claire vergaß solche Informationen schnell. Sie lebte im Jetzt und nahm alles leicht. Nichts war wichtig außer Männern, Nachtleben, Cocktails und Sex. Claires Eltern finanzierten ihr das Studium, und es kam nicht so darauf an, ob sie dieses oder erst nächstes Jahr fertig werden würde oder sich vielleicht sogar dafür entschied, alles hinzuschmeißen, um einen ganz anderen Beruf zu erlernen.

Wenn man, so wie Katie, keine Angehörigen mehr hatte und sich nebenbei auch noch vor dem Zugriff einer Mafiafamilie schützen musste, konnte man es sich nicht leisten, so sorglos in den Tag hinein zu leben wie Claire, für die Sicherheit und Reichtum selbstverständlich waren.

Katie sah auf die Uhr und sprang auf. Es wurde Zeit abzureisen, wenn sie nicht erst mitten in der Nacht am Cottage ankommen wollte.

Um ganz sicher zu gehen, ihre Aufpasser abzuschütteln, falls sie nicht schon zum Flughafen unterwegs waren, verließ sie das Haus durch die Hintertür und schlich durch das Gestrüpp neben dem Weg zu den Garagen. Bevor sie ihr Auto herausholte, wartete sie einen Moment und sah sich in alle Richtungen um. Niemand folgte ihr. Sehr gut.

***

Jayden beachtete die halb nackten Tänzerinnen auf der kleinen Bühne nicht, die sich vor einer Horde geifernder Männer im Scheinwerferlicht rekelten.

Er saß mit den beiden Typen, die er für den Job engagiert hatte, in einer etwas ruhigeren Ecke der Bar.

Ein letztes Mal betrachtete er die Bilder, die vom häufigen Falten längst eingerissen waren. Das eine war die Kopie einer Heiratsurkunde, das andere zeigte das glückliche junge Paar. Seitdem er die Fotos per Mail von seinem Informanten geschickt bekommen hatte, hatte er sie oft angesehen, manchmal stundenlang.

Endlich war er dem Schwein auf die Spur gekommen. Dieser Mistkerl war schuld daran, dass Jayden seine Familie verloren hatte. Er war knapp sechzehn Jahre alt gewesen, als ihm dieses sadistische Arschloch alles genommen hatte, und seitdem bestimmte allein der Durst nach Rache sein Leben.

Zehn Jahre lang hatte Jayden auf der ganzen Welt nach Trevor Mendoza gesucht und nun beobachtete er bereits seit acht Monaten seine Ex.

Seine angebliche Ex, denn alle Welt wusste, wenn ein Mitglied der Mafia eine Frau heiratete, war dies endgültig. Entweder hielt die Ehe, oder die Partnerin starb auf mysteriöse Weise. Eine Scheidung käme niemals infrage, denn eine Ehefrau besaß viel zu viel Insiderwissen, mit dem sie zur Polizei laufen könnte. Aber diese Frau hatte angeblich keine Ahnung davon gehabt, dass ihr Ehemann ein Mendoza war, und sich von ihm getrennt, als nach einem anonymen Hinweis bei den Behörden sein falscher Name herausgekommen war, er von der Polizei gesucht wurde und untergetaucht war.

Bullshit! Die angebliche Trennung sollte nur dafür sorgen, dass Katie Karriere in der Staatsanwaltschaft machen konnte. Dafür musste ihre Weste weißer als weiß sein, und der Name Mendoza wirkte wie ein Unheil bringender Grauschimmer. Also hieß es offiziell, sie hätte nichts von der falschen Identität ihres Gatten gewusst und sich von ihm getrennt. Schlau, aber nicht schlau genug.

Jayden hatte die Geschichte keine einzige Sekunde lang geglaubt und nun konnte er endlich aktiv werden. Er stand kurz vorm Ziel. Über diese Frau würde er an Mendoza herankommen und sich an ihm rächen.

Der Mistkerl hatte jahrelang unter falschem Namen gelebt, was ihn lange vor seiner Rache geschützt hatte. Erst als er geheiratet hatte, war er wieder aufgetaucht. Jaydens Informanten hatten ihn erkannt, als der angebliche Mister de Winter mit seiner Ehefrau den Familiensitz der Mendozas besucht hatte. Seit der angeblichen Trennung von de Winter alias Mendoza und seiner Frau versuchte Jayden herauszufinden, wann und wo sie sich heimlich trafen, denn er war überzeugt davon, dass sie es taten.

Am Vorabend hatte er bei einem Flirt mit einer ihrer Kommilitoninnen erfahren, dass Katie ganz allein zum Haus ihrer Großeltern gefahren war und dort ihre Semesterferien verbringen wollte. Das war in Schottland und seine Chance. Er hatte keine Lust mehr, zu warten und sie zu beobachten, er wollte endlich Fakten schaffen. Er musste zwar alles viel schneller organisieren, als ihm lieb war, aber das konnte ihn nicht davon abhalten, sie sich zu schnappen, um anschließend ihren Mann in eine Falle zu locken.

Mit zusammengepressten Lippen betrachtete er die junge, schlanke Frau auf dem Bild, die neben Trevor stand und sich an seine Brust lehnte. Sie hatte braune Haare, die ihr wellig über die Schultern fielen, ein spitzes Kinn, blaue Augen und ein einnehmendes Lächeln. Würde er sie auf der Straße treffen, würde er zweimal hinsehen und hätte die Idee, einen Finger unter dieses Kinn zu legen, damit sie den Kopf heben und ihn anlächeln müsste. Aber das Lächeln war bestimmt aufgesetzt und das freundliche Gesicht nur eine Maske, unter der sich eine kaltschnäuzige, geldgierige Ziege verbarg, die sich mit einem Mafia-Arschloch zusammengetan hatte.

Ihre Eltern waren früh bei einem Unfall ums Leben gekommen, und sie war bei ihren Großeltern aufgewachsen, die inzwischen ebenfalls gestorben waren. Katinka Flemming, oder Katie de Winter, wie sie sich als Trevors Ehefrau kurzfristig genannt hatte, hatte außer dem renovierungsbedürftigen Cottage ihrer Großeltern nichts geerbt, konnte es sich aber trotzdem leisten, in London Wirtschaftsrecht zu studieren. Sie hatte beste Chancen, Staatsanwältin zu werden, und würde, in Anbetracht ihrer ausnahmslos guten Zeugnisse, eine steile Karriere hinlegen.

Das Studium wurde ihr garantiert von dem organisierten Verbrechen finanziert. Sie würde also eine korrupte Staatsbedienstete werden, eine äußerst effektiv nutzbare Marionette der Mafia.

Seit Wochen beobachtete er Katie Flemming und wartete auf die perfekte Gelegenheit, sie in seine Gewalt zu bringen. Sie war die Person, durch die er an Trevor herankommen würde. Morgen war es so weit. Endlich – und völlig überraschend - hatte die Warterei ein Ende. Nie hatte es eine bessere Gelegenheit gegeben, sie als Geisel zu nehmen, um an Mendoza ranzukommen.

Ich werde mich nicht von dir verarschen lassen, du miese kleine Kröte. Du wirst mir verraten, wo ich deinen Mann finde, drohte er ihr im Geiste, bevor er das Foto faltete und es zurück in die Mappe steckte. Er überdachte noch einmal seinen Plan. Da die Informationen über ihre Abreise so plötzlich gekommen waren und er alles so eilig hatte organisieren müssen, bestand die Gefahr, dass er Fehler machte. Vor allem gefiel es ihm nicht, dass er nun Helfer organisieren musste, die er nicht wirklich kannte. Aber er hatte keine andere Wahl. Die Chance war einmalig und die Zeit zu kurz, um sorgfältiger nach passenden Männern zu suchen.

Er stand auf. Bevor er die Bar verließ, nickte er den beiden Männern zu, die er für die Durchführung seines Plans eben engagiert hatte, nachdem der Kontakt über Mittelsmänner im Darknet entstanden war. «Wir verlassen London morgen früh um sechs Uhr.»

Karim nickte, griff nach seinem Whiskyglas und leerte es in einem Zug. Aaron grinste. «Alles klar, Boss. Wir folgen deinem Wagen mit den Motorrädern und freuen uns schon aufs geruhsame Landleben.»

Kapitel 2

Katie packte einige Konservendosen zu den frischen Lebensmitteln in ihrem Einkaufswagen, dann hatte sie alles, was sie brauchte, und schob ihn an den uralten Tresen. Neben der antiquarisch anmutenden Registrierkasse stand immer noch das große Glas mit Süßigkeiten, aus dem sich die Kinder bedienen durften, wenn sie mit den Eltern zum Einkaufen kamen. So war es immer gewesen, und so würde es wohl auch immer bleiben, solange es Meyers Laden in Kingscandle gab. Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Katie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie sich als kleines Mädchen auf die Zehenspitzen gestellt und mit einer Hand am Tresen festgekrallt hatte, um mit der anderen in das Glas zu greifen. Am meisten hatte sie sich immer gefreut, wenn sie einen von den dunkelroten Kirschlollis erwischt hatte.

 In diesen Teil des Landes verirrten sich nur selten Touristen, denn der Ort war genauso langweilig wie die Landschaft drumherum.

Carl Meyer junior führte das Geschäft, seit Carl Meyer senior in den Ruhestand gegangen war, und als er hinter den Tresen trat, musste Katie unwillkürlich schmunzeln. Der Junior hatte bereits schneeweiße Haare und eine Halbglatze, aber trotzdem blieb er in den Köpfen der Menschen hier der junge Meyer. So war das eben in einem kleinen Dorf wie Kingscandle.

Er tippte die Artikel aus ihrem Einkaufswagen in die Kasse ein und nannte ihr den Preis. Katie zückte ihre Karte und hielt sie ihm entgegen.

Mittlerweile konnte man sogar in diesem Geschäft bargeldlos bezahlen, was nun auch schnell erledigt war.

Als sie die Karte wieder einsteckte, nickte er ihr zu. «Hast du die erste Nacht in dem alten Haus gut überstanden?»

«Ja. Nachdem ich das Gröbste sauber gemacht und zwei Stunden lang gelüftet hatte, konnte ich es gut aushalten.»

«Funktionieren die Wasserhähne noch oder sind sie eingerostet?»

Katie winkte ab. «Alles in Ordnung, nur die Scharniere der Haustür musste ich ölen, weil sie furchtbar quietschten.»

Er nickte. «Dann wünsche ich dir eine schöne Zeit in deiner alten Heimat, Mädel. Wenn du bei irgendwas Hilfe brauchst, ruf an. Du weißt, dass eure Nachbarn inzwischen ebenfalls weggezogen sind, oder?»

Katie nickte. «Ja, das hat Grandpa mir kurz vor seinem Tod erzählt. Wurden die Häuser verkauft oder stehen sie leer?»

«Die alte Hütte von Henry steht leer, aber das große Cottage der Familie Jameson wurde vor vier Monaten an einen Ausländer verkauft, der es als Ferienhaus nutzen will. Es muss ein reicher Typ sein, denn er hat es aufwendig renovieren lassen. Aber es hat ihn noch niemand gesehen.» Er machte eine vage Handbewegung und verzog das Gesicht. «Keine Ahnung, was das für ein Kerl ist. Wir sind alle misstrauisch. Warum steckt jemand in dieser Gegend so viel Geld in ein altes Haus? Schließ nachts bloß sorgfältig ab, Katie!»

«Mach dir keine Sorgen um mich, Onkel Carl. Ich komme klar, ich bin ja schon ein großes Mädchen.» Katie zwinkerte, als sie ihn scherzhaft so ansprach, wie sie es aus Kindheitszeiten gewohnt war, griff nach den Einkaufstüten und wollte sich zum Ausgang des kleinen alten Ladens drehen.

Doch der Besitzer lachte und drängte sie sanft zur Seite. «Das ist nicht zu übersehen. Ich bringe dir die Sachen trotzdem zum Auto.» Er nahm ihr die Tüten ab und sie verließen nebeneinander das Geschäft. «Wie lange bleibst du?», fragte er sie.

«Bis zum Ende der Semesterferien. Ich muss mich ja um den Verkauf des Cottages kümmern und hoffe, ich finde überhaupt Interessenten. Der Zustand des Gebäudes ist nicht der beste. Als ich gestern ankam, roch es in den Räumen muffig und feucht.»

Carl nickte. «Du kriegst das schon hin. Du wirkst so souverän und erwachsen, ich hätte dich fast nicht wiedererkannt. Dich haut so schnell garantiert kein Makler übers Ohr, da würde ich meine Altersversorgung verwetten.»

Katie gluckste. «Wenn du mich schon in meinen alten Jeans so einschätzt, solltest du mal die Klamotten sehen, die ich während meiner Praktika in den Anwaltspraxen trage.» Sie seufzte. «Hätte ich gewusst, dass Grandpa so plötzlich stirbt, wäre ich trotz des zeitaufwendigen Studiums öfter gekommen, um ihn zu besuchen. Doch immer, wenn ich anrief, prahlte er, wie gut es ihm geht und wie wohl er sich fühlt.»

«Mach dir keine Gedanken. Es ging ihm wirklich gut, er hatte den Tod deiner Großmutter verwunden und war sehr stolz auf seine Enkelin. Er plante sogar, dich zu deinem Abschluss in London mit einem Besuch zu überraschen. Niemand konnte ahnen, dass sein Herz so plötzlich schlappmachen würde.»

Katie öffnete die Kofferraumklappe ihres Kombis, Carl stellte ihre Einkäufe hinein und sie schüttelte ihm die Hand. «Danke. Auch dafür, dass du in den letzten Jahren immer für Grandpa da warst, wenn er jemanden brauchte.»«Dafür brauchst du mir nicht zu danken, das habe ich gern gemacht.»

Sie schloss die Klappe und öffnete die vordere Tür. «Wundere dich nicht, wenn ich mich im Dorf nicht sehen lasse. Ich muss in den nächsten Wochen sehr konzentriert an meiner Masterarbeit schreiben.»

Sie stieg ins Auto und er nickte ihr zum Abschied zu. «Viel Erfolg dabei!»

Vierzig Minuten dauerte die Fahrt aus dem Dorf heraus, zu dem Grundstück, auf dem Katie ihre Kindheit verbracht hatte. Sie kannte die Strecke so gut, dass sie den Weg mit verbundenen Augen gefunden hätte, obwohl die Fahrt im Zickzackkurs über schmale, buckelige Straßen in die Landschaft hineinführte. Urige, vom Wind gekrümmte Büsche und Bäume unterbrachen ab und zu das eher eintönige Grasland. Seitdem die kleinen Bauern nach und nach aufgegeben hatten, gab es in der Gegend nur noch industrielle Landwirtschaft mit riesigen Weideflächen und Kornfeldern. Dazwischen lagen kleine Landstücke brach, die trotz der Jahreszeit an vielen Stellen trocken, ungepflegt und mager wirkten.

Früher wurde hier vorwiegend Schafzucht betrieben, denn der landwirtschaftliche Anbau von Getreide oder Gemüse lohnte sich auf den kargen Böden nur, wenn in großen Mengen und mit großen modernen Maschinen bearbeitet werden konnte. Doch inzwischen gab es keine Schafzüchter mehr. Die meisten Familien waren weggezogen und die einsam gelegenen kleinen Häuser verfielen oder wurden als Wochenendhäuser genutzt.

Als Katie am Vortag spät in der Nacht angekommen war, hatte sie von der Umgebung nicht mehr viel gesehen. Jetzt genoss sie den Blick in die Weite der Landschaft.

Nein, sie hatte definitiv keine Angst, ganz allein so weit draußen zu wohnen. Dies war ihre Heimat, was sollte ihr hier passieren?

Als sie bereits drei Viertel des Weges geschafft hatte und mit niedriger Geschwindigkeit den unbefestigten Weg entlangfuhr, der direkt zu ihrem Haus führte, sah sie nach einer Kurve einen dieser hypermodernen, teuren Geländewagen parken. Er glänzte in edlem Schwarz und Chrom, was darauf schließen ließ, dass er einem Fremden gehörte. Hier fuhren die Leute keine Autos dieser Bauart.

Katies Magen zog sich zusammen. Musste sie doch Angst haben? Nein. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Außer ihren engsten Freunden wusste niemand, dass sie nach Schottland gefahren war. Bestimmt war das bloß der neue Besitzer des Nachbarhauses.

Da an dieser Stelle rechts und links des Weges hohe Büsche wuchsen, konnte sie nicht einfach an dem Auto vorbeifahren, sondern musste anhalten.

Ein Mann stieg aus dem Angeberauto und lehnte sich mit übergeschlagenen Knöcheln an den Kotflügel. Er trug schwere Stiefel, eine ausgeblichene Jeans und darüber eine braune Lederjacke, wie Motorradfahrer sie hatten. Seine Haare waren schwarz und sehr kurz geschnitten. Er hielt ein Smartphone in der Hand und sah mit gesenktem Kopf auf den Bildschirm.

Katie beschlich ein mieses Gefühl. Dieser Typ wirkte nicht wie jemand, der sich ein Cottage in dieser Gegend als Feriendomizil aussuchte.