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"Der Gletscher" ist ein 1908 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet "Bræen". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2021
Im Urwald brannte ein Feuer, das einzige auf Meilen im Umkreis. Es war an einem offenen Platz unter einer schräg überhängenden Felswand angezündet, die den Wind abhielt. Oben ging schwer der Sturm durch den Wald, die Nacht war dunkel, nicht Mond, nicht Stern. Es regnete. Aber das Feuer unter dem Felsen stieg ruhig, in klaren Flammen, von einem Haufen Reisig in die Luft. Der Schein bildete gleichsam eine Höhle in der tiefen Nacht.
Rund um das Feuer lag eine Gruppe von Menschen und schlief. Alle so nah der Helle, als sie nur konnten. Sie waren nackt. Es waren bloß Männer. Jeder schlief mit seiner Keule in der Hand oder so dicht neben sich, daß er sie im Schlaf erreichen konnte. Geflochtene Körbe mit allerhand Vorräten, Früchten und Wurzeln lagen im Gras um das Feuer herum, dessen runder Lichtkreis die Gruppe in dem wilden Wald umschloß. Ein paar Schritte außerhalb des Felsens, wo der Regen fiel und das Dunkel lauerte, schimmerten bleich die Reste eines geschlachteten zebraähnlichen Tiers, eines Feueropfers …
Bloß einer von der Gruppe war wach. Er saß beim Holzstoß, ohne sich zu regen; aber seine Augen standen keinen Augenblick still. Es war ein großer, schwergliedriger Bursch von ungewöhnlich starkem Wuchs, wenn auch noch nicht reif. Neben sich hatte er einen mächtig großen Haufen von Zweigen und Reisig, von dem er ab und zu etwas nahm, um es aufs Feuer zu legen. Wenn dies auch nur so weit sank, daß die Äußersten der Gruppe außerhalb der Lichthöhlenwand zu liegen kamen, wurden sie sofort unruhig im Schlaf. Aber es geschah nicht oft. Der Bursch hatte eine ganz eigene Übung darin, die Flamme immer gleichmäßig zu erhalten. Er wußte, wieviel Holz er hatte und wie lang die Nacht war. Ohne daß sich seine Gedanken damit zu beschäftigen brauchten, versorgte er das Feuer und saß im übrigen, einsam, ruhig, alle Sinne auf das wilde Dunkel des Waldes gerichtet. In der Linken hielt er einen Flintkeil, noch roh geformt, und wenn der Holzstoß gleichmäßig brannte oder sonst nichts seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, richtete er einen kurzen Hirschgeweihstab gegen die oder jene Stelle des Steins und stemmte nach langer und genauer Berechnung einen Splitter ab, der ins Feuer flog. Darauf untersuchte er das Resultat – wog das Stück Flint, das ein Beil werden sollte, wie noch keines Menschen Blick es gesehen hatte, in der Hand, und prüfte es mit den Augen eindringlich von allen Seiten, während er den Hirschzinken wieder ansetzte und die Lage des nächsten Splitters berechnete, der ihm die Form, die er vor Augen sah, verbarg. Über seine rohen Züge ging ein schöpferisches Leuchten, ein visionärer Schein, wie er da saß und aus demStein ein Geräte hervorlockte; er funkelte vor Klugheit, während er so probierte und sich vorwärtstastete. Aber wenn er dann einen Splitter abstemmte, legte er darein eine Kraft, die das Hirschgeweih glatt durch das Hirn eines Mannes hätte treiben können. Er strammte den Rücken, als gält es einen Berg zu heben, just wenn es sich bloß um ein Stückchen Splitter, nur ein Stückchen, handelte. Eine Waffe sollte das werden – ohnegleichen! Dicht bei seinem Knie lag das Beil, mit dem er Holz fürs Feuer hieb; ein ärmlicher Steinscherben, ohne Form und Schneide; aber es war heilig, war ein Erbteil des Geschlechts, das sein Schicksal bestimmt hatte.
Dreng hieß er. Von Geburt an war er dazu geweiht, das Feuer zu hüten, gehörte zu der hoch angesehenen und gefürchteten Familie, deren Glieder alle das Vorrecht hatten, der Flamme zu warten und ihre Opfer entgegenzunehmen.
Dies Privilegium war so alt, daß niemand so recht mehr sich seines Ursprungs erinnerte. Es ging eine ungewisse Sage von einem Mann des Stamms, der dereinst in uneigennützigem Wahnwitz den Berg gestürmt hatte, wo der Feuergeist, der knisternde Verzehrer, wohnte; und der unversehrt mit einer Flamme am Ende eines Astes zurückgekehrt war. Der Stamm warf selbstverständlich den Besessenen, den Geiern zum Fraß, auf den Aashaufen, aber das Feuer behielt man und war froh daran. Dem Unseligen, der es geraubt hatte, ward später Rechtfertigung durch einen schönen Nachruhm, indem man die Geier schützte und sie zum Gegenstand göttlicher Verehrung machte; man glaubte nämlich, die Seelen derer, die sie verzehrt hätten, wohnten in ihnen. Feuer aber und Feueropfer vererbten sich im Geschlecht jenes Mannes fort, und einer dieser Nachkommen war Dreng. Er genoß das Ansehen seines Vorfahren, war aber aus verschiedenen Ursachen ziemlich gefürchtet.
Dreng war ein Krieger. Das Feuergeschlecht pflegte sich sonst nicht durch Mannhaftigkeit auszuzeichnen; die Arbeit war leicht, und sie lebten zu gut von dem Wild, das dem Feuer geopfert wurde. Die Auserwählten des Stamms waren meist schwächliche Stillsitzer, die sich aus Mangel an Kraft mit Zauberei und sonstiger feiger Fingerfertigkeit halfen. In den meisten anderen Stämmen, von denen man zwar wußte, mit denen man aber nie in Berührung kam, ward das Feuer von den Weibern gehütet und die Arbeit als eines Mannes nicht würdig geachtet. Natürlich lag das lediglich an der Unwissenheit und dem ganzen niedrigen Standpunkt der betreffenden fremden Stämme. Schade nur, daß der mürrische Dreng die Anschauungen der fremden Wilden zu teilen schien, sich oft voll Verachtung über sein Amt aussprach und Backenstreiche austeilte, wenn man ihn darum schalt. Dreng schlug seinen letzten Vorgängern nicht nach; er unterschied sich frühzeitig von ihnen durch eine Neigung zur Einsamkeit. Das Feuer hütete er besser, als es je gehütet worden war, aber finsteren Antlitzes; er lag nicht auf dem Bauch vor dem brennenden Geist, sondern gab ihm ganz methodisch etwas zu beißen; er fällte seine Bäume für den Scheiterhaufen, als wären es ebensoviele heißersehnte Totschläge, und die Angesehenen des Stammes sahen das nicht gern. Er hatte kräftige Hände und machte die trefflichsten Waffen; aber es ziemte sich nun einmal nicht.
Schon als ganz junger Wicht hatte Dreng die für einen künftigen »Auserwählten« wenig passende Neigung gezeigt, auf die Jagd zu gehen; und das nicht etwa herdenweise mit den anderen jüngsten Jägern des Stammes, sondern ungesellig und allein; er war noch ein Knabe, als er mit einem abgebrochenen, im Feuer gehärteten Eschenzweig ein Füllen des dreizehigen Pferdes, ein andermal einen jungen Höhlenbären oder ein dralles, malvenfarbiges, noch hornloses Rhinozeroskalb erlegte und heimgeschleppt brachte. Damals sah man ihm noch durch die Finger. Aber es kam die Zeit, da ihm das heilige Brandbeil feierlich übergeben und er zu dem langen, ruhmlosen Leben eines Hüters des Feuers geweiht ward. Die sorglose Kindheit hatte ein Ende. Dreng versuchte wohl noch, wenn ein anderer der Familie den Dienst beim Feuer versah, auf ein paar Stunden in den Wald zu rennen; aber man verargte ihm seine Weltlichkeit mehr und mehr und fand Mittel, ihm nach jedem Ausflug das Leben so sauer zu machen, daß er lieber darauf verzichtete. Doch die Abenteuerlust saß ihm im Blut und suchte sich einen Abfluß in einem stark bewegten Innenleben. Er träumte sich große Dinge. Der Mangel an Erlebnissen und die Gebundenheit am Feuer machten sein Gemüt unmilde, aber weder arm noch schlecht; dazu war er zu gesund. Trotz allem erzwungenen Stilleben ward er stark wie ein Auerochs, dabei schweigsam und genügsam. So jung er war, hatte er schon eine nicht geringe Gespanntheit zwischen sich und dem ganzen Stamm zuwege gebracht. Wenn die Älteren ihn am Tatenverrichten hinderten, so konnte er sie zur Entschädigung dafür auch ein bißchen aufstacheln! Und Dreng errichtete Holzstöße, die den Schlafenden die Fußsohlen versengten und das ganze Lager aufzufressen drohten, oder auch er räucherte sie ein, daß sie sich fast den Hals zerrissen vor Husten. Der Stamm mußte sich notgedrungen in seine groben Scherze finden; aber beliebt war er nicht. Man lebte in einem Idyll und wünschte nicht daran gemahnt zu werden, daß es überhaupt anderes gab. Nichtsdestoweniger hätte Drengs Schicksal so ziemlich ähnlich dem allgemeinen verlaufen können, so trotzig er auch von Natur war; die Zeit hätte seineKräfte in Bitterkeit wandeln können, so daß er für seinen Stamm die Geißel geworden wäre, die dieser verdiente, und das Fett der großen Opferschmäuse hätte sich dereinst wohl auch, mit Hilfe der Jahre, ihm aufs Herz gelegt.
Aber das Idyll war nicht mehr so ungestört. Schon längst hatte das Urvolk gemerkt, daß das Dasein um sie her sich veränderte. Sie hatten keinen festen Wohnsitz mehr, sondern hatten angefangen zu wandern. Der Wald bot nicht mehr Raum, wie einst, gab keinen Schutz mehr, begann selbst Not zu leiden. Es lag etwas in der Luft, das Jahr um Jahr gefährlicher geworden war und nun anfing, alles Lebendige zu bedrohen. Kälter und kälter war es geworden. Der Regen wollte kein Ende nehmen. Die Kälte, was war das? Wer war das? Woher kam es?
Daran dachte Dreng, während er einsam beim Feuer saß und die andern schliefen; und der Knabe nahm es sehr ernsthaft. Er begriff, daß die Existenz des Stammes bedroht war. Er entsann sich noch der Zeit, da die Leute drüben, auf der Nordseite des Gebirges, wohnten; er erinnerte sich noch des Jahres, da es zu kalt geworden war, und sie über den Paß auf die Südseite zogen. Seitdem waren sie jedes Jahr weiter gezogen, und jetzt wohnten sie mehrere Tagereisen südwärts von der Stelle, wo Dreng beim Feuer saß und sich über dies stete Zurückweichen ängstigte.
Der Stamm mit Weibern und Kindern wohnte in einem viele Meilen weit entfernten Tal, wo noch Palmen und Brotfruchtbäume gediehen, und die Gruppe hier um das Feuer war bloß eine Expedition, die nach den verlassenen Wohnstätten heraufgesandt war, um zu holen, was noch etwa an Früchten und Wild in den alten Hainen zurückgeblieben war.
Hier, an der Felswand, hatte der Stamm ein Jahr lang gehaust, bis er nichts mehr zu leben gehabt hatte. Dreng sah noch die Spuren der Laubhütten, die Regen und Sturm über die kalte Erde geweht hatten. Hier, auf der schlammigen Lichtung vor dem Felsen, hatte er die kleinen, flaumhaarigen Kinder des Stamms mit Federn spielen sehen, die sie in den Sonnenschein hinausbliesen und wie Vögel zwischen den blühenden Sträuchern fliegen ließen. Jetzt war alles öde, und die nackten Steine starrten aus dem Erdboden, der vom endlosen Regen ausgewaschen war.
Aber der Stamm nahm den Rückgang mit Fassung, wenn er im großen und ganzen überhaupt darauf aufmerksam wurde. Nun ja, also mußte man eben weiter nach Süden ziehen, wenn im Norden der Wald keine Deckung mehr gab. Wenn die Bäume ausstarben und die Nahrung ausging an dem Ort, wo man sich niedergelassen hatte, so brach man eben das Lager ab und wanderte anderswohin, wo es besser war. War nicht in der Richtung nach Süden Platz genug? Der einzige, dem das nicht behagte, war Dreng. Er folgte seinem Stamm, wich mit ihm zurück von Tal zu Tal; aber er tat es widerwillig. Ein Zwang lag darin, der sein Gemüt verhärtete. Wie lang sollte dies Zurückweichen noch fortgehen? Sollte es immer so fortgehen? Sollte man nicht doch einmal Kehrt und Front machen gegen die Kälte, die Zähne fletschen gegen diese stumme Macht, die da angefangen hatte, alles starr und welk zu machen? Diese Kälte, die nie sichtbar ward und die rettungslos behielt, was sie einmal gepackt hatte? Was nützte es, immer in ewiger Sorglosigkeit weiterzuleben, wenn man jedes Jahr seine Sicherheit noch ein paar mühselige Meilen weiter südwärts über den Bergen suchen mußte? War es nicht besser, gleich die Streitaxt zu zücken und in offenem Kampf zur Verteidigung überzugehen?
Derartiges ungefähr empfand Dreng jede Nacht, während er, ein Glied der freudlosen Expedition hinauf in die Kälte zu den ehemaligen Wohnstätten des Stamms, am Feuer saß und Wache hielt. Und es stachelte ihn auf zum Handeln, zu mörderischem Tun; freilich ohne daß er sich das klar machte. Er war ein Urmensch, mit starken Trieben, aber ohne Geist. Er ging bloß ganz einfach keinem Menschen und keinem Ding aus dem Weg; und diese wilde Stärke, die sich blindlings gegen jeden Willenszwang erhob, ward die Ursache, daß sein Schicksal sich von dem des Stammes trennte.
Es war in Skandinavien, gegen Ende der Tertiärperiode, als das Klima noch tropisch und ohne Jahreszeiten war. Die Eiszeit setzte eben ein; kam mit unablässigem Regen und kalten Nächten; vertrieb die Menschen aus ihrem sorglosen Urwalddasein. Sie wollten und konnten es nicht fassen; aber sie mußten gehen. Sie froren, die Unbewußten; sie versuchten, sich aus Feigenblättern Mäntel gegen das rauhe Wetter zu machen, sie sangen die schönsten Klagelieder, aber der Nordwind war mit seiner kalten Geißel zwischen sie und ihre Laubhütten unter den Pisangbäumen getreten. Sie hatten kein Heim mehr, sie mußten wandern.
Es kostete jedesmal einen Seufzer, so oft sie die väterlichen Gärten verlassen mußten, die so gar nicht mehr gastlich waren; aber im Sonnenschein weiter unten im Süden erholten sie sich wieder, sie sangen vor Freude, wenn sie den Wanderstab an einer neuen Stätte aufgepflanzt hatten und ihn Schößlinge treiben sahen. Hier war gut sein; hier würden sie bleiben. Und im nächsten Jahr überholte die Kälte sie auch hier, und sie mußten weiter. Dennoch waren sie zu gedankenlos, um des stufenweisen Rückgangs gewahr zu werden; sie lebten bloß für den Augenblick. Aber der Niedergang in ihrem Dasein drückte ihnen seinen Stempel auf, ohne daß sie es wußten, und machte sie erst arm und dann klein.
Dreng vermochte nicht, sich zu schicken. Sein Herz nährte sich von Trotz; er wuchs im Unglück. Und als das Urvolk zum Scheideweg zwischen dem Wald und der Kälte geführt ward, war er derjenige, der das Unmögliche erwählte. Er ward der erste Mensch.
Die Nacht ist lang. Und Dreng sitzt sinnend am Feuer.
Wie er so wacht, ist er für die Kameraden Auge, Ohr und Seele in dem dunkeln, unendlichen Wald. Er ist der Mittelpunkt alles dessen, was sich auf Meilen im Umkreis regt; den leisesten Laut hört er, mit jedem einzigsten Haar seines Körpers wittert er, kein Lufthauch entgeht seiner Aufmerksamkeit, kein Geruch zieht vorüber, ohne ihm eine Botschaft zu bringen. Seine Nase ist so fein, daß er, durchs Gras schreitend, den Maulwurf unter der Erde verfolgen kann bis zu der Stelle, wo er haust. Seine Augen funkeln in nimmermüder Aufmerksamkeit umher, und wenn er schläft, hat er auf jedem Augenlid einen fahlgelben Fleck, der seinem Antlitz ein brütendes, gefahrdrohendes Aussehen verleiht und alles Lebendige, was sich ihm nähern will, erzittern macht. Er ist schweigsam, denn in seinem Kopf brütet es unaufhörlich. Niemand weiß, was sich in seiner Seele regt; und er selbst weiß es auch nicht, eh der Blitz der Tat aus ihm springt.
So ist er, und so zeigt ihn der Flammenschein, wie er da am Feuer sitzt – ein haariger junger Waldmensch, mit groben, massiven Augenbrauen, weitoffenen Nüstern und vorgeschobenen, brutalen Kinnladen. Die Herzgrube ist voller Haar, die langen Arme sind voll dichten Flaums, außer da, wo die starken Muskeln nackt durchgewachsen sind. Wenn er sein Werkzeug nicht in der Hand hat, um daran zu arbeiten, hält er es meist zwischen den Zähnen; und die Äste legt er ebenso oft mit einem von seinen Füßen ins Feuer, wie mit der Hand. In all diesen Zügen unterscheidet er sich nicht von den andern Waldmenschen, seinen Kameraden, die ums Feuer her liegen und schlafen; bloß daß diese vielleicht durchgehends schlanker, von weicherem Haarwuchs und geschmeidigerer Gestalt sind. Ihr wildes Äußeres reiht sie den Tieren des Waldes ein, deren Anmut ihnen auch noch eigen ist. Sie schlafen, in der einen Hand die Keule, in der andern eine halbverzehrte Frucht. Nur Dreng, der angefangen hat, für sie zu denken, nur Dreng ist hart geworden in seinen Zügen und unversöhnlich.
Drengs brutaler äußerer Erscheinung entsprechen der innerliche Grimm und die Energie, die Trauer über das, was war, die stufenweise angesammelten Erfahrungen, die ihn immer zornmütiger stimmen und schließlich zu einer Sprengung des ganzen Daseins führen müssen. Er hat nichts vergessen, sondern eins ans andere gefügt, und während er so dasitzt und sich mit dunkeln Ahnungen vom Untergang der Welt nährt, sammelt sich in seinem Blut eine Raserei an zum Widerstand, zur Tat.
Er sieht ja, daß der Wald dem Tode verfallen ist. Zu Ende ist es mit dem ewigen Sommer. Die warmen Haine verschwinden und Regen und Sturm halten ihren Einzug in den Gebirgen Skandinaviens. Weiter gen Süden stehen noch Wälder von Palmen und Brotfruchtbäumen, und die Weintrauben liegen noch und reifen auf den Klippen, die sich auf blaue Sunde hinaus abdachen. Aber wie lange? Wenn sie heimkommen ins Lager, wo der Stamm wohnt, werden die jungen Männer, die jetzt hier am Feuer liegen und sich auf der einen Seite vor Hitze krümmen und auf der andern vor Kälte, die schweren, sonngetränkten Trauben in die Hände fassen wie Euter, und werden lachen und sich zurücktrinken zu Glückseligkeit. Aber das Jahr darauf wird Dreng die toten Weinstöcke an jenem selben Platz für seinen Scheiterhaufen brauchen können, und das Lager wird weitergezogen sein, und wie lang wird das so fortgehen? Der Wald ist todgeweiht; unwiderruflich, unabwendbar schreitet eine Macht von Norden daher und vernichtet ihn.
Dreng schaut sich nach den Bäumen draußen im Regen um. Sogar jetzt, zur Nachtzeit, sieht er all die Vernichtung, und was er nicht sieht, das weiß er, vom Tag her. Alle Palmen sind tot und stehen ohne Kronen, die abgestorbenen Stämme ragen in die Luft wie große abgenagte Knochen. Die Farrnkrautbäume hängen schwarz und abgestorben, mit verfaulten, modrigen Spitzen, Mimosen und Akazien haben sich schon seit Jahren zusammengerollt und sind bis zur Unkenntlichkeit verregnet, alle immergrünen Bäume sind bis auf die Wurzel eingegangen und ragen mit bleichen, rindenlosen Zweigen gleich Skeletten in die Luft. Gewaltige Zedern und Gummibäume liegen umgestürzt, mit vom Regen entblößten Riesenwurzeln, die zwischen den Trümmern anderer erstorbener Bäume aufragen. Alle Blumen und Sträucher hat der kalte Regen getötet. Der Waldboden ist ein Sumpf von Moder und großen, nackten Steinen. Bloß ein paar Nadelbäume scheinen widerstehen zu wollen; aber sie ducken sich, wachsen seitwärts und das Harz erstarrt in ihrer Rinde und wird weiß. Huh! tönt es durch den Wald.
Huh! Kalt seufzt es durch die geplünderten Wipfel der Bäume, und darüberhin stöhnt es im Dunkel wie hastig-atmende Flügelschläge. Es sind Schwärme von Wildvögeln, denen droben, nördlich vom Paß, die Beine im Wasser allzu kalt geworden sind, und die nun auffliegen und südwärts streichen. Sie verständigen sich gegenseitig hoch oben in der schwindelnden Nacht, in abgebrochenen, landflüchtigen Tönen, Wildgänse, Störche und Flamingos. Froh sind sie nicht. Dreng hört das schwindende Lebewohl und fühlt ihnen ihre Heimatlosigkeit nach.
Tief im Waldesinnern raschelt es auf dem jahrtausendalten Pfad, den das Wild sich über den Paß gebahnt hat. Dreng kennt ihn wohl; und er sitzt mit seinen allwissenden Sinnen und hört zu, wie es die ganze Nacht durch wandert und schleicht und schwer einherstapft und leise hintrippelt über den Paß, wo der Sturm immer stärker wird. Das sind die Tiere, die jede Nacht in großen Herden von den Wäldern im Norden der Berge hinab zu südlicheren Tälern ziehen. Dreng kennt sie an ihrem warmen Schweiß, er weiß alles von ihnen, obwohl er sie in der Nacht nicht sieht. Er hört sie, weiß ganz genau, wo sie ziehn.
Und während die Nacht verrinnt, defilieren lange Reihen von Dickhäutern, Urelefanten, Titanentieren, Nashörnern über den Paß, mit großen aufmerksamen Ohren, voller Spannung, vibrierend, patschnaß, fastend. Manchmal rumpelt es einem der gewaltigen Tiere hohl in den Eingeweiden, wie ein Erdrutsch, oder der Elefant windet seinen Rüssel und hustet knarrend, daß es im tiefen Wald widerhallt. Der große Höhlenlöwe hat einen Schnupfen und niest kummervoll, und trocknet sich nachher mit der Pranke das Auge, während er weitergeht. Das Warzenschwein hat keine Luft im Rüssel, schnarcht schwermutsvoll und schlägt mit dem Schwanz ein Fragezeichen.
Nicht lang darnach trippelt es von feinen Hufen, die scheuen Grasfresser des Waldes wandern auch aus, dazwischen der verstohlene Tritt der Raubtiere, die auch keine bleibende Statt mehr haben. Da trippeln Gazellen, so flüchtig und bleich von Farbe wie Mondflecken unterm Laub, zusammen mit buglahmen, stinkenden Hyänen; das wilde Pferd und das Okapi wandern, Paar um Paar, mit Tiger und Leopard; denn heute nacht sind die Tiere auf der Wanderschaft und haben jegliche Scheu voreinander vergessen. Der Nordwind saust mit seiner langen, kalten Geißel hinter ihnen her über den Paß; Schwärme verschwinden in der Senkung nach Süden zu, und neue Herden kommen von Norden her über den Paß. Die Giraffe schwenkt ihren langen Hals und fegt mit der gehörnten Stirn das welke Laub von den Zweigen, während sie stumm, mit geisterhaft feuchten Augen, mit den andern Schritt hält. Kleinere Tiere folgen dem Trupp in raschelnder Eile, das Stachelschwein, der Tapir, der Ameisenbär; alles, was da Beine hat, drängt südwärts.
Und hoch über dem Pfad durch die Bäume zieht ein Auswandererzug; die unsteten Affen, deren Bleibens nicht länger ist in diesen Gegenden. Wie ein plötzlicher Drang ist es über sie gekommen; sie müssen etwas tun; sie müssen überlegen; wie denn nicht? Keine Gelage von Kokosnüssen mehr; sie sind zu Ende. Keine lärmenden Volksversammlungen mehr in den Baumwipfeln, um zu entscheiden, welcher von ihnen ausgestoßen werden muß; alle sind sie ausgestoßen; der Wald geht dem Verfall entgegen. Sie wandern aus, sie bequemen sich wirklich dazu, obwohl sie verärgert knurren. Es paßt ihnen gar nicht, mit den Händen in die nassen Zweige zu greifen; mehrere weigern sich auch ganz entschieden, kommen aber doch, nachdem die andern gegangen sind, hinterdrein. Keiner von den Affen sieht sich auch nur einmal noch um. Nur wenige der auswandernden Tiere tun das.
Eins der großen Elefantentiere drehte sich um und blickte zurück nach den heimatlichen Wäldern; da vermochte es nicht weiter zu gehen; es wandte um und suchte den Weg über den Paß zurück. Das war das Mammut. Auch ein paar andere Tiere blieben, weil es ihnen besser paßte; aber es erwarteten sie keine guten Tage.
Überall im Wald raschelt es seltsam von aufbrechenden zornigen Tieren. Tropfend vor Schlamm steigt das Flußpferd aus seinem See ans Land; es ist ihm zu kühl geworden. Dreng hört, wie es die Luft aus seinem großen Bauch ausstößt und schnobernd durch das welke Unterholz zieht, auf der Suche nach wärmeren Wassern. Dreng hört mit einem seltsamen Schmerzgefühl, wie die wenigen Tiere, die zurückbleiben, sich im Wald sammeln; fort können sie nicht, aber sie sind voller Bangen, sie rufen einander mit veränderter Stimme, leiser, kleinmütiger als sonst. Das Renntier steht eine Weile ganz still unter einem Baum; es versteht den Wald nicht mehr und nicht sich selbst; ab und zu wedelt es mit den Ohren, schüttelt den Kopf, wechselt die Stellung mit leisem Knacken der Fesseln. Der Moschusochse, so recht als das große Schaf, das er ist, ist ganz in der Stille verrückt geworden und befindet sich schon auf der Fahrt gradaus nach Norden, grade in entgegengesetzter Richtung von allen andern. Der Bär ist höchst verdrossen; aber ans Wandern hat er noch nicht gedacht. Er scharrt trockenes Laub zusammen zu einem Lager; er ist erkältet und will zu Bett. Er ist gar nicht bei Laune und schnaubt empört über dies Wetter, das gerade jetzt kommen muß, wo er mit seinen Bienen zu tun hat. Dafür wird er jetzt ein Nickerchen machen, bis die Sonne ihn wieder weckt, und wehe dem, der ihn etwa aus Versehen stört! Meister Petz ahnt nicht, daß es ein langer Schlaf sein wird, dem er entgegengeht. Dachs und Igel folgen seinem Beispiel und verkriechen sich in die Erde, in Erwartung besserer Zeiten.
Aber nicht alle Tiere sind so praktisch. Der ganze Wald ist voll von Geschöpfen, die weder jagen noch einen Unterschlupf suchen, sondern die bloß die ganze Nacht ratlos umherirren, weil die Kälte ihnen keine Ruhe läßt. Dreng hört, wie sie hin und her schleichen, Hirsche, Büffel und wilde Ziegen; sie stehen einen Augenblick still und sichern gegen den Wind, um sich zu orientieren; sie spitzen die Ohren, um etwa zu vernehmen, woher der böse Wind weht; dann lassen sie den Schwanz hängen und ducken sich, schleichen hin und her. Keins kommt dem Feuer nah; den Geruch kennen sie und wissen, daß das Scheinende, was von dort ausgeht, beißt und frißt, schlimmer als irgendsonst etwas im Wald.
Nur einmal – um Mitternacht – bemerkt Dreng zwei funkelnde grüne Lichter nicht weit im Walddickicht und sieht das Funkeln zweier langer, entblößter Zähne: das ist die Säbelkatze, die da herankriecht, das entsetzliche Tier mit den Messern im Rachen. Aber warum fürchtet es sich nicht vor dem Feuer heut nacht? Weshalb wagt es sich so nah heran? Ein Schauer läuft über die Schläfer, sie fühlen die Bestie im Traum; ein paar ächzen gequält auf, und Dreng fühlt es schmerzhaft durch alle Adern flammen beim Näherkommen des furchtbaren Feindes. Aber die Säbelkatze entfernt sich wieder; einsam blinkt sie mit den hungrigen Augen und entfernt sich. Der Regen trieft ihr an den schlaffen, gestreiften Flanken nieder; ihr ist kalt; und vielleicht fühlt sie sich in ihrem Tigerherzen von einer Grausamkeit gepackt, die tödlicher ist noch als die ihre. Dreng hört sie davonschleichen und im Wald umherstreifen, ohne Ziel, ohne Blutdurst, unschlüssig; und er weiß, auch ihr ist das Urteil gesprochen, auch sie ist ausgestoßen. Das aber tat Dreng weh und erschreckte ihn. War es wirklich so weit gekommen, daß die Säbelkatze, die große Freundlose, die bisher dem Haß und Fluch aller Geschöpfe standgehalten hatte, daß die zum Feuer geschlichen kam, nicht um sich einen Menschen zur Abendmahlzeit zu holen, sondern bloß um ihre Schwermut preiszugeben und wieder zu gehen ohne Fraß! Was denn sollte vor sich gehen in der Welt, was war denn heimlich beschlossen? wer war der Unermeßliche, der da von Norden kam und den Wald vernichtete und die Tiere vertrieb, was war das für eine mitleidlose Macht? War es ein Mann oder war es ein Wesen, das keiner zu sehen vermochte, ein mächtiger, böser Geist? Konnte man ihn denn nicht erschlagen, konnte man ihn nicht zwingen, sich zu stellen und den Kampf aufzunehmen? Konnte nicht ein Beil zur rechten Zeit seinem Siegeszug Einhalt gebieten?
Die Nacht ist lang. Weit in der Ferne heulen die Wölfe in traurigem Chor, und im hohlen Baum sitzt der Schuhu und stößt seine unheilverkündenden Klagelaute aus. Der eine Vogel jammert und der andere spottet, wieder andere zürnen; das Krokodil heult, den Rachen voller Fraß; die Hyäne windet sich vor schadenfrohem Lachen und ihr Hinterteil schnurrt ein vor unflätiger Lust; aber nicht eins der Tiere verfällt darauf, eine Herausforderung hinauszuheulen gegen den Räuber, den Massenmörder, der sie alle vernichtet; nirgends ein Racheschrei, ein bewußter Mordplan. Alle Geschöpfe fliehen, still, jedes für sich; durch den Wald tönt ein einsames Wimmern von Raubgetier und wildem Viehzeug, das wehrlos der Kälte preisgegeben ist.
Dreng schwor, sie zu rächen.
Es war eine von den Nächten in der Übergangszeit, als das tropische Klima der Vorzeit Nordeuropas überging in die Eiszeit. Aber die Erinnerung an die Wärme blieb haften in der Seele der Menschheit, auch lang nachdem sie sich von ihrer nordischen Heimat über die Erde hin verbreitet hatte; die unauslöschliche Sage vom Garten des Paradieses. Im Norden lebte die Menschheit ihre Kinderzeit, und die Erinnerung daran, die tiefe und schmerzliche, die ist das verlorene Land. Selbst die Tiere, die auf ihre eigene blinde, instinktive, gebundene Weise träumen, bewahren in der Freimütigkeit, mit der sie sich gegenseitig auffressen, noch die Erinnerung an den entschwundenen Unschuldszustand, damals, eh die Kälte in die Welt kam.
Und die Nacht verrann. Nach Mitternacht zeigte sich eine kurze Zeit lang der Vollmond am Himmel und verlieh den unermeßlichen Wolken, die das Weltall umlagerten, einen schwachen Schimmer von Licht; und als die Wolken ihn wieder verschlungen hatten, ward es völlig dunkel, wie in einer unterirdischen Höhle. Der Regen nahm zu und fiel in alles ertränkenden Strömen über die Ruinen des Urwalds. Wie ein schräg herabrauschender Wasserfall stürzte es vom Himmel zur Erde nieder, der Regen schoß in ununterbrochenen Meeren herab, die die Erde bis in ihre Grundfesten aufwühlten.
Dreng hörte, wie sich das Wasser oben auf dem Gebirg ansammelte und sich über Klippen und Bäume herabwälzte, mit glockentiefen Abgründen, wie es in oder aus Höhlen brach, mit dunkelm Krachen von Bergrutschen und stürzenden Bäumen. Kein Laut von den flüchtenden Tieren in ihrer Not war mehr zu hören.
Es war, als ob der Himmel, der die Erde, soweit Menschen und Tiere zu blicken vermochten, mit unablässigen tödlichen Regenschauern gegeißelt hatte, dichter und dichter, bis es schien, als wolle ein ewiges Dunkel eintreten, sich jetzt zu einer letzten, vernichtenden Überschwemmung sammelte, die die ganze Erde zu verschlingen drohte. Die abgestorbenen Palmstämme krachten gegeneinander und brachen haufenweise unter dem brausenden Druck des Wassers im Wald zusammen. Ganze Inseln hingestürzten Waldes, mit nacktgeschwemmten Wurzeln, schwammen von den Bergen nieder. Der Himmel brüllte vor Regen.
Und wie kalt der Regen war! Ein eisiger Schauer drang unter die schützende Felswand, ein Schauer, den das Feuer, das auf die stetig niederströmende Regenmauer hinausleuchtete, nicht zu vertreiben vermochte. Die schlafenden Menschen krochen enger zusammen und erzitterten, von Träumen geängstet; ein paar wachten auf und blickten murmelnd hinaus nach den schwarzen Regenströmen, die wie ein Wall um sie standen; aber sie waren machtlos und vermochten sich nicht lange Zeit Gedanken über irgend etwas zu machen. Sie legten sich wieder nieder, die Arme über dem Kopf, seufzten tief auf und schliefen weiter, halb leblos vor Kälte. Es war eine lange Nacht.
Dreng schürte das Feuer und sah hinaus in den Regen mit Augen, die immer feindseliger unter den knochigen Brauen glitzerten. Sein Herz verhärtete sich; er wies dem Unwetter die Zähne. Da sich sonst nichts tun ließ, rüttelte er sich zurecht und machte sich daran, die letzte Hand an sein neues Flintbeil zu legen.
Eine Stunde vor Tagesanbruch ließ der Regen nach und hörte endlich ganz auf. Es ward so still in der Luft, daß man das Wasser meilenweit von den Bergen brausen und gurgelnd in den Sumpf der vernichteten Wälder sickern hörte. Alle Tiere schwiegen. Die Menschen unter der Felswand versanken in Betäubung und schliefen schwer, ohne das kleinste Zeichen von Träumen. Zwischen den treibenden, halb und ganz umgestürzten Baumstämmen begann es schwach zu dämmern; in bleicher, leerer Färbung trat der Himmel aus der Nacht. Es war windstill und sehr kalt, die Luft war erfüllt vom frischen Geruch der Erde, die der Regen aufgerissen hatte. Es war, als läge das Weltall nackt und frierend da und erwarte das letzte Gericht.
Kurz vor Sonnenaufgang ging das Morgengrauen in einem neuen Zug blauschwarzer, schwellender Wolken unter, die sich im Flug vermehrten und über den ganzen Himmel ausbreiteten. Es ward krankhaft düster und eine kurze Zeit lang ganz stumm in der Natur, und Dreng beobachtete in qualvoller Erwartung diese neuen Wolken, die schwärzer waren und unheilschwangerer als alles, was er bisher gesehen hatte.
Und plötzlich blitzte es aus diesem immer mehr sich verfinsternden Schlund, blitzte mit einer kalten, blauen, das Weltall umfassenden Flamme, in deren Licht die Wolken einen Augenblick lang weiß wie Feuer bis zum Gipfel des Himmels standen, ungeheure Welten von Zinnen und weißen Abgründen in der Höhe; unmittelbar auf den Blitz folgte der Donnerschlag wie ein kurzer, zerreißender Stoß, und gleichzeitig öffneten sich die Wolken und stürzten sich in schwindelndem Fall auf die Erde. Aber es war nicht mehr Wasser, was da kam, es waren weiße, peitschende Dinge, Hagel, der mit Eiskörnern gegen die Erde stürmte. In einer dichten, heulenden, pfeifenden Salve fegte der Schauer über die aufgeweichte Erde hin.
Der Donner schreckte alles Lebende. Im Wald klang ein vielstimmiges, ersticktes Jammern. Tiere, die in den überschwemmten Tälern lang mit dem Wasser gekämpft hatten, Hirsche, Tiger, alles durcheinander, hoben sich in einem letzten Krampf aus den Wellen dem blauen Blitz entgegen, und ihre Augen brachen, noch eh sie sanken, um nie wieder emporzutauchen. Fern, fern weckte das Einhorn das meilenweite Echo in einer Schlucht mit dem Notschrei seines Herzens, und eine Weile darauf trompetete es noch weiter fort, aber noch wilder. Es war rasend geworden und tobte besinnungslos durch ferne Wälder.
Alle Schläfer unter dem Felsvorsprung fuhren aus dem Schlaf auf und warfen sich wie Ein Mann vor dem Donner aufs Gesicht, riefen ihn an, winselten, flennten, schlugen auf die Erde und flehten verzweifelt um ihr Leben. Aber nachdem sie eine Weile geweint und sich im Staub gewälzt hatten und nichts weiter kam nach dem einen Schlag, gaben sie sich zufrieden und krochen näher ans Feuer, starrten mit ihren armen, blöden, noch tränennassen Augen in die Flammen und fühlten sich von Dankbarkeit durchbebt für das gnadenvolle Feuer, an dem ihnen vergönnt war, sich zu wärmen; sie streckten die Hände drüber aus und bewegten unwillkürlich die Lippen, als ob sie äßen, so behaglich war ihnen zumut. Und immer wieder nickten sie voll tiefen Danks: ach ja, das Feuer, das war ihr Herr und einziger Freund. Darauf kratzten sie sich eifrig, bissen ein Stück von dem Apfel ab, mit dem in der Hand sie eingeschlafen waren, zankten sich ein bißchen, kurz, sie waren wieder einmal glücklich der Vernichtung entgangen. Für das Weiße, was da draußen gefallen war, hatten sie nur flüchtige Blicke übrig; nun ja, häßlich sah es ja aus; aber beim Feuer wars gut, und jetzt gleich brauchte man ja nicht dort hinaus. Die Wärme betäubte sie bald. Tag war es noch nicht; sie gähnten und schüttelten sich, einer um den andern fielen sie zurück, krochen in das Lager, rüttelten sich zurecht an dem Platz, den sie trocken gelegen hatten, und bald schlief die ganze Gesellschaft wieder.
Nach dem Hagelschauer kam die Sonne. Die weißen Körner verschwanden rasch von der Erde in einem Dampf, der vom Boden aufstieg und sich unter den Strahlen der Sonne verzog. Eine kurze Zeit lang leuchtete heller Sonnenschein über den jämmerlich überschwemmten Wäldern, als wollte die Sonne sich das Werk der Zerstörung betrachten; aber bald zog ein unheimlicher Nebel sich über der Erde zusammen und in der Morgenstille, die jetzt folgte, begann es in dem nassen Wald seltsam zu krachen und zu zittern.
Irgend etwas geschah, etwas Stilles, Schleichendes, das man bisher noch nicht gekannt hatte. Ringsumher draußen lag die Allnatur in lautloser Pause, während derer die Erde sich einem neuen, schmerzvollen Wunder ergab. Die Kälte war das einzige, was Macht hatte in der Welt.
Jetzt vermochte Dreng sich nicht länger ruhig zu verhalten. Der Grimm, der sich seit Monaten während des unbarmherzigen Regens in ihm angesammelt hatte, lief über; er fühlte, das, was jetzt da draußen im Wald geschah, das war der letzte, tödliche, heimtückische Überfall; und jetzt sollte diesem Vernichter ein Ziel gesetzt sein! Jetzt wollte er ausziehen und ihn finden, wer er auch war, der da die Menschen aus ihren Wohnstätten trieb, die Tiere erwürgte und die Erde zerstörte; jetzt würde man ihn zwingen, sich zu zeigen!
Dreng nahm den alten, schlechten Feuersteinscherben vom Schaft und schnürte die neue, scharfe Klinge an, die er sich zurechtgehauen hatte. Dann schob er seinen Scheiterhaufen zusammen, deckte das Feuer gut zu und legte Holz auf, damit es lang brennen konnte; und jetzt war er fertig. Mit einem weichen Blick sah er auf die Brüder, die da ringsum lagen und im Schlaf leise fröstelten, die Gliedmaßen dicht an den Körper gezogen, sogar die Zehen zusammengekrümmt vor Kälte. Er fühlte, wie sehr er zu ihnen gehörte, wie gerade ihre Verantwortungslosigkeit, ihr gedankenloser, leichter Sinn ihn dazu trieb, auszuziehen als ihrer aller Beschützer. Siesollten nicht frieren, sie sollten nicht umkommen. Dreng machte mit der Axt ein Zeichen auf seine Brust, wie um sich für sein Geschick zu weihen; dann schlich er sich unter der Felswand vor und begab sich allein hinaus ins Freie.
