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Für Sari Alba hat sich ein Traum erfüllt. Ein Jahr ist sie zusammen mit ihrem Freund und auch alleine in die Länder gereist, in denen sie die Seele baumeln lassen konnte. Aller Zwänge enthoben beschreibt sie sehr persönlich ein genussreiches Leben jenseits von Verpflichtungen, Dos and Don'ts. Die Reise führt nach innen in die abenteuerlichen Räume des eigenen Selbst und nach außen in die Schönheit der Natur von Orten wie Nordwest-Amerika, Sizilien, Indien und Mittelitalien. Mit dem kleinen Hippie-Bus, dem Flugzeug, Überlandbussen oder auch mal trampend folgt sie dem inneren Ruf nach maximaler Freiheit. Dabei bleibt sie in ihren sehr authentischen und anschaulichen Erzählungen nicht an der Oberfläche hängen, vielmehr erlaubt sie tiefe Einblicke in ihr ureigenes Erleben auf der Reise. Die Erzählungen sind von einem leichten, fein-ironischen Humor durchzogen, sodass die Leser sich einerseits gut unterhalten fühlen, sich aber auch in den Beschreibungen mühelos wiederfinden können.
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2016
© 2016 Sari Alba
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-4034-9
Hardcover:
978-3-7345-4035-6
e-Book:
978-3-7345-4130-8
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Sari Alba
Ein Reisetagebuch mit kleinen Abenteuern undjeder Menge lustiger und tiefgründiger Geschichten
Der Stadtbus vor der Tür, den wir mit fliegenden Taschen und wehenden Haaren (das letztere zumindest bei mir) im Schweinsgalopp erreichen, bringt uns zum Kölner Hauptbahnhof. Biber rinnt der Schweiß schon jetzt vom Nacken runter in die Hose, dabei haben wir ja noch ein ganzes Jahr vor uns. Recht entspannt sitzen wir bei gemütlichen 250 Stundenkilometern im ICE, um in Frankfurt die Geschwindigkeit des Fortkommens auf 1000 km erhöhen zu lassen. Aber keinen Preis ohne Fleiß.
Bevor wir im wilden Westen landen durften, gab es ungezählte Gespräche, die wir immer wieder über Länder, Regionen, Klimazonen und Reisezeiten geführt haben. Über Wunschorte, die in der Seele reflektieren, noch weit entfernt von der Situation, dass wir eines Tages an irgendeinem Flughafen stehen oder den Schnüffel, unser ultimatives Reisegefährt, warm laufen lassen.
Wenn ich es recht überlege, hat bei mir alles schon in der Kindheit begonnen, als ich mir als Lebensziel das Reisen gesetzt habe. Andere ergreifen Berufe, ich wollte eigentlich immer nur reisen.
Je näher der Abreisetermin rückte, desto mehr schrumpelte die Zeit zusammen, in der die Millionen kleinen Dinge geklärt, besprochen, erledigt und abgehakt werden mussten. Es schien, als hätte es im Laufe von Bibers Karriere keine anstrengenderen Monate gegeben als diese letzten.
Als Außenstehende vernahm ich endlose Pflichten, unvermeidliche Kollegenaktivitäten (treffen, essen, saufen), Anleiern von Kontakten, die nach dem Sonntagsjahr helfen sollen, in ruhigere Arbeitsgewässer zu führen. Ich dagegen frage mich, ob es überhaupt ein Leben nach dem Sonntagsjahr geben könnte – wie absurd. Mir schien es, als müsse er – und ich leidend mit ihm – erst einen unkalkulierbaren Preis zahlen, um Eintritt in das Land der Freiheit und Hedonie zu bekommen.
Oft saßen wir am Tisch zusammen, jeder mit ernster Miene, eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen vor unseren Zeitplanern, und klaubten die uns verbleibenden Minuten zusammen, die nicht gefärbt waren von endlosen Internetrecherchen, Equipmentzusammenstellungen (für jedes zu bereisende Land ein anderes), Gesundheitsprophylaxe, Flug- und Schiffsbuchungen und Visabeantragungen.
Wir lebten nachher nur mehr in virtuellen Kopfwelten, ohne Bezug zu allem, was sich unterhalb des Halses befindet. Der Preis für Ruhe und Freiheit erhöhte sich immer mehr und Stress und Wahnsinn kulminierten in der Woche vor Bibers Wohnungsaufgabe und dem Auszug aus seinem Ort der Ordnung und Sicherheit (des kleinen Schuhkartons auf dem Dach eines Kölner Mietshauses) in roboterartiges Funktionieren und Tun. Ein Sonntagsjahr ist kein Spaß. Da musst du hart für arbeiten und es dir bitter verdienen.
Unsere vormalige Beziehungsroutine, die uns wunderbare Freiräume und ein harmonisches Miteinander gesichert hatte, geriet schon bei der Vorstellung ins Wanken, dass wir bald in meinem kleinen Schuhkarton kurzzeitig zusammenleben würden. Oh Schreck, wo bleibt dann mein Rückzugsort? Ich werde nie mehr ungestörten Nachtschlaf haben, weil Biber so frech schnarcht. Und wenn ich meine nächtlichen Hitzewellen habe und ich meine 1,74 m Spannbreite nicht mehr in alle Richtungen in meinem Bett ausfahren kann, weil er die Hälfte dessen mindestens einnimmt? Und womöglich will er eine neue Ordnung der Dinge einführen oder schlimmer, räumt mir ordnend hinterher. Keiner wird seine Neurosen mehr frei und ungehindert und vor allem unbeobachtet ausleben können.
Außerstande mich selbst ausreichend zu strukturieren, bin ich eine Meisterin im „andere strukturieren“. Biber drängt sich als Objekt förmlich auf. Teilweise lässt er sich ohne Widerworte von mir organisieren, nimmt Planungshilfen und Zeitmanagementpläne an. Manchmal schaue ich ihn dann verstohlen von der Seite an, jederzeit eine körperliche oder verbale Gegenwehr erwartend, die meinen therapeutisch anmutenden Versuchen begegnet, Bibers Anforderungen in eine halbwegs menschliche Ordnung herunterzustrukturieren. Ein Verhalten, was mich unzufrieden und manchmal auch wütend werden lässt, bis ich merke, dass ich ja von niemandem einen Auftrag dazu bekommen habe. Ich gebe es nur widerwillig zu: ein typisches Frauenverhalten, passend zu seinem typischen Männerverhalten (um weiterhin so pauschal zu bleiben), sich und andere über dem Job zu vergessen.
Das Berufliche ist schnell erzählt: Ich gebe meinen vertraglosen Massagejob im Hotel auf, der behinderte Mann, den ich in einigen Dingen unterstütze, kommt auch ohne mich klar, signalisiert aber, dass ich in einem Jahr wiederkommen kann. Der Rest ist offen.
Letztlich ist dann auch jedes Ding eingetütet und gelabelt, einschließlich der 80 Umzugskisten, die mitsamt den Möbeln auf verschiedene Exfreundinnen von Biber verteilt werden.
Ich hatte mich nach dem anstrengenden Auszug wieder erholt, gab noch die ein oder andere Massage und fühlte mich halbwegs wieder zu Hause in meinen Körperzellen, als mein alzheimerkranker Vater nicht mehr essen konnte und abgemagert ins Krankenhaus überwiesen wurde. Vier Tage heißer Diskussion mit meiner Mutter, Bruder und Schwägerin über „kann man einen Menschen verhungern lassen, der noch kerzengrade auf dem Stuhl sitzt, den Löffel selbstständig zum Mund führt, mich ab und zu erkennt, und wenn man ihn lässt, auf zwei Beinen laufen kann?“
Ich informierte mich im Eiltempo über Vor- und Nachteile von Magensonden, die Frage nach Leidenszuständen im Endstadium von Alzheimererkrankungen, in dem mein Vater sich seit geraumer Zeit befand, und kam letztlich zu dem Schluss, dass eine künstliche Ernährung abzulehnen sei. Doch die Situation im Krankenzimmer, als mein Vater versuchte Rührei zu essen und jeder Bissen halb in der Luftröhre landete und nur mit Mühe und Husten irgendwann den Weg in seine Speiseröhre fand, unterbrochen von einem klar und deutlich gesagten „Scheiße“ seinerseits, und ich meinen Tränen freien Lauf ließ, werde ich erst einmal nicht vergessen.
Trotzdem wollen wir eine kleine Abschiedsparty am Rhein machen. Es findet sich eine freundliche Gruppe an Vater Rheins Gestaden ein, um bei hochsommerlichen 38 Grad und leckeren Salaten mit Bier und Wein anzustoßen. Bis halb drei in der Nacht liegen wir nur mit T-Shirts bekleidet auf Decken, nicht ahnend, dass dies erst einmal das letzte Sommergefühl sein sollte.
Biber war mittlerweile mit Taschen und Kisten zu mir in mein kleines Apartment gezogen, die ersten Abgrenzungsunternehmungen waren letztlich friedlich verlaufen.
Der Tag des Abflugs rückte näher und noch immer hatte dieser Umstand etwas Unwirkliches an sich. Träumen und Planen – gut und schön – aber sollte es jetzt wirklich, wirklich losgehen?
Wie miles-and-more Profiflieger lungern wir in Liegesesseln herum, bis die kurvenreiche Schlange an den Check-in Schaltern so klein ist, dass wir nicht mehr lange warten müssen. Unser Gepäck wird vom Laufband weggebracht und wir, die boarding-card in der einen Hand, entleeren mit der anderen unsere Wasserflaschen in unsere Bäuche.
Das letzte kostenlose Wasser vor dem Pazifik.
Seitdem die Zwillingstürme in New York von Flugzeugen zerstört worden sind, dehydrieren die Flugpassagiere regelmäßig auf den Transatlantikflügen, weil die Mitnahme jeglicher Flüssigkeit über 100ml an Bord verboten ist. Man muss schnell sein, das Flugpersonal um die ein oder andere Wassergabe zu bitten. Hat man Glück, entsprechen sie diesem Wunsch.
Wir landen in Island zwischen – einem wilden Land mit anheimelndem Flughafen und gutem Kaffee. Einige Wochen vorher hatten wir noch gebangt, ob wir überhaupt fliegen können, da Island von einer Vulkanaschenwolke eingenebelt war, aber heute ist die Luft klar und frisch.
Beim An- und Ausziehen meiner Überkleidung während der plötzlichen Hitzewallungen einer geplagten Frau im Klimakterium vergesse ich irgendwo in Island meinen geliebten Kuschelschal. Glücklicherweise habe ich noch einen zweiten Lieblingsschal dabei, den ich bei einer anderen Gelegenheit verlieren oder vergessen kann.
Bei der Wandlung von einer fruchtbaren in eine unfruchtbare Frau verliert man nicht nur einiges vom Östrogen, sondern auch Teile der Funktionstüchtigkeit des Großhirns. Man bekommt dafür aber nichts zurück, was in etwa so gemein ist wie ... ich weiß nicht, was so gemein sein kann. Die eine große Gehirnzelle funkt aber immer im Hintergrund, dass ein Biber in der Nähe ist, der sich schon ordnend und Dinge einsammelnd kümmert. Dieser Gehirnzelle ist nicht bekannt, dass sie sich nicht darauf verlassen kann.
Der Flug nach Amerika vergeht mit Filme gucken, schlafen und die Stewardessen abpassen, wenn sie was Flüssiges vorbeifahren. Gerädert entsteigen wir dem Eisenvogel, durchlaufen die Immigration und die Gepäckausgabe und sofort danach die Gepäckabnahme, um dann hoffentlich unseren mageren Besitz für unseren fünfwöchigen Aufenthalt im Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten behalten zu dürfen. Dass unsere Taschen und Rucksäcke nun mit kleinen Mikrophonen und unsichtbaren Ortungsgeräten versehen wurden, würden nur böse Menschen behaupten, die kein, aber so was von kein Verständnis für das Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner haben.
Die haben viel mitgemacht, die Amerikaner. Erst wollten die unzivilisierten Indianer ihnen kein Land abgeben, obwohl dieses doch von den Amerikanern selbst entdeckt worden war, dann starb ihnen später auf den Sklavenschiffen ein Großteil des herbei geschafften Personals weg. Damit nicht genug, mussten sie die schlitzäugigen Japaner mit eindrucksvollen neumodischen Bomben auf ihren Platz verweisen, die Bäume der Vietnamesen entblättern, damit sie diese besser sehen können, und jetzt gibt es auch noch die Achse des Bösen, der natürlich nur mit einem Krieg gegen den Terror begegnet werden kann. Biber und ich fühlen mit der waidwunden amerikanischen Seele tief mit.
Wie glückliche Urlauber gehen wir beide zum Schalter des Immigration-Officers, der finster schaut. Verständlich, wie kann er wissen, was wir im Schilde führen. Biber zeigt seinen Pass, ich zeige meinen Pass. „Are you family?“. „Ja“, möchte ich ausrufen, „für ein ganzes Jahr ist Biber nun meine Familie“. Aber ich antworte nur: „No, but we feel like“. Böse bellt der Officer zurück: „That means nothing.“ Wie kann er so hart sein?
Jetzt aber endlich mal raus aus dem absurden Theater und die Rolltreppe rauf direkt in Bills Arme – welche Freude. Als wir endlich sein Auto im Parkhaus gefunden haben, zückt er in hundertprozentiger Kenntnis der Reisebestimmungen zwei Becher und eine Gallone voller Wasser. (Es heißt natürlich eine Gallone Wasser, Gallone ist kein Behältnis. Wir sagen ja auch nicht ein Liter voller Wasser, aber wenn es sich schön anhört ...).
Bill bringt uns zur Fähre nach Vashon Island, nicht ohne vorher Nina, seine Ehefrau und meine Freundin, am Wegesrand einzusammeln, die einen unerfreulichen Tag im deutschsprechenden Kindergarten zugebracht hat. Ihr Chef scheint auf dem gleichen Niveau wie seine 2-4-jährige Klientel zu spielen.
Die Sonne und der frische Wind heißen uns auf Deck schon willkommen, als der Fährmann nach einigen Metern die Maschinen abstellt, der Motor verstummt und durch den Lautsprecher so etwas ertönt wie „Wal voraus“. Es herrscht eine ehrfürchtige Stimmung an Bord und jeder will eine Schwanzflosse oder zumindest die wasserglänzende Oberfläche des Riesen erhaschen. Wir galoppieren durch den Deckaufbau, weil der Wal mittlerweile Kurs auf Seattle downtown genommen hat und auf der anderen Seite der Fähre gesichtet wurde. Ich stecke mitten in diesem Aufbau, als Nina und die anderen ein großes Stück Wal entdecken. Mir bleibt, als ich wieder an Deck rauskomme, noch das glänzende Rückenteil zu sehen. Ein gutes Zeichen für eine schöne Zeit auf Vashon.
Vashon Island liegt schräg vor Seattle und ist ein hübsches Fleckchen Erde mit einigen Farmen, bunten Holzhäusern an exponierten Stellen über dem Meer, einem kleinen Ort mit Farmers-Market und Konzerten im Café, einer tibetisch spirituellen Szene und mindestens zwei Massageanbietern. Bei einem von ihnen hat Nina einen Raum für zwei Tage in der Woche untergemietet und hofft auf Kundschaft.
An unserem ersten Abend spreche ich wie immer beim ersten Mal, wenn ich auf englischsprachige Menschen treffe, ein vortreffliches Englisch. Alles fließt, der Jetlag lauert noch unbemerkt irgendwo in einer Ecke im System und wir sitzen gemütlich am Feuer, das Bill uns gezündet hat. Es herrscht eine herbstliche Feuchtigkeit auf dem Platz, einer Wiese, die sich von der Straße lang in ungemähtes, hüfthohes Gras zieht, an deren Ende unser Zelt steht. Bill hat ein Holzpodest gebaut und sein eigenes Zelt dort für uns aufgespannt. Für unsere Bequemlichkeit hat Nina uns zwei Plümmos bezogen und eine Schaumstoffmatte ins Zelt gelegt. Darauf thronen nachts dann unsere Rolls-Royce-Isomatten, damit die zusammen 90jährigen Knochen angenehm ruhen können.
Ich habe so viele Fragen an Nina, die nicht mehr abreißen. Wie lebt es sich im Bus? (ein Schmuckstück von einem alten gelben Schulbus.) Frierst du nicht? (Ich friere ständig bis auf drei Stunden am Tag, so die Sonne sich herausbequemt – es ist schließlich August – wenn nicht der kalte Nordwind das Erlebnis trübt.) Wo kaufst du ein? Ist Bio nicht zu teuer? Und, ach so, du kaufst gar nicht mehr immer nur Bio? (Meine Vorstellung ist, dass, wenn wir hier nicht exakt kontrolliertes Essen, also Organic Food zu uns nehmen, wir uns mit den genmanipulierten Lebensmitteln schreckliche degenerierende, noch unerforschte Krankheiten einfangen werden). Deshalb verbringen wir nach eingehendem Briefing durch Nina auch zwei bis drei Stunden im ortsansässigen Supermarkt, der hier und da kontrolliertes Essen und Trinken im Sortiment führt. Das allerschlimmste wäre es, Produkte mit Soja-, Mais- oder Weizenspuren zu uns zu nehmen, da diese flächendeckend mit genetisch verändertem Saatgut gezogen werden. Pest und Cholera!
Wir erschweren uns die Aufgabe des Einkaufens, indem wir mit hungrigen Mägen nach einer ausgedehnten Radtour im „Thriftway“ einkaufen gehen. Die Strategie ist, erstmal nur irgendwas jetzt und sofort Essbares zu kaufen, bevor wir später mit beruhigtem Bauch die Ware näher studieren. Eine edle Theke mit offenem Küchenbereich dahinter signalisiert uns, dass wir dort fündig werden. Nachdem wir bei „pay here“ einen preiswerten Snack bestellt haben, den wir bei „order here“ bezahlen, warten wir eine Viertelstunde völlig unterzuckert darauf, dass drei Leute vom Personal Plastikkäse zwischen zwei Toastscheiben stecken, diese in ein heißes Eisen legen, schwarz wieder rausholen und mir dann mit der Frage „is this o.k.?“ im Abstand von zwei Metern vorzeigen.
Als wir auf dem Gelände des Farmers Market in der Sonne sitzend das Festmahl auspacken, merke ich: es ist nicht o.k.
Ich weiß nicht mehr, was Biber hatte, aber das ein und andere Mal sah ich ihn mit einer Art Riesenlolli, einer Siedewurst am Stiel, ummantelt von fettiger Panade, glücklich wie ein Kind auf dem Jahrmarkt. Doch ich beruhige mich, Biber hat einen Pferdemagen, er wird nicht aus kulinarischen Gründen erkranken.
Nachdem wir satt sind – ich habe noch einen Apfel, den ich als ökotrophologisch korrekt einstufe, verspeist – kehren wir in den Einkaufsladen zurück. Allein eine halbe Stunde widme ich dem Studium der Brotregale und versuche mich daran zu erinnern, was Nina sagte, was auf der Verpackung stehen solle. Zur Not wären wir aber in der Bäckerei „Monkey Tree“ auf der sicheren Seite.
Das freundliche Personal an der Kasse kennt uns schon langsam; Englisch stotternd und desorientiert nach Orientierung suchend, sind wir schon aufgefallen. Hier muss man sich blitzschnell gegen das automatische Einpacken der Einkäufe in unübersehbar viele Plastiktüten wehren. So wedle ich immer schon mit meiner signalroten Fahrradtasche und räume dann selbst ein.
Der Jetlack hat sich mittlerweile bei mir gemeldet. Am ersten Tag fühlte ich mich aber noch großartig: Wir frühstücken mit Bill und Nina, die anschließend zur Arbeit mit ihrem antipädagogischen Chef fährt, leihen uns die Fahrräder der beiden aus und stecken uns auf der Inselkarte das Ziel „Leuchtturm“ ab.
Die Insel ist sehr hügelig und so überfordern wir uns mit einer mehrstündigen Tour auf und ab mit einigen waghalsigen Schussfahrten, an kleinen Buchten vorbei bis zur wunderschönen, lang gezogenen Bucht am Leuchtturm. Die Wolken geben eine grelle Sonne frei und ich schlafe ein wenig auf den silberfarbenen, ausgewaschenen Holzstämmen, die hier überall am Strand rumliegen. Manche sehen aus wie Wesen aus einer anderen Dimension, aus anderen haben Leute Kunstwerke geformt. Der Dunst hat sich ein bisschen vom Mount Ranier verzogen, dem 3000er in der Ferne auf dem Festland weiter südlich. Er ähnelt der Form des Fujiyama. Einige seltsam gekleidete Frauen kommen zum Strand, lange karierte Röcke und Häubchen für ihren Dutt tragend – offenbar christliche Anachronismen, die sich über zwei Jahrhunderte ihren Stil bewahrt haben. Eine Nische, in der die Evolution vergisst vorbeizuschauen.
Dem auf Vashon bisher immer feucht-kühlen Abend begegnen wir mit Daunenweste und kleinem Lagerfeuer. Ganz in der Nähe von unserem „Camp“ befindet sich eine „Rostery“. Sie rösten auf unterschiedliche Art unterschiedliche Kaffeesorten. Als Biber und ich dort am nächsten Tag einkehren wollen, hat sie schon geschlossen, aber Eva, die Besitzerin, stürmt aus der Tür und bittet uns herein. Wir bekommen eine Kurzeinführung in die Geschichte dieses Ladens (alles, was in Amerika als alt gilt, besitzt einen hohen Wert. Überall gibt es Antiquitätenläden, die zwar keinen Biedermeier oder etwa Barockes führen, aber durchaus z. B. einen Frisörstuhl aus den 50ern, was hier schon als historisch einzustufen ist.) Eva braut uns einen starken, sehr aromatischen Kaffee, den sie uns mit zwei kleinen zylindrischen Porzellanblumenvasen serviert. Aus einer bauchigen, stabilen Metallkanne füllen wir uns nun selber den Kaffee ein, strecken ihn mit der Milchsahne etwa wie in Frankreich den Pernot. Ein schokoladenschwarzer Brownie rundet unser sinnliches Erlebnis ab. Bill ist hinterher verwundert, da er sich den Kaffee dort immer selber aus einer unromantischen großen Kaffeekanne in einen Pappbecher drückt. Haben Biber und ich eine touristische Ausnahmebehandlung erfahren?
Überall wo wir in der ersten Sekunde mit unserem starken Akzent auffallen, kommt sofort ein freundlicher Kontakt zu Stande, der mindestens ein „where do you come from?“ beinhaltet, meist aber auch noch eine kleine Geschichte nach sich zieht. Eine zum Beispiel, in der der Amerikaner etwa als Kind auf einer amerikanischen Militärbasis in Süd- oder Mitteldeutschland ein paar Jahre zugebracht hat. Andere haben Freunde dort und haben Süddeutschland für zwei Wochen bereist (wo ich schon eine brauche, um den Jetlag zu verarbeiten).
Die Deutschen scheinen bei den Amerikanern eine Verbindung mit etwas sehr Positivem auszulösen – trotz der Kriege. Aber man will sich nicht weiter auf uns einlassen. Es bleibt bei den Kurzberichten über eine Verbindung zu Deutschland und den allgemeinen Tipps für Touristen, die wir schon aus dem Reiseführer kennen. Zuhören oder weiteres Nachfragen ist bislang im Kontakt eine Rarität. Haben sie Angst vor uns? Oder ist ihnen unser andersartiges Englisch peinlich oder wissen sie selber schon alles? Egal wie die Antwort lautet: die Freundlichkeit und Offenheit vereinfacht unser Reisen sehr. Man muss nur irgendwo suchend rumstehen, schon läuft ein Amerikaner auf einen zu, um seine Hilfe anzubieten.
In Deutschland hat der Respekt gegenüber der Privatheit der Menschen Züge angenommen, wo so ein ungefragtes Hilfsangebot womöglich als übergriffig empfunden würde. Hier in Amerika erlebe ich eher ein Miteinander, das der Ausdruck “hi and bye“ deutlich macht. Ich sehe dich, hab dich aber direkt wieder vergessen. Ist alles nicht so wichtig, nicht verbindlich. So ein sensibler Charakter, wie ich ihn habe, denkt zunächst erst mal, dass er Freunde für’s Leben gefunden hat und bleibt dann ernüchtert zurück, wenn er merkt, dass alles nicht persönlich zu nehmen ist. Da ziehe ich mich gekränkt zurück und sage laut zu Biber: „Ja typisch, genau wie man’s sich erzählt – die Amerikaner: völlig oberflächlich, kein Tiefgang – hätte ich ja wissen können“.
Am Samstag ist Farmer’s Market und meine sehr überlebensgewandte Freundin Nina hat ein Marktsegment gemietet, wo sie ihren kleinen Kunststoffpavillon aufbauen und „Massage am Stuhl“ anbieten wird. Früh morgens, als wir noch schlafen, hat sie sich aufgemacht, um im Ort ihre Künste gegen „Donations“ anzubieten. Bill hat ihr beim Aufbau geholfen und sagt, als er zurückkehrt, wir sollten ihr warme Kleidung mitbringen, wenn wir zum Markt fahren. Er legt auch gleich ihren feinsten Zwirn raus: eine alte, formlose, verblichene Jeans und ein weites kariertes Holzfällerhemd, als Nina zitternd anruft, sie fröre so sehr. Wir radeln zum Markt und finden sie am letzten Rand des Platzes vor, wo der schneidende Nordwind eisig durch ihren Pavillon zieht. Werbewirksam in Rock und T-Shirt gekleidet sieht sie schon blau gefroren aus, als sie sich mit den mitgebrachten Klamotten im Restroom (das ist kein Ort zum Ausruhen, sondern ein Klo) in eine kanadische Holzfällerin verwandelt. Mit diesem Outfit kommt dann auch endlich ihr erster Kunde: Biber. Es gelingt ihm, sich trotz der Temperaturen auf dem seltsamen Schemel zu entspannen. Ich schlendere derweil über den Markt und sehe mir die oft selbstgemachten Produkte an. Von Honig für 10 Dollar das Glas über wild zusammengenagelte Fantasiemöbel aus Holz bis zu Wein aus Vashon für nur 20 Dollar die Flasche gibt es alles, was die Feilbietenden ernähren soll, aber eigentlich nicht zu bezahlen ist.
Wir überlassen Nina ihrem Schicksal und kehren wieder in die heimelige Rostery zu Kaffee und Brownies ein. Hier fühle ich mich pudelwohl, hier ist es endlich einmal länger warm. Der Ort hat den Charme eines schottischen Pubs mit integrierter Bioecke. Eva und Ken, ihr Mann, sind leider nicht da. Den anderen Tag hatten sie uns noch Tipps für unseren Roadtrip die wilde Oregonküste hinunter gegeben.
Mittlerweile fühle ich mich als ein kleiner Teil der Vashon-Community, nicht mehr als Touristin: Wie selbstverständlich öffne ich die Tür zum Health-Center, wo Nina arbeitet, um sie von ihrem Massageraum abzuholen. Zwei Tage zuvor hatte ich sie dort massiert. Wir haben ein Zuhause; unsere Zeltecke draußen auf dem Grundstück und den Yellow Bus, das wunderschöne Vehikel, in dem Bill und Nina leben.
Am Sonntag, dem heiligen Tag, als Gott geruhte zu ruhen, ruht in Gottes eigenem Land „Amerika“ niemand. Deshalb fahren Nina, Biber und ich in die gelobte Shoppingstadt Seattle, um mal so richtig Dinge zu kaufen, die es in Deutschland nicht gibt oder die hier viel billiger zu erwerben sind, wie z.B. die amerikanischen Arbeiterhosen: „Jeans“. Mein Vorhaben ist es, mir so viele Jeans zu kaufen, dass ich mindestens fünf Jahre nicht mehr über Hosenkauf nachdenken brauche. Ich hasse Shoppen. Biber wähnt sich im Lande der Erfinder der Cargohose, einer gemütlichen Stoffhose mit vielen Taschen und Nähten. Sein Vorhaben ist es, beim Kauf auch so richtig zuzulangen. Bill ist zunächst nicht begeistert auf Vashon bleiben zu sollen und er wird nie erfahren, welch furchterregender Tag ihm erspart geblieben ist. Er hasst Shoppen (was ihn im Bushjuniorischen Sinne als unamerikanischen Amerikaner ausweist, da er nach 9/11 doch zum Heil aller shoppen gehen sollte).
So sind wir also mit Nina unterwegs mit der Fähre auf’s Festland. Beim ersten Stopp, führt sie uns in die Geheimnisse des Tankens ein, ein Wissen, was wir nie anwenden können, da es in Oregon, wo wir mit dem Auto unterwegs sein werden, verboten ist selber zu tanken.
Meine Freundin will uns unbedingt mit dem touristischen Herzstück Seattles bekanntmachen, dem „Pike’s Market“. Sonntags wollen aber alle Residents ihre Freunde und Bekannten, die Seattle besuchen, damit bekannt machen, und so kurven wir ein wenig up- und wieder downtown, um einen erschwinglichen Parkplatz zu finden. Als wir schon aufgegeben wollen, finden wir direkt unter dem Markt einen Platz, der zwar Geld kostet, aber kein Ticket auswirft.
Der Markt ist ein eben- und unterirdisches Gewusel von Läden, Ständen und Geschiebe und Gedränge von Menschenmassen. Der berühmte Pike’s-Market – ehemals eine Art Farmers Market, wo Leute mit Pferdefuhrwerken ihre Ware auf eine Fläche mit Holzbrettern führten, um einen reellen Preis dafür zu bekommen und so die Zwischenhändler auszuschalten. Nachdem man den Markt schon niederreißen wollte, ist er heute ein Touristenmagnet und eine interessante Antiquität.
Wir schauen noch ein wenig der Hauptattraktion zu, einem Fischstand, wo die Verkäufer mindestens noch eine Ballsportart beherrschen müssen, denn sie werfen sich riesige Fische über einige Meter hinweg zu und scherzen und unterhalten die gaffende Menge, die allerdings kein Kaufinteresse signalisiert. In der Menge lernen wir einen aufrechten Deutschen kennen, der uns erzählt, dass er jetzt für immer in Amerika bleiben wird. Die Immigration sei ihm leicht gemacht worden seit dem letzten Krieg. Bei Nina und mir fliegen die Gehirnzellen hin und her: Er ist noch keine neunzig, falls er den Zweiten Weltkrieg meint, und unsere „friedliche Unterstützung“ in Afghanistan bezeichnet bei uns in Deutschland außer den Pazifisten keiner als Krieg. Ein Schweigen entsteht, aber der Fastamerikaner klärt uns auf, indem er sich als Fremdenlegionär vorstellt. Jetzt wird das Schweigen noch größer und wir verabschieden uns bald. „Angenehmes Töten“ möchte man ihm noch mit auf den Weg geben. Aber immerhin: es gibt noch Jobs ...
Gegenüber dem alten Pike’s Market spielt eine geniale Band auf. Mit Waschbrett, Gitarre und Bass spielen drei ältere Jungs fesselnden Cajun, Louisianamusik. Noch Monate später ärgern wir uns, dass wir ihnen nicht eine ihrer CDs abgekauft oder einfach den ganzen Nachmittag als Zuhörer verbracht haben, dieses leichte, prickelnde Lebensgefühl genießend, was die Musik in unsere Fühlwelten transportiert. Aber wir sind irgendwie auf Shopping programmiert.
Die Straße herunter zieht uns der Hunger in Passagen hinein, in denen sich ein exotischer Imbiss an den nächsten reiht. Meine Nase hat gerade noch frischen Ingwer gerochen, als sie plötzlich mit Süßen und dann Fischigem konfrontiert wird und nun nur noch lange ausatmen möchte. Wir entscheiden uns für Bodenständiges: Käse und Brot, die wir auf einem kleinen Wiesenhügel mit Blick auf den Puget Sound verspeisen.
In dem ganzen Trubel stehen zwei chinesische Frauen am Rand des Hügels in einer Chi Gong Position – so was wie „Stehen wie eine Kiefer“. Alles vibriert in dieser Stadt um sie herum. Erlebnishungrige Menschen auf der Jagd nach mehr, Junkies mit leerem Blick, viele Nationalitäten tummeln sich auf der Wiese, auf der Mauer, am Wasser und auf den Gehwegen, und da stehen diese Frauen in absoluter, unbewegter Stille, wie das Zentrum in einem Orkan. Ein wenig neidisch und bewundernd blicke ich auf sie; da möchte ich eines Tages auch angekommen sein. Aber im Moment bin ich eine Jagende. Auf der Jagd nach schönen Aussichten, wunderbaren Fotomotiven, netten Begegnungen und der allgemeinen Entdeckung Nordwestamerikas habe ich noch einen längeren Weg vor mir bis zu dem totalen Sein, welches die beiden Frauen für mich verkörpern.
Nina will uns nun den Strand zeigen. Dafür rennen wir aber erst mal an unzähligen Docks vorbei, die langweilig und gleichförmig an der grauen Straße liegen, bis wir müde am kleinen Sandstrand ankommen. Drei Minuten gönnen wir uns – ich sitze auf einem großen Stein und blicke auf die Olympische Halbinsel, möchte hier sitzen bleiben, aber wir wollten ja shoppen, Nina drängt zum Aufbruch. Also eilen wir durch den Skulpturenpark zurück zum Auto und über weitläufige Autobahntrassen zu einer sehr ambitionierten und wärmstens empfohlenen Shopping Mall. In so einer Mall befinden sich viele Boutiquen mit bekannten Namen Shop an Shop und werden durch einen breiten Weg in der Mitte verbunden – eigentlich wie bei uns die Passagen, nur eben – wie alles in Amerika – größer.
Biber und ich stehen fassungslos vor der geballten Hässlichkeit der feilgebotenen Klamotten. Es gibt nur Omaklamotten und für die Männer breite, weite, aber dafür zu kurze Hosen. Weit und breit kein Chic, Neonlicht aus Deckenlampen verschärft das sinnliche Trauerspiel. Biber steht mit seinen Traummaßen hier völlig auf verlorenem Posten, er muss sich was maßschneidern lassen. Nina fühlt sich verantwortlich, sie möchte, dass zumindest ich eine Jeans finde, weil ich nur eine für diese Frühjahrstemperaturen viel zu dünne Hose dabei habe; ist ja immer noch August.
Erschöpft erstehen wir einen Cappucchino ‚to go’. Doch plötzlich entdeckt mein Späherblick einen angesagten Laden. Den Kaffee herumtragend – so wie es alle Amerikaner machen, weil keine Zeit zum Verweilen da ist – suche ich noch einmal fieberhaft in der abgedunkelten Boutique nach der ultimativen Jeans. Den Verkäufer muss ich dabei fast anschreien, weil die Musiklautstärke für eine Disco geeigneter wäre. Doch leider kein Glück. Ein wenig frustriert hängen wir mit unseren Pappbechern vor der Mall, als plötzlich in Ninas Gesicht die Sonne aufgeht. Es kommt nur ein Wort über ihre Lippen: „Ross“. Ross? Sie hat ihn gefunden ihren Lieblingsladen. Und damit ist das Glück noch nicht vollständig: „Target“ ist direkt um’s Eck, ihr Zweitlieblingsladen. Alle Energien werden nun mobilisiert, um doch noch ein Erfolgserlebnis mit nach Vashon Island nehmen zu können. Werden sich meine Konsumträume erfüllen?
Ross ist eine riesige quadratische Halle, ausgeleuchtet mit hellem Neonlicht. Wir gehen von oben hinunter in diesen Alptraum von rollenden Kleiderstangen, die unübersichtlich mit Fetzen wie aus der Altkleidersammlung bestückt sind. Wie meine Mutter, nur in dick, bin ich noch nicht bereit mich zu kleiden. Schnell sind wir durch und ich schaue Nina skeptisch von der Seite an. Habe ich in der Zeit, die sie in Amerika ist, eine bestimmte Entwicklung nicht mitbekommen? Sie war in Deutschland eine der bestangezogensten Freundinnen, die ich hatte, wovon ich manchmal profitierte, wenn sie ein hübsches Teil ausrangierte, was mir zufällig passte.
Unsere letzte Hoffnung hängt nun an Target. Im Eingang schlägt uns schon der Formaldehydgeruch entgegen, der ganze Laden ist elektrostatisch aufgeladen. Biber verschwindet in der Cargohosenecke, fischt aber nur Größen heraus, für die er seine Ausdehnung in die Vertikale zugunsten der Ausdehnung in die Horizontale verschieben müsste. In dieser Riesenboutique für Arme ist alles rot. Die Regale, die Kleidung der Verkäufer, die Kassen und Theken und selbst ich sehe bald rot, denn die „rags“, die ich in der Damenmodeabteilung entdecke, scheinen aus einer vergessenen Sammlung aus den Achtzigern zu stammen. Mit offenem Mund laufe ich fast wie ein Geist durch die Ständer und an den Regalen vorbei, als mir von hinten Nina eine Jeans in die Hand drückt. Wow! Wo hat sie die her? Fieberhaft suche ich nach der passenden Größe, obwohl ich auch fast schon bereit bin für diese Hose fünf Kilo abzunehmen. Hauptsache ich kann was kaufen. Dann in der Umkleidekabine stehen die Sterne für einen Moment günstig und die Hose sitzt wie angegossen. Trunken vor Seligkeit, die Erleichterung von Nina und den kleinen versteckten Neid von Biber spürend, gehe ich so entspannt Richtung Kasse, dass sogar noch für einen kleinen Spaß Zeit bleibt. Wir Frauen finden den Dallas-Traum eines Kleides – Tigerlook in 100% Synthetik – und halten ihn uns kokett vor den Körper, fotografiert von Biber, der uns viel sexier findet als Sue Ellen. Auch Nina fährt nicht mit leeren Händen nach Hause. Sie hat vier Rollen feinstes Toilettenpapier mit unglaublichen 1000 Blatt erstanden. Jetzt wird gefeiert. Wir fahren in ein nettes Thairestaurant kurz vor dem Fährhafen, essen Gemüse, trinken Bier und Eiswasser, was es überall gratis dazu gibt, und plaudern angeregt. Thanks God it’s Sunday.
Bill bricht am anderen Tag zu einem Arbeitsauftrag nach Norden auf. Dafür muss er eine Fähre für 23 Dollar nehmen, sechs Stunden Auto fahren und hoffentlich genug arbeiten, damit sich der Trip lohnt. Biber fährt zur öffentlichen Bücherei, um unseren Internetvertrag für unseren kleinen Chevrolet, den meine Freundin am Vortag am Computer für uns abgeschlossen hat, auszudrucken. Zehn Tage werden wir den südlicheren Westen erkunden. Ich denke, wir vier sind ein wenig erschöpft von dem ständigen Mit- und Umeinandersein, vor allem, weil wir beiden Touristen den Gastgebern Löcher in die Bäuche fragen, um uns in der Fremde zurechtzufinden und keinesfalls irgendwo anzuecken. Zudem musste das ganze Alltagsprozedere geklärt werden: wo werden die Zähne geputzt? (im Trailer der Grundstücksbesitzerin), wo ist der restroom? (entweder auf dem Eimer im provisorischen Badezimmer oder ebenfalls im Trailer), gibt es genügend Wasser für alle zum Duschen und wer duscht wann? (Wasser gibt es, wenn man den Gasofen neben der mit blauen Planen abgedeckten Außendusche anstellt, was ein wenig technische Einführung braucht. Dieses teure gaserwärmte Wasser wird aber nur benutzt, wenn das Wasser, welches sich in schwarzen, sich windenden Schläuchen in einem Paneel befindet, aufgebraucht ist. Dieses Wasser wird von der Sonne erwärmt und da selten genug Sonne scheint, stellen wir häufig mit schlechtem Gewissen ob des Energieverbrauchs den Gasofen an). Und frühstücken wir zusammen? Oder, wenn nicht, was und wo frühstücken wir dann, vor allem, wenn es draußen regnet?
Vielleicht muss ich an dieser Stelle genauer erklären, wie die beiden leben. Sie wohnen also in diesem gelben Schulbus, der mitten auf einer gemieteten Wiese steht. Die Besitzerin lebt selten auf dem Grundstück und wenn, dann in einem Trailer, einer Art Riesenwohnwagen, der klamm und schimmelig ist. Bill und Nina teilen sich gefühlte fünf Quadratmeter, eingeteilt in einen Küchen-/Wohnbereich, eine winzige Schreibecke, in der sie online gehen, und ein abgetrenntes Schlafräumchen, indem auch all ihre Klamotten untergebracht sind. Ziemlich eng, sodass Bill zwecks Ordnungsmanagement die Parole ausgab: Everything has its home.
Hinter dem Bus liegt der angelegte Garten und ein Gewächshäuschen, von dem ein schmaler Pfad auf eine Wiese führt, auf der wir zelten. Hier haben wir ein kleines Tischlein und zwei Stühle. Doch verweichlicht wie wir sind, fühlen wir uns hier nur im Trockenen und bei mindestens 20 Grad ausreichend wohl. So hocken wir also immer wieder im Bus und fühlen, dass es vor allem Nina, die ja ihren Arbeitsalltag hat, zu eng wird.
So entscheiden wir uns mal Urlaub vom Urlaub zu machen. Ausreichend gebrieft für alle Eventualitäten wird uns meine Freundin am anderen Morgen zum Flughafen bringen, wo unser schneeweißer, flotter Chevy auf uns wartet.
Den letzten Abend verbringen wir im Sonnenschein in einer kleinen schönen, einsamen Bucht, wo jeder seinen Gedanken nachhängt und ich einen wunderbaren Spaziergang über alte Holzstämme unternehme, die überallam Strand liegen.
Jetzt geht es los. Ninas alter Toyota wird vollgeladen mit dem gesamten Equipment, um an der wilden Oregonküste überleben zu können. Wir haben am Sonntag „Trader Joe“ einen Besuch abgestattet und Unmengen an Dosengerichten, Wasser, Chips und Cookies, Brot und Wein für mindestens eine Woche eingekauft. Joe hat eine Ladenkette, die viele Bioprodukte anbietet, die wir bedenkenlos konsumieren können. Er hat sich, wie wir später sehen werden, auf den Nordwesten beschränkt, wobei sein Freund Fred Meyer eher in Oregon seine Ware verkauft. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nina liefert uns pünktlich am Flughafen ab. Die Papiere für den Wagen fertig zu machen, nimmt aber soviel Zeit in Anspruch, dass es für sie, die zu ihrem Kindergarten muss, zeitlich eng wird. „Habt ihr alles?“ fragt sie mütterlich, als wir Tasche um Tasche und Rucksack um Rucksack vom Toyota in den strahlend blinkenden Chevy umladen. Ein kurzer Blick in den Kofferraum genügt, um, wie sich später zeigt, die leckersten und besten kulinarischen Sattmacher von Händler Johannes, wie er auf Deutsch heißt, vergessen zu haben. „Ja – wir haben alles“. Fatal.
Jetzt sind wir alleine im großen wilden Westen, die Kükenmama verschwindet und mit ihr sechs wundervolle rubinrote Weinflaschen. Der Chevrolet fährt sich fast wie von selbst, da er ein automatisches Getriebe hat und sich so leise und sanft fortbewegt wie ein Autoscooter. Wie von Geisterhand werden wir noch im Großraum Seattle in den nächsten Supermarkt geführt. Es fehlt immer was, obwohl wir doch beinahe täglich einkaufen. Mal ist es ein Brot oder eine Zahnbürste, da ich meine auf Vashon vergessen habe, oder Wasser. So ein Eindingeinkauf weitet sich natürlich meist aus, da wir beim einen ein anderes sehen, was wir auch dringend brauchen, und so zeigt die Kasse am Ausgang nie weniger als 20 Dollar an und Biber grinst mich halbschief mit einem schrecklichen Imbiss im Mund an – er braucht ständig Fettgebackenes, um sein inneres Kind zu besänftigen.
Dieses unerklärliche Einkaufen bleibt bis zum Schluss unseres Trips ein Rätsel. Ich könnte hier die Theorie bemühen, dass wir Sorge haben zu verhungern, eine alte existentielle Angst, die tief im kollektiven System verborgen ist. Für diese Theorie spricht, dass die Lebensbedingungen der ersten Siedler erbarmungslos hart waren und sie stets um ihr Überleben fürchten mussten. Haben wir diese 150 Jahre alte Energie irgendwo aufgeschnappt? Dann wäre aber noch die Frage zu klären, ob die ersten Siedler ebenfalls Tacochips mit Salsasauce, Chocolate-Cookies und Bier und Kaffee für ihr Überleben brauchten, so wie es bei uns der Fall ist.
Die Autobahn führt uns schnell von Tacoma nach Olympia, der kleine Chevy wirkt wie aufgezogen und wir erreichen die Westküste. Ärmlich und abweisend ist es hier, rau und kühl, Touristen suchen diese Gegend wohl nicht auf. Die Menschen leben hier eher in Baracken als in Häusern. Der Eindruck täuscht dennoch ein wenig, denn kaum ein Amerikaner lebt in einem Steinhaus, sondern in Holzhäusern, die mal aussehen wie Baracken und manchmal wie die bunten fröhlichen Häuser aus den Büchern von Astrid Lindgren. Viele leben auch im Trailer.
Hier, kurz vor der Oregonküste, scheint die Austernzucht ein ganzes Dorf zu ernähren. Aber unsere unflexiblen, konditionierten Sinne sind mittlerweile nur noch auf die vier Buchstaben C A F E ausgerichtet. Wo ist der Coffeeshop, die Espressobude, das gemütliche, schnuckelige Café am Meer. There isn’t any, is there? Mit schöner Gleichmäßigkeit kann ich bei mir ein Ziehen und Unwohlsein im Körpergeistseelegebilde bemerken, wenn ich nicht mindestens jeden Tag bestimmte Nährstoffe zu mir nehmen kann, wie zum Beispiel die lebensenergieerhaltende Kaffeebohne oder die in Alkohol verwandelte rote Weintraube oder die raffiniert verarbeitete Kakaobohne. Auch das Fehlen von krustigem, gehaltvollem Brot wird von einer unsichtbaren Instanz in mir fordernd bemerkt. Wie abhängig ist der Mensch? Warum habe ich mich nicht in Deutschland schon auf das amerikanische Nahrungsangebot eingestellt. Amerika tut alles dafür, dass wir uns langsam an amerikanische Überlebensstandards gewöhnen können. Jetzt werfe ich mir vor, warum ich nicht schon vier Wochen vorher bei McDonalds von Cheeseburgern über Hamburger, Big Macs oder Hamburger Royal TS (TS heißt nicht etwa turbostrong sondern Tomate und Salat) kulinarisch eingestimmt habe. Und sie machen es einem immer leichter. Im „Subway“ bei mir in der Südstadt um die Ecke hätte ich mich wirklich mit amerikanischen Delikatessen bekannt machen können. Und warum trinke ich mit boshafter Rigidität weder Eistee noch Cola? Durfte man mich überhaupt nach Amerika einreisen lassen, wo ich mich so wenig integrieren möchte? Zumindest war ich schon dreimal im Starbucks-Café in Köln, aber hier an der Westküste sehe ich keins von diesen beruhigenden, grünen, runden Schildern.
Als wir über zwei ewiglange historische Brücken über die Mündung des Columbiarivers in der alten Pelzhändlerstation Astonia einrollen, bekommen wir den Geistesblitz. Hat McDonalds nicht auch eine Cafébar? Zur Abendbrotzeit trinken wir dann endlich unseren Latte Macciato aus Jumbopappbechern. Ein bei uns normaler Kaffee ist hier small und alles, was darüber geht, hat Eimerausmaße. Diese Eimerchen nehmen die beschäftigten Amerikaner mit ins Auto, wo extra dafür zwei ausfahrbare Zangen bereit sind, den Kaffee bei der Fahrt schlabberfrei zu halten. Leider verweilen wir nicht in diesem historischen, viktorianischen Städtchen, weil wir einen Campingplatz für die Nacht suchen. Trotzdem stelle ich mir Lewis und Clark oder andere Abenteurer vor, wie sie vor 200 Jahren hier frierend am Feuer saßen und die Geschäftsvisionen anderer Leute, die sich im Warmen an der Ostküste befanden, hier am Columbiariver ausspähten.
Es gibt viele State-Parks entlang der Westküste und wir steuern den ersten an, der „full“ signalisiert. Ich sehe mindestens noch eine grüne Wiese, wo wir unser Zelt aufstellen könnte, aber der Officer, gekleidet in die lustige Uniform eines Pfadfinders, ist nicht zu bewegen von den Regeln abzuweichen. Gegenüber haben wir Glück. Eine teure Campingplatzkette hat noch einen freien Platz für Chevy und Zelt und wir richten uns neben Mary, einer jungen amerikanischen Mutter ein. Die unglaubliche Freundlichkeit und Kommunikationsbereitschaft der Amerikaner zeigt sich hier wiederholt und definitiv nicht zum letzten Mal. Die Einladung an ihrer Feuerstelle zu sitzen (jeder Platz hier hat eine Feuerstelle, das Feuer wird sofort entzündet, auch wenn danach keiner mehr dort sitzt) ist nur der Auftakt zu unzähligen weiteren freundlichen Begegnungen mit der amerikanischen Spezies Mensch.
Am nächsten Morgen bei der Weiterfahrt entdecke ich amerikanische Bunkeranlagen hinter einem Zaun und schieße durch die Maschen einige Fotos, als mit aufgeblendeten Scheinwerfern plötzlich ein Militärtruck auf mich zufährt. Erst sage ich mir noch, dass der Krieg gegen die Japaner schon seit einigen Jahrzehnten vorbei ist, doch als der LKW bedrohlich näher kommt, erfasst mich irrationale Angst, dass gleich ein paar Soldaten rausspringen werden und mich mit vorgehaltenen MP’s abführen, weil ich militärisches Gebiet fotografiert habe. Im letzten Moment packe ich die Kamera in die Tasche, als ich sehe, dass hinten auf der Ladefläche Touristen sitzen. Und ich dachte schon, ich würde für Jahre namenlos in Guantanamo verschwinden. Hier haben wir nur ein Museum der besonderen Art.
Der weiße Freund, ein Nachfahre der Planwagen, unser Chevy, bringt uns nun die Oregonküste hinunter nach Canon Beach, dem touristischen Magneten wegen seines breiten, großen Strandes. Dort machen wir einige Kopien der berühmten Fotos, versuchen dabei noch besser zu sein. „Canon Beach im goldenen Licht der sinkenden Sonne“ kann jeder, doch im Nebel in unterschiedlichen Grau- und Weißtönen, das muss gekonnt sein. Beim Lunch werden wir von einem jungen Mann bedient, der uns mit glühenden Wangen halb auf deutsch berichtet, dass er einige Wochen in Deutschland war – ein weiterer Ami mit german connection. Wir fahren meilenweit durch grasgrünes, fruchtbares Land, das von verschiedenen Flüssen durchzogen 40.000 glücklichen Wiederkäuern eine Heimat bietet. Den Käse der Milch dieser Kühe, die garantiert keine Hormone gefüttert bekommen, werden wir noch im ganzen Land zu essen bekommen. „Tillamook“ heißt er, der Cheddar, roter oder gelber, einzigartig schmeckender Käse.
Der Himmel ist grau, es sieht aus, als würde sich der Tag vor seiner Zeit dem Ende neigen. Nebel zieht auf. Wir steuern einen nationalen Staatspark an. Alle Aussichtspunkte und die allerschönsten Plätze hat der Staat in wohlgeordnete, regulierte Touristenoasen verwandelt – keinen Inch für Individualität. Alle fahren also zu so einem Aussichtspunkt, springen aus ihren Autos, gehen drei Meter zur rechten und drei Meter zur linken Seite, um Fotos zu schießen und sind innerhalb von wenigen Minuten wieder verschwunden. Verständlich, wenn man weiß, dass die Amerikaner nur zwei Wochen Urlaub im Jahr haben. Die State-Parks liegen in landschaftlich herausragender Natur und sind häufig mit Campingplätzen ausgestattet, die in Parzellen meist für die großen omnibusartigen Wohnmobilgiganten unterteilt sind. Später erfahren wir von einer amerikanischen Familie, dass die Parks lange vorgebucht werden. Diese Familie, Rosalind, Jerry und zwei halberwachsene Kinder, konnten durch Jerry’s Arbeitslosigkeit ihre Miete nicht mehr bezahlen und leben seither entweder auf dem Campingplatz eines State-Parks am Columbia River oder bei seinen Eltern. Doch wenn dieser Platz plötzlich vorgebucht wird, muss die Familie kurzfristig zusammenpacken, denn der State-Park verdient an den Vorbuchungen Extrageld.
Wir gondeln weiter nach Oceansideview, einem romantischen Dorf am Hang mit einem ausgezeichneten Blick auf den Pazifik. Die Hochzeit des Tourismus hat das kleine Idyll jedoch schon vor vierzig Jahren gehabt und so trinken wir BrühKaffee mit Kondensmilch bei Rosaine, der über sechzigjährigen Kellnerin, umweht vom Duft extrastarker Toilettenreinigungsmittel aus dem Hintergrund des Cafés – ähnlich berührt, wie bei unseren Stopps in Deutschland, wenn wir an Rhein und Mosel, dem Touristenmekka der 50er und 60er Jahre, irgendwo Halt machen, um Kaffee zu trinken. Von der Tapete über die Kaffeetasse bis zum Sevicepersonal macht es den Eindruck von erschreckender Unveränderlichkeit. Rosaine hat als einzigen Übernachtungstipp den Vorschlag am Strand zu zelten in petto. Wir sollten aber vor Rückkehr der Flut den Strand besser verlassen. Die Vorstellung von eindringendem Salzwasser in unser Zelt, wenn wir beide tief und fest die Flut verschlafen, lässt uns Oceansideview verlassen. Am Ende des langen Tages finden wir einen Campingplatz der schon bekannten Koa-Kette an einem Bach gelegen mit Feuerstelle und hautenger Nachbarschaft. Die Franchisenehmer sind derart patriotisch, dass sie den Menschen, die in den Farben der amerkanischen Flagge gewandet sind, 10% Preisnachlass geben. Blau-weiß-rot. Franzosen oder Holländer hätten hier ebenfalls die besten Chancen, Geld zu sparen.
Unsere Nachbarn sind sehr zutrauliche ältere Amerikaner. Er hat ein intensives Mitteilungsbedürfnis und da wir nicht unfreundlich erscheinen wollen, erfahren wir am Abend und auch nahtlos am anderen Morgen alles über sein Leben: den großartigen Vater, der acht Kinder zeugte, aber früh dem Alkohol erlag, eine mutmaßliche Konsequenz aus seiner Kriegserfahrung im ersten Weltkrieg, als er für den Weinbrandnachschub seiner Truppe zuständig war und mit ihr im Schützengraben unter Beschuss geriet. Als er sich in der Feuerpause umsah, waren seine Kameraden tot und er trank den ganzen Schnaps alleine. Fast tot fanden ihn die deutschen Soldaten und schossen ihm sicherheitshalber drei Kugeln in die Brust. Immer noch am seidenen Lebensfaden hängend, wurde er von ebenfalls deutschen Rotkreuzhelfern gefunden, gerettet, aufgepäppelt und zurück nach Amerika versandt. Jetzt zeigt uns der Sohn, unser Nachbar, ein winziges abgegriffenes Foto mit seiner ganz in cremeweiß gekleideten Familie und erklärt detailliert, was jeder einzelne beruflich macht, wie viele Kinder er oder sie hat und mit wem verheiratet. Eine Tochter ist grade an Krebs gestorben. Müsste man nicht eigentlich in Tränen voller Mitgefühl ausbrechen? Doch ich fühle mich völlig erschlagen von diesem Ansturm intimer Details aus dem Leben von Menschen, die ich fünf Minuten vorher noch nicht kannte und einen Morgen später nie wieder sehen werde und möchte mich eher unbemerkt verdrücken.
Weiter geht die Fahrt gen Süden. Kurz vor Waldport entdecken wir das Durchfahrtsdorf Seal Rock mit seinem sympathischen Campingplatz und seiner Anbindung an zwei bezaubernde kleine Strände, die von beeindruckenden Basaltfelsen eingefasst werden. Wir erinnern uns sofort an unser spät entdecktes Klettertalent und erklimmen freestyle einen dicken Brocken, der oben mit Gras bewachsen ist und mich, sobald ich mich gesetzt habe, in eine spontane Ruhe und Tiefe fallen lässt. Unterhalb auf einem kleinen Felsen im Wasser lümmeln sich zwei Robben und ich sollte später noch häufiger an ihrem Beispiel sehen, wie angenehm das Leben sein kann. Der Spruch aus unserem abendländischen Glaubensbuch: Sie säen nicht, sie ernten nicht und doch mangelt es ihnen an nichts, kommt mir bei ihrem Anblick unmittelbar in den Sinn. Einmal Robbe sein ...
Wir erkunden Waldport und Yahots, zwei kleine Dörfer am Pazifik, doch nur der Bioladen bleibt uns in Erinnerung, da dort fair gehandelter Bio-Kaffee extra frisch für uns aufgebrüht wird. Wir erfahren, dass dieses Jahr der Sommer leider ausfällt, da es im Januar und Februar schon sehr warm war. Abends zünden wir unser erstes eigenes Feuer in unserer Feuerstelle an. Immer wieder versucht Biber meine Holzklötzchenpyramide zu optimieren, scheitert aber und mein Prachtwerk fällt zusammen. Das ist nicht nett und wir führen zum Zwecke friedlicher Koexistenz ein höfliches Frage und Antwortspiel ein: „Darf ich den Holzscheit ein bisschen nach rechts rücken, damit das Feuer mehr Luft bekommt?“, „hm..., ja okay“ ... “Nein! Guck was passiert, du hast alles kaputt gemacht!“ Biber hat jetzt eh keine Lust mehr auf Feuer, da er von diesem verfolgt wird. Überall, wo er sitzt oder steht, schlägt der Rauch nach ihm und so wandert er schließlich rastlos um die Feuerstelle auf der Suche nach Frieden. Ich bin unempfindlicher, da ich die Wärme an diesen kalten Abenden liebe und mich am Feuer irgendwie so archaisch fühle – bin ich doch im wilden Westen.
Wir unternehmen wunderbare Strandwanderungen. Einmal müssen wir durch eine Siedlung an den Klippen hindurch einen lichten Kiefernwald passieren. Ich wandle so still und heiter durch das Kleinod, bis ich mich durch die vielen Hinweistafeln vor manchen Häusern frage, ob ich nicht doch eher gefährlich und verdächtig bin als heiter und still. Biber fühlt sich schon wie ein unerwünschter Eindringling – ich selbst bin nur neugierig, ob mich misstrauische Augenpaare hinter Vorhängen hindurch verfolgen oder ob gleich der Sheriff oder sein Deputy auftaucht, um Verdachtsmomente bei mir zu überprüfen, denn dies wird ebenfalls auf den Schildern (Neighbourhood-Watch) angekündigt. Wie durch ein Wunder bleiben Biber und ich unbehelligt, niemand verhaftet oder schießt auf uns. Feixend fotografieren wir uns vor dem letzten Schild, bevor es wieder an den Strand geht. Zwei Strandbesucher lachen uns zu, offenbar auch belustigt von dem Verfolgungswahn der Menschen hier.
Der Strand liegt einsam und von Dunst überzogen kilometerweit vor uns, es ist Ebbe und über Priele und Siele springen wir entspannt bis zu den ersten Häusern, die wir für den Dorfrand von Waldport halten. Wir erreichen ein kleines Sträßchen, das Way heißt und uns weiterführt über immer größer werdende Straßen, die dann Lane, Avenue, Alley und später Drive heißen und immer noch haben wir nicht die 101 erreicht, die wahrscheinlich Road heißen wird, über die wir nach Seal Rock zurücktrampen wollen. Verschwitzt und völlig erledigt gelangen wir in dieser menschenlosen Ferienhaussiedlung zu einer buntbemalten Bank, auf die wir uns gleichzeitig fallen lassen. Ohne Hoffnung mitgenommen zu werden, halte ich beim ersten Motorengeräusch sitzend den Daumen raus und siehe da – ein 100.000 Dollar teurer Geländewagen mit Ledersitzen nimmt uns auf und fährt zufällig in die gleiche Richtung. God bless America and all the germans, who travel in God’s own country.
Als der Campingplatzhausmeister mich auch noch in seinen Trailer zum Skypen – einer mir bis dahin noch nicht bekannten Form kostenlosen Internet-Telefonierens über das weltweite Netz – einlädt und mir mit Superglue aushilft, damit ich meine Sonnenbrille, aus der das Glas gefallen ist, kleben kann, da beginne ich die Amerikaner zu lieben.
Nach drei Tagen in Seal Rock hat sich eine schöne Routine eingestellt, zum Beispiel das Kaffeetrinken im Dorf. Den besten Kaffee bekommt man dort, wo man den Schlechtesten vermutet: bei diesen im ganzen Nordwesten und an der Oregoncoast verbreiteten Espressobüdchen, an die man von allen Seiten mit dem Auto heranfahren, aus dem Seitenfenster die Bestellung geben und entspannt bei laufendem Motor auf den Latte Single oder den Double Shot warten kann. Beim Letzterem handelt es sich nicht um eine neue Waffenart der amerikanischen Bodentruppen, sondern um aufgeschäumte Milch mit entweder einem oder zwei Espressi. Wir parken den Chevy, gehen zu Fuß zur Bude, plaudern mit Judy, die schon mehrfach in Deutschland war, nehmen unseren Biomilchkaffee entgegen samt einer Bärenklaue, einem süßen Teilchen in Form einer Extremität des Pelztiers, und setzen uns in die Sonne.
An einem dieser Tage, die nie ganz sonnig werden wollen und immer mal wieder von dichter Bewölkung über aufgelockerte Bewölkung bis zu Nebel und Regen variieren, brechen wir auf zu einem spektakulären Strandspaziergang Richtung Norden. Der Himmel verspricht erst immer blauer zu werden, doch langsam kommt Nebel auf, der nicht so dick und grau ist, wie man ihn aus Europa kennt, sondern zart und weiß, so wie Bodennebel am frühen Morgen, der sich langsam hebt und verweht. Doch dieser hier nimmt allmählich zu und verhüllt schon die Häuser auf den Klippen, den Spaziergänger vor uns, bis sie ganz verschwunden sind. Schemenhaft tauchen Figuren hinter uns auf, vor uns nehmen wir Geisterhäuser wahr, von Nebelschwaden für Momente freigeben, wenn wir näher kommen. Als Biber ein Stück vorgeht, sehe ich, wie seine Gestalt von einem unsichtbaren Radiergummi langsam ausradiert wird. Ich bleibe in einem wabernden Weiß alleine zurück, im Nichts. Irgendwann zieht es sich ganz zu, es wird kalt und ungemütlich. Wir kehren um, versehen mit dem genialen Einfall, doch noch einmal einen Shoppingversuch in Lincoln City zu versuchen, dreißig Meilen zurück Richtung Norden in der ultimativen Outlet-Mall, die in allen kostenlosen Informationsbroschüren über Oregon angekündigt wird. Schon bei dem Gedanken reiben wir uns die Hände und bekommen im Voraus große Kinderaugen. Vielleicht finden wir etwas, was wir schon immer haben wollten, aber zu einem Preis, der in Deutschland dreimal so hoch wäre. Au fein! Der Weg dorthin zieht sich, es herrscht dichter Verkehr, aber dann sind wir da. Ein Laden fällt uns direkt ins Auge. Christian’s Book Outlet. Oh, ein Buchhändler mit dem gleichen Taufnamen wie Biber: Christian.
In der Auslage liegen diverse Bibeln, christliche Schriften. Uns wird klar, dass Biber schon früher seltsam angesehen wurde, wenn er seinen ersten Vornamen auf die Frage „what’s your name?“ nannte. Der Arme heißt doch tatsächlich: christlich. So etwa in der Art wie: „Christlich, kannst du bitte mal kommen?“ oder „Christlich, haste mal ne Zigarette?“. Seither nennt er sich Chris und stößt bei jedem Amerikaner auf Zeichen von Wiedererkennung. Ah, Chris. Vor dieser Änderung antwortete ein Amerikaner auf seine Namensnennung: „Ah, we are also christian’s“.
Wir entdecken den Levis-Store. Aufgeregt stöbere ich in den Regalen für den Modeschnitt „Bootcut“. Das ist die coole Jeans, in der man mit 47, wenn man den Bauch einzieht, aussieht wie mit 30. Zieht man ihn nicht ein, schlappt er über den Hosenbund und man sieht aus wie eine 47jährige, die aussehen will wie eine 30jährige. Ich alleine beschäftige drei Verkäuferinnen. Biber geht erst in der Herrenhosenabteilung seiner Wege, bis ich für ihn auch noch nach seiner für Amerikaner außergewöhnlichen Größe stöbere. Der große, schlanke, amerikanische Mann trägt entweder Hochwasser, Maßanzüge oder es gibt ihn nicht.
Mitten in der Kaufentscheidungsfindung raunt mir Biber mit blassem Gesicht zu, dass er einen Hexenschuss habe. Beim An- und Ausziehen der verschiedenen Hosen hat der Ärmste sich einen Nerv eingeklemmt und steht nun schief und unglücklich vor mir. Hier treffen nun mein Egoismus und sein Altruismus aufeinander. Er muss mir noch bei der Entscheidung für eine Jeans helfen und so hüpfe ich eilig in die verschiedenen Hosen, die in meiner Umkleidekabine hängen, kaum noch auseinanderhaltend, welche ich oder Biber schon als zweite Wahl aussortiert hatten. Dieser liebende Mann hält durch, wissend, dass sich die rettende Tramal-long – die Droge ohne Wahl in dieser Ausnahmesituation – nur unwesentlich entfernt in unserem Arztköfferchen im Auto befindet. So kurz vor dem Ziel habe ich den Tunnelblick aufgesetzt und verlasse tatsächlich das Geschäft mit der Ausbeute von vier Hosen, auch Biber schleppt eine Hose aus dem Laden, ein kleiner Trost. Jetzt geht’s zurück zum Zelt und Biber – sediert und erschöpft – meistert darin eine weitere Nacht.
Am nächsten Morgen ist klar, dass wir uns ein Motelzimmer nehmen müssen. Der Tipp eines Bekannten aus Deutschland, doch unbedingt im Moolackshore-Motel abzusteigen, ist goldwert. Zwanzig Meilen weiter nördlich liegt dieses Motel, welches wir Tage vorher mit Bedauern rechts liegen gelassen hatten, weil unsere Reisekasse Ausgaben in diesem Ausmaß nicht hergibt. Doch jetzt muss das Geld dafür auf den Tisch. Allein die Vorstellung in einem richtigen Bett zu schlafen, scheint Bibers Nerven (auch die eingeklemmten) zu beruhigen. Yvette, die überfreundliche Besitzerin, führt uns durch einige freie Zimmer, die alle zu einem bestimmten Thema gestaltet sind. Vom Teppichboden bis zum Waschbecken wird kaum ein Detail ausgelassen. Nachdem wir das Nautikzimmer gesichtet haben, wo man in Kajütenbetten durch Bullaugen hindurch aufs Meer blicken und alte Logbücher studieren kann, entscheiden wir uns für den Nostalgiaroom und werden unversehens in die vierziger-fünfziger Jahre geschleudert, als ob wir eine Zeitmaschine bestiegen hätten.
Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Queensizebett, geschätzte 1,80 m breit, thront mitten im Raum, bedeckt mit einer schweren, dunkel gemusterten Tagesdecke, und ich kann die Jahrzehnte, die seit ihrem Weben vergangen sind, förmlich riechen. Auch der Duschvorhang, mittelschwerer Brokat, der über die Emaillewanne hängt, so dass man noch deren Löwenkrallenfüße sehen kann, wirkt überzeugend echt. Wie haben es die Menschen vermocht, siebzig Jahre gegen den Hunger der Motten anzukämpfen? Überall hängen Fotodrucke von Hollywoodstars wie Humphrey Bogart, Marilyn Monroe, Ingrid Bergmann und andere 40er-Jahre Ikonen. Sie ziehen mich förmlich in ihrem Bann und ich weiß nicht, ob ich die Nacht schlafen kann, wenn Bogart so süffisant auf unsere Schlafstatt schaut. Der Wasserspülkasten ist aus Holz mit einem Messingknopf, den man zum Spülen hineindrücken muss. Zur Dekoration steht in einem Holzregal eine Sammlung von Damenbüsten aus Keramik, geschminkt und mit Hut, wie es Anfang der 50er üblich war. Wieviel Werte hier wohl in Form von amerikanischen Antiquitäten versammelt sind? Auf meinem Nachttisch steht eine Lampe mit einem Porzellanhahn als Fuß in schillernden Farben, die einen blind werden lassen. Ein staubiger Schirm spendet schummriges Licht. Die Krönung für mich ist allerdings eine multifunktionale Lampe, die oben sowohl einen Aschenbecher als auch ein Behältnis für Zigarren oder andere Rauchwaren eingearbeitet hat. Ich kann gar nicht aufhören, an allen elektrischen Kuriositäten zu drehen und zu drücken. Ein großer, brauner Kasten mit vier dicken Holzknöpfen auf der Oberseite zieht mich besonders an. Kindlich lustvoll, in der Vorstellung, dass der Kasten schon lange kaputt ist, dreh ich alle Knöpfe hin und her. Nichts passiert. Ich habe mich schon abgewendet als plötzlich irgendwo her ein tiefer dröhnender Bass ertönt. Biber ruft, ich soll den Ton ausstellen, aber ich bringe mich gar nicht mit diesem Geräusch in Verbindung – der Kasten, ach ja – ich dreh an den diversen Knöpfen, bis wieder Stille herrscht. Ein vorsintflutlicher Radiokasten vielleicht, aber außer diesem Ton kann ich dem Ding nichts weiter entlocken. Erst am nächsten Tag, als Biber und ich verschiedene Dinge genauer in Augenschein nehmen, entdecken wir, dass die Decken oder die Frauenbüsten neueren Datums sind und nicht handcrafted aus Amerika stammen, sondern kürzlich aus China importiert wurden. Das tut meiner Schwelgerei in dieser alten Kulisse keinen Abbruch.
Das Motel liegt zauberhaft oberhalb der Klippen und mit Blick auf den endlosen und breiten Sandstrand des Pazifiks. Wir spazieren langsam Richtung Süden und Biber erlebt eine Wunderheilung, sein Rückenschmerz verblasst und er fühlt sich sicher und gut aufgehoben, grad noch mal dem unwirtlichen Leben im Zelt entkommen. Die Häuser stehen hier häufig einige Meter von der 101 entfernt und müssen sich mit ihren Gärten auf wenige Quadratmeter beschränken, immer der Bedrohung von Erosion ausgesetzt. Ein amerikanisches Sylt. Der auf den ersten Blick stabile Fels oder Stein, der die Klippen bildet, ist in Wirklichkeit gepresster Sand mit Ton vermischt. Tritt man dagegen, bricht er entzwei.
Ein Haus, was zum Verkauf angeboten wird und welches wir näher in Augenschein nehmen, könnte noch seine fünf Meter Garten an das Meer abgeben, bevor es ihm selbst zum Opfer fällt. Keine gute Investition und so sehen Biber und ich von einem Spontankauf ab. Wir gehen bis zum Ende des Strandes, der bei Ebbe seine „Tidepools“ preisgibt. An Felsen und Steinen, die die meiste Zeit im Wasser liegen, jetzt noch feucht sind, haben sich Pfützen gebildet. Hier kleben nun die seltsamsten Lebewesen. Leicht angeekelt begegnen wir geleeartigen Seesternen mit violetter und orangener Färbung, verziert mit weißen Mustern auf der Oberseite. Ich berühre sie leicht, aber es kommt keine Reaktion von ihnen. Ein grüner Tubus, der sich schließt und öffnet und uns an einen menschlichen Schließmuskel erinnert, nennen wir kurzerhand „Pazific-Asshole“. Wie schändlich, wo es sich doch, wie wir später nachlesen, um eine grüne Seeanemone handelt.
An einem dieser Luxustage mit dicker fester Matratze unter uns anstelle einer schmalen Isomatte erwacht unsere Libido. Wie soll man zueinander finden, wenn man wie eine Presswurst im Zelt liegt. Mir ist immer noch nicht plausibel, warum die Schlafsäcke unten so eng zulaufen, dass nur die Härtesten unter uns keine klaustrophobischen Anfälle bekommen. Regelmäßig reiße ich den Reißverschluss am Fußende ein Stückchen auf, dass meine Zehen ein wenig Luft bekommen und sich mein Inneres wieder beruhigt. Liebe machen geht auch nur halbwegs nackt, aber die Vorstellung des Wortes „nackt“ lässt schon Gänsehaut auf meinem Körper wachsen, denn in Washington State hinunter bis Oregoncoast ist „nackt“ bei den herrschenden Temperaturen einfach nicht möglich. Doch hier – endlich – im Queensizebett, begleitet von den 40er-Jahre-Beauties, die aufmunternd auf unsere Liebesstatt herunter blicken, merken Biber und ich, dass wir mehr füreinander sind als Reisegefährten. Zufrieden und immer noch nackt genießen wir den Nachklang in unseren Körpern, als es plötzlich laut und vernehmlich an unsere Zimmertür klopft. Was ist los? Schnell drapiere ich das Laken – ebenfalls Queensize – um meinen noch warmen Körper und sehe womöglich aus, wie ein römischer Imperator. In der Tür steht Yvette und will uns unbedingt mit frischen Beeren und Vanilleeis in der Waffel beglücken. Ein unglaubliches Timing, finde ich. So aalen wir uns dann wahrhaft römisch auf dem Bett und verspeisen die freundliche Gabe.
Spätnachmittags sitzen wir auf unserer Veranda mit Pazifikblick und sehen der schon sinkenden Sonne zu. Der Abend bietet kulinarische Besonderheiten wie Dosensuppen aus der nicht aus den 40er Jahren stammenden Mikrowelle, hungrig aufgesogen von frischem Olivenbrot aus Fred Meyer’s Riesensupermarkt.
Seitdem wir verzweifelt in verschiedenen Märkten der Oregonküste kaum „organic food“ fanden und im Walmart schon resigniert aufgeben wollten (der Walmart hat eine so große Produktpalette, hatte ich in einer Dokumentation im deutschen Fernsehen erfahren, dass man dort sogar echte Schießpatronen kaufen kann. Ja da wird er doch auch Biobrot führen oder schließt sich das aus?), da stoßen wir ein paar Meilen weiter auf Fred Meyer’s wunderbaren, übersichtlichen, in freundliches Licht getauchten Supermarkt, der eine kleine zusammenhängende Bioproduktecke aufweist. Wir decken uns mit Lebensmitteln ein, als würden wir zu einer Expedition aufbrechen.
