0,99 €
"Das verlorene Land" ist ein 1919 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet "Det tabte Land". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2021
Im Walde stand ein feuerspeiender Berg, der seinen schwarzen, narbigen Kopf bis in den Himmel reckte und zu dessen Fuß Palmen wuchsen; es war in den warmen Jahrtausenden vor der Eiszeit, als der Sommer noch ewig währte.
Am Tage sandte der Vulkan eine Rauchsäule zum Himmel hinauf, ungeheure Dämpfe, die sich mit den obersten Wolkenzinnen vermengten, des Nachts aber qualmte er wie ein blutiger Rachen, der über der Erde gähnte, und hin und wieder schleuderte er Flammen und glühende Steine zum Mond hinauf. Das war Gunung Api, der große Donnerer, der Vater des Feuers und Erdbebens.
Zeitalter hindurch hatte der Berg so gestanden in luftiger Einsamkeit und auf dem Feuer in seinem Innern gekaut, hin und wieder von unterirdischem Getöse erzitternd, als ob er sich ganz solo belustigte. Selten aber ließ Gunung Api sich sehen, er umgab sich meistens mit einer Wolkenwelt, um allein zu sein, hüllte sich in Dunst und schlummerte.
Es geschah jedoch, daß Gunung Api in sternenklaren Nächten die Dunkelheit von seinem Antlitz streifte, Asche in den Abgrund blies und den Krater und seine Lavabrust im Äther kühlte. Dann zeichnete sich ein gewaltiger Kegel am Nachthimmel ab, dessen Fuß über den halben Horizont reichte und dessen Gipfel zum Zenit strebte – Gunung Api entblößte sich vor dem Firmament und zeigte sich in seiner ganzen Größe. Und die Sterne breiteten sich vor ihm in leuchtenden Heerscharen, die Milchstraße schwebte und schlängelte sich unter den höchsten Balken des Nachthimmels, der Mond ging auf und war rund, blähte seine bleiche Scheibe wie ein Segler in der Nacht, das Siebengestirn lüftete sein nebliges Gespinst in der Höhe, langsam drehte der Himmel sich und stellte seinen Strahlenglanz von allen Seiten zur Schau.
Dann stieß Gunung Api Schwefelwolken aus und illuminierte sich in seiner ganzen ungeheuren Nacktheit mit Blitzen, legte seinen langen, steilen Schaft bloß, gefurcht und geschwärzt, und bei dem Licht der Blitze sah man wilde Klüfte auf seinem Körper, den Urwald unter ihm, Hunderte von Meilen Flachland nach allen Himmelsgegenden, einen gewaltigen Fluß, der sich quer hindurchwand, und in der Ferne das Weltmeer. Das alles lag unter ihm und war winzig klein. Wahrlich, er war keine unbedeutende Warze auf der Erdkruste.
Die Sterne aber schwiegen und blinzelten alle auf einmal, als ob ein leiser, kalter Wind sich durch den Äther kräuselte.
Gunung Api umgab seinen Kopf mit elektrischem Gewitter wie mit einer vielfarbigen Krone, und der Himmel gab geisterhaft lautlos durch Nordlicht Antwort. So maßen Gunung Api und das Firmament sich in edlem, nächtlichem Schweigen, denn solche Mächte begnügen sich mit Anschauung, ohne viele Worte zu machen.
Mittlerweile verblaßten die Sterne – fast war es, als ob Gunung Api lachte –, es rummelte eine Meile tief drinnen in der Erde, ein Spalt öffnete sich in der Seite, er schnaufte Dampf aus, die Munterkeit mußte heraus, ein Funkenregen sprühte aus dem Krater, ganz konnte Gunung Api einen gewissen Husten nicht unterdrücken, und er hüpfte ein wenig in seinen Grundfesten – ja ja, er hatte allerhand Achtung vor den Sternen, die bekanntlich klein, aber zahlreich sind!
Bald darauf glomm die Dämmerung auf, der Himmel schwang sich von Osten mit einer allmächtigen Morgenröte herauf, der junge ausgeschlafene Vorbote des Tages, und ein Fächer von langen Lichtsäulen schlug eine Brücke über den halben Himmel, vornehmer Besuch wurde erwartet, es tagte, die Dämmerung wich, der Himmel stand in Brand, und im Osten sprang die Sonne herauf ...
Gunung Api aber hatte dem Schlachtfeld bereits den Rücken gekehrt, war emsig damit beschäftigt, Nebel um sich zu sammeln; jedes zu seiner Zeit. Der Tag für den, der Geschmack daran findet, er seinerseits begrub sich lieber in Wolken; durch das Dickicht blitzte er gehörig, schickte eine Lawine abwärts und schüttelte Bimsstein und schlammige Wassermassen von seinen Flanken.
Und dann zog Gunung Api die Wolkenmütze wieder bis über die Brauen und schlummerte.
Jedesmal, wenn Gunung Api ein Weilchen geschlafen hatte, war ihm der Wald bis weit über die Brust hinauf gewandert, und wenn er erwachte, stand er mit tausendjährigen Bäumen da, die alle Sorten Tiere beherbergten; Gunung Api gähnte und sprühte Lavaströme, sendete Wogen seines Feueratems ins Tal hinab, und dann starb alles, die Vögel gerieten fliegend in Brand und wurden in der Luft zu Feuerpunkten, die verlöschten und wie Kohlenstäubchen zur Erde sanken; Seen und Flüsse fingen an zu kochen, verdampften zischend, stiegen wie Wolken gen Himmel, und auf dem schwarzen, rauchenden Grund lagen verkohlte Fische. In meilenweitem Umkreis war der ganze Wald mit einem Schlage Glut und Flammen und im nächsten Augenblick nur noch ein Haufe glühender Asche. Dem Feuer folgte ein Steinregen, der Tag ging in Urdunkelheit unter, und wenn Gunung Apis Ausbruch vorüber war und er seinen rußigen Kegel von neuem im Sternenschein kühlte, lagen wie ehedem statt des Waldes öde Schwefel- und Tuffsteinfelder um seinen Fuß.
Gunung Api träumte. Er schluckte die Lava durch den Krater zu den alten gefesselten Feuerseen in der Tiefe hinunter, die sich brodelnd bewegten, wie heiße Erinnerungen an den frei lodernden Ozean, der einst die ganze Welt umspannte. Ach, dem Feuer war es schlecht ergangen! Ursprünglich hatte es sich nur gegen vereinzelte herumschwimmende Schlacken zu wehren brauchen, geronnene Inseln im Feuermeer, nach und nach aber waren die Inseln zu Festland geworden, die Länder hatten sich in der ganzen Welt zusammengeschlossen und das Feuer schließlich eingesperrt. Und als die Erdkruste genügend abgekühlt war, stürzten ungeheure Regengüsse herab und bildeten Meere auf der Erde; wieder wogte es wie damals, als das Feuermeer gewogt hatte, aber welch ein Unterschied! Mit Wollust jagte das Feuer aus Gunung Api alles Wasser, das es erreichen konnte, in Form von Dampf zum Himmel hinauf, aber es konnte nur wenig erreichen. Als das Meer aus der Luft herabgekommen war, entstand der blaue Himmel. Das war der Morgen des Erdenlebens. Und als die Meere abgekühlt waren, entstand Leben in ihnen, das Tier kam hervorgekrochen, und auf der Erde gährte es und gab Fruchtbarkeit. Kräuter buhlten mit Sonne und Regen, dem Feind des Feuers; daraus entstand der Wald. Es war langsam gegangen, unzählige Alter hatte es gedauert, und während der ganzen Zeit war das Feuer eingesperrt gewesen, hatte nur hin und wieder durch Gunung Apis Mund Luft bekommen und dann vernichtet, was es erreichen konnte. Aber es erreichte nicht mehr viel. Das kalte, nasse Leben auf der Erde vermehrte sich, nahm immer mehr Formen an, der Wald breitete sich, die Erde machte sich hübsch grün.
Wenn das Feuer aber einst wieder frei wurde! Wenn die Erde platzte – ja, platzte, wieder flüssig wurde, schmolz, Feuer atmete, wogte, wieder ein Feuerozean wurde, wie am Anfang der Zeiten, Wasser ins Universum hinaufjagte, weißglühend in seiner eigenen Verbrennung aufging, für alle Ewigkeit wieder in sich selbst ruhte wie ein blendendes Feuerall! Ho! Oh!
Eine leichte Feuerwolke stieg aus Gunung Api auf und lagerte sich um den Kopf des Berges wie ein Ring, die seelenvolle Glorie auf der Stirn eines Träumenden; Gunung Api träumte.
Mittlerweile hatte der Wald am Fuße des Berges von vorn angefangen. Erst schickte er Flechten und Moos auf die Steine hinauf, später andere unansehnliche Vorposten, Kräuter und Büsche, bis ein Gehölz sich hinauf gearbeitet hatte und die Bäume sich von neuem himmelwärts reckten und stark wurden. Und mit dem Wald kehrten Vögel und Wild zurück. So kämpften Gunung Api und der Wald miteinander.
Unten im Flachland aber, das der Vulkan nicht erreichen konnte, auf dem ganzen Festland von Meer zu Meer, stand der Urwald meilenweit, geschlossen und ohne Grenzscheide, die Äste der Bäume waren ineinander verfilzt; große Binnenseen breiteten sich im Walde, durch die Flüsse sich einen Weg bahnten, die Bäume aber gingen bis ans Ufer, wateten auf Wurzelstelzen ins Wasser hinaus, bis sie keinen Grund mehr hatten. Im Innern des Waldes fanden Lichtungen Raum, große weitläufige Steppen, Sümpfe, Hochebenen, Wiesenland; ringsum aber standen wieder dichte, unermeßliche Wälder; die ganze Welt war ein einziger Wald.
Ja, das waren die allmächtigen Wälder auf Erden vor der Eiszeit, in Europa, Asien und Sibirien, in dem arktischen Amerika, Grönland; grenzenlos nach allen Seiten, über alle Länder, drei Weltteile und die nördliche Halbkugel erstreckten sie sich, vollkommen unberührt, sich selbst überlassen, keinen andern Gesetzen unterstellt als Wind und Wetter, ihrem eigenen Wachstum und der Gnade des Himmels und der Erde. So weit konnte ein Tier wandern, und so weit war der Weg, daß die Nachkommen im tausendsten Glied das Ende des Weges oft als ganz andere Tiere erreichten, als sie ursprünglich gewesen waren.
Es war der Wald der Verwandlung. Er wuchs von Jahr zu Jahr und verwandelte sich im Wachsen durch die Jahrtausende. Er hatte die Urzeit in sich aufgenommen und reckte sich nach anderer, neuer und unbekannter Zukunft. Die einfachen Gewächse entschwundener Erdalter fanden hier Platz und entfalteten sich ihrem Wesen nach, die Seele einer wärmeren Zeit; dunkle, brünstige Nadelwälder standen und brauten im Sonnenbrand und schwitzten Harz. Aus brütendem Sonnenschein, lauwarmem Regen und vulkanischer Fruchtbarkeit im Erdreich destillierten sie ihre dicken Säfte, die von jüngerer Erde dufteten. Für die Gewächse einer noch jüngeren Zeit aber, die durch die dampfwarmen Wälder der Steinkohlenperiode gebildet worden waren, war kein Platz mehr, die hatten ihre Zeit gehabt, und dennoch wuchsen Farne und Schachtelhalme im Walde; wo Gewächse sich als Bäume überleben, bewahren sie noch ihren Platz als Kräuter.
Kampfer- und Kaneelbäume, Palmen, Pisang und Brotfruchtbäume wuchsen in den nordischen Wäldern, standen sonnendurchwärmt und lebensvoll im Walde, die Krone voller Weihrauch, die Wurzeln in den warmen, gärenden Sümpfen. Später zogen sie sich zu den Tropen zurück, damals aber erfüllten auch die nordischen Wälder die Lebensbedingungen der Tropengewächse.
Für die Zukunft sorgte der Wald durch besondere Bestrebungen, durch ein neues Leben in ihm, das zu neuen Wäldern, den Laubbäumen, werden sollte; ein zartes Bäumchen zeigte sich noch jung und tastend, das eine Eiche werden sollte. Andere beginnende Bäume, seltsam kühl und mit Angewohnheiten, von denen die alten immergrünen Bäume sich nie hatten träumen lasten, scharten sich in kleinen Hainen, bildeten Gesellschaften und machten es sich behaglich: die junge Espe, der Vogelbeerbaum, die Linde; sie waren empfindsam gegen das Wetter, und das Wetter würde sie einst stark machen, wenn sogar der gewaltige Kampferbaum den Kampf aufgeben und gehen mußte. Es waren dieJahreszeiten, die dem Wald ganz unmerklich ihre Eigenart aufprägten.
Die Elemente wirkten auf ihn ein, Sonne, Wind und Regen, etwas Unsichereres gab es nicht, und dennoch ging keine Laune im Walde verloren; in der Sonne grünte er, vor dem Wind beugte er sich, im Regen stand er still und trank. Verlassen konnte man sich auf nichts, dennoch blieb der Wald trotz vieler Mißlichkeiten stehen. Aber er veränderte sich.
Von innen heraus bestand er nur durch Verwandlung. Im Walde regiert ein Trieb, der von der einen Form in die andere übergeht, das ist's, was ihn zum Walde macht. Was anders hat Bäume zu Bäumen gemacht als Wachstum im höheren Sinn, im Geschlecht und über sich selbst hinaus? Bäume bekommen Stämme, weil sie in Gesellschaft wachsen. Ursprünglich sind sie Kräuter gewesen, der Erde nah, durch die Macht des Waldes aber, dadurch, daß viele beisammenstehen und sich recken, um aneinander vorbei zum Licht zu gelangen, zur Lebensquelle oben, haben sich aus dem anfänglich grünen Pflanzenstengel dicke, feste Stämme entwickelt, die schließlich über hundert Fuß hoch und einen Klafter breit und mehr geworden sind. Ganz oben an der Spitze sitzt das Laub, die Lungen des Baumes, die Luft und Licht haben müssen, damit der ganze Baum leben kann, und dort oben blüht er und setzt Frucht an. Solch mächtiges Außenwerk mußte der Baum aufbauen, um seine Blätter und Blüten, das ursprüngliche Kraut, ins Licht hinaufzutragen. Aber nicht alle Kräuter werden zu Bäumen, denn nicht alle müssen um den Platz in der Sonne kämpfen, mögen sie auch noch so zahlreich sein; das Gras bleibt auf der Erde. Und dennoch ist der Bambus ein Baum geworden! Aber auch nicht alle Gewächse im Walde sind fertig; was sie nicht sind, können sie noch werden. Auf der Zwischenstufe steht der Pisang, ein kräuterartiges Gewächs mit einem grünen Stengel, der bisher nur aus in Schichten liegenden Blattscheiden besteht, aber die Dimensionen eines Baumes besitzt. Sogar der Kohl hat einen »Stock« und ist auf dem besten Wege, ein Baum zu werden.
Der Wald entsteht aus der Vereinigung von Fruchtbarkeit und Widrigkeiten. Er ist eine große Gesellschaft, die zusammen wächst; die Bäume stehen gierig in dem mistwarmen Boden und greifen um sich, von lauwarmen Regengüssen bewässert und unter der Sonne schwitzend, sie wachsen auf-, über- und ineinander, in die Höhe muß man; alle Bäume recken sich, um ihre Wipfel ins Licht zu heben, Macht zu erlangen und sie dem Nebenmann zu entziehen. Wenn dann der Nachbar stirbt, erbt man auch noch die Säfte, womit er seine Wurzeln genährt und die er dem Boden zurückgegeben hat. Es lohnt sich also doppelt, in die Höhe zu gelangen. Das Leben der Bäume ist ein unbarmherziger Wettkampf, bei dem gewinnen mag, wer will, derWald bleibt auf alle Fälle bestehen.
Der Stärkste? Ist denn immer die Macht das Dauernde? Fragt den Wald, er antwortet euch mit einer stummen Erklärung, deutet auf das, was zwischen dem Riesenbaum und der Schlingpflanze vorgeht. Es ist ein Duell im Walde. Zwei Gewächse haben sich gefordert, ein Riese des Waldes mit einem hohen, gewaltigen Stamm, klafterdick unten, in der Erde mit ungeheuren Wurzeln verankert, steinhart und zäh von Holz, in Wirbelstürmen erprobt – und ein kleines dünnes, körperloses Ding in Sumpf und Schatten, ein farbloser Stengel, der sich auf der Erde krümmt, ohne die geringste Aussicht, sich je durch eigene Kraft über den Urwald hinausschwingen zu können.
Der Kampf beginnt, und der Koloß wächst, legt sich Jahrringe zu, so daß seine Rinde berstet, braust noch ein Stück durchs Dickicht mit seiner gewaltigen Säule und breitet die Krone über allen andern wie eine Waldkuppel, die das Dach des Waldes krönt. Oben im Tag schaukelt er, mit Sonne, Tau und Winden befreundet, und von dem grünen Zelt der Krone sieht der Stamm wie eine gewaltige Säule aus, die sich tief, tief unten in einem dunklen Brunnen, in Sumpf und Unterwelt verliert.
Da unten aber hat die Schlingpflanze ihre Arbeit begonnen. Sie macht sich lang, eine viertel Meile lang, obwohl sie nicht dicker als ein Finger ist, einen Stamm aber braucht man, um daran in die Höhe zu klettern, das weiß sie. Was also liegt näher, als sich an andern Gewächsen, die einen Stamm besitzen, hinaufzuschlängeln? Und die Schlingpflanze leiht den soliden Mast des Riesenbaumes, wandert daran hinauf, nicht geradeswegs aufs Ziel zu, sondern in einer Spirale; unterwegs treibt sie Saugrohre in den Baum hinein und versieht sich mit seinen nährenden Säften. Schließlich erreicht sie ohne Unkosten das Licht in der Krone des Riesenbaumes, und nun schlägt sie selbst aus, umspinnt und überschattet die Krone mit ihrem eigenen hungrigen Laub, setzt Blüten an, große gähnende Trichter, aus denen Griffel und Silberfäden wie Lohe aus dem Hals ragen, feuerfarben und mit betäubendem Duft; es ist die Unterwelt, die oben in der Sonne ausschlägt und sich splitternackt lüftet. Und der Riesenbaum wird in den Schatten gedrängt, der lange, schleichende Wurm überwältigt den Giganten. Wenn der gewaltige Stamm zusammengestürzt ist, bleibt die Liane korkzieherverschlungen in der Wildnis hängen, und von dem Riesen bleibt nichts anderes übrig als der Begriff, den man sich von seiner Dicke und Länge durch die leeren, noch bewahrten wollüstigen Windungen der Liane bilden kann. Der Wald schweigt dazu, er ist nur Wald der Wipfel wegen; nicht die Kraft, sondern das Resultat entscheidet, wer leben soll. So grausam ist der Wald.
Ist er aber nicht auch freigebig? Der Wald nährt sich nur, um wieder zu nähren. Ist nicht der Weinstock eine Schlingpflanze? Von der Leiche des Kolosses, den er getötet, hängt er seine Trauben aus, eine schwellende Welt von Süße. Alle Bäume geben, reichen Früchte hin, wenn auch niemand da ist, sie zu nehmen; die Kokospalme neigt sich mit ihrem Eierstock von Nüssen im Herzstengel, von den winzigsten bis zu großen reifen Riesennüssen, eine ganze Skala von Fruchtbarkeit; die Büsche prangen mit Beeren und machen sie rot, Nahrung und Festlichkeit zu gleicher Zeit, sogar das unscheinbarste Gras birgt einen Kern in seiner spitzen Ähre. Die Blumen schlagen ihre Kelche auf und vollbringen das Leben in Duft, gehen unter in Farbe; sie bieten ihren Honig den Bienen dar, die ihnen dafür helfen, Frucht anzusetzen, das ist ein geheimes Abkommen, und solange es besteht, ist der Sommer voller Honigduft und Bienengesumm.
Gegenseitigkeit macht den Wald reich, darin besteht seine Zucht; wer die rötesten Früchte hat, wird seinen Samen los, wenn man nicht als Klette hängen bleibt; schön ist ein Gastmahl, wo alles geladen ist, was kommen will. Aus Gegenseitigkeit verwandelt man sich, wie man sich verwandelt, um zu bestehen; man reckt sich so weit wie möglich, um sich entgegenzukommen und, wenn nötig, aus seinem eigenen Wesen herauszugehen, in ein neues hinein; der Wald wird mannigfaltiger dadurch. Der Apfelbaum und der Dornbusch sind beide Rosen, wenn auch sehr verschiedene, die eine hat sich aus der andern geformt, der Apfelbaum aus dem Dornbusch, indem er die Dornen abwarf und die kleine trockne Steinfrucht zu einem Apfel machte; aus stachlichten Büschen, die in einem Gehölz beisammenstehen und sich gegen die Außenwelt wappnen, wird ein schöner, freistehender Baum, der mit ausgebreiteten Armen seine Früchte darbietet.
Wenn der Apfelbaum blüht, ladet er die Bienen zum Fest, jeder Baum steht wie eine weißgekleidete Kuppel da, voller Kühle und Süße, Sonnenschein und Duft, und ist wie ein einziger klingender Ton von summenden, berauschten Bienen, ein Lichtwunder, die Sphäre der Seligkeit. Wenn die Frucht aber reif ist, sucht sie die Erde in dunklen Nächten, mit hörbarem Fall; es ist die Hufe der Zeit, die die Erde berührt und ankündigt, daß der Sommer vorbei ist.
Als der erste Apfelbaum im Urwald blühte, bedeutete es ewiger Sommer, als aber die Frucht zur Erde fiel, war der erste Herbst da, und des Sommers Zeit war bemessen.
Auf den Lichtungen der großen Mutterwälder stand der Apfelbaum und rundete seine Früchte, bis sie bereit waren, in Menschenhand zu fallen, er bot dem Menschen von seinem Überfluß und hat dafür einen Platz in seinen Gärten bekommen.
Denn der Mensch hatte seinen Ursprung in den nordischen Wäldern vor der Eiszeit, in den wilden, wonnevollen Wäldern, wo nur die Gesetze der Natur das Dasein bestimmten und man keine Entbehrung kannte.
Der Mensch entsprang der Urzeit zusammen mit den Tieren, teilte die Lebensbedingungen mit ihnen und verwandelte sich wie sie. In dem Wald der Verwandlung, wo Pflanzen sich zu Bäumen entwickelten, Art nach Art über sich selbst hinaus und in andere Arten hinein, fanden Tiere Nahrung und verwandelten sich auf ihre Weise, das eine Tier aus dem andern und unterwegs wieder zu einem dritten; und aus dem fortgeschrittensten Wesen unter den Tieren, wenn auch keineswegs dem stärksten, aber dem verwandlungsfähigsten, entstand der Mensch.
Später lehrte die Eiszeit die Menschen sich gegen Widrigkeiten zu wappnen und sich selbst die Lebensbedingungen zu verschaffen, die die Natur ihnen versagte; der erste Mensch war das Urwesen, das zum erstenmal einen Winter überstanden und Unterkommen und Bekleidung zum Schutz gegen die Kälte erfunden hatte. Der Mensch als »Mensch« aber war älter, den Gebrauch des Feuers kannte man bereits vor der Eiszeit, sonst wäre es unmöglich gewesen, sie zu überleben. Wann und wie lernte der Mensch die Verwendung des Feuers?
