Norderoog-Plate - Klaus Melcher - E-Book

Norderoog-Plate E-Book

Klaus Melcher

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Beschreibung

Ungefähr 2060. Auf der Norderoog-Plate, einer künstlichen und von der Außenwelt abgeschirmten Insel nahe der Hallig Norderoog, wird an Chips geforscht, die dem menschlichen Gehirn eingepflanzt werden sollen, um sie vollständig kontrollieren zu können. Hauke Meister arbeitet dort als Wissenschaftler in dieser überwachten und gefühllos Welt

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Klaus Melcher

Norderoog-Plate

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Impressum neobooks

Kapitel 1

Spätestens seitdem er die Hochdonner Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal passiert hatte, sah Hauke Meister aus dem Fenster. Es war noch so wie früher, jedenfalls hatte sich nicht allzu viel geändert. An das eine oder andere konnte er sich nicht erinnern, aber das war auch kein Wunder. Fünfzehn Jahre waren eine lange Zeit, und er war in dieser Zeit kein einziges Mal in seine alte Heimat zurückgekehrt. Es hatte ihn einfach nicht gereizt, dieses endlos platte Land zwischen Nord- und Ostsee, nur unterbrochen durch den schmalen Gürtel Geest. Auch hatte er seinen Lebensmittelpunkt, bedingt durch sein Studium und seine anschließende erste Anstellung, nach Süddeutschland verlegt.

Und nun würde er an die Westküste zurückkehren, um ausgerechnet auf der ‚Norderoog-Plate‘, mitten im Wattenmeer, die nächsten zwei Jahre zu verbringen.

Er hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Einerseits war das die große Chance, die sich nur einmal im Leben eines Menschen bietet, andererseits bedeutete sie die Trennung von allem, was ihm, außer der Arbeit, wichtig war, seiner Freundin, seinen Freunden, den Wochenendausflügen mit dem Motorrad in die nähere Umgebung. Doch was letztendlich den Ausschlag gegeben hatte, war das spannende Arbeitsfeld – und schließlich die ungewöhnliche Umgebung. Trotzdem, ein wenig mulmig war ihm doch, als er den Zug in Husum verließ und ein Taxi zum Hafen nahm, vorbei an modernen Hochhäusern mit riesigen Fensterfassaden, wo früher rote Backsteinhäuser gestanden hatten. Ein Boot der ‚NP‘ sollte ihn abholen.

Das Boot, ein schnittiges Motorboot, matt navygrau lackiert, wartete schon. Hauke Meister ging an Board, und schon setzte es sich in Bewegung, verließ langsam das Hafenbecken, gewann etwas an Fahrt.

„Ja, sehen Sie sich ruhig um, so schnell werden Sie das nicht wieder sehen. Hier lag mal die Hallig Südfall. Sie ist wie auch viele andere Halligen der letzten Sturmflut zum Opfer gefallen. Und dem Klimawandel.“ Als der Bootsführer das erstaunte Gesicht Hauke Meisters sah, ergänzte er: „Der Wasserstand ist in den letzten zwanzig Jahren um fast zwei Meter gestiegen. Von Südfall ahnen Sie nur etwas, wenn Hohlebbe herrscht.“

„Und die anderen Halligen? Hooge, Langeneß und Süderoog, sind die auch untergegangen?“

„Nein, nicht ganz. Langeneß hat die Hälfte verloren, und von Oland, Sie wissen, das ist die Hallig, über die man Langeneß auf dem Landweg erreichte, gibt es praktisch nichts mehr, von Süderoog ist nur eine Warft übriggeblieben, und auf Hooge sieht es auch nicht viel besser aus. Wir hatten den Bewohnern angeboten, die ganze Hallig zu kaufen; aber sie hatten abgelehnt. Meinten wohl allen Ernstes, die Hallig würde die nächsten Sturmfluten überstehen.“

Das Boot machte einen weiten Bogen um Süderoog, und der Eindruck von der Hallig war wirklich bedrückend.

In der Ferne ragte mitten aus dem Meer ein eigenartiges Gebilde auf.

„Das ist die ‚Norderoog-Plate‘, Ihr künftiges Zuhause und Ihr Arbeitsplatz.“

Der Bootsführer war jetzt ganz konzentriert, während diese riesige schwimmende Insel immer näherkam. Er drosselte den Motor, und das Boot schien auf eine Wand aus Stahl zuzugleiten, die sich gerade noch im rechten Moment öffnete und den Weg in einen kleinen geschützten Hafen freigab.

„So, wir sind da“, sagte der Bootsführer und half Hauke Meister beim Aussteigen. Während ein Kran seinen Koffer von Bord hievte, ging Meister, begleitet von dem Bootsführer die Hafenmole entlang, die in jeden kleineren Badeort gepasst hätte. Palmen und Oleander säumten den Weg, standen in Gruppen beieinander und luden in ihrem Schatten zum Verweilen ein. Überall standen Tische und Stühle vor kleinen Cafés, Imbissbuden, Kneipen und Restaurants.

Ganz am Ende der Promenade war der Eingang zum Verwaltungstrakt. Sie betraten ein breites helles Entree, bestiegen einen gläsernen Aufzug und schwebten in den fünften Stock.

Hauke Meister war beeindruckt. Noch mehr beeindruckt war er, als er dem Leiter der Plate gegenüberstand, einem Mittvierziger, schlank, gepflegt, den er sich in jeder Chefetage vorstellen konnte.

„Sie haben sich die ‚Norderoog-Plate‘ sicher ganz anders vorgestellt“, sagte Dr. Winter. „Sehen Sie, das ist für die nächsten zwei Jahre Ihr Arbeitsplatz – und Ihr Wohnort.“ Und damit zog er Meister zu einem der raumhohen Fenster, das den Blick über die ganze Plate freigab.

„Wir haben unsere Plate nach dem Vorbild der ‚Mittelplate‘, Sie wissen, der Bohrinsel im Wattenmeer vor Friedrichskoog, konzipiert, nur alles viel größer - und luxuriöser. Sie haben sicher die Lokale an der Hafenmole bemerkt. Die gehören dazu. Und wir haben ein Schwimmbad und ein kleines Kino – und natürlich einen Supermarkt, falls Sie sich selbst versorgen möchten. Und eine Wäscherei.“ Er machte eine kurze Pause.

„Die Laborräume und die Räume der technischen Entwicklung befinden sich in diesem Trakt. Die Apartments der Mitarbeiter drüben in dem Gebäude. Aber ich glaube, jetzt entlasse ich Sie erst mal. Sie möchten sicher Ihr Apartment sehen. Henry wird Sie rüberführen. Ach, das hätte ich fast vergessen“, er unterbrach sich selbst, „bei uns zahlt man bargeldlos. Mit Chipkarte. Gehen Sie bitte erst ins ‚Chipzimmer‘, dort ist ein Automat, der erledigt alles für Sie.“

Währenddessen war ein fast menschenähnlicher Roboter erschienen und sagte mit erstaunlich menschlicher Stimme: „Darf ich Sie bitten, Herr Meister?“ und bewegte sich auf eine Tür zu, die Meister erst jetzt bemerkte. Sie befanden sich in einem fensterlosen und trotzdem hellen, freundlichen Raum mit einigen Automaten, ähnlich den Geldautomaten aus den zwanziger Jahren.

„Bitte halten Sie Ihre rechte Hand hier hinein,“ sagte der Roboter. Meister folgte der Aufforderung, ein kleiner Pikser, ähnlich einem Mückenstich, und er war gechipt. Noch eine Kontrolle, und nachdem das Lesegerät summte und eine Stimme verriet: „Hauke Meister, Forschungsabteilung II/1b“, war die Prozedur beendet, und Meister wurde zu seinem Apartment geführt.

„Halten Sie bitte Ihre Hand vor das Lesegerät“, sagte die Roboterstimme, und mit einem leichten Summen öffnete sich die Tür.

Das Apartment war wirklich ein Traum, hätte sicher zwei Personen Platz geboten. Es bestand aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer, verfügte über ein Bad und eine kleine Teeküche, in der man sich aber auch anderes kochen konnte. Die Küche war mit kleinem Induktionsherd, Backofen und Mikrowelle ausgestattet, verfügte über ausreichend Geschirr und Bestecke, Gläser, Töpfe und Pfannen. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Informationsbroschüre über die ‚Norderoog-Plate‘, und erst jetzt ahnte Hauke die tatsächlichen Ausmaße der Anlage.

Wirkte die ‚Mittelplate‘, die er einmal hatte besuchen dürfen, mit ihren 70 mal 90 Metern schon gewaltig, so stellte die ‚Norderoog-Plate‘ alles bisher Gesehene in den Schatten. Sie erreichte mit ihren 250 Metern Länge und einer Breite von 150 Metern fast die Größe von dem Rest von Südfall. Und das ganze Gebilde, eine kleine Stadt oder jedenfalls ein Stadtteil, stand auf Stelzen, die fest in den Grund der Plate eingelassen waren. Geschützt gegen Hoch- und Sturmfluten wurde dieses Wunderwerk durch in den Boden eingelassene Spundwände mit Wellenabweisern.

Erst jetzt bemerkte Hauke, dass er Hunger hatte, und er ging, den ‚Stadtplan‘ in der Hand, zurück auf die Hafenmole, die sich langsam füllte. Er studierte das Angebot, da war ein Italiener, ein Grieche, ein Deutscher. Am meisten Lust hatte er auf den Italiener und bestellte sich keine Pizza, keine Pasta, sondern Koteletts vom Deichlamm, Salat und Ofenkartoffel. Dazu eine Karaffe Primitivo.

Er genoss sein erstes Abendbrot. Es war herrlich, hier in der untergehenden Sonne zu sitzen, das Gefühl zu haben, im Urlaub zu sein. Und er bedauerte seine Entscheidung für die ‚Norderoog-Plate‘ keinen Augenblick.

Zufrieden mit dem Tag und voller Erwartungen an morgen ging er ins Bett und schlief bei dem sanften Rauschen des Meeres ganz bald ein.

Kapitel 2

Das Angebot im Supermarkt war erstaunlich reichhaltig. Es gab wirklich fast alles, was man brauchte, von Wurst und Schinken über Obst und Gemüse bis zum Fleisch war alles vertreten. Selbst den Primitivo, den er gestern genossen hatte, konnte er hier kaufen. Und natürlich Backwaren.

Meister füllte seinen Einkaufswagen. Hier ein besonderes Angebot, dort eine verlockende Präsentation. Und zu allem eine einfühlsame Musik, die ihn in ferne südeuropäische Länder zauberte, ein warmer Sommerwind, kurz vor Einbruch der Nacht, noch mit dem Rest der Hitze des vergangenen Tages und schon mit der Kühle der kommenden Nacht.

Er war begeistert. Sonst als unangenehm empfunden, wurde das Einkaufen zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Er legte seine Einkäufe auf das Kassenband. Er hätte auch die Nachbarkasse wählen können, da wäre es schneller gegangen, denn dort wurde digital abgerechnet, aber hier verrichtete eine junge Frau ihren Dienst, lächelte die Kunden freundlich an, scherzte mit ihnen, fand immer ein persönliches Wort. Tanja hieß sie, war fünfundzwanzig Jahre alt, zwar nicht mehr ledig, doch noch zu haben, wie ihm der Kollege sagte, der vor ihm an der Kasse wartete. Und dabei hatte der Kollege einen bestimmten Gesichtsausdruck, den Meister nicht einzuordnen wusste, nur dass er ihn nicht mochte, das wusste er.

Beladen mit all den Schätzen, die er in dem Supermarkt erworben hatte, betrat er sein Apartment, und noch immer spukte Tanja in seinem Kopf herum. Während er die Vorräte verstaute, begann er sich zu ärgern, dass er heute so viel eingekauft hatte, und beschloss, in Zukunft nur noch für zwei Tage einzukaufen, um möglichst oft Tanja zu sehen und wenn es nur ein Blick wäre, den er auf sie werfen, ein einziges Wort, das er mit ihr wechseln könnte.

Mechanisch stellte er den Fernseher an, zappte sich durch verschiedene Programme, in denen aber alle Filme bereits liefen, und landete schließlich auf dem hauseigenen Kanal, der die Mitarbeiter der ‚Norderoog-Plate‘ vorstellte, zunächst die neuesten Zugänge.

Da erschien erst einmal ein Hauke Meister auf dem Bildschirm, wie er in Husum an Bord gegangen war, wie er auf der Überfahrt Fragen über die letzte Sturmflut gestellt hatte, wie er über die Promenade gegangen und in dem letzten Haus verschwunden war.

Schnitt.

Ein kurzer Abriss über sein Leben, seinen beruflichen Werdegang.

Wieder Schnitt.

Er betrat erneut die Straße, bezog sein Apartment.

Schwenk über das Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer.

Und dann wurde der Bildschirm langsam dunkel, die ersten Sterne glommen an dem nachtschwarzen Fernseh-Himmel, wurden mehr, wurden heller, und eine weiche, sanfte und verheißungsvoll klingende weibliche Stimme, die ihn an irgendjemanden erinnerte, sagte: „Es ist spät, Herr Meister. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Lassen Sie bitte heute Nacht nicht das Fenster offenstehen, es ist ein heftiger Wind vorausgesagt. Kippen Sie das Fenster bitte auf Stellung 2. Dann kann nichts passieren, und Sie können beruhigt schlafen.“

Wäre er nicht zu müde gewesen, hätte er sich sicher noch etwas über diese persönliche Begrüßung gewundert, wäre vielleicht gar misstrauisch geworden wegen seiner fast lückenlosen Überwachung, seitdem er in Husum an Bord gegangen war. So vertagte er alle Recherchepläne auf morgen.

Sein erster Arbeitstag war am Montag, und bis dahin blieben ihm zwei volle Tage zur Akklimatisierung, wie es in den Unterlagen hieß.

Es musste an dem Klima liegen, an der ganz anderen, frischen Luft, die hier herrschte, nicht so drückend wie in Stuttgart, wo die Hitze das Tal über Wochen fest im Griff hatte und alle Menschen unter ihrer Last stöhnen ließ. Hier war es angenehm kühl, er hatte ausgezeichnet geschlafen, von dem starken Wind oder gar Sturm hatte er nichts mitbekommen. Konnte wohl doch nicht so heftig gewesen sein, wie die Mieze im Fernsehen gesagt hatte.

„Guten Morgen, Herr Meister, ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Ich habe mir erlaubt, Ihr Fenster in der Nacht zu schließen. Jetzt können Sie es aber wieder öffnen, das Sturmtief ist vorbeigezogen. Es hat keinen Schaden an der Plattform angerichtet.“ Es war die gleiche Stimme wie gestern aus dem Fernseher.

Meister stand auf, wollte sich gerade in dem abgedunkelten Raum zum Fenster tasten, da öffnete sich die Gardine und gab den Blick auf die aufgewühlte Nordsee frei.

Immer noch verwundert über die persönliche Ansprache stieg er unter die Dusche, genoss ihren warmen Strahl auf seiner Haut, die plötzliche Abkühlung, nachdem er das kalte Wasser angestellt hatte, den fast eisigen Schock, den er jetzt spürte.

Und alles ordnete sich wie von selbst.

Er bereitete sein Frühstück, ausgehungert, voller Tatendrang. Der Tag konnte beginnen!

Heute würde er die Plattform erobern. Einen winzigen Teil kannte er ja schon. Er wusste, wo sein Arbeitsplatz war. Heute würde er ihn sich ansehen, vielleicht sich schon mit dem einen oder anderen Kollegen bekanntmachen.

Dann würde er in den anderen Teil der Plattform gehen, den er bisher noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Er war an ihm vorbeigekommen, wenn er von der Promenade zu seinem Apartment gegangen war, war an der langen fensterlosen Wand vorbeigegangen, hatte sich nichts dabei gedacht, dass sie einen so abweisenden Eindruck machte. Kein einziges Fenster, nur zwei Türen, die auch nicht gerade einladend wirkten.

Seine Kollegen hatten ihm gesagt, das wäre ein besonders sensibler Bereich, in den käme man normalerweise nicht hinein, auch ihnen wäre es bisher noch nicht gelungen, ihn zu betreten. Dort würde, so hätte man gehört, mit Versuchstieren gearbeitet. Streng geheim. Und hochansteckend. Gefahrenklasse III.

Er wusste zwar nicht, was Gefahrenklasse III bedeutete, aber die besorgten Mienen seiner Kollegen verrieten ihm, dass man damit nicht spaßen sollte. Schließlich hinge ihrer aller Leben von der Einhaltung der ‚Hygienevorschriften‘ ab.

„Die arbeiten dort mit Viren, seltsamen Viren, tödlichen Viren“, hatte ein Kollege ihm zugeflüstert und den Zeigefinger auf seinen Mund gelegt. „Es ist besser, man weiß nichts davon. Und man interessiert sich auch nicht dafür.“

Nun war Meister durchaus nicht jemand, der sich mit dieser Antwort zufriedengeben würde. Er hatte es gelernt, Dinge zu hinterfragen.

Und so trat er an die erste Tür, hielt seine Hand an den Sensor.

„Ich bedaure, Sie sind nicht berechtigt, diesen Bereich zu betreten!“, sagte die Stimme, die er schon kannte. Er versuchte es noch einmal. „Ich bedaure, Sie sind nicht berechtigt, diesen Bereich zu betreten!“, wiederholte die Stimme.

Er ging zur nächsten Tür, hielt seine Hand vor den Sensor. „Ich bedaure, Sie sind nicht berechtigt, diesen Bereich zu betreten!“

Interessiert hätte ihn schon, was so Geheimnisvolles hinter dieser Wand passieren sollte, aber wenn sie so ein Geheimnis darum machten, dann sollten sie. Schließlich lag seine Arbeit in diesem Bereich, und der andere ging ihn nichts an.

Spätestens als er seine Dorade mit Pizzaiolasoße gegessen hatte, von dem Kellner in ungewöhnlicher Geschwindigkeit und gleichzeitiger Sorgfalt vorgelegt, ohne jede Gräte, zwei fantastische Filets auf dieser herrlichen Soße, die nach Tomaten, Paprika, Kapern und Anchovis schmeckte, dachte er nicht mehr daran, dass ihm ein Zugang zu dem zweiten und größeren Teil der Insel verwehrt worden war und wohl immer verwehrt bleiben würde. Er müsste sich wohl damit abfinden.

Aber das würde ihm keine Schwierigkeiten bereiten, jedenfalls solange der Primitivo so gut schmeckte – und vor allem immer verfügbar wäre.

Während er zur Promenade zurückging, noch unentschlossen, wie er die Zeit bis zum Mittagessen einigermaßen sinnvoll nutzen sollte, führten seine Schritte, von welcher Kraft auch immer gelenkt, ihn erneut zum Supermarkt. Gründe gab es genügend. Schließlich hatte er gestern nur das Nötigste gekauft, hatte sich nicht in dem reichhaltigen Sortiment umgesehen, wusste nicht, wo die Waren in dem weitläufigen Laden standen.

Natürlich kaufte er wieder zu viel. Das Angebot war einfach zu verlockend. Und für einen gemütlichen Fernsehabend brauchte er zum Wein Käse und Chips oder irgendeine andere Kleinigkeit. Und selbstverständlich Primitivo.

An der Kasse saß wieder die nette hübsche Kassiererin, begrüßte ihn fast wie einen Stammkunden, freundlich lächelnd.

„War der Wein gut?“, fragte sie. „Den hatten Sie gestern doch auch, wenn ich mich nicht irre.“

„Donnerwetter, haben Sie ein gutes Gedächtnis“, wunderte sich Meister. Schließlich war er nicht der einzige Kunde des Supermarktes.

Kapitel 3

Vier Wochen waren vergangen, seitdem Meister auf der Plate arbeitete, vier Wochen, die alles von ihm abverlangten, vollen Einsatz, höchste Konzentration. Hatte er an den beiden ersten Tagen noch über Langeweile geklagt und sich nicht vorstellen können, hier nur eine Woche, geschweige denn ein Jahr oder gar noch länger eingesperrt zu sein, so verging die Zeit wie im Fluge, und am Ende des Tages fragte sich Meister, wo die Zeit geblieben war.

Und dabei musste er sich mit Hausarbeit nicht aufhalten, auch nicht mit Einkaufen. Sein Appartement wurde wie von selbst geputzt, seine Einkäufe wurden von irgendjemandem erledigt. Er musste nicht einmal einen Einkaufszettel schreiben. Auch an seinen Primitivo hatte der unbekannte Geist gedacht, ebenfalls an seine bevorzugten Snacks.

Wenn Meister mal Lust hatte, im Restaurant, meistens war es der Italiener, zu essen, dann registrierte der Roboter das sofort, kaufte weniger ein, so dass Meister immer einen konstanten Vorrat hatte. Wenn er mal Lust etwa auf einen besonderen Snack hatte, aber nicht den genauen Namen wusste, sagte er es einfach in den Raum hinein, umschrieb den Geschmack, und die freundliche Stimme machte einige Vorschläge, unter denen er dann wählen konnte. Und prompt war das Gewünschte am nächsten Tag in seinem Schrank.

Anfangs hatte ihn dieser Service etwas irritiert, er kam sich beobachtet, kontrolliert vor, doch dann sah er die Vorteile: er musste sich um nichts kümmern, und sein Tag teilte sich in Arbeit und Erholung. Wenn er am Abend nach Hause kam, dann empfing ihn sein frisch gelüftetes Apartment, dann begann der zweite Teil des Tages mit einer herrlichen Dusche, mit einem Duschtuch, das nach einer frischen Brise roch, nach Nordsee, auch etwas Seetang. Und wenn er sich dann fertig gemacht hatte, um essen zu gehen, dann erwartete ihn als besondere Überraschung ein kleiner Cocktail in seiner amerikanischen Küche, frisch zubereitet, wohlschmeckend, immer ein anderer. Er hatte gar nicht gewusst, wie viele verschiedene Cocktails es gab.

Irgendwann hatte er mal einen Kollegen gefragt, ob das alles mit rechten Dingen zuginge, die Einkäufe, das Putzen der Wohnung, die allabendlichen Cocktails, und der hatte ihn nur verständnislos angesehen. Das wäre hier eben so, das wäre eine besondere Anerkennung ihrer Arbeitsleistung. Er sollte sich keine Gedanken darüber machen. Auch nicht über die Rechnung. Das wäre alles Service. Und wenn seine Leistungen die Leitung besonders überzeugten, dann gäbe es auch mehr Vergünstigungen, ein oder zwei Essen im Restaurant, zum Beispiel.

Wenig später kam er in den Genuss dieser Gratifikation, zwei Essen bei seinem Italiener. Zuvor hatte ihn sein Chef zu sich gebeten, hatte ihm eröffnet, dass man bisher sehr zufrieden wäre mit seiner Arbeit und dass man hoffte, er würde weiter so erfolgreich arbeiten, und man würde es gebührend honorieren.

Ob er sich vorstellen könnte, den Arbeitsplatz zu wechseln, gewissermaßen aufzusteigen, nicht in der Hierarchie, denn eine Abteilungsleitung müsste hart erarbeitet werden, aber sein zukünftiges Arbeitsfeld wäre anspruchsvoller, nicht nur technische Entwicklung, sondern gleichzeitig praktische Anwendung.

„Sie werden sehen, das ist sicher ganz nach Ihrem Geschmack. Sie müssen sich nicht sofort entscheiden. Überlegen Sie es sich gut, so eine Chance bekommt nicht jeder, sagen wir, bis morgen. Um Ihnen die Entscheidung etwas zu erleichtern, stellen Sie heute Abend in Ihrem Fernseher ‚Home 2‘ an, und wenn Sie zustimmen, sagen Sie es einfach in den Fernseher. Und schon haben Sie Zutritt zu dem Sektor III/1.“

Offensichtlich erwartete Dr. Winter keine weitere Frage, denn er drehte sich um und wandte sich einem Ordner zu, der auf seinem Schreibtisch lag, und widmete sich ausschließlich seinem Studium.

Es war schon ein besonderes Gefühl, als Meister vor der Tür stand, die ihm noch gestern den Zutritt verweigert hatte und sich heute mit einem leichten Summen öffnete und mit einer unvorstellbar sympathischen Stimme ihn aufforderte einzutreten.

Er betrat einen kleinen Vorraum, von dem einzelne Gänge abgingen.

„Guten Tag, Herr Meister, ich heiße Sie herzlich willkommen in dem Sektor III“, sprach die ihm schon bekannte Stimme ihn an. „Bevor ich Sie zu Ihrem Arbeitsplatz geleite, möchte ich Sie auf die besonderen Sicherheitsbestimmungen hinweisen, die für diesen Bereich gelten. Zunächst durchschreiten Sie bitte den Desinfektionsraum. Das machen Sie bitte an jedem Tag, an dem Sie diesen Sektor betreten. Bitte!“

Eine Tür öffnete sich, und Meister war in einem fensterlosen Raum, ähnlich dem Chipraum an dem Tag seiner Ankunft. Nur gab es hier keine Automaten, ähnlich den Bankautomaten, in die er seine Hand stecken musste. Stattdessen standen an den Wänden große weiße Spinde, alle mit Namensschildern versehen. Eine Schranktür war offen.

„Bitte wechseln Sie Ihre Kleidung. Sie finden alles, was Sie brauchen, in dem Spind. – Sie brauchen sich nicht zu schämen“, klang es aus dem verborgenen Lautsprecher, „hier werden keine Aufnahmen gemacht; aber die Hygienevorschriften sind nun mal sehr streng. Nichts von der Außenwelt darf in diesen Sektor.“

„Und was ist mit meinen Haaren?“ Meister versuchte noch ein letztes Mal, sich aufzubäumen.

„Ihre Haare und Ihre Haut sind schon desinfiziert.“