Dr. Renaults Versuchung - Johannes Vilhelm Jensen - E-Book

Dr. Renaults Versuchung E-Book

Johannes Vilhelm Jensen

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Beschreibung

"Dr. Renaults Versuchung" ist ein 1935 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet "Dr. Renaults Fristelser". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. Renaults Versuchung

IIIIIIIVVVIVIIVIIIIXXXIXIIXIIIXIVXVXVIXVIIXVIIIXIXXXXXIXXIIXXIIIXXIVXXVImpressum

I

Dr. Renault lag im Sterben.

Daß es in der Stadt schon durch vorsichtige Zeitungsnotizen bekannt war, wußte er wohl. Er hatte viele sterben sehen, nun war er selbst an der Reihe, er sah es mit dem inneren Blick. Er lag mit geschlossenen Augen, war allein mit sich in der Dunkelheit, wie man es jeden Abend vor dem Einschlafen ist. Für ihn aber würde es kein Morgen mehr geben.

Die Schmerzen und Beschwerden waren überstanden, im Befinden des Patienten war jene Erleichterung eingetreten, die Euphorie, die sich einstellt, wenn der Organismus den Kampf aufgibt. Sterbende glauben, daß es die Wendung zur Genesung ist, er aber wußte es besser. Nun würde der Augenblick kommen, über den er anderen unzählige Male hinweggeholfen hatte. Daß es einmal so weit sein würde, hatte er natürlich gewußt, und nun war es so weit.

Der Arzt, sein langjähriger Freund und Kollege, war auf seinem abendlichen Rundgang schon bei ihm gewesen. Er hatte die Hand des Sterbenden auf der Bettdecke mit einem langen, festen Druck umschlossen, bevor er hinausging. Es war der Abschied. Gesprochen wurde nicht, sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Beide waren alt und schieden von einander wie zwei Knaben, mit einem Lächeln, einem Winken: Der Augenblick der Trennung war gekommen, jeder mußte seinen Weg gehen.

Unmittelbar nachdem der Chefarzt und sein Stab gegangen waren, war der Assistenzarzt hereingekommen und hatte ihm die letzte Spritze gegeben, ein sekundenlanges Unbehagen, als die Nadel unter die Haut drang. Er hatte geistesabwesend geknurrt, sich hinterher geniert und dem jungen Assistenzarzt, einem hübschen jungen Mann mit blühender Gesichtsfarbe, kameradschaftlich zugenickt. Und der junge Arzt hatte gelächelt, schöner als man es mit Worten beschreiben kann, unendlich fürsorglich und ein wenig verlegen. Nachdem er die Bettdecke wieder glatt gestrichen hatte, war er mit seinem weißen, frisch gewaschenen Kittel, der auch Gesundheit zu atmen schien, Dr. Renaults Gesichtskreis entschwunden.

Später war die Krankenschwester hereingekommen, um die abendliche Säuberung vorzunehmen, die den Vorschriften gemäß nicht versäumt werden durfte, wie es auch um den Patienten stand. Während sie ihm Gesicht und Hände mit Schwamm und Seife wusch, waren verschwommene Erinnerungen in ihm aufgetaucht, merkwürdig nah und doch nicht greifbar, Erinnerungen an seine Knabenjahre, als er unsanft von einer Übermacht gewaschen worden war; eine große Hand hatte seinen Kopf wie in einem Schraubstock gehalten, während seine Ohren so gründlich gewaschen wurden, daß es weh tat.

Die Schwester war blutjung, fast ein Kind noch, mit strahlenden Augen. Alle Menschen waren jung, wenn man selbst alt geworden war. Je älter man wurde, desto jünger war die Welt! Das junge Mädchen nahm seine Hand in die ihre und wusch sie, eine intime Berührung der beiden nassen Hände, jenseits der Haut, kühl, dem Leben noch so nah und dennoch für ewig davon getrennt. Nachdem die Schwester gegangen war, spürte er noch lange den frischen Seifengeruch und die Kühle des verdunstenden Wassers.

Er war bei vollem Bewußtsein, übernormal, es war wie ein inneres Hellsehen. Vielleicht hatte er etwas Fieber, oder das Morphium arbeitete schon in seinen Adern und hob das Gefühl des Körperlichen auf. Er dachte mit einer Klarheit und Weisheit wie noch nie. Wenn der gesteigerte Zustand in Schlaf überging, wenn das Bewußtsein schwand – ein Augenblick, den man nicht beobachten kann, der sich aber jeden Abend vor dem Einschlafen wiederholt, ohne daß man den Zeitpunkt festzustellen vermag –, dann würde er nie mehr erwachen und nie etwas darüber erfahren. Es würde sein, als habe er nie gelebt. Den Tod konnte man also nicht erleben, wenn man es nicht in Gedanken konnte, während man lebte.

Was nachher kam, war keiner Überlegung wert. Als Arzt kannte er das ja alles genau. Hatte er aufgehört mit den Sinnen wahrzunehmen, was mit ihm geschah, dann würden andere für ihn handeln. Der Tote würde daliegen mit dem markanten Schädel, bis man das Laken über sein Gesicht zog, jener traurige Anblick, der bestätigte, er habe aufgehört zu atmen. Dann würde man den Wandschirm um das Bett stellen, ein bestimmtes kaltes Zeremoniell, bis die Leiche zur Sektion und späteren Verbrennung abgeholt wurde. Die Nekrologe sah er deutlich vor sich, sie lagen wahrscheinlich schon in den Redaktionen bereit und warteten nur noch auf die letzten Sätze. Es war schon vorgekommen, daß ein Nekrolog aus Versehen zu früh gedruckt und ohne große Überraschung von dem Toten selbst gelesen wurde. Wenn man alt geworden war, erregte das alles nicht mehr, sogar das Grauen schwand. Auslöschung? Mit der Auslöschung wurde ja auch der Begriff nichtig. Einmal mußte man sterben, und nun war es also so weit.

In der Laune eines Augenblicks – es war der Strohhalm, nach dem man trotz allem greift – stellte er sich vor, er sei schon tot, und wie es sein würde, wenn er wieder zum Leben erwachte. Er öffnete die Augen, und ganz richtig, so hatte er sich das Leben vorgestellt, ein Krankenhausbett und geradeaus das hohe, klare Fenster, durch das man über die Straße zu den Häusern auf der anderen Seite hinüberblickte. Über die Dächer ragte ein Fabrikschornstein, ein vertrauter Anblick, der sich während seiner Krankheit wie ein Bild seinem Auge eingeprägt hatte.

Es war ein Riesenschornstein mit einer rußigen Spitze, aus der zu allen Tageszeiten eine Rauchfahne in die Atmosphäre wehte. Ein hoher gelassener Herr war er, mit apartem Wesen. Der schwarze, umwölkte Kopf ragte wie ein Vulkan in die Luftschicht oberhalb der Stadt und verrichtete seine Arbeit, indem er wie ein Luftrohr in den Himmel rauchte. Was waren im Grunde die Türme und Obelisken, mit denen die Vergangenheit in die Höhe gestrebt hatte, im Vergleich zu diesem ganz gewöhnlichen anonymen Schornstein, der eine Aufgabe hatte? Dort würde er morgen noch stehen und rauchen, wenn Dr. Renault tot war. Die Maschinen würden arbeiten, in der Stadt würde wie immer das elektrische Licht brennen, alles würde seinen gewohnten Gang gehen.

Die Häuser lagen bereits im Schatten, nur das obere Ende des Schornsteins wurde noch von der Sonne beschienen. Es war wie ein Alpenglühen, hoch oben, ein sich Recken nach dem Licht, während sich unten zwischen den Häusern schon die Dunkelheit breitete. Vom Fuß des Schornsteins bis zur Spitze lief eine endlose Reihe eingemauerter Eisenstufen, wie eine Himmelsleiter; die letzten waren schwindelnd hoch oben. Dort mußte im Notfall ein Mann hinaufsteigen, aber nur ruhig, an dem Schornstein war alles in Ordnung. Dr. Renault blinzelte zu ihm hinauf: Lebwohl, du! Er schloß die Augen und vergrub sich wieder in Dunkelheit.

Sein Inneres aber konnte nicht zur Ruhe kommen. Selbst wenn ein Mensch in der Philosophie so weit gekommen war wie er, konnte im Unterbewußtsein, im Fleisch, dennoch etwas sein, das sich aufbäumte und gegen das Aufhören sträubte. Seine Gedanken nahmen Gestalt an, es war fast wie eine Halluzination. Erinnerungen, Bruchstücke seines Lebens tauchten mit einer Deutlichkeit auf, wie im Augenblick des Erlebens. Bilder sprangen aus seinem inneren Blick und behaupteten sich, stärker als in der Wirklichkeit vor vielen Jahren, weil er in der Zwischenzeit klüger geworden war und die Bedeutung des Erlebten erfassen konnte.

Menschen, die drauf und dran gewesen waren zu ertrinken, erzählen, daß ihr ganzes Leben im Augenblick, wo sie das Bewußtsein verloren, an ihnen vorbeigezogen sei. Das ist natürlich eine Legende, auch das Gedächtnis ist begrenzt und verlangt Zeit. Man glaubt sich an alles zu erinnern, das aber, woran man sich nicht erinnert, zählt ja nicht mit. Wahrscheinlich drängt sich in solchem Augenblick eine besonders lebendige Erinnerung vor und scheint das ganze Leben auszufüllen, weil der bedrohte Selbsterhaltungstrieb sein ganzes Licht auf dieses Erlebnis wirft.

So erging es dem alten Arzt, der im Sterben lag. Das letzte, woran er dachte, mit einer Leuchtkraft, die alles andere verdrängte, war ein einzelnes isoliertes Erlebnis, das mehr als vierzig Jahre völlig vergessen, unter anderen Erlebnissen begraben gelegen hatte.

In seinem letzten Augenblick erinnerte er sich daran.

II

Als junger unbemittelter Student war er zufällig nach einer ganz unbekannten kleinen belgischen Stadt gekommen. Er befand sich auf einer Reise nach Paris, dritter Klasse, mit einem genau eingeteilten kleinen Geldbetrag, und auch die Zeit war genau ausgerechnet. Es war einer jener kleinen Abstecher, zu denen ein zielbewußter Mann, der indessen auch Durchgängerinstinkte besitzt, sich die Mittel verschafft, wenn sie auch nicht weiter reichen als für die Flucht. Der Vagabund in ihm machte seine Rechte geltend, blieb aber unter Kontrolle.

Beim Morgengrauen hielt der Zug ganz unvorhergesehen in dem kleinen Bahnhof. Es war jenseits von Charleroi, unweit der französischen Grenze. Die Lokomotive wurde abgekoppelt und fuhr stoßend, in einer Dampfwolke, auf ein Nebengleis zu einem Wasserturm, wo ein Schlauch wie ein langer Elefantenrüssel über den Tender geschwungen wurde. Durch irgendeine Verspätung wurde der Zug längere Zeit aufgehalten. Er stand auf dem Gleis, mit seinen verstaubten Wagen, einer langen Reihe Schlafwagen mit herabgelassenen Jalousien, aus denen kein Lebenszeichen drang. Ein Mann in blauer Bluse mit einer großen Ölkanne in der einen Hand und einem langschaftigen Hammer in der anderen ging von Wagen zu Wagen, schlug mit dem Hammer auf die Räder und befühlte die Naben mit der Hand, ob sie sich auch nicht warm gelaufen hätten. Die Stille im Zug und um ihn herum war geradezu fühlbar.

Eigentlich war es kein Bahnhof, nur ein langer Schuppen neben dem Schienenstrang, ein Glasdach auf eisernen Pfählen über dem Bahnsteig, das war alles. Im Hintergrund sah man verschmutzte Glastüren und Kontorfenster, in denen Licht schimmerte. Die Stille war so tief, daß man deutlich das unregelmäßige, stockende Ticken des Morsetelegraphen hören konnte. Das letzte Ende des Bahnsteigs, wo das Glasdach nicht mehr hinreichte, war mit Reif bedeckt; auch die Dächer der benachbarten Häuser waren bereift, es hatte nachts gefroren. Alles, was man vom Bahnhof und seiner nächsten Umgebung sah, war verstaubt, schmutzig und schlecht erhalten. Die festverschlossenen Luken in der Mauer eines hohen Speichers oder einer Mühle waren häßlich verfärbt. Was dahinter wohl fabriziert wurde? Jenseits der Stadt sah man hinter Fabriken die Umrisse eines Gebirges. Der Bahnhof war wie ausgestorben, nur eine alte Frau, ein dickes Tuch um den Kopf, stand vor der Tür des Warteraumes, einen Stapel Zeitungen im Arm.

Der Reisende der dritten Klasse – er schien der einzige im ganzen Zug zu sein – kletterte auf den Bahnsteig hinunter und kaufte eine Zeitung, ein schlecht gedrucktes Lokalblatt, auf dessen erster Seite mit fetter Schrift der Name Boulanger stand. Der junge Mann steckte die Zeitung ein, um sie später zu lesen. Er trug einen dünnen Gummimantel, der beim Gehen raschelte, in dem er die ganze Nacht in der Ecke seines Abteils gesessen hatte. Die Heizung, meterlange, schmale Becken mit Kohlenglut, die von der Seite unter die Wagen geschoben wurden und wahrscheinlich in einem Rohr unter den Sitzen endeten, war schon lange erkaltet. Gegen Morgen hatte er ein wenig geschlafen und war ganz steif vor Kälte aufgewacht. Als er die Zeitungsfrau bezahlen wollte, versagten die Finger ihm den Dienst.

Er sah, daß im Bahnhofsgebäude Licht brannte und trat durch die Glastür; sie fiel mit einem Knall hinter ihm zu. Im Hintergrund stand ein Büfett, dessen Zinkplatte gerade mit Tüchern abgerieben wurde. Ein kleiner schwarzbärtiger Mann mit einer Schürze ließ sich herab, ihm eine Tasse Kaffee einzuschenken; die Kanne hatte einen Griff, groß wie eine Keule. Der Reisende trank den Kaffee, der merkwürdig hell, aber sehr heiß war. Dann goß er hastig noch zwei Gläser Kognak hinunter, die ihm wie Feuer im Magen brannten; eine Extravaganz, die ein großes Loch in seine Kasse riß, aber es half nichts, ihm war so kalt, daß seine Zähne zusammenschlugen. Nach dem Genuß des Alkohols aber erholte er sich schnell, und es wurde ihm glühend heiß.

Dann suchte er die Toilette auf. Dort schien man so zeitig am Morgen noch keine Besucher zu erwarten, denn ein weibliches Wesen, einen Eimer Seifenwasser neben sich, war im Begriff, das Holzwerk abzuseifen. Mechanisch wollte er sich zurückziehen, als sie sich im selben Augenblick zu ihm umdrehte!

Sie war jung, derb, nicht groß, aber kräftig gebaut, mit langen, blendenden, sahnenfarbenen, bis an die Schultern entblößten Armen. Er umfaßte sie mit einem einzigen Blick, sein Auge nahm alle Einzelheiten auf, eine nach der anderen, schneller, als man sie mit Worten aufzuzählen vermag. Sie hatte reiches, schwarzes Haar mit einem bräunlichen Schimmer, wie gebrannter Kork; es war ungekämmt, nur flüchtig mit einem einzigen Griff aufgesteckt, aber von üppiger, einfacher Wirkung. Das runde Oval des Gesichts war rein in der Linie, die Züge grob, die Nase flach mit runden Nasenlöchern, der Mund groß und malvenfarbig; die Augen waren dunkel, tiefliegend, aber klar, und das Weiße glänzte wie Perlmutter, lebensstarke Augen. Ihre Gesichtsfarbe war von verblüffender Frische, die Haut hatte denselben matten Glanz wie die Arme. Die Tönung der Haut am Haaransatz weckte die Erinnerung an Champignons in dunkler, lockerer Erde.

Sie war ein ausgesprochener Volkstyp. Indem sie sich zu ihm umdrehte, hob sie schnippisch die Nase und betrachtete ihn belustigt. Diesen Gesichtsausdruck, gewappnet und gleichzeitig humorvoll, kann man an Arbeiterfrauen beobachten, die darauf gefaßt sind, sich Männer vom Leibe halten zu müssen. Sie war nur mit einem Hemd und einem Unterrock bekleidet, die bestrumpften Füße staken in schmutzigen Schuhen. Wahrscheinlich war sie gerade aus dem Bett gekommen und hatte für die unsaubere Arbeit, die ihrer wartete, nur die notdürftigste Toilette gemacht. Der enge, zerknitterte Rock hatte vorn und hinten die Form seines Inhaltes angenommen, als hätte ein Bildhauer seine Skulptur in ein Tuch eingeschlagen.

Ohne einen Ausruf der Überraschung, ohne ein Wort der Erklärung standen die beiden, die sich nie im Leben gesehen hatten, einander gegenüber, weder Französisch noch sonst eine Sprache wurde gebraucht, von Anfang bis Ende wurde kein Wort gewechselt, alles, was eine intime Bekanntschaft voraussetzte, war da. Auf der Stelle gerieten sie miteinander in ein neugieriges Handgemenge, das für einen Beobachter wie ein kannibalischer Überfall aussehen mochte. Ein Menschenfresser schien sich an seiner Beute die beste Stelle auszusuchen, kostete die Arme entlang bis an die Achselhöhle, und begrub sein Gesicht in Haar, Nacken und Rock. Das Haar hatte einen brenzligen Geruch wie Wald, Feuer, Sonnenschein und Gewitter, Moor und Gras. Sie strömte einen lebensvollen Duft von Blut und Milch aus, wie junge Kühe, der sich mit dem scharfen Geruch von Seife, Chlorkalk und Ammoniak vermischte. Nie hatte ein Menschenkind süßer gerochen! In weniger als einer Sekunde waren seine Hände über sie hingegangen, ihre Haut war kühl und ein wenig rauh, als striche man über feines Sandpapier. Sie war unfaßbar weiblich! Das Opfer setzte sich zur Wehr, es war ja in einer unvorteilhaften Toilette überrascht worden, welche Schande! Sie war stark, aber ein Nichts in seinen Händen. Sie wehrte sich, wurde aber wieder und wieder überwältigt, es konnte offenbar nicht oft genug geschehen. Mit geschlossenen Augen warf sie sich nach hinten, als könne sie den Anblick seines ruchlosen Benehmens nicht ertragen, im Grunde aber schien es ihr doch zu behagen, denn sie lachte, ein unnatürliches, kampfbereites Lachen, gespielte Empörung, aber kein hartes Gelächter. Eine Katastrophe, Wirbelwind oder Orkan war über sie gekommen, eine Macht, die sie gierig küßte, erst von rechts, dann von links und in den Himmel trug.

Sie wurden sich einig. Erstaunt, glückselig, die nasse, von Seifenwasser geschwollene Mädchenhand in der seinen, folgte sie ihm in eine Toilette, und dort schützten sie sich vor Störung, indem sie den Riegel vorschoben.

Verlassen standen draußen Wassereimer, Scheuertuch und Schrubberbürste, an der Wand lehnte ein Besen, Symbole der Reinlichkeit und Häuslichkeit, zu einem Stilleben vereinigt.

Der Morseapparat hatte inzwischen sein nervöses hinkendes Tippen beendet, der Bericht, von Station zu Station, war fertig, die Lokomotive hatte genügend Wasser geschluckt und war mit einem Stoß, der durch alle Wagen ging, wieder angekoppelt worden, der Stationsvorsteher stand mit der Uhr in der Hand … Abfahrt!

Das Abfahrtszeichen! Der Zug!

Mit langen Sätzen kam der Reisende der dritten Klasse in seinem Gummimantel über den Bahnsteig und sprang in sein Abteil, während der Schaffner mit verdrießlicher Miene den Türdrücker schon in der Hand hielt. Die Tür wurde zugeknallt, und der Zug setzte sich in Bewegung. Er sank in seine Ecke, konnte den Kopf kaum aufrechthalten. Mein Gott, er war ja betrunken, sinnlos betrunken nach ein paar Gläsern Kognak! Der Alkohol, den er vorhin in seiner verkommenen, ausgehungerten Verfassung hinuntergegossen hatte, war ihm zu Kopf gestiegen. Betrunken, übernächtig, mit wackelndem Kopf, in seinem Gummimantel in der Ecke zusammengekauert, setzte er die Reise nach Paris fort.

Dies war das Erlebnis, das den alten Arzt in seiner Sterbestunde beschäftigte und alle anderen Erinnerungen verdrängte, nachdem es fast ein ganzes Leben lang verschüttet und vergessen gewesen war; ein Stück elementare Natur, viel zu unbedeutend, um erwähnt zu werden.

Das Leben, das Dr. Renault geführt hatte, war wie das der meisten Menschen verlaufen, positiv und in jeder Beziehung normal und korrekt. Nicht dieses Leben aber drängte sich im letzten Augenblick seiner Erinnerung auf, das war vollbracht, ohne Rest für die Phantasie. Er war verheiratet gewesen und hatte Kinder in die Welt gesetzt, war dem Leben nichts schuldig geblieben. Es gibt aber einen Wertmesser, der ungelebtes Leben mit unerbittlicher und unentrinnbarer Gewalt in den Vordergrund drängt: Scheidewege, an denen man blind vorübergegangen ist, schattenhafte Dinge, die später eine Existenz fordern.

Zwei Seelen hatten in ihm gewohnt, wie in vielen Menschen. Die eine verlangte nach einem geordneten Leben, einer großen Arbeit, die zur Vollendung strebte; die andere verlangte nach einem freien, schrankenlosen Naturdasein, Reisen, Entdeckungen, Meeren, Völkern – Wandertrieb, so alt und unausrottbar wie die Menschheit selbst. Er hatte den ersten Weg gewählt und würde ihn wieder wählen, falls er sein Leben von neuem beginnen könnte. Es war Arbeit gewesen; wenn er zurückblickte, schienen all die vielen Arbeitsjahre zu einem einzigen Arbeitstag zu werden. Er hatte das Leben gut gelebt und brauchte nichts zu bereuen. Als Arzt hatte er jedes Jahr eine Kongreßreise nach einer der verschiedenen Hauptstädte gemacht, wo er andere Ärzte kennen lernte. Zwar war es seine Absicht gewesen – ein stiller Traum, der zum besten Zimmerholz in ihm gehörte –, auf Reisen zu gehen und die Welt zu sehen, wenn er seinen Abschied als Chefarzt genommen hatte. Und nun sollte er darum betrogen werden!

Daß es einem nicht einmal vergönnt war, sich in den fünf Weltteilen des Erdballs, zu dem man gehörte, umzusehen! Karriere! Auch erfolgreiche Arbeit ist nur ein elendes Surrogat, falls sie das kurze Dasein verschlingt, ohne das zu geben, wozu Arbeit da ist: Leben zu vollbringen.

Wie kläglich, daß er damals hinter dem Zug hergelaufen war, nur weil er eine Fahrkarte gelöst hatte! Schon damals hatten Schienen in ihm gelegen! Noch kläglicher aber war die Angst um sein Gepäck, das im Abteil lag. Als ob sein Leben davon abhinge! Ja, ja, Gepäck tritt häufig an Stelle des Menschen. Und was für Gepäck in seinem Fall! Eine Handtasche mit den notdürftigsten Kleidungsstücken, einigen Büchern, einem Rasiermesser und einer Pfeife! Von seiner Pfeife hatte er sich nicht trennen können, das war es, noch heute hing er an ihr. Und seine Papiere! Es wäre ja eine Katastrophe gewesen, wenn er sie verloren hätte! Ach, wäre es doch nur geschehen!

Unterlassungssünden brennen wie Feuer. In dieser Qual befand sich der alte Arzt in seiner letzten Stunde, bis das Bewußtsein ihn schließlich verließ, ein Augenblick, der sich selbst auslöschte.

III

Ohne Übergang, wie er gestorben, jenseits aller menschlichen Kontrolle, erwachte Dr. Renault wieder. Ja, er erwachte wieder.

Es dauerte eine Weile, bevor er sich darüber klar war, daß er lebte und daß er es auch wirklich selbst war. Und da er nicht bezweifeln konnte, daß er das Zeitliche gesegnet hatte, so gab es nur eine Erklärung: Er war in ein anderes Dasein hinübergetreten. Hm.

Er blickte sich um, bewegte vorsichtig die Augen, ohne sich zu rühren. Er befand sich in einem roten, spärlich erleuchteten Raum scheinbar ohne Wände oder Grenzen. Sonst war sein Zimmer von der grünen Dämmerung der Nachtlampe erfüllt, hier aber war es so rot wie in einer Dunkelkammer. Auch sehr warm war es.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür an derselben Stelle wie in seinem Krankenzimmer, und er sah geradewegs in einen glühenden Ofen!

Dieser Anblick kam Dr. Renault doch ein wenig überraschend! Die Erkenntnis aber ließ nicht lange auf sich warten. Diesen Weg mußte er also gehen! Durfte er eigentlich etwas anderes erwarten, wenn es überhaupt so etwas gab? Die Ohren aber wurden ihm heiß.

Die Glut in der offenen Tür war so blendend, daß man den Eindruck eines unendlichen Raumes erhielt, einer Dimension jenseits aller menschlichen Vorstellung, und dennoch ganz deutlich. Dr. Renault schwebte etwas von der Ungewißheit der Überzeugung vor, die man zum Beispiel im Traum hat, wenn man fliegt und sich gleichzeitig darüber wundert, daß man diese Fähigkeit im wachen Zustand nicht besitzt. Von beidem aber war man fest überzeugt, Überzeugung ist absolut. Wo aber liegt die Wahrheit?

Dr. Renault, der die Gewohnheit hatte, allen Dingen auf den Grund zu gehen, war in seinen Betrachtungen bis hierher gekommen, als sich eine Gestalt aus der weißen Glut löste, und ein Mensch, von Flammen umzüngelt, sich seinem Bett näherte. Es war ein Mann unbestimmbaren Alters und von gewöhnlichem Äußern. Er ging ein wenig gebeugt, den Kopf eingezogen, so daß er auf den schmalen, abfallenden Schultern lag. Ein langer Mantel reichte ihm bis an die Fersen. Als der Mann sich höflich näherte, sah Dr. Renault, daß der graue, aschfarbene Mantel von klaren, blitzenden Fäden durchzogen war. In Wirklichkeit war es Marienglas. Der Stoff des Mantels ähnelte der alten Seide, die man Taft nennt, und der ganze Mantel war altmodisch im Schnitt, ohne Rockaufschlag, und vorn mit einer Reihe von Knöpfen, auch aus Marienglas. Es war die Mode aus Kants Zeit, vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Der Mann blieb vor dem Bett stehen, grüßte ein wenig linkisch und stellte sich vor:

»Asbest ist mein Name.«

Sogar das Gesicht war aschgrau, die Augen aber waren dunkel, merkwürdig lebendig und traten stark hervor, man sah fast den ganzen Augapfel. Der Blick hatte etwas Magisches, Selbstleuchtendes. Die Züge waren plump, das Untergesicht war groß und im Profil stark hervortretend.

»Gestatten Sie, daß ich ohne Umschweife zur Sache komme?« begann der Mann mit angenehmer, gedämpfter Stimme, die im Verhältnis zu seiner Statur überraschend tief und voll klang. »Ich möchte mir erlauben, Ihnen ein vorteilhaftes Geschäft vorzuschlagen.«

Und bevor Dr. Renault noch Zeit gehabt hatte zu antworten, räusperte er sich und fuhr fort:

»Ich weiß, Ihr heißester Wunsch ist in diesem Augenblick, in das Leben zurückzukehren, das Sie soeben verlassen haben. Die meisten hegen diesen Wunsch. Im allgemeinen bin ich nicht imstande, ihn zu erfüllen, in Ihrem Fall aber kann ich eine Ausnahme machen. Ich möchte einen Handel mit Ihnen abschließen, indem ich davon ausgehe, daß der eine Teil etwas besitzt, das der andere erwerben möchte, und umgekehrt …«

»Wollen Sie mir vielleicht meinen Schatten abkaufen?« fragte Dr. Renault bedeutungsvoll und richtete sich kampfbereit auf.

»Von Ihrem geehrten Schatten ist hier nicht die Rede«, antwortete Herr Asbest kurz und abweisend. »Auf das, was ich zu erhandeln wünsche, werde ich später zurückkommen. Vorerst möchte ich nur feststellen, ob Sie Wert darauf legen, ins Leben zurückzukehren, ob Sie es von neuem beginnen möchten. Unter Umständen kann ich Ihnen dazu verhelfen.«

»Kann ich wirklich ins Leben zurückkehren?«

»Ja. Falls Sie auf meine Bedingungen eingehen, steht es in meiner Macht, Sie ins Leben zurückzuführen, an den Ausgangspunkt, den Sie selbst bestimmen.«

»Was verlangen Sie dafür?« fragte Dr. Renault trocken.

»Daß Sie mir gehören, wenn das zweite Leben, das ich Ihnen vertragsmäßig liefere, zu Ende ist.«

»Gehöre ich Ihnen denn nicht schon?« fragte Dr. Renault und sah sich in dem heißen Raum um.

»Noch nicht«, erwiderte Herr Asbest. »Vorläufig befinden Sie sich im Fegefeuer, wahrscheinlich auf Grund irgendeines Vergehens, das Sie im Leben nicht gesühnt haben. Ich kann Sie nur solange behalten, wie die Strafe dauert. Falls Sie mein Angebot aber annehmen, dann gehören Sie mir ganz, wenn Ihr zweites Leben zu Ende ist.«

»Was meinen Sie damit, daß ich Ihnen gehöre?«

»Die Art der Abhängigkeit bestimme ich.«

Dr. Renault meinte die Abhängigkeit bereits zu spüren. Er atmete hörbar durch die Nase, und durch seine Stimme klang etwas wie eine Säge, obgleich er sehr höflich bemerkte:

»Ich bedaure, ich kann nicht auf Bedingungen eingehen, deren Tragweite mir nicht bekannt ist. Falls Sie mich nicht verstehen wollen, Herr Asbest, dann möchte ich Sie bitten, mitsamt Ihrem Probenkasten zu verschwinden.«

Er heftete seinen Blick auf eine Tasche oder einen altmodischen Ranzen, ein Felleisen, das Herr Asbest auf der Hüfte trug.

Herrn Asbests Unterkiefer schien noch größer zu werden, undurchdringliche Härte, unerhörter Egoismus malte sich auf seinen Zügen, gerade weil er sie so ausdruckslos wie möglich zu machen versuchte. Seine Stimme klang einen Grad schärfer, als er mit ausgesuchter Höflichkeit bemerkte:

»Es freut mich, mit einem Mann zu verhandeln, der klipp und klar Bescheid verlangt. Und weshalb sollte ich vor einem Mann ihrer Intelligenz verbergen, was ich unter Abhängigkeit verstehe? Wer weiß nicht, was Dienen ist? Ich gebe zu, der Handel ist besonderer Art. Kurz und gut, ich möchte die Persönlichkeit mit Ihnen vertauschen. Ich übernehme Ihre Individualität. Sie die meine …«

»Eine größere Ehre kann ich mir nicht vorstellen!« rief Dr. Renault mit überströmender Höflichkeit und versuchte eine Verbeugung im Bett.

»Ehre ganz auf meiner Seite«, beeilte sich Herr Asbest zu versichern, indem er sich ehrfurchtsvoll verneigte. Sie verbeugten sich mehrmals voreinander, während ihnen der Kamm schwoll.

In der Verhandlung war eine Pause eingetreten. Dr. Renault räusperte sich leise, während er überlegte. Herr Asbest stand kerzengerade vor ihm, die großen Kiefer fest aufeinander gepreßt.

»Die Tragweite meiner Verpflichtungen ist mir nun klar«, begann Dr. Renault schließlich. »Gestatten Sie mir nur noch eine Frage. Indem ich mich einer ähnlichen Situation erinnere, die Ihnen sicher auch nicht unbekannt ist, möchte ich folgendes wissen: Enthält der Vertrag nicht eine Bestimmung, derzufolge unsere Vereinbarung hinfällig wird, auch wenn Sie Ihre Verpflichtungen erfüllt haben?«

»Allerdings, diese Möglichkeit besteht«, erwiderte Herr Asbest. »Falls Sie, wenn Ihr zweites Leben zu Ende ist, sich noch ein drittes Leben wünschen, ehrlich und aufrichtig, dann gehe ich meiner Forderung an Sie verlustig. Andernfalls gehören Sie mir.«

Dr. Renault überlegte. Hier galt es Schwierigkeiten zu durchdringen, auch Dinge der Zukunft, von denen man heute noch nichts wissen konnte. Schließlich aber sagte er ganz impulsiv:

»Kann ich sogleich beginnen?«

»In welchem Alter wollen Sie ins Leben zurückversetzt werden? Wollen Sie in der Wiege beginnen?«

Dr. Renault warf Herrn Asbest einen hastigen Blick zu. Machte er sich über ihn lustig? Der andere schien den Blick nicht zu bemerken.

»Oder als junger Mann?«

Dr. Renault überlegte nicht lange.

»Nein, danke«, sagte er trocken, indem er den Mund verzog.

»Die meisten scheinen das Alter vorzuziehen, in dem sie sich gerade befinden, meinte Herr Asbest. Sie wollen also am liebsten wie Sie sind, mit Ihren Erfahrungen und Ihrer Reife ins Leben zurückkehren? Wie viele Jahre wünschen Sie noch? Etwa zwanzig?«

Dr. Renault überlegte gründlich. Abgesehen von der akuten Krankheit, an der er gestorben war, hatte er sich einer vorzüglichen Gesundheit erfreut, und eigentlich auf keine Weise das Alter gespürt. Nur an anderen hatte er gewisse Beobachtungen gemacht.

»Geben Sie mir elf Jahre«, entschied er.

»Gut. Ich gebe Ihnen elf Jahre und garantiere Ihnen in diesem Zeitraum das Herz eines Jünglings …«

»Machen Sie keine Redensarten«, sagte Dr. Renault warnend. »Die Jahre nehme ich dankbar an, wünsche aber auf natürliche Weise zu altern. Ein Leben außerhalb der Norm hat keinen Reiz für mich.«

»Ich hatte es gut mit Ihnen gemeint«, sagte Herr Asbest kühl, als finge der Handel an, ihm langweilig zu werden. »Ihre Lebensfähigkeit und Gesundheit können Sie als Arzt ja selbst am besten beurteilen«, fügte er hinzu, mit einem kaum merklichen, sardonischen Lächeln. Darauf öffnete er die Klappe seines Ranzens, nahm ein Dokument heraus, altes, bläuliches Protokollpapier mit Wasserstreifen, und legte es vor Dr. Renault hin.

»Bekomme ich elf Jahre nicht billiger als ein ganzes Leben?« fragte dieser und blickte Herrn Asbest starr an.

»Es gibt nur einen Preis«, antwortete Herr Asbest, und entblößte zum erstenmal eine Reihe sehr großer Zähne, eine wahre Knochenmühle in seinem vorgeschobenen Mund.

»Aber,« fügte er großmütig hinzu, »in Anbetracht dessen, daß Ihre Forderung relativ bescheiden ist, will ich noch eine Zugabe machen.«

Damit zog er einen Lederbeutel aus dem Ranzen und gab ihn Dr. Renault. Es war eine alte einfache Geldbörse aus grünem Leder, wahrscheinlich aus Korduan, ein rundes Stück Leder ohne Naht, zusammengefaltet zu einem flachen Stern, den man bequem in der Tasche tragen konnte. Man öffnete sie, indem man den Stern auseinanderfaltete. Sie erinnerte Dr. Renault an ein Ventrikel, ein Magentier.

»Fortunats Börse wird sie genannt«, erklärte Herr Asbest. »Immer, wenn Sie sie öffnen, können Sie ihr ein Pfund entnehmen, eine unbeschränkte Anzahl. Früher gab sie Dukaten, ich habe sie aber auf Pfund umgestellt, mit Pfund kann man heutzutage überall durchkommen.«