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Auf seiner Fahrt nach Lübeck nimmt Hannes die junge Anhalterin Mia mit. Sie fahren mit der Fähre gemeinsam nach Helsinki und von dort weiter in eine kleine Hütte am Saimaa-See. Sie verlieben sich und verloben sich nach sehr kurzer Zeit. Während sie auf die Ringe warten, finden sie ein altes verlassenes Hotel.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2025
Klaus Melcher
Mittsommernacht
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Impressum neobooks
Sie stand am Straßenrand, einen Rucksack neben sich, streckte den Arm aus, den Daumen erhoben.
Nun nehme ich prinzipiell keine Anhalter mit, weil ich nicht weiß, ob sie mich vielleicht überfallen werden oder jetzt in der augenblicklichen #MeToo-Bewegung mich eines sexuellen Übergriffs bezichtigen werden.
Also fuhr ich weiter, ohne anzuhalten.
Etwa fünfzig Meter, dann sah ich sie im Rückspiegel, enttäuscht, dass sich wieder niemand erbarmt hatte, durchgeschwitzt, vielleicht durstig, denn sie stand in der vollen Sonne, und es war heiß an diesem Sommernachmittag.
Ich verlangsamte meine Fahrt, ließ den Wagen schließlich ausrollen.
Sie hatte es bemerkt, hatte ihr Gepäck gegriffen und lief auf mein Auto zu.
Die Entscheidung war getroffen. Gegen meinen Willen. Jetzt musste ich die junge Frau mitnehmen, es sei denn, ich ließe mir etwas einfallen, zum Beispiel ein anderes Ziel.
Die Frau hatte mein Auto erreicht, etwas außer Artem, ließ den Rucksack fallen, wartete, bis ich das Fenster heruntergekurbelt hatte, steckte den Kopf durch das Fenster und fragte: „Fahren Sie nach Lübeck?“
Gegen meinen Willen nickte ich.
„Können Sie mich mitnehmen?“, fragte sie mit einer sehr angenehmen, warmen Stimme. Und da sah ich sie erst richtig an und stellte fest, sie war verdammt hübsch.
Natürlich konnte ich jetzt. Und alle meine Befürchtungen waren vergessen.
Mia, so hieß die junge Frau, hatte das gleiche Ziel wie ich. Sie wollte nach Travemünde und von dort mit einer Fähre nach Helsinki und dann entweder per Anhalter oder mit der Bahn die Saimaa-Seen bereisen und irgendwo, wo es ihr besonders gut gefiel, ihr Zelt aufschlagen.
Aber jetzt stand erst einmal die Überfahrt nach Helsinki an. Sie freute sich auf das Schiff, es sollte sehr groß und luxuriös sein. Sie hätte für die Nacht nur einen Sitzplatz gebucht, und deshalb würde sie alle Angebote an Bord ausprobieren.
Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, ihr vorzuschlagen, die Zeit der Überfahrt über die Ostsee gemeinsam zu verbringen, wir wären schließlich beide allein. Als sie recht begeistert zustimmte, wie mir schien, wurde ich noch mutiger und war mir durchaus darüber im Klaren, dass ich sie verschreckte und dass aus unserem gemeinsamen Fährerlebnis nichts werden konnte. Aber ich hatte nun einmal eine Doppel-Innenkabine zur Alleinbenutzung. Und das sagte ich Mia auch.
Sie sah mich lange an. „Du willst doch nicht etwa etwas von mir.“
„Nein, nein“, beeilte ich mich zu versichern. „Aber ich habe ein freies Bett, und du musst in einem Sessel in einem riesigen Gemeinschaftsraum verbringen. Ich dachte nur, das ist ein faires Angebot.“
Ob sie mir so ganz meine Uneigennützigkeit abnahm, weiß ich nicht. Aber sie willigte endlich ein.
Als wir das Auto verladen hatten und an dem Check-In-Schalter standen, wurde ihr wohl doch etwas mulmig. Sie zupfte mich am Ärmel. „Dass ich mit dir in die Kabine gehe, heißt nicht, dass ich mit dir schlafen werde. Ich hoffe, das ist dir klar.“
„Nein, nein“, antwortete ich, wohl wenig überzeugend, denn Mia sah mich aus den Augenwinkeln skeptisch, wie mir schien, an.
Die Kabine war wirklich klein und sehr spartanisch eingerichtet. Zwei Betten von etwa achtzig Zentimetern Breite standen einander gegenüber, dazwischen ein winziger Tisch, aber wenigstens hatte die Kabine eine kleine Nasszelle mit Dusche, WC und der Andeutung eines Waschbeckens. Und sie war ein echter Schlafplatz, sicher auch komfortabler als ein Pullmannsitz.
„Gehst du erst unter die Dusche, oder darf ich?“
Mia zog ihre verschwitzte Kleidung aus, ganz selbstverständlich, als wäre nichts dabei, sich einem wildfremden Mann so offen zu zeigen, lediglich ihren Slip trug sie noch und war auch schon im Bad verschwunden, ich hatte kaum Zeit gefunden, ihren Körper zu bewundern. Nur dass er schlank war, wohlgeformt, lange schlanke Beine, ein wundervoller Po, ein mädchenhafter Busen, das hatte ich gesehen, dann war sie im Badezimmer verschwunden, und ich hörte nur noch das Rauschen der Dusche und ihr Singen.
„Kannst du mir mal den Rücken einkremen?“, fragte sie und riss mich aus meinen Träumen.
Auch jetzt war alles selbstverständlich. Sie hatte mir, jetzt ganz nackt, ihren Rücken zugedreht und sich leicht gebückt.
„So, nun geh du unter die Dusche!“
Als ich aus dem Bad kam, war sie schon angezogen, enge hellblaue Jeans, ein Oberteil im Häkellook und weiße Sandaletten. Und ein strahlendes, verführerisches Lächeln im Gesicht.
Was hatte sie doch beim Einchecken gesagt?
„Dass ich mit dir in die Kabine gehe, heißt nicht, dass ich mit dir schlafen werde. Ich hoffe, das ist dir klar.“
Und ich vergesse auch nicht ihren skeptischen Blick, als ich verneinte.
Sollte sich an ihrer Einstellung etwas geändert haben?
Stolz wie ein Pfau führte ich Mia in das Restaurant. Wie selbstverständlich hatten wir uns bei den Händen gefasst, fanden einen netten Zweiertisch, bedienten uns mit den köstlichsten Speisen vom skandinavischen Buffet.
Aber irgendwann wurde Mia unruhig. Sie wollte doch noch das Schiff erkunden, auch jetzt noch.
Also gingen wir durch die verschiedenen Decks, sahen die Andenkenläden, gingen in die eine oder andere Boutique, besuchten eine Parfümerie, in der ich Mia einen besonders schönen Duft kaufte, saßen eine halbe Stunde in dieser oder jener Bar auf einen kleinen Drink, bis wir irgendwann eine größere Bar fanden, in der man auch tanzen konnte.
Nun bin ich kein leidenschaftlicher Tänzer, zum Foxtrott, einem Walzer und der Andeutung eines Rock ‘n Roll reicht es gerade noch, und wenn ich mich eingetanzt habe, trete ich meiner Partnerin auch nicht andauernd auf die Füße, aber Mia beflügelte mich förmlich. Sie lag leicht wie eine Feder in meinem Arm, ließ sich führen, obgleich sie viel besser tanzte als ich, war anschmiegsam. Mit ihr zu tanzen, war einfach himmlisch.
Und ich genoss die Stunden mit ihr, dachte gar nicht daran, müde zu werden. Irgendwann war es aber Mia. Sie hatte ja auch einen sehr viel anstrengenderen Tag als ich gehabt, und so willigte ich ein, in die Kabine zu gehen.
Ein wenig aufgeregt war ich schon, denn nun würde sich zeigen, ob sie so eisern war, wie sie gesagt hatte.
Zunächst deutete nichts darauf hin. Wir zogen uns aus, sie schminkte sich ab, trug das neue Parfüm auf, erwartete mich in der Kabine, drängte sich an mich und umarmte mich, und ich wollte schon vor Seligkeit schmelzen, da gab sie mir einen Kuss und sagte: „Entschuldige, ich bin einfach zu müde. Und ein bisschen tipsy bin ich auch.“
Und dann war sie auch schon in einem der Betten verschwunden, hatte sich lang ausgestreckt und war eingeschlafen. Träumte vielleicht selig von dem Tag, von dem wundervollen Abend, den Duft von ‚24 Faubourg‘ in der Nase.
„Warst du gestern sehr enttäuscht?“, fragte Mia am Morgen.
Etwas schon, aber nicht sehr, sie hätte es mir ja schon an der Rezeption gesagt, und da hätte ich mir auch keine Hoffnungen gemacht.
Wieder dieser Blick, jetzt sah ich ihn genau, von links unten, halb belustigt, halb skeptisch, auf jeden Fall verführerisch, wie mich noch nie die Augen einer Frau angesehen haben. Sie hatte noch nichts an außer diesem unglaublich betörenden Duft, stand noch da in ihrer vollen Schönheit, ließ sich von mir betrachten, und als ich sie in den Arm nehmen wollte, sagte sie ganz sanft: „Verzeih mir, bitte. Aber ich habe Hunger,“ und zog ihre Jeans und das gehäkelte Oberteil von gestern Abend über ihren nackten Körper.
„Und nun guck nicht so. Das wirst du noch oft zu sehen bekommen, wenn du mich wirklich mitnimmst, wie du gestern gesagt hast.“
Ich weiß nicht, wie ich geguckt habe, aber es muss eine Mischung aus Sehnsucht und Begehren gewesen sein, jedenfalls war ich einen Moment nicht ganz da, denn ich schreckte hoch, als mir Mia meine Kleidung von gestern Abend zuwarf und mich aufforderte, mich anzuziehen, sonst würde sie ohne mich gehen, und das wäre doch schade, fügte sie hinzu und lächelte mich auf ihre hinreißende Art an.
Natürlich konnte ich das nicht zulassen, und ich zog mich an.
Mia schien wirklich kurz vor dem Verhungern gewesen zu sein, denn als ich sah, was sie sich auf den Teller lud, stockte mir der Atem. Ich hatte sie schließlich nicht gebeten, für mich auch gleich das Frühstück mitzubringen, doch sie wollte alles alleine essen. „Ich weiß doch gar nicht, was dir schmeckt“, sagte sie einfach und lächelte geheimnisvoll.
Ich bin sicher, sie wusste, was mir schmecken würde, doch für diese Art Speise war sie noch nicht bereit.
Fast den ganzen Tag waren wir an Deck, ließen uns den Wind um die Nase wehen, freuten uns, wenn sich eine besonders große Welle am Bug des Schiffes brach und der Schaum bis oben an das Sonnendeck spritzte, wenn unsere Haare verzaust wurden, wenn wir uns in den Arm nahmen, uns küssten.
Die Einfahrt in den Hafen von Helsinki war traumhaft. Bei schönstem Sonnenschein, der weiße Dom ist schon von Weitem zu sehen. Mia und ich standen händchenhaltend in der frühen Abendsonne. Mia sah zu mir auf.
„Nimmst du mich mit?“
„Willst du? Es sind aber noch vier oder fünf Stunden.“
Das wäre ihr egal, sie wäre ja noch nicht müde. Sie hätte die letzte Nacht gut geschlafen, nur gestern, ja gestern wäre sie sehr müde gewesen. Und sie sah mich wieder mit diesem merkwürdig verführerischen Blick an.
Die Straßen waren leer, wir kamen gut voran, und schon nach gut drei Stunden waren wir an unserem Ziel, einer kleinen Hütte auf einem Felsvorsprung, umgeben von herrlichem Wald, nur wenige Meter bis zum See.
Die Hütte war klein, für gerade zwei Personen ausreichend, bestand nur aus einem Zimmer mit abgeteilter Schlafecke und kleiner Kochstelle, verfügte über eine separate Sauna, in der man sich auch waschen konnte. In der Nähe des Hauses war ein Plumpsklo, zwei aneinander gelehnte Ruderboote mit einem Vorhang vor dem Eingang. Alles sehr einfach, rustikal, aber das hatte ich gewusst. Auf Luxus konnte ich verzichten, musste ich auch, denn Ferienhäuser waren in Finnland sehr teuer.
Mia war begeistert. Immer wieder lief sie das Gelände ab, entdeckte in dem Plumpsklo den Eimer mit dem Kalk, lief ins Haus, fragte, wo der Wasserhahn wäre, und war erstaunt, als ich ihr sagte, es gäbe keinen, wir würden unser Wasser aus dem See oder einer kleinen Quelle ganz in der Nähe bekommen.
„Hannes“, sagte sie endlich, „bist du müde?“
Und als ich verneinte, „würdest du mit mir baden gehen?“
Bevor ich mich versah, hatte sie ihre Jeans und ihr Oberteil abgelegt, war die wenigen Sprossen der Leiter, die von unserem Bootssteg hinunter zum Wasser führten, gestiegen und forderte mich auf, ihr zu folgen.
Das Wasser war herrlich, erfrischend, es verführte dazu, einfach den Mund zu öffnen und zu trinken.
Und mitten in diesem Wasser Mia, lachend, mir zuwinkend, mich auffordernd, ihr zu folgen, überschäumend vor Begeisterung und Lebensfreude. Ich schwamm auf sie zu. Jetzt floh sie nicht vor mir, nicht einmal zum Spaß, sie blieb an der Stelle, erwartete mich, umarmte mich, drängte sich an mich.
Plötzlich hatte sie es ganz eilig. Wir schwammen ans Ufer. „Gestern habe ich dich vertröstet. Heute will ich dich erlösen“, flüsterte sie, ließ sich ins Gras sinken und zog mich zu sich herunter.
Später wusste ich nicht mehr, was mit uns beiden passiert war. Ich wusste nur, dass es herrlich, einmalig gewesen war, dass ich alle Gipfel erstürmt hatte, dass das Einzige, was mich daran hinderte zu sagen, es wäre der schönste Augenblick in meinem Leben gewesen, war, dass ich es noch einmal, nein, viele Male erleben wollte.
Und Mia schien es ähnlich zu empfinden. Sie lag neben mir, erschöpft und doch glücklich, streichelte mein Haar, zog meinen Kopf zu sich herunter, gab mir einen Kuss, schob meinen Mund auf ihren wundervollen Busen, öffnete ihre Schenkel und bat: „Küss mich!“
Um gleich wieder aufzustehen, mich bei der Hand zu fassen und Abkühlung im See zu suchen.
Wie spät es war, als wir schließlich ins Bett gingen, weiß ich nicht. Es war weit nach Mitternacht, aber es war noch hell, nicht taghell wie nördlich des Polarkreises, aber für unsere Verhältnisse noch sehr hell. Wir lagen in unserer Schlafecke, in einem Bett, nicht getrennt durch einen Gang oder nur durch eine Ritze. Wir hätten sie auch nicht ertragen.
Mia hatte ihren Kopf auf meine rechte Brust gelegt, ihr Bein lag quer über meinen Beinen, ihre rechte Hand auf meinen Schamhaaren.
Nach wenigen Augenblicken hörte ich ihren ruhigen Atem.
Ein wundervoller Tag war zu Ende gegangen. Und er sollte erst der erste werden.
An alles hatte ich gedacht, nur nicht an das Frühstück an unserem ersten Morgen. Die Brotvorräte hatten wir am Abend zuvor aufgegessen, Salami und Schinken waren auch nicht mehr ausreichend vorhanden. Also musste ich wohl oder übel vor dem Frühstück einkaufen fahren.
Ich sagte es Mia nach dem Baden. Sie stand vor mir, wir hatten uns noch nicht abgetrocknet, ihre Haut glänzte in der Sonne.
„Ich komme mit, oder wolltest du mich in dieser Einöde allein lassen?“
Zwar hatte sie die Hütte bisher nicht als Einöde empfunden, meinte ich jedenfalls, aber wenn sie mich begleiten wollte, ich würde mich nicht dagegen sträuben.
Sie lief in die Hütte, schlüpfte in extrem kurze und enge Jeans-Shorts und ein sehr lose gehäkeltes Oberteil, nahm noch eine tüchtige Dusche von ‚24 Faubourg‘ und war bereit.
„Ist was?“, fragte sie lachend, als ich sie atemlos betrachtete. „Nein, keine Chance, erst wird eingekauft.“
Sie nahm den Autoschlüssel von dem Brett und warf ihn mir zu.
Die nächste kleine Stadt war wirklich einfach zu finden. Dem Waldweg bis zu seinem Ende folgen, dann links auf die befestigte Straße biegen, nach etwa drei Kilometern würden wir auf der rechten Seite einen Supermarkt finden, in dem wir alles bekommen würden, außer Alkohol. Den gäbe es nämlich in einem speziellen Geschäft, dreihundert Meter weiter, hatte mir die Vermieterin gesagt.
Der Supermarkt bot wirklich alles, was wir brauchten: frische Backwaren, Butter, Käse und lecker aussehende Salami und Schinken vom Rentier, selbst Erdbeeren waren zu Bergen aufgetürmt, Fleisch und Fisch, vor allem Lachs. Aber alles zu immensen Preisen. Wir kauften ausreichend für die nächsten Tage ein und fuhren die dreihundert Meter zu dem ‚speziellen Geschäft‘. Auch hier war die Auswahl überwältigend. Doch ebenso überwältigend waren die Preise. Der billigste Wein war ein Rosé aus Hagebutten, der in Finnland produziert wurde. Deutsche, italienische und französische Weine waren unerschwinglich teuer.
„Jetzt habe ich aber Hunger“, sagte Mia, als wir im Auto saßen. Sie hatte die Packung Rentier-Schinken vorsichtig geöffnet und schnupperte daran.
„Hhmm.“ Ich hatte vorher nicht geahnt, wie gedehnt man diese eigentlich zwei Buchstaben aussprechen konnte. Mia lehrte es mich, und dabei verzog sie ihr Gesicht, rollte mit den Augen und hielt mir die Packung unter die Nase.
Der Duft war wirklich köstlich, und ich musste mich entscheiden, Rentier-Schinken oder ‚24 Faubourg‘ auf Mias Haut.
Obgleich ich Hunger hatte, entschied ich mich – verstehen Sie das? – für Mias Haut.
Ich streichelte ihr unendlich langes, schönes Bein, das schon leicht gebräunt war, mir stieg der leichte Duft von ‚24 Faubourg‘ in die Nase, der nur darauf zu warten schien, dass ich ihn zum Leben erweckte.
„Nichts da, erst gibt es Frühstück.“
Sie hatte die Tüten zusammengekramt und stieg aus dem Wagen, nicht ohne mir ein spitzbübisches Lachen nachzuschicken.
Keine viertel Stunde später saßen wir am Frühstückstisch, hatten das köstlichste Frühstück mit all den Leckereien, die wir eingekauft hatten, mit frisch gebrühtem Kaffee. Und ich sah wohl Mia begehrlich an, denn sie lachte nur und wiederholte nur: „Nichts da, erst wird aufgeräumt!“
Sie schien es zu genießen, dieses Spiel aus Verführen und Hinhalten, und wusste es noch zu steigern. Sie rollte ihr Oberteil unterhalb des Busens ein, so dass ihr Bauch frei war, dann schien es beim Abwasch zu stören und sie zog ihr Oberteil ganz aus. „Das stört dich doch nicht“.
Diese kleine Hexe, dachte ich noch. Natürlich störte mich ihr nackter Oberkörper nicht, das wusste sie ganz genau, nur das endlose Hinhalten brachte mich fast zum Wahnsinn.
Und sie genoss meine Pein. In vollen Zügen, wie es schien.
Sie werden mich jetzt vielleicht für oberflächlich halten oder gar für sexbesessen, aber ich möchte mal Sie sehen.
Stellen Sie sich vor, sie sind mit der zauberhaftesten, verführerischsten Frau zusammen, sie verführt sie nach allen Regeln der Kunst und hält Sie trotzdem auf Abstand. Ich kam mir vor, wie ein Steak, das erst scharf angebraten wird und dann bei hundert Grad in den Backofen kommt, um dort zehn oder fünfzehn Minuten langsam zu garen. Das Steak ist dann besonders zart und mürbe. Mag sein, dass Mia testen wollte, ob das auch bei mir funktionierte.
Sie hatte jedenfalls ein unvorstellbares Vergnügen dabei, es auszuprobieren.
Endlich hatte sie ein Einsehen mit mir.
Sie hatte den letzten Teller weggeräumt, unendlich langsam, wie mir schien, hatte das Geschirrtuch sorgfältigst aufgehängt, da drängte sie sich an mich.
„Darauf hast du doch gewartet.“
Sie drehte sich so, dass ich ihren Hosenknopf öffnen konnte, zog mir das Hemd über den Kopf und streifte meine Hose hinunter und zog mich zum Wasser. Natürlich bespritzten wir uns gegenseitig, schwammen aufeinander zu, umarmten und küssten uns, trennten uns wieder und schwammen wieder aufeinander zu, umarmten uns wieder und wieder.
Zurück auf unserem kleinen Rasenplatz, ließen wir unsere Körper von der Sonne trocknen, ich zog die erste Flasche Rosé auf, goss ihn auf eine Handvoll Erdbeeren, und eine Bowle war fertig. Das Getränk war köstlich, nur etwas zu warm. Wir hatten ja keinen Kühlschrank, und das Kellerloch war kein echter Ersatz. Bei unserem nächsten Einkauf würde ich mal nach einer Kühlbox Ausschau halten.
Da war es auch, wo mir ein Flyer in die Hände fiel, der einige Opernaufführungen in der Burg Olavinlinna in Savonlinna anpries, ein Highlight für alle Opernfreunde.
‚Die Savonlinna-Opernfestspiele sind das wichtigste kulturelle Ereignis Finnlands. Sie sind für ihre hochkarätigen Opernaufführungen und Konzerte weltberühmt und bringen jeden Sommer Musikliebhaber aus aller Welt in die bezaubernde Seestadt Savonlinna. Das einmonatige Festival findet in Olavinlinna statt, einer imposanten mittelalterlichen Burg direkt am größten See Finnlands. Dies schafft ein einzigartiges, spektakuläres Ambiente für die rund 70 000 Gäste. Im Inneren werden Sie mit Klassikern und selten gezeigten Werken sowie mit Uraufführungen und Gastproduktionen von angesehenen Opernhäusern wie der Mailänder Scala überrascht‘, hieß es da.
Obgleich ich keine Ahnung über Mias Musikgeschmack hatte, deutete ich mein Interesse an einem Festivalbesuch an, und begeistert willigte sie ein.
„Hast du schon einmal eine Freilichtaufführung gesehen?“, fragte ich vorsichtshalber, „das ist ganz anders als in einem Opernhaus. In Verona etwa spielen sie in einer riesigen antiken Arena, in Split auf dem Platz vor dem Diokletian Palast. Das sind die einzigen Freilichttheater, die ich bisher gesehen habe. Aber es ist imponierend. Eine ganz eigene Atmosphäre, mit der in einem Opernhaus nicht zu vergleichen.“
Mia war ganz still geworden, hatte mir andächtig zugehört, wie mir schien.
„Meinst du, man bekommt noch Karten?“
„Willst du wirklich?“
Ich rief die Internetseite auf und bekam noch Karten für ‚Nabucco‘, sündhaft teure in der zweiten Reihe Mitte.
„Ich bezahle meine aber selbst“, und als ich protestieren wollte, sagte sie: „Entweder ich bezahle selbst oder du musst dir eine andere Begleitung suchen.“ Und dabei blieb sie.
Das war wieder ein Grund zum Feiern. Wir hatten uns überlegt, eigentlich wäre das Leben doch viel zu schön, um nicht gefeiert zu werden, unser Zusammentreffen, dass wir uns sympathisch fanden, unsere erste gemeinsame Nacht in der Kabine, unsere Ankunft in Helsinki und in der Hütte, meine Erdbeerbowle. Die zahllosen Umarmungen. Und jetzt die Karten für die Olavinlinna.
„Freust du dich auch? Sag ganz ehrlich, freust du dich auch so wie ich? Sag schon!“, und als ich einen Augenblick zögerte, denn so hatte ich Mia noch nie erlebt, stieß sie mich an: „Was ist los mit dir? Freu dich, wir gehen in die Oper. Freu dich doch endlich!“
Ich berührte zufällig ihr Bein, das in Mias extra knappen Jeans-Shorts steckte.
„Nn, nn, ich weiß, was du willst, aber erst musst du mir sagen, ob du dich auch so freust wie ich.“
Natürlich freute ich mich, sehr sogar, aber Mia war so unwahrscheinlich niedlich, so bezaubernd, wenn sie mal an der Angel hing, und ich ließ sie gerne zappeln. Warum nicht sie auch, warum immer nur ich?
Allein die Fahrt mit dem Auto nach Savonlinna war ein Traum. Durch tiefe Wälder, vorbei an unzähligen Seen, anzuhalten, um eine besonders schöne Aussicht zu genießen, sich in den Arm zu nehmen und immer wieder zu hören: „Das hat Zeit bis später. Wir dürfen unsere Aufführung nicht verpassen.“
Als wir in Savonlinna angekommen waren, mussten wir erst einmal Atem holen.
Das hatten wir uns nicht vorgestellt. Eine wunderschöne Kleinstadt, eingebettet in die verschiedenen Ausläufer des Saimaa-Sees, mit der alten Burg Olavinlinna auf einer kleinen Insel. Das war schon traumhaft. Mia war begeistert, hing an meinem Arm, drehte sich mal nach rechts, mal nach links, lachte übermütig, reckte sich zu mir auf, um mir einen Kuss zu geben, um mich gleich darauf auf irgendetwas aufmerksam zu machen, ein besonders schönes Haus, eine besonders verführerische Auslage.
„Ist das schön!“
Und da hatte ich plötzlich die Idee: „Was hältst du davon, wenn wir hier noch eine oder zwei Nächte bleiben? Dann können wir uns alles noch in Ruhe ansehen und müssen nicht direkt nach der Oper nach Hause fahren.“
Mia war begeistert. Dann wurde sie ganz ernst.
„Hannes, das können wir uns nicht leisten.“
