Das Urmia-Projekt - Klaus Melcher - E-Book

Das Urmia-Projekt E-Book

Klaus Melcher

0,0
9,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Urmia-See im Nordwesten des Iran ist einer der weltweit größten Salzseen und droht auszutrocknen. Aaron Freudenthal fliegt im Auftrag des Kongresses zur Rettung des Sees (IGUL) nach Urmia und lernt auf dem Flug die attraktive Iranerin Ariana kennen und verliebt sich in sie.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Klaus Melcher

Das Urmia-Projekt

Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

Sie war ihm gleich aufgefallen, schon als er die Halle betreten hatte.

Ihre langen schwarzen Haare, nicht von irgendeinem Band zusammengehalten, fließend, nicht gezügelt und trotzdem nicht wirr. Ihr leicht gebräuntes Gesicht, von einer nie gesehenen Weichheit und doch markant. Ihre Figur, schlank und doch fraulich, lange schlanke Beine, wundervolle, fast mädchenhafte Brüste, dazu ein knackiger, wohlgerundeter, kleiner Po, der ihm den Atem raubte. Die überaus kleinen Füße, in winzigen Stilettos, hochgebunden.

Er stand da, in der Mitte der Halle und starrte sie an. Oder sah ihr nach, als sie zielstrebig in der Ferne an ihm vorbeieilte, ihn nicht einmal wahrnahm.

Sie schien genau zu wissen, auf welchem Gate sie sich einchecken musste. Jedenfalls hielt sie sich nicht mit einem Blick auf die Anzeigetafel auf, steuerte auf den Schalter der Turkish Airlines zu, stellte sich an das Ende der Warteschlange und schien nur damit beschäftigt, ihr Ticket, ihren Pass oder ihren Personalausweis aus ihrer Handtasche zu kramen.

Auch als sie am Schalter stand, ihren Koffer auf das Laufband stellte, geduldig auf ihre Bordkarte wartete, wirkte sie wie jemand, der wenn auch nicht täglich, so doch regelmäßig flog, routiniert, auf allen internationalen Flughäfen zuhause.

Und er?

Es war sein erster Flug, jedenfalls so weit. Nach Mallorca war er schon einmal geflogen, auch nach Alicante oder Split. Aber dieser Flug sollte ihn weiter führen, weit über Istanbul hinaus bis nach Teheran. In Istanbul würde er umsteigen müssen, Direktflüge von Berlin gab es damals nicht. Und von Antwerpen oder Paris wollte er nicht fliegen. Dann schon lieber in Istanbul umsteigen.

Und plötzlich stand er hinter ihr. Nicht direkt hinter ihr, eher vier oder fünf Personen weiter, auch eine türkische Familie mit vier Kindern kam vor ihm dran. Aber dann wurde er abgefertigt, vertraute diesem Band, das irgendwo in den geheimnisvollen Katakomben des Flughafens verschwand, wenn er Glück hatte, bei seinem zuständigen Gepäckwagen landete und in seine Maschine verladen wurde.

Und er fühlte sich frei. Frei von der Last seines Gepäcks – es war ja nur ein Koffer von etwas weniger als 20 Kilo – frei von irgendeiner Last, die ihn hier an die Erde binden könnte, frei von – er wusste es nicht.

Frei von allem.

Frei von seinem Beruf, der bisher für ihn auf dem obersten Platz seiner Prioritätenliste gestanden hatte, frei von seiner Familie und seinen Verpflichtungen ihr gegenüber, frei von seiner Freundin und seinen Freunden, die ihn nicht verstanden.

Er hatte nie gewusst, was Freiheit bedeutete, vor wenigen Tagen hatte er es nicht geahnt, als seine Freundin ihm eine Szene gemacht hatte, weil er sie für ein Jahr verlassen wollte, um im Iran an einem internationalen Projekt teilzunehmen. „Warum?“, hatte sie gefragt, „warum muss es unbedingt der Iran sein? Liebst du mich nicht mehr? Wenn das so ist, dann geh doch gleich an den Südpol!“

Und sie hatte die Tür zugeworfen, unüberhörbar.

Und sie war bis heute nicht zurückgekommen. Und hätte sie es sich gestern noch überlegt, heute wäre es zu spät gewesen.

Stattdessen war er jetzt auf dem Flugplatz, hatte eingecheckt, folgte wie in einem seltsamen, geheimnisvollen Traum dieser jungen Frau.

Bis ins Flugzeug.

Er brauchte nicht dem vorgegebenen Weg zu folgen, um das Ziel zu erreichen. Er hatte sich nichts dabei gedacht, schon gar nicht wollte er sie stalken; es geschah ohne eigenen Antrieb. Willenlos folgte er ihren Schritten, immer in ausreichendem Abstand. Nicht dass sie sich belästigt fühlte!

Und das schien in der Tat auch nicht der Fall zu sein. Jedenfalls als sie sich setzte, in die erste Sitzreihe, der elektronischen Anzeigetafel gegenüber, über die sie nur sehr selten einen allenfalls uninteressierten, beiläufigen Blick streifen ließ, als ginge sie das alles hier nichts an.

Man sah es ihr einmal wieder an, sie war das Fliegen gewöhnt, war nicht damit beschäftigt, sich über eventuelle Verspätungen Gedanken zu machen. Ihr Anschlussflug würde sicher warten. Und wenn nicht, dann hätte irgendein hilfreicher Geist sicher eine neue Verbindung gefunden.

„Darf ich Ihnen helfen?“, fragte er, als sie in dem schmalen Gang vor ihm stand und ihr Bordcase vergeblich versuchte, in der Kofferablage über ihren Köpfen zu verstauen. Immer wieder fiel es herunter, kaum hatte sie ihn, wie sie meinte, sicher neben den anderen Gepäckstücken untergebracht.

Nein, wie ungeschickt sie war! Und jetzt hatte sie sich noch einen Fingernagel abgebrochen! Das war nicht nur unschön, eher eine Katastrophe, das tat auch weh. Und deshalb nahm sie seine Hilfe auch dankbar an.

„Wenn Sie so nett sein wollen“, lächelte sie ihn an.

Er war so nett.

Und er fand es nur gerecht, dass er den Platz neben ihr zugewiesen bekommen hatte, eine Gunst des Schicksals. Kein Grund, darüber nachzudenken.

Das Licht in der Kabine wurde abgedunkelt, die Chefstewardess begrüßte im Namen der ganzen Crew auf das herzlichste ihre Fluggäste, instruierte sie über die Sicherheitsmaßnahmen, verwies auf die Notausgänge.

Und dann begannen die Turbinen zu röhren, und das Flugzeug verließ seine Position, rollte langsam weiter auf das Rollfeld. Hielt für einen langen Augenblick. Die Turbinen röhrten lauter, nur mühsam gezügelt. Und plötzlich ging ein Zittern durch die Maschine, sie setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller. Man hörte das Rumsen der Räder, spürte, wie sie eingeholt wurden und in dem Flugzeugbauch verschwanden.

Immer kleiner wurden die Straßen und Häuser, die die Maschine überflog. Die zarten Wolken waren verschwunden, die Zeichen für die Anschnallpflicht erloschen. Tief unter ihnen verschwand Berlin. Erst waren es die Autos, es folgten Häuser, schließlich ganze Häuserzeilen, bis nur noch die Umrisse Berlins erkennbar waren. Er hatte es noch nie aus dieser Perspektive gesehen und beugte sich etwas weiter über seine Nachbarin. Sie schien sich nichts dabei zu denken, zog ihn im Gegenteil noch weiter zum Bullauge, weit über ihren Oberkörper hinaus.

Sie hatten ihre Flughöhe erreicht.

Langsam löste sie den leichten Druck ihrer Hände, mit dem sie seinen Kopf gehalten hatte, und gab ihn frei.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er nur. Sie sah ihn aus ihren großen fast schwarzen Augen an, lächelte ein bezauberndes Lächeln. „Sie müssen sich nicht entschuldigen.“

War sie so unschuldig, dass sie sich gar nichts dabei gedacht hatte, oder war sie im Gegenteil so durchtrieben, dass sie sich ihrer Reize durchaus bewusst war, ihn geradezu in diese Falle gelockt hatte.

„Ich war damals siebzehn, lebenslustig, hübsch, hatte einen Freund, zwanzig Jahre alt, Student, kam aus sehr gutem Hause, wie man damals noch sagte, nicht überall; aber auch wo man es nicht zu sagen wagte, galt es immer noch.

Wir waren auf einer Party. Wir wussten alle, welches Risiko wir eingingen, aber wir sahen es nicht, wollten es nicht sehen. Und das Haus war groß, abgeschirmt durch einen großen Garten, der alle Geräusche, die laute Tanzmusik, auch das heimliche Geflüster der Liebespaare in dem Garten hinter seinen dicken Mauern verbarg. So dachten wir damals. Und so benahmen wir uns auch, ungezwungen, vergnügt, verliebt.

Hassan hatte gerade seine Hand unter meinen Rock geschoben, ich genoss seine Berührung, hätte alles für ihn gegeben, hatte meine Bluse weit geöffnet, ohne dass er das von mir verlangt hatte, wartete auf seine Liebkosungen, die gleich kommen würden, wir beide im Rausch, keinen Augenblick bereit zu warten.

Und da kamen sie.

Sie klopften nicht an, waren nicht freundlich, behandelten uns wie Schwerverbrecher. Banden uns die Hände auf dem Rücken mit Kabelbindern. Stießen uns herum. Schlugen uns, nicht mit ihren Händen oder Fäusten. Sie hatten Peitschen mitgebracht, Peitschen mit kleinen Kugeln, die unbarmherzig auf unsere Rücken, auf unsere Hintern, auf unsere Oberschenkel niederprasselten. Sie kümmerten sich nicht um unsere Schreie, unser Stöhnen, nachdem die größte Qual der ersten Schläge vorüber war.“

„Die Sittenpolizei?“, fragte er vorsichtig, denn er wusste nicht, wie er sich angesichts dieses Geständnisses verhalten sollte. Sollte er ihre Hand in seine nehmen und sie drücken, wozu ihn alles drängte, oder sollte er irgendetwas sagen, etwas Tröstliches oder Einfühlsames vielleicht.

Sie nickte.

„Ja, die Sittenpolizei“, sagte sie leise, „wir alle wussten, es gab sie, überall, und niemand war vor ihr sicher. Aber sie war weit weg. Glaubten wir jedenfalls. Und doch war sie überall. Und wo sie nicht war, da gab es einen Nachbarn, einen Mitschüler, einen Kommilitonen, einen Arbeitskollegen, der sich mit den neuen Herrschern anbiederte und uns gerne verriet, sei es, um eine alte Rechnung zu begleichen oder tatsächlich aus religiöser Überzeugung.

Und dafür gab es viele Gelegenheiten. Wir alle waren die Freiheit gewöhnt, wir alle waren Kinder des Shah oder unsere Eltern, und die nahmen es mit den neuen strengen Sitten nicht so ernst. Sicher, der Shah war auch kein – wie würde man heute bei euch sagen? – Demokrat, aber wir hatten doch relative Freiheit, sehr viel mehr jedenfalls als heute.“

Er konnte es nicht fassen. Was veranlasste diese Frau, in dieses Land zurückzukehren, ein Land, in dem die einfachsten Menschenrechte nicht geachtet wurden, in denen Frauen sich verhüllen, sich mindestens bedecken mussten? Und bei einem Verstoß gegen dieses Gebot mit Peitschenhieben bestraft wurden?

„Habe noch etwas Geduld“, sagte sie und berührte ganz leicht seine Hand, und ihn durchströmte dieses unbeschreibliche Gefühl, das ihn immer durchdringen würde, solange er diese Frau kennen würde.

„Warte“, fügte sie noch hinzu, „bis wir in der Maschine nach Teheran sind. Dann erzähle ich dir mehr.“

Die Anzeige über den Sitzen leuchtete auf. Man war in dem Anflug auf den Flughafen Istanbul.

Die Fluggäste wurden gebeten, sich anzuschnallen, die Sitze in die aufrechte Position zu bringen, das Rauchen einzustellen und die Handys auszuschalten.

Hatte er sich noch Gedanken darüber gemacht, dass er sie vielleicht in dem Gedränge auf dem Flugplatz verlieren könnte, hatte sie fast panisch gesucht zwischen all den vielen Fluggästen, die durch die breiten Gänge zu ihrem Gate eilten, kein anderes Ziel, als ihren Flug nicht zu verpassen, die sich überholten, sich durchdrängten, auch mal schimpften, wenn es ihnen verwehrt wurde.

Jetzt wurde er gelassener. Er hatte keinen eigenen Willen mehr. Er brauchte ihn auch nicht. Er wurde geschoben, von irgendeiner Macht. Ließ sich treiben. Dieses riesige Drehkreuz, das er bisher wegen seiner Gigantomanie belächelt, ja fast verachtet hatte, das hatte, so wurde ihm auf einmal klar, seine eigenen Gesetze, und folgte man ihnen, so wurde man sicher geführt. Niemand würde verlorengehen.

Und so überließ er sich, erst widerwillig, fast panisch, dann resignierend und schließlich begeistert diesem unsichtbaren Dirigenten, der ihn sicher seinen Weg leitete.

Auf Flugplätzen hatte er sich immer unwohl gefühlt, selbst auf so kleinen wie Hannover und Hamburg, selbst auf dem Flughafen von Split, der noch sehr viel kleiner als Hannover und Hamburg war. Er fühlte sich immer verloren in dieser Menge von Menschen, die irgendeinem Ziel zustrebten, das für ihn nicht sichtbar war.

Hier war es anders.

Unendlich viele Menschen, kaum weniger Gänge, die irgendwo mündeten. Und doch fühlte er sich nicht verloren.

Und dann sah er sie wieder. Drei Schritte vor ihm ging sie, zog ihr Bordcase hinter sich her, drehte sich nicht um, schien ihren Weg zu kennen. Er folgte ihr. Gerade wollte er sich fragen, ob ihr Weg auch sein Weg wäre, da hatten sie ihre Abflughalle erreicht.

Ob er ihr ein Getränk ausgeben dürfe, einen Wein vielleicht oder Sekt oder etwas Alkoholfreies, fragte er, als er, wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, neben ihrem Platz stand. Sie lächelte huldvoll: „Ein Glas Sekt vielleicht!“

Und schon war er verschwunden und kam, obgleich er gar keinen Sekt mochte, sogleich mit zwei Gläsern zurück, setzte sich zu ihr, gab ihr das für sie bestimmte Glas und prostete ihr zu.

Wieder fielen ihm diese unwahrscheinlich dunklen Augen auf, in denen er sich fast verlor.

„Entschuldigung, wir müssen!“, unterbrach sie ihn. Die Anzeigetafel hatte den Anschlussflug nach Teheran angekündigt, und die Menschen drängten zum Check-In-Schalter. Und schon hatte er sie verloren. Nicht ganz, da vorne in der Reihe stand sie, sprach mit der Stewardess am Schalter, nur wenige Minuten, sah kurz auf. In seine Richtung, wie es ihm schien. Aber das war natürlich Einbildung.

Als er seine Bordingcard erhalten hatte, dachte er schon nicht mehr daran, stellte sich an und wartete darauf, dass er einsteigen konnte. Automatisch ging er die wenigen Schritte zu seinem Platz, war auch nicht verwundert, dass er wieder neben der Unbekannten sitzen sollte, hob ganz selbstverständlich ihr Bordcase in die Gepäckablage, setzte sich, ohne noch einen Blick auf seine Bordingcard geworfen zu haben, neben sie, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, neben dieser Traumfrau zu sitzen.

Trotzdem verwirrte ihn dieser Zufall, denn um einen Zufall musste es sich handeln. Und so verbrachte er die nächsten Minuten bis zum Start der Maschine schweigend und in sich gekehrt.

Kaum war die Maschine in der Luft, wurde Istanbul immer kleiner, verlor sich irgendwo, kaum waren die Schilder erloschen, dass man sich anschnallen sollte, da fragte sie: „Darf ich mal?“

Er machte ihr Platz, und sie ging den Gang entlang und verschwand in der Toilette.

Nach wenigen Augenblicken kehrte sie zurück, zu früh, schien es ihm. Nicht dass sie ihm lästig geworden wäre; aber für irgendwelche „Verrichtungen“ kam ihm die Zeit zu kurz vor.

Sie strahlte ihn an.

Und sie duftete. Duftete wie er es nie erlebt hatte. Dieser Duft war unvorstellbar, weiblich, süßlich und doch herb, dominant, füllte das ganze Flugzeug, wie es ihm schien. Er kannte sich nicht aus in der Terminologie der Parfümeure, aber dass er hier etwas Besonderes, noch nicht Dagewesenes wahrnahm, spürte er.

Das Parfüm wirkte leicht, wie ein Hauch, wie ein Sommerparfüm. Und doch hatte es einen ‚schweren‘ Anklang, etwas, das haften blieb, auch in der Erinnerung.

Er versuchte sich zu konzentrieren.

In den frischen, sommerlichen Duft mischte sich als Unternote ein Hauch von Schweiß, nicht normalen Schweißes wie von einem getragenen Hemd am Abend. Es war eher der Schweiß einer jungen Frau, voller Erwartung, voller Vorfreude, voller Hingabe. Und diese Note wurde immer stärker, schien einen Augenblick alles andere zu beherrschen. Darin schien Angst zu liegen, aber nur ein wenig, dann wich sie einem Duft von Tränen, von Schmerz.

Haben Sie schon mal den Duft von Schmerz gerochen? Nicht den rohen, von Folterknechten erzeugten. Nicht den vor einer Operation, nicht den eines Kranken. Das ist alles schrecklich!

Aber kennen Sie diesen Duft nach Schmerz, der wert ist, in einem Parfüm konzentriert zu werden. Nicht dominierend, unaufdringlich, aber doch spürbar. Der diesem Parfüm diese einzigartige Note verleiht, die sie von allen anderen unterscheidet. Von allen anderen nicht erreicht. Und nicht erreichbar. Wenn man dem Parfüm diese Note nimmt, stirbt das Parfüm.

„Geben Sie mir mal die Karte?“

Er verstand nicht und schreckte aus seinen Gedanken auf.

Sie hatte es bemerkt und lachte ein glockenreines Lachen.

„Ich habe hier keine Servicekarte“, sagte sie wie um Entschuldigung bittend. Ertappt, griff er schnell an seinen Vordersitz, zog die Karte heraus und reichte sie seiner Nachbarin. Als sie sie nahm, strömte ihm wieder dieser betörende Duft entgegen.

„Entschuldigen Sie“, raffte er sich endlich auf, „dieses Parfüm. Ich habe es noch nie gerochen. Woher kommt es? Wie heißt es? Kann man es hier an Bord kaufen?“

Wieder sah sie ihn an, lange, unendlich lange, wie es ihm schien. „Das sind drei Fragen auf einmal. Meinen Sie nicht, das sind zwei zu viel? – Aber um ihre erste Frage zu beantworten, es kommt aus dem Iran. Und es gibt es nur im Iran. Und es ist schwierig, es zu bekommen. Es gibt es, soweit ich weiß, noch nicht im Handel.“

Es gab noch viele Fragen, eher noch mehr als zuvor. Was war geheimnisvoller, diese Frau oder ihr Duft?

Sie überflogen den Urmia-See, die Brücke, die man etwa in der Mitte quer über den See gebaut hatte, sahen, wie der See in den letzten Jahren unaufhaltsam geschrumpft war, sahen die sich immer mehr ausbreitende Salzwüste. Alles Leben schien erstorben.

All das sah er. All das interessierte ihn. Schließlich hatte er diese Reise unternommen, um ein Jahr zusammen mit iranischen Wissenschaftlern den Urmia-See zu studieren, nach Wegen zu suchen, seine weitere Austrocknung und Versalzung zu verhindern. Und jetzt bot sich ihm dieser Anblick aus der Luft. Eindringlich.

Und doch galt seine ganze Aufmerksamkeit seiner Nachbarin und ihrem Parfüm, das jetzt immer mehr von einem Duft nach – er versuchte sich zu erinnern. Irgendwann hatte er ihn schon in der Nase gehabt. Und dann war es da, ganz plötzlich. Er sah die Szene vor sich, als wäre es gestern gewesen.

Sie waren zu einem Seminarfest eingeladen. Sein Professor hatte es veranstaltet, fand in irgendeinem netten Gartenlokal am Wannsee statt. Es war eine wunderschöne warme Nacht. Sie hatten getanzt, verliebt wie sie waren, hatten sich etwas abseits begeben, ihr Glas in den Händen, noch erhitzt vom letzten Tanz. Da hatte er das erste Mal diesen Duft gespürt. Den Duft nach jungem Mädchen und dem nur ahnbaren zarten Duft nach Schweiß, der diesem zarten Körper entstieg. Natürlich gesellte sich zu ihm der Duft von Wasser, aber er dominierte ihn nicht, ordnete sich unter, bescheiden, würde er heute sagen.

Hier war es dieselbe Grundnote, Mädchenschweiß, aber etwas anderes war ihm beigemischt, nicht der Duft des Wannsees. Etwas Herbes, vielleicht waren es Tränen, vielleicht war es Schmerz.

Sie hatten schon lange keine Sicht mehr auf den Urmia-See. Er hatte es nicht einmal bemerkt.

Der Gong erklang, und die Stimme der Flugbegleiterin forderte die Fluggäste auf, sich anzuschnallen. Man befände sich im Landeanflug auf den Teheran-Imam- Chomeini-Flughafen. Die Stewardess gab die aktuellen Wetterdaten durch.

Wie das bei Flugreisen so üblich ist, die ersten Fluggäste standen in den Gängen, kaum war die Maschine gelandet, hatte noch nicht einmal ihre Position erreicht, rissen die Deckel ihrer Gepäckboxen über ihren Köpfen auf, hoben ihre Bordcases heraus, ohne Rücksicht auf die noch sitzenden Passagiere.

Das Gedränge auf den Gängen wurde stärker.

Sie saß in fast unerschütterlicher Ruhe auf ihrem Platz. Sie schien viel Zeit zu haben.

„Warten Sie, das Flugzeug startet nicht, wenn auch nur eine Person an Bord ist. Aber das scheinen die hier nicht zu wissen.“

„Wir müssen uns sowieso hier trennen“, fügte sie nach einem winzigen Augenblick hinzu, „man erwartet mich, und es ist besser, man sieht uns nicht zusammen.“

Er wollte noch etwas sagen, doch dann war der Gang frei und sie erhob sich. Er tat es ihr gleich, gab ihr ihr Bordcase, nahm sein eigenes heraus, und als er sich umdrehte, war sie zwischen den anderen Fluggästen verschwunden. Zweimal meinte er, sie noch gesehen zu haben, einmal in der Schlange vor der Passabfertigung, aber er hätte es auch nicht mit Drängeln geschafft sie zu erreichen, ein zweites Mal hinter der Abfertigung.

Sie stand am Rande der Halle, zwei Uniformierte neben ihr, einer hielt ihr Bordcase, der andere ihre Bordingkarte. Sie nahmen sie in ihre Mitte und begleiteten sie nach draußen. Ob sie ihren Koffer abholten, konnte er nicht sehen. Er war auch genügend mit sich beschäftigt: Koffer holen, seine Kontaktperson ausfindig machen. Das war schon mehr als genug für einen Tag. Und schon hatte er seine Reisebekanntschaft vergessen.

Sie fiel ihm erst wieder ein, als er müde in seinem Hotelzimmer lag. Da spürte er diesen eigentümlichen, fremden und doch vertrauten Duft ihres Parfüms.

Die Männer von der Sittenpolizei hatten sie in Empfang genommen, nicht brutal, eher höflich, um ihr Wohlergehen besorgt, begleiteten, eher führten sie durch einen schmalen Gang abseits des Getriebes des Flughafens zu einem kleinen Parkplatz, abgeschirmt von den öffentlichen, belebten.

Sie kannte das ganze Szenario, das sie erwartete.

Das erste Mal hatte sie sich zu widersetzen versucht, mit überaus schmerzhaften Folgen für sie und für ihre Familie.

Man hatte ihr eine Art Sack über den Kopf gestülpt, mit einer Art Gummiband über ihren Augen, das ihr im Laufe der Fahrt immer enger wurde, bis sie vor Schmerzen aufschrie. Neben sich zwei Männer der Sittenpolizei, schweigsam, von denen sie nur ihr Atmen hörte, feistes, geiles Atmen, wie es ihr schien.

Endlich, irgendwo angekommen, war sie aus dem Auto gestoßen worden, wie irgendein Gegenstand, nichts wert. Sie war angeherrscht worden, sie sollte aufstehen, sich beeilen, aber sie hatte nicht gewusst wohin und wobei. Das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war die Kette, die ihr angelegt wurde. Und die entsetzlichen Schmerzen, die alles bisher Erfahrene übertrafen, auch die Peitschenhiebe nach der besagten Party.

Sie war, noch in Handschellen, an einen Haken gehängt worden, unmittelbar über dem Boden, so dass ihre Zehenspitzen gerade den Boden berührten, ihre Kleider waren ihr vom Körper gerissen worden, hatten am Boden zu ihren Füßen gelegen, ein kleines nutzloses Bündel.

Und jemand hatte auf sie eingeschlagen. Mit Macht. Mit aller Brutalität, zu der ein Mann nur fähig ist. Sie hatte geschrien. Um Gnade gebettelt. Alles vergeblich. Es schien, dass ihr Flehen die Männer – es mussten inzwischen mindestens zwei sein, die sie misshandelten – nur noch anspornten weiterzumachen.

Als sie irgendwann aus ihrer Bewusstlosigkeit aufgewacht war, am Boden liegend, in einem überheizten dunklen Raum, brannten ihre Striemen wie Feuer. Sie wollte sich aufrichten, doch sie konnte es nicht. Behutsam tastete sie ihre Male ab, stöhnte vor Schmerzen.

„Wir haben deine Familie verschont. Noch. Aber überlege dir, wie lange kann dein Vater das ertragen. Und seine Schmerzen werden nicht geringer sein als deine. Und deine Mutter, sie hat dich unter Schmerzen geboren. Soll sie unter den Schmerzen sterben, ihr von ihrer Tochter zugefügt? Und denke an deinen Bruder! Überlege es dir!“

Die Stimme war aus dem Off gesprochen, sie hatte niemanden gesehen, nur ihren geschundenen Körper gespürt, dieses kleine Häufchen Elend.

Und sie hatte zugestimmt, unfähig, einen eigenen Entschluss zu fassen, hatte nur zugestimmt, um endlich Ruhe zu haben.

Und die hatte sie. In der Nacht. Auch noch am nächsten Morgen. Und auch noch später, als sie entlassen wurde, ausgestattet mit einem Scheck, der es ihr ermöglichte, in den teuersten Boutiquen Teherans einzukaufen. Mit einem Papier, das sie berechtigte, jeden, auch den entferntesten Winkel des Iran zu besuchen. Auf einmal war alles wie durch ein Wunder möglich – und vergessen.

Zwei Tage noch spürte sie die Striemen auf Po, Rücken und Oberschenkeln. Aber dann waren die Schmerzen endgültig vorbei.

Sie fuhr zu dem Haus ihrer Party, fand es verlassen vor, bedauerte es einen Augenblick, es war einfach zu schade, nicht mit Leben erfüllt zu sein. Nicht mit junger Liebe. Nicht mit Zärtlichkeit in der lauwarmen Sommernacht. Nicht mit den Küssen, den unzähligen Schwüren, von denen doch keiner eingehalten werden konnte und eingehalten werden würde.

Sie fuhr weiter. Zu dem Haus ihrer Eltern. Nichts war anders als gewohnt, kein PKW vor dem Haus, auch nicht einige Meter abseits, das auf die Geheimpolizei hindeuten könnte. Ihre Eltern wurden offensichtlich nicht observiert.

Sie bezahlte und verließ das Taxi. Kaum hatte sie den Klingelknopf gedrückt, wurde sie eingelassen.

Vor ihr stand ihr Vater. Ein gebrochener Mann. Sein Gesicht tränenüberströmt, nahm er seine Tochter in den Arm.

„Dass ich dich, Ariana, noch einmal sehen darf! Dafür danke ich Allah.“

Er führte sie in den Wohnraum, verbeugte sich gen Mekka und kniete auf dem Teppich nieder. Sie kannte ihren Vater nur als einen aufgeklärten Mann, der den Islam sehr kritisch sah, und deshalb verstand sie seinen ‚religiösen Ausbruch‘, wie sie es später nannte, nicht. Erst als ihre Mutter zu ihnen trat, sie in den Arm schloss und ihr sagte, ganz leise, als wäre es ein Geheimnis, von dem niemand etwas erfahren durfte: „Er hat in letzter Zeit so oft zu Allah gebetet, wie in seinem ganzen Leben nicht. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Und er hat ihn erhört.“

Sie wussten ja nicht, um welchen Preis.

Und Ariana konnte – und durfte - es ihnen auch nicht sagen. Das gehörte zu dem Deal.

Doch sie durfte erzählen, dass sie jetzt öfter kommen würde, alle halbe Jahr, dann immer für zwei oder drei Wochen. Sie hätte einen lohnenden Job gefunden, genauer zwei verschiedene Jobs, einen in Deutschland und einen im Iran.

„Wird dir das nicht auf Dauer zu viel? Missversteh mich nicht, wir freuen uns natürlich, wenn du uns öfter besuchst. Aber ist das nicht sehr anstrengend?“ Ihr Vater sah seine Tochter besorgt an.

Ariana lächelte.

„Nein, ist schon gut. Nur zwei, drei Tage. Und wenn ich euch besuchen komme, ist alles schon vorbei. Dann bin ich nur bei euch und kann mich erholen. Ich darf mich doch bei euch erholen?“, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Wieder liefen Tränen ihrem Vater über das Gesicht, und er bemühte sich nicht, sie zu stoppen oder fortzuwischen. Es waren Tränen des Glücks.

Damals, nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei und ihre anschließende Inhaftierung in irgendeinem Teheraner Gefängnis, hatte er schon alle Hoffnung aufgegeben, seine Tochter lebend wiederzusehen. Man erzählte ja so viel. Und mit jedem Tag schrumpfte die Hoffnung, wuchs die Verzweiflung.

Zwanzig Peitschenhiebe hätte sie ertragen müssen, zwanzig Hiebe auf ihren entblößten Körper. Als sie irgendwann vor Schmerzen ohnmächtig wurde, hatte man den Vollzug der Strafe ausgesetzt, zur Bewährung, wie sie sagten.

Das verdankte sie einem etwas kultivierter erscheinenden Gefängnisarzt, der in ihre Zelle kam, um sich von ihrem Zustand zu überzeugen. Er untersuchte ihre Wunden und die Striemen auf ihrem Körper, tupfte sie ab, mal vorsichtig, mal rieb er auf der Wunde, hielt sich die kleinen Gazetupfer unter die Nase, als wollte er sich an ihrem Geruch erfreuen. Dann sammelte er ihren Schweiß auf, hielt den Tupfer erneut unter die Nase, sog seinen Duft tief ein, unterbrach seine Tätigkeit kurz und verließ ihre Zelle.

Wenig später kehrte er zurück, in Begleitung eines Kollegen. Er gab ihm einen der Tupfer, die er genommen hatte. Dann einen frischen. Der Kollege unterzog Arianas Körper der gleichen Prozedur. Wieder langes, tiefes Einziehen des Duftes. Ein verständnisvolles Nicken. Beide Männer verschwanden.

Zurück blieb Ariana.

Verängstigt. Hatte sie etwas falsch gemacht? Was würde ihr jetzt passieren?

Die Hitze in der Zelle wurde unerträglich. Schweißperlen bildeten sich auf Arianas Stirn, liefen hinunter, verbanden sich mit denen auf Brüsten und Bauch, suchten ein vorübergehendes Bett in ihren Schamhaaren, bevor sie über die Oberschenkel hinabliefen. Und auch auf ihrem Rücken spürte sie die Ansammlung von Schweißtropfen, die feinen Rinnsale, die über ihren Po rannen.

Unerträglich!

Sie hatte nichts, mit dem sie sich hätte abtrocknen können. Lediglich ihre Handrücken, aber die machten es nicht erträglicher. Sie waren genauso schweißnass.

Dann wurde die Tür erneut geöffnet.

Die beiden Ärzte kehrten zurück, diesmal begleitet von einem dritten Weißkittel, wohl einem Vorgesetzten, jedenfalls stand er in der Hierarchie über den beiden anderen, so ergeben, fast unterwürfig wie sich die beiden Ärzte verhielten.

Schon als die drei Männer die Zelle betraten, sogen sie die Luft tief ein.

„Das ist phantastisch“, sagte der erste Arzt, „jetzt ist der Duft noch stärker.“

Da entdeckte er die Schweißperlen und -Rinnsale, machte den Weißkittel darauf aufmerksam, die beiden sprachen einige Worte miteinander, und wortlos verließen die drei Männer die Zelle.

Wie lange Ariana in der Hitze aushalten musste, konnte sie später nicht sagen. Sie wollte es auch nicht wissen. Es waren jedenfalls viele – schweißtreibende – Stunden.

Als endlich drei schwarz gekleidete Frauen, alle verhüllt, ihre Zelle betraten, ihren Körper mit Gazetupfern vorsichtig abtrockneten, die feuchten Tupfer in Edelstahlschalen entsorgten, darauf bedacht, dass kein einziger Tupfer verlorenging, da fühlte sie sich zum ersten Mal an diesem schrecklichen Tag geachtet. Diese Frauen wollten nichts von ihr. Sie behandelten ihren geschundenen Körper wie etwas Wertvolles, Zerbrechliches.

Eine der Frauen nahm von einem Schemel, den Ariana bisher noch nicht bemerkt hatte, ein weißes weites Gewand, eher ein großes Tuch, ließ es durch die Luft gleiten, und es hüllte Ariana wie von selbst ein. Eine angenehme Kühle durchströmte ihren Körper, aber auch ein Brennen der Striemen und Verletzungen. Und doch, dieses Brennen war nichts gegen die wohltuende Kühlung, und sie genoss das Brennen, das die Kühlung noch mehr steigerte.

Die drei Frauen sammelten in aller Ruhe ihre Utensilien zusammen, kein Tupfer blieb irgendwo zurück, kein Rest des zerfetzten Kleides wurde vergessen. Ohne ein Wort zu sagen, nahmen sie Ariana in ihre Mitte, schritten mit ihr einen langen Gang entlang, von dem links und rechts Türen abgingen, bis sie eine breite Tür zu dem Büro eines wohl Höhergestellten passierten.

In dem Raum befanden sich fünf Männer, die zwei Ärzte, die Ariana schon kannte, der Weißkittel, ein ihr unbekannter Mann. Der fünfte Mann saß hinter einem weit ausladenden Schreibtisch, hinter sich an der Wand ein Bildnis von dem Revolutionsführer Chomeini, düster aus seinem Rahmen guckend.

Ariana fragte sich, ob sie wirklich wenig zuvor noch geschwitzt hatte, für ein wenig Kühle alles gegeben hätte, so kalt wurde ihr auf einmal. Sie begann zu zittern, sie spürte ihre Beine nicht mehr und wäre in sich zusammengesackt, wie eine Betrunkene, hätte sie nicht einer der Ärzte gehalten und auf einen Stuhl geführt.

Wie durch Watte hörte sie die Stimmen der Männer, weit von ihr entfernt. Endlich löste sich erst eine, dann eine zweite Stimme aus dem Einheitsbrei heraus, bis sie alle Stimmen unterscheiden und auch zuordnen konnte.

Der Mann hinter dem Schreibtisch, vor dem Chomeini-Bild, hatte das Wort ergriffen. Er hatte eine ruhige, fast väterliche Stimme, aber irgendetwas sagte Ariana, sie dürfe ihrem Klang nicht trauen. Sie müsste auf der Hut sein.

Und dann kam dieses Angebot, das sie selbstverständlich ablehnen könnte. Er könnte sich nicht daran erinnern, dass jemals ein derart großzügiges Angebot gemacht worden wäre, und sicher wollte sie für sich und ihre Familie nur das Beste.

Wieder fühlte Ariana diese Schwäche, die sie eben befallen hatte. Was wollte dieser Mensch von ihr?

„Das ist ganz einfach“, schaltete sich der Mann, der hinter dem Schreibtisch stand, wohl der zweitwichtigste Mann hier in dem Raum, „Sie kommen frei, sie müssen sich nur alle sechs Monate bei uns melden. In der Zwischenzeit können Sie tun und lassen, was Sie wollen, können auch ins Ausland fliegen. Und Sie bekommen ausreichend Geld, um sich mit allem Nötigen einzudecken. Dafür bekommen wir als Gegenleistung“, er machte eine kleine Pause, „Ihren Schweiß.“

Sie verstand ihn nicht.

„Sie kommen alle halbe Jahr nach Teheran, werden am Flugplatz abgeholt und in ein – Sie können es Krankenhaus nennen; aber ich versichere Ihnen, es wird sehr viel komfortabler sein als die Zelle, in der Sie jetzt untergebracht waren.“

„Und was habe ich zu tun? Das ist doch sicher nicht alles.“

„Ist es auch nicht. Eine winzige Kleinigkeit müssen Sie erfüllen.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Sie werden dort ausgepeitscht.“

Ariana konnte es nicht fassen, sie musste sich verhört haben. Wer so etwas verlangte, allen Ernstes vorschlug, musste verrückt sein. Gerade wollte sie aufbrausen und ihrem Gegenüber ins Gesicht schleudern, was sie von diesem „Angebot“ hielt, da hob er seine Hand, nur ein wenig, und sie verstummte.

„Vergessen Sie nicht die Situation, in der Sie sich befinden. Fünfzehn Peitschenhiebe sind, wenn ich recht lese, zur Bewährung ausgesetzt und können jederzeit vollstreckt werden. Sie werden aber nie fünfzehn Peitschenhiebe auf einmal bekommen, höchstens drei oder vier. Und Sie werden nicht mehr frei im Raum aufgehängt werden, Sie werden immer Boden unter den Füßen haben. Aber – das muss ich fairerweise sagen – die Peitschenhiebe werden nicht weniger schmerzhaft sein als die, die Sie eben erfahren haben. Aber es werden weniger sein.“

Er merkte, sie wollte etwas fragen, und kam ihr zuvor: „Was uns interessiert, sind nicht Ihre Schmerzen. Und doch sind sie es irgendwie. Was uns interessiert, ist Ihr Schweiß, ihr Schweiß vermischt mit dem Geruch von Schmerz - und Angst. Angst vor dem nächsten Peitschenhieb.

Und deshalb werden Sie auch in einem Raum ausgepeitscht werden, der mindestens so warm ist wie Ihre Zelle. Sie werden in dem Raum nichts vorfinden, womit sie sich abtrocknen können. Sie werden ganz nackt sein, aber wie gesagt, er wird gut geheizt werden. Sie werden schwitzen, unendlich schwitzen. Und diesen Schweiß werden unsere Mitarbeiterinnen auftupfen. Und anschließend werden sie Sie in das Tuch einhüllen, das Sie schon kennen.“

Völlig benommen fragte Ariana: „Und wozu das alles? Was machen Sie mit meinem Schweiß?“

„Parfüm“, antwortete der Mann, „ein unverwechselbares Parfüm, ein Parfüm, das es nur einmal auf der Welt gibt. Ein Parfüm, mit dem wir alle Parfumeure in Europa, Japan und den USA schlagen können. Das uns die Frauen der Welt aus den Händen reißen werden. Und Sie wissen, welche Macht Frauen haben können. Schön, nicht bei uns, aber weiß man es – irgendwann vielleicht in ferner Zukunft auch bei uns.“

Ihr war schwindlig geworden bei seinen letzten Worten. Sie sollte den Rohstoff für ein neues Parfüm liefern! Und dafür sollte sie ausgepeitscht werden! Sollte unermessliche Schmerzen aushalten! Wer sich so etwas ausdachte, musste doch verrückt sein!

Aber die Männer schienen alles überlegt zu haben, wirkten ganz normal. Sie sah noch einmal in ihre Gesichter, ganz normale Gesichter, Alltagsgesichter, denen man nicht ihre Profession ansah, auch nicht die Macht, die sie hatten.

Und sie wusste, sie musste sich entscheiden, die Gesichter erwarteten ihre Antwort.

„Wenn ich einwillige, ich sage: wenn, wie wollen Sie verhindern, dass ich im Ausland bleibe?“, fragte sie, und sie fühlte sich wohltuend sicher.

„Da haben wir keine Sorge. Wir haben hier schließlich Ihre Familie – gewissermaßen als Faustpfand. Und die werden Sie doch nicht enttäuschen wollen. Solange Sie tun, was wir wollen, geschieht Ihrer Familie nichts. Sie profitieren sogar von Ihrer Zusammenarbeit, sie behalten ihr Haus und ihren Lebensstandard, Ihr Bruder kann studieren, was er will. Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen. Lassen Sie sich bis morgen Zeit. Bis dahin sind Sie unser Gast.“

Er hielt seine Hände gegeneinander, machte eine leichte Verbeugung, und sie war entlassen. Nichts deutete darauf hin, dass noch irgendjemand an sie das Wort richten würde.

Wohl auf ein geheimes Zeichen betrat eine der verhüllten Frauen den Raum, bedeutete Ariana, ihr zu folgen.

Wieder gingen sie einen langen Gang entlang, diesmal aber einen wohnlicheren, eher einem Hotelflur ähnlich, bis sie in einem Raum standen, der Ariana all die Strapazen und Schmerzen der letzten Stunden vergessen ließ. Von ihren Eltern war sie einen gewissen Wohlstand gewöhnt, die Eltern ihres Freundes hatten ein ausgesprochen luxuriöses Leben geführt, bis der Shah von seinem Thron gejagt worden war. Aber das hier, das war mehr als all der Luxus, den sie irgendwann mal gesehen hatte.

Auf dem wundervoll weichen Bett lag weit ausgebreitet ein luftiges Sommerkleid, eigentlich der Hauch eines Kleides. Daneben auf einem Stuhl Unterwäsche, wie sie die nie hier erwartet hätte, ein Kopftuch, frisch in den Farben, und Schuhe, fast zu schade, um sie zu tragen und den Staub der Erde einzuatmen.

Eigentlich war sie zu müde, um die Kleidung anzuprobieren, und doch musste sie es tun, es gab im Augenblick nichts Wichtigeres, auch nicht das so verführerisch lächelnde Bett.

Die junge Frau, die ihr in dem riesigen Spiegel gegenüberstand war bezaubernd, gar nicht mehr müde, von Schmerzen geplagt oder wenigstens der Erinnerung daran.

„Ja!“, sagte sie, „ja, ich mach es!“

Kapitel 2

Er machte sich nichts vor. Er hatte sie verloren, und er würde sie nur durch ein Wunder wiederfinden.

Entmutigt, weniger allerdings als er gedacht hatte, stellte er sich an das Laufband, das die Koffer aus dem geheimen Bauch des Flughafens an die Oberfläche beförderte. Ein letzter Hoffnungsschimmer: hier müsste auch ihr Koffer wieder erscheinen, von ihr angenommen werden, sicher zu schwer für eine so zarte Frau wie sie. Und er würde ihr helfen. Wie im Flieger.

Aber sie war abgeholt worden, und ihre Begleiter, die sie in Empfang genommen hatten, würden ihr sicher behilflich sein.

Das Taxi brachte ihn sicher durch den abenteuerlichen Verkehr zu seinem Hotel, einem einfachen, aber sauberen Mittelklassehotel in der Innenstadt. Überall, wie ihm schien, auch ohne Grund, wurde gehupt. Jeder, so schien es jedenfalls, wähnte das Recht auf seiner Seite, zumindest die Unterstützung Allahs.

Am Empfang erwartete ihn neben seinem Zimmerschlüssel und dem Hotelpagen eine dicke Mappe mit Unterlagen zu dem Projekt, ein Stadtplan von Teheran, ein Flugticket nach Urmia und einige Empfehlungen für den nächsten Tag, denn er hatte noch einen Tag frei, zur Akklimatisierung, wie es in seinen Unterlagen hieß, bevor es mit dem Flugzeug an den „feindlichen See“ und nach Urmia gehen sollte.

Er hätte auch mit dem Bus fahren können, aber ihm schien die Sicht auf den See hinunter eindrucksvoller.