Das Scheiße-Gold-Prinzip - Panagiota Petridou - E-Book

Das Scheiße-Gold-Prinzip E-Book

Panagiota Petridou

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Beschreibung

Vom Einwandererkind zum beliebten Fernsehstar: Diese Frau weiß, wie man sich im Leben durchsetzt! Panagiota Petridou ist nicht nur eine bekannte TV-Moderatorin, sie ist auch eine der erfolgreichsten Autoverkäuferinnen Deutschlands. Ob als solche in »Biete Rostlaube, suche Traumauto« oder als hartnäckige Sportlerin in »Die Superolympionikin«, sie gewinnt die Herzen im Sturm. Doch ihr Weg zum heutigen Erfolg war nicht so leicht, wie es den Anschein macht. Panagiota stammt aus einfachen Verhältnissen, als jüngste Tochter griechischer Einwanderer hat sie von Kindesbeinen an gelernt, was es heißt zu arbeiten. Sie kämpft, doch immer so charmant, dass sie selbst ihr eigenes Erfolgskonzept geworden ist. In ihrem ersten Buch erzählt Panagiota von ihrem bewegten Leben und zeigt uns, wie sie zu der schlagfertigen, lebhaften und liebenswerten Frau geworden ist, die sie heute ist. Dabei zeigt sie uns, wie wir selbst mit Rhetorik, Verstand und Menschenkenntnis unsere eigenen Ziele erreichen können.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2018

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PROLOG

„Guten Tag, Frau Petridou. Schön, dass Sie hier sind.“

Ich betrachte den Mann mit dem grau melierten Haar. Es hat dieselbe Farbe wie der Anzug, den er trägt. Ein Einreiher, nicht ganz modisch geschnitten, vermutlich ein paar Jahre alt und von seiner Frau ausgesucht. Die Krawatte ist bieder, genau wie der Rest des Ambientes.

Ich befinde mich im Büro des Leiters der vier größten Mercedes-Niederlassungen am Niederrhein. Der graue Mann, ich glaube, Meyerhoff ist sein Name, blickt vor sich auf einen dünnen Stapel Papier, der auf dem Konferenztisch im langweiligen Walnuss-Furnier liegt. Hier drin stinkt es geradezu nach Geld. Selbst die Kekse, die neben den Cappuccinos mit Milchschaumhäubchen und Schokostaub serviert werden, sind Markenware.

Hinten auf der Fensterbank stehen die Miniaturen der erfolgreichsten Modelle des Unternehmens. An den Wänden hängen Bilder aus sechshundertdreiundfünfzig Jahren Automobilgeschichte. Keine Ahnung, wie alt die Firma ist. Ich habe mich nicht auf den Termin vorbereitet. So wie ich mich nie auf etwas vorbereite. Nicht mal auf ein Bewerbungsgespräch bei Mercedes-Benz, dem größten Konkurrenten meines jetzigen Arbeitgebers.

Die Stimmung ist gedrückt. Selbst eine Beerdigung käme mir im Vergleich zu diesem Termin wie eine Party vor. Das liegt zum einen an der spießigen Einrichtung, zum anderen an dem grauen Herrn Meyerhoff und seinen Begleitern. Links von ihm sitzt ein Kerl mit nikotingelben Fingern. Er ist der Verkaufsleiter dieser Niederlassung. Rechts von Meyerhoff hockt der Nutzfahrzeugleiter, dessen Bauch über den Hosenbund hängt. Beide Namen habe ich vergessen, ist auch egal, wie sie heißen. Meyerhoff thront in der Mitte und hat das Sagen. Ernie und Bert sind nur Staffage.

„So, Frau Petridou“, eröffnet Meyerhoff das Gespräch und richtet den mickrigen Papierstapel noch einmal an den Kanten aus. Es sind meine Bewerbungsunterlagen, die vor ihm liegen. Die Headhunterin hat sie zusammengestellt. Seit ein paar Monaten ist mir die Frau auf den Fersen und hat das Treffen hier eingetütet. Sicher kriegt sie allein dafür, dass sie mich in dieses mausgraue Büro gebracht hat, das konservative Spießigkeit nur so ausdünstet, schon einen hübschen Batzen Geld. Ich bin eigentlich nur hier, weil mir die Headhunterin so lange in den Ohren gelegen und Mercedes ein wirklich beachtliches Angebot auf den Tisch gelegt hat.

„Sie sind erst siebenundzwanzig, Frau Petridou, und seit drei Jahren in der Branche. Und dennoch sind Sie einer der erfolgreichsten Autoverkäufer bei BMW/MINI.“ Meyerhoff lehnt sich ein Stück nach vorn, greift nach seiner Cappuccino-Tasse und hebt sie an. „Warum?“

Ich zucke mit den Schultern. „Weil ich gut bin.“

Bescheidenheit ist eine Zier, heißt es, und dann geht der Satz weiter: doch es geht auch ohne ihr. Ich halte nicht viel von Bescheidenheit. Sie ist mir ein Dorn im Auge. Bescheidenheit verhungert im Krieg. Bescheidenheit ist nichts für Gewinner. Ich mag sie nicht. Und bei diesem Termin wäre sie wirklich mehr als überflüssig.

„Sie haben im vergangenen Jahr knapp einhundert Neuwagen verkauft“, erklärt mir Meyerhoff.

Ernie und Bert ziehen beeindruckt die Augenbrauen hoch, als würden sie die Zahlen zum ersten Mal hören. Was natürlich Quatsch ist. Wir alle, die wir uns in diesem Raum befinden, wissen, dass es kaum jemanden gibt, der so gut Autos verkaufen kann wie ich. Allein die Headhunter, die mir seit einigen Monaten am Schuh kleben wie ein alter Kaugummi, beweisen es. Dass Mercedes mich unbedingt haben will, weiß ich, denn sie haben mich eingeladen. Ich habe mich nicht beworben. Sie wollten, dass ich komme. Und hier bin ich. Nicht, weil ich wirklich die Absicht habe, den Arbeitgeber zu wechseln, sondern einfach, um meinen Marktwert zu bestimmen.

Meyerhoff beginnt, etwas unkoordiniert durch meinen Lebenslauf zu blättern, und fragt nach verschiedenen Stationen in meiner Vita. Ausbildung, erster Job, E-Plus, dann die Stelle bei MINI. Ich nicke, bestätige, was er sowieso schon weiß, und fange langsam an, mich zu langweilen. Warum bin ich noch mal hier? Und wo krieg ich gleich was zu essen?

Plötzlich aber kommt Leben in die Bude.

„Können Sie mir sagen, welche Schlagzeile in den letzten Tagen die Nachrichten dominiert hat, Frau Petridou?“

Ich starre Meyerhoff an und bin nicht sicher, ob er mich auf den Arm nimmt. Was wird denn das jetzt? Will er meine Allgemeinbildung abfragen? Viel Spaß dabei. Ich bin die Tochter von Nikolaos Petridou, dem Mann, der jeden Tag achtundsechzig Tageszeitungen gelesen hat.

Ich atme langsam aus, dann sage ich: „Natürlich. Der RAF-Terrorist Christian Klar wurde vom Bundespräsidenten nicht begnadigt, sondern muss seine Haftstrafe noch zwei weitere Jahre bis 2009 absitzen.“

Die Herrschaften nicken. Ich frage mich, was der Unsinn soll. Schließlich verkaufe ich keine Autos, weil ich so hübsch Nachrichten aufsagen kann.

„Und im Ausland?“, will Meyerhoff wissen.

Hält er mich für eine Idiotin? „Nicolas Sarkozy hat im zweiten Wahlgang die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewonnen. Er hat dreiundfünfzig Prozent der Stimmen erhalten.“

Die drei Männer schweigen. Jaja, denke ich, unterschätzt mich ruhig. Das wird lustig.

Ich bin zwar in Mathe ein Totalausfall, aber Fakten kann ich mir merken wie keine Zweite. Das ist ziemlich praktisch, nicht nur, wenn man in einem Bewerbungsgespräch sitzt, sondern vor allem beim Autoverkaufen. Denn zufälligerweise weiß ich, dass Frau Wittenbergers Mann Klaus heißt, die gemeinsame Tochter in Bochum Jura studiert und der Hund ein schlimmes Nierenleiden hat, weshalb er einmal in der Woche zur Dialyse muss. Und ja, genau das sind die Informationen, die man braucht, um eine persönliche Bindung zum Kunden aufzubauen, die am Ende dafür sorgt, dass Frau Wittenberger in den letzten Jahren nicht einen, sondern drei MINIs bei mir gekauft hat.

Meyerhoff ändert die Strategie. Offenbar ist ihm klar geworden, dass er mich mit Allgemeinwissensfragen nicht aus der Reserve locken kann.

„Was machen Sie, wenn ein 65-jähriger Kunde reinkommt und seine vierte E-Klasse bei Ihnen kaufen möchte?“, will er wissen.

Ich knipse mein schönstes Lächeln an und sage: „Sie meinen, außer ihm zu sagen, wo er sein Grablicht bestellen kann?“

Für eine Millisekunde ist es still, und ich frage mich, ob ich zu weit gegangen bin. Immerhin sitze ich im sprichwörtlichen Schrein der größten Mercedes-Benz-Niederlassung im Umkreis. Doch dann sehe ich, dass Meyerhoff die Mundwinkel nach oben verzieht, und auch Ernie und Bert fangen an zu kichern.

„Frau Petridou, ganz schön frech“, flachst Meyerhoff. Erleichtertes Lachen macht sich breit. Mit Humor fliegen einem die Herzen zu.

Ernie – oder ist es Bert? – ergreift im kurzen Moment der Unterbrechung die Chance, um sich auch mal zu Wort zu melden. „Sagen Sie, Frau Petridou, warum sollten Sie denn bei Mercedes arbeiten?“

Ah, wir kommen langsam zum Eingemachten: meiner Motivation. Die suche ich zwar selbst noch, aber ich kann mir ja mal ein paar Gedanken darüber machen, warum Mercedes mein neuer Arbeitgeber werden könnte.

Ich lasse den Blick schweifen und bleibe bei den Miniaturmodellen auf der Fensterbank hängen. Es sind die ewigen Klassiker, der W107 in Mimosengelb, der W123 als Coupé in Zypressengrün-Metallic, die alte S-Klasse W126 und sogar der legendäre E500. Mir wird klar, dass der Mann, dem dieses Büro gehört, einen Mercedes-Stern auf den Arsch tätowiert hat. Sein Lebensmotto: Was der Daimler baut, darf der Mensch nicht infrage stellen. Der Typ brennt für die Marke, der stirbt für sie. Wenn der morgens aufsteht, schluckt er erst mal einen Stern und geht dann arbeiten. So einen kriegt man nur mit Komplimenten.

Also wechsle auch ich die Taktik und beginne, ihn zu umgarnen. Ihn oder die Marke – es ist egal, sie sind eins.

„Mein Vater hat immer gesagt: ‚BMW ist gut, aber Mercedes ist besser.‘ Wir sind Griechen. Wir lieben Daimler.“

Ernie und Bert schmunzeln, Meyerhoff nickt bedächtig. Und ich hole noch einmal tief Luft, um mein Ass aus dem Ärmel zu schütteln. Ich bin sehr gut darin, schöne Bilder im Kopf zu erschaffen und Sehnsucht und Erinnerungen zu wecken. Ein nützliches Talent, wenn man Menschen etwas verkaufen möchte.

„Wir hatten auch mal einen Billig-Benz …“

Doch weiter komme ich nicht.

Die Herren reißen gleichzeitig die Augen auf und starren mich entgeistert an. Was habe ich falsch gemacht? Ich gehe im Kopf meine letzten Worte durch … Ach Mist.

Bert sagt im Brustton der Überzeugung: „Es gibt keinen billigen Benz! Sie meinen sicher den Baby-Benz.“

Am liebsten würde ich mir mit der flachen Hand an die Stirn schlagen. Billig-Benz … Mensch, Panagiota! Konzentrier dich. Die meinen das sehr ernst hier, die drei grauen Eminenzen. Die verstehen keinen Spaß, wenn es um ihr Schätzchen geht. Vermutlich würden sie eher ihren Erstgeborenen opfern, als zuzugeben, dass Mercedes auch nur eine Automarke ist.

„Genau“, setze ich erneut an. „Mein Vater hatte einen W201. Wenn wir früher nach Griechenland gefahren sind und den letzten Hügel in das Dorf genommen haben, standen alle am Straßenrand und haben uns zugewunken. ‚Ihr habt es geschafft!‘, begrüßten sie uns. ‚Ihr habt es in Deutschland zu etwas gebracht.‘ Das riefen sie nicht, weil wir den Kofferraum voll mit Persil, Nivea und Jacobs Krönung hatten, sondern weil wir einen Mercedes fuhren.“

Die drei Herren nicken höchst erfreut. Ich sehe ihnen an, dass sie sich die Szene gerade bildlich vorstellen. Und ich erkenne, dass sie mögen, was sie sehen.

„Fakt ist, ich habe jahrelang für BMW gearbeitet und bin jetzt bereit für Mercedes“, lege ich nach.

Meyerhoff taucht aus dem schönen griechischen Sommerurlaub wieder auf und berappelt sich nach einem kurzen Moment, den er nutzt, um wieder durch meine Bewerbungsmappe zu blättern. „Sie haben eine außergewöhnliche Streuung, Frau Petridou. Ihre Kunden kommen nicht nur aus Düsseldorf oder dem Rheinland. Sie kommen aus Hamburg, Paderborn, Frankfurt und sogar München. Wie kann es sein, dass Sie einen viel größeren Kundenkreis haben als andere? Warum fahren Kunden aus der ganzen Republik nach Düsseldorf, um einen MINI bei Ihnen zu kaufen?“

Ich verziehe keine Miene, als ich sage: „Ich bin am Telefon unschlagbar. Die meisten kommen über die Anzeigen auf den einschlägigen Verkaufsportalen im Internet zu mir. Oder weil sie einen Vergleichswert haben wollen. Wissen Sie, die Preise für MINIs weichen nicht besonders voneinander ab, da geht es vielleicht um 300 oder 500 Euro für zwei Modelle gleicher Ausstattung.“

Meyerhoff lächelt und schüttelt den Kopf. „Und wie gelingt es Ihnen dann, dass die Kunden bei Ihnen kaufen und nicht an ihrem Wohnort?“

Dass manche Leute für ein und denselben Wagen fünfhundert Kilometer zurücklegen, um ihn bei mir zu kaufen, hat damit zu tun, dass ich in dem Moment, in dem ich jemanden an der Strippe habe und mit ihm spreche, in der Regel weiß, wie ich ihn für mich gewinnen kann.

Es läuft immer nach demselben Prinzip ab. Der Kunde ruft an, möchte ein Angebot, eine Leasingrate oder einen Gesamtpreis. Auskünfte, die er am Telefon einholen will, da es oft nur um die Zahl geht, um zu vergleichen. Aber ich stelle Fragen und mache den Kunden neugierig. Ich locke ihn mit süßen Worten an meinen Schreibtisch. Mit Strategien, die ich im Laufe der Zeit erlernt habe. Mein Lieblingssatz ist: „Den besten Preis gibt’s immer bei mir am Schreibtisch.“ Der macht neugierig, und Neugier ist die halbe Miete. Sitzt der Kunde einmal an meinem Tisch, lasse ich ihn garantiert nicht mehr so schnell vom Haken.

Aber vorher muss ich mich immer ein bisschen anstrengen. Denn die meisten kommen nicht aus der Umgebung und reagieren auf meine Einladung gerne auch mal folgendermaßen: „Ich fahr doch nicht nach Düsseldorf! Ich bin aus Koblenz, das sind anderthalb Stunden Fahrt.“

„Klar kommen Sie nach Düsseldorf“, erwidere ich daraufhin. „Ich habe ein Bombenauto da, genau das, was Sie suchen.“

„Das gibt es aber auch hier in Koblenz.“

„Ja, aber das hat ein Multifunktionslenkrad“, gebe ich je nach Situation zu bedenken.

Der Kunde ist dann verwirrt. „Aber das will ich doch haben?“

„Ein Riesenfehler“, sage ich. „Die Knöpfe liegen so eng beieinander, die kann man nicht richtig bedienen. Vergessen Sie die Knöpfe! Sie kriegen nur eine Sehnenscheidenentzündung. Ich hab ein Auto da, das ist genau das, was Sie wollen, nur ohne Multifunktionslenkrad und deswegen 500 Euro günstiger.“

Für einen Moment herrscht Stille.

„Also wissen Sie was“, sagt der Kunde dann, „ich habe bei fünf Autohäusern angerufen. Keiner hat mir gesagt, dass ich kein Multifunktionslenkrad brauche.“

„Was für ein Glück, dass Sie bei mir rausgekommen sind.“

Er lacht. „Ja. Aber vielleicht will ich dann doch lieber einen Neuwagen. Wie viele Kilometer hat der, den Sie in Düsseldorf haben?“

Ich seufze. „Wann wollen Sie denn Ihr Auto bekommen? Es ist Mai. Wenn Sie jetzt den MINI bestellen, kommt er Ende August, und dann ist die Cabriozeit vorbei. Packen Sie Ihre Frau ein und machen Sie sich einen schönen Tag in Düsseldorf, ich empfehle Ihnen ein paar tolle Restaurants. Samstag reserviere ich mir den Vormittag für Sie, und dann zeig ich Ihnen Ihr neues Auto.“

Ich höre, dass er zögert. „Ich weiß nicht …“, setzt er ein letztes Mal zur Gegenwehr an.

„Na klar wissen Sie! Was haben Sie denn zu verlieren? Ich habe genau das Auto da, das Sie haben wollen. Außerdem müssen Sie bei mir kaufen.“

Er wirkt verblüfft. „Warum?“

„Sie verpassen was, wenn Sie nicht bei mir vorbeikommen. Ich bin eine echte Rakete.“

Der Kunde lacht. „Sehen Sie so gut aus, oder wie?“

„Na klar. Da fallen Sie tot um, wenn Sie mich sehen. Und bringen Sie bloß Ihre Frau mit, damit die auch was zu gucken hat.“

Ehrliches Lachen ist immer die Folge. Und ich weiß, wenn er auflegt, hat er sich bereits entschieden, dass er das Auto bei mir kaufen wird. Er weiß es nur noch nicht.

Ich sehe Meyerhoff in die Augen, um ihm seine Frage zu beantworten. „Ich kenne die Bedürfnisse meiner Kunden. Der eine braucht echte Beratung, der andere hat sich bereits entschieden und möchte nur noch hören, dass seine Entscheidung richtig ist. Manche wollen mit mir diskutieren, andere wollen am Ende recht haben. Man muss die Menschen lesen können.“

Und in Erinnerung an die Modellautos auf dem Fensterbrett füge ich in Gedanken hinzu: So wie ich es vor ein paar Minuten bei dir getan habe.

Meyerhoff sieht mich nachdenklich an. Mir ist bewusst, dass er mich haben will. Ich bin gut, das sagen die Zahlen, aber ich bin auch überzeugend, das weiß ich aus Erfahrung.

„Noch ein paar letzte Fragen, Frau Petridou“, meint Meyerhoff. „Wissen Sie, wie hoch der Umsatz von Mercedes im letzten Jahr war?“

„Nein.“

Die drei Herren schauen mich verdattert an.

„Das interessiert mich auch nicht.“

Ernie macht auch endlich mal den Mund auf. „Wer sitzt denn im Vorstand des Unternehmens? Wissen Sie das?“

„Nein“, antworte ich ehrlich.

„Aber das müssen Sie doch wissen“, echauffiert sich Meyerhoff.

„Wieso?“

„Sie wollen doch bei Mercedes arbeiten.“

„Irrtum! Sie wollen, dass ich für Mercedes arbeite. Das ist etwas vollkommen anderes“, sage ich und lächle.

WENN DAS LEBEN DIR ZITRONEN GIBT, MACH LIMONADE DARAUS!

Die meisten Menschen kennen mich als die großmäulige, kleine, unschlagbar gute griechische Autoverkäuferin.

Dabei bin ich gar nicht in Griechenland, sondern in Solingen geboren, mitten in Nordrhein-Westfalen, als Tochter griechischer Einwanderer und als drittes Kind der Familie. Aufgewachsen bin ich im Bergischen Hof auf der Wittkullerstraße, einer Gaststätte neben einer der großen Stahlfabriken der Stadt, die vor allem für ihre Klingen und Messer bekannt ist. Der Bergische Hof war mein Kinderzimmer, mein Spielplatz und mein Wohnzimmer, denn meine Eltern waren die Pächter und verbrachten jede Menge Zeit hinter dem Tresen. Wir hatten keinen Ruhetag, sondern von Montag bis Sonntag, morgens um acht bis nachts um zwei geöffnet, manchmal auch länger, bis der letzte Gast vom Barhocker fiel. Lediglich im Sommer machten wir für ein paar Wochen dicht, dann hatten auch die meisten aus dem Stahlwerk nebenan frei, und wir fuhren nach Griechenland zu den Familien meiner Eltern.

Doch die meiste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich im Bergischen Hof, irgendwo zwischen Bierdeckeln und Colakisten. Und zwar wortwörtlich. Wenn meine Mutter nämlich keine Zeit hatte, mich zu stillen, legte sie mich einfach auf die Arbeitsplatte in der Küche und stellte links und rechts zwei Colakisten darauf, damit ich nicht runterkullern konnte. Dann stopfte sie ein Kissen unter mich und befestigte die Milchflasche so, dass ich allein trinken konnte – und sie weitere Biere für ihre Gäste zapfen.

Mein älterer Bruder Kosta ist dreizehn Jahre älter als ich, meine Schwester Simela sechs. Ich bin nicht nur das Nesthäkchen, ich war auch alles andere als geplant und wurde, vielleicht auch deswegen, nicht verhätschelt. Meine Eltern hatten nicht viel Zeit für mich. Meine Mutter schmiss den Laden, machte Besorgungen, stand in der Küche und schrie die Lieferanten an, mein Vater war in der Kneipe und saß bei der Kundschaft – die griechische Art, wie sich der Herr des Hauses um Gäste kümmert.

Bis 1979 hatten die Petridous nur zwei Kinder – für griechische Verhältnisse quasi eine Kleinstfamilie –, planten jedoch keinen weiteren Nachwuchs und wollten sich gerade als Gastronomen selbstständig machen. Kosta war schon in der Pubertät, Simela aus dem Gröbsten heraus, sie führten einen Kiosk und liebäugelten mit der Idee, die Pacht einer Gaststätte zu übernehmen. Und ausgerechnet da entschied das Schicksal, dass der Familie Petridou noch einmal Nachwuchs ins Haus stehen sollte.

Das kümmerte meine Mutter natürlich erst einmal wenig. Sie arbeitete sprichwörtlich bis zu dem Moment, als ihr die Fruchtblase platzte. Dann flitzte sie nach oben in den zweiten Stock, wo eine andere Griechin mit ihrer Familie wohnte, und sagte zu ihr: „Anastasia, es ist so weit. Das Baby kommt. Kannst du bitte auf Kosta und Simela aufpassen, wenn sie von der Schule kommen? Ich bin bald wieder zu Hause, ich muss nur schnell das Kind kriegen.“

Anschließend veratmete sie eine Wehe und machte sich auf den Weg. Im Gegensatz zu heute, wo Frauen schon Wochen vor dem errechneten Termin eine gepackte Tasche fürs Krankenhaus in der Ecke stehen haben, war meine Mutter auf nichts vorbereitet. Sie hatte ja schon zwei Kinder auf die Welt gebracht, also hatte sie nicht vor, über Nacht im Krankenhaus zu bleiben. Zudem war es seinerzeit nicht üblich, dass die Väter den Geburten beiwohnten, und allzu lange wollte sie ihre Familie auch nicht allein lassen. Keuchend und schwer atmend schleppte sie sich also den Weg zum Krankenhaus hinauf.

Solingen gehört zum Bergischen Land und ist entsprechend hügelig. Um von der Frankenstraße zum Städtischen Klinikum zu kommen, ist eine gute Kondition von Vorteil. Nun ja, und es ist natürlich auch nicht schlecht, wenn man nicht gerade kurz davor ist, ein Kind zu entbinden, und alle zehn Minuten stehen bleiben muss, um die Schmerzen zu veratmen. Selbstverständlich hätte meine Mutter auch ein Taxi nehmen können, aber auf die Idee kam sie gar nicht, es waren ja nur dreieinhalb Kilometer. Stattdessen marschierte sie den Weg zum Krankenhaus mehr oder weniger stramm und lief durch den Haupteingang hinein, um wenige Stunden später mit einem frisch verpackten Neugeborenen wieder zu Hause anzukommen – selbstredend zu Fuß.

Leider war mein Vater in den ersten Wochen meines Daseins nicht sonderlich an mir interessiert. Er war enttäuscht, weil ich kein Junge geworden war – außerdem war er stinksauer auf meine Mutter, dass sie sich bei der Wahl meines Namens über seinen Wunsch hinweggesetzt hatte.

In Griechenland ist es üblich, den Erstgeborenen nach dem Vater des Vaters, die erste Tochter nach der Mutter des Vaters zu benennen. So sind Kosta und Simela zu ihren Namen gekommen. Die zweite Tochter bekommt normalerweise den Namen der Großmutter mütterlicherseits. Gleiches Recht für alle, das gilt vor allem in Hellas, der Wiege der Demokratie. Allerdings hatte mein Vater meiner Mutter ein paar Wochen vor meiner Geburt erklärt, dass ich, falls ich es denn wagen sollte, ein Mädchen zu werden, nach seiner Lieblingsschwester benannt werden sollte: Despina.

Das fand meine Mutter gar nicht gut. Immerhin hießen ihre beiden anderen Kinder schon wie die Eltern des Gatten, außerdem fand sie den Namen ihrer Mutter schön, Panagiota, der übrigens „die Mutter Gottes“ bedeutet – ganz bescheiden. Da mein Vater am Tag meiner Geburt nicht in der Nähe war, beschloss meine Mutter in ihrer typisch pragmatischen Art, das Kind einfach nach ihrem Wunsch, ergo ihrer Mutter zu benennen.

Der Ärger meines Vaters konnte dann auch nichts mehr ausrichten. Die Sache war gelaufen. In der Geburtsurkunde stand Panagiota, und mochte er auch toben wie Zeus, aus der Mutter Gottes wurde so schnell keine Despina mehr – ohnehin „nur“ eine Tochter Poseidons.

Meine Familie bestand nicht nur aus meinen Eltern und meinen älteren Geschwistern. Die Stammgäste des Bergischen Hofs standen mir mindestens genauso nahe wie all diejenigen, die den Namen Petridou trugen – vielleicht sogar näher, zumindest als Kosta und Simela, mit denen ich vor allem wegen des großen Altersunterschieds wenig zu tun hatte. Viel mehr Zeit verbrachte ich mit Herrn Weiß, Karl-Heinz, Icke, Roland und dem Göhre, die heute fast alle nicht mehr leben, weil sie entweder an Leberzirrhose oder Herzinfarkten verstorben sind. Diese Männer waren ja damals schon hundert Jahre alt, zumindest aus meiner Perspektive.

Jeden Tag um siebzehn Uhr kam die „Familie“ in den Bergischen Hof, genehmigte sich bis zum Zapfenstreich elf bis vierundzwanzig Alt Schuss, also ein Bier mit einem Kümmerling, einem Gläschen Mariacron oder einem Fernet-Branca dazu. Ich war von Geburt an ebenfalls zugegen, da meine Geschwister keine Lust hatten, auf mich aufzupassen, und meine Eltern sich keinen Babysitter leisten konnten oder wollten. Von Tagesmüttern und Kindertagesstätten oder ähnlichen Einrichtungen für Kleinkinder hatte man zu Beginn der Achtzigerjahre in Deutschland sowieso noch nichts gehört. Es war üblich, sein Kind dorthin mitzunehmen, wo man eben hinging, auch wenn das der Platz hinter dem Zapfhahn war.

Weil ich unsere Gäste von klein auf kannte, konnte ich ihnen, als ich etwas älter war, an der Nasenspitze ansehen, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Und so kam es, dass ich mich manchmal, wenn ich das Gefühl hatte, einer der Männer könnte ein bisschen Zuspruch, vielleicht auch nur ein offenes Ohr brauchen, auf den Schoß setzte und fragte: „Kalle, was ist los? Hattest du keinen guten Tag?“

Und Kalle, Icke, Herr Weiß und wie sie alle hießen, begannen zu erzählen. Ich erfuhr viel in dieser Zeit. Über das Leben und die Menschen. Ich wusste, wem die Frau davongelaufen war, wie der Gesundheitszustand eines jeden aussah, wer immer noch darauf wartete, von seinem Vorarbeiter endlich mal gelobt zu werden. Ich war nicht nur die Tochter meiner Eltern, ich war auf eine bestimmte Art das Kind aller Stammgäste im Bergischen Hof. Ich holte ihnen Zigaretten am Automaten, warf fünf Mark in den Spielautomaten nach oder kreidete die Queues vom Billardtisch ein.

Weil meine Mutter der Meinung war, dass man sich in Deutschland meinen Namen nicht so gut merken konnte, wurde ich von ihr und den Gästen „Jutta“ statt Panagiota genannt. Meine Schwester ereilte übrigens dasselbe Schicksal, sie war im Bergischen Hof nur als Melanie, nicht als Simela bekannt.

Gerufen wurde ich in der Kneipe in Wirklichkeit aber fast immer bei einem meiner Spitznamen: „Kleines Teufelchen“ oder „Fritzchen“, weil ich mit meinen wilden, dunklen Augenbrauen, den kullerrunden blauen Augen und der Paul-McCartney-Gedächtnisfrisur wie ein kleiner Junge aussah. Mama fand die kurzen Haare für mich prima, da sie mich vor Läusen bewahrten, ungeachtet der Tatsache, dass sich unser Leben nicht mehr im Dorf zwischen Eseln und Hunden abspielte. Ich gehörte zum Inventar des Bergischen Hofs, genau wie der Flipperautomat in der Ecke und die Wandverkleidung Marke Eiche rustikal, mein Vater mit Zigarette und Zeitung an der Theke oder die Musikbox mit all den tollen Schlagern, die ich bis heute alle auswendig kenne. Da Da Da.

So sehr mich die Gäste liebten, so sehr ging ich meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, auf den Keks. Oft verjagte sie mich aus der Küche und rief: „Panagiota, du Teufelsbraten, geh hoch in die Wohnung oder draußen spielen! Du bist mir im Weg, ich kann nicht arbeiten, wenn du dich die ganze Zeit hier herumtreibst!“

Aber ich hatte keine Lust, allein in der Wohnung zu sein. Die drei Zimmer über der Gaststätte, in denen wir wohnten, waren spartanisch eingerichtet: Bett, Schrank, Tisch. Es gab keine bunten Teppiche in meinem Kinderzimmer, keine Motivtapeten und bedruckten Vorhänge. Ich hatte Spielzeug, aber es war nicht viel, denn meine Mutter hielt nichts davon, ihre Kinder zu verziehen – außerdem hatte sie, nachdem meine Schwester für die meisten Sachen zu alt oder groß geworden war, alles weggegeben, weil sie nicht mehr davon ausgegangen war, noch einmal Nachwuchs zu bekommen.

Ich muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als ich meiner Mutter unten in der Kneipe einmal so lange auf den Geist ging, bis sie mich nach oben in die Wohnung schickte und mir auftrug, mich mit mir selbst zu beschäftigen.

„Geh spielen, Panagiota“, rief sie zornig, „und komm mir heute nicht mehr zwischen die Füße!“

Beleidigt stampfte ich durch die Kneipe, vorbei an der Theke und an meinem Vater, der sich auf keinen Fall zuständig für mich fühlte, trampelte die Stufen nach oben und verkroch mich in das Zimmer, das ich mir mit meiner Schwester teilte. Bald wurde mir aber langweilig, also streifte ich durch die Wohnung auf der Suche nach einer Beschäftigung. In der Küche fand ich etwas, mit dem ich spielen konnte: eine Fünf-Kilo-Packung Biskin-Pflanzenfett für die Fritteuse. Es war eine Großpackung aus der Kneipe.

Ich öffnete die Verpackung und versuchte, einen Finger in das weiße Fett zu drücken, das durch die Zimmertemperatur recht weich geworden war. Anstatt nachzugeben, brach das Fett jedoch ab und ich hielt ein Stück Biskin in der Hand. Es war flutschig und irgendwie angenehm zwischen den Fingern, und ich begann, die Front des Küchenunterschranks damit einzureiben. Warum? Nun ja. Keine Ahnung. Es kam mir irgendwie … richtig vor.

Nachdem ich mit dem Unterschrank fertig war, brach ich ein größeres Stück Fett ab und nahm mir den Boden vor. Ich rieb ihn akribisch mit Biskin ein und knöpfte mir dann den Rest der Küche vor. Danach war das Wohnzimmer dran. Ich schmierte Fett auf den Fernseher, auf den Teppich, zwischen die Ritzen der Sofakissen, an die Tapeten, auf die Türen und alles, was nicht bei drei auf dem Baum war. Alles erhielt den wunderschönen Schmierfilm von Biskin. Alles. Spiegel, Holz, Stoff. Meine Mutter ließ mich für Stunden da oben allein, und wäre ich sie gewesen, mir wäre die Stille verdächtig vorgekommen. Sie war vermutlich froh, dass ich sie nicht mehr in der Gaststätte nervte, außerdem hatte sie jeden Abend so viel um die Ohren, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit einfach vergessen hatte, dass ich eine Etage drüber in der Wohnung war, und erst recht ahnte sie nicht, dass ich die Wohnung gerade in eine cremeweiße Fettlandschaft verwandelte.

Irgendwann jedoch sah sie doch nach dem Rechten. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie sie plötzlich in der Tür zum Wohnzimmer stand (ich war gerade damit beschäftigt, einen Bilderrahmen mit Biskin zu versehen), das Gesicht zu einer stummen Maske des Entsetzens verzogen, die Augen weit aufgerissen.

„Panagiota!“, rief sie nur atemlos.

Als ich ihre Miene sah, war mir sofort klar, dass ich etwas ganz, ganz Schlimmes getan hatte. Meine Mutter gehört zu der Sorte Mensch, die sofort hochgehen kann wie eine Rakete. Wenn ihr einmal die Worte fehlen, ist die Kacke meistens richtig am Dampfen. Und nun war die ohnehin recht kurze Zündschnur abgebrannt – und es würde unweigerlich der große Knall folgen.

Doch ich tat etwas, was mir vermutlich das Leben rettete: Ich ahmte meine Mutter nach. In Griechenland gibt es einen Ausruf, „Uchi!“, der in etwa „Mein Gott!“ heißt. Als ich also meine Mutter da in der Tür stehen sah, weiß wie die Wand vor Entsetzen, schmiss ich den verbliebenen Klumpen Biskin in die Ecke, schlug die Hände vors Gesicht und rief ganz laut: „Uchi!!!“ Genau wie sie es immer tat, wenn irgendwo etwas umfiel oder zerdepperte.

Mama riss die Augen noch weiter auf – dann jedoch fing sie an zu lachen. Sie lachte so sehr, dass ihr bald schon die Tränen über die Wangen liefen. Fassungslos lief sie durch die Wohnung und betrachtete mein „Werk“, wobei ich langsam hinter ihr herlief, immer darauf bedacht, ihr nicht allzu nahe zu kommen. Als sie sah, dass ich das Biskin sogar in den Spalt zwischen den Matratzen des Ehebetts gestopft hatte, drehte sie sich zu mir um und sagte: „Du bist ein Satansbraten, Panagiota, ein richtiger kleiner Teufel!“

Später verriet sie mir: „Dass du mich zum Lachen gebracht hast, hat dir das Leben gerettet, Kind. Ich hätte dich umgebracht, wenn du mich nicht nachgemacht hättest.“

Es war das letzte Mal, dass sie mich allein in der Wohnung ließ. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Von da an hieß es: Geh draußen spielen! Und ich habe daraus gelernt, auch in brenzligen Situationen stets den Humor zu bewahren – er kann zuweilen dein Leben retten.

Die Wohnung, in der wir lebten, war wirklich kein besonders heimeliger Ort. Unsaniert, runtergewohnt und meistens kalt. Die Toilette befand sich nicht auf unserem Stockwerk, sondern im Innenhof hinter der Kneipe. Ich erinnere mich noch gut daran, wie viel Respekt ich als Pimpf vor den vielen Stufen hatte. Es fühlte sich immer wie eine halbe Weltreise an, aus der Wohnung in den kalten Hausflur und die vielen, vielen steilen Stufen hinunter (immerhin war es ein Altbau) bis zu der Tür zu laufen, die in den kleinen Hof führte. Dort befanden sich linkerhand zwei Sanitäranlagen, einmal für Frauen, einmal für Männer. Nicht nur die Kneipengäste verrichteten dort ihr Geschäft, auch meine Familie und der Rest des Hauses teilten sich das stille Örtchen. Wenigstens hatten wir in der Wohnung einen Eimer, damit ich nicht wegen jeder Pipipause die anderthalb Stockwerke nach unten marschieren musste.

Wenn ich nun aber schon einmal die vielen Stufen hinuntergelaufen war, lag es auf der Hand, dass ich auf dem Rückweg einmal in der Gaststätte vorbeischaute. Dort war es fast immer wärmer als oben, weil Leute da waren und meine Eltern in den Wintermonaten durchgehend heizten, außerdem war es auch viel spannender als in meinem Kinderzimmer. Also versteckte ich mich oft unter den Tischen, in der Hoffnung, meine Mutter möge einfach vergessen, dass ich immer noch im Gastraum war. Meistens tat sie das nicht. Allerdings ließ sie mich, solange ich ihr nicht zu sehr im Weg war, in meinem Versteck sitzen. Wenn einer von den Stammgästen die Kneipe betrat und fragte: „Wo ist denn das Teufelchen?“, antwortete sie: „Da, unter dem Tisch. Aber sie soll nicht wagen, darunter hervorzukommen.“

Ich saß stundenlang auf meinem Posten und beobachtete, was geschah. Manchmal, wenn es zu kalt wurde, kuschelte ich mich an die Wade des Gastes, der auf einem Stuhl über mir saß. Das konnte Karl-Heinz sein, Roland oder jemand, den ich gar nicht kannte. Meistens war es einer der Arbeiter, die nichts dagegen hatten, wenn ich mir meine Portion Zuneigung bei ihnen abholte … oder bei ihrer Wade. Ich glaube, dass die wenigsten überhaupt etwas davon mitbekamen. Denn sie saßen dort eine halbe Ewigkeit, ohne sich zu bewegen, manchmal den ganzen Abend lang, wie griechische Statuen. Vielleicht waren sie eingeschlafen, vielleicht auch einfach schon zu betrunken, um noch etwas mitzubekommen, auf jeden Fall wurde ich kein einziges Mal von einem Wadenbesitzer vertrieben.

Meiner Mutter war meine Bereitschaft, mich unseren Gästen an den Hals beziehungsweise den Unterschenkel zu werfen, ziemlich suspekt. „Eines Tages“, pflegte sie mehr als einmal zu sagen, „eines Tages wird dieses Kind einfach weg sein. Verschwunden, mitgenommen von einem unserer Gäste.“

Sie hatte nicht unrecht, ich besaß eine übermäßige Vertrauensseligkeit, aber für eine Dreijährige auch eine gute Intuition, Freund von Feind zu unterscheiden.

Außerdem war meine Mutter der Überzeugung: „Wer dieses Kind mitnimmt, wird es am nächsten Tag sowieso wieder zurückbringen.“

Wenn es Zeit war, die Kneipe zu schließen, brachte ich die Männer oft nach Hause. Sie wohnten alle in der Nachbarschaft, meist nur ein paar Häuser oder Straßen von uns entfernt. Es waren arme Schlucker, verlorene, einsame Seelen, die sich in der Gesellschaft der anderen verstanden und aufgenommen fühlten. Ich mochte jung sein, aber ich begriff, wie allein sich die meisten von ihnen fühlten, weshalb ich ihnen so oft wie möglich Gesellschaft leistete und sie nach ihrem Leben fragte. Die meisten waren dankbar für das bisschen Aufmerksamkeit, das ich ihnen schenkte, und erzählten bereitwillig von ihren Sorgen und Nöten.

Ich lernte eine Menge. Ich glaube, dass ich in den ersten sechs Jahren meines Lebens am meisten über die Menschen lernte. Vor allem meine Mutter dabei zu beobachten, wie sie die einzelnen Gäste mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen behandelte, half mir zu verstehen, wie Menschen ticken. Manchmal sah ich, wie Mama mit dem einen derbe Witze riss, dem nächsten schweigend ein Alt vor die Nase stellte und einem Dritten tröstend die Hand auf den Rücken legte, während sie ihm das Abendessen servierte. Sie kannte ihre Stammgäste und wusste genau, wie sie auf wen reagieren musste, um jedem einzelnen ein gutes Gefühl zu geben. Indem ich sie beobachtete, kapierte ich, was ich tun musste, wenn ich wollte, dass Menschen sich in meiner Gegenwart wohlfühlten und sich mir anvertrauten – um im Gegenzug Nähe und Zuneigung von ihnen zu bekommen.

In den Kindergarten kam ich mit drei Jahren. An meinem ersten Tag, es war Juli, und ich hatte gerade erst Geburtstag gehabt, brachte mich meine Mutter mit dem Auto dorthin.

„So“, sagte sie, als sie den Wagen parkte. „Das ist der Kindergarten, Panagiota.“

Ich machte große Augen. „Wie lange muss ich hierbleiben?“

„Den ganzen Tag.“

„Den ganzen Tag?“, schrie ich entsetzt. „Wie lange ist das?“

„Na ja …“ Meine Mutter dachte nach. „Also, du bleibst, bis sie die Stühle auf die Tische stellen und zu putzen anfangen. Vorher will ich dich nicht zu Hause sehen, verstanden?“

Wenn ich heute davon höre, dass sich Freunde, die Nachwuchs im Kindergartenalter haben, zwei Wochen von der Arbeit freinehmen, um ihre Kinder an die neue Umgebung zu gewöhnen, muss ich mir manchmal das Lachen verkneifen. Meine Mutter war viel zu pragmatisch für so was. Zu ihrer Verteidigung sei gesagt, es waren die Achtziger, da hatte kein Mensch Zeit für „Kindergarteneingewöhnung“, vermutlich gab es das Wort auch noch gar nicht. Stattdessen lieferte mich meine Mutter bei den Kindergärtnerinnen ab und bläute mir noch einmal ein, dass ich bloß keinen Unsinn anstellen solle. Dann drehte sie sich um und sagte zu der großen Frau, die sich als Frau Bosch vorgestellt hatte: „Passen Sie gut auf diesen kleinen Teufel auf. Die ist brandgefährlich!“ Und verschwand.

Ich brauchte weniger als eine Minute, um mich zu verdünnisieren. In einem unbeobachteten Moment – es war der erste Tag und es gab viele neue Kinder, also war das Chaos gewaltig und niemand nahm so richtig Notiz von mir – büxte ich einfach aus und marschierte durch die Eingangstür hinaus. Über einen Schleichweg rannte ich zurück nach Hause. Ich wollte nicht im Kindergarten bleiben! So viele fremde Kinder und diese große Frau, die auf einmal das Sagen hatte, dabei sagte mir doch sonst niemand, was ich zu tun hatte. Ich war an Kalle, Icke und Herrn Weiß gewöhnt, an die Arbeiter aus der Stahlfabrik Grossmann, an meine Mutter hinter dem Tresen und meinen Vater auf einem Barhocker davor, umringt von mehreren Tageszeitungen, die er stundenlang studierte, immer mit einer qualmenden Roth-Händle ohne Filter in der Hand.

Kinder? Noch dazu in meinem Alter? Bastelsachen? Spielzeuge? Das war nicht meine Welt. Bloß weg hier!

Also rannte ich, so schnell mich meine kurzen Beine trugen, nach Hause. Weil ich eine Abkürzung nahm, kam ich sogar noch vor meiner Mutter zu Hause an und saß schon auf der Treppe vor dem Eingang zum Bergischen Hof, als sie um die Ecke bog.

Sie ließ das Fenster der Beifahrertür runter und rief: „Du kleiner Teufel! Warum bist du nicht im Kindergarten?“

„Ich will nicht in den Kindergarten!“, rief ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

Als ob das irgendwas genützt hätte.

Meine Mutter sprang aus dem Auto, verfrachtete mich auf den Rücksitz und brachte mich zurück in die Einrichtung, wo ich einen ganzen Tag lang unter dem Aquarium verbrachte und mich versteckte. Vor den anderen Kindern, aber auch vor der furchteinflößenden Frau Bosch, die mit ihrer gurrenden und säuselnden Stimme auf mich einredete.

Glücklicherweise legte sich meine Aversion gegen den Kindergarten schon bald. Als ich nämlich begriff, dass es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war. Und zwar nicht etwa wegen der anderen Kinder, Spielgefährten oder Bastelarbeiten, oh nein. Sondern wegen der anderen Eltern.

Meine Mutter hatte mir ja sehr deutlich gemacht, dass ich es besser nicht wagen sollte, vor Schichtende im Kindergarten daheim aufzuschlagen. Also hatte ich jede Menge Zeit, die anderen Eltern dabei zu beobachten, wie sie ihren Nachwuchs am Nachmittag abholten.

Am Anfang war ich baff. Nicht nur, dass die meisten Kinder nicht allein nach Hause laufen mussten, sondern einen persönlichen Shuttle-Service durch ihre Eltern bekamen, die sie mit einem geflöteten „Hallo, mein Schatz!“ begrüßten. Die Mütter und Väter nahmen sich auch noch die Zeit, die Taschen abzulegen und die Jacken auszuziehen, sich auf einen der kleinen Stühle sinken zu lassen und sich anzuschauen, was ihre Kinder am Tag so produziert hatten. Wasserfarbenbilder. Kastanienmännchen. Aus Konservendosen gebastelte Roboter. Alles wurde bewundert.

„Oh, Sabine, das hast du aber toll gemacht!“, hörte ich ein ums andere Mal. Oder auch: „Mensch, Carsten! Hast du das ganz allein gebastelt?“

Und während ich so dasaß und die Eltern von Sabine und Carsten beobachtete, sah, mit wie viel Liebe und Zuneigung sie die hässlichen Fabrikate ihrer Kinder betrachteten, wie sie eine halbe Stunde dort sitzen blieben und weiter an den Bildern ihrer Kinder arbeiteten, spürte ich das Verlangen, das meine Mutter dasselbe mit mir tat.

Also fragte ich meine Kindergärtnerin, Frau Bosch: „Meinst du, meine Mama freut sich, wenn ich ihr meine Sachen zeige?“

„Aber klar, Panagiota“, meinte Frau Bosch. „Du hast dir doch so viel Mühe gegeben beim Malen und Basteln. Nimm alles mit und zeig es deiner Mama, sie wird sich bestimmt riesig freuen.“

Pädagogen … Frau Bosch hatte natürlich keine Ahnung, wie meine Mutter so drauf war, als griechische Einwanderin, aufgewachsen mit sieben Geschwistern am Arsch der Heide, irgendwo hinter Thessaloniki im Dorf Lefkouda. Die Familie meiner Mutter war, nachdem ihr Vater vier Jahre nach ihrer Geburt gestorben war, so arm, dass sich meine Großmutter sogar dazu entschlossen hatte, ein Kind zur Adoption freizugeben. Meine Mutter hat, genau wie ihre Geschwister auch, in ihrer Kindheit großen Hunger erlitten, da ihre Mutter es kaum fertigbrachte, für alle genug auf den Tisch zu bringen. Eine liebevolle Erziehung? Pädagogisches Feingefühl? Pustekuchen! Es ging nur darum, satt zu werden. Meine Mutter hat keinen blassen Schimmer von Pädagogik und wusste wahrscheinlich noch nicht einmal, warum es für Kinder wichtig ist, in den Kindergarten zu gehen. Oder das Malen zu lernen. Bis heute bin ich nicht in der Lage, auch nur ein Strichmännchen anständig hinzubekommen, und meine Handschrift ist eine Sauklaue. Schönschreiben? Das interessierte bei uns daheim nicht. Deswegen kritzele ich wie ein verrückter Professor, krakelig und verwackelt. Geburtstags- und Glückwunschkarten gestaltet mein Freund, ich darf maximal meine unleserliche Signatur daruntersetzen.

Natürlich sind an meinem mangelnden Zeichen- und Schreibtalent nicht allein meine Eltern schuld. Sie ermunterten mich allerdings nie, zu malen oder zu zeichnen, weil sie darin keine nützliche Fähigkeit erkannten, die mich eines Tages einmal weiterbringen würde. Sie waren stets darum bemüht, die Grundbedürfnisse meiner Geschwister und mir abzudecken, uns etwas zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf und ein Bett zum Schlafen zu bieten. Und verglichen mit ihrem spartanischen, ja armseligen Leben in Griechenland sahen uns meine Eltern aufwachsen wie die Made im Speck. Ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett, zwei warme Mahlzeiten am Tag, Schulbildung, Sommerferien in Griechenland … Was konnte man einem Kind eigentlich noch geben? Es bekam doch schon alles, was sie selbst nie gehabt hatten, und noch tausend Mal mehr.

Ich verstehe meine Eltern. Sie haben alles für uns gegeben, wanderten in ein fremdes, kaltes Land fernab der eigenen Familie aus, in eine komplett andere Kultur, lernten eine neue Sprache und versuchten, sich irgendwie durchzuschlagen, und zwar nur, damit ihre Kinder es einmal besser haben als sie. Man darf nicht vergessen, dass meine Mutter und mein Vater keine besondere Schulbildung genossen hatten. Mama war vier Jahre in der Schule, Papa ganze sechs. Griechenland war nach dem Krieg noch nicht so weit entwickelt wie die westeuropäischen Länder. Während Deutschland fünfzig Jahre „Zeit“ hatte, sich von der Großelterngeneration, die nur Lesen und Schreiben lernte, über die soliden Handwerksberufe und Ausbildungen der Eltern bis zu den Akademikerkindern zu entwickeln, gab es in ärmeren Ländern wie Griechenland, Spanien und Italien oft größere Entwicklungssprünge innerhalb nur weniger Jahre. Das prägt, nicht nur eine Nation, sondern auch Familien, denn eine Mutter, die selbst Hunger erlitten hat, wird nicht verstehen, warum sie ihr Kind zur musikalischen Früherziehung schicken sollte.

Meine besonderen Talente, wie auch immer die ausgesehen haben könnten, wurden demnach nicht gefördert, zumindest nicht direkt – was nicht heißt, dass ich mich nicht entwickelte. Doch ich ging nicht zum Ballettunterricht für Kleinkinder und lernte auch keine exotische Sprache im Grundschulalter. Für solchen Schnickschnack hatten die Petridous einfach keine Zeit und auch kein Verständnis. Und natürlich gehörten meine Kunstwerke auch zu diesem Schnickschnack.

Insofern fiel die Reaktion meiner Mutter auf meine Bastelwerke auch ganz und gar anders aus, als Frau Bosch es mir versprochen hatte.

Ich nahm alles, was ich in den letzten Wochen produziert hatte, aus dem Fach, über dem das Bild eines kleinen Wildschweins klebte. Jedem Kind war ein Tier zugeordnet worden, und mir hatte man, warum auch immer, ein Wildschwein gegeben. Auf jeden Fall räumte ich das gesamte Fach leer, stapelte all die gewellten Papiere, die gefalteten Vögel, die Pfeifenputzer-Schmetterlinge und das Haus aus Klopapierrollen aufeinander und machte mich auf den Nachhauseweg.

Der Weg war lang. Zumindest fühlte er sich sehr lang an. Ich musste den Hindenburgplatz überqueren, der mir wie eine nicht enden wollende, geteerte Wüste vorkam. In der Ferne konnte ich die Baumreihen und Büsche erkennen, die die Grenze zur Wiesenstraße markierten, in der wir wohnten. Es war Spätherbst, der Wind blies mir kalt ins Gesicht und zerrte an den Papieren in meiner Hand. Doch ich ließ mich nicht unterkriegen, und mochte es der Olymp sein, den ich zu erklimmen hatte, um meiner Mutter zu zeigen, was ich im Kindergarten gemacht hatte.

Ich marschierte weiter. Ein paar Mal musste ich anhalten, um meine Bastelerzeugnisse neu zu stapeln oder anders zu greifen, weil sie mir andauernd aus der Hand rutschten. Denn natürlich hatte ich mich nicht mit einer Auswahl der besten Kunstwerke zufriedengegeben, ich wollte daheim restlos alles zeigen, um die maximale Bestätigung zu bekommen.

Irgendwann kam ich erschöpft, aber glücklich zu Hause an und drückte mit meinem mickrigen Gewicht die Tür zur Gaststätte auf. Verrauchte, bierdunstgeschwängerte Luft schlug mir entgegen.

„Mama, Mama! Ich muss dir was zeigen!“

Meine Mutter kam aus der Küche. Der Mittagsansturm war seit ein paar Stunden vorbei – er war die schlimmste Zeit des Tages, in der man meinen Eltern am besten nicht zwischen die Füße kam. Um Punkt zwölf klingelte nämlich drüben bei Grossmann die Glocke, und es marschierten mal eben einhundert Männer in den Bergischen Hof, die in einer Stunde sechs Bier, vier Frikadellen und zwei Schnitzel pro Nase verputzten, um dann gestärkt in den Nachmittag zu gehen. Heißt: Zwischen zwölf und eins brannte bei uns die Hütte, danach blieb es ein paar Stunden ruhig, bis die zweite Schichthälfte in der Stahlfabrik vorbei war und der Bergische Hof wieder aus allen Nähten platzte. Doch Mama musste jetzt schon alles vorbereiten, wenn sie später hinter dem Zapfhahn stehen wollte. An ihren Fingern klebte Hackfleisch, und sie wirkte gestresst. In dreißig Minuten war bei Grossmann Feierabend.

„Was ist los, Panagiota?“

„Ich hab dir was mitgebracht.“ Stolz legte ich alle Basteleien auf einem der Tische ab und breitete die Papiere vor den Augen meiner Mutter aus. „Hier, das haben wir letzte Woche gemalt.“ Ich zeigte auf ein Bild, auf dem ich ein Ahornblatt mithilfe von Wasserfarben in einen Pfau verwandelt hatte. „Und das da ist ein Roboter.“ Ich hielt ihr das krumme Konservendosen-Männchen unter die Nase.

Meine Mutter starrte erst die Bastelarbeiten, dann mich an. Schließlich sagte sie, während sie sich das restliche Hackfleisch von den Händen putzte: „Panagiota! In einer halben Stunde rennen mir die Gäste die Bude ein. Und du hast nichts Besseres zu tun, als den Müll aus dem Kindergarten mitzubringen?“

Ich war aufrichtig verwirrt. „Müll?“

„Alte Dosen! Kastanien. Blätter. Was ist das, wenn nicht Müll?“ Sie wandte sich ab. „Schmeiß das weg. Und dann wasch dir die Hände.“

„Aber Mama …“ Ich war verunsichert. Warum bekamen die Sabines und die Carstens ein Lob und die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, wenn sie ihre Bilder zeigten, ich jedoch wurde als Müllsammlerin abgetan?

Meine Bastelarbeiten landeten an diesem Tag im Abfalleimer. Und zwar nicht im normalen, sondern im „bösen“ Abfalleimer. Das war der, in den die Scherben kamen – und der für mich absolut rote Zone war. Der böse Abfalleimer war tabu, dem durfte ich mich nicht auf einen Meter nähern. Ich durfte nichts hineinwerfen und erst recht nichts herausholen, denn meine Eltern hatten Angst, dass ich mich an den Scherben schneiden könnte. In diesem schwarzen Loch waren meine gesammelten Werke gelandet. Für immer verloren. Hinfort.

Ich fing an zu weinen. Ich hatte mir so viel Mühe gegeben! Und ich hatte alles den langen Weg über den Hindenburgplatz bis in den Bergischen Hof geschleppt.

Meine Mutter sah mich verdutzt an. „Panagiota, warum weinst du denn jetzt?“ Sie schien wirklich nicht zu begreifen, warum ich traurig war. Stattdessen stemmte sie die Hände in die Hüften. „Hör mal, du weißt doch, dass wir immer ganz viel Müll haben wegen der Kneipe.“

Ich nickte.

„Siehst du. Und deswegen muss ich den Müllmännern immer zwei Kästen Bier hinstellen, damit sie unseren extra Müll mitnehmen. Das weißt du doch auch, oder?“

Wieder nickte ich.

„Und wenn du jetzt Papier und Klopapierrollen und Pfeifenputzer und andere Sachen aus dem Kindergarten mitbringst, dann muss ich den Müllmännern noch mehr Bier hinstellen, damit sie alles mitnehmen. Verstehst du das?“

Hm. So hatte ich die Sache noch gar nicht betrachtet. Ich bekam ja mit, wenn Mama den Männern in Orange das Bier gab. Und ich wusste auch, warum sie das tat. Und jetzt hatte ich ihr also noch viel mehr Müll nach Hause gebracht, und sie musste noch mehr Bier an die orangefarbenen Männer abgeben.

Noch einmal regte sich Widerstand in mir. „Aber Mama, das ist doch gar kein Müll.“ Ich schielte in Richtung des bösen Abfalleimers. „Das sind meine Bilder für dich.“