14,99 €
Eine spektakuläre Entführung, eine rasante Flucht – die filmreife Geschichte von Shin und Choi Sie sind d a s Glamour-Paar im Südkorea der 60er Jahre: Der Filmemacher Shin Sang Ok und die Schauspielerin Choi Eun Hee. Doch dann verschwinden die beiden plötzlich unter mysteriösen Umständen von der Bildfläche. Was ist mit ihnen geschehen? Die Spur führt zum verfeindeten Nachbarn nach Nordkorea, direkt ins Machtzentrum von Kim Jong Il, der mit Hilfe der Filmstars aus dem Süden das nordkoreanische Kino revolutionieren will – auch gegen ihren Willen. Verschleppt, gefangen gehalten und unter ständiger Bewachung, erfahren Choi und Shin über viele Jahre am eigenen Leib, wie nah Gunst und Verdammung beieinander liegen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als die Rollen zu spielen, die der Diktator für sie vorgesehen hat - bis sie die Regie schließlich selbst in die Hand nehmen. Spannend und einfühlsam erzählt Paul Fischer diese atemberaubende Geschichte über Liebe und Gefangenschaft, über die Macht der Bilder und über zwei Menschen, die jahrelang um ihre innere und äußere Freiheit kämpfen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2015
Paul Fischer
Die unglaubliche Geschichte einer Entführung nach Nordkorea
Eine spektakuläre Entführung, eine rasante Flucht – die filmreife Geschichte von Shin und Choi
Sie sind das Glamour-Paar im Südkorea der 60er Jahre: Der Filmemacher Shin Sang Ok und die Schauspielerin Choi Eun Hee. Doch dann verschwinden die beiden plötzlich unter mysteriösen Umständen von der Bildfläche. Was ist mit ihnen geschehen?
Die Spur führt zum verfeindeten Nachbarn nach Nordkorea, direkt ins Machtzentrum von Kim Jong Il, der mit Hilfe der Filmstars aus dem Süden das nordkoreanische Kino revolutionieren will – auch gegen ihren Willen. Verschleppt, gefangen gehalten und unter ständiger Bewachung, erfahren Choi und Shin über viele Jahre am eigenen Leib, wie nah Gunst und Verdammung beieinander liegen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als die Rollen zu spielen, die der Diktator für sie vorgesehen hat - bis sie die Regie schließlich selbst in die Hand nehmen.
Spannend und einfühlsam erzählt Paul Fischer diese atemberaubende Geschichte über Liebe und Gefangenschaft, über die Macht der Bilder und über zwei Menschen, die jahrelang um ihre innere und äußere Freiheit kämpfen.
Paul Fischer, geboren 1987, studierte Sozialwissenschaften in Paris und Filmwissenschaften in Los Angeles und New York. Er arbeitet als Filmproduzent in London, seine Dokumentation «Radioman» gewann 2012 den Grand Jury Prize des Doc NYC Festivals. Außerdem schreibt er für diverse Filmmagazine, Blogs und Zeitschriften.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2015
Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2015 zuerst bei Flatiron Books, New York, und in Großbritannien 2015 bei Viking, London, unter dem Titel «A Kim Jong-Il Production. The Incredible True Story of North Korea and the Most Audacious Kidnapping in History»
Copyright © 2015 by Paul Fischer
Umschlaggestaltung und Motiv HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich
ISBN 978-3-644-53131-4
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
www.rowohlt.de
Widmung
Eine Anmerkung zu Quellen, Methodik und Namen
Besetzung
Eröffnungssequenz
Ein Gefühl von Schicksal
1 Ein Fotograf auf dem Rasen des Blauen Hauses
2 Regisseur Shin und Madame Choi
3 Eine Krabbe zwischen Walen
4 Ein zweifacher Regenbogen über dem Paektusan
5 Kim Jong Ils erste Liebe
6 Im Inneren der Pjöngjang Picture Show
7 Ein Drei-Sekunden-Kuss
8 Repulse Bay
Zu Gast beim Geliebten Führer
9 Das eremitische Königreich
10 Unter Verdacht
11 Musicals, Kinofilme und Ideologieunterricht
12 Entführt
13 Die Anderen
14 Flucht aus dem Kastaniental
15 Hier starb Shin Sang Ok
16 Die Folterstellung
17 Büro 39
18 Der Hungerstreik
19 Regisseur Shin ist auf dem Weg
Intermezzo Woo In Hee, Schauspielerin des Volkes
Produktion: Kim Jong Il
20 Vereint
21 Der Kassettenrekorder
22 Licht, Kamera ...
23 Raus aus dem Norden
24 Wie ein europäischer Film
25 Die Pressekonferenz
26 Gemeinsames Bett, verschiedene Träume
27 Ein voller Drehplan
28 Das Gummimonster
29 Wien
30 Auf Kim folgt Kim
Stars & Stripes
Epilog
Nachwort
Tafelteil
Danksagung
Bibliografie
Bildnachweis
Für Mom, Dad und Crosby
Hauptquelle dieses Buches sind Shin Sang Oks und Choi Eun Hees eigene Berichte über ihre Erlebnisse in Nordkorea. Shin und Choi haben mehrere Memoiren und Artikel über jene Jahre verfasst. Diese Aufzeichnungen waren Ausgangspunkt für weiterführende Recherchen und für dieses Buch. Ich habe sämtliche Daten und Fakten mit anderen Berichten, Nachrichtenarchiven, wissenschaftlichen Abhandlungen und Originalinterviews aus betreffender Zeit verglichen. Ich habe an die fünfzig Interviews mit an der Geschichte beteiligten Personen und mit nordkoreanischen Flüchtlingen geführt, entweder weil sie direkt in die Geschichte von Shin und Choi involviert waren oder einfach, weil sie in den Siebzigern und Achtzigern in Nordkorea lebten und mir als Zeitzeugen Auskunft geben konnten. Obwohl Nordkorea für Außenstehende auch heute noch größtenteils ein Geheimnis ist, stehen uns inzwischen Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sich Informationen verifizieren oder widerlegen lassen. Mit Google Earth zum Beispiel lokalisieren inzwischen die meisten Menschen, die sich mit Nordkorea befassen, Gebäude und Orientierungspunkte aus den Beschreibungen geflohener Nordkoreaner. Soweit es mir möglich war, habe ich die Originalschauplätze der Handlung besucht: Ich war in Südkorea, in Österreich, Deutschland, Ungarn, in Hongkong und natürlich auch in Nordkorea.
Der Großteil der plastischen Beschreibungen im Text beruht auf zeitgenössischen Fotografien und Filmmaterial. Dialoge sind immer dann gekennzeichnet, wenn es sich um Zitate aus einer Originalquelle handelt, wie zum Beispiel die Memoiren von Shin und Choi. Ab und zu habe ich Dialoge gekürzt, dabei aber immer streng darauf geachtet, mit den Kürzungen nicht den beabsichtigten Tonfall oder die Bedeutung zu verändern. Tauchte derselbe Dialog in diversen Quellen auf, entschied ich mich für die Übersetzung, die am besten zum Kontext passte, oder suchte nach der Originalquelle und gab bei einem muttersprachlichen Übersetzer die Neuübersetzung in Auftrag. Da meine eigenen Koreanischkenntnisse bestenfalls rudimentär sind, fallen mögliche Fehleinschätzungen allein auf mich zurück.
Was Berichte aus Nordkorea betrifft, so ist allgemein bekannt, dass man aufgrund der Isolation der Demokratischen Volksrepublik Korea und des völligen Mangels an Transparenz bei jeder Geschichte auf das Wort des Erzählers angewiesen ist. Wann immer möglich, habe ich mich bemüht, dies mit Fakten zu untermauern. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Vorgehensweise zur Verifizierung der Tatsachen, wie sie Herr Shin und Madame Choi dargelegt haben, findet sich im Nachwort zu diesem Buch.
Im Koreanischen wird der Familienname dem Rufnamen vorangestellt. So ist Kim zum Beispiel der Familienname, und Jong Il entspricht unserem Vornamen. Da es keine allgemeingültigen Regeln zur Schreibweise gibt (Kim Jong Il wird manchmal auch als Kim Chong Il transkribiert und Choi Eun Hee als Choe Un Hui), habe ich mich bei allen koreanischen Namen für die gebräuchlichste Schreibweise entschieden.[1] In Zweifelsfällen habe ich versucht, bei der Schreibweise Rücksicht auf die Lesegewohnheiten westlicher Leser zu nehmen.
Der Gebrauch von Familiennamen war in Korea bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert hinein unüblich. Erst mit der Kolonialisierung der Halbinsel durch das japanische Kaiserreich bestand für die Koreaner die gesetzliche Verpflichtung, den Familiennamen zu führen. Die große Mehrheit der Koreaner nutzte die Gelegenheit, ihre Herkunft durch einen prestigeträchtigen Namen aufzuwerten, und suchte sich aus einer Handvoll Familiennamen einen aus – Kim, Lee, Park, Pak, Shin: Namen, die mit dem Grundbesitzadel des Landes assoziiert wurden. Aus diesem Grund teilen sich heute über 75 Millionen Koreaner nur etwa 270 Familiennamen. Protagonisten gleichen Namens sind also nur dann miteinander verwandt, wenn dies ausdrücklich erwähnt ist.
Kim Jong Il, Geliebter Führer, Sohn des Großen Führers, Leiter der Propaganda-Filmstudios
Shin Sang Ok, Südkoreanischer Filmmogul
Choi Eun Hee
Südkoreanische Filmschauspielerin
Kim Il Sung
Großer Führer, Gründer der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK)
August 1982
Das Letzte, woran sich Shin Sang Ok erinnern konnte, war, dass er in seiner Zelle kauerte, unfähig, seinen Herzschlag zu spüren, zu schwach, um sich zu bewegen oder aufzustehen. Er hatte jetzt fast zwei Jahre in einem nordkoreanischen Gefangenenlager verbracht, eingepfercht in eine Einzelzelle, die kaum groß genug war, um darin zu liegen, mit einem winzigen, vergitterten Fensterschlitz ganz oben in der Wand. Aus Ritzen im Boden krabbelte Ungeziefer. Abgesehen von einer halbstündigen Mittagspause, einem zehnminütigen Abendessen und dem halbstündigen «Sonnenbad» im Gefängnishof musste er, falls er nicht noch härtere Strafen riskieren wollte, den ganzen Tag lang in haargenau derselben Stellung ausharren; bewegungslos, den Kopf gebeugt, absolut stockstill.
Als er schließlich das Bewusstsein verlor, befand er sich seit fünf Tagen im Hungerstreik. Jetzt kam er auf einer Krankenstation wieder zu sich. Er rang nach Atem. Die heiße Augustluft war feucht und stickig. Dröhnende Kopfschmerzen vernebelten jegliche Gedanken. In seinem ausgedörrten Mund lag ein metallischer Geschmack, und der Magen wurde von Krämpfen geschüttelt. Die kleinste Bewegung verursachte ihm Schmerzen.
«Sieht aus, als käme der Kerl durch», sagte eine Stimme. «Er hat eben die Zehen bewegt.»
Shin öffnete blinzelnd die Augen. Ein Ermittler stand an seinem Bett und daneben ein hochrangiger Militäroffizier. Hinter den beiden stand ein wachsamer Gefängniswärter. Die beiden Männer unterhielten sich aufgeregt miteinander, sprachen Shin aber nicht an. Nach einer Weile verließen alle drei Männer den Raum.
Erst da bemerkte Shin, dass er nicht allein in der Zelle war. Ein Mitgefangener zog einen Schemel an Shins Bett heran und reichte ihm ein Tablett mit Essen. Shin kannte ihn. Er war ein Kalfakter, ein Gefangener, der im Gefängnis kleine Dienste verrichtete – Fegen, Wischen, Essenausgabe, das Überbringen von Nachrichten – und dafür das Privileg genoss, mehr Zeit außerhalb seiner Zelle verbringen zu dürfen. Oft war ein Kalfakter gleichzeitig auch ein Spitzel; so war er an diese Position gekommen, und so sorgte er dafür, dass er sie behielt.
«Iss», sagte der Kalfakter.
Shin musterte das Tablett: Reissuppe, eine Schale Eintopf, ein Ei. Gemessen am Gefängnisstandard, war die Mahlzeit Luxus. Shin lehnte ab. Als der Kalfakter versuchte, ihm mit einem Löffel etwas Suppe einzuflößen, presste Shin die Lippen zusammen. «Nimm», sagte der Kalfakter. «Das tut dir gut. Du musst essen.» Der Mann ließ nicht locker, und schließlich gab Shin nach. Obwohl ihm der Gedanke an Nahrung am Anfang Übelkeit bereitet hatte, kam mit dem ersten Schluck Suppe sein Hunger zurück. Gierig verschlang er den Großteil der Mahlzeit und ließ dem Kalfakter aus Dankbarkeit auch einen Rest.
«Was ist passiert?», fragte Shin.
«Du warst gestern nicht beim Appell», erzählte der andere. «Ich bin nachschauen gegangen und habe dich bewusstlos auf dem Boden gefunden. Du hättest ihre Gesichter sehen sollen! Sie hatten total Schiss, dass du ihnen weggestorben bist. Sie haben sofort den Arzt gerufen. Der hat deinen Puls gefühlt und dich hergebracht. Sie werden froh sein zu hören, dass du überlebt hast.»
Der Kalfakter musterte ihn eingehend. «Jetzt weiß ich wirklich, dass du wichtig bist. Hier interessiert es niemanden, ob ein Gefangener stirbt oder nicht. Ich war auch schon mal im Hungerstreik. Sie sagten nur zu mir, ein Mann verhungert nach zehn Tagen, eine Frau nach fünfzehn. Ich habe nicht so lange durchgehalten, ehe ich angefangen habe, um Essen zu betteln. Ich habe Geschichten über andere wichtige Gefangene im Hungerstreik gehört. Die wurden festgehalten und mit einem Schlauch zwangsernährt – sogar das haben sie dir erspart. Um dir deine Würde nicht zu nehmen. So wichtig bist du.»
«Wer war der Offizier?», fragte Shin. «Der Fremde?»
Das sei der Minister für Volkssicherheit, erklärte der Kalfakter, der Mann, dem das gesamte Vollzugswesen des Landes unterstand. «Ich habe noch nie erlebt, dass der Minister für Volkssicherheit den ganzen weiten Weg raus zum Gefängnis kommt, nur weil ein Gefangener sich zu Tode hungern wollte. Er hat denen hier die Hölle heißgemacht.»
«Du machst Witze!»
Der Kalfakter schüttelte nachdenklich den Kopf. «Du musst sehr gute Freunde haben, dass die sich so um dein Wohl sorgen. Kennst du jemanden? Wen kennst du?»
Shin schloss die Augen. Er dachte an sein Gefängnis: an die Gefangenen, die gegen die Wände klopften, um miteinander zu kommunizieren, an diejenigen, die plötzlich und völlig willkürlich hinaus auf den Hof gezerrt und dort exekutiert wurden, an die brutalen, gewalttätigen Wärter. Seit fast zwei Jahren lebte er in grausamer, sinnloser Gefangenschaft. Trotzdem kannte er im ganzen Land keine Menschenseele.
Shin Sang Ok war fünfundfünfzig Jahre alt, geschieden und Vater von vier Kindern. Er war der berühmteste Filmemacher Südkoreas, seiner Heimat. Dort hatte er zahlreiche Blockbuster gedreht, alle möglichen Filmpreise gewonnen und mit Präsidenten verkehrt. Vor vier Jahren war seine Exfrau Choi Eun Hee, Südkoreas berühmteste Schauspielerin, während eines Aufenthalts in Hongkong verschwunden, und als er sich auf die Suche nach ihr machte, war er reingelegt und nach Nordkorea entführt worden. Nach einer anfänglichen Phase eher lockeren Hausarrests wurde er in Gefängnis Nummer 6 gesperrt, zwei Stunden Fahrtzeit von der Hauptstadt Pjöngjang entfernt.
Nein, Shin kannte niemanden hier, und er wusste noch immer nicht, weshalb er entführt worden war. Doch eines wusste er.
Er wusste, wer seine Entführung angeordnet hatte.
In Pjöngjang, meilenweit weg von den ekelerregenden Zellen und Fluren von Gefängnis Nummer 6, kippte Kim Jong Il seinen Hennessy hinunter, setzte das Glas ab und sah zu, wie ein Kellner ihm lautlos nachschenkte.
Die Party, die um ihn herum tobte, gehörte zu den wöchentlichen Gelagen, die Kim für die Führungsriege des Zentralkomitees der Partei ausrichten ließ. Der große helle Saal war mit einer explosiven Mischung aus grellbunten Kunstblumen und farbigen, wirbelnden Lichtern dekoriert. An den um die Tanzfläche gruppierten Tischen labten sich Parteikader und hohe Beamte des Zentralkomitees an den feinsten Speisen aus dem Westen (Hummer, Steak, Gebäck) und aus Korea (kalte Nudeln, Kimchi, Boshintang oder Hundesuppe, Haifischflossensuppe, Jokbal oder gewürzte Schweinefüße in Sojasauce und Bärentatzen, eigens aus Russland eingeflogen). Sie tranken Cognac, Champagner, Soju (Reisschnaps) und andere nordkoreanische Spezialitäten wie Ginsengwein, wo sich die Wurzeln noch in der Flasche wanden, und Schlangenschnaps aus einem Krug mit Kornbranntwein, in den eine fette Giftnatter eingelegt war. Schöne junge Frauen im Alter zwischen fünfzehn und zweiundzwanzig bewegten sich tanzend, flirtend und kichernd durch den Saal. Sie trugen freizügige Kleider, einige von ihnen boten Massagen an; später würden viele von ihnen den Gästen auch sexuell zu Diensten sein. Als Gippeumjo oder Vergnügungsbrigade bekannt, waren diese Mädchen aus Schulen im ganzen Land handverlesen ausgewählt worden und hatten eine bis zu sechs Monate dauernde Ausbildung in Umgangsformen, Etikette und sexuellen Massagetechniken absolviert. Während ihrer Dienstzeit war ihnen jeglicher Kontakt zu ihrer Familie untersagt, welche für das Privileg, eine Tochter in derart herausragende Stellung entsandt zu haben, großzügig entlohnt wurde. Die Auswahl jedes einzelnen Mitglieds der Gippeumjo oblag Kim Jong Il höchstpersönlich.
Eine Band spielte eine Mischung aus nordkoreanischen und russischen Volksliedern und aktuellen südkoreanischen Pophits. Weil in Korea so gut wie jeder erwachsene Mann rauchte, hingen dicke Tabakschwaden in der Luft. Nach dem Abendessen begannen die Männer zu spielen – Mahjong oder Black Jack – und mit den zur Verfügung stehenden Mädchen Foxtrott, Disco oder Blues zu tanzen.
Kim saß am Haupttisch. Er hatte ein plumpes, ovales Gesicht, schwarze Augen, einen kleinen Mund mit vollen Lippen und eine breite, kurze Nase. Er trug eine Brille mit quadratischen Gläsern und bevorzugte Jacken mit Maokragen in Grau oder Blau. Er maß knapp 1,60 m, trug aber 12,5 cm hohe Plateauschuhe und eine hohe, jungenhafte Toupierfrisur, um seinen Mangel an Körpergröße zu kaschieren (die Mädchen der Vergnügungsbrigade durften zur Sicherheit nie größer als 1,57 m sein). Kim Jong Il war der Sohn des Großen Führers Kim Il Sung, des Kriegshelden und Gründers sowie Höchsten Führers der Demokratischen Volksrepublik Korea. Offiziell war Jong Il Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda und Direktor der Unterabteilung für Film und Kunst, doch obwohl sein Vater 1982 immer noch der offizielle Führer des Landes war, hatte Jong Il im Grunde bereits die Kontrolle übernommen. Den Schulkindern im Land wurde erzählt, er sei freundlich, einfühlsam und fürsorglich. Ihnen wurde beigebracht, ihn «Geliebter Führer» zu nennen. Er war einundvierzig Jahre alt, und die nordkoreanische Öffentlichkeit hatte noch nie seine Stimme vernommen.
Normalerweise war Jong Il Dreh- und Angelpunkt dieser wöchentlichen Partys. Quirlig und aufgedreht warf er mit schmutzigen Witzen um sich, befahl der Band, was sie zu spielen hatte, und sonnte sich in der unterwürfigen Beflissenheit seiner Lakaien, die auf die Füße sprangen, sobald er sie rief.
Doch an diesem Abend war Kim nachdenklich. Seine Gedanken kreisten ums Kino.
In den frühen Morgenstunden, wenn die Party vorbei war, würde eine Handvoll Leute dem an Schlaflosigkeit leidenden Kim in einen seiner Vorführräume folgen, um sich dort eine der Neuproduktionen aus dem staatlichen Filmstudio zeigen zu lassen. Im Laufe des letzten Jahrzehnts waren die Werke von Kims Filmcrews seiner Meinung nach immer monotoner und deprimierender geworden. Mit derartigen Filmen würde sich die Aufmerksamkeit des Volkes nicht mehr lange fesseln lassen. Ganz zu schweigen davon, die restliche Welt damit zu beeindrucken, was Kim Jong Ils größte Ambition im Leben bleiben sollte. Die Produktionen waren einfach nicht gut genug. Jedenfalls noch nicht. Vor vier Jahren hatte er den Anstoß zu einem Plan gegeben, mit dem dieses Problem gelöst werden sollte, doch die Umsetzung war ins Stocken geraten. Obwohl er seine Gäste Shin Sang Ok und Choi Eun Hee ausnehmend gut behandelt hatte, weigerten sie sich offensichtlich, sein Spiel mitzuspielen.
Noch. Nicht einmal ein halbes Jahr später würde Shin sich Kims Plänen fügen. Und gemeinsam würden sie den Kurs der Geschichte Nordkoreas verändern.
Erste Spule
Unser Leben wird oft von den unscheinbarsten Ereignissen bestimmt. Menschen gehen an einem vorüber, und jeder trägt sein eigenes Schicksal. Viele Gesichter und Namen, die man so leicht vergisst. Jetzt weiß ich: Nichts im Leben ist Zufall. Jeder Augenblick ist bemessen, jeder Schritt vorherbestimmt.
Lisa (Joan Fontaine)
Brief einer Unbekannten
Drehbuch Max Ophüls und Howard E. Koch
Regie Max Ophüls
Zwanzig Jahre zuvor
Am 16. Mai 1962 war Shin Sang Ok gefeierter Mittelpunkt einer Party in der Residenz des Staatspräsidenten von Südkorea. Er war das Gesprächsthema – auf der Feier und in ganz Seoul.
Der Empfang fand im Rahmen der Abschlussfeierlichkeiten des siebten Asia-Pacific-Filmfestivals statt, eines jährlichen Wettbewerbs, bei dem die besten Filme aus ganz Asien gekürt und ausgezeichnet wurden. Shin – fünfunddreißig Jahre alt, hochgewachsen, in weißer Smokingjacke, blütenweißem Hemd und schwarzer Anzughose – war der Ehrengast des Abends und Anlass für aufgeregtes Geflüster unter den Gästen. Vor fünf Jahren hatte keiner der Anwesenden auf dem Rasen auch nur seinen Namen gekannt. Jetzt war er der begehrteste Filmemacher des Landes und Regisseur der größten Boxoffice-Hits der vergangenen zwei Jahre. Die Kritiker liebten ihn. Seine Ehefrau war die schönste und berühmteste Schauspielerin Südkoreas. Und heute Abend hatte The Houseguest and My Mother[1], sein jüngster Film, auf dem Festival den Hauptpreis gewonnen. Es war das erste Mal, dass ein südkoreanischer Film in einem internationalen Wettbewerb den Preis für den besten Film gewann.
Shin scharrte mit den Füßen in dem trockenen Gras vor dem Blauen Haus. Der königliche Garten der Joseon-Dynastie, deren Könige mehr als fünfhundert Jahre lang über die koreanische Halbinsel geherrscht hatten, beherbergte heute in einem Komplex traditioneller Gebäude mit geschwungenen Dächern und blauen Dachziegeln den Sitz des Staatspräsidenten. Die berühmten Ziegel waren einst auf traditionelle Art einzeln in der Sonne gebrannt worden. Es hieß, sie seien hart genug Jahrhunderte zu überdauern. Die Außenränder des Geländes waren – weitaus funktionaler – von hohen Mauern und Kontrollposten umgeben, die von Einheiten der Staatspolizei und des Militärs bewacht wurden. Nur sehr wenigen Außenstehenden war es gestattet, die Gebäude des Blauen Hauses zu betreten. Schon der Aufenthalt auf dem Gelände galt als Ehre.
Ein paar Schritte von Shin entfernt nestelte der Fotograf an seiner Kamera herum. Er bereitete das Blitzlicht vor und stellte die Belichtung ein, während die anderen Würdenträger sich mit Shin in einer Reihe aufstellten. Auf der Fotografie werden später sieben Menschen zu sehen sein, doch der Fokus liegt auf den drei Personen in der Mitte: Shin Sang Ok, Choi Eun Hee, seit neun Jahren seine Ehefrau, und zwischen ihnen General Park Chung Hee, der neue Staatspräsident von Südkorea.
Präsident Park war vierundvierzig Jahre alt, klein, hatte kluge dunkle Augen mit hängenden Lidern und große Segelohren. Exakt ein Jahr zuvor, am 16. Mai 1961, hatte er mit Hilfe eines Militärputsches die Macht im Land an sich gerissen. Davor war auch er den meisten Gästen, die sich auf dem Rasen tummelten, den er jetzt den seinen nennen konnte, völlig unbekannt gewesen, ein zweitrangiger General mit vorbildlicher Militärlaufbahn und ohne jede politische Erfahrung. Doch er besaß große Ambitionen für das Land, das er liebte und dessen Niedergang hin zu Armut, Korruption und Chaos er in den fünfzehn Jahren seit der Teilung mit ansehen hatte müssen. Er war unten im Süden aufgewachsen, auf dem Land, umgeben von einfachen, patriotischen Menschen, die sich eine Regierung wünschten, die ihnen in Disziplin und Arbeitswillen in nichts nachstand. Parks erste Amtshandlung nach der Machtübernahme hatte darin bestanden, Dutzende korrupte Beamte und Geschäftsleute zu verhaften und sie mit großen Plakaten um den Hals durch die Straßen von Seoul führen zu lassen, auf denen geschrieben stand: ICH BIN EIN KORRUPTES SCHWEIN! Dieser Schachzug hatte ihm augenblicklich die Sympathie der Massen eingetragen, genauso wie die Ankündigung, im Jahr 1962 eine neue Verfassung ratifizieren und 1963 Präsidentschaftswahlen folgen zu lassen. Park hatte viele derartige Auftritte inszeniert, hatte so sein öffentliches Profil geschärft und sich auch bei den Schlüsselindustrien einen Namen gemacht. Auch die Filmbranche gehörte dazu, denn mit deren Hilfe plante er, Südkoreas Image im Ausland zu verändern. In den Augen der Weltöffentlichkeit war Südkorea ein tristes, auf Hilfe angewiesenes Entwicklungsland, das dem Rest der Welt wenig zu bieten hatte. Aber die heutige Auszeichnung war ein verheißungsvolles Zeichen. Und deshalb hatte Park vorhin höchstpersönlich auf der Bühne der Stadthalle gestanden, um Shin und Choi den Preis für den besten Film zu überreichen.
Das Publikum war in Jubel ausgebrochen, als Shin und Choi gemeinsam die Bühne betreten hatten. Shin hatte den Siegerfilm produziert und Regie geführt, doch Choi hatte die Hauptrolle gespielt, so wie in den meisten seiner Filme. Shin war vor allem bekannt für Filme über Frauen (üblicherweise gespielt von Choi) und für Frauen – für die «Gummischuhmassen», die in Seoul und den ländlichen Provinzen lebten und als eifrigstes Kinopublikum des Landes galten. In der Vorstellung der Öffentlichkeit waren Ehemann und Ehefrau unzertrennlich: ein Glamour-Paar, dessen gemeinsame Produktionsfirma Shin-Film, Südkoreas einziges Filmstudio, samt dem Logo mit der leuchtenden Fackel in Windeseile jedem vertraut war.
Choi war ihrem Mann beim Betreten der Bühne vorausgegangen, eine dezente Andeutung auf die Fortschrittlichkeit dieser Ehe. Als sie sich dem Staatspräsidenten näherte, blieb sie stehen und verbeugte sich tief, ließ sich sogar dazu hinreißen, auf ein Knie zu fallen, ein ironisches Lächeln im Gesicht. Der Präsident und seine Gattin brachen angesichts dieser frechen Nachahmung von Unterwürfigkeit in Gelächter aus. Hinter ihr beugte Shin widerwillig den Kopf, hielt die Bewegung so klein wie möglich. Die Anerkennung gefiel ihm; der Umgang mit den Mächtigen ebenso. Aber sich vor ihnen zu verbeugen bereitete ihm tiefes Unbehagen. Das mochte mit seinem großen Misstrauen gegen Politiker zu tun haben. Schließlich war er in einem Land aufgewachsen, das vom japanischen Kaiserreich annektiert und von Politikern im Stich gelassen worden war, um nach 1300 Jahren Unabhängigkeit kolonialisiert zu werden. Mit siebzehn hatte er Korea verlassen, um in Japan zu studieren. Bei seiner Rückkehr hatte er feststellen müssen, dass er nicht mehr in seine Heimatstadt zurückkehren konnte, weil die plötzlich in einem völlig anderen Land lag, in Nordkorea – und all das wegen der Schachzüge von Politikern. Links oder rechts, für Shin machte es keinen Unterschied; Politiker waren ein Übel, das ertragen und nach Möglichkeit genutzt werden musste.
Vielleicht war es das. Vielleicht konnte er es aber auch einfach nicht leiden, wenn jemand anderes im Mittelpunkt stand.
Auf dem Rasen des Blauen Hauses reckte Shin die Schultern und sah zu Choi hinüber, die nur ein paar Meter weiter mit Gästen plauderte. Sie trug ein hinreißendes langes, dunkles Kleid, dessen üppige Stickerei aus Edelsteinen die Blicke auf ihre Brüste lenkte, als sei der tiefe Ausschnitt nicht schon betörend genug. (Die Präsidentengattin dagegen trug ein traditionelles Hanbok-Kleid, lang, mit hochgeschlossenem Kragen und unter der Brust sackartig gebauscht, sodass die Rundungen von Hüften und Beinen unter endlosen Falten verborgen blieben.) Chois dichtes schwarzes Haar war zurückgekämmt, um das eindrucksvolle Gesicht zu betonen. Glitzernde Ohrhänger baumelten von ihren Ohren, und sorgsam aufgetragenes Make-up unterstrich die berühmten dunklen Augen und den vollen Mund.
Choi Eun Hee war schon länger berühmt als Regisseur Shin oder Präsident Park; sie hatte bereits vor Ende des Pazifikkrieges und vor der Teilung Koreas damit begonnen, sich auf der Bühne einen Namen zu machen. Bereits damals gehörte sie zum Stammpersonal der Illustrierten und Klatschspalten. Während des hochtraumatischen Koreakrieges von 1950 bis 1953 hatte Choi für die Truppenbetreuung beider Seiten gearbeitet, und es gab Gerüchte, sie habe als Prostituierte in Heerlagern gelebt und sich spätnachts in den Betten jener Soldaten ausgezogen, vor denen sie am frühen Abend noch auf der Bühne gesungen und getanzt hatte. Andere, dazu im Widerspruch stehende Gerüchte besagten, sie hätte den Großteil des Krieges als Geliebte eines amerikanischen Generals verbracht. Nach Kriegsende kam es zum nächsten Skandal, als Choi für den jungen, attraktiven, aufstrebenden Filmemacher Shin Sang Ok ihren ersten Ehemann verließ, einen älteren, hochangesehenen Kameramann, der an Tuberkulose litt und versehrt aus dem Krieg zurückgekehrt war. Mit Choi als Hauptdarstellerin hatte Shins Glück plötzlich einen Riesensatz nach vorne gemacht – und dank des Erfolges ihrer gemeinsamen eleganten und anspruchsvollen Filme hatte Choi den Statuswandel vom skandalumwitterten losen Frauenzimmer zum Nationalheiligtum erleben dürfen.
Der Fotograf gab allen mit wedelnden Handbewegungen zu verstehen, näher zusammenzurücken und stillzustehen. Einen Augenblick später explodierte das Blitzlicht und verhalf den drei Menschen zur Unsterblichkeit, die, jeder auf seine Weise, im Begriff waren, die südkoreanische Kinematographie aus der Dunkelkammer hinaus auf die internationale Leinwand zu katapultieren. Die Kamera fing Shin mit den Händen hinter dem Rücken ein, die Schultern zurückgenommen und ein stolzes, ehrfurchtsloses Feixen im Gesicht. Neben ihm steht der Staatspräsident mit der starren Haltung eines Mannes vom Militär: Der schwarze Anzug verschmilzt fast mit dem dunklen Hintergrund, das Gesicht ist eine rätselhafte, leicht bedrohlich wirkende Maske.
Was Choi betrifft, so zeigt das Bild sie leicht nach rechts gedreht, wie verzaubert, die Augen fest auf ihren Ehemann geheftet.
«Ich nenne meine Frau Madame Choi», schrieb Shin viele Jahre später. «Es ist ein Zeichen des Respekts und meiner Zuneigung zu ihr.»
Sie waren sich 1953 in Daegu begegnet, knapp 250 Kilometer südlich von Seoul, nur wenige Monate nach Kriegsende. Seoul hatte während des Koreakrieges viermal die Seite gewechselt, wobei die jeweilige Kriegspartei auf dem Rückzug jedes Mal wieder Brücken gesprengt und Gebäude zerstört hatte. Pjöngjang war von amerikanischen Flugzeugen so heftig bombardiert worden, dass bei Unterzeichnung des Waffenstillstands nur noch drei große Gebäude übrig waren. Weil Daegu während des gesamten Konflikts den Vereinten Nationen unterstellt gewesen war, waren der Stadt derart umfassende Zerstörungen erspart geblieben, und so gab es jetzt, kurz nach Kriegsende, noch Parks, in denen man spazieren gehen, Schulen, in denen man lernen, und Häuser, in denen man wohnen konnte, und – entscheidend für Shin und Choi – Theater, die man besuchen konnte.
An diesem einen Abend also nahm Shin in gespannter Erwartung des angekündigten Programms seinen Platz in einem der Zuschauersäle der Stadt ein. Das Stück selbst interessierte ihn nicht sonderlich: Er war gekommen, um sich den Star des Abends anzusehen, Choi Eun Hee, denn er wollte sie als Darstellerin für seinen zweiten Film gewinnen, eine Art Dokumentation mit dem Titel Korea, von der er hoffte, er könne damit die Schönheit eines Landes zeigen, das momentan hauptsächlich für Krieg, Armut und Zerstörung bekannt war. Obwohl Choi Eun Hee bereits als etablierte Schauspielerin galt, wusste Shin so gut wie nichts über sie. Das Theaterstück war ein Mantel-und-Degen-Stück voller Schwerterrasseln und akrobatischen Sprüngen. Etwa in der Mitte des Abends brach Choi auf der Bühne zusammen. Ein erschrockenes Japsen fuhr durchs Publikum. Shin sprang auf die Bühne und kniete neben ihr nieder. Er fragte sie, ob es ihr gutginge. Weil Choi nicht reagierte, hob Shin sie vor den Augen der fassungslosen Zuschauer hoch, legte sie sich über die Schulter und trug sie auf dem Rücken ins nächstgelegene Krankenhaus.
Choi war vor Erschöpfung zusammengebrochen, und nachdem ein Arzt sie untersucht hatte, kamen Shin und Choi ins Gespräch. Shin war besorgt um ihr Wohlbefinden. Sie wirkte müde und ausgezehrt. Sie begann zu erzählen, ihr Ehemann sei kriegsversehrt und könne nicht arbeiten. Sie seien arm – zu arm, um bei sich zu Hause zu heizen. Shin, der schon immer genaue Vorstellungen von Ruhm und Erfolg besessen hatte, wäre nie auf die Idee gekommen, dass eine dermaßen berühmte Schauspielerin kein Geld zum Heizen haben konnte. Trotzdem hatte Choi nicht aufgegeben und all ihre Empfindungen in ihre Arbeit einfließen lassen – eine Haltung, die Shin respektierte und bewunderte. Shin erzählte ihr von seinem Filmprojekt und fragte sie, ob sie mitmachen wolle. Er war jung und als Regisseur unbekannt, und weil Choi zögerte, sagte er ihr eine hohe Gage zu – so viel, wie er sich gerade eben noch leisten konnte. Choi nahm die Rolle an.
«Er hatte ein wunderschönes Lächeln», schrieb sie später über den stürmischen jungen Filmregisseur, dem sie an jenem Abend begegnet war. «Er wirkte, als gäbe es in seinem Leben weder Sorgen noch Schwierigkeiten.» Chois Szenen in diesem ersten gemeinsamen Projekt wurden zum Großteil in Seoul gedreht, und sie und Shin verbrachten viel Zeit miteinander, sei es am Set oder während der Drehpausen in Cafés: Choi rauchte und beobachtete die Passanten, während sie über die Schauspielerei und das Filmemachen sprach. Shin erzählte ohne Punkt und Komma von seinen Ambitionen und Ideen, von seinem Traum, ein unabhängiges, vollausgestattetes Filmstudio aufzubauen nach dem Vorbild der großen Studios im Goldenen Zeitalter Hollywoods, um dort alle Filme zu drehen, die sein Herz begehrte. Als Choi nach dem Ende der Dreharbeiten auf die Bühne zurückkehrte, wartete Shin nach jeder einzelnen Probe und Vorstellung vor dem Theater, um sie nach Hause zu begleiten. Die beiden bummelten langsam durch die Straßen, manchmal sogar noch nach Beginn der offiziellen Sperrstunde. Dann mussten sie sich nach Hause schleichen wie Teenager und aufpassen, nicht erwischt zu werden.
Manche Menschen treibt die Sehnsucht nach Glamour ins Showgeschäft, andere das Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen. Bei Shin und Choi war es anders: Ihnen war eine tiefe Leidenschaft für ihre Arbeit gemeinsam. So war es für beide schon ihr Leben lang gewesen. Choi erzählte Shin, wie sie als kleines Mädchen in Pusan eine Theatervorstellung gesehen und sich augenblicklich in das Metier verliebt hatte. Sie erzählte ihm auch von der Weigerung ihres konservativen Vaters, ihr Interesse am Theater zu unterstützen, weil Schauspielerinnen in Korea schon seit jeher ungefähr auf gleicher Stufe mit Kurtisanen standen. Außerdem hatte eine respektable Tochter die Pflicht zu heiraten und Kinder großzuziehen. Und so war Choi, die schon als junges Mädchen äußerst dickköpfig gewesen war, mit siebzehn von zu Hause weggelaufen, um ihre Träume wahrzumachen. Im Gegenzug erzählte Shin ihr von seiner Kindheit in Chongjin im Norden des Landes und wie er sich als kleiner Junge ins Kino verliebt hatte. Er saß bei jeder Vorstellung in dem fahrenden Vorführzelt, das regelmäßig in die Stadt kam, um die bewegten Bilder von Ausländern mit so exotischen Namen wie Georges Méliès, Charlie Chaplin, D.W. Griffith und Fritz Lang zu präsentieren. Er liebte diesen raffinierten, hypnotischen Prozess: die Männer, die sich am Projektor zu schaffen machten, wo einer die Linse scharfstellte, während andere den Filmstreifen von Hand durch die Maschine kurbelten; kleine Jungen, die schwere Filmrollen mit den einzelnen Akten hin- und herschleppten, während ein Kind den älteren Männern, die in dem heißen Zelt schwitzten, Luft zufächelte. Während der Vorführung erzählte der Byeonsa, ein männlicher Schauspieler, die stummen Schwarz-Weiß-Bilder nach, die auf der Leinwand zum Leben erwachten. Es war, als blickte man durch ein Zauberfenster in die unbekannte Welt verwegener Männer, schöner Frauen und lustiger Vagabunden, in eine Welt, wo Männer auf Pferden durch unendliche Wüsten ritten und Verbrecher sich in überfüllten Städten mit riesigen Gebäuden und unwirklichem Licht gegenseitig aufs Kreuz legten. Zwischen den Vorführungen wurde die Leinwand mit Wasser besprengt, um sie zu kühlen, damit sie kein Feuer fing.
Beinahe jeden Tag sagte Shin zu Choi: «Ich will, dass du in allen meinen Filmen spielst.» Er beschrieb ihr die Rollen, die sie spielen könnte, von den berühmten Heldinnen beliebter Märchen bis hin zu kaum skizzierten Ideen, die ihm noch unausgereift durch den Kopf schwebten. «Das», so Choi, «war seine Art, mir zu sagen, dass er mich liebte.» Eines Tages, als sie in einem Café saßen, gingen Choi die Zigaretten aus. Sie rauchte Lucky Strike, doch das Café führte die Marke nicht, also stand Shin auf, verließ das Café und kehrte mit einem Päckchen Lucky Strike zurück. Choi war gerührt. Sie öffnete das Päckchen, schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und bot ihm ebenfalls eine an.
«Ich rauche nicht», sagte Shin.
«Wieso nicht?»
«Ich mag es nicht. Meine Mutter hat geraucht.»
«Stört es dich denn nicht, wenn ich vor dir rauche?», wollte sie wissen.
Er lächelte. «Bitte, tu was dir gefällt. Mich stört es nicht.» Mit diesen Worten beugte er sich vor und gab ihr Feuer. So hatte noch kein Mann sie behandelt. Er rauchte nicht, er trank nicht, er spielte nicht; er war liebenswürdig und galant. Ihr gefiel seine freundliche Art. Was Shin betraf, so ließen seine Gefühle für Choi sich schon lange nicht mehr leugnen. «Ihr zu begegnen», sagte er später irgendwann, «war mein Schicksal.»
Choi war erst siebenundzwanzig, als sie Shin traf, doch sie hatte trotzdem schon ein Leben voller Schmerz und Kampf hinter sich. Nachdem sie von zu Hause weggelaufen war, begann ihre Schauspielkarriere gänzlich unerwartet ausgerechnet während einer Übung in einem Luftschutzkeller. Dort bemerkte sie direkt neben sich eine bekannte Schauspielerin, die sie verehrte. In Bombenkellern existierten keine Klassenunterschiede, und so fasste Choi Mut und sprach die ältere Frau an. Die Schauspielerin lud sie daraufhin ein, sie im Büro ihrer Theatertruppe in Seoul aufzusuchen. Sie fragte Choi, ob sie die Erlaubnis ihrer Eltern hätte, von zu Hause fortzugehen, um zu arbeiten. Choi log und bejahte die Frage.
Sie fing in der Kostümabteilung der Kompagnie an zu arbeiten und besserte Kleider aus. Einen Monat später wurde sie für eine Nebenrolle auf die Bühne geholt. Und innerhalb weniger Jahre hatte sie als Schauspielerin bereits Karriere gemacht. Hinter der Bühne war sie schüchtern und introvertiert, doch sobald sie spielte, blühte sie auf. 1947, im Alter von einundzwanzig Jahren, wurde sie für ihren ersten Film besetzt und heiratete kurz darauf den zwanzig Jahre älteren Kameramann der Produktion, Kim Hak Sun; eine Entscheidung, die sie schon bald bereuen sollte. Kim war bereits verheiratet gewesen, mit einem Animiermädchen, das ihm wegen seiner Gewalttätigkeit davongelaufen war. Choi schlug er ebenfalls, und er verlangte ihr nicht nur sämtliche Pflichten einer Ehefrau ab (Waschen, Putzen, Kochen), sondern auch den Broterwerb für die Familie, da ihre Karriere im Aufstieg begriffen war, während es mit seiner bereits wieder bergab ging.
Als 1950 der Koreakrieg ausbrach, schafften Choi und ihr Ehemann es nicht, Seoul noch rechtzeitig zu verlassen, um der nordkoreanischen Armee zu entkommen, und Choi wurde von dem soeben eingerichteten örtlichen Büro der Kommunistischen Partei zur Unterhaltung der Truppen verpflichtet und nach Norden geschickt. Ein Jahr später nutzten Choi und ein paar andere Darsteller das Chaos während eines Rückzugs und entfernten sich von ihrer Einheit. Prompt wurden sie von der südkoreanischen Armee aufgegriffen und bekamen den Befehl, weiterhin als Truppenunterhalter zu arbeiten, nur diesmal für die Gegenseite. Der Aufgriff durch ihre eigene Seite hätte für Choi eigentlich eine Erleichterung sein sollen, stattdessen markierte ihre «Rettung» den Beginn von zwei Jahren Hölle. Im Gegensatz zu den disziplinierten nordkoreanischen Soldaten, die ganz und gar auf den Kampf konzentriert gewesen waren, betrachteten die Südkoreaner sie im wahrsten Sinne des Wortes als Frischfleisch und begleiteten ihre Wege durchs Lager mit Johlen und Pfeifen. Eines Tages beorderte ein Offizier der Militärpolizei Choi zu sich in die Amtsstube. Vor ihm auf dem Tisch stand eine offene Flasche Soju, daneben lag seine Pistole. Er stank nach Alkohol. Er ließ sie wissen, dass ihre Arbeit als Truppenunterhalterin für die nordkoreanische Armee als Hochverrat betrachtet wurde, und Hochverrat würde mit dem Tode bestraft. Zum Glück, so sagte er ihr, stünde es in seiner Macht, die Ahndung ihres Vergehens aufzuheben, und er fühle sich milde gestimmt. Er erhob sich von seinem Stuhl, ging zu ihr hinüber und schlug heftig zu. Er schlug noch ein paarmal auf sie ein, warf sie zu Boden und hielt ihr seine Pistole an den Kopf. Choi spürte, wie er an seiner Hose herumnestelte. Sein heißer Alkoholatem schlug ihr ins Gesicht. Als er in sie eindrang, hörte sie Schreie aus dem Nebenzimmer. Auf der anderen Seite der Wand wurde eine Sängerin, mit der sie seit Kriegsbeginn aufgetreten war, ebenfalls auf den Boden gedrückt und von einem Polizisten vergewaltigt. Choi versuchte verzweifelt, den betrunkenen Mann abzuwehren, aber er war groß und schwer. Er ließ sich nicht abhalten.
Als der Krieg vorüber war, wurde Choi wieder nach Hause geschickt, und ihr Martyrium blieb – in einer Gesellschaft, in der Vergewaltigungen grundsätzlich nicht gemeldet wurden und Frauen die Verantwortung für die erlittene Schmach selbst zu tragen hatten – ein beschämendes Geheimnis. Ihren Mann fand sie im Krankenhaus wieder, durch Granatsplitter an den Beinen schwer verwundet. Er sollte für den Rest seines Lebens am Stock gehen. Das Ehepaar richtete sich in seinem neuen Alltag ein. Wie alle anderen waren sie plötzlich arm und mussten in Ruinen leben, von unausgesprochenem Kummer niedergedrückt. Bald schon machten in der Stadt Gerüchte über Chois angebliche Promiskuität während des Krieges die Runde. Kim Hak Sung reagierte mit krankhafter Eifersucht. Er fing an, seine Frau derart heftig mit dem Stock zu verprügeln, dass sie oft von blutigen Striemen überzogen war. Eines Tages drückte er sie zu Boden und vergewaltigte sie.
Choi wusste nicht, was sie tun sollte. Koreanische Frauen hatten keine Rechte, nur Pflichten. Eine «weise Mutter, gute Ehefrau» – der Inbegriff weiblicher Perfektion – fügte sich ihrem Mann, war einzig darauf fixiert, die Kinder großzuziehen, und verhielt sich ihren Schwiegereltern gegenüber stets loyal und voller Respekt. Es lag in ihrer Verantwortung, die Familie zu bewahren, ganz egal, ob ihr Ehemann nun ein Heiliger war, sie betrog oder schlug. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatten koreanische Frauen von ihren Männern getrennt gegessen und sich von deren Resten ernährt. Frauen besaßen kaum festgeschriebene Rechte, und diejenigen, die Schande und Klatsch über ihre Männer brachten, wurden gesellschaftlich geächtet. Scheidung war keine Option; sie war zwar legal, aber in Korea galt nun mal die Regel, wer einmal verheiratet war, der blieb es auch. An das Schicksal, in welches man sich am Tag seiner Hochzeit ergab, blieb man für den Rest seines Lebens gebunden.
Also blieb Choi bei ihrem Mann, obwohl er ihr Gewalt antat, obwohl seine Schläge eine Narbe in ihrem Gesicht hinterließen, die bis an ihr Lebensende nicht mehr verblassen sollte. Sie konnte nirgendwohin.
Mit Shin Sang Ok erwachten Chois Hoffnungen und Träume zu neuem Leben. Er redete ohne Unterlass davon, «Koreas Kino zu erneuern». Sein Ehrgeiz war der gleiche Ehrgeiz, den sie auch einmal in sich getragen hatte, vor ewigen Zeiten, vor den Schlägen, den Erniedrigungen, der Gewalt. Wenn sie mit ihm zusammen war, konnte sie wieder Hoffnung spüren.
Shins Leben war viel einfacher gewesen. Er war in eine wohlhabende Familie hineingeboren worden, sein Vater war Arzt für orientalische Medizin, und Shin hatte nur die besten Schulen besucht. Weil er schon früh künstlerisches Talent erkennen ließ, wurde er schließlich zum Studium der Malerei in das pulsierende Tokio geschickt, Hauptstadt des allmächtigen japanischen Kaiserreichs. Der Zweite Weltkrieg brachte den Fall des Kaiserreiches und das Ende von Korea als Kolonie, und Shin kehrte nach dem Studium in ein Land zurück, das er kaum wiedererkannte: Die Siegermächte hatten Korea kurzerhand in zwei Teile geteilt und zwei Staaten daraus gemacht. Weil seine Heimatstadt Chongjin im Norden lag und unerreichbar geworden war, ließ Shin sich in Seoul nieder. Es gab auch keinen Mittelweg mehr: Plötzlich galt jeder entweder als Kommunist oder als Reaktionär, Patriot oder Terrorist, Ex-Freiheitskämpfer oder Ex-Kollaborateur. Es gab Studentenaufstände, die von Panzern und Schlagstöcke schwingenden Schlägertypen in Polizeiuniformen brutal niedergemetzelt wurden. Amerikanische Soldaten mit breiten Schultern und perfekten Zähnen waren überall, die Taschen voller Geld und koreanische Mädchen an ihrer Seite.
Shin war damals neunzehn Jahre alt, selbstbewusst, großgewachsen und umwerfend gutaussehend. Er fand Arbeit, indem er Propagandaplakate für die amerikanische Besatzungsmacht malte und Filmplakate für die wenigen Kinos, die den Krieg überstanden hatten. Er fand eine Lehrstelle in dem winzigen, maroden, aber unabhängigen Koryo-Filmstudio. Die Ausstattung war antiquiert und schlecht in Schuss. Als der Koreakrieg ausbrach, arbeitete Shin, inzwischen Mitte zwanzig, in der Abteilung für militärische Öffentlichkeitsarbeit. Hier wurden Dokumentarfilme hergestellt, welche die Bevölkerung über den Fortgang des Konfliktes auf dem Laufenden halten und sie über moderne Kriegsführung aufklären sollten. Shin nutzte die Gelegenheit – und die vom amerikanischen Militär zur Verfügung gestellten Kameras und das Gratisfilmmaterial, die er sich in seiner Freizeit «ausborgte» –, um seinen ersten Film zu drehen, The Evil Night. Anstatt sich mit mehreren ausgebombten Familien ein Einzimmer-«Evakuierungsappartment» zu teilen, hatte Shin erst vor kurzem eine passende Alternative aufgetan. Er teilte sich das Zimmer mit einem Yangbuin-Mädchen – einer «westlichen Prinzessin», wie die Prostituierten genannt wurden, die sich ausschließlich an amerikanische GIs verkauften. The Evil Night erzählte die Geschichte eines solchen Yangbuin-Mädchens. Das winzige Budget hatte Shin zusammengekratzt, indem er sich Geld bei seinem Vater, seinem Bruder und seiner neuen Mitbewohnerin lieh. Als der Film nach Kriegsende in die Kinos kam, erzielte er enthusiastische Kritiken bei fast leeren Kinokassen.
Als Shin und Choi sich im Jahr darauf begegneten, gab er ihr ihren Glauben an sich selbst zurück, und sie verlieh ihm Inspiration. Es war die große Liebe. Schon bald erreichten entsprechende Gerüchte auch Kim Hak Sung, der damit drohte, beide zu verprügeln, falls Choi und Shin die Affäre nicht beendeten. Er sorgte dafür, dass die Presse Wind davon bekam, und die Zeitungen druckten Schlagzeilen über die schamlose Ehebrecherin Choi Eun Hee, die ihren verkrüppelten Ehemann im Stich ließ, um sich mit einem jüngeren Mann davonzumachen. Shin hingegen wurde Gefühlskälte vorgeworfen, weil er einem Älteren die Frau gestohlen hatte – eine große Schande in einem Land, dessen Tradition aufs engste mit konfuzianischen Werten wie dem Respekt für Familie, Ehe und die Älteren verbunden war. Plötzlich wurde der junge Regisseur von der mehrheitlich konservativen südkoreanischen Filmindustrie gemieden.
Doch Choi hatte endgültig genug. Für sie war es fast eine Erleichterung, als die Affäre öffentlich wurde. Sie hatte unter heftigen Schuldgefühlen gelitten, nun aber, da alles ans Licht gekommen war, hatte sie, unterstützt von Shins unerschütterlicher Liebe, endlich die Kraft, für sich selbst einzustehen. Sie reichte die Scheidung ein und bekam sie zugesprochen. Sie verließ das Gerichtsgebäude und eilte sofort zu Shin. Von Journalisten verfolgt, flüchteten die beiden in das nächstbeste billige Hotel und nahmen sich ein Zimmer. «Bitte erinnere dich immer an diesen Tag», sagte Shin zu Choi, als er sie an sich zog. «Der 7. März 1954. Heute soll unser Hochzeitstag sein.» Obwohl Shin nicht an Institutionen wie die Ehe glaubte, fühlten sie sich an dieses Datum beide so fest gebunden wie an ein offizielles Eheversprechen. Am nächsten Morgen erwachten sie übersät mit Wanzenbissen, aber überglücklich. Für Choi war das Hotel der schönste Flitterwochenort der Welt, trotz Matratzen voller Ungeziefer und schmuddeligen papierdünnen Wänden.
So erfüllend die Vereinigung von Shin und Choi auf persönlicher Ebene war, so erfolgreich wurde sie auch in beruflicher Hinsicht. In den ersten drei Jahren ihrer Ehe drehten sie vier gemeinsame Filme. Im vierten Film, A Flower in Hell, spielte Choi ein Yangbuin-Mädchen. Der Film war von dem italienischen Regisseur Roberto Rossellini beeinflusst und im neorealistischen Stil gedreht. Er erhielt begeisterte Kritiken und wird noch heute von Filmjournalisten als bester koreanischer Film der fünfziger Jahre gepriesen. Allein 1959 drehte Shin fünf weitere Filme mit Choi in der Hauptrolle, allesamt Kassenschlager.
Der Film, mit dem Shin Sang Ok und Choi Eun Hee endgültig ihren Ruf als strahlende Sterne am koreanischen Filmhimmel zementierten, war The Tale of Chunhyang, die aufwendige Adaption eines der beliebtesten koreanischen Volksmärchen. Shin beschloss 1960, den Stoff mit großem Budget zu verarbeiten, und das, obwohl ein anderer koreanischer Regisseur denselben Stoff bereits verfilmte.
Die Filme wurden beinahe gleichzeitig gedreht, und die gesamte Branche war in heller Aufregung. Alle versuchten vorherzusagen, wer am Ende den Sieg davontragen würde. Es gab Berichte über Sabotageversuche zwischen den beiden Produktionen; nur wenige Tage ehe Shins Version in die Kinos kommen sollte, wurde in seine Geschäftsräume eingebrochen und einer seiner Mitarbeiter in dem erfolglosen Versuch, den Filmstart zu verzögern, sogar kurzfristig entführt.
Am Neujahrstag kam der konkurrierende Film als Erster in die Kinos. Die Zahlen waren enttäuschend, und zwei Wochen später wurde er aus dem Programm genommen. Zehn Tage nach dem Start kam Shins Version mit Choi in der Hauptrolle auf die Leinwand – und brach sämtliche Rekorde. Allein in Seoul hatte der Film beinahe 400000 Besucher – mehr als das Zehnfache der Zuschauerzahlen eines durchschnittlichen Films und fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung von Seoul – ein Rekord, der sieben Jahre lang ungebrochen bleiben sollte. Später im selben Jahr brachten zwei weitere Shin-Film-Produktionen es auf jeweils 150000 Zuschauer. Wie einer von Shins Mitarbeitern es ausdrückte: «Wir konnten gar nicht mehr zählen, wie viel Geld wir verdienten. Jeden Vormittag wurden mehrere Taschen voller Bargeld angeliefert. Wir konnten tun, was wir wollten.» Im Jahr darauf drehte Shin in nur einundzwanzig Drehtagen Prince Yeonsan, ein Geschichtsepos mit riesigem Budget, weil er den Filmstart unbedingt wieder auf die Zeit um Neujahr legen wollte, um den Erfolg des Vorjahres zu wiederholen. Prince Yeonsan wurde zum erfolgreichsten Film des Jahres 1962. Fünf Monate später gewann The Houseguest and My Mother auf dem Asia-Pacific-Filmfestival den Hauptpreis, Shin Sang Ok traf Präsident Park Chung Hee, und damit nahm ein ganzes Jahrzehnt beispielloser Dominanz eines einzigen Mannes (Shin Sang Ok) und einer einzigen Produktionsfirma (Shin Film) über die Filmindustrie des ganzen Landes seinen Anfang.
Das Südkorea der sechziger Jahre war eine zutiefst verwundete Nation. Über ein Jahrtausend lang war das Land unabhängig und souverän gewesen, doch es hatte das Pech, an der Nahtstelle dreier der größten Länder der Welt zu liegen, die seit Jahrhunderten um die Vorherrschaft in Korea rangen – Russland, China und Japan. In Korea gibt es ein altes Sprichwort, es lautet: «Im Kampf zwischen Walen wird eine Krabbe immer zermalmt.» Am Ende annektierte Japan schließlich im Jahr 1910 erfolgreich die Halbinsel. Das Reich der aufgehenden Sonne ging brutal vor bei der Aneignung seiner Kolonien. Japan verwandelte Korea in ein riesiges bewaffnetes Heereslager, entmachtete den Kaiser und ersetzte ihn durch eine repressive Militärregierung, die zur Demonstration ihrer Macht sofort eine ganze Serie an Massenexekutionen und Verhaftungen als Exempel am gemeinen Volk statuierte. Koreaner wurden gezwungen, japanische Namen anzunehmen, japanische Heiligtümer anzubeten und in der Schule Japanisch zu lernen. Die landwirtschaftlichen Betriebe wurden mit hohen Steuern belegt, um die Kriege mitzufinanzieren, die überall im asiatisch-pazifischen Raum geführt wurden. Männer wie Frauen wurden zum Wehrdienst eingezogen und fortgeschickt, um den Krieg beim Militär und in Fabriken zu unterstützen, und in Korea stationierte japanische Soldaten bedienten sich ungeniert und rigoros bei jedem koreanischen Mädchen, das sie haben wollten.
Japans Expansionskriege setzten sich bis in den Sommer 1945 fort, als die US Air Force schließlich Little Boy über Hiroshima und Fat Man über Nagasaki abwarf. Eine für ihre Kriegsverbrechen und ihren selbstmörderischen Fanatismus berüchtigte Kriegsmaschinerie war in die Knie gezwungen. Als der japanische Kaiser Hirohito am 15. August 1945 über den Rundfunk die Kapitulation erklärte und damit einen Staatsvertrag hinnahm, der ihm formell abverlangte zu akzeptieren, dass er fortan kein Gott mehr wahr, sperrten viele Japaner sich zu Hause ein und weinten. Andere verübten gar rituellen Selbstmord, weil sie nicht fähig waren, mit einer Welt fertigzuwerden, in der Gottheiten per Staatsvertrag gestürzt werden konnten. Die Koreaner hingegen rannten jubelnd durch die Straßen und veranstalteten spontane Paraden, auf denen sowohl sowjetische als auch amerikanische Fahnen geschwenkt wurden, zutiefst dankbar, auch wenn sie nicht genau wussten, woher ihre Retter schlussendlich gekommen waren. Die ersten Soldaten der US-Armee, die in Seoul ankamen, stießen auf eine Stadt, die aussah wie im neunzehnten Jahrhundert, mit einstöckigen Gebäuden, Pferdekarren, Fahrzeugen mit Holzkohlenantrieb und keinem einzigen westlichen Gesicht auf den Straßen. Die menschlichen Exkremente, die auf den koreanischen Reisfeldern noch immer als Dünger Verwendung fanden, hingen in der stickigen Sommerluft als schwerer, markanter Gestank über dem Land.
In Washington bestimmten die geopolitischen Gegebenheiten das Handeln. Die Sowjetarmee marschierte bereits von Norden her in Korea ein, und Präsident Harry Truman bat seinen Außenminister Edward Stettinius um einen Plan zur wohlwollenden Besiegelung von Koreas Schicksal. Stettinius’ Berater machten den Vorschlag, Korea in zwei Hälften zu teilen und diese vorerst als Treuhandgebiete zu behandeln – wobei die Sowjets für den Norden und die Amerikaner für den Süden zuständig sein sollten –, bis man sich auf eine endgültige Lösung geeinigt hätte. Mit Hilfe der Landkarte suchte man nach der am besten geeigneten Stelle für die Teilung, und schließlich zogen die amerikanischen Bürokraten eine Linie quer über den achtunddreißigsten Breitengrad.
Noch nie in seiner Geschichte war Korea auf diese Weise entzweigerissen worden. Die Koreaner, unschuldige Statisten eines Weltkrieges, die sich nach Freiheit sehnten, waren angesichts der Teilung und Besetzung ihres Landes vollkommen schockiert.
Im Mai 1948 fanden vor einem Hintergrund aus Gewalt, Instabilität und Korruption und unter Aufsicht der Vereinten Nationen im Süden Wahlen statt, aus denen Syngman Rhee als erster Präsident der neuen Republik Korea hervorging. Im Norden installierte Stalin einen sechsunddreißigjährigen, milchbubgesichtigen koreanischen Offizier der Roten Armee mit Namen Kim Il Sung, der Ende der dreißiger Jahre in die sowjetischen Streitkräfte eingetreten war, nachdem seine eigenen, unabhängigen Guerillakämpfe gegen die Japaner gescheitert waren. Kim besaß weder politische Erfahrung, noch war er ein Intellektueller, aber er war ein vielversprechender, disziplinierter Offizier mit dem Ruf, zuverlässig, mutig und pragmatisch zu sein. Er sprach Koreanisch, Chinesisch und Russisch und war bei den Widerstandskämpfern und den Sowjet-Koreanern beliebt, die später das Herz der ersten nordkoreanischen Führungselite bilden sollten. Im Norden wurde eine Parallelregierung zu der von Syngman Rhee gebildet und die Demokratische Volksrepublik Korea ausgerufen, die sich den Prinzipien des marxistischen Sozialismus verpflichtet hatte. Kim Il Sung wurde zum ersten Regierungschef ernannt.
Die Koreaner mochten gehofft haben, dass ihr Leiden damit ein Ende hatte und sie sich jetzt – wenn auch in einem geteilten Land – endlich an den Wiederaufbau machen durften. Doch weit gefehlt. Schon im Juni 1950 unternahm Kim Il Sung den bewaffneten Versuch, das Land wiederzuvereinen, und schickte seine Männer mit sowjetischen Panzern und der Unterstützung sowjetischer Berater über den achtunddreißigsten Breitengrad nach Süden. Die Südkoreaner wurden von dem Einmarsch völlig überrascht, und innerhalb von zwei Tagen hatte die nordkoreanische Armee Seoul besetzt. Der Koreakrieg hatte begonnen. Er sollte drei Jahre dauern.
Es waren für beide Seiten brutale, traumatische Zeiten. Zigtausende von Menschen wurden ermordet. Dörfer und Bauernhöfe wurden abgefackelt, um zu verhindern, dass sie dem Feind Unterschlupf boten. Flüchtlinge zogen in langen Reihen über zerstörte Felder. Hunderttausende irrten hungernd und obdachlos umher.
Schließlich wurde am 27. Juli 1953 der Waffenstillstand unterzeichnet und im Grunde der Status quo von vor dem Krieg wiederhergestellt – nur dass fünf Millionen Menschen ihr Leben gelassen hatten, mehr als die Hälfte der Zivilbevölkerung, und der Krieg viele weitere Millionen verwaist, verwitwet und heimatlos gemacht hatte. Die Grenze entlang des achtunddreißigsten Breitengrades wurde zu einem zweihundertsechzig Kilometer langen und vier Kilometer breiten Streifen Niemandsland voll Stacheldraht, Wachtürmen und Landminen verstärkt, der als demilitarisierte Zone (DMZ) bekannt wurde. Und zum ersten Mal in Tausenden von Jahren hatte das koreanische Volk – das sich selbst voller Stolz auf sein Zusammengehörigkeitsgefühl danil minjok (Ein Volk) nannte – sich gegenseitig bekämpft, besiegt und getötet.
Diese Wunden waren immer noch frisch, als Park Chung Hee 1961, acht Jahre nach Ende des Krieges, die Macht übernahm. Südkorea war jetzt der größte Nutznießer amerikanischer Hilfen in der Dritten Welt und verlor schnell das Rennen um Legitimierung gegen den Norden, dessen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf trotz viel beschränkterer Ressourcen doppelt so hoch war. Seoul war ein einziger, riesiger Slum. Das Land brauchte dringend eine starke Dosis Eskapismus. Und hier kamen Shin Sang Ok und Choi Eun Hee ins Spiel.
Nur wenige Jahre nach der Gründung von Shin Film war Shin zum führenden Regisseur des Landes und einflussreichsten Produzenten geworden. Er führte seine Produktionsfirma wie ein Hollywood-Studio, nahm Regisseure und Autoren unter Vertrag, drehte auf einem eigenem Studiogelände und in eigenen Hallen, baute seinen eigenen Vertrieb auf und seine eigenen Stars – mit Choi Eun Hee als hellstem aller Sterne. Er war der erste Koreaner, der einen Film in Technicolor, und der erste, der in CinemaScope drehte, der erste, der mit einer 13-mm-Linse und einem 250-mm-Zoom arbeitete, und er wagte sich als Erster an einen vollständig synchronisierten Tonfilm. Er machte Filme mit riesigem Budget und zahlte Choi Gagen, wie sie zuvor noch keine koreanische Schauspielerin bekommen hatte. Angeblich war Shin sogar an der Ausarbeitung von Parks Filmgesetzen beteiligt, die darauf abzielten, die Arbeitsabläufe südkoreanischer Filmproduzenten zu standardisieren, um mit den großen Studios aus Los Angeles und Tokio mithalten zu können, und die am Ende vielen Filmemachern – irgendwann auch Shin selbst – die Arbeit unmöglich machen sollten.
Er filmte Melodramen, Thriller, historische Epen, Kampfkunstfilme, sogar mandschurische Western. Manche seiner Filme waren riesig und grell, in bunten Farben gedreht und voll hektischer Zooms und wilder Kamerafahrten. Andere dagegen drehte er in Schwarzweiß, mit unbewegter Kamera, die Komposition wohlbedacht und wie gemalt. Er war in der Lage, in ein und demselben Jahr ein biederes Melodrama zu drehen und direkt im Anschluss einen derart erotischen Film, dass er damit die Zensur auf den Plan rief: Kommerziellen Erfolg hatte er mit beidem. Er adaptierte Maupassant-Romane und drehte direkt im Anschluss groteske Horrorfilme. Er brachte den Spaghetti-Western nach Korea, importierte Für ein paar Dollar mehr und Zwei glorreiche Halunken von Sergio Leone und machte sie gemeinsam mit Wer Gewalt sät von Sam Peckinpah und Bruce Lees Die Todesfaust des Cheng Li zu Kassenschlagern. Er hielt großangelegte Talentwettbewerbe ab und entdeckte auf diese Weise neue Gesichter, die sich schnell zu Stars des koreanischen Kinos entwickelten. Er half vielen jungen Regisseuren in den Sattel. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung Mitte der sechziger Jahre, weniger als ein halbes Jahrzehnt nach der Gründung, beschäftigte Shin Film über dreihundert Mitarbeiter und brachte jährlich dreißig Filme auf den Markt. 1968 kaufte Shin die riesigen Anyang-Filmstudios südlich von Seoul, ein acht Hektar großes Gelände, das zehn Jahre zuvor errichtet, aber seiner Ausmaße wegen ungenutzt geblieben war, und erweckte die Studios und Bühnen zu neuem Leben. Er gründete eine Plattenfirma, eine Theatertruppe und eine von Choi Eun Hee geleitete Schauspielakademie. In alldem war Choi immer gleichberechtigte Partnerin. Sie inspirierte Shin zum Großteil seiner Geschichten und investierte oft ihr eigenes Geld in die Projekte.
Der gesamte Erfolg basierte auf Shin und Chois Fähigkeit, der arbeitenden Bevölkerung eskapistische Phantasien zu vermitteln. Die Menschen sehnten sich danach, der Härte und der Schufterei des Alltags zu entfliehen. Doch Shin und Choi vermittelten nicht nur Phantasien, sie widmeten dem Land auch ihr Privatleben. Sie waren das Glamour-Paar Südkoreas. Der auffällig hochgewachsene Shin trug teure Maßanzüge, im Stil eher französisch als amerikanisch, den Kragen am Hals stets geöffnet und die Haare wie bei Richard Burton als Tolle in die Stirn fallend. Choi war stets nach der neusten Mode gekleidet und trug die modernsten Frisuren.
Die Kinosäle selbst waren ein beliebter Aufenthaltsort: Sie waren klimatisiert und darum während der heißen, stickigen Sommermonate angenehm kühl und im eisigen Winter warm und gemütlich. Gegen geringe Eintrittspreise konnten ganze Familien ihren schlecht isolierten Wohnungen entkommen und den ganzen Tag im Kino verbringen, wo sie manchmal denselben Film zwei- oder dreimal hintereinander sahen.
Shins Filme waren die beliebtesten im Land. Dabei galt seine Loyalität ausschließlich dem Film, keinem Politiker und keiner Ideologie. Es lässt sich schwer sagen, woran – außer an sich selbst – Shin eigentlich glaubte. Für Kollegen, die sich als Autorenfilmemacher bezeichneten, hatte er nur Spott übrig, obwohl er das Attribut eindeutig für sich selbst ersehnte. Er machte Filme, die sich deutlich für die Befreiung der Frau aussprachen, behauptete jedoch in der Öffentlichkeit, diese Lesart seiner Filme sei «schlicht falsch» und fügte hinzu: «Ich persönlich bin ein Verehrer des Konfuzianismus.» Er schätzte Drehbuchautoren, bezahlte ihnen riesige Summen und kaufte die besten Literatur- und Hörspielstoffe auf, um sie für die Leinwand zu adaptieren, machte aber gleichzeitig geltend, dass seine Filme in erster Linie auf Optik beruhten und dass er wünschte, er könnte sie rückwärts abspielen, um die Handlung zunichte zu machen. «Ich hasse diese Ambition, ein Künstler zu sein», sagte Shin während jener Erfolgsphase, «… die heuchlerische Vortäuschung eines sozialen Gewissens ist mir ein Gräuel.»
Vor allem aber schien er dem Kino mit Haut und Haaren verfallen zu sein. Gegen seine Liebe zum Filmemachen erschien alles andere klein und bedeutungslos. Choi Eun Hee schrieb später mit einer Mischung aus Unbehagen und Bewunderung, dass Shin «ohne zu zögern» seine eigene Frau verkauft hätte, falls ihm das geholfen hätte, einen Film zu verwirklichen. Der zeitgenössische Filmkritiker Kim Chong Won schrieb über Shin, «um Filme machen zu können, wäre er notfalls auch in die Hölle hinabgestiegen».
Was Choi betraf, so verkörperte sie zu einer Zeit, wo das Land zwischen Tradition und Moderne hin- und hergerissen war, das moderne Korea. Noch immer fest den konfuzianischen Werten verhaftet, trat das Südkorea der Nachkriegszeit in eine Ära von grellem Glanz und Konsum ein. Dies war eine Entwicklung, die von Präsident Park, der Korea auf geradezu aggressive Weise ermutigte, dem kapitalistischen Westen nachzueifern, sehr gefördert wurde. Moderne amerikanische Gerätschaften wurden zu heißbegehrten Symbolen für Status und Wohlstand, was dazu führte, dass der durchschnittliche koreanische Mittelstandshaushalt zu jener Zeit oft ein wenig surreal anmutete: Kühlschränke standen stolz wie Jagdtrophäen in den Eingangsbereichen der Häuser, Toaster hatten einen Ehrenplatz im Wohnzimmer, und leere Verpackungen standen aufgereiht auf dem Kaminsims und zeugten stumm vom Zugang der Familie zu gewissen Konsumgütern und Produkten. Wie so oft wurde der Kampf zwischen Wahrung der Tradition und Akzeptanz moderner Kultur auf dem Rücken der Frauen ausgetragen, indem man darum stritt, was als schicklich oder gefahrlos betrachtet wurde und was nicht. Immer wieder verkörperte Choi Eun Hee in Shins Filmen diesen Konflikt – ob als Prostituierte, Kriegswitwe, keusche Studentin, Königin oder als promiskuitive Bardame.
Auch Chois öffentliches Bild jenseits der Leinwand wurde zwischen diesen beiden Polen hin- und hergezerrt. Für die männlichen Zuschauer war sie in jeder Rolle, die sie spielte, ein Objekt der Begierde, und schnell drehte sich das Gespräch der Männer nach dem Kinobesuch unweigerlich nicht mehr um die Qualität des Films, sondern um Chois Körperformen. Von der produktionseigenen PR-Abteilung ermutigt, porträtierten die Medien Choi als pflichtbewusste, treue Ehefrau, die hart arbeitete, ob nun am Set oder zu Hause für ihren Mann. Sie wurde als Gattin dargestellt, die Handarbeiten liebte und ihrem Mann gern die Hemden bügelte. «Sie ist eine großartige Schauspielerin und eine großartige Ehefrau zugleich», hieß es in Fanmagazinen und Zeitungen.
Doch es gab auch die Choi Eun Hee, die sich für die Rechte der Frauen einsetzte und sich damit in der Öffentlichkeit auch außerhalb des familiären Kontextes einen Namen machte, sodass man sie durchaus als ersten weiblichen Vollprofi im südkoreanischen Kino bezeichnen könnte. In den sechziger Jahren führte sie als dritte Koreanerin, die jemals hinter der Kamera stand, bei drei eigenen Filmen Regie, und alle drei waren sowohl bei der Kritik als auch an der Kinokasse erfolgreich. Als einer von Shins bekannteren Regisseuren, Lee Jang Ho, heiratete, leitete Choi die Trauungszeremonie – eine beinahe unerhörte Aufgabe für eine Frau. Sie war als Geschäftspartner verlässlicher als ihr Mann, eine kluge Netzwerkerin, und sie verstand sich besser auf den Umgang mit den Reichen und Mächtigen, als es Shin je gelungen war. Pflichterfüllung, Emanzipation, Sexualität: Choi repräsentierte all das zugleich; ihr Leben und ihre Arbeit verkörperten die Beschränkungen, denen Frauen unterworfen waren, und waren dennoch ein Prisma, durch welches man einen Blick in eine Welt werfen durfte, in der ebendiese Beschränkungen nicht existierten.
Doch immer wurden Ehemann und Ehefrau gemeinsam erwähnt: Shin und Choi, Shin Film und sein Star Choi, der Regisseur Shin Sang Ok und die weibliche Hauptdarstellerin Choi Eun Hee. Im öffentlichen Bewusstsein genau wie in ihrem Privatleben waren sie unzertrennlich – in guten wie in schlechten Zeiten.
