Das war einmal - Rolf Leimbach - E-Book

Das war einmal E-Book

Rolf Leimbach

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Beschreibung

Dieses Buch wendet sich vor allem an Leser ab 12 Jahre. Nach oben ist dem Lebensalter keine Grenze gesetzt. Noch nie ist der Versuch unternommen worden, die Geschichte der Stadt Stadt­lengsfeld so aufzuschreiben, dass auch Kinder sie verstehen können. Deshalb erzählt der Autor ausgewählte Ereignisse aus der über 1000jährigen Vergangenheit des Ortes. In frühester Zeit hat niemand aufgeschrieben, wie es wirklich war. Es gibt Bodenfunde, später einzelne Urkunden, Reste von Bauwerken, dann endlich vermehrt schriftliche Zeugnisse und Personalien. Je näher die Vergangenheit an die Gegenwart rückt, um so ergiebiger sprudeln die historischen Quellen. Immer wieder aber gehen durch Katastrophen oder verantwortungslosen Umgang mit diesen geschichtlichen Zeugnissen auch in jüngerer Zeit diese Quellen verloren. In diesem Buch werden 16 Kapitel aus der Stadtlengsfelder Geschichte erzählt. Hier eine kleine Auswahl: Warum flohen die Kelten aus den Niederungen des Feldatales zeitweise auf den Baier und suchten dort Schutz? War die Grenzziehung des Klosters Hersfeld zwischen dem heutigen Stadtlengsfeld und Weilar der Beginn unseres Ortes? Wie wurde die Stadtmauer errichtet? Welche Schrecken durchlebten die Einwohner der Stadt Lengsfeld im 30jährigen Krieg? Wie sahen Augenzeugen den Absturz eines amerikanischen Bombenflugzeuges über der Stadt? Womit spielten die Kinder der Stadt, als an Fernseher, Computer oder Smartphone noch nicht zu denken war.? Nach manchen Kapiteln wird der Leser gefragt: „Bist du sicher?“ Neben dem Abfragen von Fakten, werden fast vergessene Tätigkeiten wie zum Beispiel das Einbinden von Schulbüchern oder das Nachbauen alter Spielgeräte in Erinnerung gebracht. So bleibt zu wünschen, dass dieses Buch das Interesse eines großen Leserkreises an der Stadtgeschichte weckt.

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Verwendete Abkürzungen und Symbole

Abb.

Abbildung

Comp.

Mitinhaber, Teilhaber

geb.

geboren

gest.

gestorben

Hl.

heilige

Refr.

Refrain

vgl.

vergleiche

&

und

Inhalt

Spuren früher Besiedlung

Eine Grenze wird gezogen

Lengsfeld auf dem Weg zur Stadt

Nachtwächter

Die Wasserburg

Die Stadt Lengsfeld im Bauernkrieg

Die Chrabaten kommen!

Zucht und Ordnung in der „alten Schule“

Feuer!

Mit der „Rompelboh“ nach „Nurde“

Von einer revolutionären Mandoline, einem gezeigten Vogel und anderen Bedrohungen

Willi

Ein Flugzeug stürzt vom Himmel

Hannelores Kindheitserinnerungen

Gas!

Alte Spiele oder Not machte erfinderisch

Quizauflösung

Abb. 0: Teilansicht von Stadtlengsfeld mit dem Baier im unteren Feldatal. Quelle: Archiv R. Leimbach 2000

Vorwort

Den Satz des Pythagoras behandelten wir wohl in der 7. oder 8. Klasse. Da war ich zwölf oder dreizehn Jahre alt. Etwa zur gleichen Zeit erfuhr ich, dass unter der Remise am Viehhof ein Geheimgang seinen Anfang nehmen sollte, der bis zum Baier geht. Den Satz des Pythagoras vergaß ich im Laufe der Zeit, weil ich ihn nie mehr brauchte. Das Wissen um den Geheimgang war in all den Jahren auch zu nichts nutze. Aber dieses Wissen blieb beständig.

Vor einigen Jahren ergab sich die Gelegenheit, den Mühlgraben unter der Remise mit dem damaligen Bürgermeister Dr. Martin Walter zu begehen. Der tonnenförmig ausgebaute Gang aus Sandstein war erstaunlich gut erhalten. Schon nach einigen Metern zweigte ein kleiner Stollen ab. War das der vermutete Geheimgang? Wohl nicht, denn er verlief in Richtung der Stadt. Zudem war er nach wenigen Metern eingebrochen. An seinem Ende zeigten sich Reste einer Treppe.

Irgendwann hatte sich die Wirklichkeit mit der Fantasie vermischt und wurde von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Schriftliche Zeugnisse über dieses Bauwerk wurden bisher nicht gefunden.

Nun taten sich Fragen auf. Welchen Zweck sollte dieser Gang dienen. Welche Funktion hatte das Gebäude darüber überhaupt einmal gehabt? Wer ließ es erbauen?

Ist die Beantwortung dieser Fragen für unser gegenwärtiges Leben bedeutungslos? In ihren Einzelheiten vielleicht, in ihrer Gesamtheit (die wir Geschichte nennen) wohl nicht. Aus der Fülle geschichtlicher Hinterlassenschaften erkennen wir zum Beispiel, was sich bewährte und was in die Irre führte, was uns nutzte und was uns schadete.

Der Schlüssel zu solchen Einsichten ist ganz maßgeblich die Neugier, die in der Kindheit wohl am stärksten ausgeprägt ist. Das vorliegende Buch will diese kindliche Neugier befeuern. Befragt die Geschichtszeugnisse, die sich überall um uns herum befinden!

Wie Geschichte wirklich verlief, ist in den meisten Fällen nicht wahrheitsgemäß aufgeschrieben worden. Was wahr oder falsch ist, zeigt immer erst die Zukunft.

Rolf Leimbach

Kapitel I

Spuren früher Besiedlung

***

Es waren wohl die Kelten, die in der Umgebung unserer Stadt als frühe Siedler Spuren in der Landschaft, im Boden und sogar in der Sprache hinterließen.

Geht man vom Emberg zum Gipfel des Baiers, weisen Schilder auf Bodendenkmale hin. Hier befinden sich auch Hügelgräber. In einigen fand man keltische Grabbeigaben.

Kurz vor dem Gipfel durchbricht der Pfad eine deutliche Anhäufung von Blockbasaltsteinen. Es sind Reste von ehemals starken Mauern, die Kelten aus Buchenstämmen und Steinen um den Gipfel zogen.

Selbst unsere Sprache ist noch reich an Wörtern, deren Ursprünge im Keltischen liegen, wie zum Beispiel „Apfel“ (aballa), „Bruder“ (bratir) oder „Wolle“ (wlana).

Abb. 1: Bodendenkmal am Baier, Ringwallrest kurz unter dem Gipfel. Quelle: Archiv R. Leimbach, Montage 2014

Einst siedelten die Kelten im Quellgebiet der Donau. Es sind Volksgruppen der Eisenzeit in Europa. Ihre größte Verbreitung hatten sie um das Jahr 275 vor der Zeitrechnung. Es ist nicht genau ergründet, wie aus einer so kleinen Gruppe sich über Jahrhunderte eine Macht entwickelte, die zeitweise fast ganz Europa beherrschte, ja ganzen Staaten durch Überfälle den Todesstoß versetzte. Dabei hatten die Kelten nie selbst ein eigenes Staatsgebilde. Bei ihnen gab es keine Herrscher und Beherrschte, keine Armen und Reiche. Die Kelten lebten in einer Gesellschaft als Gleiche unter Gleichen.

Der Baier war eine Fliehburg. In Zeiten der Gefahr bot er den Kelten Schutz vor Feinden. Das war vor über 2000 Jahren …

***

Abb. 2: Der Baier ist mit 714 m einer der höchsten Berge der Vorderen Rhön. Er überragt mit über 300 m seine Umgebung, sodass weite Ausblicke möglich sind. Steile Anstiege, große Geröllfelder mit Blockbasalt und dichter Baumbewuchs erschweren den Aufstieg zum Gipfel. Quelle: Archiv R. Leimbach 2009

Der kräftige Krieger auf dem Pferd blickte besorgt zurück. Am Horizont über dem Wald standen noch immer dünne Rauchfahnen. Dort brannten Behausungen. Feindlich gesinnte Stämme waren eingefallen. Nun galt es, sich in Sicherheit vor den kriegerischen Horden zu bringen.

Der Reiter munterte die anderen Männer, Frauen und Kinder auf, sich zu beeilen. Auf ihrer Flucht hatten sie es bisher vermieden, sich einzelnen Gehöften zu nähern. Sie waren ohnehin schon menschenleer. Die Gruppe benutzte auch keine Wege und Pfade. Zu groß war die Gefahr, dabei auf Fremdlinge zu treffen.

Nun hatten sie den dichteren Wald am Berg erreicht. Im Schutze der hohen Buchen konnten sie ein wenig rasten und auch den mitgeführten Rindern, Schweinen, Ziegen, Schafen und Hunden etwas Ruhe gönnen. Die Männer prüften ihre Waffen. Es waren Speere mit einer Spitze aus Eisen, Schwerter und Dolche, Pfeil und Bogen. Der Mann auf dem Pferd trug einen Helm, dessen Spitze ein Vogel zierte, der seine Schwingen angriffslustig ausbreitete. Farbige Ornamente durchzogen die gewebten Gewänder der Frauen. Sie trugen Schmuck aus Glasperlen. Ihre Kleider wurden mit kunstvoll gestalteten Nadeln und Spangen zusammengehalten.

Abb. 3: Keltischer Helm. Quelle: Archiv R. Leimbach 2014

Die Gruppe ging weiter bergauf zum Gipfel. Jeder hatte eine Last zu tragen: Gerste, Hirse, Erbsen, Linsen und Pferdebohnen als Lebensmittelvorräte, Werkzeuge, Küchengeschirr, Decken, Kleidung und Felle. Das Gelände wurde nun unwegsamer, die Steigung steiler. Immer wieder mussten Geröllhalden aus Basalt und umgestürzte Baumriesen umgangen werden.

Endlich vernahmen sie vom Gipfel Geräusche, die von Menschen kamen: einzelne Rufe, Hammer- oder Axtschläge, das Poltern von bewegten Steinen. Etwas unterhalb des Gipfels tauchten hinter den Bäumen Mauern auf. Sie waren zwei Mal höher als ein kräftiger Mann. Die fast schwarzen Basaltsteine, die fest übereinander geschichtet waren, gaben der Mauer ein drohendes Aussehen. Zwischen den Steinen dienten mächtige Stämme aus Buchenholz als Halt und Stütze. Die Wachen meldeten die Ankunft der Neuen in das Innere der Burg. Bewaffnete Männer blickten über die Mauer, öffneten das Tor und begrüßten die Männer, Frauen und Kinder. Sie kannten sich. Erleichtert und froh ließen sich die Ankömmlinge im Innern der Burg nieder.

Ihre Gedanken waren aber immer noch bei ihren nun verlassenen Wohnungen. Vieles hatten sie bei ihrer Flucht dort zurücklassen müssen: die Vorratskrüge aus gebrannten Ton mit ihren kunstvollen Schnurbandverzierungen und auch alle Gerätschaften zum Bewirtschaften ihrer Felder. Die Männer dachten an die Schmelzöfen am nahen Berg, mit denen sie Eisen gewannen, welches sie schmieden konnten. Daraus fertigten sie geschwungene Pflugschare, die die Erde nicht bloß aufritzte, sondern auch wendete. So bearbeiteter Boden brachte größere Ernten. Aus diesem Eisen waren auch ihre Waffen und Werkzeuge, die sich nicht so schnell abnutzten, wie solche aus Kupfer oder Bronze.

Nun erflehten alle Beistand von ihrem Kriegsgott, dass sie den eingedrungenen fremden Stämmen widerstehen konnten, um bald wieder in ihre vertrauten Gehöfte zurückzukehren.

Vorerst waren sie in der Fliehburg auf einem Berg angekommen, den man später den Baier nennen wird.

Kapitel II

Eine Grenze wird gezogen

***

Lengsfeld lag über Jahrhunderte im Herrschaftsbereich des Klosters Hersfeld. Hier verrichteten Beauftragte des Klosters ihren Dienst. Ihre Namen tauchen in ältesten Urkunden auf. Diese Urkunden geben Aufschluss z.B. über das Alter unserer Stadt.

Das Kloster Hersfeld wurde von Karl dem Großen reich beschenkt. So auch 786. Die Grenzen dieser Landschenkung sind ziemlich genau beschrieben [2]. Daher wissen wir, dass die südliche Grenze dieser Landschenkung sehr wahrscheinlich zwischen Stadtlengsfeld und Weilar verlief.

Abb. 4: Ruine der Stiftskirche des Klosters Hersfeld. Quelle: Archiv R. Leimbach 2012

Ein Kloster ist ein Ort, in dem Menschen (Mönche oder Nonnen) zusammenleben, um ihre Religion auszuüben. Im Mittelalter waren Klöster Mittelpunkte der Bildung. Einige unterhielten handwerkliche und landwirtschaftliche Betriebe. Klöster wurden auch gegründet, um dort lebende Menschen zu einer Religion zu bekehren. Deshalb wurden Klöster von den Landesherren oft mit großen Ländereien beschenkt, um damit ihre Macht in diesen Gebieten zu sichern.

Das Kloster Hersfeld, auch Reichsabtei Hersfeld genannt, wurde 769 vom Mainzer Bischof Lullus gegründet.

Karl der Große: geboren im Jahr 747 oder 748, gestorben 814. Seit dem Jahr 768 König des Fränkischen Reiches, seit 800 Römischer Kaiser.

Wir schreiben das Jahr 791. Auf der rechten Seite des Feldatales, zwischen dem heutigen Stadtlengsfeld und Weilar, hoch oben im Wald am Eisköpfchen war eine Gruppe Männer dabei, junge Eichen zu pflanzen. Ein Dienstadliger des Klosters Hersfeld gab den Männern Anweisungen, wo die jungen Stämmchen in die Erde zu bringen sind. Die Bäumchen bildeten in größeren Abständen von der Höhe hinab ins Tal eine Reihe. Dann wurden die Pflanzungen durch die Niederung des Feldatales geführt, um sich dann rechts am Fischbachtal in Richtung Schlegelbach fortzusetzen.

Einhundert Jahre später waren die Eichen zu stattlichen Bäumen herangewachsen. Nach zweihundert Jahren konnte man sie im Baumbestand des Waldes nicht mehr zu übersehen. Und außerhalb des Waldes, im lockeren Gefilde, standen sie in größeren Abständen wie Wächter. Niemand wagte es, die Axt an sie zu legen. Sie markierten mit ihren mächtigen Stämmen und weit ausladenden Kronen eine Grenze.

Abb. 5: Solitäre Eiche im Feldatal nahe von Stadtlengsfeld. Quelle: Archiv R. Leimbach 2014

Woher kamen diese Menschen, die diese Arbeiten verrichteten? Waren das vielleicht sogar Bewohner jener Höfe, die später „Lengsfeld“ genannt werden? Das zu vermuten, ist gar nicht so abwegig. Bei der Gründung des Klosters Hersfeld im Jahr 755 wurde diesem unter anderen die „Mark Dorndorf“ mit 14 Hufen und 5 Hofstätten geschenkt. Bei der zweiten, größeren Schenkung im Jahr 786 wurden diese nicht mehr erwähnt. Sie waren schon vorhanden und waren an der damaligen Grenze zwischen dem heutige Stadtlengsfeld und Weilar zu suchen. Also hatte es hier schon vor dem Jahr 755 hersfeldischen Besitz mit 14 Huben (Hufen) und 20 Mansen (Zinshufen) gegeben. Das waren immerhin schon 34 Höfe auf denen jeweils mehrere Menschen lebten. Für die damalige Zeit war dies eine sehr stattliche Anzahl. So dürfen wir annehmen, dass sich hier schon vor dem Jahr 755 Menschen angesiedelt haben.

Eine Hufe ist ein landwirtschaftliches Gut, welches mit einem Pflug bestellt werden kann und demnach der Arbeitskraft einer Familie entspricht (Quelle: Wikipedia).

Abb. 6: Grenzverlauf der Landschenkung Karl des Großen an das Kloster Hersfeld 786 zwischen Stadtlengsfeld und Weilar. Quelle: Archiv R. Leimbach, Montage 2014

Eine Manse ist ein Hof oder eine Bauernstelle, die einem Herrenhof untergeordnet war und diesem Abgaben entrichten musste (Quelle: Wikipedia).

Bist du sicher?

Wähle die richtigen Antworten unter den Fragen aus und schreibe die Wörter untereinander auf einen Zettel!

Bilde von den unterstrichenen Buchstaben von oben nach unten ein Wort! Die richtige Lösung nennt eine Gesteinsart, die häufig in der Rhön vorkommt.

1. Wie heißt ein in der Rhön häufig vorkommender Laubbaum?

Ahorn - Buche - Eiche

Unterstreiche den ersten Buchstaben!

2. Wie nennt man den Vorsteher eines Klosters?

König - Herzog - Abt

Untereiche den ersten Buchstaben!

3. Welches Kloster wurde 786 von Karl dem Großen mit Land beschenkt?

Hersfeld - Fulda - Würzburg

Unterstreiche den vierten Buchstaben!

4. Welcher Berg südwestlich von Stadtlengsfeld war eine Fliehburg?

Dietrichsberg - Baier - Horn

Unterstreiche den ersten Buchstaben!

5. Welcher Fluss entspringt bei Reichenhausen und mündet bei Dorndorf in die Werra?

Ulster - Katz - Felda

Unterstreiche den dritten Buchstaben!

6. Welcher Volksstamm besiedelte sehr früh die Rhön?

Vandalen - Thüringer - Kelten

Unterstreiche den vierten Buchstaben

Das Lösungswort steht auf Seite →.

Kapitel III

Lengsfeld auf dem Weg zur Stadt

***

Eine Stadtmauer wird gebaut

Wir sind nicht von einem Tag zum anderen eine Stadt geworden. Sicher hat es jemanden gegeben, der uns irgendwann zur Stadt erhoben hat. Das war bestimmt ein feierlicher Moment. Eine Urkunde wurde wahrscheinlich auch verfasst, in der schwarz auf weiß geschrieben stand, dass wir uns fortan „Stadt“ nennen dürfen. Pech, dass diese Urkunde nicht mehr aufzufinden ist. Vielleicht ist sie verbrannt oder auch nur irgendwie verschwunden. Es gab Zeiten, wo es „drunter und drüber“ ging.

Wir versetzen uns zurück in die Zeit um 1260. Den Fürstabt Bertho II. in Fulda erreichten beunruhigende Nachrichten. Ritter trugen ihren Streit in blutigen Fehden aus. Sie fielen in die Dörfer ihrer Gegner ein, zerstörten die Ernte oder trugen Erntegut und Vieh als Beute fort. Als Wegelagerer überfielen sie Kaufleute oder Dienstleute des Abtes und erpressten ihre Freilassung mit Geld. So kam nicht nur der Handel fast zum Erliegen, die Abgaben der Bauern an die Reichsabtei Fulda gingen so immer weiter zurück. Und es kam noch schlimmer. Seit einiger Zeit versuchte Ludwig von Frankenstein seine ehemaligen Besitzungen, die er an Fulda verlor, wieder an sich zu bringen. So auch Lengsfeld, welches er 1235 der Reichsabtei Fulda überlassen musste.

Abb. 7: Ritter beim Schwertkampf. Quelle: Archiv R. Leimbach 2008

Etwa 30 Jahre später sah Heinrich von Frankenstein seine Zeit gekommen. Er besetzte Lengsfeld. Doch der Fürstabt gab nicht auf. Er verbündete sich mit dem Bischof von Würzburg und dem Grafen von Henneberg, um mit militärischer Gewalt gegen die Raubritter vorzugehen. Mit starker Streitmacht trieb er seine Gegner in die Stadt Hersfeld, die er nach viertägiger Belagerung niederrang. Fünfzehn Raubritterburgen ließ der Fürstabt zerstören. Dann züchtigte er die Frankensteiner im Werratal. Die Burg bei Salzungen wurde zerstört. Dann soll der Fürstabt sich auch nach Lengsfeld begeben haben.

Es musste etwas geschehen, um Zucht und Ordnung im Lande wieder herzustellen und die Einnahmen der Abtei zu sichern. Fürstabt Bertho II. befahl, die Orte Geisa, Vacha und Lengsfeld mit Mauern zu umgeben und in ihren Burgen fuldische Soldaten zu stationieren.

Vieles tat Bertho II., ohne dafür die Erlaubnis oder das Recht vom Kaiser erhalten zu haben. Er handelte auf eigen Faust, wie die meisten Fürsten, Bischöfe und Adlige in dieser Zeit. Der Kaiser war oft nicht im Lande oder es gab ihn nicht. In dieser Zeit regierte das Faustrecht des Stärkeren.

So also kam Lengsfeld zu seiner Stadtmauer. Lengsfeld sollte als Festung die Grenzen der Reichsabtei Fulda nach Norden sichern.

Wie haben wir uns den Bau der Stadtmauer vorzustellen? Hier müssen wir unsere Fantasie bemühen, denn schriftliche Aufzeichnungen darüber gibt es nicht.

***

Der Burgmann Theodiricus de Lengifuelt rief die Bevölkerung von Lengsfeld vor die Burg. Der Gesandte des Fürstabtes wollte ihnen eine Nachricht übermitteln: „Unser Herr und Fürst sorgt sich um das Wohl und Weh seiner Untertanen. Niederes Rittergesindel überfiel Dörfer und Höfe seiner Bauern. Es verwüstete ihre Felder, vernichtete die Ernte, raubte Vieh und Erntegut und brachte es in ihre Burgen. Räuber nahmen durchziehende Kaufleute gefangen und brachten ihre Handelsware an sich. Für ihre Freilassung forderten sie Lösegeld. Unser Herr und Fürst will diesem schändlichen Treiben nun endlich Einhalt gebieten. Deshalb wird Leingisfelte befestigt werden mit starken Mauern, tiefen Gräben und wehrhaften Türmen. Dann können diese räuberischen Ritter nicht mehr ungestraft ihr Unwesen treiben. Mit harter Hand hat unser Fürstabt gestraft und die Burgen dieses Raubgesindels niedergelegt.“

Ludwig von Frankenstein war ein Ritter. Ritter nannten sich oft nach dem Namen des Berges, auf dem sie ihre Burg errichteten. Der Frankenstein liegt bei Bad Salzungen. Die Burg gibt es nicht mehr.

Der Bischof ist in der christlichen Kirche ein geistlicher Würdenträger. Er leitet ein bestimmtes Gebiet mit vielen christlichen Gemeinden.

Ein Abt ist der Vorsteher eines Klosters.

Der Fürstabt leitete eine Reichsabtei. Er war sehr mächtig und unterstand nur dem Kaiser

Ein Murmeln und Raunen ging von den versammelten Volk aus. Bei den meisten war Zustimmung zu spüren. Zu oft verwüsteten die eingefallenen Ritter mit ihrem Gefolge ihre Felder oder sie raubten das weidende Vieh. Eine wehrhafte Mauer würde die räuberischen Horden abschrecken. Einige aber blickten auch nachdenklich zu Boden. Wer, wenn nicht sie selbst musste diese Mauer bauen? Wer, wenn nicht sie musste Gespanndienste leisteten, um die Steine aus den Steinbrüchen heranzufahren, mit denen die Mauer gebaut wurde? Wer, wenn nicht sie sollte dann die Steine aus dem Boden brechen? Blieb ihnen noch genügend Zeit und Kraft, die eigenen Felder zu bestellen und darauf zu ernten? Niemand wagte es, solche Fragen laut zu stellen.

Monate später.

Bauer Folbrath wurde vom Burgmann zum Ausheben des Mauergrabens am Pfarrgarten eingeteilt. Der Graben musste etwa zwei bis drei Meter tief vor der Mauer gegraben werden. So erhöhte er auch die Mauer. Die ausgehobene Erde wurde zu beiden Seiten des Grabens aufgeschüttet. Diesen Graben mussten die Angreifer erst einmal überwinden, bevor sie die Mauer erreichten. Da blieb den Verteidigern auf der Mauer Zeit, sie von oben herab mit dem Bogen, der Armbrust oder dem Wurfspeer zu attackieren (vgl. Lengsfelder Geschichten II).

Der Burgmann hatte im Auftrag seines Herrn eine Burg zu bewachen und zu verteidigen. Als Lohn konnte der Burgmann manchmal diese Aufgabe seinen Nachkommen vererben (Erbburgmann).

Inzwischen ist der Graben zur Hälfte um den Ort gezogen. Es werden noch einmal Monate vergehen, bis er vollendet ist. Folbrath treibt mit wuchtigen Schlägen seine Spitzhacke in das Erdreich und lockert sie auf. Je tiefer er kommt, um so öfter trifft er auf Steine und Schichten aus Sandstein. Die Steine werden ausgelesen und gesondert am Graben gelagert. Sie werden später beim Bau der Mauer noch gebraucht.

Nun hilft Folbrath beim Füllen großer Holzkästen mit der lockeren Erde. Pferde oder stämmige Ochsen ziehen an starken Seilen die gefüllten Kästen aus dem Graben.

Der Winter steht bevor. Dann muss die Arbeit am Graben ruhen, weil der Boden steinhart gefroren ist. Folbrath denkt mit Sorge an das Frühjahr, wenn die Arbeit am Graben wieder aufgenommen wird. Dann muss er zu diesem Dienst seine Felder zur Aussaat vorbereiten und bestellen. Schon die diesjährige Ernte war schwer genug. Der Dienst am Bau der Stadtmauer ging vor alles. Er konnte sich von diesem Dienst auch freikaufen. Sein Bauernhof aber reichte gerade zum Ernähren der eigenen Familie.

Heute sind sie gut vorangekommen. Der Graben ist bis an den Turm der Kirche herangerückt. Im nächsten Jahr soll auch das Stück am Salzunger Weg bis hinab zur Wasserburg an der Felda fertiggestellt sein.

***

Milde Winde, eine täglich etwas höher steigende und länger scheinende Sonne trieben den Winter in die höheren Berge der Rhön zurück. Im unteren Feldatal zeigte sich auf dem Boden zaghaft erstes Grün.

Mit dem Bau der Stadtmauer sollte schon begonnen werden, obwohl der Graben noch nicht ganz vollendet ist. Der Fürstabt mahnte die Burgmannen zur Eile, denn von Norden drohte seinem Besitz noch immer Gefahr.

Folbrath hatte Gespanndienste zu leisten. Im Steinbruch nahe des Ortes waren Männer dabei, brauchbare Blöcke aus der Felsenwand zu lösen. Zunächst mussten sie die obere Schicht Erde und die brüchigen Gesteinsplatten abtragen. Erst dann erreichten sie den kompakten, festen Sandstein. Nur er war geeignet, daraus eine feste Mauer zu errichten. In diesem Fels suchten sie feine Risse und Spalten. Da hinein wurden Keile aus hartem Holz oder Eisen getrieben, um Blöcke herauszulösen, die sie auch transportieren konnten. Diese Arbeit war gefährlich. In jedem Moment konnten sich aus der Wand Felsbrocken lösen und die darunter arbeitenden Männer treffen oder in die Tiefe reißen. Folbrath lenkte sein Gespann nahe an die Felswand heran, wo schon eine Menge Gesteinsbrocken zum Abtransport bereit lagen. Mit Hebebäume, an denen starke Seile befestigt waren und die man auch schwenken konnte, wurden die Steine auf das Gefährt geladen. Größere Brocken zogen sie auf einer schiefen Ebene auf den Wagen.

Abb. 8: Sandsteinbruch südlich von Stadtlengsfeld. Quelle: Archiv R. Leimbach 2014

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