Himmerlandsgeschichten - Johannes Vilhelm Jensen - E-Book

Himmerlandsgeschichten E-Book

Johannes Vilhelm Jensen

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Beschreibung

"Himmerlandsgeschichten" ist eine 1898 erschienene Sammlung von zwölf Erzählungen des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet "Himmerlandsfolk". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Himmerlandsgeschichten

EinleitungEine HerbstnachtDie SiebenschläferDreiunddreißig JahreAndreas OlufsenJensDonnerkalbWotan auf der HeidenDer stille MogensSonntagmorgenStilles WachstumAne und ihre KuhKirstens letzte ReiseImpressum

Einleitung

Johannes V. Jensens Wiege stand im »Himmerland« (was dasselbe ist wie Kimberland, Land der Cimbern). Es ist das ein plateauartig-hügeliges Gelände im nordöstlichen Jütland zwischen Kattegat, Limfjord und Mariager-Fjord. Die Cimbern, jener wanderfrohe Stamm, der in die entferntesten Gegenden Europas vordrang, im Verein mit den Teutonen im Jahre 101 v. Ch. 80 000 Römern den Garaus gemacht haben soll und der, nachdem er im Jahre 101 v. Ch. im Kampfe gegen die Römer bis auf den letzten Mann gefallen war, nur durch den in der Heimat zurückgebliebenen Rest vor dem völligen Verschwinden vom Erdboden bewahrt worden war, jener wandernde Kriegerstamm mit dem Expansionstrieb in die Ferne, mit der Sehnsucht nach dem Süden, mit der heimatlosen Unrast im Blute, mit der Begier nach neuem Land und neuen Möglichkeiten: die sind die Ahnherren Johannes V. Jensens und aller seiner Gestalten – sie sind die versunkene Heldenwelt, über die die wilde Schwermut der jütländischen Heide graue Romantik breitet.

Schon die ersten Anfänge der dänischen Poesie haben in Märchen und Volksliedern jütländische Lokalfarbe benutzt. Aber poetisch ganz entdeckt wurde diese dänische Landschaft erst durch einen der eigentümlichsten dänischen Dichter, durch Steen Steensen Blicher (1782-1848), der mit seinem Nachfolger Jensen manche gemeinsamen Züge hat. Beide vermögen entsetzliche Geschichten mit unbewegter Miene zu erzählen, beide teilen mit trockenem Grimm ihre Hiebe aus. Beiden ist die Gabe verliehen, majestätische Eintönigkeit, das nie schweigende Surren, Sausen, Brausen der Vergänglichkeit mit dem Ausdruck beweglicher Mannigfaltigkeit zu vereinen. Und Blichers Jägerauge richtet sich genau wie das seines jüngeren Bruders in Apoll weniger auf die Erde, als auf die Luftphänomene, auf den Horizont. Der eine wie der andere sucht durch Lautmalerei und Natursymbole zu wirken, und ihre Bilder haben die große, lange Linie der jütländischen Landschaft. In einer Dichtung »Die Reise durch Jütland« beschreibt Blicher wie hier Ruinen einer alten Burg schimmern, dort das trockene Gras auf kahlen Äckern flattert »wie spärliches Haar auf dem wackelnden Kopf eines Greises«. Der Wildentenzug pfeift über niedrige Wiesen, die Sonne geht auf über dem braunen Revier. Der Rehbock guckt über den Hügelkamm, auf einer Erhöhung sitzt der Hase und blinzelt, der Birkhahn girrt, und das Herz des Jägers klopft, – alles wie durch Nebel. Das Werk macht den Eindruck, als ob ein Mensch seine Heimat sucht, sie aber nicht finden kann. »Ein solches Gefühl der Heimatlosigkeit war in der harten Zeit der Jahre 1810-1820 gewöhnlich in der dänischen Literatur,das ideale ›Dana‹ oder der ›Norden‹ existierte nicht mehr und das neue, ein armes, kleines Land, war noch nicht da. Die Nation war geistig obdachlos.«

Aber Johannes V. Jensen fühlt sich als Jütländer doch nur insofern, als er sich zugleich als eine Art Engländer auffaßt. Und insofern die Engländer Weltherrschaft betreiben, ist er Kosmopolit und Pangermanist. Als ein Gote, der von der jütländischen Halbinsel stammt, hat er sich in einen bewußten Gegensatz zu den nicht-jütländischen Dänen, den dänischen Inselbewohnern, gestellt. Er meint, daß nicht nur Landschaft und Dialekt und geschichtliche Tradition, sondern auch die Lebensanschauung den Jütländer scharf unterscheide vom Bewohner der dänischen Inseln und in fast allen wesentlichen Dingen den Engländern ähnlich mache. Mit dem englischen Imperialismus teile der Jütländer den Sinn für den agrarischen Wert der Erde, der nicht, wie der dänische Inselbewohner stets gemeint habe, vom patriotischen Wert abhängig sei. Im Gegensatz zu dem gefügigen Inseldänen hätte der auf Unabhängigkeit trotzende Jütländer stets in Opposition zur Krone gestanden. Seine Sympathien seien weder norwegisch noch schwedisch noch deutsch, sondern, wenn auch kaum bewußt, englisch: »Der Jütländer stand stets vaterlandslos in Dänemark.« Und wenn die dänischen Inseln einst in Deutschland aufgehen würden, dann werde der Jüte auswandern und sich auf – englischem Gebiete niederlassen.

Vom Standpunkte der jütländischen Vaterlandslosigkeit« hat Johannes V. Jensen in Dänemark die sogenannte »jütländische Bewegung« entfesselt. Man hat darunter eine bestimmte, von jütländischen Schriftstellern eingeschlagene Literaturrichtung zu verstehen. Im Anschluß an seine Theorie des Gotentums behauptet das Oberhaupt allerdings, daß diese Richtung weder ausschließlich literarisch noch jütländisch sei, sondern daß es sich um eine universelle Geistesrichtung handle: um die Erweiterung des Provinzbegriffes Jütland, bis er sämtliche gotischen Völker umfasse. »Mit der jütländischen Bewegung tritt Dänemark in das Kulturniveau ein, das für die ganze Welt gilt, historisch, politisch und literarisch.« Dänemarks Geschichte hätte 1534, als der Bauernstand aus der Herrscherkaste in die der Sklaven sank, ein Ende gehabt. Dänemarks Geschichte sei zum Lande hinaus gewandert und sei in England, Amerika, Australien zu suchen – »insofern als die Geschichte jedes aufgeklärten Menschen die Geschichte seiner Rasse ist ... Die Geschichte unserer Rasse verzweigt sich auch über Deutschland, teilweise über Rußland, Finnland, Frankreich, Italien, Spanien, Afrika, Indien, kurz: über die ganze zivilisierte Welt ... Dänemarks Geschichte ist im Auslande wiederauferstanden ... draußen in der Welt hat die Rasse die große Demokratie etabliert, die nicht nach geographischen Grenzen fragt ... Die jugendfrischeamerikanische Republik, die eine Bauernkultur im Großen ist, ein auf der Selbständigkeit jedes einzelnen ruhender Eisenstaat, das gewöhnliche Volk im Blütestand, fügt sich als ein echtes Glied in unsere gesamte Geschichte ein ... Unsere ›Kirchspielgeschichte‹ läßt sich also zur Universalgeschichte der Völker erweitern ...« Politisch gesehen sei die jütländische Bewegung insofern universell, als sie demokratisch sei; und literarisch sei sie es insofern, als sie mit mächtigem Naturgefühl die Instinkte der Rasse behandele, eine Freistatt der Urtriebe sei und die heidnische Majestät der Volksseele stets hinter aller Konvention und Erziehung hervorschimmern lasse.

Für diese Art Poesie findet der Dichter zum Teil noch seinen Stoff bei dem jütländischen Bauernadel, den erbeingesessenen, alten Bauerngeschlechtern auf den einsamen, entlegenen Höfen, wo man zäh an den primitiven Sitten und Gebräuchen der Vorväter hängt, wo dunkler Abenteuerdrang und die eine oder andere Form nordischen Berserkertums oder grotesker Größe sich den Ausgleichungsversuchen moderner Zivilisation entziehen. Den ersten vollständigen, künstlerischen Ausdruck hat diese Welt und dieses Leben in Jensens »Himmerlandsgeschichten« gefunden, einer Sammlung von vierundzwanzig Erzählungen, die in der Heimat des Dichters einen größeren Erfolg als alle seine anderen Werke gehabt haben. Erdgeruch steigt auf aus diesem Lande der Dichterphantasie, die Kindheitserinnerungen, ethnographische und volksgeschichtliche Aperçus treffend und kunstvoll verwertet und über die alltäglichen Gewohnheiten, die rohen, plumpen Sitten, die Unbehilflichkeit, Verschlossenheit und Verschlagenheit der Bauern einen Schimmer der Poesie ausgießt. Das alte Kriegertum der nordischen Völker, ihre Mischung von Trotz und Empfindlichkeit, Gebundenheit und Gewaltsamkeit, ihr heroisches Selbstgefühl und ihre verhaltene Glut, ihr angeborener Lebensernst und ihre sich fast nur komisch äußernde Sorglosigkeit, ihre naive Verschmitztheit und ihre Lebenstüchtigkeit, ihre seelische Verschlossenheit und ihre Leidensgröße, ihr Wandertrieb und ihr Einsamkeitsgefühl – alles schließt sich hier zusammen auf jenemUntergrunde des Gotentums, auf dem Jensens gesammtes Schaffen ruht.

Christiania (Norwegen)Mens September 1907

Eine Herbstnacht

Es war vor langen Jahren, an der Aalborger Straße, oben im Himmerland. Es war gegen zehn Uhr abends. In der Schenke saßen drei Gäste. Die Schenkstube war unfreundlich, durch die offne Tür sah man in die dicke Finsternis. Die drei Männer machten viel Lärm und schrieen laut und ließen die Krugdeckel klappern. Ihre Stimmen waren von Wind und Wetter rauh geworden. Drei starke, bärtige Kerle mit hohen Schaftstiefeln, Stoßdegen und Dolchen. Damals warb man die Kriegsleute an und hieß sie Landsknecht.

Die drei Männer wollten nach Aalborg zu dem Hauptmann, von dem sie Handgeld genommen hatten. Sie hatten bereits einen weiten Weg gemacht und sollten die ganze Nacht durch weitergehn. Drum ruhten sie in der Schenke aus und tranken Bier. Wahrscheinlich das dunkle Braunschweiger Bier, das Mumme heißt. Zwei waren alte Gesellen mit schimmeligem Bart, der dritte aber war jung und schlank und kraushaarig. Seine Stimme klang hell über dem Baß der Alten, und er lachte auch mehr. Auch aus seinen Flüchen schrie seine Jugend. Die andern zwei hatten eine einzige Gotteslästerung, er aber verschwendete aus einem reichen Vorrat. Die Landsknechte redeten unanständiges Zeug, und laut und lärmend. Das machte sie so erregt und eifrig, und drum fluchte der junge Landsknecht so eilig. Das Gespräch war unanständig. Nun ja, es drehte sich eben um die Weiber. War's in damaligen Tagen doch auch nicht anders als heut.

Der junge Landsknecht prahlte mit heißen Umarmungen und legte um blasse Erinnerungen leuchtende Lobeskränze. Und wob das seidene Band der Wehmut hinein und schnalzte herausfordernd mit der Zunge dazu. Die zwei Alten saßen an ihrer Tischkante und gaben ihre Zweifel durch breites Gelächter zu erkennen.

Als sie am lautesten schrieen, kam der Wirt herein und bat sie ergebenst, die Stimmen zu dämpfen.

»Nix für ungut – aber, i hab halt a Kind, a krank's Kind; das kann den Lärm nit vertrag'n.«

Er bat in aller Sanftmut, um die Gäste nicht aufzubringen.

»Was hat denn dein Kind?« fragte einer der Landsknechte leiser.

Der Wirt dachte an die heilige Schrift und sagte feierlich, das Kind habe die fallende Sucht.

»Au!« sagte der junge Landsknecht, schnalzte mit den Fingern und drehte sich auf den Fersen um.

Dann sprachen sie leiser. Gegen elf Uhr zahlten sie ihre Zeche und setzten ihren Marsch fort. Als sie hinauskamen, hatte der Regen aufgehört, und der Mond schien auf den feuchten, weichen Weg.

Der junge Landsknecht war der letzte. Als er an einem der Fenster des niedrigen Hauses vorbeikam, sah er, daß drinnen Licht war. Eine Tür ging auf und der Wirt trat mit einem Licht in der Hand in die Stube. Die war klein. Im Bett lag jemand – der Landsknecht sah ein längliches, blasses Gesicht'l mit dunklem Haar um zwei dunkle Augen – ein verkümmertes Mädchengesichtlein. Er schritt am Fenster vorüber.

›Wird wohl die Kranke sein,‹ dachte er bei sich und eilte den beiden andern nach.

Der Wirt war Witwer und hatte nur diese einzige Tochter. Sie hieß Lisbeth. Sie war krank und elend, schon seit dem Frühling. Sie war ja nie sehr gesund gewesen; jetzt war sie sechzehn Jahr alt. Älter wurde sie wohl kaum.

Nachdem der Vater sie ein Weilchen betrachtet hatte, entfernte er sich, legte die große Stange vors Tor und verriegelte Türen und Fenster. Dann ging er zu Bett.

Es war ganz stille im Haus und draußen im Freien; das Haus lag auch abseits an einer öden Stelle der Landstraße.

Lisbeth hörte nichts andres als den Wind. Der hatte sich hier und dort einen Spalt im Hause ausgesucht und sang und pfiff drin – unaufhörlich – und sang und pfiff. Langsam stieg der Ton und stieg auf zu einer dünn singenden Klage, fiel ab und koste allein mit sich selbst in heimlichen Tiefen und erhob sich wieder und riß sich mit einem wilden Ruck auf die höchste Höhe seines einsamen Jammers – und fiel und verklang – trostlos.

Der Wind zauste am Stroh, das auf dem Dachfirst aus dem Rasen hervorstach; und dann legte er sich wieder weich an die Fensterscheiben. In langen Pausen fielen vom Vordach einsame Regentropfen auf die Steine hinab.

Lisbeth lag und dachte an das große, wilde Gesicht, das durch die Scheibe zu ihr hineingeschaut. Sie hatte sich so sehr gefürchtet ...

Es war wohl einer von den Gästen gewesen, die in der Schenkstube den wüsten Lärm geschlagen hatten. Nun schritten sie draußen auf der einsamen Straße durchs nachtdunkle Land und waren wohl schon weit fort. Sie mußten ja in den Krieg.

Lisbeth richtete sich leise auf, beugte sich vor und schaute in die Nacht. Dunkle Wolken fegten über den Mond, der auf den feuchten Weg schien. Ein Stückchen weiter verschwamm die Erde in der Finsternis. Die Mondnacht war kalt und traurig. Lisbeth war's, als sähe sie den Wind über die nasse Heide hinfahren, weil sie sah, daß die Wolken von dannen trieben.

Das Kind fiel matt in die Kissen. Die Leere der Nacht umgab Lisbeth, und die Zeit war voll von dem kläglichen, wehen Pfeifen des Windes in den undichten Türen. Gedanken tauchten auf in ihrem Kopf wie Graskeime in unfruchtbarem Land, wie Blasen, die aus dem Munde eines zarten Kätzchens hervorrollen, wenn es hilflos schluckt. – – Lisbeth lag und sann – – hier hatte sie eines gehört, dort das andre aufgeschnappt – – von Nachbars Grete und in der Schenkstube.

Zwischen hinein dachte sie an den Kriegsmann, dessen großes Gesicht sie gesehn hatte. Und ihre Seele sproßte wie eine kranke schwache Lilie, nicht weiß, sondern bleichgrün.

Lisbeth wachte still und sah in die Nacht hinaus und atmete lautlos.

Der Wind pfiff unaufhörlich; sie hörte ihn nicht in ihren wirren, bangen Träumen.

Als die Nacht vorgerückt war, richtete sich Lisbeth lautlos auf, ganz vorsichtig und stützte sich auf den einen Arm. Sie horchte lange. Da alles totenstill blieb, glitt sie wieder zurück, strich zögernd die Decke zur Seite und lag nun da in dem schwachen Mondlicht – abgezehrt und ärmlich – fahl schimmernd wie eine weiße Rose, die halb geöffnet welkt und sich zur Erde beugt.

Lisbeth hustete, kroch wieder unter die Decke, lag still und starrte hinaus, bis der Mond verschwunden war und der morgende Tag durch die Wolken schimmerte.

Auf der Landstraße waren die drei Knechte rüstig gegen Norden marschiert.

Sie kamen bald an eine Furt und durchwateten mit ihren festen Stiefeln gemächlich das niedrige, plätschernde Wasser. Sie kamen in ein Tal und über eine Anhöhe. Immer weiter.

Als sie eine Meile Wegs von der Schenke entfernt waren, gerieten sie in Streit. Es mag wohl etwas gewesen sein, was für Landsknechte von Wichtigkeit ist. Einer der beiden Alten stritt mit dem Jungen. Der hieß Jörgen.

Sie schimpften brav und fluchten aus vollem Halse, daß es Schwefel und Gift regnete. Zuletzt zogen sie ihre Waffen und fielen übereinander her.

Sie fochten neben dem Weg im Heidekraut. Der dritte sah zu.

Jörgen war erbittert und fest entschlossen, den Gegner zu töten. Da faßte ihn ein grenzenlos unvernünftiges, naturwidriges Gefühl – er gab nach und sah sich plötzlich ungedeckt – er sah die verdammte Spitze – einen Augenblick dachte er mit Aufgebot all seines Willens an ein gnädiges Schicksal – in derselben Sekunde fühlte er die Spitze blitzschnell durch die Kleider dringen. Ein Stich, ein eisiges Schneiden, ein qualvoller Schmerz tief durch den ganzen Rücken – da wollte er sich zur Seite beugen, sein Wille wurde in dem Augenblicke frei. Aber in demselben Augenblicke verloren seine Beine alle Kraft, er stürzte zu Boden. Als der Alte die Klinge zurückzog, krümmte er sich und schrie kurz auf.

Die beiden andern zogen ihres Weges weiter gegen Nord und ließen den Verwundeten mit dem tödlichen Stich durch die Lunge liegen.

Jörgen verstand nicht recht, was geschehen war. Er sollte sich plötzlich mit dem fremdesten und unmöglichsten aller Gedanken vertraut machen. Als er sich seiner Lage klar bewußt wurde, fühlte er, wie eine große Veränderung sich in ihm vollzog. Er war wie umgeschaffen. Schnell hob er sich ein wenig – der Schmerz war unerträglich. Er schob die ganze Begebenheit von sich und starrte den beiden Gestalten nach, die in der Dunkelheit verschwanden. Mit offnem Munde saß er da. Es schien ihm alles völlig unglaublich.

Ja, gingen sie wirklich von ihm? ohne sich auch nur umzuwenden? – Jörgen raste vor Zorn – seine Augen waren wie geblendet.

Er fiel zurück ins Heidekraut und krümmte sich vor Schmerz. Der biß im Körper und tobte. Jörgen erhob sich wieder ein wenig. Da fühlte er, wie sich ihm die Kleider vom Leibe lösten, während sie vorher daran festgeklebt hatten. Zum Teufel – er war ja über und über blutig – pfui – wie das Blut ins Heidekraut rann. Er wollte sein Wams aufknöpfen – die Arme waren ihm steif wie vor Kälte. Da wurde er fast toll vor Schreck. Er sah wirr in der Finsternis umher – er konnte es nicht glauben.

Er lag am Fuß einer kleinen Anhöhe. Plötzlich war's ihm, als müßte er hinauf zur Spitze. Er kroch und kroch und gelangte endlich hinauf. Unterwegs wurde er demütig – so kraftlos war er.

Oben sank er ganz zusammen. Da wünschte er alles zum Teufel. Er lag ganz still auf dem Rücken. In seiner Brust tobte der gräßlichste Schmerz. Dabei empfand er, wie gut sein müdes Bein nun ruhte.

Jetzt, da er so still lag, begann er über die Dinge nachzudenken.

Er hörte den Wind, der über die Spitzen des Heidekrauts hinstrich, ein wenig die steifen Zweiglein schaukelte, von ihnen abfloß und zu Geflüster sich dämpfte. Die Wolken fegten am Mond vorbei, das war ja nichts Ungewöhnliches. In Jesu Namen – jetzt war es Ernst – jetzt ging's zu Ende.

Er wuchs auf zu einer einzigen jammernden Anklage.

Dann war er wieder vernünftig und dachte – eifrig, eilig – er mußte mit so vielem fertig werden. Aber in der Hast stolperte alles durcheinander – kleine Gedanken flogen herbei, kleine Erinnerungen, in hitziger Verwirrung. Ein Krampf packte die wunde Brust und verjagte die Gedanken. Jörgen ächzte leis.

Und grad hier sollte das Ende kommen – da war also alles andre nutzlos gewesen, dünkte ihm. Sein ganzes Leben ein Nichts im Vergleich zu dieser Stunde. Da lag er und hörte eine Ewigkeit lang den Wind über das Heidekraut hinrauschen und schnauben und seufzen.

In Rendsburg unten war er gestanden und hatte ein Glas Wein getrunken – da fiel ihm der Hut hintenüber – seine Tonpfeife ging auch in Stücke damals im Wirtshaus – wozu war denn das alles? Warum hatte er sich so geplagt bei dem Waffenschmied in Lübeck? Warum denn seinen Bart gepflegt und jeden Tag sehnlich gewünscht, er möchte doch länger werden. Wozu war denn das Blut in ihm, wenn es nun doch ausfließen sollte? Er hatte eine wahnsinnige Lust zu lachen – gerade so, als ob er einen tüchtig angeführt hätte, der sich seiner so recht angenommen – als ob er mit seinem Tod irgend einem ein Schnippchen schlagen würde. Und sogleich kam ihm dabei Gott in den Sinn, und er fing an zu flüstern und zu ihm zu beten.

Der Wind kam vorbei und trug sein Flüstern ein paar Schritte weit – wob es zusammen mit dem Rauschen des Heidekrautes und dem Ton der Nacht. Dann zerstreute er das ganze und fuhr weiter.

So starb Jörgen, der Landsknecht, einsam im Heidekraut. Der Mond schien auf sein weißes, starres Gesicht – sein rundes Lächeln antwortete dem Ausdruck fragender Angstrufe, dem Bild von Not und Verlassenheit.

Jörgen lag still auf dem Rücken. Wenn man nicht zu weit stand, konnte man ihn für einen länglichen, grauen Stein halten. Das Heidekraut deckte ihn nur halb, die struppigen Spitzen nickten und schaukelten. Die Wolken hatten fahlgelbe Ränder und trieben unterm Monde vorbei. Das Land lag öde und von Menschen fast verlassen – seine flachen Wölbungen waren mit ärmlichem Heidekraut bekleidet.

Auf seiner langen ziellosen Wanderung kam der Wind auch hierher und strich übers Land, schnupperte am Heidekraut, betastete das Haar des Landsknechts und fuhr dann weiter und suchte nach einer Türspalte. Drin sang und pfiff er dann.

Die Siebenschläfer

Die jüngeren Burschen von Keldby trieben sich am Neujahrsabend im Dorfe umher und schlugen nach altem Brauch Töpfe an den Haustüren entzwei: An mehreren Türen hatten sie sich schon einfangen und traktieren lassen, so daß sie vielleicht schon etwas angeheitert waren, als sie auf den Gedanken verfielen, dem ›Oberhof‹ einen Besuch abzustatten.1

Mit den Leuten dieses Bauernhofes jenseits des Sees hatten sie schon lange ein Hühnchen zu pflücken. Als sie nämlich im vergangenen Jahr auf dem Oberhof gewesen waren, um Neujahrsulk zu treiben, da hatte man sie schändlich behandelt. Sie waren damals allerdings mit einem groben Spaß gekommen, denn gerade als die Oberhofleute in weichster Heiligabendstimmung bei ihrem Abendbrot, der süßen Grütze, saßen, wurde die Küchentür aufgerissen und hinein flog ein riesiger Färbekessel voll trockener Asche und landete mitten auf dem Tische, wo er zersprang und seinen Inhalt in jeden Winkel der Stube wirbelte. Vor Husten und Empörung konnten die Oberhofleute erst gar nichts unterscheiden, sie tasteten sich in der Aschenwolke ängstlich vorwärts, bis sie endlich den Ausgang fanden, und da hatten sie wirklich gar kein Verlangen, den Burschen aufzuwarten, sie mit Speise und Trank zu bewirten, – sie bewaffneten sich vielmehr mit langen Peitschen, ein jeder nahm sich einen riesigen Dreschflegel dazu, und so setzten sie den Kerlen nach, die ja natürlich, sobald sie nur den Färbekessel in die Stube geschmissen hatten, eiligst davongerannt waren. Die Oberhofssöhne, die rascher zu Fuß waren, als die Burschen gedacht hatten, holten die Missetäter unten am See ein und bedrängten sie so hart, daß ihnen weiter nichts übrig blieb, als ein Stück ins Wasser hinauszuwaten. Nun waren die Burschen, die am Neujahrsabend auf alles mögliche gefaßt sein mußten, alle in ihren langen, ledernen Schaftstiefeln, oder in Holzschuhstiefeln, und die Oberhofssöhne waren nur in ihren Strumpfsocken und Holzpantoffeln, so daß sie die Burschen im See nicht erreichen konnten. Aber wie es so in ihrer Natur lag, ließen sich die Oberhofssöhne schön Zeit und blieben ein paar geschlagene Stunden am Rande des Sees stehen und richteten sich recht bequem fürs Warten ein. Es war eine bitterkalte Nacht, beinahe Frostwetter, so daß die Burschen arg zu frieren begannen da draußen, wo ihnen das Wasser hoch an den Stiefelschäften hinaufstand.

Die Oberhofssöhne, just als wollten sie sich ein wenig Zerstreuung schaffen und sich warm halten, verfielen auf die Idee, mit ihren Peitschen und Knüppeln auf die Oberfläche des Wassers zu schlagen und das Wasser zu trüben, und da der Wind vom Lande herkam, spritzte das Wasser an den Burschen hinauf und durchnäßte sie. Darüber wurden sie wütend und fluchten; aber statt Mitleid mit ihnen zu haben, holten die Oberhofssöhne große Steine und Erdklumpen, die sie, so weit es ging, ins Wasser hinauswarfen, und es dauerte nicht mehr lange, bis die armen, bis auf die Haut durchnäßten Burschen anfingen, sich zu beklagen. Die Oberhofssöhne hatten so schöne Zeit und konnten leicht bleiben, wo sie waren. Da müssen die anderen sich schon bequemen, um Vergleich zu betteln; seit diesen Feiertagen wurden sie dafür überall zum Narren gehalten. Nun wollten die Burschen sich aber rächen. In der ausgelassenen Stimmung, in der sie sich befanden, faßte einer von ihnen einen schändlichen Plan, dessen Ausführung sie alle miteinander in Angriff nahmen. Sie hatten eine solche Freude dran, daß sie vor Vergnügen krumme Buckel machten wie die Kater.

Aber um den Spaß zu verstehen, muß man etwas besser über den Oberhof und seine Leute Bescheid wissen. Der Oberhof war ein altes, altes Bauerngut, nördlich vom Keldby-See, das ganz einsam auf der Anhöhe lag. Auch in früheren Zeiten hatte es etwas abseits gelegen, als noch das alte Bauerndorf, das jetzt bis auf die Spuren der kleinen, eingefriedeten Grasanger, der Krautgartenraine mit den Hagedornbüschen und dem alten, verkrüppelten Blumengestrüpp fast verschwunden ist, sich weiter westwärts befand. Das heutige Keldby am östlichen Seeufer ist ein ganz neumodisches Dorf, das sich, seit die neue Landstraße angelegt wurde, immer mehr und mehr entwickelte. Die Leute auf dem Oberhof aber wollten die Erde ihrer Väter nicht verlassen, sie blieben auf dem uralten Wohnplatz sitzen und führten die alten Bräuche weiter bis in eine Zeit, die sie nicht mehr verstand. Sie hatten ja immer für sich gewohnt und fühlten sich weder durch die Unruhe auf der neuen Landstraße, noch durch die vielen verstiegenen Ideen des modernen Keldby in Versuchung geführt. Der Oberhofbauer war übrigens ein sehr wohlhabender Mann.

Die Schläfrigkeit der Leute und die unbeschreibliche Langsamkeit auf dem Oberhof war fast sprichwörtlich geworden. Wo nur irgend Gelegenheit zum Schlafen sich finden ließ, wurde sicher geschlafen. Da viele Söhne und Töchter in der Familie waren, wurde kein Gesinde gehalten; sie brauchten daher auch nur auf sich selbst Rücksicht zu nehmen. Das war ein ewiges Gähnen und schneckenhaftes Dahinschleichen, wenn etwas getan werden mußte. Unter der Mütze sah ihnen stets Bettstroh und Federflaum hervor; sie schüttelten sich zu jeder Zeit, als ob sie nicht ausgeschlafen wären und deshalb frören; ja sie taten's auch wenn sie gerade von ihrem letzten Nickerchen kamen. Sie krochen nur so über die Erde hin, so matt und schlaftrunken waren sie. Selbst im Stehen begannen sie mit den zusammengekniffenen Äuglein zu blinzeln; wenn man sie anredete, kitzelten sie sich an den Armen, als ob sie gerade aufgewacht wären und sich erst besinnen müßten, wo sie eigentlich wären. Während sie bei Tische saßen und ihre Mahlzeit schluckten, hätte man ihnen ruhig einen Finger in die Augen stecken können. Die Leute gingen wohl auch und pflügten und taten die übrigen Verrichtungen des Tages; aber 's war alles wie in einem langen, schweren Traum oder wie wenn sie der Alp drückte. Den Sommer über war der ganze Hof wie ausgestorben; da lagen die Leute rings umher im Freien und schlummerten, und ließen ihre Leiber vom Sonnenschein rösten. Dann lag der alte Bauer in seiner vollen Länge an der Hausmauer, ein Sohn in der Ecke beim Schleifstein, ein anderer auf dem Boden eines Wagens, ein dritter, als hätte er sich nicht weiter zu schleppen vermocht, quer über der Oberschwelle der Tenntüre; und so schliefen sie und drinnen im Hause lag die Frau mit den Töchtern und alle schliefen, obgleich ihnen haufenweise die Fliegen auf den Augenlidern herumkrabbelten. Man sagte, daß während des Sommers die Kleidung der Oberhofleute nur auf dereinen Seite ausgeblaßt wäre, da die Faulenzer immer auf der andern drauf lägen. Sie sahen auch anders aus als andere Menschen, weil sie nie wach waren. Der Oberhofbauer selbst hatte hinter den Ohren große Gewächse wie Hummerscheren, die ihm im Schlaf gewachsen waren. Auch die Frau hatte eine große Fettgeschwulst auf der einen Backe. Das Fett dieser Menschen wanderte ja umher, während sie selbst wie tot dalagen und setzte sich an ihnen fest, wo es wollte. Alle Söhne waren auffallend behaart, an Stellen, wo andere Leute kein Haar haben, auf der Stirn und an den Ohren. Aber das soll ja Reichtum bedeuten, wenn anders es nicht davon kommt, daß einen, als sei man ein offenes Brachfeld das Unkraut im Schlaf überwächst. Die großen, starken Kerle boten einen wunderlichen Anblick, wenn sie sich bewegten, zum Beispiel wenn sie die Pferde anspannen wollten: eine Stunde konnte so was dauern. Wenn es dann getan war, hatten sie vielleicht vergessen, weshalb sie es taten und mußten wieder ausspannen und hingehn und es überschlafen. Das Kinn auf einem Schaufelstiel, konnten sie während eines Gewitters stehend einschlafen; sie hatten Schlupfwinkel rings auf dem Felde und zu dem nächstgelegenen nahmen sie ihre Zuflucht, wenn sie schläfrig wurden.

Waren nun die Oberhofleute selbst so rückständig und schwerfällig, so war das Gut und der Bestand nicht weniger altväterisch. Die Gebäude waren von recht vorgeschichtlicher Art, mit lehmverklebten Mauern und einem, fast auf die Erde reichenden Schirmdach. Holzpflüge und derartige alte Werkzeuge, die nirgends anders mehr verwendet wurden, hatte man hier noch im Gebrauch. In der letzten Zeit war jedoch statt der Sichel, die dem steifen Körper mit der Zeit allzuviel Beschwerden gemacht hatte, eine tüchtige Sense angeschafft worden; aber es war ein Jammer zu sehen, welche Talente da in der Führung des neuen Mähapparates entfaltet wurden. Wie alles andere auf dem Hof, war auch das Vieh von einer veralteten und schlechten Art, mit kleinen zottigen Köpfen, ohne Milchergiebigkeit; es fanden sich auch einige im Wachstum zurückgebliebene Mähren; die hatten den Speichelfluß, und an den Beinen alle möglichen Fehler. Den Oberhofleuten war jedoch das alles gut genug, denn die Lebensweise auf dem Hofe war ganz den Dingen entsprechend. Die Menschen da oben waren nicht anspruchsvoll. In dem großen Topfe, den die Hausfrau im offenen Schornstein an einem Haken hängen hatte, kochte selten etwas anderes als grauer Roggenbrei, jenes ewige Gericht, jenes Jahrhunderte alte Diätetikum unserer Vorväter, während eines in Armut und Knechtschaft an Ort und Stelle vertrödelten Lebens. Auf dem Oberhof war der Mehlbrei so dick und steif, daß die Hausfrau ihn an die Wände werfen konnte, woer tatsächlich kleben blieb, die Männer knabberten dann daran, – wie man erzählte. Wer diesen Roggenbrei je gesehen, hätte schon begreifen können, weshalb man auf dem Oberhof schläfrig war, und weshalb man sich nicht nach dem morgigen Tag sehnte.

Der älteste Sohn war aber doch Soldat gewesen. Wie es ihm dabei ergangen war, das war eine ganze Geschichte. Er weinte salzige Tränen, als sie ihm bei der Aushebung das Hemd auszogen, und er war und blieb untröstlich von dem Tage an, wo er eintrat, bis man ihn heimschickte – riesenstark, wie er war – wegen unheilbarer Geistesabwesenheit und wegen Tränenüberlaufs. Die andern bebten, daß auch an sie die Reihe kommen könnten. Das einzige Mal, wo die Oberhofssöhne das Lachen auf ihrer Seite gehabt hatten, war die Julgeschichte vom Vorjahr, wo sie in ihrer Geduld so lange am Ufer standen und warteten, bis den Burschen draußen im See der Stolz eingefroren war. Das sollte nun ernsthaft gerochen werden.