Beschreibung

England, Cotswolds 1815: Olivia Keene rennt vor ihrem eigenen Geheimnis davon und stolpert dabei über das eines anderen. Obwohl sie zum Schweigen verdammt ist, nimmt sie der junge Lord Bradley mit auf sein Anwesen. Das, was die junge Frau weiß, darf niemals bekannt werden. Zu viel steht auf dem Spiel. Während Olivia sich nun um die Kinder auf Brightwell Court kümmert, behält Lord Bradley die schöne Fremde genau im Auge – mit ungeahnten Folgen.

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Julie Klassen

 

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Bestell-Nr. 395.314

ISBN 978-3-7751-7089-5 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5314-0 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2011SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title: The Silent Governess© der Originalausgabe 2009 by Julie KlassenPublished by Bethany House, a division of Baker Publishing Group,Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.Cover art used by permission of Bethany House Publishers.All rights reserved.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Übersetzung: Ulrike ChuchraUmschlaggestaltung: OHA Werbeagentur GmbH, Grabs, Schweiz; www.oha-werbeagentur.chTitelbild: Mike Habermann Photography, Inc.; Hintergrund: Mary HarrchSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Für Carlisa, meine liebe Freundin und Erstleserin

Die Tugend des Schweigens ist aufs Höchste zu empfehlen und wird maßgeblich zu Ihrer Ruhe und Ihrem Wohlergehen beitragen. Das beste Zeichen für Weisheit ist, wenig zu reden, aber viel zu hören. …

Samuel & Sarah Adams, The Complete Servant, 1825

Denke daran, wer dich in deinen gegenwärtigen Stand eingesetzt hat;vielleicht hast du kein Zuhause,vielleicht hat das Schicksal dir einen Schlag versetzt; das spielt alles keine Rolle!Es ist Gott, der es so gewollt hat,deshalb suche Führung und Schutz bei ihm.

Hints to Governesses, By One of Themselves(Von einer der Ihren), 1856

Prolog

Über Jahre hinweg konnte ich nicht an diesen Tag zurückdenken, ohne das Brennen einer glühenden Reue in mir zu spüren. Ich versuchte, die Erinnerung tief in die finsteren Regionen meines Gedächtnisses zu verdrängen, aber ab und zu wurde sie wieder hervorgerufen – vom Aushang eines Wirtshauses, von einer Zahlenreihe, einem gut gekleideten Herrn – und dann zuckte ich zusammen, wenn die Erinnerung auftauchte und wieder davonhuschte wie ein Silberfischchen unter der Tür …

Der Tag begann großartig. Meine Mutter, mein Vater und ich, damals zwölf Jahre alt, fuhren zusammen nach Chedworth und verbrachten einen seltenen Nachmittag in familiärer Harmonie miteinander. Es gab viel Schönes zu sehen und wir besichtigten die römischen Ruinen, wo meine Mutter zufällig eine alte Bekannte traf. Für mich war es ein wunderschöner Ausflug und ich weiß noch, dass ich so glücklich war wie nie zuvor – denn auch meine Mutter und mein Vater schienen glücklich miteinander zu sein.

Die Stimmung auf der Heimreise war angespannt, aber ich führte das auf die Müdigkeit zurück und schlief bald in dem Einspänner ein, meinen Kopf an die Schulter meiner Mutter gelehnt.

Als wir zu Hause ankamen, war ich immer noch so guter Dinge, dass ich meinem Vater nach seiner düsteren Ankündigung, er würde noch in die Krone und Krähe gehen, anbot, ihn zu begleiten, obwohl ich das monatelang nicht mehr gemacht hatte.

»Wie du willst«, murmelte er und drehte sich ohne ein weiteres Wort um. Ich konnte seinen plötzlichen Stimmungsumschwung nicht verstehen, aber wann hatte ich das je gekonnt?

Ich war mit ihm zur Krone und Krähe gegangen, seit ich ein drei- oder vierjähriges Kind gewesen war. Er hatte mich immer auf die hohe Theke gesetzt und dort hatte ich bis tausend oder noch weiter gezählt. Wenn man es einmal bis hundert geschafft hat, sind dann zwei-, fünf- oder neunhundert nicht ein Kinderspiel? Im Alter von sechs Jahren rechnete ich zum Vergnügen und Erstaunen der anderen Gäste allerlei Aufgaben aus. Mein Vater nannte mir zwei oder drei Zahlen und wie auf einer Glastafel sah ich ihre Summe vor mir.

»Was ist siebenundvierzig und fünfundfünzig, Olivia?«

Sofort hatte ich die Zahlen und ihre Summe vor Augen. »Eins null zwei, Papa.«

»Einhundertzwei. Das stimmt. Du bist mein kluges Mädchen.«

Als ich älter wurde, wurden die Aufgaben schwieriger und ich begann mich zu fragen, ob die müden Reisenden und angetrunkenen alten Männer überhaupt merkten, ob ich richtig gerechnet hatte. Aber mein Vater merkte es, davon war ich überzeugt, denn er konnte fast genauso flink mit Zahlen umgehen wie ich.

Er nahm mich auch zu den Rennbahnen mit – einmal sogar zur Pferderennbahn von Bibury –, wo er seine Wetten platzierte. Etliche Männer von Lower Coberly bis hinüber nach Foxcote vertrauten ihm ihr Geld dafür an. Ich saß neben ihm, sein schwarzes Buch in meinen kleinen Händen, notierte die Quoten, die Gewinne und Verluste, und zog im Kopf den Anteil meines Vaters ab, bevor ich die Auszahlungssummen niederschrieb. Die Aufregung der Rennen, der Geruch nach Fleischpastete und gewürztem Apfelmost, die Menschenmenge, das Geschrei bei Siegen und Niederlagen und die ersehnte Nähe von Vater und Tochter faszinierten mich.

Meiner Mutter war es immer ein Dorn im Auge gewesen, wenn ich mit meinem Vater zu den Rennen und ins Wirtshaus ging, aber ich wollte ihm das nicht verweigern, denn ich sehnte mich nach seiner Anerkennung. Als ich jedoch anfing, Miss Cresswells Mädchenschule zu besuchen, begleitete ich ihn nicht mehr so oft.

An jenem Tag in der Krone und Krähe war ich mit meinen zwölf Jahren zu alt, um oben auf der Theke zu sitzen. Stattdessen saß ich neben meinem Vater in der Kaminecke vor der großen Feuerstelle und trank meine Ingwerlimonade, während er ein Bier nach dem anderen hinunterkippte. Die Stammgäste schienen seine schlechte Laune zu spüren und sprachen uns nicht an.

Dann kamen sie herein – ein gut gekleideter Herr und sein Sohn, der den blauen Mantel und gebänderten Strohhut eines Schuljungen trug. Der Mann war offensichtlich ein Gentleman aus der oberen Gesellschaftsschicht, vielleicht sogar ein Adliger, und zur Verteidigung unseres bescheidenen Hauses nahmen wir alle eine aufrechte Haltung an.

Der Junge, der vom Alter her vielleicht ein oder zwei Jahre Abstand zu mir hatte, warf mir einen Blick zu. Selbstverständlich nahmen wir einander wahr, schließlich waren wir die einzigen beiden jungen Menschen im Raum.

In seinem Blick spiegelten sich Desinteresse und Geringschätzung, zumindest interpretierte ich ihn so.

Der Gentleman grüßte die Stammgäste in geselligem Ton und verkündete, dass sie soeben einen Lord Soundso besucht hätten und sich nun auf der Rückreise Richtung London befänden, um seinen Sohn zu den geheiligten Hallen von Harrow zurückzubringen.

Mit geröteten Wangen und plötzlich glänzenden Augen wandte sich mein Vater um und betrachtete den prahlerischen Herrn. »Ein Schüler in Harrow, ja?«

»So ist es«, antwortete der Mann. »Wie sein Vater vor ihm.«

»Er ist also ein tüchtiger, schlauer Junge, was?«, fragte mein Vater.

Der Hauch eines Zweifels huschte über das Gesicht des Mannes. »Natürlich ist er das.«

»Also kein Junge, der sich von einem Dorfmädchen wie diesem hier ausstechen lassen würde?« Mein Vater deutete mit einem Kopfnicken zu mir hin und mein Herz begann heftig zu schlagen. Eine übelerregende Angst legte sich auf meinen Magen.

Der Gentleman warf einen kurzen Blick auf mich. »Wohl kaum.«

Mein Vater grinste. »Lust, eine kleine Wette darauf abzuschließen?«

Das war nichts Neues für mich. Im Lauf der Jahre hatten viele Stammgäste kleine Beträge darauf gesetzt, ob es mir gelingen würde, eine schwere Rechenaufgabe zu lösen. Selbst Männer, die die Wette verloren, klatschten Beifall und bestellten für meinen Vater Bier und für mich Ingwerlimonade.

Der Gentleman verzog den Mund. »Eine Wette auf was?«

»Dass das Mädchen Ihren Jungen in Mathematik schlagen kann? In Harrow wird doch sicher Mathematik unterrichtet, oder nicht?«

»Natürlich, Mensch. Es ist die beste Schule des Landes. Die beste Schule der Welt.«

»Da haben Sie sicher recht. Doch das Mädchen hier ist sehr klug. Ist das nicht so, Leute?« Mein Vater wandte sich Zustimmung heischend an die Stammgäste. »Sie geht auf Miss Cresswells Mädchenschule.«

»Miss Cresswells Mädchenschule?« Der Sarkasmus des Gentlemans jagte mir einen Schauer über den Rücken. »Du liebe Güte, Herbert, wir sollten uns wohl besser gleich geschlagen geben.«

Irgendwie gelang es meinem Vater, sich zu beherrschen. Er zuckte sogar mit vorgetäuschter Lässigkeit die Schultern. »Wäre vielleicht ein unterhaltsamer Wettbewerb.«

Der Gentleman musterte ihn, das Glas auf halbem Weg zum Mund. »Was schlagen Sie vor?«

»Nichts Besonderes. Summen, Divisionen, Multiplikationen. Wer als Erster die richtige Lösung hat, gewinnt. Drei Versuche?«

In diesem Moment sah ich es – den Jungen verließ der Ausdruck gespielter Gleichgültigkeit und Zuversicht vollständig. Darunter kam nackte Angst zum Vorschein. Er wirkte blass und krank.

Der Gentleman blickte seinen Sohn an und leerte sein Glas. »Ich habe nichts für solchen Zeitvertreib übrig, guter Mann. Außerdem müssen wir uns wieder auf den Weg machen. Wir haben eine lange Reise vor uns.« Er stellte sein Glas auf die Theke und legte eine goldene Guineamünze daneben.

»Ich kann es Ihnen nicht verübeln.« Mein Vater erhob sich und legte seine eigene Guinea auf die Bar. »Ist eine bittere Pille, von einem Mädchen geschlagen zu werden.«

»Pa-pa …«, flüsterte ich. »Bitte nicht.«

»Na, Herbert, das können wir doch nicht zulassen, oder?« Der Gentleman stupste seinen Sohn mit dem Gehstock in die Schulter. »Was meinst du, zu Ehren von Harrow und des Familiennamens?«

Der stumme Schrecken, mit dem der Sohn seinen Vater ansah, verriet mir alles Übrige. Ich erkannte die Furcht, einen kritischen Elternteil zu enttäuschen, das Verlangen des Jungen nach ein wenig Anerkennung und seine entsetzliche Angst vor dem vorgeschlagenen Wettbewerb. Offenbar war Mathematik nicht seine Stärke. Vielleicht hatte er bisher verzweifelt versucht, diesen Umstand zu verbergen – und nun würde er jeden Moment auf sehr öffentliche und beschämende Weise ans Tageslicht kommen.

»Großartig«, sagte mein Vater. »Zehn Guineas für den Gewinner?«

»Pro Aufgabe? Großartig«, imitierte ihn der Mann hinterlistig. »Dreißig Guineas insgesamt. Sogar ich kann gut rechnen, sehen Sie.«

Ich schluckte. Mein Vater hatte keine dreißig Guineas gemeint. Er besaß sie nicht einmal, was dem Gentleman wohl bewusst sein musste.

Mein Vater verzog keine Miene. »In Ordnung. Wir fangen einfach an, ja? Wer zuerst das richtige Ergebnis hat, gewinnt.«

Er sprach deutlich zwei dreistellige Zahlen aus. Ihre Summe stand sofort vor mir und kam über meine Lippen, bevor mich ein bewusster Gedanke daran hindern konnte.

Ich spähte zu Herbert hinüber. Ein Schweißtropfen bewegte sich langsam von seinem Haaransatz zu seiner Wange.

»Komm schon, Herbert, du musst jetzt nicht den Gentleman spielen. In diesem Fall brauchst du ›Ladies first‹ nicht zu beachten, ja?«

Herbert nickte, die Augen fest auf den Mund meines Vaters gerichtet, als könne er mit reiner Willenskraft bewirken, dass die nächsten Zahlen einfacher waren, als könne er sie mit seinem starren Blick kontrollieren.

Mein Vater nannte eine Divisionsaufgabe, nicht allzu schwer, und wieder konnte ich das Ergebnis in der Luft vor mir sehen.

Doch wieder brachte der junge Mann keinen Ton heraus.

Na los, redete ich ihm innerlich zu. Sag es schon.

»Komm schon, Herbert«, bedrängte ihn sein Vater mit zusammengekniffenem Gesicht. »Wir haben nicht den ganzen Abend Zeit.«

»Könnten Sie die Zahlen noch einmal wiederholen?«, fragte Herbert mit schwacher Stimme. Er tat mir leid.

Ich spürte den demonstrativen Blick meines Vaters auf mir und hörte seine leise Aufforderung: »Heraus damit, Mädchen.«

»Sechshundertvierundvierzig«, antwortete ich entschuldigend und vermied es, jemanden anzusehen.

Zustimmendes Murmeln erfüllte den Raum.

Der Gentleman stand mit blitzenden Augen auf. »Es ist unmöglich, dass das Mädchen das im Kopf ausgerechnet hat. Jetzt weiß ich, was los ist. Das ist ein Trick, nicht wahr? Zweifellos sind wir nicht die ersten Reisenden, die von Ihrem abgerichteten Affen hereingelegt werden, der jede Ihrer Aufgaben auswendig gelernt hat.«

Ich zuckte zusammen und wartete darauf, dass mein Vater mit geballten Fäusten aufstehen und den Mann angreifen würde. Betrüger versetzten ihn in Wut, und ich hatte viele Male miterlebt, wie er über ein manipuliertes Spiel oder Rennen in Rage geraten war. Ja, er nahm den anderen Männern seinen Anteil an ihrem Gewinn ab, aber nicht einen Viertelpenny darüber hinaus.

»Wollen wir doch mal sehen, wie sie sich schlägt, wenn ich die Aufgabe stelle«, verlangte der Gentleman. »Und die erste richtige Antwort gewinnt den gesamten Wettbetrag.«

Würde mein Vater eine solch beleidigende Andeutung auf sich sitzen lassen?

Der Wirt legte eine Hand auf seinen Arm, zweifellos aus Sorge, dass seine Einrichtung zu Schaden kommen könnte. »Warum nicht, Mann?«, argumentierte er ruhig. »Lassen Sie Olivia beweisen, dass sie so klug ist, wie wir es alle von ihr wissen.«

Mein Vater zögerte.

»Es sei denn, Sie hätten Angst davor?«, spottete der Gentleman.

»Ich habe keine Angst davor.«

Die Augen meines Vaters bohrten sich in das Gesicht des stolzen Reisenden, während ich den Blick nicht von seinem Sohn abwenden konnte. Demütigung und Schande standen ihm ins Gesicht geschrieben. Es war eine Sache, wenn ein Mädchen schlau war – das war unerwartet. Ein netter Trick zum Vorführen, egal, ob man tatsächlich auf ehrlichem Weg dazu gekommen war. Aber dass ein Sohn, der Stolz seines Vaters und zweifellos der Erbe, als schwerfällig bloßgestellt und von einem Mädchen lächerlich gemacht wurde, war etwas anderes. Mich schauderte es, wenn ich daran dachte, welche vernichtenden Vorwürfe oder was für eine eisige Ablehnung ihn auf der vor ihnen liegenden langen Reise – und vielleicht sein ganzes Leben lang – begleiten würden.

Der Gentleman blickte zu den mit Hopfen verzierten Balken, während er nachdachte, dann verkündete er seine Rechenaufgabe. Zweifellos war es eine, deren Ergebnis er kannte, wahrscheinlich die Fläche seines Landes multipliziert mit dem durchschnittlichen Ertrag des letzten Jahres. Auf jeden Fall irgendetwas in dieser Art. Vor dem Hintergrund des blassen Gesichtes des Jungen und seiner niedergeschlagenen grünen Augen tauchten die Zahlen vor mir auf, doch ihnen fehlte ihre übliche Klarheit. Stattdessen glitten sie schwankend hin und her wie dieses dumme Silberfischchen und verschwanden unter der Tür.

Die Augen des jungen Mannes leuchteten auf. Wahrscheinlich wusste er die Zahl eher deshalb, weil er sie im Gedächtnis hatte, als wegen seiner Rechenleistung. Aber sobald er das Ergebnis ausrief, wusste ich, dass es stimmte. Die Erleichterung und der unterdrückte Jubel auf seinem Gesicht bauten mich eine Sekunde lang auf. Wie sein Vater ihn daraufhin anlächelte und ihm auf die Schulter klopfte, schenkte mir eine weitere gute Sekunde. Dann wurde mir das Missfallen in den Augen meines eigenen Vaters bewusst, und ich erkannte, wie furchtbar es war, was ich getan hatte. Ich erkannte es zu spät. Nie mehr würde er mich mitnehmen. Nie mehr würde er mich sein kluges Mädchen oder auch nur Olivia nennen.

Der Gentleman nahm die Guinea meines Vaters von der Theke. »Ich werde nur eine Guinea nehmen. Das soll Ihnen eine Lehre sein. Den Rest lasse ich Ihnen, damit Sie Ihre Schulden bei den anderen Leuten begleichen können, die Sie zweifellos im Lauf der Jahre getäuscht haben.« Er drehte sich schwungvoll um, legte seine behandschuhte Hand auf die Schulter seines Sohnes und schob ihn aus dem Raum.

Ich sah ihnen nach und fühlte mich zu miserabel, um erleichtert darüber zu sein, dass ich meinen Vater nur eine Guinea gekostet hatte. Denn ich wusste, dass er durch mich weitaus mehr verloren hatte – den Respekt jedes einzelnen Menschen in diesem Raum.

Langsam nahm ich ihre abweisenden Blicke war und bemerkte, wie sie unwillkürlich vor uns zurückwichen. Jetzt würden sie dem Reisenden glauben, dass meine Fähigkeit von Anfang an nichts als ein Trick gewesen war. Dass wir uns ihren ganzen Applaus und das Bier und die Wetteinsätze auf unehrliche Weise erschlichen hatten. In seinen – und jetzt auch in ihren – Augen waren sie alle von uns hereingelegt worden. Von mir.

Weil ich geschwiegen hatte.

1

Es ist nicht gut, einen schlafenden Hund aufzuwecken.

Geoffrey Chaucer

Zwölf Jahre später.

1. November 1815

Ihr Herz pochte vor Angst und Reue, während Olivia Keene rannte, als wären ihr Höllenhunde auf den Fersen. Als hinge ihr Leben davon ab.

Sie floh aus dem Dorf, rannte über eine Wiese, kletterte über eine Schafpforte, verfing sich in ihrem Rock und fiel der Länge nach in den Dreck. Das Bündel in ihrer Umhangtasche schlug gegen ihre Hüfte. Sie beachtete es nicht, sondern stand auf und rannte weiter. Sie warf einen Blick zurück, um sicherzugehen, dass ihr niemand folgte. Vor ihr lag der Wald von Chedworth.

Die Warnungen, die sie jahrelang gehört hatte, hallten ihr durch den Kopf. »Treib dich nachts nicht im Wald herum.« Wildhunde durchstreiften diesen Wald, Diebe und Wilderer lagerten dort. Sie hatten scharfe Messer und noch schärfere Augen, mit dem sie nach leichter Beute Ausschau hielten. Eine Frau mit 24 Jahren wie Olivia war klug genug, sich nachts nicht allein in den Wald zu wagen. Aber die Schreie ihrer Mutter gellten ihr noch in den Ohren und übertönten die alte Stimme der Vorsicht. Die Gefahr, die hinter ihr lauerte, war weit realer als jede vorstellbare Gefahr, die vor ihr liegen könnte.

Angstschauer prickelten auf ihrer Haut, als sie sich in die ausgestreckten Arme des Waldes warf, der an diesem frostigen Herbstabend bereits düster und schattenhaft wirkte. Unter ihren dünnen Sohlen raschelte trockenes Laub. Zweige griffen nach ihr wie knorrige Hände. Sie stolperte über abgebrochene Äste und Unterholz, und jeder knackende Zweig erinnerte sie daran, dass ein Verfolger dicht hinter ihr sein und jeden Moment in Sichtweite kommen könnte.

Olivia rannte, bis sie Seitenstechen bekam. Schwer atmend verlangsamte sie ihr Tempo. Sie marschierte weiter, es kam ihr vor wie eine Stunde oder noch länger, doch noch immer hatte sie das andere Ende des Waldes nicht erreicht. Lief sie vielleicht im Kreis herum? Der Gedanke, die Nacht im schnell finster werdenden Wald verbringen zu müssen, veranlasste sie, ihre Schritte erneut zu beschleunigen. Sie stolperte über ein Gewirr von Wurzeln und fiel ein weiteres Mal der Länge nach hin. Ein Kratzer brannte auf ihrer Wange. Einen Moment lang blieb sie einfach liegen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Der durch den Fall verursachte Schmerz durchbrach die Mauer des Schocks, und die heißen Tränen, die sie bisher zurückgehalten hatte, strömten hervor. Sie richtete sich mühsam auf und setzte sich weinend an einen Baum.

Allmächtiger Gott, was hab ich getan?

Ein Zweig knackte und eine Eule warnte ihren Genossen mit einem Schrei. Vor Angst verstummte Olivias Schluchzen sofort. Die Haare an ihrem Hinterkopf prickelten, als sie mit weit aufgerissenen Augen versuchte, das vom Mondlicht erhellte Halbdunkel zu durchdringen.

Ein Paar Augen starrte zurück.

Ein sehniger, dunkler Hund stand mit gefletschten Zähnen keine sechs Meter von ihr entfernt. In stummer Panik tastete Olivia den Boden neben sich ab, um etwas zu finden, was sie als Waffe gebrauchen könnte. Das Unterholz bebte und der Boden wurde von einem galoppierenden Schritt erschüttert. Zwei weitere Hunde rannten vorbei, der eine trug etwas Rundes, Weißes zwischen die Kiefer geklemmt. War das der Kopf eines Schafes?

Der erste Hund drehte sich um und jagte den anderen beiden nach, gerade als Olivias Finger sich um einen dicken Stock legten. Sie umklammerte ihn fest und wünschte für einen Moment, sie hätte noch den Feuerhaken in der Hand. Von Ekel geschüttelt schob Olivia die Erinnerung an sein kaltes, hartes Gewicht beiseite. Sie lauschte einige angespannte Sekunden lang. Als sie nichts weiter hörte, erhob sie sich, den Stock noch immer fest in der Hand, und hastete durch den Wald, in der Hoffnung, dass die Hunde ihrer Fährte nicht folgen würden.

Der Mond stand hoch über den Baumwipfeln, als sie es bemerkte: das Licht eines Feuers vor ihr. Erleichterung. Wilde Tiere fürchteten sich vor Feuer, oder nicht? Vorsichtig bewegte sie sich näher heran. Sie hatte nicht die Absicht, sich denjenigen anzuschließen, die dort lagerten, wer auch immer das sein mochte – vielleicht eine Zigeunerfamilie oder die Jagdtruppe eines Gentlemans. Selbst wenn die Gerüchte über Diebe und Wilderer nur dummes Geschwätz wären, würde sie es nicht riskieren, auf sich aufmerksam zu machen. Aber sie sehnte sich nach der Sicherheit, die dieses Feuer verkörperte. Sie sehnte sich auch nach seiner Wärme, denn die nächtliche Novemberluft kroch unbarmherzig durch ihren Umhang und ihr Kleid. Wenn vielleicht eine andere Frau anwesend wäre, könnte Olivia fragen, ob sie sich wärmen dürfte. Sie wagte sich noch ein klein wenig näher heran, stellte sich an einen Baum und spähte dahinter hervor. Sie sah eine vom Feuer erhellte Lichtung und vier Gestalten, die entspannt wirkten und sich in unterschiedlichen Stellungen um die Flammen drängten. Sie konnte hören, wie Männer miteinander redeten und scherzten.

»Wieder Eichhörnchen, Garbie?«, erkundigte sich eine raue Stimme.

»Außer Croome kommt mit weiterer Jagdbeute zurück.«

»Um diese Nachtzeit? Unwahrscheinlich.«

»Wahrscheinlicher ist, dass er betrunken im Braunen Hund liegt und seinen Kopf auf Mollys weichen Kissen bettet.«

»Croome doch nicht«, sagte ein anderer. »Der ist so mönchisch wie sonst niemand.«

Gelächter ertönte.

Jeder Instinkt riet Olivia zur Flucht, während sie dort wie angewurzelt stand. Dies war weder eine Familie noch eine Gruppe von Gentlemen. Die Angst kroch ihr den Rücken hoch, als sie sich umwandte und sich einen Schritt vom Baum entfernte.

»Was war das?«

Das laute Flüstern eines jungen Mannes stoppte Olivias Rückzug. Aus Furcht, ein weiteres Geräusch zu verursachen, blieb sie reglos stehen.

»Was war was? Ich hör nix.«

»Vielleicht ist es Croome.«

Olivia machte einen vorsichtigen Schritt. Dann einen weiteren. Ein klebriges Spinnennetz legte sich auf ihr Gesicht. Sie erschrak und stolperte über einen Ast zu Boden.

Bevor sie sich aufrichten konnte, war sie vom Geräusch nahender Schritte umgeben, und das grelle Licht einer Laterne blendete sie.

»Na, wenn das heute nicht mein Glückstag ist!«, stieß ein junger Mann hervor.

Mühsam kam Olivia wieder zum Stehen und schüttelte ihre Röcke glatt. Sie strich sich die losen Haare aus dem Gesicht und versuchte, ruhig zu bleiben.

»Croome ist um einiges hübscher geworden, seit wir ihn das letzte Mal gesehen haben«, bemerkte ein zweiter junger Mann.

Hinter ihm blickte ein bärtiger Koloss finster auf sie herab. Mit der harten, rauen Stimme, die sie als Erstes gehört hatte, fuhr er sie an: »Was machst du hier?«

Panik machte sich in ihr breit. »Nichts, gar nichts! Ich habe Ihr Feuer gesehen und ich –«

»Du bist wohl auf der Suche nach Gesellschaft, was?« Das anzügliche Grinsen des großen Mannes ließ sie bis ins Mark erzittern. »Na gut, da bist du am richtigen Fleck – oder stimmt’s etwa nicht, Jungs?«

»Klar doch«, stimmte ein anderer zu.

Der große Mann streckte die Hand nach ihr aus, aber Olivia zuckte zurück. »Nein, Sie missverstehen mich«, erklärte sie. »Ich habe mich einfach nur verirrt. Ich will nicht –«

»Ach, aber wir wollen.« Seine glänzenden Augen hatten große Ähnlichkeit mit denen des Wildhundes.

Der stabile Stock, den sie mit sich getragen hatte, lag auf dem Boden, wo er bei ihrem Sturz gelandet war. Mit einer schnellen Bewegung wollte sie ihn aufheben, doch ein Mann packte sie von hinten. »Wo willst du hin? So schnell wirst du uns nicht verlassen, darauf kannst du wetten.«

Olivia schrie auf, aber es gelang ihr, die Hand um den Stock zu legen, als er sie nach oben zog.

»Lassen Sie mich los!«

Der stämmige Mann lachte. Olivia wirbelte in seinen Armen herum und schwang den Stock wie eine Keule. Mit einem dumpfen Krachen erwischte sie den Mann seitlich am Kopf. Er stieß einen gellenden Schrei aus und fasste mit beiden Händen an die verletzte Stelle.

Olivia versuchte zu fliehen, doch zwei andere Männer packten sie an Armen und Beinen und trugen sie zum Feuer.

»Alles in Ordnung, Borcher?«, fragte der Jüngste der Männer mit heller Stimme.

»Wird schon wieder. Ihr wird’s aber gleich nicht mehr gut gehen.«

»Bitte!«, flehte Olivia den Mann an, der sie festhielt. »Ich bitte Sie, lassen Sie mich los. Ich bin ein anständiges Mädchen aus Withington.«

»Mein Bruder lebt dort in der Nähe«, erzählte der jüngste Mann.

»Halt den Mund, Garbie«, befahl Borcher.

»Vielleicht kenne ich Ihren Bruder«, sagte sie verzweifelt. »Wie ist sein Na-?«

»Ruhe!« Mit erhobener Hand schoss Borcher auf sie zu.

»Tu’s nicht, Borcher«, bedrängte ihn Garbie. »Lass sie gehen.«

»Nachdem mich diese wilde Göre geschlagen hat? Ich denke nicht daran.« Borcher griff unsanft nach ihr, drückte ihr beide Arme mit seinem langen, schweren Arm zusammen und stieß sie mit dem Rücken gegen einen Baum.

Sie versuchte vergeblich, auf seinen Fuß zu treten, aber ihre leichten Ziegenlederschuhe konnten gegen seine Stiefel nichts ausrichten. »Nein!«, schrie sie. »Kann mir nicht jemand helfen? Bitte!«

Blitzschnell schoss seine freie Hand nach oben und griff nach ihrem Unterkiefer. Stahlharte Finger bohrten sich auf eine Weise in ihre Wangen, dass ihre Schreie verstummten. Mit einem Ruck drehte sie den Kopf zur Seite und biss mit aller Kraft in seinen Daumen.

Borcher brüllte auf, riss seine Hand weg und ballte sie drohend zur Faust.

Olivia kniff die Augen zu und machte sich auf den unausweichlichen Schlag gefasst.

Sie hörte ein Zischen und ein Plopp. Etwas schwirrte am Ohr ihres Bedrängers vorbei und schlug vibrierend im Baum über ihr ein. Sie öffnete die Augen, als Borcher den Kopf herumriss. Auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung, am Rand des Feuerscheins, stand ein Mann auf einem Baumstumpf und hielt Pfeil und Bogen in Bereitschaft.

»Lass sie los, Phineas«, verlangte er mit gedehnter, ärgerlicher Stimme.

»Kümmer dich um deinen eigenen Kram.« Erneut hob Borcher die Faust.

Ein weiterer Pfeil zischte vorbei und durchdrang die Rinde des Baums mit einem Knacken.

»Croome!«, fluchte Borcher.

»Beim nächsten Mal ziele ich genau«, erwiderte der Mann mit Namen Croome trocken. Obwohl er wie ein schmächtiger älterer Mann wirkte, hatten seine Worte den stählernen Klang unnachgiebiger Autorität.

Borcher gab Olivia mit einem heftigen Stoß frei. Sie stieß mit dem Hinterkopf gegen den Baum, an dem die langen Pfeile über ihr immer noch zitterten. Nicht einmal der pulsierende Schmerz in ihrem Schädel konnte die Erleichterung schmälern, die sie durchströmte. Im flackernden Schein der Flammen blickte sie wieder zu ihrem Retter, der immer noch auf dem Baumstumpf thronte. Er war ein hagerer Mann um die Sechzig und trug einen verschlissenen Hut und Jagdrock. Aschgraues Haar hing ihm auf die Schultern herab. Er hatte sich eine Jagdtasche umgeschlungen. Der Bogen in seiner Hand wirkte wie die natürliche Verlängerung seines Arms.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie.

Er nickte.

Im Licht der vergessenen Laterne fiel Olivias Blick auf den stabilen Stock und sie bückte sich, um ihn aufzuheben. Dann wollte sie sich umdrehen und davoneilen.

»Warten Sie.« Croomes Stimme war rau, aber nicht bedrohlich. Er verließ den Baumstumpf und sie blieb stehen, bis er herangekommen war. Seine Größe – für einen Mann seines Alters war er hochgewachsen – und sein hinkender Schritt verwunderten sie. »Nehmen Sie die Verpflegung, die ich für diese nutzlosen Hundesöhne mitgebracht habe.«

Sie nahm einen Viertellaib Brot und einen Beutel Äpfel entgegen. Ihr Magen knurrte wie auf ein Stichwort. Aber als er ihr einen schlaff herunter baumelnden Hasen aus seiner Jagdtasche anbot, schüttelte sie den Kopf.

»Nein, danke. Das hier ist mehr als genug.«

Er hob eine graue Augenbraue. »Als Ausgleich für das, was sie Ihnen angetan haben – oder mit Ihnen gemacht hätten?«

Olivia erstarrte. Sie schüttelte den Kopf und sagte mit ruhiger Würde: »Nein, danke. Ich fürchte, dafür gibt es keinen Ausgleich.« Sie gab ihm das Brot und die Äpfel zurück, drehte sich um und verließ die Lichtung mit raschem Schritt.

Sie hörte noch sein raues Lachen. »Närrisch …«

Und sie war nicht sicher, ob er sie oder sich selbst damit meinte.

Olivia entfernte sich schnell, geleitet vom Mondlicht, das durch die herbstlich kahlen Äste fiel. Den Stock hielt sie vor sich ausgestreckt wie ein Blinder seinen Stab. Sie lauschte angespannt nach jedem Anzeichen, dass sie verfolgt würde, hörte aber nichts als das gelegentliche Heulen eines Waldkauzes oder das leichte Rascheln kleiner Nachttiere. Nach einiger Zeit verwandelte sich ihre Angst in Erschöpfung und Hunger. Vielleicht hätte ich nicht so stolz sein sollen, überlegte sie, während ihr Magen sie mit ständigem Schmerz strafte.

Schließlich schaffte sie es nicht, sich weiter zu schleppen und kauerte sich unter einem Baum zusammen. Sie suchte in ihren Umhangtaschen nach den Handschuhen, aber es war ihr nur einer geblieben – den anderen hatte sie zweifellos im Wald verloren. Wieder spürte sie das feste Päckchen in ihrer Tasche, machte sich aber nicht die Mühe, es in der Dunkelheit zu untersuchen. Zitternd zog sie sich den Kapuzenumhang eng um den Körper und bedeckte ihre dünnen Schuhe mit ein paar Händen Laub und Tannennadeln, um ihre Füße warm zu halten. Bilder vom entsetzten Gesicht ihrer Mutter und dem Körper eines Mannes, der mit dem Gesicht nach unten auf dem dunklen Boden lag, wollten in ihr aufsteigen, aber sie schob sie beiseite und floh ins süße Vergessen des Schlafes.

2

Schicken Sie sie auf ein Internat, damit sie etwas Raffinesse und List lernt. Dann, mein Herr, sollte sie eine eingebildete Kenntnis von Geschäftsbüchern haben …

R. B. Sheridan, The Rivals, 1775

Als Olivia erwachte, bemerkte sie das Zwitschern der Vögel und einen nebligen Dunst. Sie hielt ihren schweren Stock immer noch umklammert. Wieder erinnerte er sie an den Feuerhaken, und sie war versucht, ihn von sich zu schleudern. Aber war er nicht ihr einziger Schutz vor Wildhunden, wenn nicht gar vor bösen Männern?

Die aufgehende Sonne glitzerte durch das Dach der Äste, die mit einzelnen hartnäckigen Blättern geschmückt waren. Olivias Gliedmaßen waren steif, ihre Zehen fühlten sich taub an, nachdem sie auf dem kalten, wurzeligen Boden geschlafen hatte. Sie rieb sich erst die Hände, dann die Füße warm, bevor sie wieder in ihre Schuhe schlüpfte. Wenn sie gewusst hätte, was gestern passieren würde, hätte sie sich Zeit genommen, ein Paar Halbstiefel zu schnüren, anstatt ihre hauchdünnen Ziegenlederslipper anzuziehen.

Die entsetzliche Szene wiederholte sich in ihrem Kopf.

Sie war spät von ihrer Stelle in Miss Cresswells Schule nach Hause gekommen. Auf einem umgeworfenen Stuhl hatte sie den Mantel ihres Vaters gefunden. Unter ihren Schuhen hatte zerbrochenes Glas geknirscht. Was hatte er dieses Mal geworfen? Ein Trinkglas? Eine Flasche? Ein schriller Schrei trieb sie ins Schlafzimmer, das nicht erleuchtet, aber hell genug für einen schaurigen Anblick war – den Rücken eines Mannes, dessen Hände um die Kehle ihrer Mutter lagen … die weit aufgerissenen Augen ihrer Mutter, die nach Luft rang …

Olivia hatte nicht überlegt, sondern nur reagiert. Plötzlich hatte sie den Schürhaken in der Hand gehabt. Sie hob ihn in die Höhe, ließ ihn mit einem ekelhaften Krachen heruntersausen, und der Mann fiel mit dem Gesicht nach unten zu Boden. Die Wucht ihres Schlags zog durch ihren Arm bis in die Schulter hinauf. Ein betäubender Schock folgte wie eine eisige Welle. Sie starrte reglos auf ihre Mutter, die keuchend nach Luft rang.

Dann war ihre Mutter plötzlich neben ihr, zog ihr den Feuerhaken aus den steifen Fingern und zog sie aus dem Zimmer, durch die Küche und zur Vordertür. Sie zitterten beide.

»Habe ich ihn getötet?«, hatte Olivia geflüstert und einen Blick auf die verdunkelte Schlafzimmertür geworfen. »Das war nicht meine Absicht. Ich wollte nur –«

»Pst. Er atmet noch und kann jeden Moment zur Besinnung kommen. Du musst verschwinden, bevor er dich sieht. Bevor er erfährt, wer ihn niedergeschlagen hat.«

Im Licht des Küchenfeuers sah Olivia die Schwellungen, die sich bereits am Hals ihrer Mutter zeigten. »Dann musst du mitkommen. Er hätte dich töten können!«

Dorothea Keene nickte und presste sich die zitternden Finger gegen die Schläfen, um einen klaren Gedanken zu fassen. »Aber zuerst werde ich zu Muriel gehen. Sie wird wissen, was zu tun ist. Aber er darf niemals erfahren, dass du hier warst. Du … du hast das Dorf verlassen, um … eine Stelle anzunehmen. Ja, das ist gut.«

»Aber wo? Ich weiß von keiner –«

»Weit weg von hier.« Ihre Mutter kniff die Augen zusammen und dachte nach. »Geh zu meiner … geh nach St. Aldwyns. Östlich von Barnsley. Ich kenne eine der Schwestern, die dort die Schule leiten. Vielleicht haben sie eine Stellung für dich oder können dich wenigstens aufnehmen.«

Ihre Mutter drehte sich um und eilte auf die andere Seite der Küche. Sie zuckte zusammen, als sie sich streckte und ein kleines Bündel hinter dem Rahmen eines Porträts hervorzog.

»Ich kann dich nicht so zurücklassen, Mama – du bist verletzt.«

Ihre Mutter kehrte zurück und packte sie am Arm. »Sollte er sterben, bedeutet das die Henkersschlinge für dich. Und das wäre viel tödlicher für mich als alles, was er mir antun könnte.«

Sie schob das Bündel in Olivias Umhangtasche. »Nimm das und geh. Und versprich mir, nicht zurückzukehren. Ich werde zu dir kommen, wenn ich kann. Wenn es sicher ist.«

Ein leises Stöhnen erklang aus dem anderen Zimmer und beide Frauen wurden von Schrecken ergriffen. »Geh jetzt. Lauf!«

Und Olivia rannte.

Die Szene verblasste vor Olivias innerem Auge und sie erschauderte. Sie zog das kleine Bündel hervor und untersuchte es im Morgenlicht. Auf den ersten Blick sah es aus wie ein altes, gefaltetes Taschentuch, aber bei näherer Betrachtung entdeckte sie, dass es Nähte hatte und einen perlenbesetzten Verschluss.

Warum hatte ihre Mutter es angefertigt? Hatte sie die Ereignisse des vergangenen Abends kommen sehen und geahnt, dass Olivia einmal fliehen müsste? Oder hatte sie ihre eigene Flucht vor einem Mann, dessen Gewaltausbrüche seit Monaten immer schlimmer wurden, vorbereitet?

Olivia öffnete das verborgene Geldtäschchen und untersuchte seinen Inhalt. Vier Guineamünzen wurden von Fäden darin festgehalten, vermutlich, damit sie nicht aneinander klimpern und auf diese Weise ihr Versteck verraten konnten. Auch ein Brief lag dabei. Sie nahm ihn in die Hand, sah jedoch, dass er fest mit Wachs versiegelt war. Sie drehte ihn um und las die winzigen Buchstaben in der zarten Handschrift ihrer Mutter: Erst nach meinem Tod zu öffnen. Olivias Herz setzte einen Schlag lang aus. Was sollte das bedeuten? Sie dachte wieder an die eifersüchtigen Wutausbrüche ihres Vaters – die umgeworfenen Stühle, das zerbrochene Glas, die in die Wand geschlagenen Löcher. Trotzdem hatte Olivia nie geglaubt, dass er seiner eigenen Frau tatsächlich etwas antun würde. Hatte ihre Mutter sich vor genau dieser Bedrohung gefürchtet? Die Neugier nagte an ihr, aber sie legte den Brief schnell wieder an seinen Platz zurück.

Dabei ertastete sie eine dünne Scheibe in den Falten des Stoffs, offenbar eine fünfte, kleinere Münze. Ein schmaler Riss im Futter verriet, an welcher Stelle man sie entnehmen konnte. Neugierig schob sie die Münze mit steifen Fingern zu diesem Loch. Als sie den Schilling herauszog, kam ein Stückchen Papier mit. Es war ein herausgerissenes Stück aus einer Zeitung, ungefähr eineinhalb auf acht Zentimeter groß und vom Alter vergilbt. Offenbar handelte es sich um den kurzen Teil einer Heiratsanzeige.

… der Earl von Brightwell die Vermählung seines Sohnes,Lord Bradley, mit Miss Marian Estcourtvon Cirencester, Tochter von …

Brightwell … Estcourt … die Namen verhallten dumpf in Olivias Kopf. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte ihre Mutter sie nie zuvor erwähnt. Warum hatte sie die Anzeige aufbewahrt?

Olivias Magen knurrte und sie steckte den Zettel – und ihre Fragen – weg, um sich später einmal damit zu beschäftigen. Vorsichtig erhob sie sich und zupfte sich Laub und Tannennadeln aus den Haaren. Sie klopfte sich den Umhang und ihr Kleid ab und verzog das Gesicht, als sie den langen Riss in ihrem Oberteil bemerkte. Ihr Unterhemd und ein Träger ihres Mieders schauten hervor. Als sie an die Gefahren der vergangenen Nacht zurückdachte, wurde ihr bewusst, dass der Schaden wesentlich größer hätte sein können. Sie zog das herunterhängende Stück des Leibchens nach oben und verknotete es behelfsmäßig mit dem Streifen zerrissenen Stoffs an ihrer Schulter. Sie hoffte, dass sie nicht so furchtbar aussah, wie sie sich fühlte.

Olivia versuchte, sich mit den Fingern durchs Haar zu kämmen und stellte fest, dass es ein verfilztes Durcheinander war, nachdem sich ihr ordentlicher Knoten schon lange aufgelöst hatte. Sie sehnte sich nach einer Badewanne und einem Kamm. Es nützt nichts, sich jetzt darüber zu grämen, sagte sie sich. Wenn ich mich nicht in Bewegung setze, werden die Bäume ohnehin die Einzigen sein, die mich zu Gesicht bekommen.

Wieder suchte sich Olivia ihren Weg zwischen den Bäumen und durch das Unterholz hindurch. Sie fragte sich, ob die Schulleiterin, die Bekannte ihrer Mutter, wirklich eine Fremde aufnehmen würde und was sie tun sollte, falls die Frau das ablehnte. Olivia biss sich auf die Innenseite der Wange, um Selbstmitleid und Tränen abzuwehren. Mit einem geflüsterten kurzen Gebet für ihre Mutter ging sie weiter, während ihr Atem in der kalten Morgenluft aufstieg.

Der Wald lichtete sich, als die Sonne höher in den Himmel stieg, und auch ihre Stimmung hob sich. Sie sah das Band einer Straße vor sich und beschloss, ihr zu folgen. Wenn nötig, könnte sie jederzeit in den Schutz des Waldes zurückkehren.

Sie wanderte einige Minuten die Straße entlang und nahm dann das Angebot eines Bauern an, hinten auf seinem Wagen ein Stück mitzufahren. Seine Frau beäugte misstrauisch den Stock in ihrer Hand, äußerte sich aber nicht dazu.

Nach vielen holprigen, ruckelnden Kilometern rief der Bauer seinem Gaul schließlich »Brr!« zu und drehte sich mit einem Lächeln zu Olivia um. »Dort am Ende des Wegs liegt unser Hof, also können wir Sie nur bis hierhin mitnehmen.«

Olivia dankte dem Paar, kletterte steif aus dem Wagen und fragte, wie sie nach St. Aldwyns kommen könnte.

»Folgen Sie dem Fluss dort«, erklärte der Bauer und wies ihr die Richtung. »Das wird für Sie schneller sein, auch wenn Sie dann keinen Wagen mehr treffen.«

Olivia ging am Fluss entlang, der sich durch ein hügeliges Tal zog, eine kleine Ansiedlung passierte und dann eine weitere. Kurz darauf verschwand der Fluss in einem Wäldchen. Nicht schon wieder ein Wald … jammerte Olivia innerlich. Sie wollte jedoch ihren Weg nicht verlieren, deshalb holte sie tief Luft und betrat das Gehölz.

Die Bäume standen nicht sehr dicht und dahinter sah sie schon wieder das offene Feld. Nachdem sie am Abend vorher für ihren Geschmack genug Bäume gesehen hatte, beschleunigte sie ihre Schritte.

Da hörte sie ein Geräusch und blieb erschrocken stehen. Sie lauschte über ihr pochendes Herz hinweg und da war es wieder: Gebell. Ihr Magen zog sich ängstlich zusammen. Schon wieder Wildhunde? Sie näherten sich schnell! Unwillkürlich fing Olivia an zu rennen und der Stock schlug ihr dabei gegen das Bein. Mit ihrer freien Hand raffte sie ihre Röcke und stürmte aufs Feld hinaus. Ohne auf das heftige Brennen in ihrer Seite zu achten, rannte sie weiter. Sie traute sich nicht, anzuhalten und einen Blick hinter sich zu werfen. Ein weiteres Geräusch gesellte sich zu dem Bellen – ein gedämpftes Grollen, das stetig lauter wurde. War das Donner? Oder ein Suchtrupp?

Die Hunde kamen näher, sie konnte ihr Kläffen jetzt deutlich hören, sie hatten sie fast erreicht. Panik erfasste Olivia. Etwas zog an ihrem Rock, und sie wirbelte herum, schwang den Stock und schrie aus Leibeskräften.

»Haut ab! Weg mit euch!« Die bellenden Hunde flitzten um sie herum und sprangen hoch. Sie erwischte einen am Rumpf, der daraufhin aufjaulte und davonjagte.

Langsam gewann sie einen klareren Blick für das verschwommene Durcheinander von geflecktem Fell, und sie merkte, dass dies keine Wildhunde waren. Donnernd näherten sich Pferdehufe. Benommen schaute sie hoch, als eine Armee roter Jacken und schwarzer Hüte – Männer in Jagdkleidung – von allen Seiten auf sie zupreschte.

»Aus dem Weg!«, rief einer der Reiter, während sein Rotschimmel bedrohlich nah an ihr vorbei galoppierte.

Olivia sprang zur Seite. Im nächsten Moment schrie sie auf und hob die Arme schützend über den Kopf – denn sie war direkt in den Weg eines anderen heranpreschenden Pferdes gesprungen. Dessen Reiter riss die Zügel zurück, das schwarze Pferd schwankte und bäumte sich auf. Die hochgeschleuderte Erde spritzte in Olivias Gesicht. Die Pferdehufe zuckten dicht vor ihrem Kinn vorbei und trafen donnernd auf dem Boden neben ihr auf.

»Was in aller Welt fällt dir ein?«, brüllte der Reiter des Rappen wütend. »Bist du von allen guten Geistern verlassen?«

Die anderen Reiter – Piköre und Gentlemen auf weißen, grauen und kastanienbraunen Jagdpferden – umringten Olivia mit ärgerlich erhobenen Stimmen.

»Du hast eine hervorragende Jagd verdorben!« Dieser Ausruf kam von einem älteren Mann, dem Jagdherrn, erkennbar an seinem Samthut, unter dem ein silberner Backenbart hervorschaute. Sein faltiges, aristokratisches Gesicht war beinahe so rot wie seine Jacke.

»Sie hat versucht, die Jagdhunde zu töten!«, beschuldigte sie ein anderer. »Der Leithund lahmt.«

»Ich dachte, es wären Wildhunde!«, stotterte Olivia in einem schwachen Versuch, sich zu verteidigen.

»Wildhunde?«, wiederholte der Jäger, dem ein kupferrotes Horn um den Hals hing. »Das ist nicht zu fassen. Bist du nicht ganz bei Verstand?«

Sie wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, um sich den Schmutz abzureiben und einen klaren Gedanken zu fassen. »Nein, ich … ich …«

»Ich glaube ihr, Gentlemen.« Der Reiter des Rappen glitt vom Pferd und nahm ihr den Stock aus der Hand. »Sie hat sich offensichtlich bewaffnet, um Wildhunde abzuwehren.«

»So wie die Kleine aussieht«, rief der beleibte Reiter des Rotschimmels, »würde ich sagen, sie hat eher gegen eine Dreckpfütze gekämpft – und verloren.«

Die anderen Männer lachten. Olivia ignorierte ihren Spott und richtete ihren Blick weiterhin auf den großen jungen Mann, der vor ihr stand.

Obwohl er nicht der Jagdherr und allem Anschein nach auch nicht älter als sie selbst war, hatte er offensichtlich eine führende Rolle inne und gab in seiner Jagduniform und den Reitstiefeln eine stattliche Figur ab.

Sie bemühte sich, ruhige Höflichkeit in ihre Stimme zu legen, und sagte: »Das mit Ihrem Hund tut mir sehr leid. Bitte geben Sie mir jetzt freundlicherweise den Stock zurück, Sir.«

Seine Augen glitzerten wie blaues Glas. Ohne den herrischen, ärgerlichen Zug wäre sein Gesicht attraktiv gewesen. »Ich denke nicht, dass ich das tue. Du bist viel zu gefährlich.«

Olivia spürte, wie Wut in ihr aufstieg, während die Männer weiter über sie lachten und spotteten. Aber es war vor allem das herablassende Grinsen des jungen Mannes vor ihr, das ihre Selbstbeherrschung auf die Probe stellte. Nach der vergangenen Aufregung und aufgrund des Mangels an ausreichend Schlaf war sie ohnehin schon angeschlagen. Sie streckte ihre Hand aus. »Geben Sie mir den Stock sofort zurück.«

Der ältere Jagdherr rief in verächtlichem Ton: »Hast du eine Ahnung, mit wem du sprichst, Mädchen?«

Die Augen weiterhin auf den jungen Mann vor ihr gerichtet, antwortete sie gleichmütig: »Jemand mit sehr schlechten Manieren.«

Die anderen reagierten mit beinahe unverhohlen hervorprustendem Gelächter. Gut, dachte Olivia. Mal sehen, wie es ihm gefällt, selbst ausgelacht zu werden.

Eine neue Gefühlsregung huschte über das Gesicht des Mannes, aber der Ausdruck wurde schnell von Verachtung überdeckt. Seine breiten Schultern zeichneten sich unter der eng anliegenden Jacke ab, als er den Stock mit einer lässigen Bewegung viele Meter weit ins Gebüsch warf.

Olivia öffnete den Mund, um zu protestieren, doch der alte Jagdherr rief ihr mit stählerner Stimme eine Warnung zu: »Vorsicht, Mädchen. Bradley hier ist nicht nur Lord, sondern auch Friedensrichter. Du tätest gut daran, nicht seinen Zorn auf dich zu ziehen.«

Sie richtete den Blick wieder auf den Mann mit Namen Bradley. Goldene Koteletten waren ein Hinweis auf blondes Haar unter seinem Hut. Unter dessen Krempe schauten blaue Augen hervor, die sich momentan völlig auf ein wenig Schmutz an seiner Ärmeljacke konzentrierten. Mit einem winzigen Seitenblick auf sie schnippte er ihn mit dem Finger weg, und Olivia wusste, dass sie selbst mit dieser Geste genauso achtlos abgetan war.

»Ross!«, rief er, und ein junger Mann trottete herbei, allem Anschein nach sein Stallbursche. »Wie geht es dem Hund von Mr Linton?«

»Es geht ihm gut, Mylord, er hat nur eine Prellung.«

»Nimm ihn trotzdem zu dir aufs Pferd. Lintons Hundepfleger wird sicher einen Blick auf ihn werfen wollen.«

»Jawohl, Mylord.«

»Danke, Bradley«, sagte der Jagdherr. »Ich denke, wir müssen die Jagd für heute abblasen.«

Der Jäger nickte und verstaute das Horn in seiner Tasche. »Der Fuchs wird auf jeden Fall inzwischen in Wiltshire sein.«

»Vielleicht könnte sie unser Fuchs sein«, spottete der beleibte Reiter des Rotschimmels und deutete mit seiner Reitgerte auf Olivia.

»Ein ausgezeichneter Plan«, stimmte ein anderer zu. »Es tut uns so leid, Herr Wachtmeister, wir hielten die erbärmliche Kreatur für einen Fuchs.«

»Nein – für einen tollwütigen Hund!« Ein zweiter Mann pikste Olivia mit seiner Reitpeitsche in die Schulter, und im nächsten Moment wurde sie von drei Männern auf ihren Pferden umkreist, die fortwährend lachten.

»Gentlemen!«, ertönte ein lauter Befehl.

Die drei Männer zügelten ihre Pferde und blickten zu Bradley.

»Das genügt«, sagte er. »Bauern sind nicht dazu da, herumgestoßen zu werden.«

»Wie wahr«, schnaubte ein anderer. »Sie sind dazu da, ihre Pacht zu zahlen.«

Lord Bradley machte ein finsteres Gesicht. Er war offensichtlich nicht amüsiert.

»Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen«, bemerkte der Jagdherr tröstend. »Die Saison hat gerade erst angefangen. Wir werden viele weitere Jagden reiten, bevor der Winter kommt.«

Lord Bradley machte Anstalten, sein großes schwarzes Pferd wieder zu besteigen. Er hielt inne und sein eisiger Blick blieb für einen Moment an Olivia hängen. »Bist du immer noch da?«

Sie stieß die Luft aus. »Nein, Sir. Ich bin bereits komplett verschwunden.«

Er kniff die Augen zusammen. »Musst du nicht irgendwohin?« Das war keine Frage.

»Ich –«

»Geh!«, befahl er und streckte seine Reitgerte ruckartig Richtung Süden aus.

Olivia schritt blind über das Feld, gedemütigt und empört. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie ihm gehorchte und genau in die Richtung floh, in die er gezeigt hatte. War sie denn ein Hund? Sicher hatte er nicht gemeint, sie solle diese bestimmte Richtung einschlagen. Sie sollte nur verschwinden. Ich war ohnehin in dieser Richtung unterwegs, sagte sie sich hitzig, und marschierte wieder auf den Fluss zu.

3

Denken Sie immer daran, die Geheimnisse der Familie wie ein Heiligtum zu bewahren, denn keines darf ungestraft verraten werden.

Samuel & Sarah Adams, The Complete Servant

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Olivia am Fluss kniete und sich Gesicht und Hände wusch. Sie schrubbte sich eifrig, um den hartnäckigen Schmutz, der sich in die Handlinien und unter den Fingernägeln eingegraben hatte, zu entfernen. Sie hoffte, dass der Schmutz in ihrem Gesicht nicht ebenso zäh an ihr hängen würde. Und auch nicht die Schuldgefühle, von denen sie geplagt wurde. War kein anderes Vorgehen möglich gewesen? Sicher hätte sie ein anderes Mittel ersinnen können, um ihren Vater zu stoppen. Sie hätte den Wachtmeister oder einen Nachbarn rufen können. Aber jetzt war es zu spät. Olivia spritzte sich das kalte Wasser ins Gesicht und wünschte, sie könnte auf diese Weise auch die Erinnerung – und die Reue – abwaschen.

Sie entdeckte zwei Haarnadeln, die noch in ihren zerzausten Locken hingen, und riss schließlich ein aufgenähtes Zierband von ihrem Unterhemd ab, um die Haare damit zusammenzubinden. Wenn sie das nächste Dorf betrat, wollte sie nicht wie eine Bettlerin oder etwas Schlimmeres aussehen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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