Das war mein Leben - Herbert Grotz - E-Book

Das war mein Leben E-Book

Herbert Grotz

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Beschreibung

Herbert Grotz wurde am 11. Januar 1922 geboren. In diesem Buch findet sich die Niederschrift seiner Memoiren, die er im Alter von fast 90 Jahren zu schreiben begann. Ob als jugendlicher Fremdenführer oder Fanfarenbläser, als Rennradfahrer, als geschickter Werkzeugmacher und Mechaniker oder als liebevoller Ehemann und Familienvater, stets wirft er einen genauen Blick auf sich und seine Umgebung. Seine Erkenntnisse aus seiner beruflichen Karriere, die ihn vom einfachen Lehrling zum Betriebsleiter einer großen Fabrik führte, bringt er pointiert zu Papier. Ebenso lässt er uns an seinen kleinen, alltäglichen Tricks und Kniffen im Ehe- und Familienleben teilhaben.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Vorwort

Als mein Großvater Herbert Grotz mir vor einiger Zeit erzählte, dass er seine Memoiren geschrieben habe, war mein Interesse schnell geweckt. Es dauerte allerdings eine Weile, bis die akribisch mit Handschrift beschriebenen und sauber abgehefteten Seiten ihren Weg zu mir fanden, da diese nach und nach von Familienmitglied zu Familienmitglied weiterwanderten. Obgleich mir das Lesen große Freude bereitete, empfand ich es auf Dauer doch sehr mühsam, da ich es nicht mehr gewohnt bin, Handschrift zu lesen. Dadurch kam ich auf die Idee, die Geschichte meines Opas erst einmal in digitale Form zu bringen. Von diesem Gedanken aus war es nicht mehr weit bis zum nächsten Schritt: Eine selbst verlegte Buchfassung der Erinnerungen. In dieser Form werden die Texte, die in der vorliegenden Form in der Zeit von 2010 bis 2012 entstanden sind, sehr viel leichter lesbar. Geschrieben wurden diese im Original mit Hilfe eines speziellen Lesegeräts, da mein Großvater aufgrund einer Augenerkrankung nur noch eine stark verminderte Sehkraft besitzt.

Ich habe mich beim Übertragen in Buchform bemüht, den Originaltext soweit wie möglich beizubehalten. Der Stand der Texte in diesem Buch entspricht dem von Mitte 2014. Seitdem wurden von meinem Opa bereits wieder einzelne Kapitel korrigiert und ergänzt. Diese Änderungen werden allerdings erst in eine weitere, nachfolgende Auflage des Buches Eingang finden können.

Die einzelnen Kapitel behandeln sich überschneidende Zeiträume, die die Ereignisse jeweils mit einem anderen Schwerpunkt schildern. Dadurch lassen sich gelegentliche Wiederholungen nicht gänzlich vermeiden. Hervorzuheben ist hier das erste Kapitel, welches eine Art Kurzzusammenfassung aller folgenden Kapitel darstellt. Die dort geschilderten Erlebnisse werden dann in den darauffolgenden Kapiteln vertieft. Am Ende des Buches findet sich außerdem eine Sammlung von Dokumenten, beispielsweise Zeugnissen und Urkunden, die vor allem den beruflichen Werdegang durch die entsprechenden Schriftstücke noch lebendiger werden lassen.

Die vorliegende dritte Ausgabe enthält nicht nur einige kleinere Korrekturen, sondern auch ein neues Unterkapitel im Rahmen von Kapitel 4: Eine Ehrung durch die Messerschmitt Flugzeug-Werke im Jahre 1945.

Abbildung 1: Martin Grotz, 2013

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Mein Leben

Kapitel 2 – Meine 52-jährige Ehe

Kapitel 3 – Meine Kinder

Kapitel 4 – Meine berufliche Laufbahn

Kapitel 5 – Mein liebstes Hobby

Dokumente

Kapitel 1 – Mein Leben

Kindheit

Es war im Winter 1922 in Nürnberg, in der Albrecht-Dürer-Straße Nr. 10. Die Stadt war märchenhaft mit Schnee zugedeckt und der kalte Wind wehte die weiße Pracht von den Dächern hinunter auf die Straßen. Meine Mutter lag ruhig in ihrem Bett, mein Vater jedoch war sehr aufgeregt, weil seine Frau ihr erstes Kind erwartete. Das Neugeborene ließ nicht zu lange auf sich warten... ein kurzer Schrei meiner Mutter, schon war ich auf der Welt. Auch ich habe kräftig geschrien, so lange bis ich gefüttert wurde. Ich war ein gesundes und kräftiges Kind.

Vier Jahre später kam mein Bruder Rudi zur Welt und als er ein Jahr war, konnte ich mit ihm spielen. Der Vater hatte für uns beide immer schöne Holzspielsachen gemacht, die für Kinder in unserem Alter angebracht waren. Er konnte alles schön und natürlich herstellen. Unsere Eltern waren einfache Leute, aber wir Kinder hatten trotzdem eine schöne Jugendzeit, denn unsere Eltern haben sich sehr um uns gekümmert.

Die Jahre vergingen, schneller als man glaubt. Ich kam in die Schule. Es war eine Umstellung, die mir aber keine Schwierigkeiten machte. Ich bin gerne in die Schule gegangen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Malen war für mich ein besonderes Fach, wo ich immer mit sehr viel Eifer dabei war.

Als Fanfarenbläser

Ich war damals zehn Jahre, als in unserer Klasse Werbung für das Jungvolk gemacht wurde. Ein Musikzug sollte verstärkt werden. Es sollten sich aber nur musikalische Kinder melden. Nachdem sich meine Freunde Hans Fischer und Hans Förtsch meldeten, ging auch ich dazu. Ab dieser Zeit wurden wir als Fanfarenbläser ausgebildet. Der Musikzug bestand damals aus 25 Trommlern und 35 Fanfarenbläsern. Wir wurden bei zahlreichen Feiern und Veranstaltungen eingesetzt. Unsere Ausbildung war sehr gut. Ich konnte ohne Anstrengung auch die hohen Töne blasen. Der Musiklehrer fragte mich einmal, ob ich gerne weiter lernen möchte, als Trompeter. Das wäre gut für mich und für den Musikzug. Ich überlegte mir: „Nachdem du dann hohe Töne blasen kannst, wäre das etwas Neues für unseren Spielmannszug.“ Ich machte mit. „Die Musikstunden machen nur wir zwei und sag keinem, was wir vorhaben!“, ermahnte mich der Musiklehrer noch. Zwei Monate lang übte ich und machte, was von mir verlangt wurde. Ich musste immer nur an bestimmten Stellen in den Stücken spielen. „Herbert, wir müssen mit den Fanfarenbläsern eine Probe machen.“ Der große Raum, in dem wir damals übten, war schalldämmend ausgebaut. Als mich meine Freunde mit einer Trompete in der Hand sahen, wussten sie nicht, was nun gespielt würde. Der Musiklehrer sagte den Fanfarenbläsern, was wir üben wollten. „Unser Herbert hat eine Trompete, mit der er an bestimmten Stellen einen kurzen Einsatz macht. Wir werden solange üben, bis alles in Ordnung ist. Unser erster Auftritt muss fehlerfrei verlaufen. Wichtig sind die genauen Einsätze: Ich gebe mit der Hand ein Zeichen, wer spielen muss. Wenn Herbert sein Solo spielt müssen die Fanfarenbläser warten, bis ich wieder ein Zeichen gebe.“ Der Musiklehrer zeigte uns seine Handbewegungen für jeden Einsatz. „Wichtig ist auch das Schlagartige beim Einsatz und beim Ende. Wir machen die erste Probe, und achtet genau auf meine Hand!“ Es herrschte Spannung, denn keiner wusste, wie sich das neue Spiel anhören würde. „Wir spielen die Nummer drei!“ Es war ein Marsch, dann kam mein Soloeinsatz, und es hat auf Anhieb gepasst. Alle waren begeistert. „Wie ist eure Meinung zu dieser neuen Spielart?“ Es herrschte allgemeine Freude: „Der Einsatz von Herbert ist einmalig – es ist für unseren Spielmannszug ein großer Schritt nach vorne.“ Das neue Spiel hörte sich mit dem Soloeinsatz sehr gut an. „Ich muss euch sagen: Euer Kamerad hat sehr fleißig geübt mit seiner Trompete.“ Ich selbst freute mich vor allem, dass alles so reibungslos geklappt hatte. „Wir werden noch weiter üben, bevor wir das öffentlich aufführen.“

Es war Reichsparteitag in Nürnberg, die Stadt war überfüllt von Menschen. Unser Spielmannszug machte seinen ersten Auftritt bei einer großen Versammlung auf dem Hauptmarkt. Es waren viele Zuschauer da. Wir waren bereit für unseren Auftritt, unser Lehrer gab uns das Zeichen zum Beginn. Der neue Klang wurde gut aufgenommen, wir bekamen großen Beifall. Unser größter Auftritt war am Zeppelinfeld. Dort stellten wir uns auf der großen Bühne auf, und der Platz davor war voller Menschen. Wir wurden direkt am Anfang der Versammlung eingesetzt: Wir spielten einen Marsch in unserer neuen Spielart und bekamen einen Applaus wie noch nie. Wir mussten gleich noch einen weiteren flotten Marsch spielen und die Begeisterung der Leute war einmalig. Meine Kameraden waren auch von meinem Soloeinsatz begeistert und auch mein Musiklehrer war zufrieden. Wir mussten noch mehrere Male für die große Menschenmenge spielen. Unser Musiklehrer hat sich sehr darüber gefreut, dass unser Auftritt so begeistert aufgenommen wurde. Am nächsten Tag konnten wir einen Bericht in der Zeitung über unseren Auftritt lesen und auch im Fernsehen waren wir zu sehen. So ging das noch acht Tage weiter – wir wurden bekannt und man stellte uns viele Fragen und wir wurden mit Lob überhäuft. Meine beiden Freunde, die als Fanfarenbläser mitwirkten, sagten: „Herbert, wir sind echt überrascht von deinem schönen Soloeinsatz. Seit wann bist du denn so musikalisch?“ – „Für Musik habe ich mich schon immer interessiert, daher habe ich mich damals ja auch bei der Anwerbung gemeldet.“ – „Wo hast du denn das Trompete spielen gelernt?“ – „Von unserem Musiklehrer.“ – „In so kurzer Zeit?“ – „Diese kurzen Einlagen, die ich mache, sind für mich keine große Sache. Aber es macht Spaß und ich mache gerne Musik.“ Meinem Vater musste ich auch alles erzählen. Ihm gefiel es, dass ich mit meiner Trompete Musik machte.

Anschließend mussten wir wieder in die Schule gehen. Unser dortiger Lehrer fragte uns, wie wir so bekannt wurden. Ich erklärte ihm: „Als wir uns damals bei der Anwerbung gemeldet haben, wurden wir für einen Musikzug ausgebildet und ich bekam eine Trompete, an der ich zusätzlich ausgebildet wurde. Nachdem ich musikalisch bin, war meine Ausbildung kürzer als gedacht. Ich sollte mit einem Solospiel an bestimmten Stellen einsetzen. Das war für unseren Musikzug eine neue Aufgabe, die noch nie gemacht wurde. Die Soloeinsätze waren angenehm zu hören und etwas neues im Spielmannszug. In den acht Tagen des Reichsparteitags führten wir unsere neue Form vor und hatten sehr großen Erfolg.“ – „Deine Erklärung war sehr gut, das hätte ich nicht gedacht.“ So kann sich auch ein Lehrer täuschen. Alle zollten mir Beifall für meinen Bericht, am längsten klatschten meine zwei Freunde. Der Lehrer ließ es gewähren.

Ich war noch zwei Jahre beim Musikzug, der weiterhin sehr gefragt war, aktiv. Als der Winter einzog bekam unser ganzer Musikzug einen kostenlosen achttägigen Urlaub in Hindelang auf einer Berghütte. Wir konnten dort auch einen Skikurs machen, die Ausrüstung wurde gestellt. Wir hatten herrliches Wetter und es herrschte eine gute Kameradschaft, alle waren hilfsbereit. Das alles hatte unser musikalischer Erfolg mit sich gebracht, worauf wir alle sehr stolz waren. Als der Skiurlaub zu Ende war verabschiedeten wir uns und stiegen ab ins Tal. Dort wartete bereits ein Bus auf uns, alles war gut organisiert. Die Heimfahrt war schön, wir haben uns gut unterhalten. „Herbert, weißt du wie es weiter geht, wenn wir zuhause sind?“ – „Wir haben einige Termine. Kameraden, wir sind gefragt! Wir können beruhigt sein, und stolz auf unsere Leistungen.“ – „Herbert, auf dich kann man sich verlassen. Du bist unser bester Kamerad!“ – „Ich danke euch für euer Vertrauen. Für euch setze ich mich auch gerne ein.“ Es gab erneut Applaus. Meine zwei Freunde waren erstaunt: „Was du alles fertig bringst!“ Unsere Kameradschaft wurde immer stärker, alle hatten Vertrauen zueinander. Durch die vielen Unterhaltungen verging die Zeit schnell, ich musste auch viel erzählen. Der Fahrer rief mich zu sich und trug mir auf: „Sag deinen Kameraden, dass wir in einer Stunde in Nürnberg sind.“ – „Ich werde es ihnen gleich sagen.“ Ich ging zurück zu meinem Platz und blieb stehen. Es wurde ganz still im Bus, alle sahen mich an: „Kameraden, ich habe gute Nachrichten: In einer Stunde sind wir in Nürnberg.“ Mein Hans Förtsch kam zu mir: „Herbert, ich bin stolz auf dich, was du alles fertig bringst: Im Bus sind 35 Leute und alle hören auf dich!“ In Nürnberg angekommen gab mir jeder der 34 Kameraden die Hand. Der Fahrer fragte mich anschließend, wo ich denn wohnte. „In der Albrecht-Dürer-Straße.“ – „Ich fahre dich nach Hause, setz dich zu mir nach vorn.“ 15 Minuten später waren wir bei meinen Eltern. Ich bedankte mich beim Fahrer und dieser verabschiedete sich: „Ich habe vieles gehört, du bist ein starker Junge, alle Achtung. Ich wünsche dir viel Glück in deinem Leben!“

Als ich bei meinem Eltern war, wollte mein Vater genau erzählt bekommen wie es war. Ich erzählte alles ohne Übertreibungen. Meine Mutter war sehr stolz auf mich, mein Vater aber hatte Bedenken: „Seit wann bist du so gefragt?“ – „Seitdem ich im Spielmannszug Solo-Trompete spiele.“ – „Seit wann kannst du denn Trompete blasen?“ – „Seit drei Monaten.“ – „Und das soll der Grund sein, warum du so beliebt bist?“ – „Mann, wenn man dich hört, kann man kaum glauben, dass du sein Vater bist. Deine Fragerei klingt fast wie Hass!“ – „Darf ich meinem Sohn keine Fragen stellen, Frau?“ – „Doch, du kannst sie stellen, aber ohne Spott!“ – „Habe ich deinen Sohn beleidigt?“ – „Ja, und mich als seine Mutter auch. Du willst immer Recht haben, hast es aber nicht.“ – „Mutter, ich wurde von fremden Menschen regelrecht verehrt, aber meinem Vater wäre es glaube ich Recht, wenn ich schon als junger Mensch fortginge.“ – „Hast du gehört, was mein Herbert gesagt hat? Merk dir eines: Von meinem Herbert könntest du noch viel lernen!“ Ich ging zu Bett, konnte aber nicht einschlafen. Warum ist mein Vater so komisch zu mir... Am nächsten Tag redete ich nochmal mit meinem Vater: „Wie du mit mir sprichst, da würde jeder sagen: Das kann doch nicht der Vater sein. In Zukunft werde ich dir nach Möglichkeit aus dem Weg gehen! Mit meinem Bruder August machst du es genauso. Manchmal denke ich, du hast nur Hass in deinem Kopf. Wenn ich mal groß bin, wirst du mich nicht mehr sehen!“ Meine Mutter hat ihn angesehen: „Hast du gehört, was der Herbert zu dir gesagt hat?“ – „Der hat mir gar nichts zu sagen.“ – „Du bist ein eigensinniger Mensch...“

In der Schule musste ich dann erneut von unserem Skiurlaub mit dem Musikzug erzählen. Alle hörten aufmerksam zu, auch der Lehrer. Am nächsten Tag mussten wir bei einem Umzug um 16 Uhr mit unserem Spielmannszug dabei sein. Es war eine große Veranstaltung am Hauptmarkt. Als wir vollzählig waren marschierten wir von der Lorenzkirche aus zum Hauptmarkt. Ab der Fleischbrücke begann unser Spiel. Wir wurden allseits fröhlich begrüßt und bekamen überall großen Applaus. Am Schönen Brunnen stellten wir uns dann auf. Der ganze Marktplatz war voller Menschen. Wir bekamen jeweils ein Zeichen, wenn wir spielen sollten. Immer wenn dann in den Stücken ein Zeichen unseres Musiklehrers kam spielte ich mein Solo, anschließend setzten dann wieder die Fanfaren mit den Trommeln ein. Wir spielten zwei Märsche, die waren schön anzuhören. Unser Spielmannszug wurde immer bekannter und wir bekamen immer mehr Anfragen. Unsere musikalische Umstellung auf den Einsatz der Trompete brachte uns Erfolg, und auch die Berichte in den Zeitungen machten sich bemerkbar. Mein Soloeinsatz kam immer gut an. Ich spielte gerne und war mit meinen Kameraden gut befreundet. Auch in der Schule war ich beliebt und musste häufig von den Erlebnissen des Spielmannszugs erzählen. Auch unser Lehrer war von den Berichten über die Auftritte begeistert. Ich wurde im ganzen Schulhaus von jedem freundlich begrüßt, da ich allseits bekannt war. Eingebildet war ich aber nie, deshalb hatte ich immer einen guten Kontakt zu allen. Auch mein Vater stellte sich langsam um. Er konnte ja in der Zeitung die Berichte über mich lesen und die Bilder sehen.

Mein Musiklehrer war stolz auf mich. Er erzählte mir einmal, wie er damals mit dem Gedanken spielte, den Spielmannszug neu zu gestalten und dabei eine Trompeten-Soloeinlage einzubauen. Und da war er dann auf mich gestoßen: „Du warst für mich der Richtige. Deine Haltung und Ausstrahlung sind bestens als Solist geeignet, du kommst überall gut an. Das ist ein bisschen auch mein Erfolg, und deinen machst du dir ja selbst.“ Unser nächster Auftritt war in München bei einem großen Fest. Wir wurden mit einem Bus dorthin gefahren. Wir waren alle gut aufgelegt: „Herbert, von deinen Leistungen haben wir alle großen Nutzen. Wir werden immer bekannter und haben eine schöne Zeit. Du bist ein ehrlicher und guter Kamerad!“ – „Ich bedanke mich für euer Lob und den guten Zusammenhalt.“ In München angekommen wurden wir vom Oberbürgermeister herzlich empfangen. Es waren so viele Menschen dort, die alle auf uns warteten, damit hatten wir dann doch nicht gerechnet. Wir haben uns aufgestellt und spielten unseren schönsten Marsch. Die Begeisterung war groß, also legten wir gleich noch einen Marsch nach. Daraufhin gab es einen riesigen Applaus mit Rufen: „Spielen! Spielen! Spielen!“ Wir spielten noch zwei flotte Märsche mit mehreren Soloeinsätzen meinerseits. So großen Beifall hatten wir noch nie bekommen. Meine Kameraden sahen mich an und lächelten. Es war unser bester Auftritt: Die große Menschenmasse konnte sich gar nicht beruhigen. Wir mussten nochmal unseren schönsten Marsch spielen, der wiederum mit großem Applaus bedacht wurde. Auf der Heimfahrt waren wir alle überglücklich und es gab Unterhaltung ohne Ende: „Herbert, deine Haltung und dein Solospiel sind einmalig, du reißt uns alle mit. Dafür danken wir dir.“ – „Eure Aufrichtigkeit mir gegenüber und eure gute Kameradschaft werden ich nie vergessen, vielen Dank!“ Als wir in Nürnberg ankamen verabschiedete ich mich von jedem per Handschlag und wurde anschließend nach Hause gefahren. Mein Vater fragte mich, wie es in München war, woraufhin ich meine Erlebnisse erzählte. „Da wirst du ja noch richtig bekannt!“ – „Ja, morgen in der Zeitung.“ Am nächsten Tag las mein Vater die Zeitung und konnte sich vom Wahrheitsgehalt meiner Aussagen überzeugen. In der Klasse fragte mich der Lehrer ebenfalls, wie es in München war, und bat mich, es gleich für alle zu erzählen. Nachdem ich alles gut verständlich erzählt hatte bekam ich einen Applaus. Meine Freunde haben, nachdem ich fertig war, noch ergänzt, dass ich mit einer Trompete als einziger die Soloeinsätze spiele, und diese immer sehr gut ankommen. Es wurden noch viele Fragen gestellt. Auch mein Vater daheim hatte noch viele Fragen. Er zeigte mir die Zeitung, in der ich abgebildet war: „Wo hast du das gelernt?“ – „Für unsere musikalische Ausbildung hatten wir einen Musiklehrer, der hat es mir beigebracht.“ Meine Mutter sagte damals: „Bei meinem Herbert brauche ich mir keine Sorgen machen. Er will im Leben vorwärts kommen und wird es auch schaffen. Dein Vater kann sich an den Aufnahmen in der Zeitung gar nicht satt sehen. Es geht nicht in seinen Kopf, dass du das bist. Ich muss immer überlegen, warum. Ich glaube ja, er hat Sorgen um seinen kleinen Rudi.“

Später sprach mich mein Musiklehrer an: „Herbert, eure nächste Reise geht nach Berlin. Dort ist eine große Versammlung. Die Reise geht auch per Bus, der dich von deinem Wohnhaus abholt, am kommenden Samstag. Du übernimmst das Kommando. Die Rückfahrt ist auch am gleichen Tag. Mach deine Sache gut, ich habe großes Vertrauen zu dir.“ – „Dafür bedanke ich mich.“ Meinen Eltern sagte ich, dass wir am kommenden Samstag nach Berlin führen und dort bei einer großen Versammlung eingesetzt würden und ich das Kommando hätte. „Hast du das gehört, was unser Herbert gesagt hat?“ – „Ja, ich muss mich wundern.“ – „Ich werde abgeholt und nach Hause gefahren.“ – „Was sagst du jetzt zu unserem Sohn?“ – „Ich bin sprachlos.“

Es war Samstag. Um 6 Uhr kam der Bus und holte mich ab. Meine Eltern sahen zum Fenster raus und winkten mir zu. Am Bahnhofplatz stiegen dann meine Kameraden zu. Nach kurzer Zeit im Bus stand einer von ihnen auf und begann zu sprechen: „Ich begrüße unseren neuen und verdienten Kommandanten!“ – „Ich habe das Kommando doch nur jetzt, solange wir in Berlin sind. Wer hat euch überhaupt davon erzählt?“ – „Der Musiklehrer.“ – „Ich werde mit ihm darüber sprechen. Wir haben noch eine lange Fahrt vor uns. Ich werde mit dem Busfahrer reden, dass er so nach anderthalb Stunden eine Pause auf einem Parkplatz mit uns machen soll.“ – „Sehr gut geplant.“ Er herrschte eine gute Stimmung während der gesamten Fahrt. Genau um 12 Uhr waren wir in Berlin. Dort konnte man bereits Menschenmassen sehen. Der Fahrer wusste, wo er uns absetzen musste. Er hielt an einem großen Platz an: „Alle aussteigen!“ Dort kam dann direkt ein Herr auf uns zu: „Wer von euch hat das Kommando?“ Ich meldete mich. „Ihr müsst auf dieser Straße marschieren, bis ein großer Platz kommt. Dort zeigt man euch dann, wo ihr bleiben sollt.“ Ich gab das an meine Kameraden weiter und ergänzte: „Nehmt alle eine gute Körperhaltung ein und macht einen strammen Schritt. Habt ihr mich verstanden?“ – „Jawohl, Herbert!“ – „Das ist gut. Wenn wir auf den Platz marschieren gebe ich ein Zeichen mit meiner Trompete und wir spielen unseren strammen Marsch Nummer 5. Habt ihr mich alle verstanden?“ – „Ja!“ – „Dann werden wir den Berlinern mal was zeigen. Auf geht’s, und die Haltung nicht vergessen. Im Gleichschritt, marsch!“ Nach 100m kam der Platz, ich gab das vereinbarte Zeichen und die Fanfarenbläser haben kräftig geblasen. Ich bin voraus marschiert. Dann kam mein Einsatz, und ich habe mir beim Spielen besondere Mühe gegeben. Einen so großen Applaus hatten wir noch nie. Von allen Seiten kamen Rufe: „Zugabe, Zugabe!“ Ich zeigte der Mannschaft mit den Fingern die Marschnummern an und gab mit einer Handbewegung den Einsatz. Immer wenn wir fertig waren zeigte ich einen anderen Marsch an. Es lief alles einwandfrei. Der nächste Applaus war so stürmisch, so etwas hatten wir bis dahin noch nicht erlebt. Danach war ein Redner an der Reihe und wir konnten uns setzen. Mir hat unsere Darbietung sehr gut gefallen, denn meine Kameraden haben sich große Mühe gegeben und sind meinen Anweisungen gefolgt. Wir bekamen alkoholfreie Getränke. Zu mir kam ein Herr und erklärte mir den weiteren Ablauf: „Wenn der Redner fertig ist könnt ihr nochmal spielen und dann abmarschieren.“ Ich aber schlug vor: „Wenn der Redner fertig ist, marschieren wir mit Musik einmal über den Platz und dann zum Ausgang und spielen dabei die ganze Zeit.“ – „Dein Vorschlag gefällt mir gut.“ Also machten wir es so, wie von mir vorgeschlagen. Das sah sehr gut aus und wurde mit großem Applaus belohnt. Unser Bus stand anschließend schon bereit. In diesen wurden unsere Instrumente eingeladen und die Rückfahrt konnte beginnen. „Herbert, du hast deine Aufgabe einwandfrei erledigt. Da können sich viele eine Scheibe von abschneiden.“

Es sprach sich herum, dass ich den Musikzug gut führen konnte. Wir vereinbarten, dass ich bis zum Beginn meiner Lehre als Werkzeugmacher im September 1936 auf jeden Fall noch im Musikzug bleiben würde. Länger wollte ich dort aber nicht mitwirken, denn der Beruf war meine Zukunft. „Ich habe noch ein gutes Jahr, solange bleibe ich bei euch. Solange kann ich auch die Führung des Zugs übernehmen. Es steht ja auch der Reichsparteitag vor der Tür, da haben wir viel zu tun, ich habe das schon einmal mitgemacht.“ Mein Vater fragte mich nach der Rückkehr aus Berlin, wie es gelaufen war. Ich erzählte meinen Eltern alles ganz genau. Sie hörten mir zu und stellten immer wieder Zwischenfragen. „Ich muss schon sagen: In deinem Alter ist das eine große Leistung.“ – „Wir haben riesigen Beifall bekommen in Berlin. Mein Solospiel war etwas Neues im Musikzug, das kommt gut an.“ – „Ich muss mich immer wieder wundern, dass du das so gut kannst.“ – „Man muss es eben lernen, dann kann man es. Morgen kannst du auch davon in der Zeitung lesen.“ – „Woher willst du das wissen?“ – „Bei so großen Veranstaltungen werden immer eine Menge Aufnahmen gemacht, und einige davon werden ausgesucht und kommen in die Zeitung.“ Am nächsten Tag sagte mein Vater: „Du hast Recht, du bist sogar zweimal in der Zeitung. Das ist wirklich toll!“ – „Ich mache es noch so lange gerne weiter, bis meine Lehrzeit beginnt. Mein zukünftiger Beruf geht auf jeden Fall vor.“ – „So ist deine berufliche Zukunft auch gesichert.“

Am darauffolgenden Samstag hatten wir schon wieder einen Termin, diesmal in Köln. Samstag um acht holte mich der Bus an der Haustür ab. Meine Eltern standen wieder am Fenster und winkten. Am Bahnhof stiegen meine Kameraden zu. Wir hatten den gleichen Bus und auch den gleichen Fahrer, das gab uns mehr Vertrauen. In Köln war ein großer Umzug. Im Bus Schwörte ich meine Kameraden ein: „Denkt immer daran, wenn wir uns präsentieren müssen wir ein Vorbild sein: In der Haltung und in unserem musikalischen Auftritt. Habt ihr mich gut verstanden?“ – „Jawohl, Herbert!“ Wir mussten vor einem Wagen hermarschieren, in dem der Oberbürgermeister mit seinem Stab war. Das war für uns eine große Ehre. Unsere Marschmusik bekam großen Beifall, ebenso unsere stramme Haltung und die schönen Märsche. Wir wurden auch vom Oberbürgermeister ausdrücklich gelobt. Er lud uns alle in einen schönen Biergarten ein. Mein guter Freund Hans stand auf, um eine kleine und freundliche Rede zu halten. Alle waren ruhig und hörten gebannt zu: „Mein lieber Freund Herbert, wir kennen uns schon einige Jahre. Aber so wie du jetzt bist, das ist für mich ein großes Rätsel. In deinem Alter schon so eine Durchsetzungskraft zu besitzen, das ist einmalig. Du hast den ganzen Musikzug in der Hand, alle sind auf deiner Seite und du bringst zugleich Ruhe hinein. Was wohl sonst noch so alles in dir steckt?“ – „Ich bin ein ganz normaler Junge, so wie ihr alle auch. Ich mache mir immer Gedanken, wie man etwas verbessern könnte. Und dieses Verhalten kann man in allen Bereichen anwenden. Wenn wir bei einer großen Kundgebung sind, sage ich: Macht eine gute Haltung, einen strammen Marsch und gute Musik. Das ist für mich eine Verpflichtung, so einfach ist das.“ Der Oberbürgermeister stand auf, sah mich an und sagte: „Deine Worte als Junge sind gut überlegt. Ich muss sagen: Alle Achtung!“ Ich habe mich für die freundliche Einladung bedankt. Er ergänzte: „Junge, du bist auf dem richtigen Weg, bleib so wie du jetzt bist!“ Als wir wieder in unserem Bus waren, ging das Lob weiter: „Herbert, du bist stark. Soviel Lob haben wir bisher noch nie bekommen! Das haben wir unserem Herbert zu verdanken, er ist der richtige Führer für unseren Spielmannszug.“ Alle redeten mit, jeder wusste etwas beizutragen. Als wir wieder am Bahnhof in Nürnberg waren haben wir uns alle wie gute Freunde verabschiedet. Unser Busfahrer fuhr mich wieder heim: „Herbert, das war dein großer Tag heute.“ Meine Eltern warteten schon auf mich. „Wie war es heute in Köln?“ – „Es war unser größter Erfolg. Du wirst es am Montag sicher in der Zeitung lesen. Einen so langen Umzug habe ich noch nicht gesehen. Wir sind vor einem Wagen marschiert, in dem der Oberbürgermeister von Köln saß. Ich glaube, dass er über unseren besonderen Spielmannszug informiert war. Eine so große Ehrung wie in Köln hatten wir noch nicht. Ich bin mit meiner Trompete vorangegangen und habe jeweils ein Zeichen für den Einsatz gegeben.“ – „Herbert, ich muss zugeben, auch ich höre dir gerne zu. Du kannst schön erzählen.“ – „Ich werde oft gelobt. Aber ich habe meinem Musiklehrer schon gesagt, dass ich nur bis Ende August 1936 bei ihnen bleiben kann, denn dann beginnt ja meine Lehre als Werkzeugmacher. Mein neuer Beruf wird meine Zukunft werden und das ist das Wichtigste. Was ich bisher beim Spielmannszug gemacht habe, war für mich in meinem Alter ein großer Erfolg und eine große Freude.“ Das Gleiche sagte ich auch bei unserer nächsten Besprechung im Musikzug. Dort stellte man mir gleich die Frage, warum ich denn nicht bei ihnen bleiben könnte, sie hätten noch viel mit mir vor. „Was ich euch gesagt habe, dabei bleibt es. Meine Zukunft im Leben geht für mich vor.“ – „Du bist ein starker Junge, dich verlieren wir ungern.“

Unser nächster Auftritt in Hamburg war für uns die Wucht, denn die Besucher waren von Anfang an voll auf uns eingestellt. Dabei half uns, was ich immer gesagt hatte: Unsere gute Haltung, der stramme Marsch und das zackige Spielen. Nach dem erfolgreichen Auftritt wurde ich von einem Zeitungs-Reporter angesprochen. Er wollte wissen, wer uns die gute Haltung und das zackige Spielen beigebracht hatte. „Das Musikalische hat unser Musiklehrer gemacht, für die Haltung bin ich verantwortlich.“ – „Ist das die Wharheit, was du mir da erzählst?“ – „Sehe ich etwa wie ein Lügner aus?“ – „Nein, das nicht. Aber du bist doch noch ein Junge.“ – „Es gibt verschiedene Jungen.“ – „Da hast du Recht. Schlagfertig bist du ja.“ Alle meine Kameraden waren stolz und begeistert: „Herbert, bleib bei uns.“ – „Wir können auf der Heimreise im Bus darüber sprechen.“ Die große Veranstaltung dauerte drei Stunden. Wir wurden zu einer Stadtrundfahrt eingeladen und anschließend gab es gute Verpflegung. Alle waren in bester Stimmung. Auch unseren Busfahrer hatte ich nicht vergessen, worüber er sich sehr freute Auf der langen Rückfahrt gab es noch viele Fragen wegen meines Vorhabens, denn die meisten konnten es nicht verstehen. „Ich werde euch nochmal erklären, warum ich euch verlassen muss: Ich muss an meine Zukunft denken. Werkzeugmacher ist ein Beruf, der nicht für jeden geeignet ist. Man muss viel lernen. Dafür ist es ein gefragter Beruf, mit dem man vorwärts kommt. Das ist meine Zukunft! Vergessen aber werde ich euch und unsere gemeinsame, erfolgreiche Zeit niemals!“ Mein guter Freund Hans Förtsch meldete sich zu Wort: „Ich kenne unseren Herbert schon einige Jahre. Er ist ein Mensch, auf den man sich verlassen kann und ein treuer Kamerad, das dürft ihr mir glauben!“ – „Hans, ich danke dir und euch allen. Wir sind ja auch noch eine ganze Zeit zusammen.“ Aber die Zeit verging dann doch schneller als ich glauben wollte, und so kam bald der letzte Tag unserer gemeinsamen Zeit im Musikzug. An diesem Tag musste ich mich von meinen treuen Kameraden und meinem guten Musiklehrer verabschieden, da ich die aktive Mitgliedschaft im Musikzug für meine Lehre aufgegeben hatte.

Abbildung 2: Als Fanfarenbläser, 1932

Jugend und Ausbildung

Im September 1936 kam ich in die Werkzeugmacher-Lehre zur Firma A. u. G. Trinklein in Nürnberg. Ich kam zu einem kleinen aber stämmigen Lehrgesellen namens Georg Greiner, er war der beste Werkzeugmacher in der Firma. Er hat nie viel gesprochen, was er aber häufiger zu mir sagte, war: „Herbert, wenn du einmal ein guter Werkzeugmacher werden willst, dann musst du alles mit den Augen stehlen.“ Nach zwei Lehrjahren konnte ich schon selbständig Schnittwerkzeuge anfertigen. Ich konnte sehr gut „mit den Augen stehlen“, das war mein persönliches Glück in meinem Beruf.

Meinen Georg Greiner werde ich nie vergessen. Von ihm habe ich sehr viel gelernt, und er war auch ein guter Mensch. In der Nähe der Firma Trinklein war seine Wohnung. Ich war häufiger bei seiner Familie zu Gast und kannte daher seine Frau und seine beiden Söhne gut. Als ich damals vom Volkssturm nach Hause kam, hat er mich herzlichst begrüßt und sagte: „Herbert, ich habe gewusst, dass du wieder zurück kommst!“ Er war ein guter Freund von mir, doch später habe ich ihn aus den Augen verloren und leider nie mehr getroffen. In Gedanken werde ich ihn aber nie vergessen!

Als junger Bursche habe ich sehr viel gelernt. Wenn ich zurück denke an meinen ersten Wochenlohn, fünf „Zehnerla“ aus einer Zigarrenkiste, von der alten Trinkleins-Mutter ausbezahlt, da machte ich mir keine Sorgen ums Geld. Wichtiger war mir, dass ich eine gute Lehrstelle hatte, in der ich viel lernen konnte.

Mein Jugendfreund Otto Stirnweis hatte mich damals einmal gefragt, ob ich mir nicht doch ein bisschen Geld nebenbei verdienen wolle. „Ja. Was muss man dafür arbeiten?“, fragte ich. „Kegel aufstellen. In der Bucher-Straße ist eine große Halle mit zehn Bahnen, die brauchen zuverlässige Aufsteller. Wenn du Lust hast, kannst ja mal mitkommen und dir die Sache ansehen!“, antwortete er. Am darauffolgenden Samstag waren wir abends in der Halle: Der Hausmeister war für die Einteilung der Kegelbahnen und der Kegelaufsteller zuständig. Nach einer Stunde war die erste kleine Pause. Der Hausmeister fragte mich, ob ich regelmäßig als Kegelaufsteller vorbeikommen wolle. Ich bejahte, und bekam direkt einen Sportverein zugewiesen, für den ich die Kegel aufstellen sollte. Es waren Sport-Kegler, daher musste man sehr schnell sein und bekam für vier Stunden harte Arbeit fünf DM.

Da ich ein echter Nürnberger Junge war und in der Albrecht-Dürer-Straße zur Welt kam, kannte ich auch viele alte Sehenswürdigkeiten. Deshalb machte ich auch für Gäste der Stadt den Fremdenführer. Damals, es war 1938, waren in Nürnberg die Reichsparteitage und die Stadt war überfüllt von Menschen. Für mich war das ein gutes Geschäft. Mein Standplatz war die Sebaldus-Kirche und ich hatte oft größere Gruppen, denen ich die Nürnberger Altstadt zeigte. Meine Mutter kam regelmäßig vorbei, brachte mir ein belegtes Brot und nahm mein bisher verdientes Geld mit. Der Verdienst wurde in eine neue Hose für meinen Bruder Rudi investiert, und meine Mutter bekam auch einen Teil vom Geld.

Kampf ums eigene Leben

1940 hatte ich ausgelernt, für meine Nebenbeschäftigungen hatte ich keine Zeit mehr. Der zweite Weltkrieg hatte bereits begonnen und eine schwere Zeit war für ganz Europa angebrochen. Im Sommer 1941 bekamen mein Kollege Fritz Weinlein und ich von unserer Firma Trinklein einen kostenlosen, achttägigen Urlaub in Garmisch. Das war für uns eine große Ehre. August Trinklein hatte in der schönen Gaststätte alles für uns vorbereitet. Wir hatten ein herrliches Wetter und ein sehr gutes Essen. Als wir nach acht Tagen Sonderurlaub wieder nach Hause kamen lag der Einzugsbefehl auf dem Tisch.

Am nächsten Tag musste ich wieder zur Arbeit gehen. Ich zeigte den Einzugsbefehl bei Herrn Trinklein vor und gab ihm auch meinen Wehrpass. Er ist gleich zum Wehrdienst-Kommando, welches damals in der Fürther-Straße residierte, gefahren. Nach zwei Stunden kam er zurück: „Herbert, die Sache ist erledigt: Die Wehrdienststelle hat in deinen Wehrpass einen Vermerk gemacht, dass du als Werkzeugmacher vom Dienst an der Front freigestellt bist bis Kriegsende!“ Bei meinem Kollegen Fritz wurde das Gleiche gemacht.

So entkamen wir vorerst dem Wehrdienst und konnten weiter unseren Berufen nachgehen, die damals ebenfalls als kriegswichtig angesehen wurden und uns daher in dieser Sache gewisse Privilegien verschafften, mit denen mein Fritz und ich sehr zufrieden sein konnten. Allerdings war eine Befreiung vom Wehrdienst auch damals keine 100% sichere Sache. Doch erstmal hatten wir unsere Ruhe und konnten uns unserem Beruf widmen.

In dieser Zeit machte ich nebenher auch eine kleine Karriere als Rennradfahrer. Ich war oft der Reichelsdorfer Rennbahn und fuhr dort entweder Rennen oder trainierte für eben diese. Meine Leistungen damals waren so gut, dass ich mich auch für Rennen im Ausland qualifizierte. Der Höhepunkt in dieser Sache war ein Rennen in Mailand, zu dem ich mitsamt meinem Rad reiste, um dort anzutreten. Bei diesem Rennen machte ich den zweiten Platz und bekam als Preis ein neues und funkelndes Profi-Rennrad, das meinem bisherigen Rad weit überlegen war. Immer wenn ich damals etwas Zeit fand, nutzte ich diese zum Radfahren mit meinem Rennrad. Durch das Training konnte ich meine Leistungen auch hier immer weiter verbessern, was mir unter meinen Trainingskameraden einigen Respekt einbrachte.

Abbildung 3: Mit dem Rennrad in Mailand

Dadurch wurden wir bis März 1945 von den Nazis in Ruhe gelassen. Die amerikanische Armee stürmte immer weiter in unser Land und richtete mit ihren Kanonen Vernichtung an. Die Nürnberger Altstadt, und mit ihr viele Sehenswürdigkeiten, wurden zu einem Trümmerhaufen gemacht. Mein damaliger Freund und Arbeitskollege Fritz Weinlein und ich waren in Nürnberg bei einer Werkzeugbau-Firma beschäftigt, bei A. u. G. Trinklein. Dies war auch unsere Lehrfirma. Aufgrund unseres Berufs wurden wir vom Wehrbezirkskommando Nürnberg vom Wehrdienst freigestellt, eigentlich bis zum Kriegsende. Als es aber darum ging, den Vormarsch der Amerikaner in Deutschland doch noch zu stoppen wurde unsere Freistellung gestrichen und wir mussten uns beim Volkssturm in der Kaserne zur Schnellausbildung mit der Panzerfaust melden. Nach nur acht Tagen waren wir, insgesamt 150 Mann, uniformiert und fertig als Kanonenfutter ausgebildet. Ich sagte in dieser Zeit einmal zu Fritz: „Fritz, das Wort Kanonenfutter ist sehr gefährlich! Das dürfen wir nicht sagen, wenn es jemand anderes hören könnte. Wenn es unter die Kameraden kommt und Unruhe bringt, kommen wir vor’s Kriegsgericht und werden nie mehr gesehen. Hast du das verstanden?“ – „Ja, ich werde niemals wieder dieses gefährliche Wort aussprechen.“ – „Jetzt warten wir erstmal ab, wie es weiter geht. Bleib am besten immer in meiner Nähe und gehe immer mit mir mit.“ – „Herbert, ich verspreche dir, dass ich bei dir bleibe und das gleiche mache wie du.“ – „Dann bin ich beruhigt.“

In der Kaserne hatte ich einen Raum gesehen, in dem ich mich genauer umschauen wollte. Als ich aber meinen ersten Versuch starten wollte, kam gerade ein Unteroffizier vorbei, so dass ich den Versuch abbrechen musste. Beim zweiten Mal gelang es wieder nicht, da einige Kameraden vorbei liefen. Ich ging dann erstmal durch die Kaserne zu unserem Schlafraum zurück. Fritz fragte mich, wo ich gewesen war, woraufhin ich ihn in meinen Plan einweihte. „Ich mache es aber alleine, das ist besser. Ich komme gleich zurück, es muss alles schnell gehen.“ Ich lief erneut durch die Kaserne und sah in den Raum, in dem nämlich die Verpflegung gelagert wurde. Ich ging vorbei, sah mich erneut um, es war alles ruhig, keiner konnte mich sehen. Einmal kurz überlegt, dann war ich im Raum. Ich sah einen Rucksack, nahm diesen und füllte ihn mit Lebensmitteln und schlich mich aus dem Raum und zurück in den Schlafraum. Mein Fritz wartete dort und fragte mich, woher ich denn nun gekommen sei. „Ich muss für uns sorgen. Ich habe schon einen Plan und hoffe, dass er mir gelingt.“ – „Was ist das für ein Plan?“ – „Darüber möchte ich nicht sprechen. Fritz, verstehe mich, wir sind in einer schwierigen Lage und müssen Augen und Ohren offenhalten, um einen Ausweg zu finden. Und dabei müssen wir sehr vorsichtig sein. Wenn wir nicht alleine sind, darfst du auf keinen Fall Fragen zu unserem Vorhaben stellen oder darüber reden! Das wäre sehr gefährlich.“ Unser Einsatz ließ nicht lange auf sich warten, nur eine Nacht sollten wir noch in der Kaserne schlafen, dann würde es Ernst werden. Fritz konnte nicht schlafen, da er zu aufgeregt war: „Fritz, du musst dich unbedingt ausruhen, denke nicht an unschöne Angelegenheiten. Bleib immer bei mir, wir werden schon einen guten und sicheren Ausweg finden. Und jetzt versuche auf andere Gedanken zu kommen und zu schlafen. Morgen sehen wir dann, wie es weiter geht.“ Ich machte mir große Sorgen um Fritz, denn er hatte große Angst. Das konnte ich natürlich gut verstehen, denn wir waren wirklich in einer gefährlichen Lage. Ich wollte Fritz aber nicht noch mehr aufregen, daher habe ich ihm wenig über meine Sorgen über unsere Zukunft erzählt.

Einige Stunden schliefen wir dann, dann ertönte ein Pfiff: „Alle aufstehen und am großen Platz antreten!“ Es musste alles sehr schnell gehen. Ich musste Fritz antreiben, denn die meisten unserer Kameraden waren bereits angetreten, nur einige wenige kamen noch nach uns. Ein Oberleutnant sagte uns, dass in fünf Minuten ein Hauptmann kommen würde, der uns dann den Einsatzbefehl erteilen sollte. Fünf Minuten später stand ein großer und strammer Hauptmann vor uns. Mit lauter Stimme begrüßte er uns: „Kameraden, ihr seid eine Panzerfaust-Kolonne. Morgen um sieben Uhr kommen Fahrzeuge, die bringen euch nach Auerbach zum Einsatz, eine amerikanische Panzer-Einheit bekämpfen. Ich wünsche euch einen großen Erfolg. Wir müssen jeden deutschen Quadratmeter Boden verteidigen. So will es unser Führer haben! Habt ihr alle verstanden?“ Alle waren ruhig, keiner sagte Ja. Es war für mich eine Ansprache, die mir viel sagte, nur nichts Gutes. Wir sollten nach acht Tagen Schnellausbildung eine erfahrene amerikanische Panzer-Einheit vernichten? Nach der Ansprache nahm ich Fritz im Kasernen-Hof, abseits von den anderen, zur Seite: „Fritz, was sagst du zu dieser Ansprache?“ – „Es ist das, was du mir vorher schon erzählt hattest.“ – „Was ich dir erzählt habe ist für uns sehr wichtig. Merke dir das und bleibe immer bei mir, denn wenn es soweit ist, muss alles sehr schnell gehen, und ohne ein Wort zu sagen. Du musst immer auf mich sehen. Hast du mich verstanden?“ Mir war klar, dass der Einsatzbefehl der Anfang vom Ende war. Es konnte keiner von uns verstehen, denn unsere Einheit waren Männer von 18 bis 60 Jahren. Der Einsatz konnte niemals erfolgreich sein, und die meisten hatten zurecht Angst vor dem Einsatz am kommenden Montag. Mein Fritz zitterte am ganzen Körper, und nicht nur er, sondern auch viele Kameraden. In dieser Nacht konnten viele nicht schlafen. Ich musste Fritz auch wieder beruhigen. Ich berichtete ihm ganz leise von meinem Plan, den ich mir reiflich überlegt hatte: „Wenn wir morgen in Auerbach sind, werden die Lastwagen mit den Panzerfäusten in einer Linie stehen und wir müssen in Dreierreihe die Panzerfäuste in Empfang nehmen. Wir müssen versuchen, dass wir in der Mitte an die Reihe kommen. Vier Meter vor dem Lastwagen sage ich zu unserem jungen Leutnant, dass ich dringend austreten muss. Wenn er mich dann kurz gehen lässt, nehme ich dich an er Hand und du musst mir sofort folgen. Sieh dabei immer auf mich, es muss alles schnell und reibungslos ablaufen. Aber keine Fragen stellen, das Wichtigste ist in diesem Fall, so schnell zu laufen wie du kannst. Das kann unsere Rettung sein!“

Als es soweit war, kamen wir tatsächlich in die Mitte. Ich ging zum Leutnant und bat um die Erlaubnis, kurz austreten zu dürfen. Nachdem mir diese erteilt wurde, nahm ich meinen Fritz an die Hand und wir gingen von den Lastwagen weg. Ein Stückchen weg über abschüssiges Gelände sah ich ein Bauernhaus, dieses wollte ich erreichen. Als wir weit genug weg und durch das Gelände etwas verdeckt waren, zischte ich Fritz zu, dass er mir sofort folgen sollte, und lief los Richtung Bauernhaus. Als wir dort ankamen konnte ich unser Glück kaum fassen: Die Haustüre stand einen Spalt offen, so dass wir direkt ins Haus hinein konnten. Direkt hinter uns wurde die Tür verschlossen. Ich wurde unter’m Treppenaufgang, hinter einer Decke, in einem kleinen Raum versteckt, in dem eine große Kiste stand. Ich legte mich hinter die Kiste und versuchte mich zu beruhigen. Fritz wurde von der Bäuerin in einem kleinen, versteckten Raum im Keller verborgen. Es dauerte nicht lange, da wurde heftig an die Haustüre geklopft. Der Bauer öffnete die Tür und draußen stand der junge Leutnant: „Sind bei Ihnen zwei Männer ins Haus gekommen?“ – „Bei mir im Haus sind meine Frau und ich und sonst niemand.“ – „In Ordnung.“ Die Tür wurde wieder verschlossen. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Ich dachte an meinen Fritz und wie er vor Freude weinen würde. Ich muss sagen, mein Plan war gelungen. Es war wie ein Wunder in letzter Minute. Wir blieben noch einige Zeit in unserem sicheren Versteck. Irgendwann rief uns der Bauer: „Ihr könnt aus eurem Versteck rauskommen, die Panzer sind schon lange Richtung Nürnberg gefahren.“ Im Wohnzimmer war alles schön und festlich angerichtet, es gab zu Essen und zu Trinken. Der Bauer sagte zu mir: „Ich hab gesehen, wie du mit dem Leutnant gesprochen hast, und dann schnell mit deinem Kameraden zu unserem Haus gerannt kamst. Ich habe die Tür deshalb einen Spalt offen gelassen. Hast du das gesehen?“ – „Ja, das habe ich und dafür danke ich euch von ganzem Herzen! Ihr habt unser Leben gerettet!“ Fritz hat wirklich vor Freude geweint.

Ich musste den guten Leuten erzählen, was ich bis dahin von dem Kampf gesehen hatte: „Es war die Hölle. Ich habe gesehen, wie die ersten unserer Kameraden mit den Panzerfäusten zum Angriff mussten. Die Panzer kamen in einer Viererreihe und haben mit Maschinen-Gewehren auf unsere Kameraden geschossen. Einer nach dem anderen ist umgefallen, und teilweise sind die Panzer auch noch drüber gerollt. Dann bin ich schnell zum Leutnant gegangen und hab ihm gesagt, dass ich dringend nochmal austreten müsste, bevor es losginge. Das war die richtige Entscheidung, denn dadurch konnte ich mit Fritz zusammen zu euch fliehen.“ Später erfuhr ich, dass nicht alle meine Kameraden gefallen waren, sondern sich viele ergeben hatten und dann gefangen genommen wurden.

Nach dem Ende meiner Erzählung legte ich den armen, immer noch am ganzen Körper zitternden Fritz auf eine Liege und beruhigte ihn: „Schlaf ein bisschen, dann wird alles gut.“ Die Bäuerin sagte: „Wenn man euch so zusieht, wie hilfreich du zu deinem Kameraden bist, könnte man vor Mitleid weinen. Ihr seid zwei ganz gute Freunde.“ Der Bauer gab mir die Hand und lobte mich: „Was du gemacht hast war sehr gefährlich. Du hast damit aber dein Leben und das deines Kameraden gerettet. Ich bin sehr stolz auf dich.“ Dann bekreuzigte sich die Bäuerin. Als Fritz sich etwas erholt hatte, setzte er sich auf und fiel mir um den Hals: „Herbert, du hast auch mich gerettet. Wir hätten das niemals überlebt, wenn du nicht in letzter Minute deinen Plan durchgezogen hättest. Dann wären wir nicht mehr am Leben! Das werde ich dir niemals vergessen. Ich werde dir immer dankbar sein.“ Dem Bauern standen die Tränen in den Augen: „Ihr könnt diese Nacht bei uns schlafen und morgen könnt ihr euch überlegen, wie ihr gesund nach Hause kommt. Wir wünschen euch dafür viel Glück.“ Zu Fritz gewandt ergänzte er: „Du hast da einen guten Kameraden, auf den du dich verlassen kannst.“ Unsere Stimmung wurde immer