Madame d'Ora - Johannes Vilhelm Jensen - E-Book

Madame d'Ora E-Book

Johannes Vilhelm Jensen

0,0
0,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Madame d'Ora" ist ein 1904 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus "Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Madame d'Ora

VorwortErstes KapitelZweites KapitelDrittes KapitelViertes KapitelFünftes KapitelSechstes KapitelSiebentes KapitelAchtes KapitelNeuntes KapitelZehntes KapitelElftes KapitelZwölftes KapitelDreizehntes KapitelVierzehntes KapitelFünfzehntes KapitelSechzehntes KapitelSiebzehntes KapitelImpressum

Vorwort

Edmund Hall starb, wie sich vielleicht mancher noch erinnern wird, vor ein paar Monaten. Er war eines der Opfer jener fatalen Grünspanvergiftung im Zuchthaus, die alle Zeitungen einmütig beklagten. Nur dem ungewöhnlichen Gedächtnis eines Journalisten ist es zu verdanken, daß Edmund Halls Name unter den vielen Namen der andern Gefangenen, die mit ihm zugleich umkamen, aus der Totenliste hervorgezogen wurde. Das tragische und nie ganz aufgeklärte Ereignis, das den einstmals so berühmten Gelehrten ins Gefängnis brachte, war hier in Manhattan schon so gut wie vergessen.

Unter den biologischen Bruchstücken und Anekdoten, die in Anlaß des Todesfalles in den Zeitungen standen, befanden sich auch einige kleine Züge von dem Mörder, die der obenerwähnte Reporter zufällig von einem Gefängnisaufseher erfahren hatte. Es ging daraus hervor, daß Edmund Hall ein braver, ordentlicher Gefangener gewesen war, pflichtgetreu bei seiner Arbeit und reinlich in seiner ganzen Aufführung. Das Verbrecheralbum zeigte die bekannte Physiognomie, nur ein wenig dadurch verändert, daß der hohe, pentagonale Schädel auf Sträflingsart kurz geschoren war, so daß der Kopf einer Spitzgranate glich. Hall gewöhnte sich auffallend schnell an die Gefängnisdisziplin, er machte seine täglichen Spaziergänge auf dem Hofe, die Hände auf den Schultern des Vordermannes, die des Hintermannes wieder auf seinen eigenen, als sei er nie etwas anderes als im Glied in einer solchen Prozession gewesen. Er war von Charakter ein gehorsamer Mensch, murrte nie über sein Essen, war stets höflich. Das Beschwerliche war, daß man Tag und Nacht, ununterbrochen, sorgfältig acht geben mußte, daß er sich nicht das Leben nahm. Er hatte fünf oder sechs Selbstmordversuche gemacht; und wenn er einen einzigen Augenblick nicht bewacht gewesen wäre, würde er versucht haben, den Kopf gegen die Wand zu rennen oder sich mit seinen eigenen Händen zu erdrosseln. Im übrigen war er keineswegs schwermütig, er war im Gegenteil heiter und sah niemand scheel an. Er sprach nicht viel. Er liebte seine Zelle, und es konnte zuweilen schwer sein, ihn des Morgens zu wecken; er schlief, sobald sich Gelegenheit dazu fand. Es war eigentümlich zu sehen, wieviel er aus seinen paar Gebrauchsgegenständen machte, er verwahrte seinen Haarkamm wie eine kostbare Sache und schien seinen Besen, seine Matratze, den Fußboden wie auch die Wände förmlich lieb zu haben; er konnte mit ein paar Sandkörnern in der Hand dastehen und wunderlich mit dem Kopf schütteln. Namentlich aber mußte es jedem Menschen zu Herzen gehen, wenn er ihn mit seinen halbblinden Augen zu dem Streifen Himmel aufblicken sah, der ihm geblieben war, er lächeltedann gleichsam, ohne daß man doch eigentlich sagen konnte, was er dachte. An die Wand hatte er mit Schmutz folgendes geschrieben:›Our little life is rounded with a sleep.‹ Aus dem Gefängnis heraussehnen tat er sich keineswegs, er war wohl im Grunde glücklich; im allgemeinen kann man sagen, daß er seine Strafe in bestem Wohlsein verbüßte. Er alterte ja sichtlich. Als er zugleich mit den andern infolge dieses Unglücks mit den kupfernen Kesseln erkrankte, klagte er nicht viel; er war ein rücksichtsvoller Mann, und es konnte ja niemand etwas dafür, wenn auch der Koch seinen Abschied bekam. Hall lachte so recht herzlich und vergnügt, als er starb.

Ich habe alles, was ich konnte, über Edmund Hall und die unglückliche Leontine d'Ora gesammelt. Eine wichtige Quelle zu Halls Charakteristik besaß ich natürlich in seinen Schriften, namentlich in seinen anthropologischen Abhandlungen, die übrigens bekannter in Europa als in den Vereinigten Staaten sind. Daneben schulde ich Herrn Thomas A. Mason, London, der über ein großes und wertvolles Material zur Aufklärung von Halls innerer Geschichte verfügte, großen Dank. In bezug auf Madame d'Ora bin ich namentlich Herrn Ralph Winnifeld Lee zu Dank verpflichtet; er kannte die große Künstlerin in ihrer letzten Lebenszeit und nahm persönlich teil an den Ereignissen, die ihren Tod verschuldeten. Herr Lee sieht sich nicht imstande, den innersten Zusammenhang der Katastrophe zu erklären, obwohl er Augenzeuge war; ich bin indessen Herrn Lee sehr dankbar für die Bereitwilligkeit, mit der er mir geholfen hat, die hervorragende Persönlichkeit der verstorbenen Diva zu beleuchten.

Von den in meinem Bericht vorkommenden Nebenpersonen gilt dasselbe: ich habe keine ergründenden Aufklärungen schaffen können; ich habe sie mehr oder weniger deutlich kommen und verschwinden lassen müssen, ungefähr auf dieselbe Weise, wie Leute in dem öffentlichen Bewußtsein kommen und gehen. Eine genaue Geschichtschreibung hat dies Buch also nicht werden können. Aber was da steht, ist wahr.

New-York 1903

Johannes V. Jensen

Erstes Kapitel

Die Mittagsglocke an Bord des›Bacharach‹ hatte die Passagiere hinabgerufen, die Decks lagen leer da. Oben auf dem oberen Promenadendeck wanderte ein Mann allein zwischen den Rettungsbooten und den großen Ventilatoren umher. Er trug eine Tasche in der Hand. Er ging nach vorne und stützte sich auf das Geländer, stand da und sah zu den Zwischendeckpassagieren hinab, die in ihre groben Kojendecken gehüllt, rings umher auf dem Vorderdeck lagen. Es war ruhiges Wetter, aber die Fahrt des Dampfers erzeugte einen starken Zug; die Schornsteine heulten laut in einem sehr tiefen Ton; die farbigen Fenster in der Kuppel über dem Speisesaal waren ein wenig geöffnet, von Zeit zu Zeit konnte man Violinen da unten hören.

Ein Herr kam die Treppe hinauf und stellte sich an das Geländer, nicht weit von dem mit der Tasche entfernt; er stand eine Weile da mit einer beobachtenden Haltung, machte dann unbemerkt noch einen Schritt, so daß er dicht neben dem andern stand.

»Guten Abend, mein Herr,« sagte er, und es klang genau so, als wenn er eine Dame auf der Straße anredete. Der andere wandte langsam das Gesicht zu ihm herum, antwortete aber nicht.

»Schönes Wetter!« fuhr der sprechlustige Herr einen Grad befreiter fort. »Ja, es weht ein wenig, aber das Schiff geht ja ruhig. Ha – da wäre der Hut beinahe hingegangen!«

»Dann sollten Sie ihn festhalten!« sagte der andere.

Der kleine breitschultrige Mann lachte sehr hierüber und so nichtsahnend gutmütig, daß den andern seine Kälte ein wenig gereute und er, ohne sich zu räuspern etwas vor sich hinmurmelte, daß es wirklich stark wehe, daß aber das Schiff trotzdem recht ruhig gehe …

Lebhaft entgegnete der breite Herr: »Ja, ist es nicht sonderbar! Zu anderen Zeiten kann es gerade umgekehrt sein. Ich reiste von Shanghaj nach Honolulu, und obwohl sich kein Wind regte, tauchten wir fast die ganze Zeit die Rettungsboote abwechselnd ein. Jesus Christus wie wir rollten! – eine Dünung vermute ich. Aber gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, mein Name ist Mason, Thomas A. Mason, London. Wir haben uns bei Tische gesehen, nicht wahr … Herr Edmund Hall …«

»Das ist mein Name.«

»Wundert es Sie, daß ich das weiß?« sagte Herr Mason in einer andren, niedren Tonart, die er jedoch gleich wieder in leichten Scherz übergehen ließ. »Wir sind einundsiebzig in der ersten Kajüte, und die neunundsechzig habe ich mir nach der Passagierliste und den Nummern bei Tische gemerkt. Der Siebenzigste, das bin ich … Herr Edmund Hall. Hm, Sie sind auch nicht seekrank; ich sehe, Sie rauchen. Auf See rauchen kann ich nun doch nicht, obwohl ich nicht eigentlich seekrank werde; aber der Tabak schmeckt mir nicht. Das ist eine Entbehrung. In gut drei Tagen sind wir in New-York. Gestatten Sie mir eine Frage …«

Edmund Hall hatte dagestanden und ganz leise den Kopf gewiegt und an andre Dinge gedacht, er unterbrach Mason und fragte gedämpft:

»Können Sie die Maschine hören?«

Mason lauschte höflich einen Augenblick.

»Ja-a. Ja! Sie sind Geschäftsmann, Herr Edmund Hall?« Hall antwortete nicht. »Sie reisen für ein Haus, Herr Edmund Hall? Ich habe die Idee – –«

»Hören Sie doch einmal,« sagte Edmund Hall leise, fast flehend, und beugte sich in der hereinbrechenden Dunkelheit vor. »Können Sie die Kolben hören? Das klingt wie ein großes Herz … und da ist ein Nebengeräusch. Ein Klappenfehler …«

»Sie sind Ingenieur?« fragte Herr Mason mit einem hastigen Blick. »Ein Klappenfehler, sagen Sie – ist etwas an der Maschine in Unordnung?«

Hall richtete sich auf und sah den kleinen Mann zum ersten Mal an, leise schüttelte er den Kopf.

»Ich hoffe doch, daß Sie Ihr Leben versichert haben,« äußerte er mit einem trüben Lächeln ... »Herr … entschuldigen Sie, ich habe Ihren Namen vergessen.«

»Wie beliebt!« sagte Herr Mason und stutzte. »Sie meinen, daß Gefahr im Anzuge ist? Einer der Kolben leckt ein wenig, so viel ich hören kann. Ob ich mein Leben versichert habe – was wollen Sie damit sagen? Mein Name ist Mason …«

»Hören Sie jetzt wieder,« bat Hall und neigte das Ohr nach der Richtung der Schornsteine. »Hören Sie, welch eine gute, gründlich zuverlässige Maschine! Die ist beinahe so lebendig wie ein Mensch, Herr Mason, und sie ist ehrlicher. Seien Sie ganz ruhig, Sie sind völlig sicher. Wir andern haben Ihretwegen schlaflos dagelegen.«

Mason setzte die Beine auf das Deck, richtete sich stramm auf. »Hm! Sie sagen, ich bin sicher. Vorhin fragten Sie, ob ich versichert sei. Schlaflos sagen Sie …. Gut. Um von etwas andrem zu reden. Was sagen Sie zu unserer berühmten Reisegefährtin, Madame d'Ora? Kennen Sie sie nicht? Nein, Sie kennen die Dame nicht, Herr Hall. Sehe ich Ihnen zu gut?«

Herr Mason lachte still und anspruchsvoll, brach aber ab und begann von neuem:

»Finden Sie es übrigens nicht auffallend, daß eine Dame aus der ersten Kajüte sich in dem Maße mit den Passagieren der zweiten einläßt? Finden Sie nicht? Sie schweigen, Herr Hall. Ja, Schweigen ist bei einer solchen Gelegenheit vielleicht am allerberedetsten. Haben Sie den großen Laienprediger da hinten, achtern, in der zweiten Kajüte beobachtet, der sich wie ein Hahn spreizt? Die schöne Diva scheint Sorge um das Heil ihrer Seele zu haben …«

Hier schlug sich Herr Mason mit einem Knall auf den Schenkel und lachte ausgelassen. Aber er brach wieder ab und fragte tastend:

»Finden Sie vielleicht, daß Madame d'Ora zu schön und zu gut ist … Sie lachen nicht, Herrn Edmund Hall.«

»Wollen Sie nicht hinunter und Mittag essen, Herr Thomas A. Mason?« fragte Hall mit leisem Tadel

»Ich bin überzeugt, Madame ist eine bezaubernde Frau gewesen, so vor fünf, sechs Jahren,« fuhr Mason langsam fort, »aber jetzt ist sie zu stark. Nach meinem Geschmack. Jesus Christus! ich will mit Ihnen wetten, daß sie die ersten zweihundert Pfund hinter sich hat. Aber Leben ist da, weiß Gott, in dem Körper! Der Kapitän hat auch ein Auge auf sie geworfen. Wenn ich der Kapitän wäre, würde ich Madame einen Wink geben, sich in passendem Abstand von der zweiten Kajüte zu halten … Sie scheinen nicht zuzuhören, Herr Hall.«

»Da unten auf dem Vorderdeck ist einer, der auf der Mundharmonika spielt,« murmelte Hall und drehte den Kopf vorsichtig nach Mason herum. Dann beugte er sich wieder vor und sah auf das Deck hinab, wo Haufen von Menschen im Schutz des Backs lagen. Die Dunkelheit gestattete nicht, die einzelnen zu erkennen.

»Hören Sie? Klingt es nicht sonderbar?« sagte Hall beinahe zuvorkommend. Er erhob die Stimme mit einer lächelnden Schwärmerei: »Dieser jämmerliche Ton! Hören Sie doch, wie die kleine Melodie so süß gegen den Wind und die Wellen anweint. Nun schwimmen die Fische ein paar Seemeilen unter unsern Stiefeln und schnüffeln. Hören Sie nur, wie er spielt! – Ah, wie flüchtig und fein er spielt. Wie fliegender Sommer, Sie wissen, im September! Wildgänse oben unter den Tauwolken … ich bilde mir ein, der Kerl ist Bierfahrer oder Totengräber …«

»Er hat Talent,« sagte Mason, »freilich hat er Talent. Was spielt er doch? … After the ball.«

Mason wiegte sich ergriffen und fing an, die Melodie zu summen. Hall wandte sich ungeduldig um, fixierte den Mann, dann wandte er sich wieder ab und sah in die See hinaus, wo die Schaumfurchen, die der Bug zog, sich von den Kuhaugen des Schiffes beleuchtet, kräuselten. »Ach ja, ja!« rief Hall mit einem Seufzer aus, der wie Weinen klang. Sie schwiegen eine Weile.

»Herr Edmund Hall,« sagte Mason endlich mit einem geschäftsmäßigen Nebengeräusch in der Nase, »Herr Edmund Hall, Sie scheinen nicht wohl zu sein. Sie machen einen nervösen Eindruck, Herr Edmund Hall.«

»Wollen Sie nicht hinunter gehen und essen?« fragte Hall müde und brutal. Milder fügte er hinzu: »Es ist ja schon lange her, seit es geläutet hat. Ich will nicht hinunter, falls Sie aus dem Grunde warten.«

»Keinen Appetit, Herr Hall?« fragte Mason. »Sagen Sie mir doch – ganz offen – lassen Sie uns zur Sache kommen – was meinten Sie vorhin mit der Frage, ob ich mein Leben versichert habe? Sollte das eine Drohung sein, eine freundliche Aufforderung an mich, Ihnen vom Leibe zu bleiben? Sie scheinen ein wenig aufgeregt zu sein … Was meinten Sie damit? Beschäftigen Sie sich mit dem Gedanken, daß mein Leben oder das Leben irgend eines andern, aber hier speziell das meine, auf dem Spiel stehen könne? Wie, Herr Edmund Hall? Welchen besonderen Grund haben Sie, die Tasche, die Sie da in der Hand halten, nie von sich zu lassen? Warum gehen Sie umher wie ein Mann, den irgend etwas bedrückt, warum sprechen Sie nicht mit Ihren Reisegefährten? Ich habe Sie beobachtet, Sie können sich darauf verlassen, daß ich Sie beobachtet habe. Sehen Sie die Sache einmal ganz ruhig an – ist es schlimm für Sie, quält es Sie? Sehen Sie es immer vor Augen?«

Jetzt wurde Hall ärgerlich, wie es schien, er wollte Ruhe haben vor diesem Menschen, dessen Gerede er wohl kaum gehört hatte.

»So schweigen Sie doch endlich,« bat er ohne irgendwelches Kolorit in der Stimme. »Was reden Sie eigentlich? Gehen Sie hinunter zum Essen und lassen Sie mich in Frieden.«

Mason trat einen Schritt zurück und brachte einen knurrenden Laut im Halse hervor. Und während er ein paar Handeisen aus der einen Rocktasche in die andere steckte, nickte er Halls Rücken zu und ging die Treppe hinab.

Zweites Kapitel

Hall blieb allein zurück. Er ging langsam auf dem ganz kurzen Ende des Decks auf und nieder, als suche er in seinem Gedächtnis nach irgend etwas. Es war jetzt ziemlich dunkel, aber der Himmel leuchtete in kalter Klarheit. Die See hatte sich ein wenig beruhigt. Ein Heizer, der in Schweiß und schwarzem Öl gebadet war, kam aus einem Loch hervor und wandte sich tief atmend nach dem Horizont um, wo ein leichter Schimmer den Mond verkündete. Dann drehte er die Ventile besser in den Wind. Hall stand still und versuchte, dem weißen Blick des Heizers zu begegnen, aber sie hatten einander nichts zu sagen, und der Heizer kroch wieder hinab und ließ eine kleine eiserne Luke über seinem Kopf zufallen. Hall ging ganz vorne auf die Kommandobrücke, die gleichsam in einem Altan endete, wo man fast frei in der Luft stand, haushoch über der See. Der Schaum da unten glitt leise dahin in großen marmorierten Figuren, kühl und leise. Alles war dunkel. Wie das Schiff bebte, und wie sich die ganze nervöse Masse trotzdem ruhig ihren Weg bahnte!

Es kam jemand die Treppe hinauf, Hall wandte sich mit einem Ruck um und sah einen großen Damenhut mit nickenden Federn, er zog sich weiter auf das Deck zurück, richtete seine Schritte nach einem der großen Schornsteine, wie um sich dahinter zu verbergen, blieb aber stehen.

»Komm doch und hilf mir die schreckliche Treppe hinauf, Edmund,« ertönte eine Stimme halb ängstlich und halb keck. Die Stimme an sich war tief und schön wie ein Cello, von wundervoller Wärme im Klang.

»St!« sagte Hall kurz und machte eine Bewegung mit der Hand. »Der Kapitän geht oben auf der Brücke!«

Madame d'Ora blieb oben an der Treppe laut keuchend stehen und sah sich um.

»Nein, wie frisch es hier weht! Warum bist du nicht zum Essen hinuntergekommen? Der Kapitän kann uns hier nicht hören.«

»Freilich kann er es,« entgegnete Hall kühl. »Schrei doch nicht so laut. Ich weiß, daß er französisch versteht.«

»Beruhige dich, mein Freund. Ich werde flüstern.«

Sie blieb stehen, ohne die Arme zu rühren und drang mit ihrem Blick förmlich in ihn hinein, während ihre Worte, die einen hoffnungsvollen Klang gehabt hatten, die Luft mit Getön erfüllten.

»Was willst du?« fragte Hall und wollte sich losreißen.

»Nichts, nichts Ernsthaftes, du,« sagte sie noch tiefer und mit einem fast unhörbaren, dunklen Klang von Trauer. »Haben wir uns nun nicht lange genug fremd gestellt, Edmund? Was hast du nur einmal, was ist geschehen? Ich sehne mich danach, mit dir zu reden. Was bedeutet – – –«

»Ich will dich nicht kennen,« rief Hall aus und schnob vor Wut. »Es ist aus zwischen uns, und zwar schon lange, wie du sehr wohl weißt. Du weißt auch weshalb. Wenn du die Absicht hast zu zeigen, daß du mich kennst –«

»Ich habe gar nicht die Absicht, lieber Edmund. Du mußt doch wirklich einräumen, daß ich während der vier Tage, die wir jetzt an Bord gewesen sind, übermenschliche Beherrschung gezeigt habe. Nicht mit einer Miene habe ich verraten, daß ich dich kenne. Als ich sah, daß du so tatest, als hättest du mich nie mit Augen gesehen, wußte ich natürlich, daß ich mich zurückzuhalten hatte. Ich finde ja freilich, du müßtest wünschen, daß die Rollen, die wir spielen, vertauscht wären, das würde weniger ungalant sein. Wenigstens mußt du mir doch den Grund erklären, weshalb du so zurückhaltend bist. – Edmund, es ist nicht freundlich von dir, mich so zu empfangen, jetzt, wo wir allein sind. Ich bemerkte, daß du nicht zu Tische hinunterkamst, da beeilte ich mich, fertig zu werden, um die Gelegenheit, mit dir allein zu sein, zu benutzen. Man kann sich ja an Bord eines Schiffes nicht rühren. Geniert es dich, hier mit mir zu sprechen, wo niemand uns sieht?«

»Ach nein, ach nein,« seufzte Hall. »Ich sollte mich wohl geschmeichelt fühlen. Jetzt guckt man unsere leeren Stühle da unten an und weiß Bescheid. Madame geruhen also, einen neuen Glücklichen zu schaffen – –«

»Edmund!«

»Dein Ruf an Bord ist nicht der beste!«

»Jetzt bist du nicht aufrichtig,« sagte Madame d'Ora ruhig. »Du weißt ja selbst nicht, was du sagst.«

»Ja, mir ist es freilich ganz einerlei,« sagte Hall vor sich hin. Er schwieg, und sie schwiegen lange, bis Madame d'Oras rauhe Kehltöne wieder erklangen, ganz, ganz leise.

»Ich bin so traurig gewesen, Edmund. Jeden Tag, weil ich dir nicht nahen durfte. Mit jemand muß ich doch sprechen,« fuhr sie heiser fort. Hall wandte sich um und sah sie hart an.

»Flirten, meinst du! Du bist leicht. Ein Plebejer darf kommen und mir von deinen Extravaganzen erzählen. Ist dein Geschmack so schlecht geworden, oder ist es ein letztes Raffinement, daß du jetzt Betstunden mit einem Mormonen abhältst?«

»Du kannst dich ja ausdrücken, wie es dir beliebt,« sagte Madame von oben herab. Hall schnob vor Wut.

»Geh und laß mich in Frieden!«

Sie schwiegen eine Weile, und Madame d'Ora stand da, in die Dämmerung hinaussehend, sie lächelte schwermütig. Aber sie war noch immer die Sorglose, Unberührte, als sie wieder sprach:

»Was hast du eigentlich an Herrn Evanston auszusetzen – außer daß du ihn nicht kennst – und wie kannst du nur auf den Einfall kommen, zu sagen, daß er ein Mormone ist? Herr Evanston ist Missionar in Indien und China gewesen. Er erzählt köstliche Geschichten von Tigern und Fakiren und andern wilden Geschöpfen. Er ist selbst so ein unbezahlbar Gieriger, er ähnelt einem wilden Schwein mit allen den Borsten auf dem Kopf. Er grunzt hungrig, wenn man seinem Käfig oder seinem Walde nahe kommt, denn er hat ja so einen unsichtbaren Dschungl um sich. Du bist selbst immer ein Bewunderer von dergleichen Urwäldern in Menschengestalt gewesen.«

»Er ist ein gefährlicher Affe,« sagte Hall gereizt, »nimm dich in acht, daß du ihn nicht herausforderst! Locke ihn nicht von seinem Baum herab!«

»Er ist ein großes Kind, dieser Evanston,« sagte Madame d'Ora und lachte unbeschreiblich harmlos. »Ich mag ihn leiden. Was willst du damit sagen, daß ich herausfordere, wie, Edmund?«

»Wie magst du nur so tun, als wüßtest du nicht, was ich meine?« sagte Hall nervös. »Ich hasse es zu sehen, wie du deine aufsehenerregenden Kostüme auf Deck spazieren führst, Leontine! Hier auf diesem armseligen Schiff, wie kannst du nur, was gibt dir die Kraft dazu? Den ersten Tag, als du hier warst, machtest du dich daran, deinen Ruhm mit einer wahren Weltausstellung von Kleidern, einem ornithologischen Museum von Hüten auszuposaunen! Und in vollster Kriegsmalerei! Du weißt, ich kann diesen Marzipanduft nicht vertragen. Du riechst auf mehrere Ellen weit eßbar, das ist doch gräßlich! Und dann eines Tages vertauschst du die große Toilette mit einem schlichten Stück Leinwand, – daß du dich bewegen kannst, daß du nur ein Glied zu rühren vermagst zwischen allen den geblähten Nüstern um dich her, das ist mir ganz unfaßlich …«

Hall beugte sich erregt vor und fauchte:

»Aber das muß ich dir zugeben, deine Gestalt verträgt noch jede beliebige Entblößung oder Überladung …«

Madame d'Ora zog ihr Gesicht zurück, sie hatte dagestanden und siegesgewiß gelächelt, aber sie zitterte. Als sie sprach, klang es, als habe sie eine Stimme aus alten Zeiten wiedergefunden, eine zuversichtliche Betonung: »Rede doch keinen Unsinn, Edmund! Du batest mich doch selber, ich möchte mich ein wenig originell kleiden, weißt du das nicht mehr? Natürlich, damit man dich beneiden sollte, Edmund. Sind wir etwa nicht mehr jung?«

Hall schwieg, und sie ließ ihn schweigen. Er starrte in die See hinaus, wo die Wellen immer kraftloser wogten. Der Mond war am Horizont aufgestiegen, und bei seinem Licht sah Madame d'Ora, wie sich die Züge in Halls Antlitz beruhigten. Aber als er sprach, lag kein Friede in seiner Stimme, nur Müdigkeit und Kälte:

»Da wir nun einmal miteinander reden, – was willst du hier? Warum kann ich keine Ruhe vor dir haben?«

Sie zuckte zusammen, machte eine ängstliche Bewegung auf ihn zu, antwortete aber in leichtem Ton:

»Ich wußte nicht, daß du hier an Bord seiest, ich kann doch auch Lust haben, mich ein wenig umzusehen?«

Hall seufzte tief.

»Singst du noch?« fragte er.

»Ja. Was sollte ich sonst wohl tun, Edmund. Ich habe noch immer Erfolg. Das weißt du natürlich recht gut, aber nun bist du ärgerlich. Ja, ich habe meine Kunst. Und dann wollte ich auch gern mal nach drüben. Ich habe vorläufig ein großes Engagement in New-York.«

Sie schwiegen.

»Der Kapitän steht oben auf der Brücke und horcht,« sagte Hall endlich, sonderbar sanft und niedergeschlagen, als sei er im Begriff, einzuschlafen, wo er stand. Er sah nicht, wie Madame d'Ora ängstlich nach Luft schnappte.

»Laß ihn doch, Edmund,« rief sie klagend aus. »Man darf gern wissen, daß ich dich wiedergefunden habe, Edmund.«

Sie ging dicht an ihn heran und sprach vertraulich, während ihre Bewegung sich legte.

»Es ist doch lächerlich, daß wir hier nun über vier Tage nebeneinander hergegangen sind wie zwei Menschen, die sich völlig fremd sind, die sich nie gesehen haben. Ich bin ein wenig besorgt um dich gewesen … alle die andern Passagiere glauben auch, daß du sie auffressen willst, sie sitzen da und sehen dich von der Seite an, mir ist oft ganz unheimlich zumute gewesen. Du siehst wirklich gar nicht gut aus, Edmund! Deine Augen sind wohl schlecht, du trägst ja eine fast schwarze Brille. Hör' einmal, setz' dich hierher auf die Bank. Findest du es nicht tapfer von mir, daß ich gar nicht seekrank gewesen bin?«

»Ja, Gott weiß, du bist ein Musterkind,« entgegnete Hall kurz. Er setzte sich, stand aber gleich wieder auf und lachte:

»Nie vergesse ich den Tag in Cherbourg, als du in deiner ganzen Glorie die Schiffstreppe hinaufgestiegen kamst – mit Hutschachteln und Blumensträußen und tausend Paketen, Kammerzofe und Kanarienvögeln im Bauer – – – Daß sich Gott erbarm'! Ich hätte es voraussehen können. Ich war sehr bedenklich, ob ich nach Europa gehen sollte, denn ich kenne dich ja als ausgedehnte Karawane, in die hineinzufallen man schwerlich vermeiden kann. Und nun willst du nach Amerika gehen! Ich hatte mich doch sicher geglaubt, wenn ich das Meer zwischen dich und mich legte.«

»Ja, ja …. Edmund,« sagte Madame d'Ora wehrlos.

»Ich verließ ja Europa seiner Zeit um deinetwillen,« sagte Hall wie jemand, der jetzt keine Nachsicht mehr walten lassen will.

»Wie kannst du das nur sagen!«

»Ich bin um deinetwillen gereist.«

»Wir hatten uns doch die letzten beiden Jahre ehe du reistest gar nicht gesehen,« wandte Madame d'Ora matt ein. »Gequält habe ich dich doch in der Zeit nicht, Edmund.«

»Nein, deine Person war zu jener Zeit freilich anderwärts engagiert,« sagte Hall zorniger … »Nun, glaub' mir, es ist mir ganz einerlei. Es genierte mich auch nicht so sehr, wie ich mir den Anschein gebe, als ich dich dort in Cherbourg mit deinem ganzen Troß heranmarschieren sah; ich entsinne mich dessen vielmehr wegen der groben Komik, die über dem ganzen Auftritt lag. Es fehlten nur deine Hunde, ein Automobil, ein Himmelbett oder ein lenkbares Luftschiff, dann wäre der Triumphzug vollständig gewesen. Ich selber muß wohl auch zu dem Tableau beigetragen haben, als Vordergrundfigur mit meinem langen Gesicht!«

Er schwieg, sehr erregt. Madame d'Ora fühlte, wie er litt.

»Ich kann es dir anhören, daß du dich nicht wohl fühlst,« sagte sie leise. »Ich kenne das aus alten Zeiten, Edmund. Es tut mir so leid. Damals begriff ich auch nie so recht, was du dir eigentlich so zu Herzen nahmst. Mein Fehler war wohl, daß ich dich nicht genügend verstand. Aber ich fühlte mit dir, Edmund. Das tue ich jetzt auch, ich kann nicht anders.«

»O, Leontine!« rief Hall aus und lachte kopfschüttelnd, »weshalb mißhandle ich dich jetzt? Du bist ja doch unverletzlich.«

»Setze dich, Edmund,« bat sie, und er setzte sich müde neben sie. Die Glocke unten auf der Back glaste klanglos im Winde. Die Zwischendeckpassagiere vorne hatten sich aufgestellt, um den Mond zu betrachten, einige von ihnen sangen.

»Höre sie singen!« sagte Hall schmerzlich versonnen. »Wie kann es nur sein, daß wenn primitive Menschen lustig sein wollen, sie Klagelieder singen müssen? Hör nur, wie sie in Not sind!«

»Ja, Edmund.«

Madame d'Ora saß da und wurde schöner und schöner in ihrem Gesicht, während sie Hall, der den Kopf tief vornüber sinken ließ, unverwandt ansah; ihre Augen glichen zwei Lichtern. Die Zwischendeckpassagiere fuhren fort, ihre mißtönende Melodie zu singen, die noch eine lange Zeit weiterklang. Dann sagte Madame d'Ora sanft:

»Was für eine kleine Tasche ist das, die du da hast, Edmund? Du trägst sie fast immer in der Hand, wie ich bemerkt habe. Hast du etwas sehr Wichtiges darin? Mir deucht, du zuckst zusammen, Edmund … Du bist doch nicht etwa mit irgend einer Kasse durchgebrannt?«

Hall lachte unnatürlich und tastete nach ihrer Hand, die sie auf seine Schulter gelegt hatte.

»Nein, du Liebe! Wie ähnlich es dir sieht, auf den Einfall zu kommen!«

»Entweder bist du krank, oder auch dich friert, Edmund,« sagte Madame d'Ora bestimmt, – »komm her mit deinen kalten Händen. So! Wir können hier ganz gut beide unter meinem Abendmantel sitzen. So, du. Nun ruhig, ganz ruhig!«

»Du hast dich seither nicht verändert, Leontine,« flüsterte Hall nach einer Weile, dann fühlte er, wie Ruhe über ihn kam. »Leontine, du bist noch immer so warm. Du bist warm gewesen, und dein Herz hat ununterbrochen, Tag und Nacht, gepocht, seit wir zuletzt zusammen waren – wenn es auch nicht für mich schlug.«

»Bist du dessen, was du sagst, wohl so ganz sicher,« entgegnete sie mit einem so warmen Klang weiblicher Hochherzigkeit, daß es ihm in die Seele drang. »Aber nun gehört mein Herz dir ja wieder.«

»Leontine!«

»Sitze ganz still, Edmund, ganz still. Was willst du mit der Tasche da, sie steht ja ganz gut. Erzähle mir doch, was für wichtige Sachen du darin hast.«

»Ein Paar Hanteln, ein altes Hufeisen, ein Uhrgewicht,« antwortete Hall näselnd wie im Halbschlaf.

»Wie magst du dich nur mit dem alten Eisenkram herumschleppen?« fragte Madame d'Ora verwundert und ein wenig unheimlich berührt. »Mein Gott, wie schwer die Tasche ist! Und was für einen gräßlichen ledernen Gürtel mit einem Haken daran hast du um!«

Im selben Augenblick begriff sie den Zusammenhang, verstand, daß Hall hatte sterben wollen. Sie blieb sitzen, ohne sich vom Fleck zu rühren, lehnte nur den Kopf zurück und sah zu den Sternen auf. »Ach, Edmund!« hauchte sie kaum hörbar in die Luft hinauf und dann fing sie an zu weinen. So saß sie lange da. Endlich atmete sie tief auf und so vorsichtig, daß Hall es nicht merkte.

»Wie glücklich ich bin, daß wir uns getroffen haben, Edmund,« flüsterte sie bebend.

»Ja, das war ein sonderbarer Zufall!« antwortete Hall geistesabwesend.

»Ich wußte sehr wohl, daß du auf dem Schiffe seiest,« sagte Madame d'Ora und erstickte lachend einen tiefen Seufzer.

»Das wußtest du?«

»Ja, und da fuhr ich mit, Edmund. Ich sah in einer Zeitung, daß du in Europa auf Besuch warst, und ich fand heraus, daß du mit dem ›Bacharach‹ gehen wolltest. Ich habe mich so nach dir gesehnt, Edmund … Edmund!«

Hall fuhr in Zuckungen aus dem Schlaf auf.

»Du hast doch nicht geschlafen?« flüsterte sie liebevoll. »Wie ich dich jetzt wiederkenne, Edmund, du kannst nur schlafen, wenn ich bei dir bin. Hast du nicht gut geschlafen, seit wir uns trennten? Hast du gerechnet und studiert und nimmer geruht?«

Er antwortete mit einem schwachen Laut in der Kehle, und sie fielen sich um den Hals und saßen lange schweigend da.

»Hörst du, da spielt jemand die Mundharmonika?« flüsterte Madame d'Ora. »Das ist die Melodie, die wir so oft in Paris gehört haben. Weißt du noch die Abende, wenn die Tauben Sacré-Coeur umschwärmten? Wie alt sind wir jetzt, Edmund? Geht es dir gut in Amerika? Ich habe von dir gelesen, du bist groß und erfindest neue Dinge …«

»Leontine, du weinst!«

»Ja, ich weine. Es war gut, daß ich mitreiste.«

»Ja,« murmelte Hall.

»Wie stark du geworden bist,« flüsterte er nach einer Weile. »Trinkst du wohl zu viel, Leontine?«

Sie antwortete nicht, sondern weinte und trocknete ihre Augen. Dann rückte sie vorsichtig fort und bat:

»Edmund, laß mich einen Augenblick aufstehen. Bleibe du nur ruhig sitzen, Edmund!«

Sie bückte sich schnell, ergriff die Tasche und ging damit an die Schiffsreling. Im selben Augenblicke ward ein lauter Sprung auf den Deckplanken hörbar, und aus irgend einem Versteck, in dem er sich verborgen gehalten hatte, tauchte ein Mann auf. Es war Thomas Mason, er stürzte auf Madame d'Ora zu.

»Ah!« schrie Hall und sprang von der Bank auf. Die drei standen einander ganz schweigend gegenüber und sahen sich an. Mason streckte eine Hand aus und zeigte auf die Tasche. Aber Madame d'Ora übergab sie ruhig an Hall. Durch das Skylight klang die Musik von unten aus dem Salon deutlich herauf.

»St!« sagte Madame d'Ora mit großer Selbstbeherrschung. »Da sind sie alle!«

Drittes Kapitel

Die Passagiere waren vom Tisch aufgestanden und fingen an, auf Deck hinaufzuströmen. Da das Wetter so schön war, blieben nur wenige auf dem unteren Promenadendeck, die meisten wollten hinauf und den Mond sehen, und bald war das ganze obere Deck und die Aussichtsbrücke mit einer plaudernden, lustwandelnden Menge angefüllt.

Hall saß auf der Bank, und an seiner Seite stand Madame d'Ora. Sie sprachen nicht. Mason hatte sich entfernt. Die Passagiere kamen oft an der Bank vorüber, um sich über Madame d'Ora zu wundern, die dort groß und mächtig und mit einer eigentümlichen Miene neben einem Manne stand, den niemand beachtet hatte. Einige wenige wußten, daß es Edmund Hall war, und diese wunderten sich am meisten. Alle Damen wollten wissen, wer der bleiche Mann sei, und als man ihnen erzählte, daß es der große Anthropologe war, wurden sie sehr ernsthaft und streiften wieder an der Bank vorbei, um ihn zu sehen. Er war ein Mann mit langen, reinen Zügen und einem glatten Bart, der den Mund nicht verbarg, seine Augen waren blau und erschienen matt. So wie er jetzt da saß, schien er überhaupt nicht zu leben. Aber wie schön Madame d'Ora war. Die Damen kannten sie kaum wieder. Hielt sie Wache bei diesem Kranken? Was war geschehen? Woher war sie plötzlich so schön geworden? Madame d'Ora verwandte kein Auge von Edmund Hall. Das Mondlicht fiel auf die dunklen Augäpfel und die großen, schwarzen Lider, die ihr einen so tiefen Ausdruck verliehen und so reich an Gnade. Die Nasenflügel, die fein und gewalttätig aussahen, ruhten nun völlig, und auch der leidende Mund war still. Aber wie voll unbändiger Kraft stand sie da in ihrer starken, hochaufgerichteten Gestalt, welch eine Pracht und Unbezwingbarkeit waren in ihrer Haltung vereint.

Endlich bewegte sie sich, sah auf und veränderte den Ausdruck. Da war einer, der sich schon zwei Mal verbeugt hatte und mit ihr reden wollte, sie wandte sich um und der Ernst schwand aus ihren Zügen:

»Guten Abend, Herr Evanston.«

Sie sah ihn blitzend an, von seinen sichelförmigen Schuhen bis zu dem Zylinderhut auf dem ruppigen Kopf. Er nahm ihn ab und verbeugte sich noch einmal ziemlich zurückhaltend, ihr Blick blieb an seinen kalten Augen hängen. Er war über und über grau, groß, fest und sehnig, mit hohlen Wangen und tiefen Linien, die von den Nasenlöchern in den struppigen Uncle Sam-Bart hinabliefen. Die Oberlippe war glatt rasiert und mit geradem Rand.

»Verzeihen Sie meine Kühnheit, gnädige Frau,« sagte er höflich und deutlich. »Sie sind erstaunt, mich hier zu sehen, wohin ich nicht gehöre, aber ich habe die Erlaubnis des Kapitäns, den Fuß auf das Gebiet der ersten Kajüte zu setzen zu einem Zweck, der nicht mich selbst persönlich betrifft. Da ich nun von den Passagieren der ersten Klasse allein die Ehre hatte Madame zu kennen –«

»Herr Evanston, wir freuen uns außerordentlich, Sie zu sehen,« sagte Madame d'Ora mit ihrem tiefen Baß und auf die formloseste Weise. »Wie vernünftig von Ihnen, sich an mich zu wenden – ich vermute ja sofort, daß Sie sich zu irgend einem wohltätigen Zweck hier heraufbegeben haben. Ihr gutes Herz sendet Sie … Das ist Herr Evanston – Edmund Hall.«

Hall erhob sich nicht. Als Evanston den Namen hörte, trat er zur Seite und lehnte sich hintenüber, wie um ein hohes Gebäude zu betrachten.

»Ah! Edmund Hall!« sagte er leise. »Das ist mir die allergrößte Ehre!«

Er trat noch einen Schritt zurück.

»So also sieht ein weltberühmter Gelehrter aus! Ich wußte selbstredend, daß Sie mit auf diesem Schiffe seien, Herr Edmund Hall, dergleichen bleibt nicht verborgen, aber ich kannte Ihre Züge nicht. Auch wohne ich ja sehr weit von hier, ganz hinten.«

Er näherte sich mit vorsichtigem Ausdruck, bog den Kopf ein wenig zur Seite:

»Die Bilder scheinen mir nicht ähnlich zu sein, keins von denen, deren ich mich entsinne. Doch vielleicht … Edmund Hall sieht überanstrengt aus. Seekrankheit?«

Die letzten Worte wandte er an Madame d'Ora. Sie nickte ihm ermunternd zu. Es amüsierte sie. Aber sie fühlte sich doch ein wenig imponiert von der eiskalten Stimme des Mannes.

»Ich habe mit dem größten Interesse mehrere von Ihren epochemachenden Werken gelesen oder erlebt, wenn ich mich so ausdrücken darf, namentlich Ihr eigentümliches und fesselndes Buch über die Verantwortungslosigkeit des Verbrechers,« sagte Evanston … Und als Hall bei diesen Worten plötzlich zu ihm aufsah, begegnete er seinem Blick. Sie sahen einander ziemlich lange an.

»Ja, ich teile ja Ihre Grundsätze nicht,« fuhr Evanston mit einem geschickten Anflug von Salbung fort, »ich bin Geistlicher. Ich dürfte diese oder jene Grundansicht von Recht und Gesetz haben, die von den Ihren unterschiedlich ist. – Sie haben Ihr Laboratorium in New-York, Herr Edmund Hall, und es ist mir bekannt, daß Ihre Tätigkeit als Analytiker teilweise öffentlichen Charakters ist – es würde mich außerordentlich freuen, wenn ich Sie eines Tages aufsuchen und mit Ihnen über diese großen Fragen reden dürfte. Meine ganz obskure Wirksamkeit hat mir Erfahrungen eingebracht, die auch einen Forscher wie Sie, Herr Edmund Hall, interessieren könnten.«

Hall nickte, und Evanston wandte sich mit einem schiefen Blick und einer Verbeugung an Madame d'Ora.

»Madame, Sie haben recht geraten, es ist ein menschenfreundlicher Gedanke, der mich hergeführt hat.«

»Lassen Sie einmal hören, Herr Evanston. Sie sind unserer Anteilnahme sicher. Stellen Sie sich mitten davor, dann werden die Passagiere sehen, daß Sie ihre Aufmerksamkeit zu fesseln wünschen.«

Evanston befolgte ruhig ihren Rat, und bald hatte er eine ganze Menge um sich versammelt.

»Meine Damen und Herren,« sagte Evanston in Rednerton und wartete dann, bis mehr hinzugekommen waren. »Meine Damen und Herren! Unter freundlicher Protektion zweier großer Mitreisender, der Gesangeskönigin Madame d'Ora und des berühmten Gelehrten Herrn Edmund Hall erlaube ich mir hier in der demütigen Eigenschaft eines Seelsorgers, Sie um Ihre Teilnahme zu Gunsten eines Liebeswerks zu bitten. Ich bewege mich jeden Tag – mit Erlaubnis des Herrn Kapitäns – unter den Passagieren auf dem Zwischendeck, um zu helfen, wo geholfen werden kann. Man ist dort unten in der Tiefe Zeuge manch eines Anblicks, der geeignet wäre, Ihre Nerven zu erschüttern, meine geehrten Damen. Armut, Hoffnungslosigkeit und Krankheit sind dort unten keine Begriffe, es sind Handgreiflichkeiten. Der Schmerz ist reell. Wissen Sie, daß wir siebzehnhundert Seelen über das Meer führen, siebzehnhundert Arme? Siereisen nicht, sie haben kein Hotel in Hamburg oder in Paris verlassen, um in eins in New-York einzukehren, – sie ziehen um. Sie haben Säcke voll alten, unbrauchbaren Gerümpels mit, und glauben, daß ihr Leben davon abhängt. Sie sind unwissend, sie befinden sich in der Finsternis, das mütterliche Schicksal hat ihre Augen nicht wachgeküßt. Wissen Sie, daß wir eine Provinz mit uns führen mit all ihren Jahrhunderten, wissen Sie, daß wir eine Völkerwanderung an Bord haben, und daß die Heimatlosen müde sind und daß sie dürstet?«

Evanston machte eine Pause und sah zu der Mastspitze hinauf, es lag Stimmung über seinen harten Zügen.

»Meine Damen und Herren,« fuhr er in mehr konversierendem Ton fort. »Da ist nun ein besonderer, isolierter Fall von Elend, für den ich mir die Freiheit nehmen will, Sie zu interessieren. Im Zwischendeck reist ein junges, unbeschütztes Mädchen, dessen Lage an die Verzweiflung grenzt. Sie hat nicht einen einzigen Verwandten in Amerika, und wenn die Ladung des Schiffes auf Ellis Island gesichtet wird, so wird sie nicht einmal Erlaubnis erhalten, an Land zu gehen, weil sie gar nichts besitzt.«

Als Evanston zu dem Punkt kam, daß es ein junges Mädchen sei, setzte Madame d'Ora eine unverbesserliche Miene auf. Der einzige, der das sah, war Herr Evanston selber. Aber er tat so, als sähe er es nicht.

»Das junge Mädchen heißt Fräulein Karekin, sie stammt aus Armenien und kann eine ergreifende Tragödie von Unrecht und Grausamkeit erzählen, die ihre ganze Familie in Leichen verwandelt, ihr Heim zerstört und sie einsam und wehrlos in die Welt hinausgetrieben hat …«