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Gisela Föllmi war sieben Jahre alt, als sie von ihrem Stiefvater zum ersten Mal an einen Mann verkauft wurde. Sie hatte keine Chance, sich zu wehren. Nicht gegen diesen Übergriff und auch nicht gegen die Übergriffe von weiteren Männern. Und erst recht nicht gegen die ihrer Mutter. Als abhängiges Kind, so sagt sie, habe sie schweigen müssen. Und zwar um jeden Preis. Es war ein hoher: Ihre Seele zersplitterte, nahm für immer Schaden. Um zu überleben, spaltete die kleine Gisela die verschiedenen Traumatisierungen ab, versenkte alles in ihrem inneren Schlimme-Dinge-Schrank. Die Erlebnisse abzuspalten, brachte keine Heilung. Wie auch? Sie waren und blieben durch den inneren Druck und die damit verbundene extreme Anspannung omnipräsent. Gisela Föllmi sagt rückblickend: "Ich habe mich und das Leben nicht ertragen und wusste nie, warum. Ich spürte, dass ich Hilfe bräuchte, konnte aber nie sagen, warum. Das kostete mich zweimal beinahe das Leben." Sie war sechsundvierzig Jahre alt, als sich die Tür ihres Schlimme-Dinge-Schranks einen winzigen Spalt weit öffnete und sie – in klitzekleinen Schritten – damit begann, das Unsagbare hervorzuholen und in Worte zu fassen. Wie viel Kraft dieser Prozess kostet und was für einen Mut er erfordert, ist jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber seit sie den ersten Schritt aus dem Schweigen getan hat, weiß sie mit Bestimmtheit, dass sich die seelische Schwerstarbeit lohnt. "Ich werde", das ist für sie so sicher wie das Amen in der Kirche, "an meinem großen Ziel, ein Leben ohne Scham, Schuld und Angst leben zu können, ankommen. Das zu wissen, ist ein großartiges Gefühl."
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2021
Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2021 Wörterseh, Lachen
Lektorat: Brigitte MaternJuristisches Lektorat: Marc Fischer, RechtsanwaltKorrektorat: Andrea LeutholdUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaFoto Cover: stilisiertes Teilportrait auf Basis des Kinderfotos im Kapitel »Über das Buch« Foto »Über das Buch«: Gisela Föllmi im Alter von ca. acht Jahren (Privatarchiv)Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI Books GmbH
Print ISBN 978-3-03763-127-0 E-Book ISBN 978-3-03763-813-2
www.woerterseh.ch
Ich widme dieses Buch allen Kindern, die Missbrauch, Gewalt und andere Verletzungen erleben. Redet darüber! Nur so wird sich etwas ändern. Ich fordere alle Erwachsenen auf, schaut genau hin, hört den Kindern gut zu und nehmt sie ernst! Nur so könnt ihr sie in ihrer Not beschützen.
Über das Buch
Über die Autorin
Vorwort der begleitenden Psychotherapeutin
Anmerkung der Autorin
Anmerkung des Verlags
Prolog
KINDHEIT UND JUGEND
Alles auf Anfang
Raketenglace und Regenwürmer
Ich gehe verloren
Beklemmende Gerüche
Ich bin schuld. Immer!
Beißende Kälte
Ich will geliebt werden
Mein blaues Lieblingskleid
Die innere Hilfstruppe
Abgrundtiefe Scham
Mein Bruder Max
Kinderschuhe vor der Tür
Ich rieche Eugens Angst
Alles fühlt sich falsch an
Die Großeltern geben Halt
Bedrohliche Veränderungen
Ich erstarre
Das erste Testament
Nichts wert
»Du bist böse!«
Leben auf dem Pulverfass
»Wehe, du sprichst!«
Mein allwissender Vater Paul
Ich hasse mich
Berufswunsch: Einstein
Muetis perfide Täuschung
Helfershelfer im weißen Kittel
Ein kleiner Glücksmoment
Endlich einmal wahrgenommen
»Bist du jetzt zufrieden?«
Der Auszug
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Der hinterhältige Manipulator
LEBEN ALS ERWACHSENE
Alles, aber das nicht!
Verstörende Gefühle
Mueti stirbt
Mein Kinderwunsch
Unerträgliche Intimität
Abschiede
Vernarbungen
Ich beginne zu schreiben
Der Lokführer
Will ich eigentlich leben?
Die Betondecke reißt: Der 6. März 2020
Ein friedvolles Loslassen
GEGENWART UND ZUKUNFT
Die anstrengende kleine Gisela
Ein anspruchsvoller Weg
Meine Mutter, die Täterin
Scham, Ohnmacht, Trauer und Wut
Der Wendepunkt
Die Alchemistin
Die Flamme brennt
So wahr ich lebe
Ein Wort des Ehemanns …
… und des rechtlich begleitenden Juristen
Dank
Hilfe und Beratung
Glossar
Gisela Föllmi war sieben Jahre alt, als sie von ihrem Stiefvater zum ersten Mal an einen Mann verkauft wurde. Sie hatte keine Chance, sich zu wehren. Nicht gegen diesen Übergriff und auch nicht gegen die Übergriffe von weiteren Männern. Und erst recht nicht gegen die ihrer Mutter. Als abhängiges Kind, so sagt sie, habe sie schweigen müssen. Und zwar um jeden Preis. Es war ein hoher: Ihre Seele zersplitterte, nahm für immer Schaden. Um zu überleben, spaltete die kleine Gisela die verschiedenen Traumatisierungen ab, versenkte alles in ihrem inneren Schlimme-Dinge-Schrank. Die Erlebnisse abzuspalten, brachte keine Heilung. Wie auch? Sie waren und blieben durch den inneren Druck und die damit verbundene extreme Anspannung omnipräsent. Gisela Föllmi sagt rückblickend: »Ich habe mich und das Leben nicht ertragen und wusste nie, warum. Ich spürte, dass ich Hilfe bräuchte, konnte aber nie sagen, warum. Das kostete mich zweimal beinahe das Leben.« Sie war sechsundvierzig Jahre alt, als sich die Tür ihres Schlimme-Dinge-Schranks einen winzigen Spalt weit öffnete und sie – in klitzekleinen Schritten – damit begann, das Unsagbare hervorzuholen und in Worte zu fassen. Wie viel Kraft dieser Prozess kostet und was für einen Mut er erfordert, ist jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber seit sie den ersten Schritt aus dem Schweigen getan hat, weiß sie mit Bestimmtheit, dass sich die seelische Schwerstarbeit lohnt. »Ich werde«, das ist für sie so sicher wie das Amen in der Kirche, »an meinem großen Ziel, ein Leben ohne Scham, Schuld und Angst leben zu können, ankommen. Das zu wissen, ist ein großartiges Gefühl.«
Der beste Weg, mich zu erinnern, ist noch heute das Schreiben. Darüber bin ich in der Lage, in meine tiefsten Schichten einzutauchen. Während des Schreibens nimmt eine Tat Gestalt an und wird durch ungefilterte Gefühle komplettiert. Wenn ich das Geschriebene dann durchlese, begreife ich, was mir zugefügt wurde. Heute kann ich sogar darüber reden und habe damit die Möglichkeit, die grauenhaften Erlebnisse in meine Biografie zu integrieren und zu meiner Geschichte werden zu lassen. Erst dadurch, dass ich lernte, mir selber zuzuhören, fing ich an zu heilen. Gisela Föllmi in ihrem Buch
© Wörterseh
Gisela Föllmi wurde am 23. Januar 1964 geboren. Nach der Sekundarschule ließ sie sich zur Offsetdruckerin ausbilden. Sehr viel später führte sie während acht Jahren die Vormundschaftsbehörde Reichenburg. Seit sie aufgehört hat, mit ihrem alten Motorrad durch die Gegend zu knattern, steht sie am liebsten in ihrer Küche. Und wurstet dort Bratwürste, mit denen sie dann gern gesehenen Besuch bewirtet. Die Frau, die als Kind schwerstem körperlichem und seelischem Missbrauch ausgesetzt war, überlebte dank einer unfassbaren Resilienz. Und wohl auch dank ihrer Liebe zur Natur. Die zeigt sich noch heute: Nach wie vor tut sie, was sie als Kind leidenschaftlich tat – sie rettet Regenwürmer. Gisela Föllmi lebt mit ihrem Mann in Einsiedeln.
Wer eine Reise in ein unbekanntes Land unternimmt, kennt eigentlich nur den Ausgangspunkt. Was auf der Reise geschieht, ob und wie sie einen verändern wird, kann niemand vorhersagen. Gisela Föllmi hat sich auf eine solche Reise ins Unbekannte begeben.
Ich lernte sie im Jahr 2007 kennen, als sie nach einem Suizidversuch Hilfe in einer psychiatrischen Klinik suchte. Beim Aufnahmegespräch saß mir eine freundliche Frau um die vierzig gegenüber, die bis vor kurzem ein scheinbar gut funktionierendes Leben geführt hatte. Zu Beginn unserer gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit war noch nicht zu ahnen, welche Abgründe sich hinter der vermeintlichen Normalität verbargen. Gisela Föllmi berichtete von ihrem Kampf ums Überleben, den sie seit ihrer Kindheit führte. Sie berichtete von ihrem verzweifelten Ringen um ihre Daseinsberechtigung, von ihrem erschütterten Selbstwertgefühl, von unerträglichen seelischen Zuständen, Albträumen, Depressionen und Panikattacken, die sie mit Alkohol und Tabletten zu betäuben versuchte. Wegen ihres schmerzenden und entzündeten Körpers war sie immer wieder in ärztlicher Behandlung und musste sich mehreren Operationen unterziehen.
Was Gisela Föllmi geschehen war, was sie erschüttert und letztendlich zu der Verzweiflungstat ihres Suizidversuchs geführt hatte, kam in den folgenden Jahren nach und nach ans Tageslicht. Es ist die Geschichte einer Kindheit, die durch körperliche Misshandlungen, emotionale Ablehnung und sexuelle Gewalt unfassbaren Ausmaßes geprägt war.
Die Folgen von Gewalt in der Kindheit sind gravierend und begleiten die Betroffenen meist ein Leben lang. Wenn grundlegende Bedürfnisse nach Sicherheit, Schutz, Vertrauen und liebevoller Zuwendung mit Füßen getreten werden, erschüttert das die Beziehung zu sich selbst und zu den Mitmenschen in den Grundfesten. Nach sexuellen Übergriffen bleiben der Ekel und die Scham über das Erlebte oft bis ins Erwachsenenleben am eigenen Körper haften. Die traumatischen Erinnerungen können zu Körperhass und Essstörungen führen, zu Selbstverletzungen und zu chronischem Stress, der Körper und Seele krank macht. Nicht selten haben die Betroffenen keine bewusste Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse. Um zu überleben, versucht die Seele zu vergessen. Das vermeintlich Vergessene ist dennoch omnipräsent. Es zeigt sich in vielfältigen Krankheitssymptomen und unbewussten Überlebensstrategien.
Traumatische Erlebnisse werden in unserem Gedächtnis anders abgespeichert als andere Erinnerungen. Oft sind sie über lange Zeit vollständig oder teilweise vom bewusstseinsfähigen Ich abgespalten. Die betroffene Person kann sich schlicht nicht mehr an die Gewalterlebnisse in der Kindheit erinnern. Präsent bleiben vielleicht, wie bei Gisela Föllmi, Erinnerungsfragmente, jedoch gibt es keine Worte für das Unsagbare. Auch in Familien können Traumata abgespalten und somit unbewusst bleiben. So kann es zu einer transgenerationalen Weitergabe kommen, bei der unverarbeitete traumatische Erfahrungen der einen Generation auf die nächste übertragen werden. Eine traumatisierte Mutter, die die sexuellen Gewalterfahrungen ihrer eigenen Kindheit nicht verarbeitet hat, wird möglicherweise auf diesem Auge blind sein und es schwer haben, das eigene Kind vor Übergriffen zu schützen. Und kann, so unfassbar das ist, auch selbst zur Täterin werden.
Gisela Föllmi hat den Mut gefunden, sich ihren Kindheitserinnerungen zu stellen. Da ihr reden nicht möglich war, hat sie zu schreiben begonnen. Und über das Schreiben hat sie schließlich auch das Reden gelernt. Sie hat Worte gefunden für das Unsagbare. Ihr Buch ist das Zeugnis einer mutigen Reise in die Tiefen ihrer verletzten Seele, Zeugnis eines entschlossenen Kampfs einer erwachsenen Frau, der inneren Hölle ihrer Kindheit zu entkommen. Um endlich Ja zum Leben sagen zu können.
Nahid Katla Fachpsychologin für Psychotherapie FSP Juni 2021
Bevor Sie mein Buch zu lesen beginnen, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass es etliche Texte enthält, die schwere sexuelle Gewalt an einem Kind (mir) detailliert beschreiben. Meine Erinnerungstexte heben sich durch einen grauen Hintergrund vom Rest meiner Geschichte ab, sodass alle selbst entscheiden können, ob oder wann sie diese Texte lesen möchten. Als Bettlektüre würde ich sie nicht empfehlen. Mir selbst bereiten diese Erlebnisse noch heute fast jede Nacht Albträume. Gisela Föllmi
Es ist das erste Mal, dass wir explizit darauf aufmerksam machen, dass ein Buch sexualisierte und physische Gewalt enthält. Damit schützen wir die Leserinnen und Leser und können gleichzeitig tun, was uns – von der Verlegerin über die Lektorin, die Korrektorin, die Setzerin bis zur Verlagsassistentin – wichtig ist: Wir können Gisela Föllmi auf diese Weise präzise erzählen lassen, was sie in ihrer Kindheit erleben musste. Und das ist uns aus drei Gründen wichtig. Zum einen wollen wir Gisela Föllmi in ihrem ungewöhnlichen Mut, die Dinge öffentlich beim Namen zu nennen, nicht beschränken. Zum anderen ist zwar allgemein bekannt, dass es pädosexuelle Verbrechen gibt; was Kinder, die solchen Taten ausgesetzt sind, genau durchleiden müssen, wissen wir jedoch nicht. Dieses Wissen – davon sind wir überzeugt – kann uns für die weitgehend unsichtbare Not der Kinder sensibilisieren, sodass wir alle das Thema ernst nehmen und genauer hinschauen. Außerdem glauben wir, dass durch das Verschweigen der Details nicht die Opfer, sondern die Täter geschützt werden. Opfer können erst dann heilen, wenn sie das, was sie erlebt haben, auch erzählen dürfen – und wir ihnen Gehör schenken. Wörterseh
Als ich vor einigen Jahren damit begann, das für mich Unsagbare in die Computertastatur fließen zu lassen, war es mir zunächst darum gegangen, meinem Kind-Ich eine Stimme zu verleihen und Gehör zu verschaffen. Mit der Zeit wurde es für mich jedoch immer wichtiger, einen kleinen Beitrag zum Schutz von Kindern zu leisten. Denn ich möchte, dass die Menschen besser auf ihre »komischen« Gefühle achten und ihre Bauchstimme ernst nehmen, wenn sie den Eindruck haben, dass etwas in ihrer Umgebung falsch läuft. Kindesmissbrauch kann überall und zu jeder Zeit stattfinden. Es ist keine Frage der Bildung, des Geschlechts, des Alters oder des Standes. Der smart auftretende Vater von nebenan, die hübsch zurechtgemachte Mutter im Nachbarhaus, der Jugendliche von schräg gegenüber. Jeder ist als potenzieller Täter denkbar.
Die Opfer von sexueller und anderer Gewalt brauchen Hilfe und Schutz, brauchen Menschen, die genau hinsehen, sich einmischen und auch vor einer Anzeige bei der Polizei nicht zurückschrecken. Jedes Kind, dem Schaden zugefügt wird, ist ein Kind zu viel! Allein im Jahr 2020 erfasste das Bundesamt für Statistik in der kleinen, sicheren Schweiz 1257 sexuelle Straftaten gegen Kinder, Buben wie Mädchen. Die Dunkelziffer wird von Fachleuten als sehr hoch eingeschätzt. Die Betroffenen reden aus Scham und Angst selten darüber. Die Opfer finden kaum öffentliche Beachtung, was aus Gründen des Opferschutzes nachvollziehbar ist. Somit ist aber auch wenig darüber bekannt, was diese Kinder erleiden müssen und wie schwer sie es später haben.
Ich war selbst Opfer physischer, psychischer und sexueller Gewalt. Alle haben weggesehen, vielleicht aber auch schlicht nicht wahrhaben wollen, was da vor sich ging. Denn so lange man nichts Genaues weiß, kann man sich einreden, dass es schon nicht so schlimm ist. Deshalb habe ich mich entschlossen, in aller Offenheit zu erzählen, was mir geschehen ist, um aufzuzeigen, was solchen Kindern, wie ich eines war, geschieht, welch abgrundtiefe Menschenverachtung dahintersteckt und welche verheerenden Folgen Missbrauch noch im Erwachsenenalter hat.
Mein Buch ist das Ergebnis einer inneren Auseinandersetzung mit mir selbst. Als die Erinnerungen über mir hereinbrachen, habe ich sie aufgeschrieben, und ich bin »meiner inneren Sekretärin« enorm dankbar, dass sie meine Gefühle in Worte fassen und zu Papier bringen konnte. Das hat mich am Leben erhalten. Durch diese Erinnerungstexte habe ich in einem langen und mühevollen Prozess über die Geschehnisse reden gelernt. Viele davon haben Eingang in dieses Buch gefunden, sie sind dadurch erkennbar, dass sie grau hinterlegt wurden.
Das Buch unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, was mir viele geraten hatten, kam für mich zu keiner Zeit infrage. In meiner Kindheit ist nie jemand für mich eingestanden. Jetzt will, nein, muss ich mit meiner wahren Identität, mit meinem Gesicht und meinem Namen für mich und für das, was mir geschehen ist, einstehen. Meine Offenheit soll anderen Mut machen, aus dem Schatten einer von niemandem wahrgenommenen, von Missbrauch zerstörten Kindheit zu treten und über das, was ihnen widerfahren ist, zu sprechen.
Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte habe ich einige Namen verändert und Orte verfälscht. Jede Übereinstimmung mit lebenden Personen ist also rein zufällig und nicht beabsichtigt. Umso mehr freut es mich, dass mir mein ehemaliger Gynäkologe Dr. med. P. Diego Hagmann ebenso wie meine engsten Freunde Doris, Edgar, Guido, Sabine, Roger und Silvia erlaubt haben, sie bei ihrem richtigen Namen zu nennen. Auch der Name meines kleinen Leidensgenossen Eugen entspricht den Tatsachen, ebenso wie jener meines Ehemannes Röbi sowie unser heutiger Wohnort Einsiedeln. Meiner Mutter und meinem Stiefvater habe ich dagegen gar keinen Namen gegeben, sie haben nicht einmal eine fiktive Bezeichnung verdient; bei meinem leiblichen Vater ließ sich ein Pseudonym leider nicht vermeiden, da ich ihn immer mit seinem Vornamen anreden musste. In meinem Buch nenne ich ihn Paul.
Lachen? Das konnte ich in einem früheren Leben, lass es mich wieder lernen. Es hört sich schön an, fröhlich zu sein. Ich habe leider kein fröhliches Gefühl zur Hand. Ich habe so viele Wunden, warum sollte ich lachen? Du hilfst mir nicht, es wieder zu lernen. Du bist immer viel zu ernst und ängstlich. Gib mir einen Grund, mich wieder zu erinnern. Wie fühlt es sich an, fröhlich zu sein? Ich wäre bereit, es noch mal zu versuchen. Lachen? Das konnte ich in einem früheren Leben, lass es mich wieder lernen.
EINSIEDELN 2020. Alles gut. Kein Grund, Angst zu haben. Ich bin sechsundfünfzig Jahre alt. Ich wohne in Einsiedeln. Ich bin mit Röbi verheiratet. Ich bin in Sicherheit. Mir passiert nichts.
Die Selbstberuhigung zeigt heute keine Wirkung. Seit sechs Uhr dreißig bin ich auf. Mein Herz klopft wild, ich bekomme kaum Luft. Ein angstlösendes Medikament habe ich schon genommen, trotzdem wird es immer schlimmer. Ich zittere so stark, dass ich beim Abfüllen der selbst gemachten Salatsauce eine Sauerei veranstalte. Ich nehme noch eine Tablette. Immer wieder breche ich in Tränen aus und habe keine Ahnung, weshalb.
Mittags sind wir bei Freunden zum Essen eingeladen. Die Ablenkung tut gut. Trotzdem sitzt ein Schreckgespenst in meinem Nacken. Ich kann es spüren. Je länger die letzte Tablette zurückliegt, desto stärker nehme ich es wahr. Wildes Herzklopfen. Jeder Atemzug schmerzt. Grundloses Weinen. Ich zittere. Mir tun die Beine und der Rücken weh. Die Schultern sind wie an Drahtseilen an den Ohren aufgehängt.
Erstickt. Im Stich gelassen. Verprügelt. Vergewaltigt. Verführt. Manipuliert. Angelogen. Zu Tode geängstigt. Gedemütigt. Misshandelt. Verraten. Verkauft.
Das alles wurde mir angetan. Erst jetzt beginne ich langsam zu sehen, wie unüberschaubar groß das Ausmaß der Katastrophe ist. Und bin weit davon entfernt, alles zu begreifen. Es überfordert mich. Macht mich sprachlos. Es raubt mir die Luft. Mein Herz will davonrennen. Ich will auch davonrennen.
Ob die inneren Wunden wohl jemals heilen werden? Ich hoffe sehr. Es fühlt sich aber gerade nicht so an. Ich blute aus allen seelischen Poren. Ich ertrinke in ungeweinten Kindertränen. Ein tonnenschweres Gewicht drückt mich nieder. Ich möchte nicht davon zermalmt werden, stehe aufrecht und halte aus, trage, stemme. Der aufrechte Gang hilft. Aber die Belastung ist trotzdem unsagbar groß.
Diesen Text schrieb ich, als die Erinnerungen, die Jahrzehnte in meinem Schlimme-Dinge-Schrank eingesperrt waren, plötzlich ans Tageslicht drängten. Meine Psyche hatte sie dort hineingepackt, damit ich weiterleben konnte. Mein Gehirn war blockiert, mein Körper aber erinnerte sich mit jeder Zelle an das Geschehene. Er hatte nie etwas vergessen. Noch immer genügt manchmal ein Geruch, ein Geräusch oder eine Handbewegung, um mich in Aufruhr zu versetzen oder erstarren zu lassen. Alles, was ich seit dreiundfünfzig Jahren mache, ist von Angst geprägt. Keiner meiner Gedanken ist frei davon. Ich gehe abends mit der Angst ins Bett, es könnte mir etwas Schreckliches passieren. Morgens beim Aufstehen überprüfe ich als Erstes, ob alles im grünen Bereich ist. Ich wittere überall Gefahren. Meine Sinne arbeiten permanent auf Hochtouren. Ich muss wachsam sein, immer, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Als im Frühjahr 2020 die am tiefsten vergrabenen Erinnerungen hervorzubrechen begannen, gesellten sich zu dieser Angst noch Panikattacken. Bei der ersten glaubte ich, einen Herzinfarkt zu erleiden. Während solcher Attacken geraten meine Nerven vor Überanstrengung völlig außer Rand und Band. Im Ohr ein leichtes Pfeifen, die Augen licht-, die Ohren geräuschempfindlich. Wenn die Fingerkuppen etwas berühren, fühlt sich das an wie Stromschläge. Jeder einzelne Anschlag am Computer jagt im kleinsten Bruchteil einer Sekunde gefühlte tausend Volt durch meinen Körper. Trotzdem muss ich schreiben.
Denn ich bin auf einem guten Weg. Sogar die Panik kann ich heute als heilsam empfinden. Bedeutet sie doch, dass sich die seit Jahrzehnten eingefrorenen Gefühle lösen. Dass ich immer klarer erkenne, was in meinem Inneren abläuft. Herzrasen, Atemnot, verkrampfte Muskulatur – nichts davon ist neu. Neu ist, dass ich das alles jetzt wahrnehme. Neu ist, dass ich zu verstehen beginne, warum ich so reagiere.
Trotz aller seelischen Schmerzen, die es mir bereitet, spüre ich deutlich, dass ich mich der Vergangenheit stellen, die Fragmente meiner Erinnerungen suchen und zu einem Bild zusammensetzen muss, um ganz, um heil zu werden. Denn vieles lag lange in mir verschüttet, und ich kenne noch längst nicht alles.
Ich will endlich in ein neues, ein gutes Leben aufbrechen.
Ich will vorwärtsschauen, muss dazu aber erst Rückschau halten, um zu erkennen, was ich zurücklassen muss.
Und dazu muss ich am Anfang beginnen. Ganz am Anfang.
Ich kam am 23. Januar 1964 in einem Berner Landspital zur Welt. Mein Vater Paul war Spross einer begüterten Industriellenfamilie, die im Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland in die Schweiz geflüchtet war. Ursprünglich war er gelernter Kaufmann. Da ihm die Büroarbeit aber nicht zusagte, machte er sich später erfolgreich als Sanitärinstallateur selbständig. Meine Mutter stammte aus einer einfachen Emmentaler Arbeiterfamilie und wollte, wie man mir erzählte, schon als Kind gern zu den »Besseren« gehören. Das simple Arbeiterleben war ihr offenbar zutiefst verhasst, und mit dem Fabrikantensohn hoffte sie, daraus entfliehen zu können. Deshalb heiratete sie ihn gegen den Willen der Eltern.
Das junge Ehepaar zog darauf in die herrschaftliche Familienvilla, die in einem kleinen Dorf unweit der Emme stand. Drei Familien waren darin beheimatet. In der untersten Wohnung lebte Oma Thea, die Mutter meines Vaters Paul, deren Mann schon seit langem gestorben war. Die mittlere Wohnung war fremdvermietet. Und so wurde meinen Eltern das kleine Dachgeschoss zugewiesen. Die Villa umgab ein großer Garten mit einem Gartenhäuschen für Gerätschaften und einer freistehenden Garage, die Platz für zwei große Autos bot. An ihrer durch ein breites Vordach geschützten Südwand wuchsen Tomatenstauden, und die Südostfassade der Villa war mit Weinreben begrünt. Zudem gab es Obstbäume, einen Nussbaum und einen mit Stellriemen eingefassten Sandkasten. Mueti stellte mich einmal im Kinderwagen unter einen der großen, alten Bäume an die frische Luft. So bekam ich meinen ersten Sonnenstich, weil der Schatten auf Wanderschaft ging und der Wagen plötzlich in der prallen Sonne stand.
Die Ehe mit meinem Vater Paul bedeutete für Mueti einen großen gesellschaftlichen Aufstieg. Sie war bei der Hochzeit bereits mit meinem fünf Jahre älteren Bruder Max schwanger, sodass die Eltern ihren Widerstand wohl oder übel hatten aufgeben müssen. Aus Gesprächen mit meiner Gotte, der jüngsten Schwester von Mueti, weiß ich, dass sie weder Kinder haben noch überhaupt Mutter sein wollte. Sie wollte jemand sein.
Vieles lag bei meinen Eltern bereits im Argen, als ich gezeugt wurde. Heute weiß ich, dass ich das Ergebnis einer Vergewaltigung war. Mueti war also nicht erfreut, mich zu bekommen. Bereits während der Schwangerschaft ging sie räumlich auf Distanz zu ihrem Ehemann. Bis zu meiner Geburt verbrachte sie die Zeit, mehrheitlich liegend, bei ihren Eltern, wo sie sich offenbar bedienen ließ. Dann fing Mueti eine Beziehung mit einem, wie man damals noch sagte, EDV-Spezialisten an. Ich war erst knapp einjährig, als sich meine Eltern scheiden ließen. Meinem Vater Paul wurde kein Besuchsrecht zugesprochen, und anstelle von Unterhalt musste er eine Abfindung bezahlen. Als frisch geschiedene Frau zog meine Mutter mit mir und ihrem neuen Mann aus dem Emmental in einen Außenbezirk der Stadt Zürich. Mein älterer Bruder Max wurde wie ein ausrangiertes Möbelstück bei Muetis Eltern abgeliefert. Mein Stiefvater akzeptierte zwar, dass seine Frau zwei Kinder hatte, das hieß aber nicht, dass er gleich beide um sich haben wollte.
Da ich viel zu klein war, um mich an meinen leiblichen Vater Paul zu erinnern, war mein Stiefvater für mich Papi. Wie meine Gotte erzählte, war ich ein fröhliches, vertrauensvolles Kind und sprühte vor Lebensfreude. Neugierig erkundete ich die Welt um mich herum und konnte mich stundenlang mit Marienkäfern, Regenwürmern, Ameisen oder summenden Bienen verweilen. Alles war spannend, alles war aufregend. Meine kleine Welt war in Ordnung, und mein Stiefvater ging in seiner Aufgabe als Papi auf. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann verspüre ich so etwas wie Glück.
Als selbständiger Programmierer war Papi seiner Zeit weit voraus. Er war erfolgreich und verdiente gutes Geld. Meine Eltern mieteten in einem gehobenen Zürcher Außenbezirk in einem Mehrfamilienhaus zwei benachbarte Wohnungen. In der einen, die nach vorn zur Straße lag, lebten wir, die andere diente Papi als Büro; er hatte so viel Arbeit, dass er einen, zeitweise sogar zwei Mitarbeiter anstellen musste. Die Büro-Wohnung lag nach hinten hinaus und einen Stock höher als unsere Wohn-Wohnung. Da das Haus an einen terrassierten Hang gebaut war, besaßen aber beide, durch eine bewachsene Böschung voneinander abgetrennt, einen ebenerdigen Gartensitzplatz. Das Quartier selbst war ruhig gelegen, in Gehdistanz gab es ein modernes Lebensmittelgeschäft, einen Schuhmacher, meinen Kindergarten und meine Schule. Wir hatten zudem einen kleinen Quartierladen, in dem wir unter anderem frischen Käse, Milch und Raketenglace einkaufen gingen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an die Wonne denke, die mir so ein Wasserglace als Kind bescherte.
Das ganze Quartier war im damals üblichen schnörkellosen Baustil gehalten. Relativ große Fenster mit ausstellbaren Rollläden. Die Fassaden unpersönlich und farblos. Flachdächer. Zwischen den Mehrfamilienhäusern war reichlich Raum. Auf dem Gartensitzplatz unserer Wohn-Wohnung wuchs ein Feuerdorn, in dem viele Singvögel saßen und ihr Lied trällerten. Besonders an einen Dompfaff mit seiner stolzen roten Brust erinnere ich mich gut. Im Sommer war der Busch voller Schmetterlinge. Nach einem Regenguss krochen die Regenwürmer aus der Erde. Wenn sie sich auf den Sitzplatz oder die Straße verirrten, klaubte ich sie alle auf und trug sie in die rettende Wiese. An heißen Tagen benetzte ich die halb verdorrten Tiere mit der Gießkanne und versuchte, sie wiederzubeleben. Ich bücke mich noch heute, um Regenwürmer zu retten.
Doch dann veränderte sich meine Welt. Im Frühling 1967 bekam ich eine Schwester. Anja.
Da mein Stiefvater geglaubt hatte, keine Kinder zeugen zu können, bedeutete für ihn die Schwangerschaft meiner Mutter und die Geburt von Anja ein großes Glück. Anja wurde sein Ein und Alles. Die kleine Schwester freute auch mich, denn ich würde bald jemanden zum Spielen haben. Oft stand ich an ihrer Wiege und schaute ihr beim Schlafen zu. Einmal ergab es sich, dass Anja erwachte, als ich bei ihr stand und sie zu schreien anfing. Papi kam ins Zimmer, sah mich und wurde wütend, weil sein Engelchen weinte. Grob zerrte er mich von der Wiege weg und verbot mir, künftig das Babyzimmer zu betreten. Ich war traurig und eifersüchtig auf Anja, weil Papi seit ihrer Geburt häufig böse auf mich war. Manchmal habe ich noch heute ein schlechtes Gewissen, weil ich sie mir damals oft weggewünscht hatte. Anja konnte ja nichts für Papis Verhalten mir gegenüber; ich glaubte einfach, wenn sie verschwinden würde, wäre alles wieder wie früher. Denn ich liebte Papi. Liebte es, von ihm herumgeschleudert, in die Luft geworfen zu werden. Wenn er mich anlachte, lachte ich zurück. Neuerdings aber lächelte er nur noch Anja an. Er war nicht mehr greifbar für mich, und ich verstand nicht, warum. Ich vermisste ihn sehr. Auch Mueti war meist mit Anja beschäftigt und hatte selten Zeit für mich. Ich fühlte mich damals nicht nur alleingelassen, sondern hatte auch das Gefühl, verloren gegangen zu sein. Und ich war in meiner Existenz bedroht.
1967, im Alter von drei Jahren, verspürte ich zum ersten Mal Todesangst. Die Situation war für mich so erschütternd, dass sich Spuren davon tief in meine Erinnerung eingegraben haben.
Ich sitze in der Küche in meinem Hochstuhl. Von hinten kommt ein riesiges Monster und beugt sich über mich. Es ist ganz nah und will mich fressen. Ich will weg, bin aber in meinem Stuhl gefangen. Das Monster packt mich am Hals. Ich will schreien, es geht nicht. Ich bekomme keine Luft. Ich zapple und schlage mit den Armen um mich. Es tut so weh. Ich will Luft. Ich ersticke. Ganz weit weg höre ich Schritte. Die Küchentür wird aufgerissen. Das Monster ist plötzlich weg. Ich giere nach Luft. Um mich herum ist wildes Geschrei. Niemand beachtet mich. Ich schreie auch.
Wer das Monster war, weiß ich nicht. Zurück blieben von dieser traumatisierenden Episode nur diese Bilder und eine abgrundtiefe Angst. In meiner Therapie bei Frau Katla sprachen wir oft darüber, weil es mir sehr schwerfällt, Glück zu empfinden. Um meine Gefühle auszudrücken, die die Erinnerung an dieses Nahtoderlebnis noch immer auslöst, schrieb ich ein Gedicht:
ich sterbe ich kämpfe dagegen an ich sterbe ich habe Angst ich sterbe es tut weh ich habe mich abgefunden ich werde ruhig alles ist still und leicht es ist warm und geborgen es ist schön
ich werde zurückgerissen lass mich ich will nicht es ist laut ich ringe nach Luft es ist kalt und grell es ist einsam, ich will zurück ich schreie ich lebe es ist grauenhaft
Mit der Geburt meiner kleinen Schwester veränderte sich nicht nur mein Leben, auch ich veränderte mich. War ich vor Anjas Geburt unbeschwert, fröhlich und neugierig, wurde ich laut meiner Gotte nun immer stiller und trauriger. Schon damals lernte ich wohl, nicht aufzufallen, die Flöhe husten und das Gras wachsen zu hören. In der seit Anjas Geburt veränderten Atmosphäre versuchte ich, unsichtbar zu werden, weil das der beste Weg war, daheim gut über die Runden zu kommen. Ich war auf der Hut. Ich hatte Angst.
EINSIEDELN 2020. Es brodelt in mir, es brennt, es tut weh. Meine Seele ist kaputt. Was brodelt da? Die Betondecke in mir bekommt Risse. Am liebsten würde ich sie wieder reparieren. NEIN! Ich will, dass meine kaputte Seele heilen kann, denn so ist mein Leben zu anstrengend! Alles muss raus. Die Betondecke muss weg. Meine Eltern haben mich fast umgebracht. Sie haben mir großen Schaden zugefügt. Verbranntes Fleisch! Nur ich kann es riechen. Flashbacks. Die Bilder der Vergangenheit rücken mir auf die Pelle. Die verbrannten Füße sind für meine Seele eine Nummer zu groß! Ich stemme das alles nicht mehr allein. Es muss raus. Es muss raus! Ich muss es aufschreiben. Ich will es endlich loswerden.
Ich bin vier Jahre alt. Es ist ein heißer Sommertag. Ich trage nur Unterhosen und renne in der Stube rum. Papi sitzt auf dem Sofa und sieht fern. Auf dem Tisch vor dem Sofa steht ein quadratisches Körbli. Ich bin neugierig und will wissen, was darin ist. Papi zieht es weg und sagt »Nein« zu mir. Er hat das Körbli zu sich gezogen. Ich renne um den Tisch und versuche, wieder danach zu greifen. »Nein!« Und wieder ist das Körbli woanders. Es ist ein lustiges Spiel. Ich renne um den Tisch, um das Körbli zu greifen, und Papi stellt es weg. Er wird immer lauter. Ich höre aber nicht zu. Es ist lustig, und ich will unbedingt dieses Körbli haben. Papi zündet sich eine Zigarette an. Das ist meine Chance, an das Körbli zu gelangen! Ich stehe neben ihm, packe es und ziehe es zu mir. Papi wird böse und schreit mich an. Ich erschrecke so, dass ich den Inhalt auf den Boden schütte.
Unerwartet ist es nicht mehr lustig. Ich habe Angst. Ich weine und sammle sofort alles auf. Das interessiert Papi nicht. Er packt mich am Arm und reißt mich zu sich heran. Sobald ich nahe genug bin, zerrt er mich aufs Sofa. Er bekommt eine Wade zu fassen und hält mein Bein mit aller Kraft fest. Ich schreie. Er tut mir weh. Ich strample mit den Beinen und versuche freizukommen. Papi ist stärker und schreit herum. Plötzlich tut es ganz fest weh. Ich höre sofort auf zu strampeln. Papi hat die Zigarette aus dem Mund genommen und hält die brennende Glut an meine Fußsohle. Immer und immer wieder. Es stinkt nach verbranntem Fleisch. Ich schreie wie am Spieß.
Ich kann mich nicht daran erinnern, ob und wie die Wunden damals verarztet wurden. Gleichwohl kann ich mich sehr gut an die Erschütterung in meinem Innersten erinnern. Die Lektion hat sich mir als Kind unauslöschlich eingeprägt. Nicht folgsam sein bedeutet Schmerzen. Das bewahrheitete sich in den folgenden Jahren immer wieder. Bestrafungen wie die mit der brennenden Zigarette gab es noch weitere, sie verankerten sich tief in meiner Seele. So tief, dass bereits ein Geruch massive Angst auslösen kann. Den Duft von Grilladen mag ich beispielsweise nur, wenn ich sie selber zubereite. Sobald mir die Schwaden aus Nachbars Garten in die Nase wehen, bekomme ich starkes Herzklopfen. Es hat etliche Jahre gedauert, bis mir klar wurde, was diese Angst auslöste: An einem Sommertag brutzelten in unserem Garten verheißungsvoll Bratwürste und Cipollatas auf unserem roten Kugelgrill. Ich spielte im Garten, bis mein Stiefvater zum Essen rief. Hungrig wie üblich, stand ich auf und rannte zum Grill. Die Würstchen rochen verlockend, und ich wollte nach einer Cipollata greifen. Noch während ich die Hand danach ausstreckte, ertönte ein scharfes »Nein!«. Zu spät, um sie zurückzuziehen. Papi packte die Hand und drückte sie auf den Grill. Ich schrie vor Schmerz auf. Erst dann ließ er mich mit den Worten los: »Ich habe Nein gesagt!«
Trotz des heimischen Terrors bemühte ich mich nach außen hin, ein fröhliches Gesicht zu zeigen. Wie jedes andere Kind auch wollte ich spielen, unbeschwert sein, Unsinn machen und Freundinnen haben. Ganz in der Nähe gab es eine Kuhweide, wo sich alle trafen und spielten, wenn keine Tiere dort grasten. Es war eine bunt zusammengewürfelte Rasselbande von Buben und Mädchen. Wir tollten herum, lachten und kreischten, wenn eines von uns in einen Kuhfladen trat. Paradiesisch war auch die Straße in unserem Quartier. Da es sich um eine Sackgasse handelte, herrschte kein Durchgangsverkehr; die kleine Wendefläche an deren Ende nutzten wir, um Fuß- oder Völkerball, Räuber und Poli oder Fangen zu spielen, um mit dem Trottinett zu fahren oder einfach am Straßenrand zu sitzen, wichtige Kindergespräche zu führen und die Ameisen im Rinnstein zu beobachten oder – ich gestehe es – sie unter einer Lupe zu rösten.
Die einzigen Schwierigkeiten stellten die großen teuren Autos dar, die dort parkierten, und der Garten von Frau Suter. Auf beides mussten wir aufpassen. Die Autos durften beim Spielen keine Kratzer bekommen, und wir alle fürchteten uns vor Frau Suter. Sie wohnte mit einem bissigen Schäferhund in ihrem großen, alten Haus und schrie uns immer an. Wehe, wenn der Ball sich beim Spielen in ihren Garten verirrte! Das war für uns Kinder eine größere Katastrophe. Wir haben manchen Plastikball an die Zähne des Hundes oder Frau Suters Messer verloren. Sie hat die Bälle zerschnitten über den Gartenzaun zurückgeworfen. Die älteren Kinder machten uns Kleinen immer Angst und erzählten schaurige Geschichten darüber, was Frau Suter sonst noch alles auf ihrem Küchentisch zerschnitten haben könnte.
Natürlich machten wir auch Dummheiten. Meine Freundin Isa und ich spielten einmal Coiffeur. Ich war die Kundin, kletterte auf einen Holzschemel und schloss nach dem »Haarewaschen«, wie es sich unserer Ansicht nach gehörte, die Augen. Und schnipp! waren meine schönen Locken abgesäbelt. Isa kicherte, als sie mir den Spiegel hinhielt. Ich wurde bleich und bekam Herzklopfen. Mueti würde schimpfen, wenn sie die verschandelten Haare sah, das war mir klar. Wegen der winterlichen Kälte hatte ich meine weiße Zipfelmütze an. Zu Hause weigerte ich mich, sie ausziehen, und begründete es mit Ohrenschmerzen. Als die Mütze dann endlich unten war, starrte Mueti mich entsetzt an. Stehenden Fußes marschierte sie zu Isas Mutter und hielt ihr eine Strafpredigt. Danach durfte ich Isa nicht mehr sehen. Schmerzlicher als der Verlust der Kinderfreundin war für mich indes, dass meine Mutter längere Zeit nicht mehr mit mir redete und mich wie Luft behandelte. Das war ihre Art, mich zu bestrafen.
Im Sommer 1969 passierte noch etwas, das ich nicht verstand und mich tief verunsicherte. Es war brütend heiß, und wir wollten mit unserem roten Kombi wegfahren. Alle Türen waren offen, die Eltern standen neben dem Auto. Anja schlief auf dem Rücksitz, ich saß daneben und wartete ungeduldig. Um die Abfahrt zu beschleunigen, lehnte ich mich aus dem Auto und zog die Tür zu. Peng! Es entstand sofort ein großes Tohuwabohu. Papi schrie auf und riss mit verzerrtem Gesicht die Autotür wieder auf. Ich bekam Angst und verstand nicht, warum er mich wutentbrannt am Arm aus dem Auto zerrte, meine zarten Finger in den Türrahmen platzierte und die Tür zudrückte. Ich schrie vor Schmerz. »Du hast meine Finger auch eingeklemmt!«, bellte Papi mich an. Ich erstarrte, Mueti keifte, Anja begann zu weinen. Einzig Papi – Papi wurde ganz ruhig. Ich schluckte die Tränen hinunter. Mir war klar: Papi musste mich bestrafen, weil ich nicht lieb war, also durfte ich nicht weinen.
Ich glaubte damals wirklich, die Bestrafung verdient zu haben. Das macht mich heute noch wütend. Denn dieses Gefühl gehörte inzwischen zu meinem Alltag: Wurde ich bestraft, war ich selbst schuld. Immer.
EINSIEDELN 2020. Seit gestern friere ich. Selbst im Bett wird mir nicht recht warm. Nachdem ich endlich eingeschlafen bin, erwache ich nachts um vier Uhr wieder, habe Herzklopfen und friere. Das ist etwas, was ich nicht kenne. Wenn ich aufgewärmt bin, habe ich eher das Problem, dass mir zu heiß wird im Bett. Aber frieren, in einem warmen Zimmer, bis zu den Ohren zugedeckt, das ist neu. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Soll ich das bereitgelegte Beruhigungsmittel nehmen? Ich horche gut in mich hinein. Nein, entscheide ich, es gibt eigentlich keinen Grund. Mir ist lediglich sehr kalt. Das Gedankenstakkato ist auch nicht schlimm, die generelle Anspannung hält sich in normalen Grenzen. Ich lese und entscheide dann, aufzustehen. Ich lasse meine Gedanken schweifen. Hat diese beißende Kälte mit meiner Kindheit zu tun? Ich ziehe den Faserpelz an. Trotzdem friere ich. So schlimm, dass meine Zähne klappern. Plötzlich wird mir klar, dass das ein Anzeichen von Angst ist. Offensichtlich hängt also mehr daran. Ich werde wohl forschen müssen, wenn mir jemals wieder warm werden soll. Ich setze mich an den Computer, versenke mich in mich und werde eins mit der Kälte. Ich lasse die kleine Gisela ihre Geschichte erzählen, und meine innere Sekretärin schreibt das Diktierte nieder.
Ich bin ganz aufgeregt. Es ist Advent. Ich bin fünf Jahre alt und habe dem Christkind meinen Wunschzettel »geschrieben«. Ich schneide aus dem Franz-Carl-Weber-Katalog alles aus, was ich mir wünsche, und klebe es auf einen Zettel. So weiß das Christkind, was meine Wünsche kosten und wo sie besorgt werden können. Mueti will ihn auf dem Gartensitzplatz der Büro-Wohnung deponieren, denn das Christkind möchte nicht entdeckt werden. Es holt die Wunschzettel nur dort, wo niemand ist. So wird es mir erklärt. Ich kann einfach nicht schlafen. Zu gern möchte ich wissen, ob der Zettel schon abgeholt worden ist. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ganz langsam ziehe ich den Rollladen hoch und öffne das Fenster, um rauszuklettern. Ich will nur schnell die Böschung hoch und nachsehen, ob der Zettel gut sichtbar ist und nicht übersehen werden kann. Es ist bitterkalt, und ich trage nur den Pyjama. Wegen der Kälte zaudere ich noch, mich rauszuschleichen. Es hat geschneit. Ich darf eigentlich nicht mit den Finken nach draußen. Plötzlich steht Mueti hinter mir und packt mich. Sofort steige ich vom Fensterbrett, schließe das Fenster und entschuldige mich. »Ich wollte nur schnell nach dem Wunschzettel sehen«, erkläre ich ihr. »Es tut mir leid.« Inzwischen weine ich. Natürlich kommt Papi auch noch und fragt nach dem Radau. Mueti erklärt ihm, dass ich nach dem Wunschzettel fürs Christkind habe sehen wollen. »Kein Problem!«, schreit er und reißt mich aus dem Bett, in das ich mich in der Zwischenzeit wieder verkrochen habe. Er schleift mich über das Treppenhaus hoch in die Büro-Wohnung.
»Es gibt kein Scheiß-Christkind. Wie blöd bist du eigentlich!«, schimpft er die ganze Zeit. Ich weine immer mehr. Oben angekommen, zerrt er mich zur Terrassentür und schreit: »Siehst du, da ist kein Zettel! Den haben wir weggeworfen!« Ich schreie zurück: »Aber dann findet ihn das Christkind doch nicht!« – »Du kannst ja draußen bleiben und schauen, ob du es siehst!« Mit diesen Worten stößt er mich im Pyjama und barfuß auf den Gartensitzplatz. Er schließt die Terrassentür von innen, löscht das Licht und geht. Ich bin ausgesperrt. Mueti scheint nicht zu bemerken, dass ich nicht da bin. Niemand kommt, um mich zu holen. Irgendwann wage ich es, außen herum zu gehen und an der Haustür zu klingeln. Ich zittere vor Kälte. Papi öffnet. Wäre ich doch lieber draußen geblieben und erfroren. Später bringt mir Mueti wortlos eine Bettflasche.
Einerseits freute ich mich immer auf Weihnachten. Ich liebte den Glanz der Kerzen, den Duft des Tannenbaums, das feine Essen und die Geschenke unter dem Christbaum. Zum Essen kochte die Mutter Schüfeli mit Dörrbohnen und Kartoffelstock. Wir Kinder bekamen ein Schlückchen Rotwein, verdünnt mit sehr viel Zuckerwasser. Nach dem Essen verbrachten wir den Nachmittag allein in unseren Zimmern. In dieser Zeit schmückte das Christkind den Baum und brachte die Geschenke. Ich war wahnsinnig zappelig und hielt es fast nicht aus, bis das Glöckchen läutete und ich ins Wohnzimmer durfte. Ich kann mich noch gut an diesen speziellen Moment des Festes erinnern. Vielleicht auch, weil es in unserer Familie stets reichlich Geschenke gab, was meine Eltern sich problemlos leisten konnten. Das alles war die schöne Seite des Fests.
