Beschreibung

Als Rachel Ashford eine private Leihbibliothek eröffnet, entdeckt sie ein verborgenes Geheimnis. Wird sie auf ihrer Suche nach Hinweisen auch die Liebe finden? Rachels Freundin, Mercy Grove, hat die Hoffnung auf einen Mann längst aufgegeben. Doch plötzlich tauchen verschiedene Verehrer auf. Aber nicht wegen Mercy, oder? Im "The Bell" hat sich die Lage spürbar entspannt und Jane kann ihre Trauer hinter sich lassen. Ist sie schon bereit für eine neue Liebe?

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SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung ChristlicheMedien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung undVerbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme undMusik einsetzt

ISBN 978-3-7751-7427-5 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5857-2 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2018SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbHMax-Eyth-Straße · 4171088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de

© Copyright 2017 by Julie KlassenOriginally published in English under the title: The Ladies of Ivy Cottageby Bethany House Publishers,a division of Baker Publishing Group,Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.Cover design by Jennifer Parker.Map illustration by Ben Cruddace Cartography & Illustration.All rights reserved.Die Bibelverse sind, soweit nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:Neues Leben. Die Bibel, ©der deutschen Ausgabe 2002 und 2006SCMR.Brockhausin der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen.Weiter wurde verwendet:Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung,© 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.Übersetzung: Eva WeyandtUmschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im SchönbuchTitelbild: © Victoria Davies / Trevillion ImagesSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Für die Töchter meines Bruders,meine von Herzen geliebten NichtenKathryn, Alexandra, Julia und Lia

Inhalt

Über die Autorin

Karte von Ivy Hill

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Bemerkung der Autorin

Leseempfehlungen

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Über die Autorin

Julie Klassen arbeitete 16 Jahre lang als Lektorin für Belletristik. Mittlerweile hat sie bereits elf Romane aus der Zeit von Jane Austen geschrieben, von denen drei den begehrten Christy Award gewannen. Wenn sie nicht schreibt, liebt Klassen das Reisen und Wandern. Mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebt sie in Minnesota (USA).

Leihbibliotheken:Dort sind interessante Bücher zu bekommen, gute, mittelmäßige und schlechte. Und einige kleine Städte an Großbritanniens Küste können sich kleiner Buchläden rühmen … In ihnen ist ein mehr als gewöhnliches Maß an vergnüglichen Schätzen zu finden, die Wissen vermitteln.

Poetical Sketches of Scarborough, 1813

Messrs. Wright and Son’s Royal Colonade Library …In dieser Einrichtung finden sich achttausend Bücher, historische Werke, Biografien, Erzählungen, französische und italienische Werke und die besten aktuellen Veröffentlichungen. Der Lesesaal wird sowohl von Damen als auch von Herren genutzt und täglich ausgestattet mit den unterschiedlichsten Londoner Morgen- und Abendzeitungen …

Brighton As It Is, 1834

Es gibt noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man dies alles aufschreiben würde, glaube ich, könnte die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die man dann schreiben müsste.

Johannes 21,25 (Neues Leben – Die Bibel)

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Kapitel 1

September 1820Ivy Hill, Wiltshire, England

Rachel Ashford hätte am liebsten die Hände gehoben. Ihre von einer Gouvernante vermittelte Schulbildung war keine Vorbereitung auf das hier. Sie stand im Schulzimmer von Ivy Cottage und hielt in ihrer vorbereiteten Rede inne, um die Schülerinnen anzuschauen. Fanny tuschelte mit Mabel, Phoebe spielte mit ihren Zöpfen, die kleine Alice schaute zum Fenster hinaus und Sukey schmökerte in einem Buch. Nur die älteste Schülerin, Anna hieß sie, hörte ihr zu. Und sie war von allen am besten erzogen und hätte daher diese Lektion gar nicht nötig. Bei Mercys Unterricht saßen die Mädchen in vorgeschriebener Haltung an ihrem Pult und hingen an ihren Lippen. Rachel war versucht, ihre Stimme zu heben, atmete jedoch tief durch und sprach ruhig und leise weiter. »Auf der Straße, in der Kirche und bei anderen formellen Anlässen müsst ihr immer Handschuhe tragen, aber nicht beim Essen. Die Angebote eines Herrn, euch behilflich zu sein, solltet ihr liebenswürdig annehmen. Sprecht niemals mit lauter, heiserer Stimme und –«

Fanny schnaubte. »Aber meine Stimme ist nun mal so!«

Einige ihrer Klassenkameradinnen kicherten.

»Mädchen, bitte versucht daran zu denken, dass lautes Lachen in vornehmer Gesellschaft nicht akzeptabel ist. Eine Dame spricht und bewegt sich immer mit Eleganz und Anmut.«

»Nun, ich befinde mich aber nicht in vornehmer Gesellschaft«, gab Fanny zurück. »Ich befinde mich häufig in Ihrer Gesellschaft.«

Rachel biss sich auf die Innenseite ihrer Wange und fuhr fort. »Anstößiges Verhalten ist unter keinen Umständen akzeptabel und davor müsst ihr immer auf der Hut sein.«

»Dann darf man aber nicht in die Küche gehen, wenn Mrs Timmons vom Metzger übervorteilt wurde. Dort hört man vulgäre Ausdrücke, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, Miss Ashford.«

Rachel seufzte. Sie trat auf der Stelle. Niedergeschlagen nahm sie The Mirror of the Graces vom Pult. »Wenn ihr schon nicht auf mich hört, dann doch wenigstens auf diese geschätzte Autorin.« Sie las den Untertitel vor. »›Ein Buch mit nützlichen Hinweisen zu Kleidung, Höflichkeit und Manieren einer Dame‹.«

»Oh Schande«, stöhnte Fanny.

Rachel ignorierte den Einwurf, schlug eine markierte Stelle auf und las vor.

»›Die gegenwärtige Vertrautheit zwischen den Geschlechtern ist schockierend für das Zartgefühl und das Interesse der Frauen. Eine Frau wird heutzutage von Männern mit einer Freiheit behandelt, die sie auf die Stufe mit den gemeinsten und vulgärsten Objekten ihrer Vergnügungen stellt …‹«

Die Tür ging auf. Rachel drehte sich um und rechnete damit, Mercy vor sich zu sehen.

Doch es war Matilda Grove, die mit funkelnden Augen in der Tür stand. Hinter ihr Mr Nicholas Ashford, der sich äußerst unwohl zu fühlen schien.

Rachel schaute sie verblüfft an. »Miss Matilda. Die Mädchen und ich haben gerade … versucht … Wir unterhalten uns über das Benehmen einer Dame.«

»Das dachte ich mir schon. Darum habe ich Mr Ashford gebeten, mich zu begleiten. Wie kann man angemessenes Verhalten zwischen den Geschlechtern besser demonstrieren, als es vorzuführen? Das ist doch viel interessanter als ein trockener Lehrtext.«

»Wie wahr«, stimmte Fanny zu.

Nicholas Ashford räusperte sich. »Mir wurde zu verstehen gegeben, dass Sie Hilfe benötigen, Miss Ashford. Sonst hätte ich mir nie angemaßt, Ihren Unterricht zu unterbrechen.«

»Ich … Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich glaube nicht –«

»›Das Hilfsangebot eines Mannes ist immer freundlich anzunehmen‹«, wiederholte Mabel Rachels Worte.

Sie hatte also anscheinend doch zugehört.

Rachels Hals rötete sich. »Na gut. Das heißt, wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht, Mr Ashford?«

»Ganz und gar nicht.«

Miss Matilda öffnete die Tür weiter und ließ ihm den Vortritt. Der schlaksige junge Mann betrat mit ausgreifenden Schritten den Raum.

Die Mädchen tuschelten untereinander und wurden vor Erwartung ganz unruhig. Rachel versuchte vergeblich, sie zum Schweigen zu bringen.

Er verneigte sich und eine Locke seiner hellbraunen Haare fiel in sein jungenhaftes, gut aussehendes Gesicht. »Guten Tag, Miss Ashford. Meine Damen.«

Rachel war es äußerst unangenehm, dass er hier war und ihre Unfähigkeit miterlebte.

»Wir könnten ja das in dem Buch beschriebene angemessene und unangemessene Verhalten vorführen«, schlug Matilda vor. »Zuerst werde ich euch vorstellen. Denn ihr müsst wissen, Mädchen, dass ihr nicht jedem beliebigen Fremden, der des Weges kommt, euren Namen nennen dürft. Man muss warten, bis man von einem vertrauenswürdigen Freund oder Familienangehörigen vorgestellt wird.«

»Warum?«, fragte Phoebe.

»Als Schutz vor unguten Verbindungen. Damit euer Ruf nicht durch unpassende Beziehungen geschädigt wird. Mal sehen. Ich liebe es, Theater zu spielen, obwohl ich mich als Schauspielerin nicht mit deinem Vater messen kann, Miss Rachel.« Matilda hob einen Finger. »Vielleicht sollte ich jetzt eine bekannte Persönlichkeit spielen, zum Beispiel … Lady Catherine de Bourgh aus Stolz und Vorurteil. Eine wundervolle Erzählung. Hast du sie gelesen?«

Rachel schüttelte den Kopf.

»Oh, das solltest du aber. Sie ist so unterhaltsam und lehrreich.«

»Ich fürchte, ich habe nicht viel übrig für Bücher.«

Matildas Mund verzog sich zu einem langen O und sie warf den Schülerinnen einen bedeutsamen Blick zu.

»Das heißt«, beeilte sich Rachel zu versichern, »natürlich sind Bücher sehr bereichernd. Und lehrreich. Als ich noch im Schulzimmer saß, habe ich viele gelesen. Und mein Vater hat Bücher geliebt.«

Matilda nickte. »Wohl wahr. Zu allen Gelegenheiten. Für den Augenblick werde ich die gesellschaftliche Stellung einmal außer Acht lassen und euch als gesellschaftlich Gleichgestellte vorstellen.« Sie begann mit vornehmer Stimme: »Miss Ashford, darf ich Ihnen meinen Freund Mr Ashford vorstellen. Mr Ashford, Miss Rachel Ashford.«

»Das sind aber viele Ashfords«, brummte Sukey.

»Wie geht es Ihnen, Sir?« Rachel knickste.

Nicholas verbeugte sich. »Miss Ashford. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.«

»Ausgezeichnet«, sagte Matilda. »Und jetzt zeigen wir euch, wie man sich unverschämten Herren gegenüber verhält.« Sie nahm Rachels Buch zur Hand, überflog die Seite und las schließlich laut vor: »›Wir sehen keine respektvolle Verbeugung mehr, den Ausdruck höflicher Aufmerksamkeit, wenn ein Herr auf eine Dame zugeht. Er stürmt auf sie zu, ergreift ihre Hand, schüttelt sie grob, stellt ein paar Fragen, und als Beweis dafür, dass er an ihren Antworten gar nicht interessiert ist, flattert er wieder davon, bevor sie eine Erwiderung geben kann.‹« Sie blickte Nicholas an. »Können Sie das einmal vorführen – wie man sich einer Dame nicht nähert.«

Sein Mund teilte sich. »Ich würde doch niemals –«

»Ich denke, dieses eine Mal ist das in Ordnung, Mr Ashford. Es soll den Mädchen doch nur zeigen, wie man sich nicht verhalten sollte.« Matildas Worte klangen ganz unschuldig, doch Rachel entdeckte das spitzbübische Funkeln in ihren Augen.

»Aha. Nun gut. In dem Fall.«

Nicholas wich ein Stück zurück, ging mit großen Schritten auf Rachel zu, packte ihre Hand und schüttelte sie heftig. »Wie nett, Miss Ashford. Was für ein wunderschöner Tag. Sie sind bei guter Gesundheit, hoffe ich? Nun, bestimmt ändert sich das Wetter bald. Auf Wiedersehen für den Augenblick.« Damit drehte er sich um und verließ den Raum.

Die Mädchen klatschten kichernd. Nicholas kam mit hochrotem Kopf in den Raum zurück. Er warf Rachel einen unsicheren Blick zu, doch sie lächelte ihn ermutigend an.

Matilda schüttelte in gespielter Missbilligung den Kopf. »Eine so schockierende Vertraulichkeit! Eisige Höflichkeit ist die beste Waffe einer gut erzogenen Frau, um vulgäre Pilze an ihren Platz zu verweisen.«

»Pilze?«, wiederholte Mabel. »Mr Ashford, sie hat Sie einen Pilz genannt!«

»Man hat mir schon schlimmere Worte an den Kopf geworfen.«

»So, jetzt wiederholen wir diese Szene noch einmal. Doch dieses Mal demonstrieren Sie angemessenes Verhalten.«

Wieder trat Nicholas Ashford vor und ergriff ihre Hand mit seinen beiden Händen. Sie schaute von unten zu ihm auf. Er war sehr groß – und sah mit herzlicher Bewunderung auf sie herab. Sein Blick wanderte über ihre Augen, ihre Nase, ihre Wangen …

Als sie keine Anstalten machte, Mr Ashford zurückzuweisen, las Miss Matty aus dem Buch vor: »›Wenn ein Mann, der nicht das Privileg der Freundschaft oder Verwandtschaft besitzt, versucht, ihre Hand zu ergreifen, soll die Dame mit deutlichem Missfallen ihre Hand sofort zurückziehen, damit er sich nicht untersteht, die Beleidigung zu wiederholen.‹«

Matilda brach ab, und Rachel spürte ihren erwartungsvollen Blick, doch sie konnte sich nicht überwinden, ihm ihre Hand zu entziehen. Nicht, wo er ihr doch einen Heiratsantrag gemacht hatte. Nicht vor Zuschauern. Das erschien ihr viel zu herzlos.

»Ist es denn schicklich, einem Mann seine Hand zu überlassen?«, fragte die siebzehnjährige Anna Kingsley hoffnungsvoll.

Matilda wandte sich von dem wenig entgegenkommenden Paar ab, um ihr eine Antwort zu geben. »Aber ja. Doch vergiss nicht, Anna, eine Berührung, ein Händedruck sind nur die äußeren Zeichen, die eine Frau geben kann, um eine besondere Zuneigung zu einem Gegenüber deutlich zu machen. Sie sind nur für einen Mann bestimmt, den sie sehr schätzt.«

Mit einem weiteren Blick auf das erstarrte Paar klappte Matilda das Buch zu und räusperte sich. »Also gut, Mädels. Was haltet ihr davon, wenn wir heute etwas früher Schluss machen und nach draußen gehen? Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn wir deine Unterrichtsstunde ein wenig abkürzen? Nein? Kommt, Mädchen. Wir gehen nach draußen.«

Rachel riss ihren Blick von Mr Ashford los und sah gerade noch Matildas amüsiertes Funkeln in den Augen, als sie die Schülerinnen an ihrem Demonstrationspartner, der immer noch ihre Hand festhielt, vorbei aus dem Raum führte.

Als die Tür hinter den Mädchen ins Schloss fiel, lachte Rachel leise und entzog ihm sanft ihre Hand. »Offensichtlich ist der Unterricht vorbei.«

Er legte seine Hände aneinander. »Denken Sie, dass es geholfen hat?«

Geholfen … was?, fragte sie sich, erwiderte aber beiläufig: »Du lieber Himmel, wer weiß das schon? Auf jeden Fall mehr als meine armseligen Versuche, den Mädchen etwas beizubringen.« Sie trat an das Pult und warf ihre Notizen in den Abfalleimer. »Zum Unterrichten fehlt mir das Talent. Ich muss mir eine andere Aufgabe suchen. Oder einen anderen Weg, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.«

Er folgte ihr zum Pult. »Um Ihren Lebensunterhalt brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Miss Ashford. Sie haben meinen Antrag nicht vergessen, nehme ich an?«

»Nein. Das habe ich nicht. Vielen Dank.« Rachel schluckte und wechselte das Thema. »Sollen wir … äh, einen Spaziergang machen, Mr Ashford? Sie sagten eben, es sei so ein herrlicher Tag.«

»Oh. Natürlich. Wenn Sie mögen.«

Wollte sie wirklich beim Spaziergang mit Nicholas Ashford gesehen werden? Eigentlich wollte sie den Gerüchten, zu denen es unausweichlich kommen würde, keine Nahrung geben. Aber sie war auch nicht bereit, allein mit ihm und seinem Antrag im Haus zu bleiben.

Sie nahm ihre Haube und stieg ihm voran die Treppe hinunter. Unten öffnete er die Haustür für sie und ließ sie hindurch.

Welchen Weg? Nicht zur Bäckerei oder in Richtung Brockwell Court, beschloss sie. Sie deutete in die andere Richtung. »Sollen wir da entlanggehen?«

Er nickte und an der Ecke bogen sie in die Ebsbury Road ein und kamen am Armenhaus vorbei.

Sie atmete tief durch, um sich innerlich zu wappnen. Thornvale war nicht mehr weit. Ihr wunderschönes, geliebtes Thornvale. Am Tor angekommen, verweilte ihr Blick auf dem prächtigen Haus aus roten Ziegeln mit der dunkelgrünen Tür. Oh, wie viele glückliche Jahre hatte sie dort mit ihren Eltern und ihrer Schwester verlebt, bevor die Schwierigkeiten begannen. Dort hatte auch das kurze Liebeswerben Timothy Brockwells begonnen und leider viel zu schnell ein Ende gefunden. Nach dem Tod ihres Vaters fiel das Haus an Nicholas Ashford – seinen Erben und ihren Cousin zweiten oder dritten Grades. Jetzt wohnten er und seine Mutter dort.

Wenn Rachel seinen Heiratsantrag annähme, könnte sie in ihr früheres Zuhause zurückkehren und müsste ihr Leben nicht als verarmte Adelige fristen. Sollte sie das tun? Irgendwann musste sie eine Entscheidung treffen. Sie konnte ihn nicht ewig warten lassen.

Seine Stimme durchdrang ihre Träumereien. »Sollen wir hier umkehren?«

»Hm? Oh, ja.«

Nachdem sie in die breite High Street abgebogen waren, kamen sie vorbei an der Bank, die jetzt geschlossen war. An einigen Häusern. An Fothergills Apotheke. Im Schaufenster standen bunte Flaschen patentierter Arzneien. Dann kam der Metzger mit den gruseligen dicken Fleischstücken und dem toten Geflügel in der Auslage und daneben der Obst- und Gemüsehändler mit seinen Gemüsekisten.

Nicholas deutete zu Praters Gemischtwarenladen und dem Postamt hinüber. »Wäre es Ihnen recht, wenn wir kurz hier anhalten? Ich habe einen Brief aufzugeben.« Er nahm einen Briefumschlag aus seiner Tasche.

Rachel war einverstanden, sagte aber, sie würde draußen auf ihn warten. Wann immer es möglich war, ging sie der eingebildeten Mrs Prater aus dem Weg. Die griesgrämige Frau des Ladenbesitzers war ihr früher mit unterwürfigem Respekt begegnet, aber das war vor dem finanziellen Ruin ihres Vaters gewesen.

Während sie wartete, schaute Rachel zum Bell Inn hinüber und überlegte, ob sie wohl Zeit hätte, schnell hineinzuhuschen und Jane zu begrüßen, bevor Nicholas zurückkehrte. Doch in diesem Augenblick kamen zwei Reiter durch den Bogengang der Poststation geritten – Jane Bell und Sir Timothy Brockwell. Bei ihrem Anblick krampfte sich Rachels Magen zusammen.

Sie bemerkten sie nicht, sondern plauderten kameradschaftlich miteinander, während sie ihre Pferde über die Wishford Road lenkten. Beide waren elegant gekleidet – Jane in einem auffallenden Reitkleid in Pfauenblau. Sie boten das Bild eines perfekten Paares.

Rachel fühlte sich in ihre Jugendzeit zurückversetzt. Sie, Jane, Timothy und Mercy stammten aus den ersten Familien der Region. Die anderen drei waren altersmäßig dicht beieinander, doch Rachel war ein paar Jahre jünger. Sie war häufig ausgeschlossen worden, wenn die anderen gemeinsam loszogen, eben weil sie noch zu jung war. Vor allem von Jane und Timothy, die immer viel aktiver und sportlicher gewesen waren als sie und Mercy Grove, der Bücherwurm.

Die Ladentür hinter ihr ging auf, und Rachel drehte sich um.

Nicholas folgte ihrem Blick und deutete mit dem Kopf auf die Reiter. »Wer ist das neben Sir Timothy?«

»Meine Freundin Jane Bell.«

Als spürte er ihren Blick, schaute Sir Timothy über die Schulter zurück zu ihnen hinüber, aber er lächelte nicht und winkte auch nicht.

Nicholas musterte sie. »War er je verheiratet?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich frage mich, warum nicht.«

Ich auch, dachte Rachel, aber sie tat es mit einem Achselzucken ab.

»Hat er schon mal jemanden umworben?«

»Seit Jahren nicht mehr, soweit ich weiß.«

»Aber Sie beide sind … Freunde?«

»Er ist ein Freund der Familie, ja. Doch das bedeutet nicht, dass er mir etwas so Persönliches anvertrauen würde.«

Nicholas schaute Sir Timothy nach, wie er und Jane hinter der Bergkuppe verschwanden. »Ich nehme an, er ist ein begehrter Junggeselle. Ein guter Fang.«

»Ja, das wird wohl so sein«, erwiderte sie wahrheitsgemäß. »Für die richtige Frau.«

Früher einmal hatte Rachel gedacht, sie könnte diese Frau sein. Aber seither waren acht Jahre vergangen. Sie atmete tief durch. Sie musste endlich vergeben, vergessen und weitergehen.

Sie deutete auf die andere Straßenseite zur Potters Lane. »Sollen wir gemeinsam weitergehen?«

Einen Augenblick lang hielt Nicholas ihren Blick fest und sein Blick war unangenehm direkt. »Ja, ich hoffe sehr, dass wir das tun werden.«

Jane Bell atmete tief den Duft des Herbstes ein – Äpfel und Brombeeren, Heu und in der Sonne trocknender Hafer. Die grünen Blätter der Kastanien und Büsche begannen sich langsam gelb zu färben, was die Farben der noch blühenden Herbstblumen und der reifenden Früchte noch lebendiger erscheinen ließ. Im Vorbeireiten entdeckte sie einen Distelfink, der die aufgeplatzten Hülsen eines Distelsamens aufpickte. In der Ferne waren Erntehelfer dabei, ein Haferfeld abzuernten.

Sie und Timothy sprachen nur wenig, während sie über die Wishford Road ritten. In ihrem neuen Reitkleid, dem sie nicht hatte widerstehen können, fühlte sich so hübsch wie schon lange nicht mehr. Sir Timothy war ebenfalls wie immer gut gekleidet, mit langer Jacke, Lederhose und Reitstiefeln.

Als sie ihre Pferde zum Schritt zügelten, blickte er zu ihr herüber. »Ist das ein neues Reitkleid?«

»Ja.«

»Es gefällt mir. In dem alten braunen sahst du aus wie ein zerrupfter Spatz.«

Sie tat so, als würde sie empört nach Luft schnappen. »Danke sehr wenig, Sir! Du bist äußerst ungalant.«

Innerlich freute sie sich, dass er sich frei fühlte, sie zu necken. Das brachte sie ihm näher – dem Timothy von früher, ihrem Freund aus Kindheitstagen.

Er lächelte. »Ich bin froh, dass wir ab und zu noch ausreiten können. Das habe ich vermisst.«

»Ich auch. Mit wem bist du all die Jahre ausgeritten, als wir … es nicht taten?«

»Meistens allein. Gelegentlich mit dem Verwalter, um die Felder zu inspizieren, manchmal auch mit Richard, obwohl er immer seltener nach Hause kommt.«

Jane hatte seinen Bruder seit Jahren nicht gesehen. »Aber nicht mit Freunden?«

Er schüttelte den Kopf. »Überleg doch mal, es gibt nicht viele Männer meines Alters in der Gegend von Ivy Hill.«

»Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Ich hatte Mercy und Rachel, aber du hattest kaum Freunde in der Nähe.«

»Ich brauchte keine weiteren Freunde.« Er warf ihr einen Seitenblick zu. »Ich hatte ja dich.«

Ihre Blicke trafen sich und hielten sich fest und ein scharfer Schmerz durchzuckte Janes Brust.

Mit einem trockenen Lächeln nahm er dem Augenblick die Schärfe. »Oh, du brauchst mich nicht zu bemitleiden. Horace Bingley war nicht allzu weit entfernt, aber in der Schule habe ich ihn zur Genüge genießen können.«

»Ich soll den Lord des Herrenhauses bemitleiden?«, neckte Jane. »Wohl kaum.« Obwohl sie es doch tat, zumindest ein wenig. Sein Leben, seine Familie, seine Pflichten, das alles war nicht immer leicht.

Er senkte den Blick und fragte: »Bist du eigentlich mit Mr Bell ausgeritten? Ich habe euch nie zusammen gesehen.«

Überrascht schaute sie ihn an. Er fragte eigentlich nie nach John.

»Nein. Während unserer Hochzeitsreise hat mein Vater Hermione verkauft und John hatte mit der Herberge immer zu viel zu tun.«

»Dann bin ich ja froh, dass du jetzt Athena hast. Sie passt zu dir.«

Jane streichelte der Stute über den Hals. »Ja, ich bin auch froh, sie zu haben.«

Sie dachte an Gabriel Locke, der ihr Athena geschenkt hatte. Sein gut aussehendes Gesicht leuchtete in ihrer Erinnerung auf, und sie fühlte den Druck seiner starken, schwieligen Hände, die ihre umklammert hielten.

Erneut wanderte Timothys Blick über sie hinweg. »Es ist schön zu erleben, dass du nicht mehr trauerst. Hast du … die schlimmste Trauer überwunden?«

Sie dachte über diese Frage nach. »Ja, das habe ich.« Zumindest in Bezug auf John.

»Wirst du noch mal heiraten?«

Bei dieser Frage musste Jane husten.

»Der Staub«, erklärte sie, aber ihr war natürlich klar, dass er sich nicht zum Narren halten ließ. Sie schluckte und antwortete: »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Zu gegebener Zeit.«

Er zuckte zusammen. »Sag mir ehrlich, Jane, hast du Mr Bell geheiratet, weil du es wolltest oder weil ich dich enttäuscht habe?«

Jane schnappte nach Luft und brachte ihr Pferd zum Stehen. Bisher hatte Timothy das Thema nie so direkt angesprochen.

Er zügelte ebenfalls sein Pferd. »Hätte ich nicht gezögert. Hätte ich mich nicht –«

»In eine andere verliebt?«, beendete sie seinen Satz.

Und wieder zuckte er zusammen. Er stimmte ihr nicht zu, leugnete es aber auch nicht.

Das brauchte er auch gar nicht. Bei Rachel Ashfords Debütball hatte Timothy sie mit solchen bewundernden Blicken angeschaut, wie er sie ihr niemals zugeworfen hatte. Er begegnete Rachel mit formeller Unterwürfigkeit, beinahe wie ein Fremder – ein faszinierender, gut aussehender Fremder. Damals hatte es wehgetan. Jane wusste, dass Timothy sich an sie gebunden fühlte, darum hatte er dieser Bewunderung damals nicht nachgegeben. Aber Jane hatte nicht gewollt, dass er sie nur aus Pflichtgefühl heiratete, aus Loyalität oder wegen der Erwartungen anderer. Welche Frau würde sich das wünschen? Wenn John Bell nicht mit solcher einzigartigen Entschlossenheit um sie geworben hätte, hätte sie vielleicht gar nicht bemerkt, dass die herzliche Zuneigung in Timothys Blick fehlte.

»Ich kann nicht leugnen, dass diese Wende der Ereignisse Einfluss hatte auf meine Bereitschaft, mich von John umwerben zu lassen.« Jane blickte ihn an. »Timothy, warum hast du eigentlich nie geheiratet? Ich war doch bereits verheiratet. Du hattest die Freiheit zu wählen, wen du wolltest.«

»Die Freiheit? Ha! Du weißt, warum ich nicht geheiratet habe.«

Sie sah die Pein in seinen Augen und ihr Herz flog ihm entgegen. Er sprach nicht nur von seiner Verpflichtung ihr gegenüber, vermutete sie. Seine Familie stellte hohe Erwartungen an ihn.

»Du weißt, wie viel du mir bedeutest, Timothy, nicht?«, sagte sie leise. »Und wie froh ich bin, dass wir uns wieder besser verstehen und unsere Freundschaft wieder auf einer besseren Grundlage steht, nicht?«

»Unsere Freundschaft ist auch mir sehr wichtig, Jane. Darum muss ich dir jetzt diese Frage stellen. Du erwartest doch nicht … mehr von mir, oder? Ich weiß, wie anmaßend das klingt, aber Gott helfe mir, ich möchte dich nicht noch einmal verletzen.«

Jane atmete tief durch. »Damals hast du mich wirklich enttäuscht, das kann ich nicht leugnen. Aber das ist lange her. Jetzt hast du jedes Recht, eine andere Frau zu heiraten.« Sie ergriff seine Hand und drückte sie. »Wirklich. Ich wünsche mir, dass du glücklich bist.«

»Danke. Ich bin froh, dass wir einer Meinung sind. Ich wollte nur sicher sein, bevor ich … etwas unternehme.«

Sie ritten weiter. Jane hoffte nur, dass Timothy nicht zu lange gewartet hatte, bis er aktiv wurde, nachdem Nicholas Ashford jetzt aufgetaucht war. Oder hatte er eine andere Frau als Rachel im Auge?

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fügte sie hinzu: »Auf jeden Fall hoffe ich, dass du aus Liebe heiratest, nicht aus Pflichtgefühl der Familie gegenüber.«

Er runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich diese beiden Dinge trennen kann. Seit meiner Kindheit wurde mir eingetrichtert: Heirate die richtige Frau um der Familien willen und Liebe und Glück werden sich mit der Zeit schon einstellen.«

»Wie bei unseren Eltern?«

»Ja. Meine kannten sich kaum.«

»Waren sie glücklich? Was meinst du?«

»Meine Mutter hat das immer behauptet, obwohl ich täglich erlebte, dass es nicht so war. Doch bei Vaters Tod war sie am Boden zerstört.«

Jane nickte. »Das glaube ich gern. Und du bestimmt auch. Es tut mir so leid, dass ich nicht für dich da war. Und auch deshalb bin ich froh, dass wir uns jetzt wieder besser verstehen.«

»Ich auch.« Er lächelte sie an, aber es war ein trauriges Lächeln. Ein Lächeln des Abschieds.

Wäre sie glücklicher geworden, wenn sie so getan hätte, als hätte sie seine Gefühle für Rachel nicht gemerkt, wenn sie John Bell abgewiesen und Timothy trotzdem geheiratet hätte?

Jane schüttelte diese nutzlosen Gedanken ab. Timothy war jetzt der Herr von Brockwell Court und brauchte einen Erben für das Anwesen und das lag nicht in Janes Macht.

Am Fluss hielten sie an und ließen die Pferde von dem klaren Wasser trinken. Jane atmete tief ein und ließ mit ihrem Atem die letzten sie noch irritierenden Gedanken entweichen. Mit einem entschlossenen Lächeln sagte sie: »Komm, wir wollen unseren Ausritt nicht mit noch mehr düsterem Gerede verderben. Ich muss bald wieder zum Bell zurückkehren, um die Postkutsche um ein Uhr in Empfang zu nehmen.«

Er nickte. »Ja, das finde ich auch. Sollen wir … um die Wette reiten?«

Ihr Lächeln war aufrichtig. »Aber gern.«

Während sie nach Hause galoppierten, ging ihr wieder die Frage durch den Sinn: Wäre sie glücklicher geworden, wenn sie Timothy geheiratet hätte? Wenn sie auf die Ehe mit einem Gastwirt verzichtet hätte, den Tod dieses Gastwirts nicht erlebt und auch seinen Platz im Bell nicht eingenommen hätte?

Nein … beantwortete sie diese Frage für sich, und diese Erkenntnis brachte sie seltsamerweise ein wenig durcheinander und auch der Friede, der sie beim Nachdenken darüber durchströmte. Nein, sie würde nicht aufgeben, was und wer sie heute war, in der Zeit zurückgehen und Sir Timothy Brockwell heiraten.

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Kapitel 2

Am nächsten Morgen setzte sich Rachel zu Miss Grove und ihrer Tante an den Frühstückstisch und fragte Mercy, wie ihre Kampagne denn liefe. Ihre Freundin hatte vor, eine Wohlfahrtsschule zu eröffnen. Sie wollte möglichst vielen Jungen und Mädchen aus dem Pfarrbezirk, wenn nicht sogar allen, Zugang zu Schulbildung ermöglichen, egal, ob sie in der Lage waren, das Schulgeld aufzubringen oder nicht. Das Ivy Cottage bot Platz für nur etwa acht Schülerinnen.

»Nicht gut«, erwiderte Mercy, während sie ihren Toast mit Butter bestrich. »Lord Winspear hat auf meine Bitte um ein Gespräch noch nicht reagiert. Und gestern habe ich erfahren, dass sich Lady Brockwell gegen eine Schule für Arme ausgesprochen hat. Sir Timothy meinte, er könne sich vorstellen, das Projekt in der Zukunft zu unterstützen, aber im Augenblick habe er noch andere Verpflichtungen einzuhalten. Das Armenhaus benötigt wohl ein neues Dach und auch die Kirche verfügt über eine lange Liste an ausstehenden Reparaturarbeiten. Und Mr Bingley sagte, wenn die Brockwells und die Winspears bereit seien, Geld für das Projekt zu spenden, dann wäre er auch dabei, aber nur dann.« Sie seufzte tief.

»Das tut mir leid.«

»Mach dir keine Sorgen, Rachel.« Matilda tätschelte die Hand ihrer Nichte. »Mercy wird nicht aufgeben. Und am Ende wird sie Erfolg haben.«

»Dein Wort in Gottes Ohr, Tante Matty.«

Später, nachdem sie gefrühstückt hatten, brachte der Butler der Groves die Post herein und überreichte auch Rachel einen Brief. Sie dankte ihm, und Mr Basu verließ den Raum so leise, wie er hereingekommen war.

Als sie die Handschrift ihrer Schwester auf dem Umschlag erkannte, entschuldigte sich Rachel, um den Brief in ihrem Zimmer zu lesen.

Liebe Rachel,

ich grüße Dich, kleine Schwester. Ich hoffe, Du bist glücklich in Deinem neuen Heim. Erinnerst Du Dich noch, wie wir als Kinder das bezaubernde Ivy Cottage bewundert haben? Ich gestehe, als ich noch jung war und insgeheim für George Grove geschwärmt habe, hatte ich mir vorgestellt, selbst einmal dort zu leben. Zum Glück ist mein Herz nicht gebrochen. Das hätte geschehen können, wenn ich nicht erfahren hätte, dass er nach Indien gehen wollte. Ja, ich glaube, ich kann meine Heilung auf genau diesen Moment festlegen.

Ich hoffe sehr, dass die beiden Misses Grove Dich gut behandeln. Haben sie Dich auf den Dachboden verbannt oder wie Cendrillon, die arme, verwaiste Stiefschwester, in den Frondienst gepresst? Teilst Du das Bett mit vier Schuldmädchen mit Schweißfüßen und Mundgeruch? Ich hoffe nicht. Aber vielleicht produzieren Mädchen ja nicht so viele üble Gerüche und Geräusche wie Jungen. Wir haben das bestimmt nie getan, so damenhaft, wie Mama uns erzogen hat. Da wir gerade von übel riechend sprechen, siehst du manchmal den weiblichen Drachen, der jetzt in unserem Haus lebt?

Rachel schüttelte den Kopf. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie den Brief ihrer Schwester zu Ende las. Dann trat sie an den Schreibtisch im Wohnzimmer und formulierte ihre Antwort.

Liebe Ellen,

vielen Dank für Deinen Brief. Sei versichert, dass ich hier im Ivy Cottage sehr zufrieden bin. Natürlich sind die beiden Misses Grove sehr freundlich zu mir. Viel freundlicher, als ich es verdiene.

Und nein, sie haben mich nicht auf dem Dachboden untergebracht. Ich habe hier ein eigenes Zimmer. Es ist nicht groß, aber sehr gemütlich. Ich denke, das war früher das Zimmer von George Grove, bevor er das Land verlassen hat.

Es war sehr fürsorglich von dir, eine Münze unter dem Siegel mitzuschicken und mir anzubieten, mehr zu schicken, aber das ist nicht nötig. Ich habe noch etwas Geld und konnte bisher einen kleinen Beitrag zu meinem Lebensunterhalt beisteuern. Denn Almosen möchte ich nicht gern annehmen.

Du wirst Dich sicher freuen zu hören, dass Jane Bell und ich uns versöhnt haben. Ich habe ihre Freundschaft mehr vermisst, als mir klar war, und ich bin so dankbar, dass sie wieder zu meinem Leben gehört. Obwohl sie mit der Herberge sehr viel zu tun hat, finden wir jede Woche Zeit, uns zu treffen – entweder kommt sie ins Ivy Cottage, oder ich trinke eine Tasse Kaffee mit ihr im Bell.

Du fragst nach den neuen Bewohnern unseres geliebten Thornvale. Mrs Ashford sehe ich nur im Vorbeigehen. Sie verhält sich mir gegenüber sehr arrogant, aber ihr Sohn ist äußerst liebenswürdig und seine Warmherzigkeit gleicht ihre Kälte aus. Die Leute hier haben bereits eine hohe Meinung von Mr Ashford. Einige necken ihn wegen seiner Unbeholfenheit, aber das ist nicht unfreundlich gemeint. Mrs Ashford jedoch zeigt kein Interesse am Umgang mit anderen Leuten hier aus dem Ort als den Brockwells und den Bingleys.

Das sind für heute die Neuigkeiten aus Ivy Hill. Ich hoffe, Du bist auch weiterhin bei guter Gesundheit, zumal sich die Zeit Deiner Niederkunft nähert. Grüße Walter und William herzlich von mir.

In Liebe,

Rachel

Rachel faltete den Brief zusammen und versiegelte ihn. Beim Schreiben war ihr eingefallen, dass sie in diesem Monat noch keinen Beitrag zu ihrem Zimmer und ihrer Verpflegung geleistet hatte. Dieses Versäumnis musste sie schleunigst korrigieren.

Oben in ihrem Zimmer nahm sie ihre Geldbörse aus der Kommode und schüttete den Inhalt in ihre Hand, aber nur ein paar Münzen und ein Knopf fielen heraus. Der Knopf war ihr in der Kirche von ihrer blauen Jacke abgegangen. Sie hatte vergessen, ihn wieder anzunähen.

Pennys reichten nicht, darum klappte sie den Koffer am Fußende ihres Bettes auf und nahm ihre gestrickte Münzenbörse heraus. Sie besaß noch etwas Geld aus einer kleinen jährlichen Rente, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Aber das Geld würde nicht mehr lange reichen. Rachel fischte eine Münze heraus und betrachtete noch einmal den abgegangenen Knopf. Sie sollte ihn wirklich wieder annähen, und zwar sofort. Etwas Produktives tun. Denn Nähen war immerhin etwas, das sie wirklich gut konnte.

Doch stattdessen kramte sie in ihrem Koffer. Sie schob ihre Wintersachen zur Seite, die zusammen mit dem einzigen Kleid ihrer Mutter, das sie behalten hatte, darin lagen. Unten auf dem Boden schob sie eine Lage Papier zur Seite, und da war es – das rosa Ballkleid, das sie vor acht Jahren zu ihrem Debüt getragen hatte. Bei seinem Anblick waren Knöpfe und Jacken vergessen.

Vorsichtig breitete sie das zarte hellrosa Kleid auf ihrem Bett aus und bewunderte es wieder aufs Neue. Es war vielleicht töricht, aber sie konnte sich einfach nicht davon trennen.

Wie sie sich darin gefühlt hatte, war ihr noch ganz deutlich in Erinnerung. Als Rachel an jenem Abend in den Spiegel geschaut hatte, hatte ihr zum ersten Mal in ihrem Leben gefallen, was sie sah. Das reizlose junge Mädchen war verschwunden. Das Kleid umschmeichelte ihren Körper und hob ihre Gesichtsfarbe hervor. In diesem Kleid fühlte sie sich weiblich, erwachsen und attraktiv. Und angesichts von Timothy Brockwells Reaktion schien auch er dieser Meinung gewesen zu sein. Noch immer sah sie seinen fassungslosen Gesichtsausdruck vor sich, als sie die Treppe herunterkam. Noch immer hörte sie ihn stammeln: »Sie sehen … unglaublich – das heißt, wunderschön aus. Unglaublich schön.«

Bei der Erinnerung daran zog sich Rachels Brust zusammen. Jener Abend war beinahe vollkommen gewesen, und doch –

Es klopfte und Rachel schrak zusammen. Die Hand an ihre Brust gedrückt, rief sie: »Ja?«

Anna Kingsley steckte den Kopf zur Tür herein. »Entschuldigen Sie bitte, Miss Ashford. Alice und Phoebe sind nicht zufällig hier, oder? Wir spielen Verstecken und ich kann sie einfach nicht finden.«

»Nein. Hast du schon im Leinenschrank nachgeschaut? Das letzte Mal haben sie sich dort versteckt.«

»Gute Idee.« Annas Blick fiel auf das rosa Kleid. »Ohhh … was für ein hübsches Kleid«, hauchte sie.

Rachel blickte über die Schulter zurück. »Danke. Es hat mir immer gefallen.«

Anna zog sich zurück. »Dann schaue ich jetzt mal in dem Schrank nach. Danke für den Hinweis.«

Wieder allein in ihrem Zimmer, packte Rachel das Kleid zurück in den Koffer. Ihr Blick blieb an der Bibel ihrer Mutter auf dem Beistelltischchen hängen, aber sie nahm sie nicht zur Hand.

Stattdessen machte sich Rachel auf die Suche nach Mercy und gestand ihr ihre Situation. »Mein Geld wird nicht mehr lange reichen, fürchte ich. Die wenigen Wertgegenstände, die ich besitze – ein paar Erinnerungsstücke an meine Mutter und die Bücher meines Vaters – kann ich nicht verkaufen. Ich habe auch kein Talent zum Unterrichten, wie du zweifellos mittlerweile gemerkt hast. Aber natürlich bin ich bereit zu helfen, wo ich kann. Nähen kann ich, aber was zu flicken war, habe ich mir bereits vorgenommen. Ich muss einen anderen Weg finden, zu meinem Lebensunterhalt beizutragen.«

Sie rechnete damit, dass Mercy ihre Einschätzung über ihre Fähigkeiten zu unterrichten leugnen oder sagen würde, Rachel solle sich keine Sorgen über ihren Lebensunterhalt machen.

Doch Mercy nickte nachdenklich. »Du hast recht. Es gibt bestimmt für dich etwas zu tun. Ich würde mich an deiner Stelle auch nicht wohlfühlen, wenn ich mich nicht irgendwie nützlich machen könnte. Gott hat uns unsere Talente geschenkt, damit wir anderen damit dienen, Rachel. Wir müssen überlegen, wie wir dir helfen können, deinen Platz zu finden.«

»Wie soll das gehen?«

»Wir werden Gott um Weisheit und Führung bitten.«

»Äh-hm …«, murmelte Rachel unverbindlich. Es war ihr unangenehm, Gott oder irgendjemand sonst um Hilfe zu bitten.

»Darüber hinaus«, fügte Mercy hinzu, »wäre der Rat von Freunden vielleicht ein guter Anfang.«

»Bist du sicher, dass ich hier willkommen bin?«, flüsterte Rachel Mercy zu. Die Aussicht, dem Treffen der Damen-Tee- und Strickgesellschaft beizuwohnen, machte sie nervös.

»Selbstverständlich«, beruhigte Mercy sie. »Jede Frau ist hier herzlich willkommen.«

Sie waren früh im Gemeindehaus eingetroffen, und Rachel hatte mitgeholfen, die Stühle zu stellen, während Mercy auf dem Ofen in der Ecke Wasser für den Tee kochte.

Schon bald trudelten auch andere ein, fröhlich miteinander plaudernd. Einige warfen neugierige Blicke in ihre Richtung.

Rachel kannte die Schneiderin, Mrs Shabner, Mrs Klein, die Klavierstimmerin, und Mrs Burlingame, die Fuhrunternehmerin. Sie hatte vor zwei Monaten ihre Sachen von Thornvale ins Ivy Cottage transportiert. Die beiden Misses Cook waren auch da, außerdem die Wäscherin Mrs Snyder und noch ein paar andere. Kannten sie sie und schauten auch sie wie viele andere wegen der Misserfolge ihres Vaters auf sie herab?

Eine Frau mit rötlich braunen Haaren und hellen Augen stellte sich als Mrs O’Brien vor, die Krämerin. Lächelnd nannte Rachel ihren Namen und fügte im Stillen hinzu: Miss Ashford … die …was?

Jane Bell betrat den Raum und bei ihrem Anblick tat Rachels Herz einen Satz.

»Rachel! Willkommen.« Jane umarmte sie. »Ich freue mich sehr, dich hier zu treffen.«

»Wirklich? Das ist gut.« Rachel atmete erleichtert auf. »Ich fühle mich hier so fehl am Platze. Aber andererseits fühle ich mich, seit ich Thornvale verlassen habe, überall so.«

»Das verstehe ich. Ich habe mich bei meinem ersten Treffen hier auch nicht wohlgefühlt. Komm, setz dich zu mir.«

Rachel kam ihrer Aufforderung nach und Mercy nahm auf der anderen Seite Platz. Eingerahmt von zwei alten Freundinnen, ging es Rachel schon viel besser.

Eine stämmige Frau mit rötlicher Haut blieb abrupt stehen, als sie Rachels ansichtig wurde. »Du lieber Himmel. Noch eine?«

»Mrs Barton«, stellte Jane vor, »das ist Miss Ashford. Sie ist zum ersten Mal da.«

»Ich kenne sie. Und wer kommt als Nächstes – die königlichen Prinzessinnen?«

Judith Cook seufzte sehnsuchtsvoll. »Oh, die Prinzessinnen. Wäre das nicht großartig?«

Mrs Barton verdrehte die Augen, bevor sie sich an Mercy wandte. »Ich habe gehört, dass Miss Ashford an Ihrer Schule aushilft. Aber sieht sie sich denn jetzt auch als Geschäftsfrau?«

Rachel meldete sich zu Wort. »Ich weiß nicht, was ich bin, um ehrlich zu sein. Ich weiß nur, dass ich einen Weg finden muss, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Miss Ashford geht uns im Ivy Cottage auf unterschiedliche Weise zur Hand«, korrigierte Mercy. »Aber sie möchte ihren Lebensunterhalt gern selbst verdienen, nachdem ihr Elternhaus an den Erben ihres Vaters gefallen ist. Ich dachte, wir könnten ihr vielleicht helfen, ein Aufgabengebiet zu finden, das ihren Fähigkeiten entspricht.«

»Hat Ihr Vater Ihnen und Ihrer Schwester denn gar nichts hinterlassen?«, fragte Charlotte Cook. »Hat dieser junge Mann wirklich alles bekommen?«

Rachels Gesicht brannte. »Meine Schwester hat ein paar Sachen von unserer Mutter bekommen. Und ich habe die Büchersammlung meines Vaters geerbt.«

Eine junge Frau zeigte sich beeindruckt. »Na, das ist doch was.«

»Wirklich?« Rachel war nicht überzeugt.

Mrs Snyder nickte. »Bücher sind einem lieb, das stimmt. Und einiges wert, nehme ich an.«

Rachel schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn im Testament verfügt ist, dass ich sie nicht verkaufen darf und die Sammlung vollständig erhalten bleiben muss.«

Judith Cook seufzte ebenfalls sehnsuchtsvoll. »Eine ganze Bibliothek voller Bücher allein für Sie … Ich würde keine einzige Spitze gearbeitet bekommen, wenn sie mir gehören würden.«

»Wenn ich in Salisbury bin, besuche ich immer die Leihbibliothek. Aber das ist ein weiter Weg, um ein Buch auszuleihen.«

Rachel zuckte die Achseln. »Sie können gern jedes der Bücher meines Vaters lesen, das Sie interessiert. Ich fürchte, ich selbst habe nicht so viel für Bücher übrig. Von mir bekommen sie herzlich wenig Aufmerksamkeit.«

»Wie viele Bücher besitzen Sie denn?«, fragte Mrs Burlingame.

»Ich weiß es nicht. Hunderte. Der Erbe meines Vaters hat mir gestattet, sie für den Augenblick auf Thornvale zu lassen, da sie nicht in mein Zimmer im Ivy Cottage passen würden.«

»Mrs Klein hat mich auf eine Idee gebracht«, erklärte die Krämerin. »Wie wäre es denn, wenn Sie hier in Ivy Hill eine Leihbibliothek eröffnen? Hat Ihr Vater eine Verfügung erlassen, die dagegensprechen würde?«

Fassungslos starrte Rachel Mrs O’Brien an. Was für eine Vorstellung! Sie versuchte sich an den Wortlaut des Testaments zu erinnern. »Soweit ich mich erinnern kann, nicht.«

»Nun, dann nur zu. Damit wäre das geregelt.« Zufrieden lehnte sich Mrs Barton zurück. »Jetzt würde ich gern über meine Kühe reden.«

»Aber …!«, stotterte Rachel. »Gar nichts ist geregelt. Weit gefehlt. Zwar bin ich dankbar für diesen Vorschlag, doch leider lässt er sich nicht umsetzen. Ich könnte mir nicht anmaßen, auf Thornvale, das nicht mehr mein Zuhause ist, eine Leihbibliothek zu eröffnen.«

»Warum denn nicht? Ich habe beobachtet, wie dieser junge Mann Sie anschaut«, widersprach Mrs Burlingame. »Er würde alles tun, worum Sie ihn bitten, schätze ich.«

»Aber ich denke, seine hochmütige Mutter würde Einspruch erheben«, hielt Mrs Klein dagegen. »Sie lässt mich ja nicht einmal dieses alte Pianoforte stimmen.«

Rachel konnte ihr nur zustimmen. »Selbst wenn Mr Ashford das gestatten würde, es wäre nicht richtig, seine Großzügigkeit auszunutzen.«

»Du könntest doch unsere Bibliothek im Ivy Cottage nutzen«, schlug Mercy vor.

»Die meisten Bücher, die wir regelmäßig für den Unterricht brauchen, werden im Schulraum aufbewahrt. Ich denke, auf unseren Regalen stehen mehr Dekoelemente als Bücher. Natürlich müsste ich zuerst mit Tante Matty reden, aber wir nutzen unseren Salon nur selten und könnten zumindest einen Teil davon ebenfalls zur Verfügung stellen, wenn noch mehr Platz benötigt wird.«

»Oh Mercy, das kann ich nicht annehmen. Es ist zu viel.«

»Ganz und gar nicht. Was für eine Wohltat wäre es, alle diese Bücher in unserem Haus zu haben. Was für ein Segen für unsere Schule. Vorausgesetzt natürlich, die Mädchen dürften sie ausleihen.«

»Natürlich dürften sie das. Und du auch. Ich wusste gar nicht, dass du Interesse daran hast.«

»Oh ja. Ich bewundere, ja, ich wage zu sagen, ich schmachte schon lange nach der Bibliothek deines Vaters.«

Rachel hob erregt die Hände. »Ich weiß gar nicht, wie eine Leihbibliothek funktioniert.«

Mrs Klein konnte ihr weiterhelfen. »Die in Salisbury berechnet einen jährlichen Mitgliedsbeitrag, und für jedes Buch, das ich ausleihe, zahle ich noch einmal zwei Pence.«

Mercy nickte. »Ich erinnere mich an ähnliche Bedingungen der Leihbibliothek in der Nähe des Hauses meiner Eltern in London.«

»Ich biete Ihnen an, die Bücher zu transportieren«, erbot sich Mrs Burlingame.

Jane nickte zustimmend. »Und ich könnte im Bell Werbung für die Bibliothek machen. Unsere Stammgäste würden sich über die Möglichkeit, beliebte, unterhaltsame Bücher auszuleihen, die ihnen die Reisezeit versüßen, bestimmt sehr freuen.«

»Ich weiß nicht, ob die Bücher meines Vaters beliebt oder unterhaltsam sind. Es sind viele naturwissenschaftliche Abhandlungen darunter, glaube ich. Geschichtliche und philosophische Werke, Biografien …«

»Dann solltest du vielleicht Spenden gängiger Bücher und Romane von anderen annehmen«, schlug Mercy vor. »Wir haben viele.«

»Wir haben auch mehrere«, fügte Charlotte Cook hinzu.

Rachel hob die Hände. »Ich möchte keine Almosen.«

Jane runzelte nachdenklich die Stirn. »Den Leuten, die dir Bücher zur Verfügung stellen, könntest du vielleicht … einen niedrigeren Mitgliedsbeitrag berechnen oder eine Gutschrift geben für die Ausleihe anderer Bücher. Das wäre ein fairer Handel.«

»Obwohl natürlich einige hoffentlich sofort den Mitgliedsbeitrag bezahlen«, meinte Mrs Klein. »Vom Büchertausch kann sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten.«

Mrs O’Brien nickte. »Bestimmt werden viele bereit sein, einen Mitgliedsbeitrag zu bezahlen. Ich ganz bestimmt.«

»Ich auch«, sagte Mrs Barton, »wenn der Betrag nicht zu hoch ist.«

Rachel schüttelte den Kopf. »Du meine Güte, ich habe keine Ahnung, was ich nehmen könnte. Aber eins nach dem anderen. Sie haben mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben. Und ich muss erst mal mit Miss Grove und ihrer Tante sprechen. Vielen Dank. Aber jetzt habe ich genug Ihrer Zeit in Anspruch genommen. Was steht als Nächstes an? Mrs Bartons Kühe, nicht?«

»Genau«, erwiderte die Milchfrau. »Ich habe im Augenblick zu viel Milch. Meine Kühe produzieren unglaublich viel, mehr, als ich absetzen kann. Und ich habe auch schon mehr Käse, als ich in diesem Monat verkaufen kann.«

»Mrs Barton, ich habe überlegt, ob Sie vielleicht Käse in Form einer Glocke machen könnten? Vielleicht könnte ich ihn in der Herberge verkaufen?«

»Wie der Stilton Käse, der in anderen Gasthäusern angeboten wird?«

»Genau.«

Mit gekräuselten Lippen dachte Mrs Barton nach. »Glockenform, ja? Interessante Idee.«

Das Treffen schritt fort, und Rachel war sehr erleichtert, dass sie nicht mehr im Mittelpunkt stand. Schweigend saß sie dabei, doch ihre Gedanken kreisten um die Idee einer Leihbibliothek. Könnte ein solches Unternehmen Erfolg haben? Oder würde es in einem demütigenden Desaster enden? Letzteres erschien ihr wahrscheinlicher.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Kapitel 3

Für den folgenden Nachmittag wurde ein Bibliotheks-Planungstreffen angesetzt. Rachel und Mercy begaben sich früh in den Salon, um darin Ordnung zu schaffen. Matilda kam ein paar Minuten später mit einem Tablett mit Tee und Keksen und Papier für Notizen dazu. Jane wollte auch dazustoßen. Sie hatte gefragt, ob sie Mr Drake mitbringen könnte. Er war gerade dabei, Bell House, Janes früheres Elternhaus, zu einem Hotel umzubauen. Er war Geschäftsmann und hatte auf seinen Reisen bestimmt schon viele erfolgreiche Leihbibliotheken kennengelernt.

Rachel hatte zugestimmt, doch es machte sie nervös, dass ein Mann, den sie kaum kannte, dabei sein sollte. Mr Drake hatte sie kürzlich im Rahmen einer Feier zu Janes Ehren im Bell kennengelernt. Er war sehr freundlich, aber sein gutes Aussehen und sein weltmännisches Auftreten hatten sie eingeschüchtert.

Während sie auf ihre Gäste warteten, fragte Rachel Mercy: »Musst du nicht deine Eltern um Erlaubnis bitten? Ivy Cottage gehört doch immer noch ihnen, oder nicht?«

Mercy nickte. »Rechtlich gesehen schon. Aber als George wegging und ich volljährig wurde, haben sie das Haus Tante Matty und mir überlassen und sind nach London gezogen.«

»Als mein Vater sein Testament verfasste«, erklärte Matilda, »war abzusehen, dass ich unverheiratet bleiben würde, darum hat er das Haus auf den Namen meines Bruders und die Einrichtung auf mich überschrieben. Und es wurde vereinbart, dass ich, von Earnest unterstützt, mein Leben lang hier wohnen bleiben könnte.«

»Wird er etwas dagegen haben, dass ich hier eine Leihbibliothek betreibe?«

»Überlass Earnest ruhig mir«, erwiderte Matilda.

»Und Mrs Grove?«

»Oh, das wird ihr nicht gefallen.« Matilda verzog das Gesicht. »Sie fand es auch nicht gut, dass Mercy eine Schule hier betreibt. Aber sie hat das Haus ihrer Familie in London geerbt und lebt viel lieber in der Stadt. Sie ist nicht oft genug hier, um sich darüber zu beklagen. Nicht übermäßig viel, zumindest.«

»Das mag ja sein«, sagte Rachel, »aber das heißt noch lange nicht, dass ich ihre Bibliothek und ihren Salon übernehmen kann.« Sie deutete durch den Bogengang in den angrenzenden Raum.

»Die Mädchen empfangen ihren Besuch hier im Salon«, erklärte Mercy. »Aber vielleicht könnten wir einen Teil dieses Raums mit bequemen Sesseln und zum Lesen und Unterhalten ausgestattet lassen?«

»Besuch kommt in erster Linie an den Sonntagnachmittagen«, fügte Matilda hinzu. »Man käme sich also nicht in die Quere. Die Bücherei wird ja am Sonntag nicht geöffnet sein, oder?«

»Nein, bestimmt nicht«, stimmte Rachel zu.

Jane und Mr Drake trafen ein und ihr Gespräch stockte während der Begrüßung. Jane trug ihr neues lavendelfarbenes Kleid, das ihre Figur und ihre braunen Augen besonders unterstrich. Mr Drake in seiner eleganten Kleidung war eine attraktive Erscheinung. Mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte er die Damen.

Die beiden Neuankömmlinge wurden darüber informiert, was bereits besprochen worden war. Gemeinsam besichtigten sie die bestehende Bibliothek, bevor sich alle in den Salon zurückzogen und ihren Teetassen widmeten.

Mercys Blick schweifte durch den Salon. »Also erst mal brauchen wir wohl noch mehr Regale in diesem Raum.«

Jane folgte ihrem Blick. »Da stimme ich dir zu. Mr Kingsley könnte uns helfen. Er scheint mir ein fähiger Schreiner zu sein.«

Mr Drake nickte. »Kingsleys Arbeit im Fairmont ist ausgezeichnet. John Kingsley arbeitet im Augenblick noch an einem anderen Projekt für mich.«

»Dann ist er vermutlich zu beschäftigt und hat keine Zeit, um auch noch Regale zu bauen.« Rachel biss sich auf die Lippen und fügte verlegen hinzu: »Außerdem habe ich gar kein Geld, um ihn zu bezahlen.«

Mr Drake blickte Jane an und seine Augen leuchteten auf. »Wie wäre es denn, wenn wir die Regale nehmen würden, die wir aus der Bibliothek des Fairmont entfernt haben? Sie sind in einem der Außengebäude gelagert. Könnten sie nicht mit ein paar Änderungen in diesen Raum passen?«

Jane blickte sich erneut um. »Ich denke schon.«

Rachels Gesicht rötete sich. »Ich habe kein Geld, um sie zu kaufen.«

Er winkte ab.

»Die können Sie gern haben. Im Augenblick liegen sie nur unnütz herum. Wir brauchen ein paar Leute, um sie wieder aufzustellen, aber ich bin sicher, Mr Kingsley wäre der Aufgabe gewachsen. Ich rede mit ihm und frage ihn, was er davon hält.«

»Nun gut. Vielen Dank, Mr Drake.«

Mr Drake trank seinen Tee und lehnte sich in die Kissen. »Dieser Raum ist sehr gemütlich. Ich könnte mir gut vorstellen, stundenlang hier zu sitzen und in den Büchern zu stöbern. In vielen Bibliotheken werden Leseräume angeboten, mit den neuesten Veröffentlichungen zu genau diesem Zweck. Wussten Sie das?«

»Nein, das wusste ich nicht«, erwiderte Rachel. Die ganze Angelegenheit überwältigte sie. Es war etwas zu viel auf einmal.

»Vergiss nicht, ich will bei meinen Gästen gern Werbung für deine Bibliothek machen«, sagte Jane. »Und vielleicht sollten wir mal nach Salisbury fahren und die dortige Leihbibliothek aufsuchen. Um zu sehen, was wir noch an Ausstattung brauchen und wie sie organisiert ist.«

Mr Drake nickte. »Ausgezeichneter Vorschlag.«

Rachel drückte die Hände an ihre Wangen. »Das geht alles so schnell.«

Jane wandte sich erneut an Mr Drake. »Wissen Sie, wie das rechtlich ist? Brauchen wir eine Genehmigung, um dieses Haus geschäftlich zu nutzen?«

»In diesen Dingen kenne ich mich nicht aus«, erwiderte er. »Aber Sir Timothy Brockwell kann uns das sicher sagen.«

Jane blickte Rachel an. »Willst du ihn fragen, Rachel, oder soll ich das lieber übernehmen?«

»Ich … das muss ich wohl machen, denn es ist ja meine Bibliothek. Was für ungewohnte Worte! Aber besteht hier denn überhaupt Bedarf für eine Leihbibliothek?«

Mr Drake nickte.

»Ich finde Ihren Plan ausgezeichnet, Miss Ashford. Leihbibliotheken sind in den Bäderstädten und an der Küste sehr beliebt. Aber wenn sie an der Route der Königlichen Postkutsche liegt, so wie das bei uns der Fall ist, werden auch einige Reisende sie nutzen. Und wie Mrs Bell werde ich meinen Gästen gern eine Mitgliedschaft empfehlen.« Er zwinkerte Jane zu. »Falls jemals welche bei mir absteigen.«

»Danke. Noch mal vielen Dank Ihnen allen.« Rachel brachte mühsam ein Lächeln zustande, obwohl sie innerlich vor Angst zitterte.

Du meine Güte. Was habe ich da nur in Gang gesetzt!

Nach dem Treffen ging Jane mit Mr Drake zum Bell zurück, wo er sein Pferd untergestellt hatte.

»Danke, dass Sie heute gekommen sind.«

»Sehr gern geschehen, Jane. Sie wissen doch, dass ich immer bereit bin zu helfen. Und ich mag Ihre Freundinnen. Sie sind intelligent, wortgewandt, findig …«

»Das stimmt.«

»Und hübsch, was für eine Frau durchaus von Vorteil ist.« Er warf ihr ein spitzbübisches Lächeln zu. »Obwohl Ihnen natürlich keine das Wasser reichen kann.«

»Jetzt übertreiben Sie aber ein wenig.«

»Keineswegs. Ich muss sagen, Ihre Ideen heute haben mich beeindruckt. Wissen Sie noch, was ich bei der Anhörung zu Ihrer Lizenzvergabe gesagt habe? Dass Sie für mich eine der scharfsinnigsten Frauen in meinem Bekanntenkreis sind.«

»Ich erinnere mich.«

Seine Augen funkelten. »Ich sagte auch, dass ich mich auf eine lange Beziehung zu Ihnen freuen würde.« Er nahm ihren Arm und schob ihn durch seinen.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. »Sie sagten eine ›gegenseitig gewinnbringende‹ Beziehung. Damit war keine romantische Beziehung gemeint.«

»Immerhin befanden wir uns in Gegenwart der Stadträte. Das ist jetzt aber nicht der Fall.« Er zog sie näher an sich heran.

Sie versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen, doch er hielt sie fest, blieb stehen und wandte sich zu ihr um.

»Jane …«

»Ja, James?«

»Gehen Sie heute mit mir zum Abendessen ins Fairmont.«

Sie zögerte. Sein verschleiertes Angebot bei der Besichtigung von Fairmont House war ihr noch lebhaft in Erinnerung. Sie hatte an seiner Aufrichtigkeit gezweifelt, außerdem war sie noch nicht bereit gewesen, eine solche Möglichkeit in Betracht zu ziehen. »Morgen muss ich nach Salisbury und werde den größten Teil des Tages unterwegs sein. Da kann ich nicht auch noch heute Abend ausgehen.«

Enttäuschung zeigte sich auf seinem gut aussehenden Gesicht.

»Aber Sie können mir gern im Kaffeezimmer vom Bell Gesellschaft leisten.«

»Und Mrs Rookes Essen zu mir nehmen anstatt das meines Kochs?« Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm. »Ein Opfer, das ich nur für Sie bringe, Jane Bell.«

Sie stieß ihn spielerisch mit der Schulter an und er begleitete sie den Rest des Weges nach Hause.

Kurz darauf saßen Jane und James an ihrem Lieblingstisch – auf zwei hochlehnigen Bänken in der Nähe der Fenster, von wo aus sie die Straße im Blick hatte und alle Kutschen sehen konnte, die den Berg heraufkamen. Im Kaffeezimmer aßen die Angestellten, die Kutscher und die Leute aus dem Ort. Die meisten Passagiere der Kutschen bevorzugten den eleganten Speiseraum.

Einige der Stammgäste vom Bell warfen Jane und James neugierige Blicke zu. Patrick trat an ihren Tisch, um sie zu begrüßen.

»Guten Abend, Jane. Mr Drake.«

»Mr Bell, wie läuft es?«

»Viel zu tun. In letzter Zeit herrscht mehr Verkehr, zum Glück.«

James nickte. »Vermutlich wegen der Jagdsaison und der Ernte.«

»Ah. Das wird wohl so sein. Nun, was immer Geschäfte nach Ivy Hill bringt, wir nehmen es. Nicht wahr, Jane?«

»Aber ganz bestimmt.«

»Dann lasse ich euch jetzt in Ruhe zu Abend essen.«

Patrick entfernte sich und Alwena brachte ihnen das Tagesgericht: Roastbeef und Kartoffeln.

Jane nahm Messer und Gabel zur Hand. »Wissen Sie, eigentlich haben Sie nie richtig erklärt, was Sie hierher ins ›kleine Ivy Hill‹ geführt hat.«

»Außer, um Sie zu necken, meinen Sie?« In seinen Wangen zeigten sich hübsche Grübchen. »Eigentlich dachte ich, ich hätte es erklärt. Als ich die Pläne für die Schnellstraße sah, witterte ich eine Gelegenheit und kam her, um mich zu informieren.«

»Und ich habe das Gefühl, dass mehr dahintersteckt.«

»Kluges Mädchen.« Er schnitt ein Stück Fleisch ab.

Jane kaute schweigend ein Stückchen Roastbeef und schluckte es schließlich hinunter. »Haben Sie gefunden, was Sie hier zu finden hofften?«

»Noch nicht. Aber was ich hier angetroffen habe, hat mein Interesse geweckt.«

Skeptisch zog sie die Augenbrauen in die Höhe. »Zumindest für den Augenblick, meinen Sie? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ivy Hill über einen längeren Zeitraum hinweg Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann.«

Er nickte. »Für den Augenblick schon.«

Sie schüttelte den Kopf. »Eine geheimnisvolle Aura umgibt Sie, James Drake. Können Sie denn nicht einfach offen und geradlinig sein?«

Er hob seine Gabel mit einem Stück Fleisch. »Wie trockenes Fleisch und einfache Kartoffeln, meinen Sie? Ich persönlich bevorzuge ein wenig Vielschichtigkeit.«

»Auf jeden Fall wissen Sie, wie man austeilt.«

»Ich hoffe, das bedeutet, dass Sie meine Gesellschaft interessant finden, Jane. Denn mir gefällt die Ihre sehr gut. Eigentlich gibt es hier fast niemanden, mit dem ich lieber an einem Tisch sitzen würde.«

»Fast niemanden? Wenigstens mäßigen Sie jetzt Ihre Schmeicheleien ein wenig. Ich könnte versucht sein, Ihnen zu glauben.«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, erreichte aber seine Augen nicht.

Am nächsten Morgen erhob sich Jane ein wenig früher als sonst, um sich für den Ausflug nach Salisbury anzukleiden und fertig zu machen. Mercy wollte sie eigentlich begleiten, aber Lord Winspear hatte sich endlich zu einem Treffen bereit erklärt. Sie wollte ihm ihr Anliegen mit der Wohlfahrtsschule vortragen. Seine Unterstützung war für sie sehr wichtig, darum würden Jane und Rachel allein fahren.

Jane wählte für die Reise ein altes rostrotes Kutschkleid, das ihr aber sehr gut stand, und einen Hut mit einem passenden Band.

»Es ist eine solche Freude, Ihnen beim Ankleiden zu helfen, nachdem die Trauerzeit hinter Ihnen liegt, Mrs Bell«, sagte Cadi, während sie Janes braune Haare aufdrehte. »Ich hoffe, es ist nicht unverschämt, das zu sagen.«

»Wann hast du dich jemals davon abhalten lassen?«, neckte Jane das Mädchen, das nicht nur ihre Bedienstete, sondern auch eine Freundin war.

Als sie kurz darauf die Herberge betrat, sprach Jane kurz mit Colin, Alwena und Mrs Rooke. Thora fehlte ihr. Sie und Talbot waren noch auf Hochzeitsreise. Aber sie hoffte, dass in ihrer Abwesenheit alles gut lief. Anschließend betrat sie das Büro, um Patrick daran zu erinnern, dass sie an diesem Tag unterwegs wäre.

Patrick lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Kein Problem, Jane. Fahr nur und amüsiere dich. In den vergangenen Wochen hast du viel Arbeit gehabt. Ich kümmere mich hier um alles.«

»Danke.« Jane glaubte ihm. In letzter Zeit fiel es ihr nicht mehr so schwer, die Herberge Patricks Obhut zu überlassen. Noch immer verbrachte er viel zu viel Zeit im Schankraum und schäkerte mit den Gästen, aber insgesamt erwies er sich als kompetenter Geschäftsführer.

»Soll ich irgendetwas mitbringen?«

Er blickte sich um. »Ein neues Gästebuch, falls du zufällig beim Schreibwarenhändler vorbeikommst. Bei dem zunehmenden Verkehr in der letzten Zeit ist dieses schon fast voll. Ein Problem, das wir nur zu gern lösen.«

Rachel trat durch die Tür. Sie trug einen langen mauvefarbenen und in Schwarz gesäumten Mantel. Ihre blonden Haare schmückte ein passender Hut.

Bei ihrem Anblick stieß Patrick einen leisen Pfiff aus. »Vielleicht könnte ich ja mit Miss Ashford nach Salisbury fahren und du bleibst stattdessen hier.« Er warf Jane ein verschmitztes Lächeln zu.

Jane verdrehte die Augen. »Vermutlich würdest du feststellen, dass sie für deinen Charme nicht empfänglich ist, Patrick, da sie einen vielversprechenden neuen Verehrer hat.«

»Den jungen Mann, der Thornvale geerbt hat, während ich nichts besitze? Erinnere mich nicht daran.« Sein Gesicht verdüsterte sich, aber nur kurz. Er trat zur Seitentür und öffnete sie galant. »Miss Ashford. Jane. Hier entlang. Die Kutsche wird in zwei Minuten da sein. Sichere Reise, meine Damen. Ich werde hier sein und Ihre Rückkehr erwarten.«

Jane schüttelte amüsiert den Kopf und folgte Rachel hinaus in den Hof, um auf die Postkutsche zu warten. Zwei Minuten später traf die Quicksilver auf die Minute pünktlich ein.

Als er Jane entdeckte, winkte der königliche Gardist. Die Kutsche kam zum Stehen und er sprang von seinem Kutschbock. Höflich verneigte er sich vor den Damen und Jane stellte ihre Freundin vor.

Rachel errötete, ob aus Unbehagen darüber, dass ihr ein Gardist vorgestellt wurde, oder weil dieser gut aussehende Mann sie so herzlich anlächelte, konnte Jane nicht sagen. In seiner roten Jacke, den dunklen Haaren und Augen als krassem Gegensatz zu seiner hellen Haut war Jack Gander tatsächlich eine auffallende Erscheinung.

Er lächelte Jane an. »Wie geht es Ihnen, Mrs Bell? Alles in Ordnung hier in meiner liebsten Poststation?«

»Mir geht es gut, Jack. Und zum Glück auch dem Bell. Und Ihnen? Wie macht sich der neue Kutscher?«

»Oh, er ist in Ordnung. Aber eben kein Charlie Frazer, doch wer ist das schon?«

Sie sprachen von seinem früheren Partner – dem Kutscher, der in letzter Zeit mit Walter Talbot um Thoras Zuneigung gebuhlt hatte. Er hatte jetzt einen neuen Posten weit weg von Ivy Hill angenommen.

»Er ist wirklich ein besonderer Mensch – das ist sicher«, stimmte Jane zu. »Wir vermissen ihn.«

»Ich auch. Aber der neue Mann ist ein anständiger Bursche. Also, wohin soll die Reise gehen?«

»Nur nach Salisbury.«

»Zu einem kleinen Einkaufsbummel? Ein schöner Tag dafür. Gestatten Sie.« Er öffnete ihnen die Tür und half erst Rachel, dann Jane beim Einsteigen, bevor er zu seinen Pflichten zurückkehrte.

»Du meine Güte, sieht der gut aus«, seufzte Rachel.

Jane zwinkerte unschuldig. »Tatsächlich?«

»Er sieht beinahe so gut aus wie dein Mann.«

Jane blickte sie verblüfft an. »Du fandest John attraktiv?«

»Natürlich. Erinnerst du dich noch an unsere erste Begegnung in Bath? Wenn ich es recht bedenke, haben wir ihn nicht sogar in der Leihbibliothek in der Milsom Street getroffen?«

»Das war ein Buchladen, aber egal.«

»Ach ja. Nun, auf jeden Fall konnte ich nicht so recht glauben, dass ausgerechnet du dir die Bücher ansehen wolltest.« Rachel lächelte. »Hattest du diesen gut aussehenden Mann durch das Schaufenster entdeckt?«

»Das hatte ich nicht!«

»Ist es in Ordnung, dass ich dich deswegen necke, Jane? Oder würdest du lieber nicht über ihn reden? Ich möchte dich nicht verletzen.«

»Das ist in Ordnung. Es ist ungewohnt, tut irgendwie aber auch gut, über John zu reden. In letzter Zeit höre ich seinen Namen nur noch selten. Vor allem jetzt, wo Thora nicht da ist.«

Rachel schüttelte den Kopf. »Ich wundere mich immer noch darüber, dass weder Ellen noch ich Mr Bell erkannten. Schließlich lebten wir doch in derselben Stadt. Aber er war so elegant gekleidet und vermittelte den Eindruck eines gebildeten Gentlemans, zumal er gerade in einem Buch las.«

Jane nickte. Ihre Gedanken wanderten zurück. Sie erinnerte sich noch, wie John sie angesehen hatte, als wäre sie die schönste Frau auf der Welt. Wehmut stieg in ihr hoch. »Später erfuhr ich, dass er bei Thoras Schwester in Bath lebte. Dort hat er eine Zeit lang bei einem Tutor studiert. Er selbst hat sich eher als Gentleman gesehen.«