Das sechste Gebot - Amos Czarny - E-Book

Das sechste Gebot E-Book

Amos Czarny

0,0

Beschreibung

"Das sechste Gebot" ist eine bewegende Familiengeschichte, die um 1900 beginnt und sich bis zum heutigen Tag über drei Generationen erstreckt. Sie erzählt die facettenreiche Lebensgeschichte von Schimon Feinstein, einem jüdischen Jungen, dessen Großeltern väterlicher und mütterlicherseits, den Antisemitismus in Deutschland erleiden mussten, dem Holocaust entkamen und im von England verwalteten Mandatsgebiet Palästina Zuflucht fanden. 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Sie beschließen, nach 25 Jahren wieder in ihr Geburtsland Deutschland zurückzukehren. Schimon besucht die Schule, studiert, heiratet und macht beruflich Karriere. Trotz heftigen Turbulenzen im Berufs- und Privatleben, fühlt er sich in Deutschland wohl, doch sein Herz schlägt auch für Israel. Sehnlichst wünscht er sich Frieden in diesem Land und verfolgt intensiv die politischen Geschehnisse und den andauernden Konflikt mit den arabischen Nachbarn. Zur selben Zeit fließt in die Geschichte das Leben und der Leidensweg des Palästinenserjungen Sinan ein, der voller Hass gegen Juden und Israel Terroranschläge verübt. Nach seiner Verwundung bei einem terroristischen Anschlag in Tel Aviv, der Behandlung in einem israelischen Krankenhaus und anschließender Inhaftierung in einem israelischen Gefängnis, erfährt er ein einschneidendes Erlebnis. Zweimal im Leben, kreuzen sich die Wege von Schimon und Sinan in Frankfurt. Beim zweiten Mal, benötigt Sinan Schimons Hilfe. Doch dazu kann es nicht mehr kommen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 540

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wenn ein Ring sich schließt, ist eine Geschichte beendet, sagt man. Doch nicht jeder Ring kann sich schließen, wenn der passende Verschluss fehlt.

Anmerkung

Bei der Zählung der Gebote gibt es im Judentum und in den

christlichen Kirchen unterschiedliche Traditionen. Die hier wiedergegebene Fassung folgt der jüdischen Tradition.

Diese Zählung ergibt sich dort, wo das Bilderverbot - "Du sollst

dir kein Bildnis machen" - als zweites Gebot aufgeführt wird, so

auch in der anglikanischen, reformierten und orthodoxen Tradition. Dort werden dann "neuntes" und "zehntes" Gebot als ein

Gebot verstanden.

Das sechste Gebot ist eine bewegende Familiengeschichte, die um 1900 beginnt und sich bis zum heutigen Tag über drei Generationen erstreckt. Sie erzählt die facettenreiche Lebensgeschichte von Schimon Feinstein, einem jüdischen Jungen, dessen Großeltern väterlicher und mütterlicherseits, den Antisemitismus in Deutschland erleiden mussten, dem Holocaust entkamen und im von England verwalteten Mandatsgebiet Palästina Zuflucht fanden. Dort lernen sich ihre Kinder kennen, die 1948 Israels Staatsgründung miterleben. Ein Jahr später heiraten sie und bekommen zwei Söhne, Schimon und Oren. Die Familie durchlebt eine schwierige Zeit in ihrer umkämpften Wahlheimat. Sie beschließen, nach 25 Jahren wieder in ihr Geburtsland Deutschland zurückzukehren. Schimele, jetzt Schimon genannt, besucht die Schule, studiert, heiratet und macht beruflich Karriere. Trotz heftigen Turbulenzen im Berufs- und Privatleben, fühlt er sich in Deutschland wohl, doch sein Herz schlägt auch für Israel. Sehnlichst wünscht er sich Frieden in diesem Land und verfolgt intensiv die politischen Geschehnisse und den andauernden Konflikt mit den arabischen Nachbarn.

Zur selben Zeit fließt in die Geschichte das Leben und der Leidensweg des Palästinenserjungen Sinan ein, der voller Hass gegen Juden und Israel Terroranschläge verübt.

Nach seiner Verwundung bei einem terroristischen Anschlag in Tel Aviv, der Behandlung in einem israelischen Krankenhaus und anschließender Inhaftierung in einem israelischen Gefängnis, erfährt er ein einschneidendes Erlebnis, das ihn zum Umdenken bewegt. Sinan gerät in eine Sinnkrise. Er will jetzt dem gewaltsamen Kampf abschwören, entgegen dem Auftrag seiner Organisation. Er wird verfolgt, muss fliehen und reist nach Deutschland. Zweimal im Leben, kreuzen sich die Wege von Schimon und Sinan in Frankfurt.

Beim zweiten Mal, will Schimon Sinan helfen. Doch dazu kann es nicht mehr kommen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Der Infarkt

Kapitel 2 Schimons Geburt

Kapitel 3 Vaters Flucht aus Fulda

Kapitel 4 Mutters Flucht aus Breslau

Kapitel 5 Das Heilige Land

Kapitel 6 Die Aliyah (Der Aufstieg)

Kapitel 7 Palästinenser verlassen ihr Dorf

Kapitel 8 Der Unabhängigkeitskrieg

Kapitel 9 Schimons Kindheit

Kapitel 10 Auf dem Weg ins Flüchtlingslager

Kapitel 11 Heuschrecken und Sinai Feldzug

Kapitel 12 Eine harte Zeit

Kapitel 13 Die Auswanderung nach Deutschland

Kapitel 14 Erste Jahre in Deutschland

Kapitel 15 Sinans Leben im Flüchtlingslager

Kapitel 16 Der 6 Tage Krieg

Kapitel 17 6 Tage Krieg aus Sinans Sicht

Kapitel 18 Frankfurter Westend

Kapitel 19 Untersuchungshaft

Kapitel 20 Der Schwarze September

Kapitel 21 Jeanne

Kapitel 22 Die olympische Katastrophe

Kapitel 23 Ehe und Krieg

Kapitel 24 Hannelore und Radjif

Kapitel 25 Reise nach Amerika

Kapitel 26 Gottesfürchtige Nina

Kapitel 27 Reise nach Israel

Kapitel 28 Ein Traum wird wahr

Kapitel 29 Der Friedensvertrag

Kapitel 30 Hamburg

Kapitel 31 Wieder in Frankfurt

Kapitel 32 Das Attentat

Kapitel 33 Tom

Kapitel 34 Auf der Karriereleiter

Kapitel 35 In israelischer Haft

Kapitel 36 Marburg

Kapitel 37 Sinan ist frei

Kapitel 38 Der Weg in die Fremde

Kapitel 39 Berufliche Krise

Kapitel 40 Eine schicksalhafte Begegnung

Kapitel 41 Zusammenbruch und Neuanfang

Kapitel 42 Sinans Flucht

Kapitel 43 Gaza 2008

Kapitel 44 Die rettende Herzoperation

Kapitel 45 Zeit der Gedanken

Kapitel 46 Schimons Traum

Kapitel 47 Von Gaza bis Antisemitismus

Anhang

Antwort an die neuen Antizionisten

Kapitel 1Der Infarkt

Es war der letzte Montag im April 2009. Nichts deutete darauf hin, dass es für Schimon ein schicksalhafter Tag werden würde. Die unheilvollen Vorzeichen am Morgen hatte er ignoriert als er ins Büro gefahren war. Kurzatmigkeit, Druck im Brustbereich, Symptome, die er leichtfertig auf eine vorübergehende allergische Reaktion zurückführte. Und dabei war das Wochenende davor so angenehm und erholsam gewesen. Die Sonne Schien, die Temperaturen verwöhnten Körper und Seele mit wohliger Wärme, das Wetter in Marburg lud zum Rausgehen ein. Genau richtig, um Fahrrad zu fahren, was er immer gern tat. Schon seit Langem plante er sein altes Fahrrad ein wenig aufzupolieren, oder vielleicht sogar ein Neues zu kaufen. Zwar gab es keinen zwingenden Grund dazu, schließlich tat der alte Drahtesel, den er vor 20 Jahre gebraucht für 90 D-Mark erworben hatte, noch gute Dienste. Doch nun standen beide, er und seine Frau Ria, bei dem Fahrradhändler in der Stadt und ließen sich ganz unverbindlich beraten. Die Probefahrt mit einem modernen Tracking Rad gab den Ausschlag. Es war offensichtlich, dass die technische Entwicklung nicht stehen geblieben war. Also verabschiedete er sich schweren Herzens von seinem alten Drahtesel, den er in Zahlung gab, und erwarb ein neues Hightech Gerät mit 21 Gängen. Die erste Fahrt musste auch nicht lange auf sich warten lassen. Sie sollte direkt vom Händler nach Hause führen. Während seine Frau mit dem Auto den Heimweg antrat, radelte er schwungvoll doch untrainiert, einfach drauflos. Nie zuvor besaß er solch ein luxuriöses Gefährt. Aluminiumrahmen, moderne Gangschaltung, gefederte Gabel, Tachometer, alles nur vom Feinsten. Zweifellos bereitete auch das Fahren höchsten Spaß und verleitete zu maximalen Leistungen. Er radelte an der Lahn entlang, erreichte schnell die Innenstadt und drehte dort noch eine Ehrenrunde. Um sein zuhause zu erreichen, war es erforderlich, eine erhebliche Steigung zu überwinden. Die fehlende Kondition zwang ihn jedoch, das Fahrrad über die lang ansteigende Straße am Köhlersgrund hochzuschieben. Es fiel ihm ziemlich schwer und er musste in immer kürzeren Abständen anhalten, um nach Luft zu ringen. Dennoch hielt er es für normal und sah keinen Grund zur Beunruhigung. Schließlich hatte er vor einem Monat bei einer scintigrafischen Herzuntersuchung die Bestätigung erhalten, dass mit der Pumpe doch alles in Ordnung sei. Der Grund für diese Untersuchung basierte auf die Empfehlung eines Kardiologen, dem bei einem Belastungs-EKG zuvor eine winzige Abweichung in der EKG-Linie auffiel. Da er jedoch zu diesem Zeitpunkt keine Beschwerden verspürte und auch nicht primär zu den Risikogruppen, wie Übergewichtige oder Raucher gehörte, darüber hinaus sein enger beruflicher Zeitplan keine Unterbrechung erlaubte, ließ er sich mit der Untersuchung Zeit und schob sie vor sich her. Symptome, die hin und wieder auftraten und schnell verschwanden, wie starke Rückenschmerzen, Druck im Brustbereich oder Schmerzen am Kiefer, fanden keine Beachtung und wurden einfach ignoriert. Erhöhte Cholesterinwerte, erhöhter Blutdruck und der tägliche Berufsstress, der sich über viele Jahre hinweg zog, waren auch kein Thema. Ausgepowert erreichte er das Ende der Steigung und war glücklich, sich nun auf das Fahrrad schwingen zu können und in Richtung Heimat zu radeln. Zuhause angekommen fühlte er sich so richtig wohl und freute sich über die neue Erwerbung und die gelungene Heimfahrt.

Es war Sonntag. Die Sonne schien vom blauen Himmel herab, die Vögel zwitscherten auf den Ästen und man beschloss das neue Rad auf das Auto zu laden, und nach Frankfurt zu fahren. Dort, im Keller der Frankfurter Wohnung parkte Rias Zweirad, mit dem man eine Radtour entlang des Mains machen wollte. Sie genossen die Fahrt, den lauwarmen Wind, das beschauliche Treiben am Mainufer. Sie fühlten sich sichtlich wohl.

So ging ein wunderschönes Wochenende zu Ende.

Am Montagmorgen setzte er sich in sein Auto und fuhr wie immer ins Büro. Dieser Tag aber sollte anders enden wie sonst.

Schon während der kurzen Fahrt ins Büro verspürte er einen seltsamen Druck im Brustbereich. Das kann nur eine allergische Reaktion sein, beruhigte er sich. Im Büro angekommen, fiel ihm jeder Schritt schwer und er setzte sich an seinen Schreibtisch, in der Hoffnung, dass die Beschwerden bald nachlassen werden. Sie blieben. Jede Bewegung strengte an und verstärkte noch mehr den Druck in der Brust. Irgendwie überbrückte er die Zeit am Computerbildschirm bis zur Mittagspause. Zum Mittagessen wollte er nach Hause fahren. Er wohnte nicht weit von der Firma. Mühsam schleppte er sich zum Parkplatz und ließ sich in den Autositz fallen. Zuhause angekommen war er zum ersten Mal nicht in der Lage die Treppen in die dritte Etage zu steigen. Er benutzte den Aufzug und schloss mühsam die Wohnungstür auf. Vom Aufzugsgeräusch überrascht, wurde Ria aufmerksam und fragte verwundert nach dem Grund. Er fühlte sich schlecht, atmete schwer und verspürte Luftnot. In der Küche roch es gut, das Essen stand auf den Tisch. Er setzte sich hin, konnte jedoch kein Bissen zu sich nehmen. Der Druck in der Brust verstärkte sich. Kalter Schweiß überzog seinen Körper. Er bewegte sich langsam ins Wohnzimmer und legte sich auf das gelbe Sofa. Ria, in Medizinfragen höchst bewandert, hatte eine schreckliche Ahnung. Sie erkannte sofort die bedrohliche Situation, alle Anzeichen wiesen auf einen Herzinfarkt hin. Umgehend wählte sie die Notrufnummer der Ambulanz und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Er merkte, wie sich die Realität immer weiter von ihm entfernte und allmählich verschwand.

Nun musste alles schnell gehen. Die Minuten verrannen. In kurzer Zeit waren die Notärzte im Raum und begannen mit der Erstversorgung. Er hatte für kurze Zeit das Bewusstsein verloren. Infusionen wurden gelegt. Man trug ihn hinunter in den Krankenwagen. Mit Blaulicht und Sirene raste das Fahrzeug in Richtung Werda, zum Diakonie Krankenhaus. Die Notaufnahme war bereits informiert. Es ging um Minuten. Kurz darauf lag er auf dem Behandlungstisch zur Einführung eines Herzkatheders. Er war wieder ansprechbar, wusste aber die Bedrohlichkeit der Lage nicht einzuschätzen. Von der Leiste wurde der dünne Draht in die Arterie nach oben in Richtung Herz eingeschoben. Die Diagnose war niederschmetternd. Sie lautete Hinterwandinfarkt. Die Ärzte bemühten sich mit allen Mitteln den Verschluss der Herzkranzgefäße zu öffnen. Währenddessen saßen seine Frau Ria und sein Sohn Tom im Warteraum und bangten um sein Leben, das auf Messers Schneide stand. Ria registrierte die aufkommende Hektik beim medizinischen Personal. Besorgt huschten die Schwestern rein und raus aus dem Untersuchungsraum. Alle Bemühungen, den Verschluss zu öffnen waren vergeblich. Erschwerend kam hinzu, dass auch die Gefäße der Vorderwand nahezu verschlossen waren. Die Überlebenschancen standen äußerst schlecht.

Die Uhr an der Wand zeigte 13:09.

Kapitel 2Schimons Geburt

Eigentlich heißt er Schimon, doch seine Mutter nannte ihn Schimele. Geboren ist Schimele im Winter 1950, in einem heißen Land am Mittelmeer. Die kalte Jahreszeit dauert kaum mehr als 3 Monate in dieser Region und kann dann manchmal ziemlich verregnet sein. Richtig frostig ist sie selten. Aber an jenem Tag im Februar, als Schimon das Licht der Welt erblickte, war alles anders. Es hat geschneit in Tel Aviv. Die Welt war weiß, was einem kleinen Naturwunder gleichkam.

„Als ich am Morgen aufwachte“, erzählte Abraham sein Vater, den man in diesem Land Aba nennt, „war mein alter blauer Lastwagen, mit dem ich allerlei transportierte, ganz von dickem Schnee bedeckt. Wir freuten uns. Es war ein ungewöhnlicher Anblick.“

Schimele war ein hübsches Baby, sagten alle, die ihn sahen. Ein kleiner Blondschopf mit himmelblauen Augen, die wie zwei Aquamarine in der Sonne glänzten, was nicht oft in dieser mediterranen Region vorkam. Menschen, die den Eltern beim Spaziergang an der Strandpromenade von Bat Yam begegneten und einen Blick in den Kinderwagen warfen, waren vom zahnlosen Lächeln dieses niedlichen Babys im blauen Strampelanzug begeistert.

Jungs wurden traditionell im maskulinen Machoblau gekleidet. Mädchen immer in einem sanften Baby Rosa. Besonders stolz war man auf Söhne, zumindest beim Erstgeborenen, und das musste man schließlich der Welt zeigen.

Schimele war ein Nachkriegskind. Ein Jahr vor seiner Geburt endete der Befreiungskampf um den Staat Israel, der für die Juden 1948 auf für sie historischen Boden entstanden ist. Kaum drei Jahre zuvor, war der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, der auf grausamster Weise den Tod für so viele Menschen gebracht hatte. Eine Katastrophe, die allerorts eine schreckliche Spur der Verwüstung hinterließ. Sechs Millionen Juden, Hunderttausende Sinti, Roma, Homosexuelle, Kommunisten und andere Regimegegner, fanden in den Vernichtungslagern der Nazis ein schreckliches Ende. In Europa, Asien und Afrika verloren Millionen Zivilisten und Soldaten ihr Leben. Die Welt war aus den Fugen geraten.

Deutschland, wo das Unheil seinen Anfang nahm, 4000 Kilometer von Israel entfernt, lag 1945 in Trümmern. Viele Städte glichen einer Wüstenlandschaft. Menschen irrten verloren durch die zerbombten Straßen. Kinder waren auf der Suche nach ihren Eltern. Familien, die der Krieg auseinandergerissen hatte, betrauerten unzählige Opfer, ohne zu fragen ob sie am Unheil schuldig oder schuldlos waren. Menschliche Tragödien spielten sich überall ab. Die Maske des verbrecherischen Nazi Regimes war gefallen und entblößte langsam auch die Gesichter der Täter. Es gab sie noch, diejenigen, die sich sehnsüchtig den Endsieg des Dritten Reiches gewünscht hätten. Nicht alle waren verführt worden. Nur einige Jahre zuvor stand noch manch einer dieser Leute in der ersten Reihe, um frenetisch dem Führer zu huldigen. Sie waren es auch, die Juden auf offener Straße verprügelten, Judensterne und Hakenkreuze auf jüdische Geschäfte schmierten, Synagogen anzündeten, ihre Nachbarn denunzierten, mit Freude in den Krieg zogen, oder pflichtbewusst ihren grausamen Dienst in den Vernichtungslagern leisteten. Alles für das Vaterland. Sie wollten ein neues Deutschland, ein tausendjähriges Reich, ein arisch reines Volk.

Zwölf lange Jahre währte der Traum, der Tränen und Leid über die Welt brachte. Über 60 Millionen Leben waren am Ende ausgelöscht.

Kapitel 3Vaters Flucht aus Fulda

An einem warmen Sommertag, im Juli 1920, erblickte der kleine Adolf in der Bischofsstadt Fulda die Welt. Hanna, die glückliche Mutter, drückte ihn ans Herz und gab sich alle Mühe den kleinen Schreihals zu beruhigen. Doch Baby Adolf nahm davon keine Notiz. Hanna, eine kleine Frau mit rundlichen Formen und langem, braunem Haar, das sie zu einem Dutt zusammenknäulte, war mit 23 Jahren eine junge Mutter.

Vier Jahre zuvor, während ihrer Ausbildung zur Schneiderin in einem kleinen Dorf in Polen, lernte sie Salomon Feinstein kennen und lieben. Es geschah, als sie sich im kleinen Dorfladen am Ende der Straße begegneten. Verschämt schaute sie ihn von der Seite an, hoffend, dass er ihre Blicke registriert und erwidert. Salomon, ein eher hölzerner Typ, der sich nicht sonderlich für das weibliche Geschlecht interessierte, schien es selbst, wie viele Vertreter der männlichen Zunft, nicht zu bemerken. Als er sich zum Verlassen des Ladens umdrehte, stieß er ungewollt mit Hanna zusammen, was ihm äußerst peinlich war. Höflich entschuldigte er sich, und so kamen sie ins Gespräch. Später trafen sie sich öfters hinterm Haus, zuerst heimlich, da die Eltern nichts davon wissen durften. Schließlich gehörte es sich nicht, seinen Ehepartner selber auszuwählen. Das stand den Eltern zu, mithilfe eines Ehevermittlers, einem Schadchan. Nach unzähligen Diskussionen, Streitereien und Versöhnungen, erteilten die Eltern auf Anraten des Rabbis doch noch ihren Segen. Sie wurden in einer traditionellen jüdischen Hochzeit vermählt und bezogen ein winziges Zimmer am Rande des Dorfes. Hanna arbeitete als Schneiderin, Salomon als Schneider.

Man zählte das Jahr 1917. Seit drei Jahren schon tobte der Erste Weltkrieg in Europa und überzog den Kontinent mit Tod und unsäglichem Leid. Kämpfe im Osten, zermürbende Stellungskriege im Westen, forderten Millionen Opfer auf beiden Seiten.

Salomon, ein kleiner, untersetzter Mann, blond mit blauen Augen, sollte zum polnischen Militär eingezogen werden. Den Einberufungsbefehl erhielt er per Post in einem grauen Umschlag. Seine Gedanken kreisten um die Zukunft mit Hanna. Er wollte nicht für Polen kämpfen, er wollte gar nicht kämpfen, keine Menschen töten, sondern einfach nur leben. Am selben Abend noch, packte er hastig eine abgewetzte Ledertasche mit den nötigsten Reiseutensilien, in die er auch einen samtenen Stoffbeutel mit dem Gebetsschal und den Gebetsriemen aus Leder einsteckte. Salomon war ein frommer Mann aus orthodoxem Haus. Nicht vergessen durfte er auch das winzige Gebetsbuch, ein Talisman, das ihm sein Vater zur Bar Mitzwa, als er 13 Jahre alt wurde, mit den Worten schenkte: „Und denke daran mein Junge. Das Heiligste, was Gott dem Menschen gab, ist das Leben. Befolge seine Regeln und missachte sie niemals.“

Zwischen den Seiten, irgendwo in der Mitte, blitzte, kaum sichtbar, ein Zettelchen heraus, das Salomon nicht sonderlich beachtete. Er zog die Tasche über die Schulter, verabschiedete sich von Hanna mit einem Kuss auf die Stirn, schickte noch einen traurigen letzten Blick auf sein vertrautes Umfeld und verließ das Zimmer in die dunkle Straße. In dieser Nacht floh er über die Grenze nach Deutschland. Auf verschlungenen Wegen, über Felder und Wiesen und durch dichte Wälder erreichte er schließlich die Stadt Fulda. Dort fand Salomon ein kleines Zimmer und bereitete alles vor, um seine Frau zu empfangen, denn Hanna sollte bald nachkommen. So hatten sie es vereinbart. Gemeinsam mit ihrer Freundin Mascha planten beide alsbald die Flucht durch die Wälder bis zur deutschen Grenze, die sie nachts im Schutze der Dunkelheit überqueren wollten, so wie es Salomon zuvor gelungen war. Sie wussten über die Strapaze und die Gefahr, die ihnen bevorstand, doch nichts konnte sie von ihrem Plan abbringen. Nicht einmal Hannas Schwangerschaft im vierten Monat.

So machten sie sich auf den Weg.

Der Mond versteckte sich hinter dicken Wolken, der Regen prasselte in Strömen, die Silhouetten der Bäume zeichneten ein bizarres Bild in die Landschaft. Fast schon erreichten sie die Grenze des Deutschen Reiches, als plötzlich zwei polnische Grenzsoldaten sie entdeckten und ohne Warnung mit ihren Bajonetten auf sie einstachen. Hanna wurde am Kopf und am linken Auge getroffen. Sie fiel schmerzverzerrt zu Boden und blieb im Morast regungslos liegen. Mascha versuchte zu fliehen, doch sie kam nicht weit. Irgendwo, zwischen den Büschen verlor sie das Bewusstsein. Die Soldaten nahmen ihnen alles Geld, das sie bei sich trugen und ihre Wertsachen ab und verschwanden in der Dunkelheit. Hanna wälzte sich vor Schmerz in der Regenlache, die sich langsam blutrot färbte. Verzweifelt und mit letzter Kraft, schrie sie in die dunkle Nacht um Hilfe. Nach einer Weile vernahm sie Stimmen, erkannte menschliche Konturen, die auf sie zukamen. Sie hörte sie reden. Sie sprachen deutsch. Die deutschen Soldaten, die das Gelände durchsuchten und ihre Hilferufe wahrnahmen, fanden sie röchelnd und furchtbar zugerichtet am Boden liegen. Umgehend wurde sie in das nächste Lazarett eingeliefert. Nach einer Notoperation verblieb sie noch eine Weile ohne Bewusstsein auf einem harten Feldbett in einem kalten Stoffzelt. Als sie Tage später wieder zu sich kam, wollte sie wissen, was mit ihrer Freundin Mascha geschah. Die Nachricht traf sie wie ein Blitzschlag. „Mascha war im Wald leblos aufgefunden worden“, sagte die Schwester mit gesenktem Kopf. „Sie war verblutet.“ Hanna erzählte den Ärzten das schreckliche Geschehen und gab ihnen die Adresse von ihrem Gatten Salomon in Fulda. Er hatte sie schon sehnsüchtig erwartet ohne zu ahnen, was ihr zugestoßen war. Hanna war gerettet, doch das Kind, das sie trug, musste sterben.

Ein paar Wochen vergingen, und Hanna hatte sich langsam erholt. Sie durfte das Lazarett verlassen und machte sich auf den Weg nach Fulda zu ihrem Gatten. Da Salomon bereits ein Zimmer angemietet hatte, erhielten sie zügig von den Behörden der Stadt eine Aufenthaltsgenehmigung. Wie eine zarte Pflanze begann ihr neues Leben in Deutschland zu keimen.

Mit einer kleinen Schneiderei machten sie sich selbständig und konnten so ihren Lebensunterhalt bestreiten. Tag und Nacht ratterten die alten Nähmaschinen und fügten Stoff an Stoff zu Kleidungsstücken zusammen. Das Geschäft lief gut, sie waren erfolgreich und konnten sich bald eine größere Wohnung in der Karlstrasse leisten. Salomon fuhr mit dem Rad in die umliegenden Dörfer, wo er den Bauern passende Arbeitskleidung verkaufte, Hanna sammelte alte Stricksachen, um aus der Wolle wieder neue Strickwaren zu erstellen.

Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, Millionen Menschen auf beiden Seiten der Front hatten ihr Leben in einem barbarischen Krieg verloren. Die deutsche Wirtschaft lag in Trümmern. Deutschland verlor Elsass-Lothringen an Frankreich sowie seine Überseekolonien in Afrika und wurde von den Alliierten im Versailler Vertrag 1919 zu horrenden Reparationszahlungen verpflichtet. Europas Karte musste neu gezeichnet werden.

Erneut wurde Hanna schwanger. Neun Monate später hielt sie glücklich einen Jungen im Arm, den sie Adolf nannten, denn Adolf gehörte in jener Zeit zu den häufigsten Babynamen in Deutschland. Er schrie immer noch, als wisse er schon was ihn auf dieser Welt erwarten würde. Doch nichts half, nun war er da und wurde zum Verbleib gezwungen. Adolf sollte auch nicht alleine bleiben, ihm folgten in den nächsten Jahren noch drei Geschwister. Allmählich wurde es eng in der Wohnung und Salomon suchte nach einem Häuschen mit einem angeschlossenen Laden. In der Königstraße stand das passende Objekt, das sie kurze Zeit später bezogen haben. Unweit vom Haus lag auch das Hotel Kurgrafen, wo wohlhabende Besucher mit ihren feinen Karossen aus ganz Deutschland einkehrten. Immer, wenn der kleine Adolf mit den blauen Augen und dem braun gewellten Haar von den Eltern gesucht wurde, fanden sie ihn neben oder unter den Fahrzeugen der Hotelgäste. Sie faszinierten ihn, er wurde magisch von ihnen angezogen. Doch die Eltern hatten andere Pläne mit dem Jungen, denn man wollte einen Musiker in der Familie haben. Adolf sollte Geige lernen. So besorgten sie ihm ein gebrauchtes Instrument, das in einem schwarzen Kasten verstaut war, und schickten den Kleinen zum Unterricht beim Musiklehrer Horn um die Ecke. Der Mann, ein Musiker in Pension mit runder Nickelbrille und einem ebensolchen Bauch, gab sich redlich Mühe mit dem Zögling, doch alle Anstrengungen des ambitionierten Musikpädagogen wollten nicht fruchten. An der Geige hat es nicht gelegen, tröstete er sich zuweilen. Der kleine Adolf ließ sich einfach nicht für das Gejammer des Streichinstrumentes begeistern. Doch wie sollte er es seinem Vater sagen? Brav zog er zu den Unterrichtsstunden mit dem Geigenkasten in der Hand und ließ sich nichts anmerken. Als eines Tages Musiklehrer Horn Salomon auf dem Markt traf und sich nach seinem kleinen Schüler erkundigte, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte, war die Sache aufgeflogen. Der Geigenkasten war nämlich immer leer und Adolf erhielt zur Belohnung zwei saftige Ohrfeigen. Gleiches passierte auch mit dem Bibelunterricht, der zugunsten der feinen Autos vor dem Hotel Kurgrafen öfters ausfallen musste. In der jüdischen Schule glänzte der kleine Adolf weniger durch theoretisches Wissen, als mehr durch sein Interesse für Handwerk und Technik. Seine besondere Liebe gehörte doch allem, was Räder hatte und rollte.

Die Jahre bis 1933 vergingen für Adolf ohne besondere Vorkommnisse, bis zu seiner Bar Mitzwa in der nahegelegenen Synagoge. Am 30. Januar desselben Jahres wurde Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Deutschen Reichskanzler ernannt. In den Straßen sah der kleine Adolf jetzt die Hitlerjungen in Uniformen vorbeimarschieren. Die Fensterscheiben der jüdischen Schule bewarfen sie mit Steinen und auf der Straße wurden die jüdischen Schüler beleidigt und verfolgt. Diese gingen in Gruppen nach Hause, um sich gegenseitig zu schützen.

Die politische Lage für Juden verschlechterte sich von Tag zu Tag. Salomon machte sich große Sorgen um die Familie und schrieb an das Palästina Amt in Berlin, mit der Bitte, ihm ein Zertifikat für eine Auswanderung zu erstellen. Es war sein innerster Wunsch als gläubiger Jude in das Land seiner Väter zurückzukehren. Salomon sah das Unheil in Deutschland nahen, er wusste die Situation früh einzuschätzen. So bemühte er sich, zuerst, das Haus zu verkaufen. Da er viele Kunden auf den Dörfern um Fulda hatte, fand er einen alten Bauern aus Bronzel, dem er von seiner Zwangslage erzählte. Man einigte sich auf ein Viertel des Immobilienwertes, auszuzahlen in bar. Eines Tages, Adolf stand im Laden, Vater verrichtete hinten in der Schneiderei seine Arbeit, betraten zwei stämmige Herren in brauner Uniform und mit Hakenkreuzbinden am Arm den Raum. Sie schauten sich um, stöberten zwischen den Kleiderständern und fragten nach dem Vater. Adolf kannte sie, sie gehörten zur früheren Kundschaft.

„Wo ist dein Vater“, wollten sie wissen und schauten sich um.

Adolf gab keine Antwort.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, versicherten die Männer, „Wir wollen deinem Vater nichts tun“, meinte der eine und schob misstrauisch einen Vorhang zur Seite hinter dem Stoffballen gestapelt waren.

„Er ist gerade eben weggegangen“, antwortete Adolf geistesgegenwärtig, und bemühte sich seine zittrige Stimme zu unterdrücken. Salomon hörte sie im Nebenraum reden und ahnte bereits ihre Absicht. Auf leisen Sohlen schlich er die Treppe zum Dachboden hinauf und suchte hinter einem alten Schrank ein Versteck. Argwöhnisch schritten die Herren durch den Laden und stießen die Tür zur Schneiderei auf. Sie war leer. So verließen sie wortlos und unverrichteter Dinge das Geschäft. Seit diesem Ereignis waren sie hinter Adolfs Vater her.

Salomon musste eine Zuflucht finden, um nicht gefasst und verhaftet zu werden. Heimlich fuhr er zunächst nach Bronzel zum Käufer des Hauses. Mit ihm erledigte er rasch die Formalitäten und erhielt das vereinbarte Geld in bar. Freunde besorgten ihm Bahnkarten und halfen ihm bei der Ausreise nach Italien, wo er sich für eine Weile in einer kleinen Pension in Mailand einmietete. Drei Wochen später erhielt die Familie Post. Es waren die Einreisedokumente, die das Palästinaamt in Berlin ausfertigte. Voller Freude öffnete Hanna den Umschlag. Im Schreiben war zu lesen, dass einige Unterlagen unvollständig waren und daher die Genehmigung zur Einreise nicht erteilt werden konnte. Die Enttäuschung war riesig und schwenkte in Wut um.

„Wir packen unsere Koffer und fahren nach Berlin“, schimpfte resolut die kleine Frau.

Über Umwege wurde Salomon in seinem italienischen Versteck über die bevorstehende Reise informiert. Man wollte sich in München treffen und gemeinsam nach Berlin weiterreisen. Hanna packte die Koffer, sammelte ihre vier Kinder und setzte sich in den Zug nach München. Am vereinbarten Treffpunkt in der Nähe der Bahnhofstoiletten trafen sie den Vater, den sie kaum erkannten. Salomon war abgemagert, sein Gesicht zierte ein grauer Bart. Der Bahnhof wimmelte von Menschen, viele trugen braune und schwarze Uniformen mit Hakenkreuzen am Arm. Überall wehten die roten Fahnen mit der Nazi Rune drauf. Die Stimmung war ausgelassen, fast wie auf einem Volksfest. Was ist geschehen, was war der Grund für diese feierliche Betriebsamkeit, wollte Salomon wissen. Das Volk drängte zum Bahnsteig und belagerte den letzten Waggon des eingefahrenen Zuges. Die Türen öffneten sich, Polizisten schlugen eine Bresche durch die Menschenmenge und bahnten wie ein Eisbrecher den Weg frei. Stolzen Schrittes marschierte die oberste Führung der Nazigrößen zackig durch das Spalier, an ihrer Spitze der Führer Adolf Hitler, der lässig den Arm zum Gruß erhob. Begeisterte Menschenmassen jubelten ihm zu, schwenkten kleine, rote Nazifähnchen und schrien vor Glück. Die Emotionen überschlugen sich. So nah waren sie ihrem geliebten Führer nie gewesen. Für Salomon, Hanna und die Kinder wirkte diese Szenerie gespenstisch. Sie hatten Angst und wären jetzt am liebsten im Erdboden versunken. Glücklicherweise waren sie in der Menge nicht besonders aufgefallen, mit ihren arisch blonden Haaren und den nordisch blauen Augen. Nichts deutete auf ihre jüdische Herkunft hin. Eiligst suchten sie den Zug nach Berlin und stiegen ein. Es dauerte eine Weile, bis sie den Bahnhof verließen, da alle Fahrpläne aufgrund des Führerbesuches außer Kraft gesetzt wurden. Endlich, zwei Stunden später, setzte sich die schwere Dampflok schnaufend in Bewegung.

In Berlin führte die Familie der erste Weg zum Palästinaamt nach Charlottenburg, in die Meinekestrasse 10. Sie klopften an verschiedene Bürotüren an, trugen ihr Anliegen vor, doch niemand wollte ihnen zuhören. Hanna entschied, vor dem Büro des Verantwortlichen solange zu verharren, bis sie ihre Einreisezertifikate erhalten würden. Zwei Tage belagerte die Familie mit den Koffern den Eingang zum Büro, ohne Essen und Trinken. Am dritten Tag keimte beim Chef des Amtes Mitleid auf. Er veranlasste die Erteilung der fehlenden Papiere, sodass der Ausreise nichts mehr im Wege stand. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer kleinen Herberge in Berlin, saßen sie schließlich im Zug nach Italien.

An einem Dienstag, zum Ende des Jahres 1934 legte am Hafen von Triest der Dampfer GALILEO ab. Sechs Tage dauerte die Durchquerung des Mittelmeeres bis zum ersehnten Ziel Palästina. Bei anbrechender Morgendämmerung, ganz in der Ferne, zeichnete sich schemenhaft der Berg Carmel. Der Hafen von Haifa kam immer näher, schon waren Kräne, Eisenbahnwaggons und Menschenbewegungen zu erkennen. Vorbei an Schiffen der englischen Kriegsmarine tuckerte der Dampfer gemächlich zur Anlegestelle, wo es an der Kaimauer von Matrosen und Hafenarbeitern mit armdicken Tauen an Stahlringen verzurrt wurde. Fasziniert verfolgte Adolf vom Oberdeck aus die Aktion. Es war ein seltsames Gefühl, das ihn in diesem Moment durchfuhr: Das soll nun seine neue Heimat werden. Er schaute sich um. In den Augen seiner Eltern konnte er Tränen erkennen. Es waren Tränen der Freude. Nie hatte er sie weinen sehen, doch dieser Anblick schnürte ihm die Kehle zu. Unten regelten englische Soldaten den Ablauf. Im Hafen von Haifa sammelten sich zahlreiche Flüchtlinge, die dem Naziregime entkommen waren. Sie standen in Reihen vor provisorisch aufgestellten Tischen und wurden ordnungsgemäß aufgenommen. Ihre Namen wurden in Dokumenten erfasst.

Als Adolf zitternd vor Aufregung vor dem verschwitzten Registrierungsbeamten mit dem buschigen Schnurbart stand, musterte dieser ihn prüfend von Kopf bis Fuß und starrte eine Weile verwundert auf das Einreisedokument. Dann schaute er dem Jungen direkt in die Augen und hob die rechte Augenbraue.

„Adolf ist dein Name?“ fragte er ungläubig in holprigem deutsch und schüttelte den Kopf.

Der Junge nickte verunsichert und schaute verschämt zu Boden.

„Wie kann ein jüdischer Junge bloß Adolf heißen. Adi vielleicht oder Adalbert, aber Adolf? Gott bewahre. Na, zum Glück trägt er noch keinen Schnurbart, grummelte er leise und lehnte sich zurück. Er grübelte einen kurzen Augenblick, schaute fragend zum Nachbarn rüber, dann verkündete er wie ein Feldherr mit lauter Stimme seine Entscheidung:

„Von heute an ist dein Name Abraham, und nur Abraham.

Abraham Feinstein.“

Diesen Namen trug er unwiderruflich in den Ausweis ein.

Hinter ihm nickte sein Vater zufrieden. „Awremel, oj Awremel ist a schener Nome.“

Kapitel 4Mutters Flucht aus Breslau

Der 20ste November 1921 war ein grauer Herbsttag in Schlesien. Hartnäckig hielt sich schon seit Tagen eine dunkle Wolkendecke über Breslau. Immer wieder öffnete der Himmel seine Schleusen und begoss die Stadt mit dicken Regentropfen wie aus einer lecken Gießkanne mit riesigen Löchern. An diesem Tag standen sie im kleinen Saal unter der Chuppa, dem jüdischen Traubaldachin, und gaben sich das Jawort. Die Braut Mathilde, die einmal Schimons Großmutter werden wird, und der Bräutigam Hugo, den sie laut Hochzeitsritual sieben Mal umkreisen musste. Dies soll an die behütende Rolle der Frau, die das ganze Haus mit Liebe und Verständnis beschützt, erinnern. Die Zahl sieben, steht für die sieben Tage der Schöpfung, da das junge Paar symbolisch im Begriff ist, eine eigene `neue Welt´ zusammen zu erschaffen. Hugo, der stolze Bräutigam mit schütterem Haar und der kreisrunden Nickelbrille, sprach das Hochzeitsgebet. Dann zertrat er das Weinglas, in Gedenken an die Trauer, die Zerstörung und das Leid, die Juden in den letzten Jahrtausenden ertragen mussten. Anschließend begann die Feier mit Musik und Tanz. Hugo und Mathilde kannten sich schon fast zwei Jahre und wussten, dass sie füreinander bestimmt waren. Beide kamen aus ehrenhaften Familien und waren die deutschesten Deutschen, die man sich vorstellen konnte. Arbeitsam, fleißig, pünktlich und sehr genau. Wahrhaftige Jäckes, wie man deutsche Juden zu nennen pflegte. Patriotismus und die Liebe zum Vaterland verband das Paar. Bruno, Mathildes Bruder, erhielt sogar als Auszeichnung das deutsche Verdienstkreuz um seinen tapferen Einsatz für das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg.

Drei Jahre nach der Hochzeit wurde der ersehnte Stammhalter geboren und nach jüdischem Ritus auf den Namen Fritz getauft. Die große Freude währte jedoch nicht lange, denn nach zwei Monaten nahm Gott ihn wieder zu sich.

Wieder vergingen fast drei Jahre, bis Mathilde erneut schwanger wurde und ein Mädchen gebar. Sie gaben ihr den Namen Liselotte und nannten sie liebevoll Lilo. Lilo war der Sonnenschein des Hauses, obwohl sie eigentlich ein Sohn werden sollte. Mathilde wollte danach keine Kinder mehr, da sie nicht mehr so jung war. Doch es sollte anders kommen. 1927 erblickten gleich Zwillinge, Manfredi und Ruthi, das Licht der Welt. Hugo konnte es kaum fassen wieder einen Stammhalter zu haben, doch leider war es ihm auch dieses Mal nicht beschieden, das Glück festzuhalten. In seinen Armen starb Fredi im Alter von nur neun Monaten an den Folgen von Masern. Hugo stürzte sich noch tiefer in die Arbeit. Die Wurstfabrik, die er aufgebaut hatte, lief recht gut, erforderte aber sehr viel Einsatz. Dennoch war er seinen beiden Töchtern ein liebevoller und fürsorglicher Vater, der ihnen an nichts fehlen ließ. So begann Ruths Leben, doch es sollte nicht immer leicht für sie werden.

Bis zum dritten Lebensjahr lebte sie in Breslau, dann zog die Familie nach Berlin. Die kleine Ruthi, ein zierliches Geschöpf mit niedlichem Gesicht und langen, braunen Zöpfen, erlebte eine heile Welt die noch zwei Jahre so anhielt. Sie feierten ihren fünften Geburtstag, als sich langsam ein grauer Schleier über die anbrechende Zukunft senkte. Bis zu diesem Tag waren sie eine glückliche deutsche Familie. Doch allmählich spürten sie gewisse Anfeindungen, die sich offen oder unterschwellig in ihren Alltag einschlichen. Nachbarn wendeten sich grundlos ab, manche langjährige Kunden wechselten mit fadenscheinigen Argumenten zur Konkurrenz. In gewissen Zeitungen wurde Stimmung gegen Juden verbreitet, zunächst unterschwellig, dann ganz offen als Hetze. Aber man wollte es nicht bemerken, nicht wahrhaben, man hatte es schlichtweg ignoriert. Doch die Wirklichkeit ließ sich nicht betrügen. Sie kam immer näher, wurde immer sichtbarer. Papa Hugo, ein weitsichtiger Mann, erkannte die Vorzeichen. Er hatte eine instinktive Vorahnung, die ihm keine Ruhe ließ, und die nach einer Ausreise verlangte. Das angestrebte Ziel sollte Palästina sein. Mama Mathilde wollte es nicht glauben, ihr geliebtes Deutschland verlassen zu müssen. Ihnen konnte doch gar nichts passieren, sagte sie voller Überzeugung. Sie waren Deutsche wie alle anderen in diesem Land. Sie sind hier geboren und praktizierten nicht einmal konsequent ihr Judentum. Sie haben niemandem etwas Böses getan und unterschieden sich in nichts von den Nachbarn nebenan. Alles ist nur ein schlechter Traum, der bald vorbeiziehen wird, beschwichtigte sie, so wie es viele Tausend andere Juden in Deutschland taten. Hugo ließ sich nicht mehr von seinem Vorhaben abbringen. Die Wurstfabrik überließ er einem Cousin, der ihm eine Geldsumme für die Reise auszahlte. Beim Palästinaamt in Berlin beantragte Hugo ein Einreisezertifikat für das Gelobte Land, doch es kam keine Antwort. Erneut versuchte es Hugo mit einem zweiten Schreiben. Dieses Mal erhielt er eine Antwort. Die Einreise wurde verweigert. So packten sie die Koffer, schlossen die Türen ihrer Wohnung ab und begaben sich auf die Flucht. Es folgte eine schwere Zeit. Nachts überschritten sie bei Kälte und Schnee die Grenze zur Tschechoslowakei, in der Hoffnung, dort eine Weile bleiben zu können. Hugo bekam hier keine Arbeit, die Familie musste nach einem kurzen Aufenthalt weiterziehen. So ging die Reise in Europa von Land zu Land weiter, mit dem innigsten Wunsch, irgendwo eine Bleibe zu finden. Doch für einen Juden gab es keinen sicheren Platz mehr auf dem Kontinent.

Es folgte eine Odyssee durch sieben Länder in fünf Jahren. Oft verbrachte die Familie die Nächte auf harten Parkbänken, in Zügen oder in kalten Bahnhofshallen. Zwei kleine Mädchen, eine herzkranke Mutter, der nur die Sorge um ihre Kinder noch die Kraft gab, und ein verzweifelter Vater, der noch immer seinen Traum vom Heiligen Land vor Augen hatte.

Es war an dem jüdischen Feiertag, dem Passahfest, als sie in Holland ankamen und zur jüdischen Gemeinde in Amsterdam gingen, um Asyl zu finden. Sie wurden freundlich aufgenommen und dann zur Polizei geschickt, um sich dort anzumelden, da sie nicht die nötigen Einreisedokumente besaßen. Doch Hugo durfte die Polizeiwache nicht mehr verlassen, während Mathilde und die Kinder in einem Streifenwagen ins Frauengefängnis gebracht wurden. Mutter brach unter Tränen zusammen, die Mädchen schmiegten sich weinend an ihrem Körper. Die Nacht sollten sie in einer Zelle verbringen. Leise sang Mathilde die Kinder in den Schlaf. Sie starrte nur noch vor sich hin und konnte kein Auge schließen. Diese Nacht zog sich wie eine Ewigkeit hin. Am Morgen brachte man sie zum Vater zurück, der von zwei Beamten bewacht wurde. Ohne gültige Papiere könnten sie nicht in Holland bleiben und sollten zurück nach Deutschland abgeschoben werden, hieß es lapidar. Die Fahrt zum Bahnhof wollte kein Ende nehmen. Die kleine Ruthi schaute mit verweinten Augen aus dem geschlossenen Fenster der schwarzen Limousine. Sie rollte langsam an der Gracht entlang an Kaufmannshäusern mit riesigen Glasfronten ohne Vorhänge. Überall konnte man reinschauen, alles sah so friedlich aus, fast wie auf einer Urlaubsfahrt. Der Schein trog. Sie waren auf der Flucht und sollten bald wieder in der Hölle zurück, die sie verzweifelt verlassen hatten. Auf dem Bahnhof führten die zwei Beamten sie zu den Bahnsteigen. Mama hielt die Mädels an der Hand und drückte sie fest an sich. Papa lief voraus und schleppte mühsam, fast kraftlos, die zwei schweren Koffer, die fast am Boden schleiften. Rechts und links flankierten ihn die Grenzbeamten in ihren langen Ledermänteln und den Krempelhüten, die an Gestapo-Männer erinnerten. Man betrat Bahnsteig 5. Alle schwiegen, ihre Herzen pochten gewaltig vor Angst. Zu beiden Seiten der Plattform standen mit geöffneten Türen Züge zur Abfahrt bereit. Auf dem Schild des Waggons zur Linken war in großen Lettern die Destination zu lesen. Sie lautete HAMBURG. Die Beamten blieben stehen. Sie schauten sich um, dann blickten sie in die verängstigten Gesichter der kleinen Mädchen an Mamas Hand. Wortlos verständigten sie sich durch Blicke miteinander.

„Kommt“, sagte der eine und wandte sich zum Waggon auf der anderen Seite des Bahnsteiges.

„Ihr steigt jetzt hier ein. Das ist der Zug nach Brüssel. Von dort müsst Ihr versuchen weiterzukommen. Jetzt seid Ihr frei.“

Dann drückte er Papa eine Bescheinigung in die Hand, die er auf Verlangen dem Schaffner zeigen sollte. Es war ein Wink des Himmels. Ungläubig, doch unsagbar glücklich, bestiegen sie den Zug und schickten den Beamten dankbar ein stummes Lächeln.

Stunden später erreichten sie Brüssel, doch die Freiheit sah anders aus, als sie es sich erhofft hatten. Auch in Belgien konnte Hugo keine Arbeit finden und sie erhielten auch keine Aufenthaltsgenehmigung in dem Land.

Der Einfluss des Nationalsozialismus nahm zu und erfasste weitere Länder um Deutschland herum. Vielerorts war zu spüren, wie wenig man als Jude geduldet war. Die Flucht ging weiter, die Kraft ließ nach, das Geld wurde von Tag zu Tag knapper.

Ihre nächste Station auf der Odyssee durch Europa hieß Paris. Ein großer Bahnhof, lange Boulevards, alte, graue Häuser, am Horizont der Eifelturm, so empfing sie die französische Hauptstadt. Wohin jetzt und wie weiter, lautete die immer wiederkehrende Frage. Sie meldeten sich bei den Behörden, man wies sie in eine Asylunterkunft für Flüchtlinge. Mit vielen anderen Familien, die das gleiche Schicksal verband, hausten sie zusammen in einem großen Saal und hofften auf bessere Tage. So deprimierend es sich anfühlte, sie waren anspruchslos froh darüber, ein Dach über den Kopf zu haben. Mit der französischen Sprache allerdings, taten sie sich sehr schwer. Frankreich erteilte den Flüchtlingen eine dreimonatige Aufenthaltsgenehmigung, die drei Mal verlängert werden konnte. Und so blieben sie neun Monate in Paris. Die Mädels durften eine Schule besuchen, für die kleine Ruthi mit den langen Zöpfen war es das erste Schuljahr. Sie hatte große Schwierigkeiten sich in den Unterricht einzufinden. Lilo, ihrer großen Schwester, gelang der Einstieg besser, sie hatte sich schnell integriert und fühlte sich schon fast wie eine kleine Französin. Als nach neun Monaten die Aufenthaltsgenehmigung auslief und die Behörden eine erneute Verlängerung verweigerten, musste die Reise jedoch weitergehen.

Wien sollte die letzte Station vor dem Erreichen des ersehnten Zieles werden. Die Zeit verstrich und Ruthi kam ins achte Lebensjahr. Sie war ein ruhiges, sensibles Mädchen, das eine besondere Vorliebe für Puppen hegte. Mit ihnen schien sie in eine heile Welt einzutauchen.

Man schrieb das Jahr 1936, in dem man noch angesichts der herrschenden Verhältnisse in Österreich als Jude geduldet wurde, sofern man sich nicht allzu offen als solcher zu erkennen gab. Es existierte noch eine jüdische Schule, die beide Mädchen besuchten. Die Familie wohnte in einem winzigen Zimmer in der Nähe des Praters, was für die Kinder ein kleines Paradies bedeutete. Es verging kaum ein Nachmittag, den sie nicht im Prater verbrachten. Mit der Zeit kannte man die beiden niedlichen Mädels, die so häufig dort verweilten. So durften sie manchmal sogar kostenlos Karussell fahren oder auf den Ponys reiten. Für die kleine Ruthi sollte es die schönste Zeit auf der langen Flucht durch Europa werden. Auch in der Schule machte sie fröhlich mit und fühlte sich sichtlich wohl. Für Papa Hugo wurde es jedoch zunehmend schwerer. In seinem Beruf als Fleischer bekam er keine Anstellung und um Geld zu verdienen, musste er Abend für Abend in Kaffeehäusern oder Restaurants hausieren gehen. Eine bedrückende Vorstellung, die er nur schwer ertrug. Auch Mama Mathilde litt sehr darunter. Doch da sie schwer herzkrank war und ihr Gesundheitszustand sich immer weiter verschlechterte, konnte sie eine berufliche Tätigkeit kaum noch ausüben.

Die Tage vergingen, das Leben in Wien nahm einen fast normalen Lauf, sofern man es so nennen konnte. Man fügte sich seinem Los, in der Hoffnung auf eine baldige Besserung.

Doch es sollte schlimmer kommen.

Es war Anfang 1938 an einem schönen Frühlingnachmittag. Wie immer steuerten die Mädels den Prater an, um sich ein wenig zu vergnügen, doch heute war alles anders. Plötzlich wurden sie gemieden und durften nicht mehr an den Fahrbetrieben teilnehmen. Alles das, was ihnen so viel Freude bereitete, blieb ihnen von nun an verwehrt. In der Ferne sahen sie die Hitlerjugend in ihren braunen Uniformen in den Park einströmen und sich auf alle Fahrgeschäfte stürzen. Was da mit einem Mal geschehen war, konnten sie noch nicht verstehen. Traurig und verstört rannten sie zurück nach Hause.

„Mama, was haben wir ihnen bloß getan, dass sie uns nicht mögen? Wir sind doch genau wie sie, wir sprechen ihre Sprache und sehen nicht anders aus“, suchte die kleine Ruthi schluchzend nach einer Antwort. Lilo hielt sie fest an der Hand und drückte sie an sich. Auch sie kämpfte mit den Tränen.

„Ihr habt nichts falsch gemacht, meine Süßen.“

Mama Mathilde versuchte sie zu trösten und wischte ihnen die Tränen aus den Augen.

„Die Kinder können nichts dafür, sie wissen nichts über uns. Wir alle haben eine schwere Zeit durchzustehen, doch auch das wird bald vorbei sein. Wir stehen fest zusammen und werden es gemeinsam schaffen“, streichelte Mathilde über die Köpfe der Mädels und versuchte dabei ihre eigene Verzweiflung zu unterdrücken. Draußen auf der Straße wehten bereits die ersten Hakenkreuzfahnen aus einigen Fenstern. Der Nationalsozialismus breitete sich wie ein brauner Teppich über die Stadt und über ganz Österreich aus. Hitlers Truppen marschierten ein und erzwangen den Anschluss an das Deutsche Reich.

Wieder wurde die Familie von der Angst erfasst, vertrieben zu werden und von der Sorge, wie es jetzt weitergehen sollte. Für Hugo stand der Plan fest. Sie werden jetzt nach Palästina ziehen. Die Frage war nur, wann und wie.

Eines Tages erfuhr er aus der Tageszeitung, dass König Georg der Zweite von England Wien besuchen würde. Da unternahm er einen Versuch, der unfassbar war. Er beschloss dem König einen Brief zu schreiben, indem er ihm die ganze Lage schilderte und um Hilfe für ein Zertifikat nach Palästina bat. Mama Mathilde war das alles nicht so recht. Sie regte sich darüber auf, da sie es für ein Hirngespinst hielt und sich nichts davon versprach. Aber von dieser Idee war Hugo nicht abzubringen, hatte er doch durch seine sprichwörtliche Sturheit schon so manches erreicht. So geschah es. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit schon lag ein Antwortschreiben im Briefkasten. Es glich einem märchenhaften Traum, den man kaum in Worte fassen konnte. Sie erhielten einen Termin und wurden ins Hotel zum König einbestellt! In den folgenden Tagen war die Aufregung besonders groß. Mama Mathilde nähte den Mädels neue Kleider und man sprach den ganzen Tag nur noch über den bevorstehenden Besuch beim König. So ersehnten sie in schlaflosen Nächten den großen Tag herbei. Mit einem großen Strauß roter Rosen fuhr die Familie zum noblen Hotel. Doch irgendetwas ging auf der Fahrt schief. Die Aufregung war so groß, dass sie die falsche Straßenbahn bestiegen und wieder zurückfahren mussten. Mit erheblicher Verspätung erreichten sie hechelnd ihr Ziel und konnten den König nur noch in seinem Wagen bei der Abfahrt begrüßen. Er schickte sie zu seinem Sekretär hinauf, der über alles unterrichtet war und ihnen das Zertifikat aushändigte. So unglaublich es klang, ihr sehnlichster Wunsch war in Erfüllung gegangen. Ein Märchen war wahr geworden. Drei Wochen später standen sie mit ihren Koffern im Hafen von Triest und bestiegen das Passagierschiff GALILEO, mit dem Ziel Haifa in Palästina. So gelang der Familie die Flucht aus ihrer deutschen Heimat, um der Vernichtung in den Konzentrationslagern der Nazis zu entkommen.

Nach ihrer Odyssee durch mehrere europäische Länder, die ihnen zumeist den Aufenthalt verweigerten, landeten sie schließlich im damaligen englischen Mandatsgebiet Palästina. Es war nicht das Land, in dem Milch und Honig flossen. Es war auch kein sicherer und begehrter Ort um zu leben. Doch für Juden, die in vielen Ländern und zu allen Zeiten Anfeindungen, Verfolgungen und Pogromen ausgesetzt waren, galt es als natürlicher Zufluchtshafen, den sie sich seit Jahrtausenden erträumt hatten.

NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM, so endete seit Anbeginn des Judentums die Anrufung in den jüdischen Gebetsbüchern.

Kapitel 5Das Heilige Land

Diese Heimat, die vor 2000 Jahren, zurzeit des Juden Jesus, Galiläa, Judäa und Samaria hieß, gilt als historische Wiege des Judentums und später auch des Christentums. Seit der Vertreibung der Juden durch die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus, existierte auf diesem Boden, der hauptsächlich aus heißem Wüstensand und ausgedehnten Sumpfgebieten bestand, weder ein eigenständiger politischer Staat noch eine selbständige Nation. Geschichtsschreiber erzählen über den heroischen Kampf aufständischer Juden gegen die römischen Besatzer und den Fall ihrer letzten Bastion Massada am Toten Meer, 73 nach Christus. Die für Juden heilige Stadt Jerusalem und der zweite Tempel wurden von den Römern zerstört, den Juden das Betreten der heiligen Stätten verboten. Die Provinz Judäa, die als Königreich Davids auf die zwölf Stämme Israels gründete, wurde von Kaiser Hadrian im Jahre 135 n.Chr. in Phillistäa, nach dem Volksstamm der Philister, umbenannt. Diese waren Jahrhunderte zuvor übers Meer von den ägäischen Inseln gekommen, hatten sich im Küstenstreifen des heutigen Gazastreifens angesiedelt und bekämpften die dort lebenden Juden. Kaiser Hadrians Wunsch und Befehl war es, jede Verbindung zu den jüdischen Wurzeln für immer vergessen zu machen. Auf den Ruinen der zerstörten Hauptstadt Jerusalem wurde die römische Kolonie Aelia Capitolina, benannt nach dem Mittelnamen des Kaisers Hadrian und dem römischen Kapitolhügel, neu aufgebaut und von Nichtjuden besiedelt. Die meisten der dort lebenden Juden wurden getötet oder verbannt und verstreuten sich während der folgenden Diaspora in viele Länder auf der ganzen Welt.

Über 500 Jahre später kündigte der Prophet Mohammad die Geburtsstunde des Islams an. Im Jahre 636 n. Chr. drangen Stämme aus der arabischen Halbinsel, dem heutigen Saudi Arabien, in die Region ein, die seinerzeit dem christlichen Byzanz angehörte, und zwangen die Bewohner oftmals mit dem Schwert die neue Religion des Islams anzunehmen.

Es begann eine wechselhafte, leidvolle Geschichte von Besitzer und Besatzer. Unter den Arabern wurde das Land abwechselnd von Damaskus, Bagdad und Kairo aus regiert. So lebten Araber und Juden über Jahrhunderte gemeinsam in Palästina unter wechselnden Herrschern, zuletzt unter osmanischer und englischer Verwaltung. Alle Bewohner dieser Region wurden damals als Palästinenser bezeichnet. Doch Sie bildeten weder ein vereintes Volk noch eine einheitliche Nation. Beduinen zogen mit ihren Herden durch das Land, Fellachen lebten in Dörfern, wo sie zumeist als Pächter ihre kargen Böden bestellten, andere in arabischen Städten und Gemeinden. Ein Großteil des unbewohnten Landes erstreckte sich über die unfruchtbare Negev Wüste im Süden, während große Flächen in der Mitte und im Norden um den See Genezareth herum überwiegend aus malariaverseuchten Sumpfgebieten bestanden. Eigentümer vieler Böden waren zumeist reiche Syrer, die in Damaskus lebten. Viele Ländereien gehörten im Ausland lebenden arabischen Großgrundbesitzern, die mit dem öden Grund nichts anfangen konnten. Im Laufe der 400-jährigen osmanischen Herrschaft verkam ein Großteil des Landes. Neue arabische Großgrundbesitzer aus Syrien, Ägypten und Libanon bestachen Behörden, um sich riesige Gebiete anzueignen und die darauf lebenden Fellachen und ziehende Beduinen zu vertreiben oder durch hohe Zinszahlungen zur Aufgabe zu zwingen. Sie nutzten diese Grundstücke als Spekulationsobjekte, um sie später für viel Geld an Juden aus Amerika und Europa zu veräußern. Seit der am Ende des 19. Jahrhunderts von Theodor Herzl angestoßenen Zionistischen Bewegung und der Gründung des Jewish Colonial Trust im Jahre 1899 rückte Palästina für Juden wieder stärker ins Blickfeld. Jüdische Organisationen kauften das Land den arabischen Besitzern ab und begannen es zu kultivieren. Sie legten mit Hilfe von Eukalyptus Bäumen aus Australien die Sümpfe trocken und kultivierten die Wüste. Sie gründeten Städte, Dörfer und gemeinschaftliche Kolchosen, die man Moschavim und Kibbuzim nannte. Auf Sand gebaut, entstand 1909 die heute florierende, weltoffene Stadt Tel Aviv, was Hügel des Frühlings bedeutet.

Kapitel 6Die Aliyah (Der Aufstieg)

Mitte und Ende der 30iger Jahre waren Schimons Großeltern mit ihren Kindern in das Land ihrer Väter zurückgekehrt, wo sie begannen, sich eine neue Zukunft aufzubauen.

Der erträumte Frieden lag aber noch in weiter Ferne, denn immer wieder flammten bewaffnete Konflikte zwischen Arabern und Juden auf, die mit der Zeit deutlich heftiger wurden. Aufgehetzt von Hadi Amin al-Husseini, dem radikalen Mufti von Jerusalem, der sich 1941 mit Hitler verbündet hatte, folgten viele Muslime seinem Ruf zum Jihad, dem Heiligen Krieg gegen die Juden, mit der Behauptung, die Juden würden ihnen das ganze Land wegnehmen wollen.

Abraham, der Neueinwanderer, hatte so etwas nie im Sinn. In seiner Umtriebigkeit besaß der Junge kein Sitzfleisch und suchte immer das Abenteuer. So beschloss er schon im Alter von fünfzehn, mehr von der Welt sehen zu wollen und verschwand bei Nacht und Nebel aus dem Elternhaus. Niemand wusste wohin. Die Eltern machten sich Sorgen. Salomon fuhr in der Gegend herum und suchte Awremel in allen Ecken der Stadt, doch sein Sohn war nirgends zu finden. Abraham wollte die Welt sehen. In der Hafenstadt Haifa heuerte der Ausreißer unter falscher Altersangabe als Schiffsjunge auf dem Frachter HAR ZION an. Stolz posierte er in seiner weißen Uniform mit gewelltem, nach hinten gekämmtem Haar und strahlend blauen Augen auf dem Schiffsdeck für ein Foto, das er irgendwann seinen Eltern schicken wollte. Als das Schiff zum ersten Mal das Festland verließ und er oben an der Reling stand, flossen plötzlich die Tränen. Mit einem Mal war ihm bewusst geworden, dass dies keine Urlaubsfahrt werden würde. In diesem Augenblick überwältigten die Sehnsucht nachhause und die Angst vor der ungewissen Zukunft seine unbändige Abenteuerlust. Nicht einmal schwimmen konnte der Junge als angehender Seemann, doch das wurde ihm schon während der ersten Fahrt von den gestandenen Seebären rüde beigebracht. In einem Hafen warf man ihn vom Deck aus ins Wasser, und erst als er um sein Leben ruderte und zu ertrinken drohte, flog der Rettungsring hinterher. Den Schwimmkurs hatte er erfolgreich bestanden.

Einmal führte die Schiffsroute in die Türkei, ins Schwarze Meer, nach Rumänien und nach Griechenland. In Europa tobte inzwischen der Zweite Weltkrieg und wälzte sich immer weiter in die Welt hinaus. Gerade legte der Frachter in Kreta an, als am Mittwoch, den 14.Mai 1941, deutsche Fallschirmjäger ihre Invasion auf der Insel eröffneten und die dort stationierten Engländer in heftige Kämpfe verwickelten. Buchstäblich in letzter Sekunde, gelang es dem Schiff den Hafen zu verlassen und auf das offene Meer zu entkommen. Es sollte Abrahams letzte Fahrt als Seemann werden. Ein unbestimmtes Gefühl drängte ihn, den Kahn zu verlassen. In Haifa beschloss er abzuheuern und einen neuen Weg einzuschlagen. Eine schicksalhafte Entscheidung. Auf der nächsten Fahrt des alten Dampfers, der voll mit Pottasche beladen war, wurde er vor der Küste Griechenlands backbord von einem Torpedo getroffen, das ein deutsches U-Boot abgefeuert hatte. Eine heftige Explosion zerfetzte das Mittschiff und es versank in den Tiefen des Mittelmeeres. Es gab keine Überlebende.

Der Krieg war in vollem Gange. Die Kämpfe in Nordafrika zwischen Hitlers Afrika Corps und den englischen Truppen unter General Montgomery tobten unerbittlich. Die Ziele der Deutschen waren vornehmlich strategischer und wirtschaftlicher Art: Sicherung des Mittelmeeres und der nordafrikanischen Häfen für deutsche Schiffe und Ausbeutung des lybischen Öls für die deutsche Kriegswirtschaft. Doch gab es seit 1942 auch Pläne, von Afrika aus in den Nahen Osten einzumarschieren und die Juden aus Palästina zu vertreiben, oder sie zu vernichten. Abraham meldete sich freiwillig zur englischen Armee, in die jüdische Brigade der Royal Airforce. Er diente in einer Versorgungseinheit und fuhr mit dem Lastwagen Munition von den englischen Militärlagern in Ägypten, Sudan und Libyen zu den Fronten. Zwei Jahre dauerten die heftigen Schlachten im heißen nordafrikanischen Wüstensand um Städte wie Tobruk oder El Alamein, schließlich gelang es den alliierten Truppen in schweren und verlustreichen Gefechten Hitlers Armee unter General Rommel in Afrika zu besiegen. Als der Krieg zu Ende ging, wurde die jüdische Brigade aufgelöst. Abraham verließ die Armee, glücklich und unbeschadet. Für seinen Lebensunterhalt erwarb er einen blauen, betagten Lastwagen der Marke Fordson aus englischen Armeebeständen, mit dem er in Tel Aviv seine Dienste für Transporte aller Art anbot. Währenddessen wurde die Situation im Land aufgrund von Attentaten und arabischen Überfällen auf jüdische Siedlungen immer prekärer. Die englischen Mandatsherren schlugen sich auf Druck einflussreicher Araber und aus politischem Eigeninteresse immer mehr auf die arabische Seite. Die Grenzen wurden für Juden geschlossen. Traumatisierte Holocaust Flüchtlinge, die dem Grauen der Nazis in letzter Not auf überfüllten Seelenverkäufern, wie der berühmt gewordenen EXODUS, über das Mittelmeer entkommen konnten, wurden von den Engländern mit Kriegsschiffen noch auf See oder schon im Hafen von Haifa aufgebracht und nach Zypern oder Mauritius umgeleitet. Menschen, die eben dem Tod entronnen waren, wurden jetzt auf den Inseln in Internierungslagern eingesperrt. Zu ihnen gehörte auch Onkel Bruno und seine Familie, der Arzt aus Breslau und Bruder von Schimons Oma Mathilde, der mit Gattin nach Mauritius verbannt wurde und dort als Lagerarzt dienen musste. Durch eine Infektion verlor er selbst ein Bein und war kaum noch in der Lage ohne Unterstützung eigenständig zu gehen.

Zur selben Zeit bekämpften in Palästina jüdische Rebellen und Kampfeinheiten, wie die Hagana und der Irgun und auch arabische Gruppierungen die englischen Verwaltungsherren, jedoch mit vollkommen unterschiedlichen nationalen Zielen. Das Bestreben beider Seiten war es zunächst die Engländer aus dem Land zu vertreiben und einen eigenen Staat zu gründen. Auf Dauer konnte England dem massiven Druck der Araber und Juden nicht widerstehen, man wandte sich an die UN Vollversammlung in New York. Nach eingehender Prüfung 1947 schlug die Versammlung die Beendung des britischen Mandates in dieser Region vor und sprach sich entweder für eine Teilung Palästinas oder für einen arabisch-jüdischen Föderativstaat aus.

Im November 1947 fand schließlich die schicksalhafte Abstimmung statt. Gebannt saßen Abraham mit Familie, Ruthi mit Familie, so wie alle Juden im ganzen Land vor dem Radio und lauschten voller Hoffnungen und Erwartungen dem Votum in New York. 33 ja Stimmen, 11 nein, 10 Enthaltungen, lautete das Ergebnis. Die Abstimmung sah mehrheitlich die Teilung Palästinas in ein jüdisches und ein arabisches Gebiet vor. Auf ca. 25.000 Quadratkilometer, einer Fläche kleiner als Belgien, sollten ein arabischer und ein jüdischer Staat entstehen, dessen Bevölkerung jeweils 1,3 Millionen Araber und 608.000 Juden zählte. Jerusalem –für Juden, Christen und Moslems von gleicher zentraler Bedeutung, war dabei als neutrale Enklave gedacht. Das den Juden zugesprochene Territorium entsprach einem kleinen, zerrissenen Fragment aus einigen Gebieten im Norden, an der Küste und dem größten Teil in der kargen Negev Wüste. Ansonsten waren einige jüdische Siedlungen auf arabischem Land verteilt. Der Weg von Tel Aviv nach Jerusalem lag voll und ganz in arabischer Hand. Notgedrungen waren die Juden mit der Lösung einverstanden, einen jüdischen Staat als winzige Insel mitten in einem arabischen Ozean ihr Eigen zu nennen. Gleichzeitig hätte es aber auch der Grundstein für einen eigenständigen arabischen Palästinenserstaat werden können. Kategorisch lehnte die Arabische Liga jedoch den Plan ab und drohte bei Verwirklichung mit militärischen Maßnahmen durch eine neu aufgestellte arabische Befreiungsarmee. Unmittelbar nach dem UN-Beschluss und seiner offiziellen Verkündung, griffen arabische Truppen jüdische Siedlungen an. Erbitterte Kämpfe flammten an vielen Orten mit jüdischen Einheiten auf. Nichts deutete auf einen bevorstehenden Frieden hin.

Am 14. Mai 1948 wurde die englische Flagge in Palästina endgültig eingerollt, der letzte englische Soldat verließ das Land. Das englische Mandat war beendet. Der Weg wurde frei für die Staatsgründung, der ersten und einzigen Demokratie im Nahen Osten.

Am Nachmittag desselben Tages rief David Ben Gurion über den Äther in Tel Aviv den neuen Staat Israel aus, international legitimiert durch den Beschluss der Vereinten Nationen und als neues Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft. Israel wurde umgehend von der Sowjetunion, USA und andere Staaten anerkannt. Die Menschen strömten auf die Straßen und feierten enthusiastisch die Geburt ihrer alten, neuen Heimstätte. Sie tanzten, umarmten sich und waren glücklich. Die warmen Sonnenstrahlen signalisierten Hoffnung und Zuversicht.

Die Freude währte nur kurz. Noch am selben Abend heulten die Sirenen in Tel Aviv. Ägyptische Flugzeuge dröhnten über die Stadt und warfen die ersten Bomben ab. Die Menschen suchten Schutz in den Luftschutzkellern. Fünf arabische Armeen setzen sich aus allen Himmelsrichtungen auf die israelischen Grenzen in Bewegung. Die Zeichen standen auf Krieg. In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 rückten Einheiten aus Ägypten, Transjordanien, Syrien, Irak und dem Libanon in Israel ein, mit dem Ziel, die Proklamation des jüdischen Staates zu annullieren und den Staat auszulöschen. Die arabischen Führer riefen alle in Israel lebenden Araber auf, ihre Häuser zu verlassen und versprachen ihnen, nach dem Sieg über die Juden, alles Land und noch viel mehr zurück zu erhalten.

„Mit Gottes Hilfe werden wir die Juden ins Meer werfen, Allah hu akbar“, lautete ihr Versprechen siegessicher.

Manche Araber blieben. Manche wurden von jüdischen Einheiten aus ihren Dörfern vertrieben. Hunderttausende aber glaubten an diese Versprechen und landeten für eine unbestimmte Zukunft in provisorischen Flüchtlingslagern nahe den Grenzen zu Israel.

Kapitel 7Palästinenser verlassen ihr Dorf

Auch Abdalla, seine schwangere Frau und ihre fünf Kinder, packten hastig ihr kümmerliches Hab und Gut und begaben sich zu Fuß auf den staubigen Weg nach Osten in Richtung Jordanien. Die Luft war heiß und stickig. Stumm und voller Angst, folgte die Familie dem forschen Schritt des Familienoberhauptes.

Immer wieder trieb er sie an: „Jalla, jalla, beeilt euch, die Juden werden uns abschlachten, wenn sie uns erwischen!“ Das war die Botschaft, die der Imam immer wieder verkündet hatte.

Aischa, seine schwangere Frau, trug einen schweren Korb mit Lebensmitteln auf ihrem Rücken, den sie vor dem Aufbruch noch auf die Schnelle zusammengestellt hatte. Abdalla war ein einfacher Mann, er wollte nur in Frieden leben. Er blickte noch einmal traurig auf seine schlichte verfallene Hütte zurück, auf die 7 Olivenbäume, die sein Vater vor vielen Jahren hier gepflanzt hatte, und auf das kleine Feld, das er von einem Großgrundbesitzer gepachtet und bis gestern noch für die Familie bestellt hatte. Es tat ihm weh dieses Stück Land, das seine Heimat war, zu verlassen, auch wenn es ihm nicht einmal gehörte und nicht viel hergab. Doch er war auch zuversichtlich bald wieder hierher zurückzukehren, dann, wenn der Krieg erst einmal vorbei und die Juden ins Meer geworfen waren- Inchallah! So hatten es ihm die arabischen Führer versprochen.

Früher hatte er ja gar nichts gegen die Juden, manchmal haben sie ihm ja sogar geholfen und ihm gute Ratschläge für die Bearbeitung seines Feldes gegeben. Aber jetzt, wo sie ihn vertreiben und ihm das Land rauben wollten, jetzt hatte er Angst vor ihnen und begann sie zu hassen. “Gott wird diese Ungläubigen dafür bestrafen“, hatte der Imam gesagt. Und bald, so hoffte er, würde wieder ein Sohn auf die Welt kommen, auf den er stolz sein könnte. Und Sinan, so würde er ihn nennen, sollte mit Allahs Hilfe hier zur Welt kommen, denn bis zur Geburt würden sie längst wieder zurück sein. Dieser Gedanke tröstete Abdalla ein wenig und er eilte schnellen Schrittes voraus.

Kapitel 8Der Unabhängigkeitskrieg

Für die Juden war der Befreiungskrieg des neu gegründeten Staates gegen fünf arabische Armeen ein Kampf ums nackte Überleben. Sie standen mit dem Rücken zum Meer, sie durften ihn nicht verlieren. Das wäre ihr Ende gewesen, und das Ende eines Jahrtausend währenden Traumes der sich eben gerade verwirklichte. Abraham wurde von der israelischen Armee mit seinem Lastwagen zum Militärdienst rekrutiert. Wieder pendelte er als Versorgungssoldat zwischen den Militärlagern und transportierte Munition und Proviant an die Front.

Zur selben Zeit diente auch eine junge Frau namens Ruth, bei einer anderen Einheit irgendwo im Land. Abraham kannte sie flüchtig, da Ruth früher mit Abrahams Bruder befreundet war. Und so begegnete er ihr immer wieder auf seinen Transportfahrten an der Torschranke irgendeines Militärlagers, wo sie Wache stand. Sie lernten sich näher kennen, trafen sich öfter, und es entwickelte sich eine Freundschaft, der mit der Zeit ein inniges Liebesverhältnis folgte. „Wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir heiraten, liebe Ruthi, eine Familie gründen und Kinder haben“, so planten sie ihre Zukunft. Die gemeinsame deutsche Herkunft, einigte sie im Herzen wie ein unsichtbares Band.