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"Mythen und Jagden" ist ein 1907 erschienenes Werk des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet "Myter og Jagter". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2021
Es war Frühling, ich lag auf dem Rücken und schlief in den lichten, hellhörigen Morgen hinein. Einmal öffnete ich die Augen ohne zu erwachen und sah blendende Goldflammen zwischen den grünen und stillen Welten der Bäume vorm Fenster.
Während ich schlief und die Stille mein Haupt wie ein Wasser überrieselte, war ich meiner selbst soweit bewußt, daß ich ein tiefes Behagen fühlte, mein Herz strömte über von Traumglück, so daß es mich fast weckte. Schlafend war es mir gegenwärtig, daß Frühling war! Es wimmelte in meinem Kopf, es war, als ob flutende, blinde Kräfte mich zwingen wollten, mich zu rühren, zu springen, zu fliegen, und doch war ich gefesselt wie für ewige Zeiten.
Da merkte ich, wie etwas schwieg, etwas unendlich Feines und Zartes, etwas was nicht mehr war, was ich nicht mehr hörte. Langsam wurde es mir klar, daß meine Taschenuhr auf dem Tisch neben mir stehen geblieben war.
... Und lange, lange nachher tönte es mir im Schlaf wie ein feiner, klingender Nachhall im Ohr: Die alte Uhr ist tot! Und ich sah die hohe, gemalte Wanduhr meines Großvaters wieder vor mir, die meine früheste Kindheit in Ewigkeiten und Ewigkeiten eingeteilt hatte – vor langer Zeit. Mir war, als sähe ich die alte Uhr und meinen Großvater gleichzeitig vor mir, als seien sie ein und dasselbe Wesen geworden. Und während ich die übernatürliche und doch vertraute Gestalt sah, war ich mir selbst ebenso fern wie damals, als ich mich als zwei- oder dreijähriges Kind ganz tief drunten auf dem Fußboden bewegte und hoch oben Großvaters mildes Gesicht sah, das dieselben weisen und unergründlich liebevollen Züge hatte, wie die alte Uhr.
Die alte Uhr. Sie stand mit einem ausgelöschten Gesicht im Schatten, und gab die Zeit mit niedergeschlagenen Augen an. Der Perpendikel ging wie ein seltsam dünnes Bein hin und her; er trat so vorsichtig und mit einer Gebrechlichkeit auf, die ihm zur Ehre gereichte. Die Zeiger schienen etwas ausdrucksvoll Mahnendes sagen zu wollen, bald weitgespreizt und bald zusammengeklemmt, sie warnten, wieder und immer wieder, aber sie wurden nie verstanden. Es war eine sehr alte und sehr gründliche Uhr. Ich sehe das große schlafende Gesicht noch vor mir, das wie ein Gespenst in der Ecke stand, und ich höre, wie die Zähne im Innern die Sekunden zerbeißen: Ach! Und dann wieder: Ach!
Die alte Uhr ist tot. Das Bein hängt lang und ausgezehrt in der Mitte des Kastens hinter der schmalen Glasscheibe. Die Zeiger stehen in einem Winkel zueinander, der endlich, endlich der letzte geworden ist; aber was sie sagen, haben sie schon häufig genug gesagt, und niemand hat sie verstanden. Die alte Uhr starb heute morgen kurz nach fünf, flüstert mir jemand ins Ohr.
Und indem ich von einer anderen Woge auf dem singenden Meer des Schlafes gewiegt werde, muß ich im Traum lachen, mein Herz hüpft, indem es vor Glück und stürmischem Schmerz überquillt.
Es war in Krefeld, an einem Winterabend, als ich sie zum erstenmal sah. Mir ist, als ob ich mich eines Tieres erinnere, so sanft und leidend war sie, so verkommen und so unendlich gut. Sie hieß Kate.
Der Winter am Rhein ist nicht einmal winterlich – weder Schnee noch Sturm noch Eisgang auf dem Fluß – jede Wetterveränderung scheint bis auf weiteres verschoben zu sein, Sonne und Wind haben das flache Binnenland verlassen. Der Fluß wandert glanzlos dahin, er schreitet mit grauen Wogen wie ein endloser Zug von Auswanderern. Drüben auf dem Fluß biegt die Fähre dem Strom aus, und am Ufer wird das Kabel lebendig, es strammt sich und taucht zitternd ins Wasser, es bebt wie ein Nerv. Eine halbe Meile weiter fort gähnt eine Bogenbrücke in dem nebligen Tiefland, wie eine ungeheure Spannraupe. Und rings umher in der winterroten Luft erhebt sich Schornstein neben Schornstein, eine ganze Wildnis von Schornsteinen, aus denen der Rauch still blutet. In weiter, weiter Ferne steigt eine meilenhohe Pinie von Rauch in die Höhe, dort liegen die Kanonengießereien von Essen.
Ein rasselnder Bummelzug brachte mich nach Krefeld, als alle Dampfpfeifen gerade Feierabend verkündeten und die Fabrikarbeiter zu Tausenden von den Werkstätten ausgespien wurden. Die Straßen in Krefeld lagen in kaltem, lehmigem Schmutz da. Die Laternen waren schon angezündet worden, leuchteten aber noch nicht. Als ich später am Abend durch die trübselige Stadt wanderte, sah ich zwei blauweiße Bogenlampen über einem Tor und eine grüne Feuerschrift: Varietee. Dort ging ich hinein.
Abgesehen von den deutschen Unentbehrlichkeiten, dem dummen August und dem dicken Mann, der nicht singen kann, war die Vorstellung von ganz internationalem Charakter. Eine französische Sängerin trat auf, zwei amerikanische knock-abouts, ein russischer Athlet usw. Und den müden Fabriksklaven im Zuschauerraum tat das Dargebotene wohl, ihre groben Gesichter leuchteten auf. Sie hatten ihren Tag zwischen den Krallen der Maschinen verbracht, sie kamen von draußen, aus diesem elenden Land, das sogar von dem klassischen Winter, vom Schnee, von den Weihnachtsrosen und vom Jesuskind verlassen ist; jedes dieser ehrbaren Trampeltiere trug den Stempel eines klitschigen Sozialismus und der allerbilligsten, störrischen Gottesverleugnung auf dem Gesicht … der Kampf ums Leben, ohne neuen Glauben! Wie waren diese Gehirne öde, wie drängte es diese armen Münder sich auszuklagen! Welche erdrückende Seelennot! Ein großes, gähnendes Loch – nie war mir die Welt so verlassen vorgekommen!
Im Laufe des Abends trat Kate auf. Eigentlich war sie nur eine Nebenfigur im Ensemble, sie assistierte einem musikalischen Clown. Er hatte großen Beifall seiner fürchterlichen Magerkeit, der enormen Länge seiner Füße und seiner Häßlichkeit wegen; er war heiser wie ein Sterbender. Kate tanzte, sie trug einen blauseidenen Trikot, ihre runden Beine zitterten vor Kälte … und vor Angst. Ihre Arme zeigten blaue Flecke von den Schlägen, die sie hinter den Kulissen bekommen hatte. Sie gehörte zu der Sorte hübscher Kinder, mit denen herumgestoßen worden ist und die sich von klein auf gegrämt haben. Man konnte sehen, daß Kate schon ein paarmal geboren hatte, die Mutterfreude aber war ihr versagt worden. Und doch lächelte sie süß und mädchenhaft; es lag eine Glorie um ihre Person. Wie sie dort nach der Musik des rohen Knochenmannes tanzte, war sie wie eine Offenbarung des einzig Reinen und Zarten in dieser Welt.
Der Clown stieg von seinem Bock herab, auf dem er wie ein Affe gesessen und gespielt hatte, beide Beine um den Hals geschlungen, während Kate tanzte. Er bewaffnete sich mit einem neuen Instrument, einer Art Laute, die nur eine Saite hatte. Und nun folgte jenes Duett, das ich nie habe vergessen können. Kate stand ganz unbeweglich auf den Zehen und sang. Es war eine kleine, altmodische englische Weise, und sie trug sie mit schmerzlicher Schelmerei vor. Und während sie sang, stelzte das Knochengerüst mit seiner gebrochenen Laute um sie herum, die Saite gab hin und wieder einen knarrenden Laut von sich, als ob mit dem Knöchel gegen einen Sarg geschlagen würde, und der Knochenmann brachte einen Refrain hervor, ein breites, sprödes Meckern – Mma!
Kates zartes, schwärmerisches Lied und dieses Mma, das so ergreifend musikalisch und so boshaft war, hatten eine merkwürdig starke Wirkung.
Mma!
Die Zuschauer saßen stumm dabei, doch als der seltsame Zwiegesang dort oben verklungen war, da hatten alle diese schweigenden Lippen geklagt! Ich sah, wie sie seufzten, so daß ihre Schultern sich hoben, ich sah ihren Augen an, daß ein Schmerz heilend durch ihr Gemüt gezogen war.
In London, einige Monate später, sah ich Kate zum zweitenmal. Es war noch derselbe Winter, in London aber vergaß ich ihn, weil ich dort alles vergaß.
Ich wohnte in der Stamford Street. Die Zimmer des Erdgeschosses waren an alleinwohnende Frauenzimmer vermietet; wenn ich des Abends nach Hause kam – es war immer Regenwetter und die Straßen waren schmutzig – erkannte ich meine Mitbewohner, sie standen durchnäßt und verzweifelt auf der Straße. Sie winkten matt durch die Dunkelheit, und bisweilen hörte ich sie unter ihrem Schal weinen, trocken und gequält wie Kinder, die sich verirrt haben.
Mein Zimmer lag nach einem Zimmerplatz hinaus, und dort wachte jede Nacht ein großer, schwarzer Hofhund. Er drohte und knurrte getreulich die ganze Nacht. Wenn ich vom Fenster auf ihn heruntersah, pflegte er gewöhnlich breitbeinig, mit gesträubten Haaren vor dem Tor zu stehen. Der Laut von Stiefelsohlen gegen die Fliesen draußen in später Nacht, ließ ihn auf eine boshafte Weise verstummen. Er war wie eine Verdichtung von Nacht und Schlaflosigkeit. Er stand stundenlang wie eine schwarze und gefährliche Sprengkraft dort unten. Wieviel Bosheit und Qual lag in diesem Wachen eines wilden Hundes! Ich warf in der Stille der Nacht, wenn er knurrte, Holzscheite auf ihn herab, und während die Stadt London im Schlaf murmelte,hörte ich, wie der Hund still wurde, während er die Holzstücke mit seinen geifernden Zähnen zersplitterte.
Vor allem erinnere ich mich der Dunkelheit, die damals in London herrschte. Nur ein einziges Mal sah ich die Stadt in hellem Licht, und da glich sie einer Stadt, die unter Wasser gestanden hat; die Häuser waren schwarz von Schlamm und streifig wie nach einer jahrelangen Überschwemmung.
Wenn ich die Treppe hinunterging, stand bisweilen die Tür zu einem Zimmer im zweiten Stockwerk offen, und dort sah ich einen alten Mann im Bett liegen. Ich bildete mir ein, daß es ein alter Seemann sei, der sich dort für seine letzten Mittel eingemietet hatte. Er lag immer sauber und kraftlos mit seinem grauen Kopf auf dem Kissen; die Hände, auf denen Anker und Buchstaben tätowiert waren, hielt er dankbar vor sich auf der Decke gefaltet. Mit jedem neuen Tag sah ich, wie er geborgen war, wie schlau und behaglich er sich dort zum Sterben gelegt hatte.
Jeden Abend aber, jeden Abend, wenn ich nach Hause kam und den Schlüssel in meiner Tasche suchte, hörte ich ein leises Pfeifen durch das Schlüsselloch in meiner Tür, einen deutlich vernehmbaren Windzug von der Leere drinnen im Zimmer.
Ich lauschte. Wie undeutlich und bang es klang. Diese Tür sollte ich allein öffnen, in diesem entsetzlichen Zimmer lauerte eine Einsamkeit, zu der ich allein den Schlüssel hatte.
Alles dies ist zu einer Mythe in meiner Erinnerung geworden – der Hund und der Seemann, der Knochenmann und Kate. Denn ich sollte sie wiedersehen. Eines Abends kam ich zufällig in ein Varietee, wo sie und der Knochenmann auftraten. Sie hatten sich nicht im geringsten verändert und gaben genau dieselbe Nummer zum besten wie an jenem Abend in Krefeld.
Als ich jetzt aber den Zwiegesang wieder hörte, Kates kleines schmerzlich schelmisches Lied und den tiefen, musikalischen Rabengesang des spindeldürren Affen, da war es mir, als hörte ich ein Duett vom Leben und vom Tode. Ach ja, Kate, das zarte, mißhandelte Weib, das lächelt und singt, so daß alles zart und gülden wird – und dann dieser Satan mit seinem geschminkten Totenkopf, der musikalisch ist, der Talent hat, der Mann, der sein ganzes Leben hindurch schlägt und zertrümmert und zugrunde richtet! Ja, Kates zarte Stimme rief jede Sehnsucht wach, und der spröde Baß mahnte grinsend, indem er um sie herumtanzte … Mma!
Eines Tages, als ich die Treppe hinunterging, stand die Tür zu der Stube des Seemanns wieder offen. Das Laken war ihm sorgfältig übers Gesicht gezogen, man konnte seine Kopfform erkennen. Er war tot. Mit ihm starb das Bewußtsein von so und so vielen Segelfahrten um das Kap der guten Hoffnung. Mit ihm erloschen die Erinnerungen an diesen und jenen Sturm im Meerbusen von Biscaya, an die Kreidefelsen bei Dover, an volle Fregattensegel vor der südamerikanischen Küste, an schwere Zeiten und an leichtsinnige Zeiten. Mit ihm starb das Andenken an einen Ring von Menschen, treulosen Leuten und lustigen Leuten, an die unbarmherzigen Mädchen der Hafenstädte, an weiße Freundinnen und kanelbraune Weiber in Batavia.
Mma! Mma!
In der Jugend ist man einsam. Ach, es gab ein schlankes Spinnenmännchen, das meinte, es sei das einzige in der Welt. Er war ein Jüngling wie alle anderen Spinnen, mit gutem Appetit und gesund in jeder Beziehung; er hätte sich in dem ersten besten daunigen und starken Spinnenmännchen widerspiegeln können, das in seinem nagelneuen Gespinst saß und betaute Fliegen verzehrte. Aber unser Spinnenmännchen meinte nun, daß eine Vorsehung gerade ihn zwischen allen Spinnen der Welt erwählt und ihn so groß und einsam gemacht hätte. Das war schön, aber auch schwer. Ach, es war süß, aber niederdrückend, so gottbegnadet zu sein, ohne zu wissen woher, weshalb oder wohin, das machte einen so edel und wehmutsvoll.
Man muß es aus sich herausspinnen! Sonst kommt eine Zeit, wo man zu eingesponnen wird. Auch die Stunde unseres Spinnenmännchens schlug. Er hatte sich durch seine erste Jugend gesommert und viel gelitten, die Sonne hatte nicht für ihn geschienen; jetzt neigte das Jahr sich dem Herbst zu, alle Dinge reiften …
Es war in den schönen, klaren Septembertagen, als das Spinnenmännchen sich aufwärts schwang. Er konnte nicht mehr auf der Erde bleiben; er bestieg erst einen Grashalm und dann einen anderen und sah sich von dessen höchster Spitze mit solch fiebernder Sehnsucht um, daß er die weite Welt zum Beben brachte. Er stürzte sich von einem Halm aus recht beträchtlicher Höhe herab, um zu sterben, hatte sich aber vorher, ohne es selbst recht zu wissen, durch einen Faden festgebunden, so daß er nicht umkam, sondern glühend von Dankbarkeit, Scham und Gesundheit wieder nach oben kroch. Schließlich kehrte er der Bodenerhöhung, wo er geboren und die seine Heimat war, den Rücken, einem kleinen Wiesenstück mit bescheidenem Grasboden, in dem ein alter Regenwurm hauste, der blind dem Leben zweier Laufmilben gegenüberstand, die trotz Purpur in Nahrungssorgen waren; wo ein einsamer Löwenzahn prangte, stets in zartem Zwiegespräch mit der Sonne, der er ähnelte, und wo eine kleine Familie von Hundsgras sich zu einer gewaltigen Höhe emporgeschwungen hatte, ohne indessen etwas zu tragen – das Spinnenmännchen nahm Abstand von dieser Bodenerhöhung und wanderte aus. Endlich kam er zu einem großen Baum, den er bestieg.
Und das war eine lange Geschichte. Er wanderte Tage und Nächte, immer aufwärts, er stieg und stieg, höher, höher, er mußte hinauf, obgleich er sich so schwer in den Gliedern fühlte. Es kamen auch verhältnismäßig ruhigere Zeiten, wenn er längs eines Astes wanderte, der nicht so steil war, sondern in sanfter Schrägung aufwärts führte, bis er dann wieder zu einem Zweig kam, an dem er lotrecht in den schwindelnden Raum hinaufsteigen mußte. Man beachte, daß das Spinnenmännchen sich noch nicht ein einziges Mal umgesehen und zurückgeblickt hatte; das tut man nicht bei Bergbesteigungen; man versagt sich mit großer Willensstärke jeglichen Rückblick, bis man den Gipfel erreicht hat. Das tat unser Spinnenmännchen auch, aber erfühlte, daß er unendlich hoch oben sei, ihm war so schwindlig und wild zumute, und es sauste in seiner Brust. Endlich erreichte er ein Blatt, das höchste, das letzte …
Und sah sich um.
Wie war die Welt unendlich tief und schön! Das kleine Spinnenmännchen hing mittendrin, als sei er selbst der verwunderte Mittelpunkt der Welt, vom Sonnenschein geblendet, von dem freien Raum berauscht, und als sich nun eine wilde Sehnsucht wie ein loderndes Feuer seiner bemächtigte, ein Verlangen nach dem Raum selbst, nach der Sonne, nach dem Unsagbaren, da geschah es, daß er sich in die Lüfte erhob. In seiner tiefen Not, in dem Drang, seinem Wesen Ausdruck zu verleihen, spann er nämlich einen Faden und klammerte sich an den äußersten Rand des Blattes, auf dem er saß. Er goß ein langes, feines Gewebe durch die Luft, der Sonne entgegen, eine Fangleine nach der Unendlichkeit – man konnte sie in der klaren Septemberluft wie eine unendlich feine, schwebende Silberfiber unterscheiden, wie einen winzigkleinen Silberblitz in der blauen Luft –, und da das Spinnenmännchen immer weiterspann, so daß der Faden von der Brise weit durch die Luft getragen wurde und leicht und dünn im Äther schwebte, kam natürlich der Augenblick, in dem das Gewebe stärker wurde als das Spinnenmännchen, oder man kann es auch so ausdrücken, daß die Art, wie er seine Lebenssehnsucht auszudrücken gezwungen war, ihn überwältigte, und bevor es ihm selbst zum Bewußtsein gekommen war, hatte er in seliger Schöpferlaune den sicheren Boden mit allen vier Paar Beinen losgelassen und war durch sein eigenes lockendes Gespinst in den Raum hinausgezogen worden.
Die Spinne war zum fliegenden Sommer geworden.
Wie war es herrlich. Er zog lange durch die blaue, ätherreine Luft dahin und fühlte sich allein mit der Sonne. Er stieg höher und höher auf den spurlosen Bahnen der Septemberbrise, und das Gewebe, das ihn trug, flog durch die Luft wie ein Sonnenstrahl, der durch das Blau des Himmels schwimmt. Die welkenden Wälder tief drunten sahen aus wie eine Schicht Rost auf der Erdoberfläche, und in weiter Ferne brach sich die Sonne wie in einem klaren, funkelnden Ring; das war wohl das Meer und das Ende der Welt.
Lange, lange flog das Spinnenmännchen so dahin. Die Brise trug ihn wieder näher zur Erde, und er sah viele seltsame Dinge. Wenn das Gewebe nicht mehr recht tragen wollte, goß er nur einen neuen, feinen Faden durch die Luft, der dann von einer anderen Brise gefangen wurde, und damit fuhr er fort, bis er in einem ganzen Schleier von Fäden saß, einem losen, seidenweißen Schleier, der wie ein kleines, sonnenbeschienenes Segel droben in dem klaren Septemberhimmel trieb. Von diesem federleichten Luftschiff im Äther, das weißer war als ein Berggipfel und einen freieren Flug hatte als irgend ein beschwingtes Wesen, wurde das glücklichste Spinnenmännchen getragen.
Wie groß aber war das Erstaunen und das Mißvergnügen des Spinnenmännchens, als er mehr von diesen windgetragenen Luftschiffen rings umher in der Luft entdeckte! Als er so nüchtern geworden war, daß seine Sinne wieder ihre Schuldigkeit taten, sah er erst eines und dann noch eines und dann viele! Jeder Luftzug trug weiße Gewebe, und eines kam ihm so nah, daß er den Passagier darauf erkennen konnte, ein kleines behaartes, dickhäutiges Spinnenmännchen, das ihm auffallend ähnlich sah. Was sollte das heißen? Der ganze Himmel schien ja voll von fliegendem Sommer zu sein! Er war also nicht allein mit der Sonne! Wie armselig. Das bedeutete, daß die ganze übrige Spinnenjugend sich auch auf einen Luftflug begeben hatte. Ein ganz gewöhnliches Wettrennen also, das wahrlich niemanden aus dem Gleichgewicht zu bringen brauchte, da diese lenkbaren Schiffe etwas ganz Alltägliches zu sein schienen. Nichts als Sport, Luftschifferei der vereinigten Spinnen. Ein Wettsegeln natürlich, bei dem es galt, am höchsten zu steigen und die meisten Augenbrauen zu brechen … nein, unsere Spinne bedankte sich!
Er goß keine schwimmenden Sonnenstrahlen mehr in den wogenden Äther, nein, meine Herrschaften, das überließ er anderen. Er hatte genug. Was die Sonne anbelangte, so war er ihr jetzt so nah gewesen, daß er ruhig auf sie verzichten konnte. Und außerdem war seine Sehnsucht nach ihr ein Mißverständnis gewesen, eine falsche Deutung seines inneren Verlangens; denn die Sonne, die trug man ja in seinem eigenen Herzen. Jede höhere Sehnsucht entspringt einem inneren Drang, den man begeistert dem Himmel verehrt, der aber trotzdem unser ureigenstes Eigentum ist … ein innerer Drang …
Oh, und das Spinnenmännchen war außerdem sehr hungrig! Eine kleine Fliege, frisch gefangen, an allen Beinen gefesselt, aber sonst springlebig … wer weiß, wenn man so hoch geflogen wäre, daß man den Himmel erreicht hätte, ob man dann nicht einen Engel in diesem Ballongewebe fangen und sich an höchstdemselben hätte gütlich tun können? Unsinn, aber essen mußte man! Am liebsten eine blaue, ruchlose Schmeißfliege, die starblind genug war, um sich trotz ihrer riesigen Augen in dem Netz zu verfangen, oder einen recht großen Brummer, so daß man den Mund ordentlich voll nehmen konnte … Ach ja!
Das Spinnenmännchen kam auf sehr natürliche Weise auf die Erde herab. Er zog nach und nach sein Gewebe mit den Beinen ein, bis es nicht mehr trug, und dann sank er herab, sank und sank und kam wohlbehalten unten an. Als er noch einige Zoll von der Erde entfernt war, konnte er das letzte Stückchen nicht mehr abwarten, sondern sprang von dem Rest des Netzes herab, warf sich geradeswegs ins Gras und klammerte sich mit allen acht Beinen an die gesegnete Erde, ohne auch nur ein einziges Mal nach oben zu blicken, nach seinem verlassenen Schiff. Er sah überhaupt nie wieder nach oben.
Er war nämlich noch keine zehn Schritte gekrochen, als er zwischen einer abgeblühten Schafgarbe und einem Timotheusgras eines großen, soliden Fangnetzes ansichtig wurde, in dem mehrere Skelette von verschiedenen Insekten hingen, und in dessen Mitte das wunderschönste Spinnenweibchen saß, das seine Augen je geschaut hatten!
Sie wurde sein Schicksal. Sie war so lieblich und so stark, ein Weib durch und durch; sie war so nachgiebig und schlug dabei um sich wie ein Hammer. Außerdem war sie ein großes Fanggenie, das an allem Geschmack fand, worin Saft enthalten war, ob es nun Ameisen waren, so hart, daß man Glas damit schneiden konnte, oder eine Stabheuschrecke, die ihr Leben in Gestalt eines Blitzableiters sicher dahinzuschleppen wähnte; sie fand in allem einen nährenden Tropfen und hängte die Dinger nachher vor ihrer Tür auf. Dazwischen verzehrte sie natürlich gewöhnliche Nahrung, Fliegen, Motten, hin und wieder eine galauniformierte Libelle, oder was sonst an flügellosem Getier, Maden und Kohlraupen in ihr Netz plumpste oder sich auf der Erde überraschen ließ. Frau Spinne hatte eine stillschweigende Art, sich auf die verfressenen Wehrlosen zu stürzen und ihnen den Giftstich zu geben, und sie war, wie gesagt, nicht wählerisch. Das war eine der Eigenschaften, die unser reizendes Spinnenmännchen am meisten entzückte, und ihn zum feurigen Anbeter machte. Sog sie mit Gier eine Kohlraupe aus, so versank er in Bewunderung über diese süße Barbarei, dieses prachtvolle heidnische Renaissancetemperament; machte sie sich mit Behagen daran, ekelhafte Schleimtierchen von den Graswurzeln abzusaugen, die sie vorher mit Ameisensäure befeuchtete, so erschien ihm dies wie höchste Verfeinerung, wie edle, große Kultur!
Frau Spinne war bildschön von Gestalt. Sie hatte eine Taille, so schlank, fast nur wie ein Faden zwischen Ober- und Unterkörper. Das deutete auf eine alte, vornehme Familie. Oh, sie war so zart, daß sie leicht durchbrechen konnte; man mußte sich sehr in acht nehmen, mußte ihr sanftes Wesen schonen (daß sie eine kräftige, kerngesunde Person war, die ihren Korpus mit Hilfe von Stricken und handgreiflicher Kraft zweiteilte, das konnte unser Spinnenmännchen nicht sehen, geblendet wie er noch war von der Sonne und dem weiten Raum). Sie hatte acht taugliche Beine, wie das Pferd Wotans, der Giftmund saß ihr am rechten Fleck, sie spann vorzüglich und war selbst eine Spindel, das Zeichen des Kreuzes trug sie sichtbar auf dem Rücken.
Aber nun kommt das beste. Sie war Mutter. In einer Erdhöhle neben den Wurzeln der Timotheusgräser hatte sie einen hübsch gehäkelten Sack verborgen, und der war voll von Eiern, die Beine bekommen hatten, drei Dutzend lebenden Spinnenbabys, so klar und so gleichmäßig wie Mettropfen. Sie waren allerliebst, Frau Spinne liebte sie (anderer Kinder fraß sie), und wenn sie satt war, glänzte sie als Mutter, indem sie den Sack in die Sonne hinaufschleppte und seinen Inhalt lüftete. Die jungen Spinnen zappelten mit unzähligen zarten Beinchen durch die Maschen des Sackes, als verlangten sie einstimmig, sofort groß zu werden und davonzufliegen. Es mag hier bemerkt werden, daß die Spinnen einst vor vielen tausend Jahren wie andere Insekten Flügel hatten, aber daß sie sie in einer materialistischen Welt zusetzten; deshalb werden noch heute alle jungen Spinnen mit noblen Fluggelüsten geboren.
Seht, dieser Sack mit Spinnenjugend rief die tiefsten und edelsten Instinkte unseres Spinnenmännchens wach. Es wurde ihm endlich in einer letzten inneren Eingebung klar, daß hier die wahre Wirklichkeit zu finden sei, von der seine unendliche Sehnsucht nur ein Abbild gewesen war. Das, was ihn in die Welt hinausgetrieben hatte, war das tiefinnerste Verlangen nach der Familie, der Wunsch, sein Leben in einer Generation fortgesetzt zu sehen! Jetzt galt es, Seelenstärke genug zu besitzen, seinen Traum in der Wirklichkeit, die vorlag, und in keiner anderen, wiederzuerkennen, seine innere Idee mit der ὑλη in Einklang zu bringen … das war sicher Platons Meinung gewesen. Und war es nicht seine Meinung, sollte man darum fortfahren, auf diese weise, wenn auch drüsenlose Spinne Rücksicht zu nehmen, die ihr Leben in einem Keller dahingelebt hatte? Was war das Richtige? Dort war Platon … aber hier war die Generation!
Sie heirateten.
Am Hochzeitstage fraß Frau Spinne ihren neuen Gemahl und hängte sein Skelett oder richtiger seine Hülle vor ihrer Tür auf. Dort hing er im Netz und wehte bei der geringsten Brise hin und her, so federleicht war er geworden. Auf den ersten Blick schien es unser vollständiges Spinnenmännchen zu sein, aber er war hohl, die Beine waren hohl, der Körper war eine verblichene Hülle, er war nur noch die Schale seiner selbst.
Ein Tausendfuß, der als Junggeselle unter einem Stein in der Nähe wohnte und Zeuge dieses ehelichen Dramas wurde, erzählte später, aber er war ein Zyniker, daß er selten den Ausdruck einer so tiefen Glückseligkeit gesehen habe, wie bei dem jungen Idealisten, als er gefressen wurde. Er sah wie die personifizierte Seligkeit aus, sagte der Tausendfuß, als er in die Allnatur aufging und mit ihr verschmolzen wurde. Nach überstandener Trauung war er zuerst sehr stolz gewesen, darauf überkam ihn eine unerklärliche Angst, die ihn immer mehr mit sich gerissen hatte, bis sie in das vorhin erwähnte Glück des Todes überging.
Der Tausendfuß krümmte sich vor Lachen wie ein S und spreizte seine Kneifzange, als wollte er einen Nagel aus der Himmelswölbung ziehen. Und der Laufkäfer, dem er das Gesehene erzählte, eilte wie ein Schiff auf hoher See durch das Gras davon, um diese unbezahlbare Geschichte weiterzuberichten.
Ich bin einmal auf allen Vieren gegangen, und dessen erinnere ich mich bisweilen, wenn auch unklar in solchen Augenblicken, wo das Gefühl für die Zeit mich aus Müdigkeit oder Überanstrengung im Stich läßt. In meiner Jugend hatte der Tag oder das Jahr nicht denselben Wert für mich wie für Leute im allgemeinen; ich befand mich immer über oder unter, oder im Umkreis der gegenwärtigen Zeit. Nur einmal bin ich auf ganz unerklärliche Weise außerhalb der Zeit geraten, und zwar fühlte ich mich so durchgreifend isoliert, daß ich, ohne eigentlich Kummer darüber zu empfinden, mich auf die Vorderglieder legen und abseits gehen mußte, ins Freie hinaus, um Gras zu fressen, oder unter einen Busch, um zu sterben. Noch jetzt empfinde ich zuweilen den eigenartigen Kälteschauer, das innere, unendliche Gefühl der Verlassenheit, das mich wie ein Gift schüttelte, die seelische Übelkeit, die mich ganz kraftlos machte, bevor der Anfall kam. Noch heute rieselt es mir manchmal über den Rücken, wie es mir damals in meine Borsten kroch, ich fühle eine Art Erinnerung in meiner Haut an das beginnende und kalte Gefühl, an den tödlichen Anfall von »Gänsehaut«, womit es anfing, und dann weiß ich, daß es die Zeit war, die mich verließ, daß die namenlose Einsamkeit mir eine andre Haut gab und mich aus dem Dasein hinausführte, während ich gleichzeitig mitten drin blieb.
Wenn einst der bittre, unvermeidliche Schauder zurückkehrt, der letzte Kälteschauer in der Seele, bei dem man stirbt, dann werde ich meinen Zustand von damals wiedererkennen.
Es war in Madrid, mitten am Tage und im Sonnenschein auf dem Prado, als ich auf einer Bank saß und plötzlich verwandelt wurde, ohne daß ich oder irgend eine Macht der Welt es verhindern konnte. Ich war übrigens in einer ziemlich jämmerlichen Verfassung, hatte seit fünf Tagen nichts gegessen und mochte wohl für ein Krankenhaus reif sein. Mir aber schien es nicht, als ob mir etwas fehle, ich hatte alle meine Kräfte beisammen, und es behagte mir, hier so schweigend zu sitzen und die Leute im Sonnenschein an mir vorüberziehen zu lassen, Leute, die eine Sprache redeten, von der ich nur den Laut auffing. Ein Kennzeichen, daß ich nicht im Gleichgewicht war, bestand darin, daß der Tag mir ungewöhnlich wertvoll erschien, obgleich es nur ein ganz gewöhnlicher, sonniger Maitag war, mit Wärme am Morgen und zunehmender Hitze. Der Himmel war wolkenlos, aber weißlich unter der Herrschaft der Sonne, die Bäume auf dem Prado blähten sich in all ihrer neuentfalteten grünen Laubpracht wie Wesen, die um einander werben. Von den kreideweißen Häusern drüben auf der andern Seite des Alameda kam ein stechender Geruch von Kohlensäure, den die Sonnenhitze aus den Mauern lockte, und man konnte gleichzeitig einen leisen Hauch spüren, eine Kelleratmosphäre von den Steinen drüben, die noch Kälte in sich bargen und sie nun um sich verbreiteten. Ein Mann ging mit einem Kühler auf dem Rücken an den Bänken vorbei und bot Wasser feil,agua, sagte er und sah mich verständig, menschlich an – agua como la nieve, und ich weiß nicht, weshalb ich ihn wegen seines Blickes lieb gewann, weshalb ich mich so plötzlich und heftig zu dem einfachen Mann mit dem Wasserkübel hingezogen fühlte, daß ich hätte schreien und weinen können. Ach, und ich war so arm, daß ich nicht einmal ein Glas Wasser von ihm kaufen konnte. Während ich so dasaß, wurde ich immer mehr von stiller Liebe zu allem erfüllt, was ich sah, aber gleichzeitig wurde ich immer kränker. Nicht, daß mir etwas fehlte, aber ein versinkendes, ein hoffnungsloses Gefühl war mit dem Atmen verbunden, während die Zeit verging. Ja, während die Zeit verging. Es war, als sei ich es allein, der die Verantwortung trug, daß die Bäume so grün waren, daß die Sonne auf den Kies schien, daß der Springbrunnen so unaufhörlich irgendwo hinter dem Laub plätscherte … Wenn ich nun müde würde und versagte? Wenn die kleinen Kinder, die auf dem Kies dahintrippelten, stumm vor üppigem Wachstum, wenn niemand sie mehr lieb haben, wenn ich nicht mehr mit überquellendem Herzen und einem Meer von Freude auf den Lippen nach ihnen sehen würde? … Ja, dann würden sie wohl trotzdem dort trippeln. War ich es vielleicht, der sterben mußte und darum an all diesen kleinen, wunderbaren Dingen der Erde hing? Sterben … im Gegenteil, ich war ja von einer inneren göttlichen Kraft erfüllt, von einer panischen Schöpferkraft, die mich überall hinzuführen imstande war. Es war ein Schicksal in der Nähe, es lag etwas in der Zeit, nicht in der Luft. Ein andres Wesen rührte sich in meinem Innern, ich fühlte hin und wieder eine dunkle Qual, die umso unerträglicher wurde, als ich sie ganz gleichgültig kommen und gehen ließ.
