8,49 €
Hannes Sommer, ist verwitwet und reklamiert bei den Parzen den Tod seiner Frau. Weil er bei dem Göttervater Gehör findet, hat er drei Wünsche frei. Er wünscht sich u. a., seine Freu viel früher kennengelernt zu haben. Sein Wusch wird ihm erfüllt. Als junger Student der Germanistik, lernt er in Göttingen Merle kennen, eine junge Schülerin aus Northeim.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2025
Klaus Melcher
Die Parzen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Impressum neobooks
Haben Sie auch schon einmal den ganzen oder wenigstens halben Tag im Bett verbracht? Nicht, weil sie krank waren oder sich nicht wohlfühlten, sondern einfach so, weil Sie die Wärme genossen, sich noch einmal einkuscheln wollten, nichts Sie drängte, keine Pflicht, die Sie rief, niemand da war, der etwas von Ihnen verlangte, das Ihr früheres Aufstehen erfordert hätte.
Beneidenswert, werden Sie vielleicht sagen, ein Paradies auf Erden. Mein Nachbar zum Beispiel möchte sein Junggesellenleben nicht tauschen. Gerade die Freiheit sei es, tun und lassen zu können, ohne dass einem jemand dazwischenredete, das wäre das Einmalige an diesem Leben.
Aber ich sage Ihnen, dieses Leben ist verdammt einsam. Vor allem, wenn man jemand ist, der immer eine Partnerin hatte und eine Partnerin braucht, der es nie länger als ein halbes Jahr aushielt, alleine zu leben.
Vor fünf Jahren und drei Monaten ist meine Frau verstorben, eine Erlösung für sie, sie hatte Krebs, und alle Therapien haben nicht angeschlagen. Ich sehe noch ihr glückliches Gesicht, wenn sie nach einem MRT zurückkam und der Befund negativ war, und ich sehe die Verzweiflung nach einem positiven Befund. Und ich spüre ihre Liebe, die sie für mich empfand und die ich ihr schenken durfte.
Es war eine wichtige Zeit in unserem Leben, nicht nur, weil am Ende der Tod stand, nicht nur, weil ich Merle helfen durfte, nicht nur, weil wir auch in dieser Zeit noch glückliche Tage erleben durften, dem Tode mit eisernem Willen abgetrotzte Tage.
Wenn Sie mich jetzt fragen, wie ich mit diesem Verlust und mit meiner Einsamkeit umgehe, so würde ich gerne antworten, ich hätte mich mit beidem arrangiert. Aber das stimmt nur zum Teil. Sicher weiß ich, dass ich Merle nicht mehr zurückbekommen kann und dass das Leben mit ihr unwiederbringlich vorbei ist. Aber wir hatten vereinbart, später eine anonyme Bestattung zu wählen, damit niemand unser Grab pflegen müsste.
Ich bin nach Merles Tod nur einmal auf dem Friedhof gewesen, auf dem anonymen Gräberfeld.
Ich habe sie da nicht gefunden.
Aber ich habe Merle bei mir, in unserer Wohnung. Bilder von ihr hängen in allen Formaten von 40x40 bis 100x70 cm an den Wänden des Wohnzimmers, selbst in der Küche, im Schlafzimmer und den beiden Bädern hängen Bilder, alleine im Wohnzimmer sind es neunzehn.
Auf allen Bildern ist Merle strahlend, schön, jung, voller Lebenslust. Ein Bild hatte ich, das hatte ich für ihren Schwerbehindertenausweis aufgenommen, da war sie elend, kaum wiederzuerkennen. Wir mochten es beide nicht. Ich habe es weggeworfen. Nein, Merle sollte mir so in Erinnerung bleiben, wie sie die Zeit vorher war, mit vierzig, mit fünfzig, selbst noch mit über sechzig Jahren.
Und an jedem Freitag bekommt Merle einen Strauß roter Rosen.
Wenn ich jetzt aufstehe, mache ich erst einmal meinen Rundgang durch das Wohnzimmer, gehe von Bild zu Bild, bleibe vor ihm stehen, fahre Merle bei einem regelmäßig über die Nase und Lippen, sie krunschelt dann die Nasenwurzel, lacht, dann stelle ich einen kleinen Spot an, der ein weiteres Bild beleuchtet und den ganzen Tag nicht gelöscht wird. Und gehe anschließend die ganze Galerie ab.
Erst dann gehe ich unter die Dusche.
Und in der Nacht?
Auch da folge ich einem festen Ritual. Ich schreite meine Galerie ab, verabschiede mich von jedem einzelnen Bild, lösche das Licht, mache mich bettfertig, und wenn ich im Bett liege, sage ich immer wieder: Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich unendlich.
Ich habe mal versucht, das nicht zu sagen, weil es so automatisch geschieht.
Und ich hasse jede Form von Automatismus.
Aber es ist mir nicht gelungen.
So, nun kennen Sie mich.
Ich habe oft gehadert mit den Parzen, die nach der griechisch-römischen Mythologie in der finsteren Unterwelt hausen, die Nona spinnt den Lebensfaden, die Decima misst ihn ab, und die Parca schneidet ihn ab.
Ich glaube, der Nona ist ein Fehler unterlaufen. Sie hat Merles Lebensfaden nicht gleichmäßig genug gesponnen, und dann ist er gerissen, einfach so. Und als ich das als ‚Kunstfehler‘ bei dem Chef der Götter, Zeus, reklamiert und eine entsprechende Entschädigung eingeklagt hatte, hat man mir eine Wiedergutmachung angeboten.
Stellen Sie sich nun vor, Sie haben die Möglichkeit, drei Wünsche erfüllt zu bekommen, was immer sie wollen. Ein zig Millionengewinn ebenso wie eine Luxusvilla oder ein Leben in Saus und Braus zum Beispiel.
Das gibt es nicht?
Doch, man muss es sich nur vorstellen.
Was denken Sie, was ich gewählt habe?
Natürlich, dass meine Frau heute noch leben würde.
Auch dass sie diese fürchterliche Krankheit nicht gehabt hätte.
Aber was noch?
Dass ich sie früher kennengelernt hätte, nicht erst mit 42 Jahren, nach dem Tod meiner ersten Frau, die auch am Krebs gestorben ist.
Die Chancen für ein Kennenlernen hatten bestanden.
Ich hatte gerade in Göttingen mit meinem Studium begonnen, war voller Elan, voller Begeisterung über die wirklich schöne Stadt, ging die Weender Straße entlang, ging in den ‚Franziskaner‘ und bot mich voller Selbstüberschätzung als Bargitarrist an. Natürlich hatte man keine Verwendung für einen Bargitarristen, aber eine Stelle als Aushilfskellner wäre frei. Die suchten sie immer, in einem Gartenlokal auf dem Hainberg. KWP hieß es, ich sollte doch mal da vorsprechen.
Ich lief die angegebene Strecke zu Fuß, ich weiß nicht, wie lang sie war, vielleicht drei oder vier Kilometer, vielleicht auch mehr, immer bergauf in glühender Sonne, der letzte, steilere Teil durch einen lichten Wald, und da stand ich in dem Gartenlokal, einem großen terrassenartig angelegten Garten mit einer kleinen Musikmuschel und einer Kapelle, Band sagte man damals noch nicht.
Überall an den vielen Tischen auf den Terrassen saßen Pärchen, vorwiegend junge, sie vor einem Glas Sinalco und einem Eierlikör, Kikeriki nannte man es damals, oder Coca Cola mit Rum, er vor einer Flasche Göttinger Export zu 68 Pfennige plus Bedienungsgeld. Das Edelpils war sehr viel teurer, etwa eine Mark, und so hoch war der Sold bei der Bundeswehr nicht, dass man sich dieses edle Getränk leisten konnte.
Dazwischen waren auch Kaffeetrinker und Kuchenesser.
Einige Gäste tanzten zu der Musik auf einer kleinen Tanzfläche vor der Musikmuschel, schmusten, lagen einander im Arm, nur einen kurzen Augenblick, wie um zu verschnaufen, als die Musik zu spielen aufgehört hatte.
Irgendwo zwischen all diesen jungen Tänzern, Soldaten und Rekruten aus der Ziethen-Kaserne mit ihren Mädchen, war wahrscheinlich sie.
Ihr Freund oder Verehrer hatte gerade einen Scherz gemacht, sie hatte ihr Glas mit diesem milchig trüben hellgelben Gemisch in die Hand genommen, versuchte hindurchzusehen, prostete ihm zu und lachte, lachte und lachte ein helles, glockenreines Lachen, das mir den Atem verschlug. Und dabei schüttelte sie ihren Kopf, dass ihre zum Pferdeschwanz zusammengefassten Haare weit um den Kopf geschleudert wurden.
Ich hätte dieses Paar noch gerne länger beobachtet, doch der Oberkellner rief mich, um mich mit den Abläufen vertraut zu machen. Als ich wieder frei war, war das Pärchen nicht mehr da.
Den ganzen Heimweg beschäftigte mich dieses Mädchen.
Es war hübsch, ohne Frage. Es war lebenslustig, vergnügt, hatte ein zauberhaftes Lachen, wohl auch viel Temperament.
Mehr wusste ich nicht. Auch nicht ihr Alter, siebzehn vielleicht, ihren Beruf, ihren Wohnort, vielleicht Göttingen, aber Göttingen war groß. Auch nicht, ob ihr Begleiter ein fester Freund war oder nicht.
Während ich den Nikolausberger Weg hinunterging, entstand sie in meinem Kopf, wurde immer deutlicher.
Zuerst sah ich ihre traumhaft langen, schlanken, wohlgeformten Beine, die nur knapp bis zu den Knien durch einen weiten roten Rock bedeckt wurden, von mindestens vier gestärkten Petticoats fast in der Schwebe gehalten, der sich bei jeder Drehung hob, dass man nur ihren Slip und die unendlich vielen Rüschen ihres Petticoats sah.
Dann war es die schlanke Taille, die durch einen breiten weißen Gürtel geschnürt war. Wie konnte man nur so eine schlanke Taille haben? Sie nur durch den Gürtel so eng zu schnüren, wäre unmöglich. Das Mädchen würde keine Luft bekommen.
Kennen Sie den Film ‚Vom Winde verweht‘? Vivien Leigh hatte als Scarlet O’Hara eine vergleichbare Wespentaille. Und eben die Unbekannte.
Mein Blick wanderte höher, die weiße Bluse hinauf, in der der himmlische Mädchenbusen steckte.
Erinnern Sie sich noch an die süßen Mädchenbrüste ihrer ersten Freundin? Sie sind einmalig. Klein zwar, wie Knospen, die noch einige Zeit benötigen, um heranzuwachsen und dann, haben sie den Zustand erreicht, aufzublühen und alle ihre Seligkeit zu versprühen.
Aber auch noch diese Zeit des Erwartens ist herrlich. Wer sagt einem, dass die Erfüllung eines Wunsches immer schöner ist als das Warten auf die Erfüllung?
Die Haut der Schultern und der Arme war ein Traum. Samten schimmerte sie in dem Licht der späten Nachmittagssonne, leicht erhitzt von dem letzten Tanz. Wahrscheinlich duftete sie nach irgendeinem Parfüm, sicher etwas süßlich, vielleicht mit einer Note von Citrusfrüchten und Holz, jedenfalls nicht nach ‚Uralt Lavendel‘ oder ‚4711‘. Wenn ich ihren Arm in der Beuge etwas anknickte, spürte ich jedenfalls diesen besonderen Duft. Und natürlich, wenn ich hinter ihrem Ohr schnupperte oder meine Nase auf ihren Schultern vergrub, dass ich mich kaum noch zu atmen traute.
Und ihr Gesicht?
Fragen Sie mich etwas Einfacheres! Ihr Gesicht, zu dem es meinen Mund jetzt drängte, war zauberhaft. Anders kann ich es nicht sagen. Offen, immer lachend, aber nicht eingefroren, die Augen funkensprühend, die Nase an der Wurzel etwas gekrunschelt, schien nur darauf zu warten, angestupst zu werden, um sich dann in herrliche Falten zu legen.
Und dann erst der Mund!
Bisher hatte ich sie nur von vorne gesehen, jetzt drehte sie sich um, ihr Rock schwang weit, ließ ihren herrlichen, knackigen Po ahne. Als sie innehielt, fiel der Rock in sich zusammen, verbarg alles, was ich bisher gesehen hatte oder ahnte gesehen zu haben.
Inzwischen hatte ich die Weender Straße erreicht, ich schlenderte sie, noch immer in Gedanken, entlang, vorbei am ‚Franziskaner‘, kam auf den Markt mit dem Gänseliesel Brunnen, fand das Gänseliesel auf einmal gar nicht mehr so schön und ging in die Neustadt. Dort hatte ich ein Zimmer, im Hinterhaus III, drei Stockwerke hoch, Toilette auf der halben Etage.
Damenbesuch war verboten. Und meine Zimmerwirtin schien da auch nicht zu Zugeständnissen bereit zu sein.
Ich hatte mein Zimmer erreicht, hatte mich auf den kleinen Cocktailsessel vor dem winzigen Tisch gesetzt und sortierte meine Gedanken.
Sie hierher mitzunehmen, trotz des Verbots, ging nicht. Nicht, weil die Missachtung des Verbots die Kündigung zu Folge gehabt hätte, sondern wegen der Schäbigkeit des Zimmers.
Bett an einer Längswand, daran anschließend eine weiße Waschkommode mit Schüssel und Wasserkanne, dahinter ein Kanonenofen. Auf der anderen Seite, dem Bett gegenüber und nur in halbem Meter Abstand, der winzige Tisch mit dem schäbigen Cocktailsessel, Platz, um mir das Frühstück oder mal ein Abendessen zu bereiten. Oder an ihm zu arbeiten. An einen Kleiderschrank erinnere ich mich nicht.
Aber erst einmal musste ich mir Gedanken machen, wie ich sie gewinnen könnte.
Sie erinnern sich, ich habe mir nur gewünscht, dass ich sie früher kennengelernt hätte, nicht dass ich sie früher erworben hätte.
Also stand die Werbung noch vor mir.
Das Schicksal meinte es gut mit mir. Am nächsten Samstag, man hatte mich wirklich als Aushilfskellner eingestellt und mir tatsächlich das Revier zugeteilt, in dem sie mit ihrem Freund gesessen hatte, sah ich sie. Als ich die Bestellung aufnahm, wurde ich wahrscheinlich über und über rot, so aufgeregt war ich.
Ganz schnell war ich mit dem Gewünschten wieder an dem Tisch: einem Kikeriki und einem Exportbier. Ich kassierte, nicht ohne die Dame verstohlen anzusehen, wünschte noch einen vergnüglichen Nachmittag und ging zu einem anderen Tisch, nahm dort die Bestellung auf, um gleich wieder nach oben zu eilen und am Pass die Getränke in Empfang zu nehmen.
Der Garten hatte sich mittlerweile gefüllt, die Gäste wurden ungeduldiger. Ich hatte nicht mehr genügend Zeit, mich um meine kleine Freundin oder Favoritin zu kümmern, ich stand am Kühlbecken, in dem die Bierflaschen in einem Eiswasser schwammen, und bemerkte, immer mehr abgelöste Etiketten von Edelpils wurden herausgenommen und auf die Export-Flaschen geklatscht.
„Das sind immerhin 25 Pfennige mehr“, erklärte mir ein Kollege. „Wenn ein Gast nur ein Bier bestellt, nicht ausdrücklich ein Export, dann bekommt er ein Export, aber mit einem Edelpilz-Etikett. Und wenn seine Freundin eine ‚Cola mit‘ bestellt, bekommt sie eine Cola mit Rum, aber wir kassieren Cola mit Cognac. Das sind dann auch noch mal 25 Pfennige. Und wenn eine Berliner Weiße abgestanden ist, weil du es nicht rechtzeitig geschafft hast, sie zu servieren, dann kannst du sie mit dem Schlüsselbund zum Schäumen bringen.“
An diesem Nachmittag lernte ich viel. Aber leider nicht die Unbekannte kennen.
Das würde erst am nächsten Nachmittag geschehen.
Ich hatte auch Sonntagsdienst, wieder im gleichen Revier. Das Mädchen war schon da, ich schlich um sie herum, ob sie schon etwas bestellen wollte? Nein, sie würde noch auf ihren Freund warten. Sie wartete und wartete, er kam nicht. Ich sah, dass sie zornig wurde. Es gab noch nicht viel zu tun, und deshalb hielt ich mich auch immer näher an ihrem Tisch auf.
„Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen einen Kikeriki bringen, während Sie warten, natürlich auf meine Rechnung?“, brachte ich endlich heraus. Sie war erstaunt, sah mich an und strahlte. Ich glaube, erst da hat sie mich wirklich wahrgenommen.
„Danke“, flüsterte sie und lächelte.
Können Sie sich vorstellen, wie dieses Lächeln auf mich wirkte?
Haben Sie schon einmal einen Gletscher oder einen Eisberg kalben gesehen?
Ich auch nicht.
Aber so ungefähr muss es gewesen sein, eine Naturgewalt, wie ich sie bis dahin nicht erlebt habe. Ich hatte gerade noch Zeit, mein Tablett auf den Tisch zu legen, mir wurde schwindelig, ich hielt mich an dem Tisch fest, die junge Frau war aufgestanden, stützte mich, hielt mich, bis sie mich sicher auf den freien Stuhl gesetzt hatte. Jetzt, als ich um Atem rang, beugte sie sich zu mir über und versuchte es mit Mund-zu-Mund-Beatmung. Wer könnte es mir verübeln, dass ich meine Ohnmacht noch etwas ausdehnte?
Als ich dann endlich ihren Hals umschlang und ihr einen Kuss gab, stieß sie mich fort, fauchte nur „Scheusal!“. Und gab mir ganz schnell einen Kuss.
„Das ist nur, damit du weißt, ich lasse mir nicht alles gefallen!“
Und nach einem kurzen Augenblick: „Jetzt sind wir quitt.“
„Nicht ganz“, sagte ich, als ich eine Weile später wieder an ihren Tisch trat, „dein Kuss war länger als meiner, gleiches Recht für alle.“
Und ich gab ihr noch einen Kuss, und es störte mich auch gar nicht, dass alle Gäste zusehen konnten.
Trotzdem behielt ich meinen Job.
Am nächsten Samstag war sie wieder da. Dieses Mal alleine.
Sie setzte sich an einen Tisch, eine Terrasse höher als beim letzten Mal, nachdem sie gesehen hatte, dass hier mein Revier war.
„Herr Ober, können Sie mir einen Kikeriki bringen?“
Ich kam zu ihrem Tisch. „Wollen Sie nicht warten, bis Ihr Freund kommt?“, wagte ich mich vor.
„Nein“, antwortete sie, „der kommt nicht. Er hat mich am Sonntag versetzt, und dabei machen die am Sonntag gar nichts in der Kaserne. Und da habe ich ihm den Laufpass gegeben.“
Ihre Augen funkelten. „Ich hasse Unpünktlichkeit, und noch mehr hasse ich es, versetzt zu werden. Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein?“
Ich muss wohl etwas Ähnliches gesagt haben wie „Unverschämt“ oder „Unverzeihlich“, jedenfalls ließ sie wieder ihre Augen funkeln, und sie meinte nur: „Sage ich ja!“
Als sich das Lokal geleert hatte, saß sie immer noch alleine an ihrem Tisch. Ich räumte auch ihr Geschirr ab und machte meine Abrechnung, immerhin 34,30 Mark hatte ich an diesem Nachmittag verdient.
Sie saß noch da, vor dem leeren Tisch.
Geh zu ihr, flüsterte mir eine Stimme zu, und irgendeine Kraft lenkte meine Beine.
„Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie Hilfe?“
Sie sah mich lange an, ganz ruhig, nicht funkensprühend, nicht verlangend, auch nicht verheißungsvoll. Aber es war ein Blick, den man nicht vergisst, der einen süchtig macht, in diesen Augen zu versinken.
„Fahren Sie zum Bahnhof?“, unterbrach sie meine Gedanken.
„Ich bin zu Fuß hier, ich habe keinen Wagen“, hörte ich mich sagen, ohne daran zu denken, ich hätte ja auch ein Taxi bestellen können. Als es mir einfiel, war es zu spät.
„Das macht nichts, dann gehen wir zu Fuß. Gemeinsam ist es doch angenehmer als alleine. Nehmen Sie mich mit?“
Natürlich war ich einverstanden, und so machten wir uns auf den Weg.
Heimlich sah ich meine Eroberung an, wie sie so selbstverständlich neben mir her ging, als ich, natürlich aus Versehen, ihre Hand berührte und es mich wie ein elektrischer Schlag durchzuckte.
Sie schien es gar nicht zu bemerken.
Und doch. Sah sie nicht zu mir auf, leicht belustigt zwar, wie mir schien?
„Wollen wir uns nicht hinsetzen und etwas verschnaufen?“, fragte Merle und steuerte eine Bank an, wohl die letzte in dem Wald. „Ich glaube, ich schaffe es nicht weiter.“
Und schon hatten wir uns gesetzt.
Und zum ersten Male erzählte Merle aus ihrem Leben.
Sie wohnte in Northeim, war nur zum Tanzen hier in Göttingen, wäre noch Schülerin, hätte aber keine Lust mehr, vor allem Mathematik langweilte sie, sie begriffe einfach nicht, warum man alles so schwierig machen müsste, binomische Formeln, Tangens und Sinus, alles Unfug. Im praktischen Leben brauchte man diesen Unfug doch nicht. Einer ihrer Lehrer hätte zitiert: ‚Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben.‘
„Was ist von all dem Müll für das Leben? Kannst du mir das sagen?“ Und ihre Augen funkelten jetzt wirklich.
Das konnte ich nicht. Auch ich hatte Probleme mit der Mathematik gehabt, obgleich ich im m-Zweig in der Schule war. Auch ich hatte den Sinn all dieser Formeln nicht verstanden, aber ich musste mich zusammenreißen, wenn ich das Abi machen wollte, und da musste man sich durch diesen Stoff so einigermaßen durchbeißen. Das sagte ich Merle auch, aber ob ich Erfolg hatte, weiß ich nicht.
„Sieh mal, sonst hätten wir uns nie kennengelernt, wenn ich das Abi nicht gemacht hätte“, schob ich nach und war stolz auf meinen geistreichen Einfall.
„Aushilfskellner hättest du auch ohne Abi werden können, und im KWP hättest du auch ohne Abi arbeiten können. Oder nehmen die nur jemanden mit – wie heißt das so schön – mit allgemeiner Hochschulreife?“
Und jetzt sprühten ihre Augen wirklich Funken.
Ich wollte noch etwas erwidern, aber Merle zog meinen Kopf zu sich hinunter, sagte nur „alles Quatsch!“ und gab mir einen ganz schnellen Kuss.
Dass es nicht nur bei diesem einen Kuss geblieben ist, können Sie sich denken. Immer stürmischer wurden unsere Küsse, immer leidenschaftlicher, inzwischen war es fast dunkel geworden, die Straßenlaternen leuchteten schon, leider keine gasbetriebenen mehr, die sehr viel besser zu unserer Stimmung gepasst hätten. Wir näherten uns dem Bahnhof, sahen uns lange an, Merle sagte: „Warte noch!“, und ich verstand. Es wäre zu früh gewesen, auch wenn wir beide bereit gewesen wären.
Erst nachdem ich Merle zu ihrem Zug gebracht hatte, er in einer Rauchwolke verschwunden war, ich auch nicht mehr seine roten Lichter sehen konnte, erst eine ganze Weile danach verließ ich den Bahnsteig, ging ich ‚sinnend durch die Gassen‘, aber nichts ‚sah so festlich aus‘. Und trotzdem fühlte ich ein unbeschreibliches Glück.
Wir hatten uns für den nächsten Abend wieder verabredet. Merle würde wieder in den KWP kommen, um ihren Kikeriki zu trinken, natürlich in meinem Revier, und anschließend würden wir in den ‚Walliser Keller‘ gehen, ein Fondue Bourguignonne essen, eine Köstlichkeit, vor der die Serviererinnen ihren Gästen erst einmal ein Lätzchen umbanden, damit sie sie sich nicht mit dem heruntertropfenden Fett bekleckerten. Dazu trank man hier einen Rosè de Anjou, einen frischen Roséwein, der aus der französischen Region Loire stammt und in eigenartigen irdenen Trinkgefäßen serviert wurde.
Jetzt ging es für mich erst einmal in mein Zimmer in der Neustadt, nur einen knappen Kilometer vom Bahnhof entfernt. Ein zu kurzes Stück, um einen klaren Kopf zu bekommen.
Was hatte Merle gesagt? ‚Warte noch!‘ und hinterher geschoben, es wäre zu früh. Was sie damit gemeint hatte, war mir klar, und ich wollte vor Freude schon jauchzen, doch dann kam ich in mein Zimmer, kalt, ungemütlich, und ich hörte im Nachbarzimmer, das nur durch eine verschlossene Tür von meinem Zimmer getrennt war, meine Vermieter sich im Bett räkeln. Er schnaufte, wie er es immer tat, sie sagte nur: „Schlaf, mein Alterchen.“
Merle hier in meinem Zimmer, ein Unding.
Wenn aus uns etwas werden sollte, dann brauchte ich ein anderes Zimmer, mit liberaleren Vermietern, denn damals galt noch der Paragraph 213, und die Mehrzahl der Vermieter scheute das Risiko einer Bestrafung.
Also auf Wohnungssuche gehen. Anstehen auf der Zimmervermittlung des Studentenwerks, Lesen des Göttinger Tageblatts, Umhören.
Und dann fand ich eine kleine Wohnung, in der Jüdenstraße, im Stadtzentrum.
Nicht groß, zwei kleine Zimmer, ein sehr kleines Bad, aber immerhin, und eine winzige Küche, eher eine Kochnische. 120 Mark sollte sie kosten, kalt, Heizung durch einen Bollerofen, Wasser und Strom kamen noch dazu. Das war mehr als das Doppelte von meinem Zimmerpreis, aber es war es mir wert. Dann ging eben ein Teil meines Verdienstes in die Wohnung.
Ich unterschrieb den Vertrag und begann sofort mit der Einrichtung.
Am einfachsten war das Bett. Ich besorgte mir einen Lattenrost, eine Matratze und zwölf Backsteine. Immer drei Steine stapelte ich übereinander und setzte darauf vorsichtig den Lattenrost. Und darauf die Matratze. Als ich das Bett beziehen wollte, brach die Konstruktion zusammen. Ich stellte das Bett gegen die Wand, dann hatte es Halt.
Die Holzmöbel waren schon schwieriger herzustellen. Zunächst kaufte ich mir eine kleine Heimwerkerausrüstung, bestehend aus der einfachsten Black & Decker Bohrmaschine mit nur einem Gang, einem Kreissägevorsatz und einem Schleifvorsatz. In einem Holzhandel erstand ich die Spanplatten, schon weitgehend zugeschnitten, Furnier und Pattex und Pattex-Roller. Zwei Tage habe ich alle Vorlesungen geschwänzt und gearbeitet und geschwitzt.
