0,99 €
"Verwandlung der Tiere" ist ein 1927 erschienenes Werk des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet "Dyrenes Forvandling". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2021
Was hier folgt, ist eine Reihe von Bildern und Betrachtungen, zerstreute, der Natur und der Entwicklungstheorie entnommene Leitmotive: durch die tiefsten Stufen des Tierlebens bis zum Menschen der Jetztzeit; gleichzeitig wird ein Überblick über das fortschreitende Wachsen des Bewußtseins gesucht, das die Betrachtung ermöglicht hat; also sowohl über die Abstammungsgeschichte als auch gleichzeitig über die Stadien des Geistes.
Die Aufgabe ist ja nicht neu, und der Stoff ist Allgemeingut; ich nahm ihn, wo ich ihn fand, auf den Feldern und auf der Straße, aus der Lektüre dessen, was andere gesammelt haben, aus Naturwissenschaft und Geschichte.
Populäre, universell angelegte Darstellungen gibt es zu Dutzenden, deutsche, englische und amerikanische, in denen der Gang der Entwicklung erklärt wird; kürzlich hat sich u.a. Wells den Stoff vorgenommen als Einleitung seiner ganzen allgemeinen Menschheitsgeschichte.
Die notdürftigsten Handbücher der Grundbegriffe der Zoologie sind an sich bereits genügend grundlegendes Material; und das Verdienst, die eigentlich geleistete Arbeit ist denn auch auf jene Männer zurückzuführen, die hinter den Handbüchern stehen, die hartnäckigen stillen Gelehrten, die das Material zusammensuchten, über das Mikroskop gebeugt standen und mühselig, Menschenalter hindurch, ohne Aufsehen zu erregen, Fund zu Fund legten, bis der ganze unermeßliche, unübersehbare Stoff einfach zu werden begann und unter einem gemeinsamen Gesetz betrachtet werden konnte: Linné, Lamarck, Darwin und viele, viele andere, deren Namen nicht stets an der Oberfläche sind, die aber jeder seinen wertvollen Fund zu dem großen gemeinsamen Arbeitsbesitz gefügt haben. Dem Naturforscher, der Entdeckerarbeit, der Sammlerarbeit der letzten Jahrhunderte, die die ganze Welt umfaßt, Leuten wie Humboldt, Wallace, P. V. Lund, den stillen Beobachtern und Bearbeitern, die daheim saßen: der Gesellschaft des Geistes, den Vätern des Entwicklungsgedankens – ihnen gebührt und bleibt das Verdienst.
Ihre Geschichte, die Entwicklungsgeschichte selbst der Entwicklungslehre sollte geschrieben, alle Namen, die zu ihr beigetragen haben, der gradweise Vorstoß innerhalb des wissenschaftlichen Horizonts für sich gesammelt werden.
Der Zugang zur Geschichte des Aufstiegs vom Tiere ist erschwert und nahezu verbaut worden durch einen gelehrten Apparat, der in viele verschiedene Studienfächer, Spezialitäten, in die Werkstätten, aus denen alles kommt, getrennt war. Und hier, darf man wohl sagen, hat die Wissenschaft dem allgemeinen Wissensdrang nicht immer Genüge getan. Den Gedanken der endgültigen Zusammenfassung hat man hinausgeschoben, oder man ist ihm mit Mißtrauen begegnet, man hat sich nicht aus seinem Spezialgebiet herausgetraut, obwohl doch alle einschlägigen Disziplinen geradezu nach einem Gesamtergebnis drängen. Vom naturgeschichtlichen Standpunkt aus ist wohl auchdas ein Entwicklungsphänomen: der Gelehrte geht seine eigenen Wege und wird in Vornehmheit selbst zur Variante; der gewöhnliche Sterbliche wird indessen vorziehen, an das Ganze zu denken.
Andererseits ist die Entwicklungsgeschichte, wenn sie im Gegensatz zu der nie zu einem Ganzen gelangenden Gelehrsamkeit Universalität anstrebte, oft in einer unerträglichen Sprache mit Halleluja und schülerhaftem Prahlen popularisiert und breitgetreten worden, namentlich in deutschen populär-wissenschaftlichen Darstellungen, die allerdings auch wieder dazu beigetragen haben, den Entwicklungsgedanken in weite Kreise zu tragen, und die keineswegs wissenschaftlich unfundiert sind. Ein ausgezeichneter produktiver Forscher und Darsteller ist Klaatsch; von einer besonderen robusten Selbstverständlichkeit sind amerikanische Bearbeitungen, hier scheint der allgemeine evolutionäre Gedankengang am tiefsten in die Seelen gedrungen zu sein. Dafür begegnet die Entwicklungslehre hier, wie man kürzlich gesehen hat (Scopes-Prozeß), dem stupidesten Widerstand, einem noch ganz frischen mittelalterlichen Obskurantismus, der in pleno nach Amerika ausgewandert zu sein scheint. In Europa kennt ihn aufrichtige Überzeugung jedenfalls nicht.
Viele dürften der Meinung sein, daß man jetzt überhaupt genug habe an leichtfaßlichen Lehrbüchern, die den Anmarsch des Tieres zur Höhe des Menschen behandeln. Wie, wenn man sich selbst ein wenig weiterentwickelte, anstatt so viel von Entwicklung zu schwatzen?
So mancher Leser der vorliegenden Darstellung, die ein ganz Teil der Lektion von Anfang an wiederholt, wird vielleicht dem Autor nicht mehr folgen wollen, je weiter der ihn auf den ausgetretenen Wegen der Schulbücher und des Elementarunterrichts schleppt; ich meinerseits weiß wirklich nicht, warum der gleichzeitig handgreiflichste und rätselhafteste Lehrstoff, den es gibt, durch Wiederholung geistestötend wirken sollte. Schulbücher, die etwas taugen, sind die nahrhafteste und amüsanteste Lektüre, sie enthalten die erste, große, edle Plastik des Daseins, die Erdbeschreibung. Die Anfangsgründe, sie werden von den meisten später über allen möglichen Künsten vergessen. Den meisten wird der Geschmack an den erstaunlichsten, einfachsten Dingen durch eine sogenannte Erziehung in zartem Alter verdorben. Nicht um die Geographie ist es schlecht bestellt, sondern um die Schule. Das Leben in den Städten entfernt den Menschen von seinem Ursprung, bei vielen kommt die Erinnerung daran schon früh zum Abschluß; auf, laßt uns wieder ins Freie gehen!
Der Stoff ist gegeben; ich begann ihn seinerzeit ganz für mich zu formen, weil ich für meinen Teil so lange wie möglich in ihm leben und ihn zu meinem Vergnügen mit meiner sonstigen Arbeit eins sein lassen wollte. Zu einem Buche ist er geworden, ohne Rücksicht darauf, ob jemand an der Lektüre Geschmack finden sollte oder nicht. Der Naturgeschichtler wird sehr bald erkennen, was darin Früchte des Studiums sind und was ich aus eigenem hinzugefügt habe. Von der Natur selbst ward mir frühzeitig eine Eingebung, die sich das ganze Leben hindurch wach erhalten hat.
Viele stellen sich die Entwicklungslehre gewöhnlich als etwas vor, das außerhalb unserer täglichen Lebenssphäre liegt, als eine in England aufgekommene, also im wesentlichen englische Hypothese, als etwas, das entweder in den Tropen vor sich geht (das viele Gerede von wilden Tieren), oder das in unermeßlich ferner Vergangenheit geschah, von der die Fossilien als interessantes Naturalienkabinett zeugen; oder auch man stellt sich die Geschichte als Erfindung langhaariger Professoren vor, die in Nestern von Schmökern hocken und Schimären ausbrüten. Die Wissenschaft jung, als Knabe, als Genius, der die Nase ins Gras steckt, als Neugier und neugeborene Erde, das entspricht zwar nicht der allgemeinen Anschauung, wohl aber der Wahrheit.
Will man sich als Däne von neuem an die Aufgabe machen, so sollte man es in Dänemark tun, sich auf den Stoff stürzen, wo er gerade zutage liegt, also die ersten Eindrücke von den Feldern wieder in sich aufnehmen. Lektüre allein macht es nicht, es gilt zu zeigen, daß man die Entwicklung sehen kann und daß die Entdeckung immer wieder gleich neu ist. Die Entwicklung ist in uns und kann gesucht werden, wo immer es sein soll, in einem Graben in Valby, einem Aquarium, in Froschlaich und einem Mikroskop! Im zoologischen Garten!
Eines hat mich an die Aufgabe gefesselt: die unverwüstliche Freundschaft, die man für die Tiere hegt; hier, glaube ich, läßt sich immer noch Neues sagen, und die Tiere, sie sind die Entwicklung, die man stets vor Augen hat. Von dem Stoffe fühlt man sich immer angezogen, im Tiere pocht auch unser Herz. In der Brust des Ochsen schlägt der nämliche Puls; die Lebenswärme, die die Kuh spendet, wir erkennen sie wieder als die unsere: die Milch und unsere Mutter; zu den Tieren gehen, heißt sich heimbegeben.
Die Erneuerung der Aufgabe wird eine Frage der Form. Die Schwierigkeit liegt in der Abkürzung der ungeheuren Stoffmenge, die nur durch eine gewisse, aber immer exakt bleibende Methode auf fiktivem Wege erfolgen kann. Die übliche Naturwissenschaft für das Volk ist einigermaßen zu einer Walze geworden, wie die »Affentheorie« zu einem geistesverzehrenden Refrain geworden ist, das ist ein gewisser Trott, der immer wiederkehrt und jedesmal anders abgeschrieben wird; den muß man vermeiden.
Der Ausdruck, die sprachliche Einkleidung ist entscheidend, wenn die Formen der Natur festgehalten werden sollen und man genau sein und sich dabei doch nicht binden, nicht festlegen will, was ja auch die Natur nicht tut: so weit wie möglich in Bildern, nie aber, wozu man geneigt ist, feststehend, stets ist es der Übergang von etwas Früherem zu etwas Späterkommendem, überall Werden, Wachstum, Verwandlung; nur das Tote ist endgültig erstarrt, und das selbst als Form betrachtet, strenggenommen nur in einem Exemplar: zwei ganz gleiche Muscheln hat die Natur kaum je hervorgebracht! Die Kurve der Entwicklung sollte in die Sprache aufgenommen, Präzision und Flucht sollten vereint werden. Zur Darstellung der Wurzel des Menschen im Tierreich gibt es keinen andern Weg als den der Wiederholung, aber es war mein Wunsch, dem Stoffe etwas von der Perspektive und der unmittelbaren Anziehungskraft zu verleihen, den er für mich selbst gehabt hat als eigentlicher und einziger Ursprung des Daseins, auch als Quelle, in einer gereinigten Auffassung, für alle Poesie.
In seiner ersten Form wurde das Vorliegende vor einer Reihe von Jahren als Eingang in »Die lange Reise« geschrieben, als eine Bearbeitung des Stoffes, dem »Das verlorene Land«, das mit dem primitiven Menschen beginnt, folgen sollte. Der Mensch – die ersten Menschen – ist in diesen Büchern von Urzeit und Eiszeit noch Voraussetzung; aber woher kam denn der Mensch? Es hieß ganz bis zum allerersten Beginn, zur frühesten Wurzel des Menschen in der Natur zurückgehen. Die Erklärung, wie der Mensch sich aus dem Tiere entwickelte, wurde niedergeschrieben, aber als ungeeignet für den Zusammenhang in der Bücherreihe »Die lange Reise« beiseite gelegt.
Stilmäßige Gründe waren entscheidend. »Die lange Reise«, die die Entwicklung vom Urmenschen bis in die Nähe unserer Zeit zu zeichnen versucht, operierte mit Episoden und komponierten Gestalten, mythisch; »Die Verwandlung der Tiere« konnte dagegen nur in einer allgemein beschreibenden und besprechenden Form gehalten werden, und zwar direkt, nicht dichterisch bearbeitet und mit dem durch die Biologie bedingten Wortschatz. Die Tiere sprechen ja nicht, und ich konnte mich nicht dazu überwinden, sie im Stil des Märchens als redende Personen auftreten zu lassen, wenn sie doch ausschließlich als Tiere betrachtet werden sollten. Hier sollte nichts maskiert werden, die nackte Erklärung war zu geben, die Entwicklung selbst war die Hauptperson. Anderswo konnte man die Aufmerksamkeit mit einer »Handlung« zu angeln versuchen, hier nicht, hier mußte man gerade darauf losgehen, mußte zum Essay greifen und langweilig sein, in der Hoffnung, daß es doch vielleicht auch solche gab, die angestrengter Phantasie Dimensionen in der Wirklichkeit vorzogen. Wenn man will, kann man die vorliegende Arbeit in Inhalt und Form mit der Entwicklung als zugrunde liegendem Motiv zwischen die komponierten mythischen Schilderungen und die Abhandlungen placieren, die ich direkt über das Thema geschrieben habe, wie »Unser Zeitalter«, »Ästhetik und Entwicklung«, »Evolution und Moral«.
Als ich »Die Verwandlung der Tiere« schrieb, war innerhalb dieser Geistesgebiete eine gewisse Reaktion und erneute Aktion, die den Darwinismus wieder bekämpfte oder für ihn eintrat, noch nicht eingetreten; seither sind Fragen, die sich daran knüpfen, Mode geworden, sogenannte Religiosität macht sich in den Zeitungen breit, aber auch die Aufklärung bereitet sich auf einen neuen Start vor. Die vorliegende Arbeit will als Einsatz in dem von neuem aufflammenden Streit betrachtet werden; die Zeit, die jetzt wieder am Evolutionsgedanken arbeiten zu wollen scheint, macht meinen Versuch überflüssig, oder ist jetzt gerade Brauch für ihn? Wie dem auch sei, ursprünglich schrieb ich diese Dinge zu meiner eigenen Belehrung, aus einem mir natürlichen Instinkt heraus, und um des Zieles willen, das, wie ich glaube, zufällige Zeitströmungen überleben wird.
Die rein zoologische Betrachtung, die der »Verwandlung der Tiere« zugrunde lag, habe ich später erweitert, so daß sie auch die Geschichte der Seele umfaßt, zum Unterschied von den üblichen entwicklungsgeschichtlichen Darstellungen, die sich an das rein Morphologische halten oder das Gebiet der Kulturgeschichte streifen. In die Verwandlung der Tiere oder des Tieres habe ich die tierische Seele und Moral, das Bewußtsein, einzubeziehen versucht, wie es sich alle Stufen hinauf ändert, bis es zu dem wird, was wir Geist nennen.
Die Forderungen des Magens haben eine Richtung des Selbsterhaltungstriebes, des Gedächtnisses, Urteils, Bewußtseins in einer rohen Form erzeugt. Er ist eine Zentrale, hervorgegangen aus den Funktionen zugunsten der Ernährung; hoch entwickelt, beschäftigt er sich selbst und nimmt die Form eines Erlebnisgebietes nach innen an, es ist die Seele, einsam noch beim Vieh, aber dieselbe wie die unsere.
Die Geschichte, wie sich erst die Fähigkeiten, dann die Geistesgaben aus dem Appetit entwickeln und sich von ihm frei machen, das ist die Geschichte des Geistes.
Wie die Tiere voneinander leben und doch weiter existieren; wie ein Geschöpf immer weniger auf Kosten des andern leben kann; und wie Gesellschaft auf den einzelnen wirkt, das ist die Geschichte der Moral.
Hält man sich in den Ferien auf dem Lande auf und läßt sich, Sommer auf Sommer, Zeit, seine Seele der Natur zu öffnen, nicht gerade darum bemüht oder als schweres Studium, sondern so, wie die Natur – Wetter und Wind, Pflanzen und Tiere – einem von selbst entgegenkommt, und bringt man ein bißchen zoologisches Wissen mit, ist man gereist und kann man aus dem, was man unmittelbar sieht, auf andere Stätten auf Erden, und aus dem, was man darüber gelesen und was man sonst weiß, auf andere Erdperioden schließen, hat man alle zu Gebote stehenden Mittel benutzt, kurz, einen allgemeinen geistigen Horizont aus unserer Zeit geschöpft, so entrollt sich zwanglos ein Gesamtbild vom Zusammenhang der Natur, von den Tieren und ihrem Platz im Verhältnis zueinander, ihrem Ursprung, wie sie Tiere wurden und wie der Mensch aus ihnen entstand; wie die Seele, die Fähigkeit, unsere Stellung in der Natur zu betrachten, sich langsam erweitert hat, gleich einer Aussicht beim Besteigen eines Berges; wie Tiere und Menschen das Dasein miteinander geteilt haben, welche Umstände es zu bewahren scheinen und welche nicht, ein Problem, das in die Moral hineinführt.
Die Beobachtungen an sich sind anfangs eigentlich auch nur eine Form für Leben, für die Umgebung eines Menschen, für Raum und Zeit, womit man sich in seinen Mußestunden sättigt, ein Teil eines Wachstums, das sich geltend macht; aber aus der Freude und Erholung muß denn auch, da man Künstler ist, zum Schlusse ein Buch werden.
Die Stätte, wo man sich aufhält, ist Dänemark, kann ein Hügel mit der Front gegen ein Moor sein, das in der Vorzeit Nebenfjord eines Fjordes war, eine Landschaft, typisch für so viele Stellen in Dänemark, die durch Entwässerung geformt worden sind, in diesem Falle die Tibirke-Hügel, wo ich mich eine Reihe von Jahren im Sommer aufgehalten habe.
Durch das Moor mit den vielen Torfgruben läuft ein jetzt fast zugewachsener Bach, der sich im Arresee verliert; jenseits des Moores Ackerland, früher eine Landzunge, als das Moor Fjord auf der einen und der Arresee eine Meeresbucht auf der anderen Seite war; die Hügel und das Land dahinter sind einmal, vor der Erhebung in der Steinzeit, eine Insel gewesen. Hinter den Hügeln liegt der Wald, der Tisvilde-Hag, und hinter dem Wald die Küste, das blaue Kattegatt vor Seeland, mit der Aussicht auf das ferne Felsprofil Kullens gen Norden. Auf dem Hügel wachsen Heidekraut und Wacholder, ein kleiner Rest Heide, Urvegetation, bis ganz in die Tundrazeit zurück; der Hügel ist eine Moräne mit Flugsandwehen darüber; der Kies ruht, wie man weiß, auf Kreide, dem Meeresboden in einer ungeheuer fernen Erdperiode; es ist also kein Zweifel, wo man steht.
Auf den Hügeln und wo man in der Umgebung hinkommt, kann man hie und da einen Feuersteinscherben auf den mageren Flugsandäckern oder einen Mahlstein finden, der sich in der Hand eines weiblichen Wesens befunden hat, das hier einmal zwischen zwei Steinen Korn schrotete. Auf der äußersten Spitze der Landzunge, nach Baekkebro zu, hat, nach Funden zu urteilen, eine Bronzezeitstadt gelegen; massenweise Funde von Tierknochen draußen im Torfmoor sprechen von Treibjagden, die vermutlich häufig gewesen sind hier auf der bequemen Landzunge, wo das Wild wie in einem Sack durch den Wald – denn damals hat Wald auf der Landzunge gestanden – gejagt werden konnte, bis die Tiere nicht weiter konnten; einige von ihnen gingen ins Wasser und kamen dort um. So stellt man sich die Jagd vor und glaubt das Gebell und einen Hirsch, die Hunde an der Kehle, mit dem Geweih das Wasser peitschen zu hören. Auf einem lehmigen Hang zum Arresee, dem stets opalfarbenen, findet man einen Handstein von der Art, wie sie bei der Töpferei gebraucht wurden, um Glimmer zu zermalmen, den man in den Ton mischte, ja gewiß, hier gibt es Ton und Wasser, hier haben die Frauen gehockt, sich die Nase gewischt und ihre Töpfe gemacht – vor nicht so schrecklich langer Zeit – so wie Negerinnen in Afrika es noch heute tun.
Anderen Spuren des Vorzeitmenschen begegnet man, wenn man den Blick den Horizont entlang auf die andere Seite des Moores schweifen läßt, das von Hünengräbern in derselben Richtung wie das Moor die Landzunge entlang gekrönt wird, gerade in die Kimmung und ins Land hinein, gen Helsinge, wo ein Dolmen bei Skjaeröd und die sieben alten prachtvollen Steinkammern im Valby-Hag von Steinzeitbebauung reden. Als der Fjord bis an den Fuß der Hügel reichte, lagen die Wohnplätze hier. Ein Bauer, der gerade vor den Hügeln Torf gegraben hatte, konnte mir erzählen, daß er die Knochen von zwei Kreaturen und die Reste eines Wagens mit sehr »breiter Felge« gefunden hatte: ein Fahrzeug, das hier einst zur Zeit Gorms des Alten in den Schlamm geraten war?
Zu innerst in der jetzt ausgetrockneten Wieck befindet sich eine Quelle: am Rande des Hags, nahe der Tibirker Kirche, zum Wege hin; manche meinen, sie sei die eigentliche »Helenenquelle«, und die Lage spricht dafür, gerade hier könnte man sich irgendwann im Altertum eine heilige Kultstätte denken. Das ursprüngliche Heiligtum sind der Wald und die Quelle gewesen, später ist wohl Tir verehrt worden, und wo sein Opferstein gestanden hat, steht jetzt der Altar in der Tibirker Kirche. So legen Kult und Kultur eine Schicht auf die andere; aber die Quelle, ja, die ist doch noch da. Wollen wir sie aufsuchen? Ein Trunk Wasser hier eines Sommertags, völlig unsymbolisch, wenn man mit einem Kind vorbeikommt und wir die Quelle in den Hut laufen lassen und uns laben – nie könnte man dem ältesten und innersten Geschmack des Lebens näherkommen. An der Landstraße des Lebens muß man Süße und Nahrung suchen.
Im Vorsommer liegt der Sonnenschein blendend auf dem nach Süden gerichteten Hügel, ein fast unmerkliches Lüftchen weht her vom Moore mit den vielen Wasserspiegeln der Torfgruben, gekühlt von der Grüne drunten, am ersten Tage, da man herauskommt, wenn die Welt wie neugeschaffen ist; Spinnwebfäden schwimmen wie feine Blitze auf der Brise wagerecht durch die Luft, der Himmel zu Häupten ist ein Blenden, und die Lerche läßt sich wie ein Schlüssel im Schloß des Himmelreichs hören.
Nahebei ruht das Roggenfeld in sich, mit kaum spürbarem Atem, grün, seegrün noch, wie gerade geschnittenes Glas im Bruch, und mit Kornraden und Kornblumen in seiner grünen Umarmung, aber lila zu oberst, es wird in diesen Tagen abblühen. Der Löwenzahn ist verblüht, die Daunenbälle fuhren dahin, mit Moorbrauen und hellen Nächten gemischt. Scharen aber des kleinen Habichtskrautes stehen in Feuerbeeten und lichtgelben Inseln im Grase.
Die Vögel brüten noch; man hört den Kiebitz, die Stimme des Frühlings; in den hellen Abenden tummelt sich die Bekassine mit dem vernehmlichen Brummen der Schwungfedern, das wie ein Trommelwirbel tönt, und man sieht den Vogel sich in großen, tiefen Bogen durch die gelbe Abendluft herabwerfen. Den Ziegenmelker hört man aus dem Hag, ein wildes Geräusch, das die Dunkelheit mit Unverstand füllt; aber der vertraute Laut von den Fröschen im Tümpel legt einen Ring wohltuenden Zaubers um die abendliche Welt, während der Tau fällt.
Am Tage, in der Mittagshitze, zeigen sich zwei Eidechsen auf der Stufe vor dem Hause auf dem Hügel, sie wohnen in einem Loch darunter, wie ein kleines Drachenpaar, man sieht sie die Hälse kreuzen und gegenseitige Ergebenheit an den Tag legen, das Männchen ist in dieser Zeit smaragdgrün und schimmert mit seinen Schuppen wie ein Rittersmann in goldener Rüstung; weiterhin im Sommer kann man Eidechseneier, weich wie Pergament, in der naheliegenden Kiesgrube im Sande vergraben finden. Ein sandiges Feld, das in einiger Entfernung vom Hause nach Süden abfällt, lieben die Eidechsen auch; hier ist das trächtige Weibchen eifrig beschäftigt, sich eine kleine Höhle zu graben, um die Eier hineinzulegen, man kann die Arbeit täglich verfolgen. Im Laufe des August beginnt man die Jungen zu sehen, klein und mager, aber ganz fertig, noch blaß vom Liegen im Ei. Für das Auge sind sie nicht von den kleinen Salamanderjungen zu unterscheiden, die wir mit dem Eimer aus dem Brunnen fischen; aber es ist ein sehr bedeutungsvoller Unterschied, der Gedanke geht vom Sommertage und den kleinen Geschöpfen zum Zeitalter der Saurier und Amphibien.
An der Traufe über der Tür hängt ein kleines Wespennest, kugelrund und mit einer Öffnung unten, ein Schirmdach oben drüber, alles feinste Papierarbeit; und in einer Höhlung in einem Eichenpfosten, der als Bank vor dem Hause dient, baut der Blattschneider, er kommt mehrmals am Tage mit einem kleinen rund geschnittenen Blattstück, das er mit den Beinen faßt, und kriecht damit in seinen Bau. Er ist wählerisch, es sind stets Rosenblätter, die er abschneidet. Zuweilen ist er ganz gelb und geschwollen vom Blütenstaub, mit dem er heimkommt, er hat sich in Blumen gewälzt wie ein Wirrer und ist zu Honig und Bienenbrot über den ganzen Körper geworden. Im Bau verfertigt er ja, wie man weiß, aus den Blattstümpfen die feinsten Düten und füllt sie mit Nahrung für die Eier, die er hineinlegt.
Die Hügel sind ein zelebrer Aufenthalt für Insekten, hier findet man den Ameisenlöwen, und ein berühmter Bembex hält sich hier auf, der lockere Sand eignet sich wohl besonders für Ameisenlöwen und Grabwespen; als Folge davon sieht man oft Entomologen auf dem Hügel, rasende Menschen, die Fliegen in Gläsern sammeln und Schätze verachten. Der nahe Hag und das Moor unterhalten eine eigene Insekten- und Pflanzenwelt. Der Hag selbst gleicht nicht anderen dänischen Wäldern, denen die Buche ihr Gepräge verleiht, er ist nordischer, mit Nadelhölzern und Birken, gemahnt an schwedische Wälder, an Brandenburg, ja, an gewisse Stellen in Rußland muß man denken, vornehmlich das bewachsene Terrain, das man den »Sand« nennt. Die Natur hat hier in Nordseeland vieles, das an Jütland gemahnt; landschaftliche Züge, die sowohl den Inseln wie der Halbinsel eigentümlich sind, wiederholen sich hier.
Etwas Ursprünglichkeit ist noch übrig, der Wald, das Moor und die Küste begünstigen ein Vogelleben, Reiher brüten noch am Arresee; der große Vogel in der Luft mit dem zusammengefalteten Hals bietet ein Profil, das man gerne sieht und das man in einem früheren Dasein gesehen zu haben meint. Ein vereinzeltes Storchenpaar kehrt noch alljährlich zum Moore heim und brütet in einem kahlen Baum bei Toftegaard, ganz in der Nähe der Quelle; es gehört hierher. Der Hag hat mit seinen Kiefern ein altes Gepräge, oder, wenn man will, ein junges, er lenkt den Gedanken auf die Kiefernperiode vor alters hier im Lande, dieselbe Periode, die man jetzt noch weiter nordwärts, in Norwegen und Schweden, hat; hier weitet sich denn der Sinn, geht rückwärts in der Zeit, zu allen Grenzen des Landes und über sie hinaus, wie ein Vogelflug durch alle Zeiten und Lande.
Sitzt man im Sonnenschein auf dem Hügel vor seinem Hause, so kommt die Welt von selbst zu Besuch. Die Libellen stäuben wie kleine metallglänzende Aeroplane auf Raub in der erhitzten Luft vor dem Hause vorbei, wo Fliegen zu finden sind. Ihre Larvenhüllen ist man gewohnt auf den Schachtelhalmen über dem Wasserspiegel drunten in den Torfgruben zu finden, wo sie ihr Kellerdasein führen. Unmittelbar vor der Mauer, auf die die Sonne prallt und wo die Hitze vielleicht so auf fünfzig Grad hinaufgeht, surren die Fliegen, sie werden so hitzig und stark im Sonnenbrand und fliegen in heftigen Wirbeln, schlagen rad umeinander wie kleine durchgegangene Motoren, man sieht gleichsam Funken und Entladungen eines Feuers, wo sie ihr Wesen treiben vor der blendenden Mauer, an der Licht und Luft hinaufwogt, das Sonnenfeuer gebiert, wipps, da sitzt eine Fliege! Heiße Erdperioden gehen hier um!
Der Ginster blüht und verblüht. Die Blumen des Hochsommers bekleiden den Hügel, Grindkraut und Schafgarbe, auf den mageren Feldern ganze luftige Gärten im kleinen aus Jasionen, Inseln in Blau, in denen es von Bienen summt. Ein Schmetterling von fast derselben Farbe liebt es, sich auf die Jasione zu setzen; sie sind fein angezogen, sagt ein kleiner Knabe verliebt und gerührt, wenn er die Schmetterlinge sieht.
Man hört den Kuckuck mit Widerhall in Tälern, immer noch, und so lange ist die Welt grün, so lange ist das Jahr jung. Aber es kommt ein Zeitpunkt, da einem aufgeht, daß man ihn lange nicht gehört hat, eine negative Beobachtung, ein Loch in der Seele, da schweigt der Kuckuck. Man beginnt junge Schwalben zu sehen. Aber noch hat die Lerche Brut und hängt über ihr im Himmel und singt; man weiß, wo das Nest ist, mitten auf dem bloßen Felde, mit vier Jungen darin, dicht zusammengepackt, die daunigen Rücken geradeswegs gegen das Universum gekehrt – und die Gedanken gehen zur Kreuzotter, von denen man jedes Jahr ein paar hier auf der Grenze zwischen Moor und Heide sieht und gleich umbringt, wenn man sie erreichen kann; die Kreuzotter ist den jungen Lerchen nicht gut.
Am Abend kommt eine Fledermaus und voltigiert lautlos wie ein Teufelchen in der gelben Luft längs der Dachtraufe von einem Ende des Hauses bis zum anderen, Insekten dort locken sie; den Igel trifft man in den Nesseln hinter dem Hause in der Dämmerung und kann das kleine Junge so weit bekommen, daß es Milch aus einer Tasse trinkt; das Wiesel schlängelt seinen Wurmkörper eines Tages frech zwischen Hügel und Moor quer über die Landstraße; der Dachs wohnt nicht fern im Hag, in einem Hügel mit hohen Bäumen wie eine Kirche; wenn man Glück hat, bekommt man ihn bei hellichtem Tage zu sehen – einen einsamen Vertreter seines Geschlechts und Siebenschläfer, der hier im Norden zurückgeblieben ist, aber mit weit verbreiteter Familie in anderen Welten.
Die dänische Fauna ist ja nur eine kleine Restfauna, wenige Tiere von der Hand der Natur, und ein großer Teil von ihnen ausgerottet, der Kultur gewichen. Hier auf den Hügeln oder in ihrer Umgebung sind doch einst Bär und Wolf gegangen; das Land hat Biber, Auerochs, vielleicht Bison gesehen. Selbst damals war das Tierleben indessen nur arm im Verhältnis zu anderen Weltteilen, zu der reichen Entfaltung der Tropen, man denke an die Tierwelt Afrikas, an die äquatorialen Gegenden mit Elefant, Löwe, Giraffe, Flußpferd, gewaltigen Bildern von der Urkraft der Natur, die in der Phantasie sprießen, sobald man sie nur nennt.
Aber selbst die kleine dänische Tierwelt ist ein Glied in der Weltfauna, und von ihr läßt sich auf die Kette schließen. Was man täglich sieht, ohne es zu suchen, setzt den Gedanken in Bewegung durch die ganze Naturgeschichte – ein Aal in der Torfgrube, tief unten auf dem sonnenbeschienenen Grund, weit fort von anderen Gräben und Torfgruben –, wie ist er dorthin gekommen? Über Land, des Nachts legt der Aal weite Strecken im taunassen Grase zurück, er ist keine Amphibie, aber hier ist doch ein Zug, der den Gedanken darauf hinleitet, wie es anfing, als das Geschöpf vom Wasser aufs Trockene stieg. Die Naturgeschichte des Aals, die Wanderungen der Brut im Atlantischen Ozean, ein Epos für sich!
Die Katze, der kleine Tiger, schleicht grimmig durchs Moor und schüttelt die Pfote, wo das Gras naß ist, sie hat das feinste, wählerischste Benehmen wie ein Fräulein und ein entsetzliches Herz, wehe der Maus! Im Moor ergeht sich frei das Vieh, Jungvieh, Färsen, Wiederkäuer – welch ein Unterschied im Temperament: die Katze und die Kuh! Wie freigebig die Natur ist!
Die Knechte auf der Wiese mähen Heu – der Mensch!
Auf dem Felde angebunden steht das Pferd, das Füllen neben sich; die langen Beine und der kurze Leib, wie neugeborene Füllen sie haben, lenken den Gedanken auf das Okapi; in der Jugend sind die Tiere einander verwandter, als wenn sie erwachsen sind.
Die Kohlraupe wogt eifrig auf einem Halm dahin in ihrem Geschäft: der Verwandlung der Insekten!
Auf dem Hügel, stets in der Nähe, tummelt sich ein kleiner vierjähriger Knabe – das Dasein von vorn; im Licht seiner dämmernden Einbildungskraft wird alles wieder Beginn, knospend und wunderbar. Gemeinsam studieren wir die Larve, die eifrig wogend ihren Halm verfolgt, er begeistert und ich mit meinem Wissen, er ein kleiner Sturm von Glück über das geringe Tier, ich sehr nachdenklich; was wir so unter der Larve verstehen, gleicht sich aus, wir haben beide recht; gewürdigt wird die Larve.
Die Seerose, die man aus den Torfgruben heimbringt, hat Schleimtiere auf dem Stengel sitzen, sie kommt aus einer bodenlosen Welt, der Kleinwelt des Süßwassers, den ersten mikroskopischen Formen des Lebens, bis hinab zu den frühesten einzelligen Organismen. Viel geben die Torfgruben zu denken.
Nach dem Hochsommer liegt der Hügel, etwas verbrannt, in der hohen Mittagssonne, und das Land vergilbt, das Korn beginnt zu reifen; die Vögel sagen nichts mehr.
Es weht, Moor und Land liegen in blendendem Licht unter der Sonne. Der Sonnenwind geht den langen Tag, als ob Wärme und Licht herunterwehten. Die Kornfelder auf der anderen Seite des Moores bewegen sich, aus dieser Ferne gesehen, mit langsam schreitenden Falten, und man meint stets sich dieses Wogens zu erinnern – eine uralte, ererbte Erinnerung, aus der man zuweilen schöpft – so lief der Wind über das Steppengras in einem Lande, aus dem man stammt, über die wilden Grasfelder im Morgen der Zeiten, als der Mensch begann, Mensch zu werden. Eine alte Sehnsucht nach einem früheren Dasein, vor einer Erdperiode, da man sich im Gras versteckte und zu zweit war und einen das Tier jammerte, das ja auch für Junge sorgte, und sich mit Kernen der wilden Gräser begnügte, statt totzuschlagen, und Mensch wurde, weil man liebte ...
Der Wald drüben auf der Auderödspitze im Arresee steht wie eine blaue Mauer: Himbeeren, rote Seen aus Weiderich und mörderisch viele Mücken, wenn man hinkommt! Man zieht durch den Hag zum Meere, ein langer Schweif von Fahrrädern, die Jugend in sorglosen Ferien, und wird empfangen von der großen atmenden Offenheit an der Küste, wo Land und Meer sich küssen. Entkleidet kehrt das Geschöpf zu seinem Element zurück.
Der Himmel verdünnt seine Farbe gegen den Herbst, bleich und schmal steht der Tagmond. Am Abend entzündet sich ein Planet über dem Moore – hoch und geräumig ist die Welt!
Während der Sommer vergeht, steht man täglich unter dem Einfluß oder ist das Opfer des unvermeidlichen, langsamen Fortschreitens in der Natur, das man Zeit nennt. Der Gang des Tages, das Wachsen der Pflanzen, Blühen und Verblühen, die Wanderung der Himmelskörper: alles anders von einem Augenblick zum anderen, ein Geschehen in den Zellen, das nicht wieder zu ändern ist; man ist selbst verändert, gealtert, gerade soundso viel, ob man es weiß oder nicht: die Zeit, dieEntwicklung, die arbeitet.
Der Sommer erschlafft. Geblendet und ein wenig matt empfing man die gute Jahreszeit. Mit der ersten Augustkühle aber und den dunklen Nächten kehren die Kräfte wieder, die Initiative, denn das hängt mit der Kälte, dem Widerstand zusammen. Die Jahreszeiten verrichten ihr Werk in uns. Auch hierin liegt etwas Bedeutungsvolles, ein Gesetz, das man mit der Natur gemein hat.
Und mit dem, was der Sommer abgelagert hat, bricht man auf und begibt sich in die Stadt, zu seinem Widerstand dort und seiner Arbeit.
Der Mensch hat seinen Ursprung aus und zwischen verwandelten Tieren. Das letzte Kapitel der langen Umformungsgeschichte der Tiere, im Zusammenhang mit den Zeitaltern der Erde, ist die Einleitung zur Geschichte des primitiven Menschen.
Das Bild von den Übergängen innerhalb des Tierreiches zeigt sich uns in Verkürzung, ist Zug für Zug auf dem Wege der Forschung zusammengestellt. Man kann es sich sozusagen auf einmal, durch einen mentalen Verdichtungsprozeß, in einer augenblicklichen Betrachtung von Zeiträumen und Veränderungen vorstellen, die in Wirklichkeit Millionen und Abermillionen Jahre gedauert haben. Das, was an einer Stelle an Wissen gesammelt ist, läßt uns die Schöpfung in der Zeit – nicht allein, wie sie zu jeder Zeit war, sondern während der Verwandlung, auf dem Wege von einem Tier zum anderen – sehen, in einer Fiktion, in Begriffen und Figuren, aber doch gerade so, wie die Verwandlung sich wirklich zugetragen hat und nicht anders.
Ein wirklicher, aber im Grunde unfaßbarer Umstand hierbei ist die Zeit.
Wir können uns keine auf unmittelbarer Wahrnehmung beruhende Vorstellung darüber bilden, wie schwindelnd lange das alles her ist. Für die Zeit oder den Verlauf von Zeitmaßen hat der kurzlebige Mensch keinen Maßstab in sich. Es sind uns Organe zur Auffassung von Licht und Laut gegeben, wir können uns Form und Stofflichkeit der Dinge, Wärmegrade durch das Gefühl, verschiedenartige Wahrnehmung aneignen, wie man auch einen Sinn für Gleichgewicht hat; wir können die Zusammensetzung der Stoffe schmecken, ja, sie auf ziemlich große Entfernung durch ihren Geruch unterscheiden, eine Reagenz, so haarfein, daß die Chemie keine feinere hat; ich weiß nicht, ob man einen Duft wiegen kann, aber es gehören sicher besonders genaue Instrumente dazu; der Zeit gegenüber aber haben wir nur eine vage, erfahrungsmäßige Gewißheit, daß sie »geht«. Primitive Menschen haben eine andere Zeitvorstellung als moderne Menschen, eine gewisse Entwicklung macht sich auch hier geltend. Zu verschiedenen Zeiten fassen wir die Zeit verschieden auf, in der Jugend sind wir in ihr, der Ewigkeit, solange sie dauert, die Zeit geht, hinterläßt aber keine Eindrücke; mit dem Alter verliert alles an Dauer, dafür erscheint der Augenblick reicher, kostbarer, läßt sich aber nicht festhalten. Mathematik, Zahlengrößen schieben andere Figuren an Stelle der Zeit ein, geben sie aber nicht selber.
Der innere, relative Eindruck von Zeit muß wohl vom Zustand des Gewebes abhängen. Womit man rechnet, Nacht und Tag, Umlaufszeit von Mond und Erde, das ist Almanach, Wachstum hingegen ist ein Tempo, in dem wir leben. Mit jungen Zellen und einem im Wachsen begriffenen Organismus steht man in einem anderen Rapport zum Dasein, als wenn die Erneuerung des Gewebes langsamer und absteigend ist, das Gefühl muß ein anderes sein, man erhält eine andere Botschaft aus seinen inneren Provinzen; aber die Zeit ist doch wohl die ganze Zeit dieselbe, Junge und Alte werden von derselben Zeitspanne begleitet, mit je einer bedeutend verschiedenen Auffassung von der Dauer. Die Zeit klafft im Universum, man kann damit rechnen, wie lange ein Berg braucht, um niederzuerodieren, ein Nichts im Verhältnis zu der Sonne und den Perioden der Sterne – was ist Zeit? Alles in allem gibt es weder Jugend noch Alter in dem, was wir Zeit nennen, es gibt ein Vorher und ein Nachher, eine Zeitfolge, die durch die Beobachtung des Aufstiegs und Verfalls der Dinge entsteht. Betrachtet man eine Funktion derart, so kann man die Zeit auf dem, was sie auch sein mag, beruhen lassen. Jedenfalls ist hinterher weder mehr noch weniger als hinterher, sei es nun kurz oder lange. In ihrer Verlängerung gesehen ist selbst die unendliche Linie nur ein Punkt. Eine innere Anschauung empfindet entschwundene Zeit ebenso nahe wie gegenwärtige.
Soll man aber die Entwicklung und ihre Abhängigkeit von der Zeit festhalten, so ist es notwendig, mit den großen Zeiträumen als einer Realität, einer Bedingung zu operieren, genau so lange müßten Aufstieg und Verfall fungieren, damit wir uns die Formen und ihre Umbildungen erklären könnten.
Macht man sich unmittelbare, elementare Vorstellungen von der Entwicklung, so fällt in die Augen, daß alle die frühesten Stufen noch neben den spätesten innerhalb ganz derselben Zeit existieren; man kann sich an einem Sommertage von der ganzen Stufenreihe auf einmal umgeben fühlen.
