Das war's - Sanne Krug - E-Book

Das war's E-Book

Sanne Krug

0,0

Beschreibung

Vorher war alles in Ordnung. Was du erlebt hast, hat ganz genau in den bekannten Raum gepasst. Und auf einmal: zu klein. Und die Regeln, die du jahrelang auswendig gelernt hast, die reichten auch nicht mehr. Das kann dich so schon zur Verzweiflung bringen, wenn du jemand bist, der es draußen gern sortiert hat, weil für Spannung drinnen zuständig ist. Und jetzt auch noch DDR und achtziger Jahre. Draußen die sozialistische Persönlichkeit und drinnen dein Universum. Das kann nicht funktionieren und dann: Abi geht, Studium geht. Augen zu und durch denkst du noch, aber schon reißt du die wieder auf, ganz weit, denn da passieren auf einmal die unwahrscheinlichsten Dinge direkt vor deiner Haustür. MEHR unter www.bummelatquantentunnel.de

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sanne Krug

Das war‘s

Sanne Krug

Die beschriebenen Figuren haben so nie existiert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

Impressum

Texte:   © 2023 Copyright by Sanne Krug

Umschlag:  © 2023 Copyright by Sanne Krug

Verantwortlich

für den Inhalt: Sanne Krug   c/o easy-shop

   K. Mothes

Schloßstr. 20

06869 Coswig (Anhalt) 

[email protected]

www.bummelatquantentunnel.de

Teil Eins 1980-1982

Vom Verlassen der Komfort-Zone 

1.

Vorher war alles in Ordnung. Was du erlebt hast, hat ganz genau in den bekannten Raum gepasst. Und auf einmal: zu

klein. Wohnung, Kaufhalle, Poliklinik, Bibliothek, Gaststätte, Bauernstube, Post, Reinigung, Krippe, Kindergarten, Schülergaststätte, Schule - alles da, reichte aber nicht mehr. Und die Regeln, die du jahrelang auswendig gelernt und endlich gekonnt hast, die reichten auch nicht mehr.

Das sagt dir keiner richtig, aber du merkst es natürlich sofort, wenn du auf einmal mit der Straßenbahn dahin fahren musst, wohin du sonst zu Fuß gegangen bist und wenn auf einmal von deiner Schule nur noch fünf Leute übrig sind und mit dir an der Haltestelle stehen. Für ein Abitur musst du raus aus dem Wohnviertel mit der Polytechnischen und auf die Erweiterte Oberschule. 

Also geht es jetzt durch die ganze Stadt. Am Ziel herrscht bereits Alarmstufe Gelb. Zum Glück kein Rot, weil Bea mit mir in die 9a kommt. Bea ist viel besser, wenn es um neue Regeln geht. Oder sie ist besser darin sich nicht anmerken zu lassen, dass sie auch eine Alarmstufe hat. Jedenfalls gibt sie gerade mit ihren Disconächten im Ferienlager an, während meinen Sommer und alles, was davor passiert ist, die Unwichtigkeit wegschlürft, so dass ich strammstehe vor der Wichtigkeit kommender Ereignisse: neue Schule, neue Leute, alles neu. Das konnte man ja spannend finden, wenn sonst nicht viel los war, aber ich hatte es draußen gern sortiert. Für Spannung war Drinnen zuständig. 

Draußen stiegen wir nach einer knappen Stunde aus der Klappertram aus. Auf der anderen Straßenseite stand die EOS „Juri Gagarin“, aber man kam kaum rüber, ein Aufstand wie im Wimmelbild.

Wir erreichten den Schulhof zwischen zwei mächtigen Gebäudeklötzen aus den dreißiger Jahren gerade noch rechtzeitig zum Morgenappell. Nachdem die sozialistische Marschrichtung geklärt war, wurden die Neuen eingeteilt. Bea kam gleich am Anfang. Sie schlenderte oberlässig zur 9a, und sprach dort, ohne einen einzigen Blick für mich übrig zu haben, unverzüglich ein Mädchen an.

Grimmig guckte ich ihr zu und wartete auf meinen Namen, die konnte was erleben, wenn ich da ankam, aber die 9a war fertig und verschwand ganz ohne mich im Schulgebäude.

Überraschungen überforderten mich generell und Realitätsschock war die schlimmste Art von Überraschung. Bei einer so spitzenmäßigen Vorstellerin wie mir waren die Vorstellungen immer praktisch schon Realität und man brauchte drinnen viel Energie, um das alles wieder von der Wirklichkeit abzukratzen. Da blieb nicht mehr viel für das, was währenddessen draußen passierte. Zum Beispiel, mein Name fiel.

Ich lief los Richtung 9s und guckte angemessen neugierig. Die Klassenlehrerin kommandierte uns in den Fachraum Sprachen. Kaum saßen wir, begann sie mit ihrer Rede zu den nächsten vier Jahren. Wie anders die werden, ganz straffes Programm, Abitur kein Spaziergang, sozialistische Elite erst recht nicht, harte Arbeit, ganz harte Arbeit, aber auch Hoffnung, den Erwartungen gerecht zu werden und später dann Aufbruch zum Studium der Sprachmittlerinnen, Fremdsprachenkorrespondentinnen und Russischlehrerinnen. Freundschaft! Wegtreten zum Frühstück!

Ich ging zu der Kommandantin und fragte, wie das denn mit Medizinanwärterinnen in ihrer nagelneuen 9 „s“ für „Sprachen“ aussehe.

„Haben wir hier nicht“, entschied sie.

„Doch“, widersprach ich.

Sie sah mich an, als hätte ich ihr gerade eine Handgranate in den Keller geworfen.

„Komm mal mit!“

Die Direktorin war nicht da und die Kommandantin jetzt höchstgenervt, weil sie mich nicht loswurde. Sie zeigte auf einen Stuhl, sah mich an und befahl: „Du wartest hier!“

Dann drehte sie sich so sehr um, dass ich wusste, wir dürfen uns nie wiedersehen. 

Nach einer Stunde kam die Schulsekretärin ganz zerknirscht heraus. Sie bedauere unendlich, aber ich müsse zurück in die Sprachklasse, für die anderen Klassen hier bräuchte ich Englisch. Ich schüttelte den Kopf. Dann käme nur noch ein Schulwechsel an die EOS „Romain Rolland“ in Frage. Es täte ihr furchtbar leid.

Mir tat es überhaupt nicht leid. Zurück in der Straßenbahn bedankte ich mich bei mir, dass ich vor zwei Jahren Französisch als zweite Fremdsprache gewählt hatte. Auf diese Weise wurde ich jetzt mit einem Schlag die Klassen-Kommandantin und die Bea-Verräterin los. Die Romy passte außerdem viel besser zu mir. Ein französischer Schriftsteller war doch zehn Mal alltagstauglicher als ein sowjetischer Kosmonaut. Und sie lag mitten in der Stadt direkt neben dem Café Central und dem Centrum Warenhaus.

An der dritten Haltestelle begann die Euphorie zu bröckeln. Dahinter liefen noch einmal die Szenen, in denen sich die anderen angesprochen und auf die Schultern geklopft hatten. Die kannten sich jetzt alle und ich war draußen.

Aus früheren Zusammenhängen war mir klar, was das hieß, und mein Bedürfnis, diese Konstellation auf weitere Lebensbereiche auszuweiten, hielt sich in ganz engen Grenzen. Ich musste es irgendwie schaffen, den ersten Tag aufzuholen, am besten draußen Lässigkeit, drinnen Lösungskompetenz. 

Mit dieser Strategie stand ich am nächsten Tag hinreichend optimistisch wieder an der Haltestelle.

Bea ignorierte mich. Erst gestern und jetzt hier. Ich schlenderte auf sie zu und nörgelte:

„Du kennst auch keinen mehr, was?“

„Was willst du denn?“, kam von ihr zurück.

„Na, erst gestern und jetzt hier.“

„Reg′ dich mal wieder ab. War doch klar, dass du mit Französisch in die Sprachklasse kommst. Das haben die doch schon letztes Jahr angesagt.“

War ich wahrscheinlich grad wieder drinnen, als das draußen war. Das ging nicht, da musste ich besser aufpassen. Wichtig und unwichtig unterscheiden, sonst Peinlichkeitsbarometer dunkelrot. Gesichtsfarbe ebenfalls.

In der Bahn am besten erst mal ganz weit nach hinten setzen. Weg von den anderen. Und aus dem Fenster starren, bis der Selbstärger nachlässt. Währenddessen aber Haltestelle Zentrum nicht verpassen.

Ich stieg aus und befahl mir Lockerung: Sei mal ein bisschen wie Pipi Langstrumpf. Die war ja nicht umsonst verboten, erstens weil aus dem Westen, zweitens weil ungehorsam. Mein Bruder hatte vor Jahren im Kindergarten von ihr erzählt und die Eltern hatten beide an ihrer Arbeit eine Rüge wegen Westfernsehen bekommen. Ich fand das übertrieben, Pipi war doch keine Gefahr, viel zu leichtsinnig und oberflächlich. Immer nur Spaß war auch langweilig. Und ihre Streiche, naja.

Hinter mir krachte das schwere Schultor ins Schloss. Ab jetzt lief die Zeit. Schritt für Schritt immer weiter, Hauptsache, du kommst hinten an, am Abend des Tages.

Jetzt erst einmal die Steintreppe hoch zum Eingang, wo die Schülerwache saß und sagte: „Sekretariat erste Etage.“

Zu beiden Seiten der großzügigen Flure gingen dicke weiße Holztüren in die Klassen- und Fachräume. Klar und sortiert. Das war gut. Das ganze Haus war gut mit den großen Fenstern, den hohen Decken und dem Stuck an den Wänden. Der Gedanke an Gleichaltrige, die in den zwanziger Jahren über diese Treppen und Flure gelaufen waren und noch nichts von sozialistischen Lehrplänen wussten, machte Spaß. Als hätte ich Anschluss an zeitfreies Wissen.

Das Sekretariat war nicht besetzt. Der Flur füllte sich mit Schülern, die in ihren Unterricht gingen. Ich guckte ihnen zu und versuchte, es nicht merkwürdig zu finden, vor einer verschlossenen Tür zu warten. Die Zeit lief, es würde irgendwie weitergehen, was sollte passieren, ich hatte ja meine Lieblingsklamotten an: Ledermokassins, enge Lieblingsjeans, uraltes grün gestreiftes Fleischerhemd, Lederketten mit Hühnergott und Talisman, Schultasche aus zwei alten Manchesterhosen über der Schulter. Lässig lehnte ich an der Wand und stützte mich mit einem Fuß ab. 

Nach dem Klingeln wurden die weißen Türen geschlossen. Als sich nur noch die Fenster am Anfang und am Ende des Flurs in den glatt gewienerten rotbraunen Fliesen spiegelten, wanderte mein Blick über die Wandzeitungen gegenüber: Werde Berufssoldat der NVA!, Unsere Offiziers- und Unteroffiziersbewerber, Altstoffe im September, Völker Afrikas: Eurem Kampf unsere Solidarität. Könnte man mal ein bisschen Schwung reinbrin …

„Fuß runter! Was denkst du dir dabei, unsere Wände einzusauen!“

Ich war so erschrocken, dass sich mein Bein ganz von selbst gehorsamst militärisch durchstreckte, lange bevor der Satz überhaupt mein Hirn erreicht hatte. Gleichzeitig mit dem Satz kam jede Menge Blut dort an, Alarmstufe rot, drinnen und draußen. 

Vor mir stand ein älterer Mann in blauem Dederonkittel, das Gesicht zerfurcht von tiefen Falten, die Lippen wulstig, unter den Augen schwere Tränensäcke, das graue Haar strähnig im Gesicht.

„Name!“, befahl er ungeduldig.

Die Zeit lief, also stottere ich meinen Namen zurecht und der Dederonkittel musterte mich von unten nach oben. Als er fertig war, zeigte er deutlich sein Missfallen an meinem unangemessenen Aufzug. Ich wartete darauf, dass er mich wieder nach Hause schickte: „Zieh dir erst mal was Ordentliches an!“ Aber er presste nur die Lippen aufeinander und winkte mir, ihm zu folgen. Dabei steckte er das dicke Schlüsselbund, das er die ganze Zeit geknetet hatte, in seine Tasche. An seiner Hand fehlten alle Finger bis auf Daumen und Ringfinger. Kriegsversehrter, schoss es mir durch den Kopf, ganz schwierige Kiste. Die haben immer recht.

Er öffnete eine der Türen auf der linken Seite, schob mich in den Raum, sprach kurz mit der Frau an der Tafel und verschwand.

Meine neue Klassenlehrerin schien auch ein bisschen irritiert von meinem Aufzug, fand ihn aber scheinbar nicht ganz so schrecklich wie der Kriegsversehrte. Lächelnd winkte sie mich in eine Bank neben der Tür. Ich lächelte zurück, denn sie sah haargenau aus wie die Sängerin Chris Doerk. Und ich mochte Chris Doerk. 

Bevor ich mich setzte, guckte ich noch einmal schnell durch die Reihen und atmete auf. Alles Stinos. Unter den Jungs ein paar ganz wache, schätzungsweise Mathe oder Physik.

Das war okay, meine Sorge galt den eingebildeten Tussis wie Silke aus meiner alten Klasse. Die wurden schnell mal intrigant, aber hier sah ich nur DDR-Klamotten, kein Ex, kein Westen, kein alternativer Retro-Ego-Style wie meiner. Die hier konnten mir nix.

Jetzt musste ich gar nicht bis abends warten. Die Zielgerade war schon in Sicht. 

In der Pause fragte ich meine Nachbarin, wer der Kriegsversehrte war. Sie fragte zurück, wer ich war.

Dann sagte sie: „Pass bloß auf bei dem, der ist Stellvertretender Direktor. Und Schlüsselwerfer.“

Ich nickte kenntnisreich, hatte aber noch nie einen erlebt. In Erinnerung an das gewaltige Schlüsselbund zog ich unwillkürlich den Kopf ein.

Nach der Schule mussten wir quer durch die Innenstadt zur Schulspeisung im Alten Viertel. Wir brauchten eine halbe Stunde. Inzwischen hatte ich fast vergessen, dass ich Hunger hatte und der dortige Gemüseeintopf war auch nicht geeignet, mir dieses Gefühl in Erinnerung zu rufen. Er landete im Schweinetrog.

Daggi gab mir noch schnell den Stundenplan für die Restwoche und sah mich dabei so freundlich an, dass ich lächelnd über die Ziellinie spazierte: Draußen war geregelt.

2.

Das mit dem Pensum hatte die Kommandeurin an der Juri schon ganz richtig eingeschätzt. Jeder Nachmittag ging für was andres drauf: Französisch, Sport, DRK-Kurs, Basketballtraining, Chor. Hausaufgaben ab fünf und am Wochenende Blumenkohl- und Kohlrabiernte in der LPG West. 

Im November drehte sich mein Hamsterrad richtig schön gleichmäßig. Der kriegsversehrte Schlüsselwerfer schien auf einen Fehler meinerseits zu lauern, aber ich hielt mich mit provozierenden Bemerkungen zurück. Am häufigsten flogen die Schlüssel, wenn ihm widersprochen wurde und das vermied ich.

Klar konnte niemand vier Jahre Vermeidung durchhalten, wenn sich der andere jede Woche für das ihm widerfahrene Unrecht mit langen Monologen gegen den faulenden sterbenden Kapitalismus rächte, anstatt Geografie zu unterrichten. Auch wenn ich zugeben musste, dass Geo ein schwieriges Fach war, da unsere Welt von Haus aus eher übersichtlich, hätte sich der Schlüsselwerfer deutlich mehr Mühe mit der Präsentation geben können. Die Stimmung in der Klasse drohte jedes Mal ins Unseriöse zu kippen, wenn er die Hände auf dem Rücken verschränkte, den Zeigestock unter die Achsel klemmte und auf den Fußballen vor und zurück wippte. Die grauen Haarbüschel wippten jedes Mal mit und mit den Haarbüscheln wippte jedes Mal Daggi. Fasziniert beobachtete ich das schwungvolle Ensemble, bis Daggi sich plötzlich zu mir drehte. Wir starrten uns drei Sekunden an, dann wurden wir beste Freundinnen. 

Daggi verfügte über die von mir damals mehr als alles andere geschätzten Eigenschaften Unternehmungslust und Begeisterungsfähigkeit. Was sie organisierte, klappte. Und sie organisierte gern und viel. Ihr Pragmatismus ließ nicht viel Zeit zwischen Idee und Realisierung vergehen. Sie war eine Macherin, die ihre Machwerke so gut verkaufen konnte, dass ich ihr ohne Bedenken eine Erfolgsgarantieurkunde ausgestellt hätte.

Zudem verfügte sie über unschlagbare Beziehungen. Es störte mich nicht im Geringsten, dass sie diese ihrem Generalmajorvater und den beiden Oberoffiziersbrüdern zu verdanken hatte. Auch ihre zwangsläufig damit einhergehende hundertzehnprozentige Linientreue beunruhigte mich kein bisschen.

Viel wichtiger war die Freizeitgestaltung, zum Beispiel Weihnachtsfeier im Dezember und Fasching im Januar. Daggi kannte einen DJ, der die musikalische Gestaltung übernahm. Jetzt fehlten nur noch die richtigen Jungs.

In unserer Klasse hatten wir Mathegenies und Physikexperten, Offiziersanwärter und Motorrad-Freaks, aber nichts zum Verlieben. Mir fehlte etwas, worauf ich mich freuen konnte, ein Blick, ein Wort, eine zufällige Berührung.

Ich war offen, scheunentormäßig, guckte in der Weltgeschichte herum und versuchte die richtigen Signale auszusenden, doch der geeignete Empfänger befand sich lange Zeit nicht in meinem Sendegebiet. Bis er zur Faschingsfete in unseren Schulklub mitgebracht wurde.

Ich entdeckte ihn hinter dem DJ-Pult, als er beim Aufbau der Anlage half. Er war so was von geeignet, das haute mich um. Als hätte jemand alle Kriterien von Geeignetheit in meinem Kopf zusammengesammelt und schwupps: Realität. Unwillkürlich erhöhte ich meine Sendefrequenz und schickte meine Blicke während des Dekorierens immer wieder vollkommen unauffällig in seine Richtung. Es funktionierte. Er schickte zurück.

Beim ersten langsamen Lied steuerte der Empfänger geradewegs auf mich zu und fragte, ob ich mit ihm tanzen will. Na klar, was denn sonst. Es kam mir vollkommen normal vor, dass wir eng umschlungen auf der schummrigen Tanzfläche in diesem kleinen stickigen Kellerraum in der hintersten Ecke der Schule umeinanderkreisten.

Beim zweiten Lied schaute ich ihn an und mir gefiel schon wieder, was ich sah. Die blonden Locken, der weiche Mund, die gerade Nase und die neugierigen braunen Augen, die meinen Blick auffingen und lachten. Es war ganz leicht. Ich hätte nie gedacht, dass es so leicht sein würde. Die anderen verdampften in die Bedeutungslosigkeit, Daggi, der DJ, die Musik, die Schule, einfach alles. Außer uns. Hier. Jetzt. Das war’s.

Nach dem letzten Lied half der Empfänger seinem DJ-Freund beim Abbauen. Er guckte noch ein paar Mal zu mir rüber, tat aber insgesamt sehr geschäftig.

Daggi zog mich auf den Flur hinaus. Wir gingen ohne Abschied.

Auf dem Weg zur Straßenbahn sagte sie vorwurfsvoll:„Also, da hast du dir ja einen rausgesucht.“

„Hab′ ich gar nicht. Außerdem hast DU den doch angeschleppt.“„Hab′ ich gar nicht.“

Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Der Andi, der hat′s faustdick hinter den Ohren. Der wechselt die Mädels schneller, als du gucken kannst. Und noch mehr sind hinter dem her.“

Na klar, sind die das. Ich such mir doch nicht irgend so einen Schluffi aus, bei dem die Optik nicht stimmt. Daggis Warnung zerrte Andi zwar ein bisschen nach unten Richtung Assi, aber so ein geeigneter Empfänger wurde ja nicht plötzlich ungeeignet, nur weil jemand an ihm rumnörgelte. 

Um dem Signalaustausch zwischen uns eine neue Chance zu geben, musste ich jetzt den nächsten Sendeplatz anlaufen. Disco in der Juri. Bis dahin verbot ich mir, an Andi zu denken wegen Assi-Alarm. Und tat es jede Minute. Das Gefühl dabei war so schön. Als wäre ich nie in meinem Leben anwesender gewesen, mein Herz ganz warm, die Seele weich vor Glück.

Es hätte ewig so angenehm tagträumerisch weitergehen können, wenn diese dusselige Sehnsucht nicht so genervt hätte. Ich konnte mich an den Wochenenden kaum noch entspannen.

Fuhren wir nach Reinstein zu den Großeltern, saß ich hinten im Auto und guckte aus dem Fenster. Während die Sonne wunderschön romantisch unterging, wünschte ich mir Andi so sehr an meine Seite, dass es weh tat. Anderthalb Stunden Samstag hin. Anderthalb Stunden Sonntag zurück. Meine Einsilbigkeit verstimmte die Eltern. Was mir wieder für eine Laus über die Leber gelaufen sei. Keinen Ton zu sagen die ganze Fahrt. Das sei doch keine Art. Ich lächelte still und heldenhaft in mich hinein. Ich wollte alles ertragen, wenn nur das Andigefühl blieb. Und es blieb.   

Zur nächsten Disco in der Juri war Daggi krank und ich musste ganz alleine hin. Ich redete mir ein, dass es so besser war, weil ich auf sie keine Rücksicht zu nehmen brauchte, aber ich war alles andere als zuversichtlich. Bereits eine halbe Stunde nach Einlass betrat ich ziemlich verkrampft die Schule und ging hinüber in die Aula. Ich wollte unbedingt schon da sein, wenn er kam, damit ich nicht vor seinen Augen den Saal durchqueren musste.

Es war noch leer, The Winner Takes it All hallte einsam durch die Stuhlreihen an der Wand. Ich gab meine letzten zwei Mark für den Eintritt und setzte mich in die Nähe des DJ-Pultes. Nach einer Stunde war es noch nicht wesentlich voller geworden. Ein paar aus den Parallelklassen trudelten langsam ein, kauften sich eine Brause und schwatzten miteinander. Sie sahen aus, als würden sie gleich wieder gehen. Keiner tanzte. Nach anderthalb Stunden hatte ich das Gefühl, wenn Andi jetzt käme, wäre es peinlich, noch da zu sein. Ich verließ den Saal und wollte Andi nie wiedersehen. 

Am nächsten Tag war Daggi zurück in der Schule. Ich beschwerte mich, dass niemand zur Disco in der Juri gekommen war.

„Wie kann der denn da gewesen sein, wenn er gar nichts davon wusste?“

„Aber das weiß doch jeder.“

„Naja, wenn man an der Penne ist. Aber jetzt reg dich mal wieder ab, er hat uns eingeladen.“

„Wann? Wo?“

„Freitagabend nach der Zeugnisausgabe. Von vier bis acht bei ihm.“

„Echt?“

„Willst du etwa da hin?“

„Na klar.“

Daggi verzog das Gesicht. „Da kommt der DJ auch. Der belastet mich urst.“

„Also nichʹ?“

„Nee. Auf keinen Fall.“

Alleine konnte ich dieses Mal nicht gehen und so hockte ich am Freitagabend zu Hause und starrte aus dem Fenster. Ich wünschte mich in das Flugzeug, das gerade über unseren Wohnblock flog, weit weg wäre gut gewesen, jemand ganz andres auch. Irgendwie klappte das alles nicht so richtig. Atmosphärische Störungen. Falsche Frequenz. Falscher Ort zur falschen Zeit.

Davon hatte ich jetzt drei Wochen reichlich.

Winterferien. Draußen nix. Drinnen Andi.

Er war die ganze Zeit da. Eine Seifenblase, die jeden Abend platzte. Ich heulte ins Kopfkissen und wünschte mir, dass das besser schnell ein Ende haben sollte. Aber der Morgen begann wieder mit dem Glanz der Andi-Träume auf dem Tag. Als wäre ich jetzt erst richtig auf der Welt. Das konnte doch nicht einfach so aufhören.

Nach den Winterferien musste unsere Klasse die monatliche Altstoffsammlung organisieren. Lange vor Unter-richtsbeginn richteten wir die Annahmestellen ein. Silke stand mitten auf dem Schulhof und sah uns selbstgefällig lächelnd zu.

Als wir in der POS noch in einer Klasse waren, hatte ich mich einmal ernsthaft mit ihr angefreundet. Sie war hübsch, hatte schicke Exquisit-Klamotten und ein Telefon und sie wusste, wie man mit Jungs umging. Das half mir damals weiter. Bis sie mir grinsend erzählte, dass ihre Mutter mich für viel zu unbedeutend hielt, um als Freundin ihrer Tochter durchzugehen.   

An der Penne signalisierte Silke mir deutlicher denn je, dass sie im Grunde mit ihrer Mutter einer Meinung war und ich weder hübsch noch schick genug für ihre Welt. Von Telefon ganz zu schweigen. 

Die ersten Schüler trudelten ein und gaben ihre Sekundärrohstoffe ab. Wir zählten und wogen alles durch, trugen die Ergebnisse in Listen ein und schleppten Papier, Pappe, Flaschen und Gläser zu den bereitstehenden Sero-Lastern. Ich funktionierte widerstandslos, denn meine ganze Energie ging für das Verschmerzen von Andis Abwesenheit drauf.

Als wir mit Wegräumen fertig waren, klingelte es zum Unterricht. Silke stand immer noch da und grinste, als wüsste sie, wie sehr ich gerade mit dem Alltag kämpfte. Das hatte sie in der POS immer schon draufgehabt: Wenn es mir besonders schlecht gegangen war, hatte sie sich besonders gern in meiner Nähe aufgehalten, um mir zu demonstrieren, dass es ihr gerade besonders gut ging. Sie hatte das unterhaltsam gefunden. Ich konnte sehen, wie sie ihre Überlegenheit genoss. Trotzdem war ich jedes Mals Notwehr drauf reingefallen. Aber damit war jetzt Schluss.

„Du machst ja ein Gesicht, als hättst du Liebeskummer“, sagte Silke. „Hast wohl in den Ferien jemand kennengelernt?“

Die hatte keinen Schimmer.

„Einer aus der Schule?“

Nicht den leisesten.

„Also ich geh jetzt mit Hellmann aus der Elften.“

Mir doch schnurz.

„Ach übrigens: Ich hab′ heut gar nichts mitgebracht!“

Jetzt sollte ich mich ärgern, dass sie uns die Sero-Bilanz versaute. Als ob das eine Leistung wäre, wenn andere Zeug bei uns abgeben und wir das dann zusammenzählen. So was Beklopptes. Wortlos rauschte ich an ihr vorbei.

Im Klassenraum winkte Daggi mir zu und fragte:  „Hast du Ideen für die Deko bei der Frühlingsdisco? Getränke müssen wir auch noch organisieren. Und den Einlass.“„Kommt denn dein DJ wieder?“, fragte ich vorsichtig.„Ja“, antwortete sie gereizt, „Und bevor du fragst: Andi auch.“Obwohl wir seine Einladung ausgeschlagen hatten. Schon flatterten wieder Wunschbilder durch meinen Kopf. Ich freute mich sogar ein bisschen. Ein bisschen sehr. Ein bisschen zu sehr, denn am Freitag kam weder der DJ noch Andi. Daggi überreichte mir stattdessen mit säuerlicher Miene einen Brief, in dem sich Andi entschuldigte und ankündigte, mich in den Frühlingsferien im Mai besuchen zu wollen.

Meine Enttäuschung wich neuer Vorfreude, das war ja noch viel besser, als diese geistlose Disco! Wir würden alleine sein, spazieren gehen und in Ruhe reden, so lange wir wollten. Ich schrieb zurück, dass ich das gut fände und wir uns in der Stadt treffen könnten.

Er kam tatsächlich. Sogar pünktlich. Wir kauften uns ein Eis und setzten uns auf eine Bank. Er erzählte von seinen belastenden Oldies, die von nix ne Ahnung hatten, der bekloppten Schule, die ihm gestohlen bleiben konnte, seinem zickigen Lesterschwein, das so dämlich war, dass es weh tat, und seiner Ex-Alten, die ihm fremd gegangen war, kurz: Assi-Vollalarm.

Aber ich hatte jetzt so lange auf diesen Tag gewartet, es konnte einfach nicht sein, dass ich Andi nicht mehr gut fand. Ich wollte, dass seine Überheblichkeit cool war, ich wollte, dass sein Desinteresse cool war, aber er hörte einfach nicht auf, von sich zu sprechen. Nicht ein einziges Mal sah er zu mir, um sich meines Interesses zu versichern, geschweige denn nach mir zu fragen. Seine abfällige Art begann mich ebenso zu stören wie der schweifende Blick. Als säße ich zufällig neben ihm, während er nach dem eigentlichen Ereignis des Tages Ausschau hielt. 

Als er am Ende seiner Rede selbstverliebt schwieg und mit leerem Blick auf den Platz starrte, sagte ich böse: „Du hältst ganz schön viel von dir, was?“

Er sah mich überrascht und ein wenig verärgert an und antwortete: „Na, das wär‘s ja wohl, wenn man selbst schon nichts von sich hält!“

Ich biss mir auf die Zunge. Da hatte er Recht, aber in diesem entscheidenden Punkt waren wir grundverschieden. Niemals würde das gut gehen.

Andi kam zeitgleich zu demselben Schluss. Seine Gesichtszüge zerfielen, als fände er mich plötzlich wahnsinnig anstrengend. Ich spürte, wie sein ohnehin verschwindend geringes Interesse vollständig versiegte. Schließlich presste er die schönen Lippen zu einem dünnen geraden Strich zusammen. Ich konnte seine Gedanken lesen. Er hatte sich auf einen lustigen Nachmittag mit einem lockeren Abenteuer gefreut und jetzt erwies sich die Ische als unbrauchbar.

Ich stand auf, sagte: „Tschüss!“ und ging zur Straßenbahn.

Dann war ich an der Haltestelle und konnte nicht glauben, dass ich unser so heftig herbei gewünschtes Wiedersehen so jäh beendet hatte. Ohne mich noch einmal umzusehen war ich einfach gegangen, über den Platz, durch die Blumenrabatten, am Centrum Warenhaus vorbei. Und jetzt stieg ich in die Bahn und fuhr nach Hause mit einem großen harten Klumpen aus Enttäuschung, Unglück und Traurigkeit. Und innendrin einem ganz kleinen flüssigen Kern Stolz.

3.

Die letzten Schulwochen der Neunten verbrachten wir mit Sozialistischer Wehrerziehung. Die Jungs kamen in ein Lager, die Mädchen mussten jeden Morgen mit der Straßenbahn unter den abschätzigen Blicken von Zivilisten in muffelnden feldgrünen Uniformen inklusive albernen Käppis zur Schule fahren. Wir hatten Zivilverteidigung, Exerzieren und jeden Nachmittag zwei Stunden Sport auf dem Armeesportplatz am andern Ende der Stadt.

Wir übten, wie man im Katastrophenfall das Aufsuchen des Schutzbunkers organisierte und große Menschenmassen evakuierte, wie man einen Bunker einrichtete, was man tun musste, wenn eine Atombombe fiel, wie man den Schutzanzug mit Schutzstiefeln und Gasmaske anlegte und damit marschierte.

In Kernphysik lernten wir, welche Kernwaffen es gibt und wie sie funktionieren. Wir bekamen Unterweisungen in Erster Hilfe, führten eine Katastrophenübung an der Schule und einen Geländemarsch durch. Im Kollektiv rannten wir durch den Stadtwald zum Sportplatz.

Unsere Gruppenwertung sah ganz gut aus, nur Heike kam nicht hinterher und wollte aufgeben. Für die Wertung hätte das keine Rolle gespielt, für Heike schon. Sie dann wieder aufzumuntern schien mir anstrengender, als neben ihr herzulaufen und ihr gut zuzureden, dass sie das super mache und wir es bald geschafft hätten.

Daggi klopfte mir am Anfang auf die Schulter und rannte dann wortlos weiter. Seit der Andi-Geschichte hatte sich unsere Beziehung spürbar abgekühlt. Ich vermisste ihr Mitgefühl, sie meine Aufmerksamkeit.

Ganz vorn war Silke, die in uneinholbarem Tempo losgeprescht war. Jedes Mal, wenn Heike wieder anfing zu wimmern, fast stehen blieb und ich auf sie einredete wie auf einen müden Gaul, wünschte ich mir, auch so rücksichtslos sein zu können wie Silke. Niemals hätte ich den Mut gehabt, mich so vollständig über die Anderen hinweg zu setzen und nur an mich zu denken.

Ich war eine feige Sau. Aber auch feige Säue kommen irgendwann ins Ziel. Heike ließ sich auf die Aschebahn fallen. Ich hing über dem Geländer an der Bande und dachte: feige Sau ist immer noch besser als rücksichtsloses Arschloch. 

Während die meisten jeden Morgen pünktlich zur Wehrerziehung antraten, fehlte Elisabeth häufig. Ich wunderte mich, dass sie überhaupt bei dem sozialistischen Wehrgedöns mitmachte. Es gab durchaus Fälle, in denen Mitglieder der Jungen Gemeinde für solche Veranstaltungen Entschuldigungen vorlegten. Da war wohl was schiefgelaufen, denn man merkte ihr an, dass sie lieber nicht da gewesen wäre. Sie saß neben mir und verzog das Gesicht, als hätte sie Schmerzen. In der Pause fragte ich sie, was ihr wehtue.

Elisabeth antwortete: „Wenn du dem Schwachsinn da mal genau zuhörst, weißt du‘s!“

„Wieso Schwachsinn?“

„Meinst du im Ernst, dass es dich rettet, wenn du dich unter das Fenster legst, während draußen in Sichtweite ein Atompilz in die Atmosphäre rauscht?“

„Keine Ahnung. Du?“

Elisabeth lachte freudlos.

„Vergiss es.“

„Aber es ist doch besser als gar nix zu wissen. Erste Hilfe kann man immer mal gebrauchen. Und Physik auch.“

„Mann, genau das wollen die doch. Dass wir das alles normal finden und Kernwaffen und Atombomben nicht in Frage stellen. Damit die machen können, was sie wollen.“

„Ja, aber das ist doch real, dass es die gibt und die anderen die auch abwerfen können.“

„Siehste!“Ich verstummte erschrocken und starrte zur Tafel, an der eine Interkontinentalrakete mit nuklearem Sprengkopf skizziert war. Wenn ich hier lebte, gehörte das halt dazu. Ob ich es wollte oder nicht. Ich wollte es eigentlich lieber nicht und war froh, dass jetzt erst mal Urlaub war. Für die Ostsee fuhr ich sogar noch einmal mit meinen Eltern zelten. Wir hatten nach zwei Jahren an der Mecklenburger Seenplatte von der Zentralen Vergabestelle endlich wieder einen Campingplatz auf Rügen bekommen. 

4.

In Baabe lag über allem die Kindheitserinnerung an vergangene Ferien und das schöne große Hauszelt mit zwei Schlafkabinen, einer Kochnische, einer kleinen Kleiderkammer und dem Aufenthaltsraum in der Mitte. Da hatten wir abends unter der Campinglampe gelesen, gerätselt, gegessen und Canasta gespielt, während draußen das Meer rauschend auf den nächsten Morgen wartete.

Das letzte Mal. Obwohl ich mir das immer wieder sagte, war es stinklangweilig. Lesen konnte ich auch zu Hause, für Canasta fehlte mein Bruder und Burgenbauen interessierte einen als Fünfzehnjährige genau Null. Außer Burgenbauen war am Strand eigentlich nur noch Volleyball. Also saß ich jeden Tag in der Sonne am Netz und guckte. Mitspielen ging nicht, weil Peinlichkeitsbarometer dunkelrot.

Allmählich kannte ich alle Namen. Holger war der Beste. Er spielte klug, konnte Angaben, baggern, stellen, schmettern und  bezog die ganze Mannschaft ein. Während die meisten Freizeitvolleyballer krankhaft ehrgeizig waren und alles selbst machen wollten oder maximal den guten Spielern zustellten, spielte er den Ball auch zu schlechteren Leuten und lachte aufmunternd, wenn sie ihn verschlugen. Das beeindruckte mich fast noch mehr als seine Bewegungen, die immer geschmeidig und lässig aussahen.

Jeden Morgen begrüßten wir uns wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeden Abend begleitete mich Holger zu unserem Zelt. Der Tag war verloren, wenn Holger nicht spielte, er war schön, wenn er da war und der beste, wenn er mir zuwinkte oder lachte. Noch abends im Schlafsack grinste ich dem nächsten Tag entgegen. 

Am Morgen seiner Abreise kam er ein letztes Mal zum Netz. Noch nicht einmal jetzt wagte ich es, ihn einfach anzusprechen. Erst als er schon auf dem Rückweg zu seinem Zelt war, ergriff mich Panik, ich rannte ihm hinterher und fragte verdruckst nach seiner Adresse. Mein Blick folgte ihm, bis er in den Dünen verschwand. Ich ließ mich in den Sand sinken und konnte mich lange nicht bewegen aus Unkenntnis wohin.

Am Nachmittag hielt ich es nicht mehr am Strand aus, es fehlte zu viel. Ich sprang auf und lief zur Post, obwohl die geschlossen hatte. Ich brauchte einfach nur irgendein Ziel. In sengender Hitze trottete ich mit gesenktem Kopf die Zeltplatzstraße aus Betonplatten entlang und sagte mir immer wieder Holgers Adresse auf. Eine erbarmungslose Sonne knallte auf mich und die Welt herab und beschien meine Verzweiflung. Alle konnten sehen, wie verlassen ich war. Der Tag wurde dunkel und blieb voller Traurigkeit. Sie begleitete mich bis zu unserer Abreise. Sobald ich alleine war, verstärkte sie sich mit unverminderter Heftigkeit, weil ich sofort an Holger und diese furchtbar verpasste Chance dachte.

Zu Hause schrieb ich ihm einen Brief. Es dauerte zweieinhalb Stunden, aber drinnen war jetzt wenigstens wieder Ruhe. Sie hielt genau einen Tag, dann wartete ich ungeduldig auf Antwort und rechnete jeden Abend nach, wann sie kommen müsste. 

Nach einer Woche begann ein Teil von mir, sich mit dem leeren Briefkasten abzufinden. Holger würde eine Adresse auf einem Stück Papier bleiben. Ein anderer wesentlich lebensfroherer Teil aber wartete voller Spannung weiter auf die Post. Das war natürlich überhaupt nicht gut und vor allem bei weitem nicht wirklich tagesfüllend, aber es machte so viel mehr Spaß als die öde Schule. Und es verband mich immer noch mit dem gemeinsamen abendlichen Heimweg, auf dem ich voller Bilder vom Tag war. Die Blicke, das Lächeln, die weichen Bewegungen, die zum Schlag erhobene Hand, die fliegenden Haare, das lässige Zurückwerfen des Kopfes. Das war nicht vorbei, wenn ich nur intensiv genug daran dachte.

Während ich drinnen in Sehnsuchtswellen ersoff, schaukelte sich draußen unser Familienleben einem dramatischen Höhepunkt entgegen. Mein Bruder hatte das erste Jahr Berufsausbildung mit Abitur gut genutzt und sich mit seiner selbstbewussten Art jede Menge Feinde gemacht. Sein Ausbildungsleiter war Gehorsam gewohnt, der einzige Bereich, in dem sich mein Bruder überhaupt nicht auskannte. Meinem Vater war es schleierhaft, wie man sich in so kurzer Zeit so viel Ärger einhandeln konnte. In stundenlangen Diskussionen versuchten die Eltern an den Wochenenden, ihren Sohn dazu zu bewegen, sich einzusortieren.  

Nachdem mein Bruder sich Sonntagabend wieder in seine Fachhochschule verabschiedet hatte, kam meine Mutter in mein Zimmer und fragte, was ich eigentlich das ganze Wochenende gemacht hatte. Ich zuckte mit den Schultern. Die waren weg. Ich war weg. Jetzt waren wir wieder da, aber irgendwie getrennt. Das blieb jetzt so. Ich konnte meiner Mutter nicht sagen, dass ich das gar nicht so schlecht fand. Das klang absolut lächerlich. Als wäre ich irgendein wichtiger Mensch.

War ich ja nicht. Ich war nur eine von Millionen im Gegensatz zu dem durchgeknallten Schauspieler am anderen Ende der Welt, der gerade beschlossen hatte, die Neutronen-bombe zu bauen. Um den machte ich mir viel mehr Sorgen.

Mit Daggi musste ich nicht über dieses Thema sprechen, für sie regelte unsere sozialistische Friedensarmee das Problem hinreichend. Aber Elisabeth wusste Bescheid. In der Jungen Gemeinde diskutierten sie jede Woche über Aufrüstung, Waffen, Krieg und Frieden. Die hatten vielleicht nur religiöse Antworten, aber wenigstens redeten die. Jetzt war Elisabeth noch im Urlaub, also nahm ich meine Sorgen mit nach Reinstein zu Uromas Neunzigstem. Alle waren da. Außer die Stuttgarter Großtante. Die durfte nicht, weil einer ihrer Enkel als Leitungskader in der Chefetage unterwegs war und sich von feindlichen kapitalistischen Elementen fernhalten musste. Dafür erfuhr die ganze Geburtstagsgesellschaft in epischer Breite von seiner Dienstreise nach Dänemark zur Ankurbelung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Die Dänen waren alle so furchtbar freundlich, das glaubt ihr nicht. Und von den Valuta-Mark, die die zahlten, könnte man sich glatt einen Wartburg über GENEX bestellen. Ohne Wartezeit.

Wir schwiegen leicht beklommen. Eigene Erfahrungen konnten wir nicht beitragen, das Thema Dänemark gehörte der Chefetage ganz alleine. In einigen Gesichtern war der Wunsch nach der Stuttgarter Großtante zu lesen. Kein Wunder, weil Stimmungskanone. Wenn zum Beispiel an der Stelle mit den Valuta sich jemand tatsächlich getraut hätte, zu behaupten, dass Geld allein auch nicht glücklich macht, hätte die Stuttgarter Großtante empört gerufen: „Mich schon!“

Ihrem von uns geschätzten Kontostand nach zu urteilen war sie glücklich ohne Ende und vergaß auch uns nicht. Pünktlich zu Weihnachten bekamen wir unser Westpäckchen mit Sarotti-Schokolade, Luxseife, Campinobonbons und Jacobs Krönung. Allein für den Duft beim Öffnen dankten wir der Großtante jedes Jahr aus tiefstem Herzen. 

Ihr Fehlen ließ an diesem Abend auch mich gelangweilt in der Fernsehecke sitzen und auf das Ende des Abends warten. Die Meinung von Kindern war auf diesen Feiern nicht gefragt, auch wenn sie eine hatten. 

Als wir Samstagmittag wieder nach Hause kamen, lag im Briefkasten Post von Holger. Er schrieb, dass er jetzt eine Lehre als Elektromonteur beginne. Dann klagte er ausgiebig über seine schlechte Schrift und meinen anspruchsvollen Brief. Ich sollte mir ihm zuliebe Zeit mit dem nächsten lassen.

Gleich am Sonntag bastelte ich an einer noch anspruchsvolleren Variante, nicht ohne Holger am Ende hinterhältig zu fragen, ob er denn unter diesen Umständen überhaupt noch Briefe von mir haben wolle. Um der Unverfrorenheit die Krone aufzusetzen, bat ich ihn schließlich um ein Foto. Ich hatte keine Ahnung, wo das hinführen sollte, aber es war spannend. Ich klebte den Brief zu und ging auf den Balkon, um mich von meiner Waghalsigkeit zu erholen. Es war schon sommerlich warm, auf dem Spielplatz unten saßen die Jungs aus meiner alten POS-Klasse wie immer auf der Lehne der Bank und quatschten miteinander. Und wie immer ranzte ein Hausbewohner sie an: „Da wolln sich noch Leute trauf setzn! Nähmt gefällischst eure dreckschen Bodden runder und setzt eusch ordntlisch hin! Oder sitzt iar zu Hause och auf der Stuhllähne?“

Wir hatten uns immer nach der Schule zwischen den beiden Neubaublocks getroffen. Von oben konnte man sehen, wer da war und ob es sich lohnte. Aber wenn man einmal unten war, musste man nehmen, was kam. Telefonische Vorauswahl gab es nicht, denn Telefone hatten nur Kombinatsdirektoren, Volksarmisten, Genossen und manchmal welche von der Kirche.

An schönen Tagen war der Spielplatz voller Kinder und die Bänke voller Mütter, sodass wir uns an der Teppichstange trafen. Die brauchte eigentlich niemand mehr. Es gab Staubsauger. Nur Martinas Familie klopfte noch, weil ihren Eltern Staubsauger nicht gründlich genug waren.  Mir war das peinlich, denn erstens war Martina damals meine beste Freundin und zweitens klopften sie Samstagvormittag zur Putzzeit. Die Männer putzten die Autos, die Frauen das Treppenhaus und die Küche. Wer mit Putzen fertig war, der guckte.

Wenn geklopft wurde, guckten alle. Ich auch. Und während ich guckte, zählte ich mir jedes Mal auf, warum ich Martina mochte und diese Klopferei vollkommen bedeutungslos war. Mir gefiel ihre Ehrlichkeit, ihre Geradlinigkeit, die Ernsthaftigkeit, mit der sie Klavier lernte und zum Religionsunterricht ging. Sie ließ Oberflächlichkeiten keinen Platz. Westklamotten zum Beispiel interessierten sie überhaupt nicht. Ich wollte da auch auf gar keinen Fall mitmachen und fühlte mich normalerweise über diese Eitelkeiten erhaben. Bis mir die Stuttgarter Großtante außerplanmäßig ein Paket mit nahezu ungetragenen Sachen aus ihrem Bekanntenkreis schickte und meine Überlegenheit in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Ich war glücklicher, als ich je zugegeben hätte und trug die Karottenjeans und das grüne Baumwoll-Sweatshirt nur an besonders wichtigen Tagen. Ich musste mir eingestehen, dass diese Oberflächlichkeiten durchaus in der Lage waren, auch meine Lebensfreude auf eine unkomplizierte Weise sprunghaft ansteigen zu lassen. Ein bisschen anders sein war immer auch ein bisschen besser sein und ein bisschen frei sein.

5.

Zum Anderssein trug ich jetzt Fleischerhemden aus der Nachkriegszeit und Nickelbrillen von Oma, aber das Freisein kam eindeutig zu kurz, denn der Stundenplan in der Zehnten wurde noch engmaschiger. 

Montags hatten wir jetzt Unterrichtstag in der Produktion im Landtechnischen Instandsetzungswerk Nord. Dort wurden am Fließband alte Traktoren- und Mähdreschermotoren demontiert und repariert oder dem Ersatzteillager zugeführt. 

Die Frühschicht begann um sieben. Während die eine Hälfte der Klasse in einem Schulungsraum Einführung in die Sozialistische Produktion und Technisches Zeichnen hatte, musste die andere Hälfte in einem schmutzigen lauten Werkraum praktisch arbeiten.

Wenn ich zur anderen Hälfte gehörte, ging immer eine Menge Energie dafür drauf, den ganzen Vormittag meine Riechnerven vor dem üblen Geruchsgemisch aus Metallspänen, Maschinenöl, Schweiß und vergammelter Erbsensuppe zu verschließen.

Unser Betreuer war Zerspanermeister Schreiber und vermutlich nicht freiwillig in dieser Funktion gelandet. Er verfügte über unglaublich viel Berufserfahrung und unglaub-lich wenig pädagogisches Geschick. Das mag daran gelegen haben, dass er nicht das geringste Interesse an jungen Menschen verspürte. Sie blieben für ihn ein Buch mit sieben Siegeln, und er ließ uns deutlich spüren, wie überflüssig er Bücher fand.

Herr Schreiber wurde schnell ungeduldig. Er erklärte grundsätzlich alles nur ein Mal. Wer es nach diesem einen Mal nicht kapiert hatte, war ein bösartiger Saboteur. Bei jeder Gelegenheit betonte er, wie dringend der sozialistische Staat harte Arbeiter benötige, um den Klassenkampf weltweit zu gewinnen, und dass er sein Leben lang ein solch harter Arbeiter gewesen sei. Während seiner legendären Wutausbrüche vermutete ich immer wieder, dass er im Grunde nur unglücklich über seinen Namen war, der so gar nicht zu seiner Wunschvorstellung von sich selbst passen wollte. Eigentlich mochte er niemanden und wen er einmal auf dem Kieker hatte, der kriegte kein Bein mehr auf den Boden.

Müllerchen war so ein Kandidat. Von Natur aus schon klein und schmal schrumpfte er in Schreibers Nähe zur Winzigkeit. Gleich am ersten Tag hatte er die Unvorsichtigkeit begangen und in Schreibers Rücken Thomas zugeflüstert:

„Schreiber, Schreiber, wo sind denn deine Weiber?“Thomas hatte keine Zeit, auch nur zu lächeln, als Schreiber schon herumwirbelte und Müllerchen anbrüllte:

„Name!“Müllerchens Kopf lief knallrot an: „M …M …M …Müller.“

Schreiber näherte sich ihm, bis kaum noch ein Blatt Papier zwischen die beiden passte.

„Müller! Das hast du nicht umsonst gesagt!“, zischte er in Müllerchens Augen, die sich langsam mit Wasser füllten.

Müllerchen war erledigt. Obwohl seine Flansche immer akkurat auf den Zehntelmillimeter gefeilt und seine Unterlegplatten wie mit der Maschine geschliffen waren, musste er regelmäßig als Beispiel herhalten, wie man die Feile NICHT hielt und den Messschieber AUF GAR KEINEN FALL ablas. Leistung zählte nicht.

Müllerchen tat mir zwar leid, aber wenigstens hatte er für ein wenig Unterhaltung gesorgt. Die eintönige Arbeit ging allen auf die Nerven. Feilen, Messen, Bohren, Messen, Feilen, Messen, Nachmessen beim Nachbarn, Fehlerdifferenz ausrechnen, Schleifen, Messen, Arbeitsplatz säubern, Auf Wiedersehen.

Um halb zwölf fuhren wir mit dem Bus zurück in die Stadt zu unserer Schulspeisung. Auch für die PA-Tage konnten wir hier Mittagessen für 80 Pfennig bekommen. Daggi saß gerne noch nach dem Essen am Tisch, um zu schwatzen und neue Aktionen zu planen, aber ich wollte lieber heim, vor allem, wenn es etwas Besonderes im Konsum geben sollte. Zum Beispiel Negerküsse. Eile war geboten, nicht dass mir noch jemand die letzten beiden Packungen wegschnappte. Wenn man überhaupt zwei bekam. Im Laufschritt rannte ich die Treppen hoch in die Wohnung, schnappte mir mein Geld und hetzte zur Kaufhalle. Oft genug sank dann schon von weitem die Hoffnung, wenn der Eingang leer war, keine Schlange weit und breit, von Negerküssen keine Spur. Ich hätte glatt eine Packung abgegeben, nur um zu erfahren, ob ich zu spät kam oder nie was war.

6.

Mitte September kam der nächste Brief von Holger. Ich riss ihn ungeduldig auf, aber es gab kein Foto. Er müsse erst noch Bilder von sich machen lassen und ich solle ihm auf gar keinen Fall eines von mir schicken, da er noch wisse, wie ich aussehe, natürlich möchte er weiterhin Briefe von mir bekommen, ob er das „Du“ auch klein schreiben könne, weil er sonst so eine schlechte Schrift habe.

Inhaltlich war das so eine Nullnummer, dass ich mich fragte, was um alles in der Welt ich darauf antworten sollte. Wenn ich da Tiefgang reinbrachte, war er wieder überfordert.

Dieses Mal wollte ich mir sowieso Zeit lassen, sonst dachte er noch, ich hätte auf seinen Brief gewartet. Jetzt war Dienstag, bis Sonntag sollte Holger ruhig liegen bleiben. Und je länger er lag, umso deutlicher sah ich den dussligen Kreislauf aus Schreiben, Abschicken, Warten, Enttäuschung, Enttäuschung verdrängen, Schreiben, Abschicken, Warten … Das war doch bescheuert.

Samstagabend verkürzte mir Elisabeth mit ihrem Geburtstag die Zeit. Wir feierten so nachhaltig, dass ich Sonntag erschöpft an meiner Liege klebte und nur noch die Knöpfe des Fernsehers bedienen konnte. Vom Schreiben keine Spur, geschweige denn an Holger.

In der folgenden Woche schnappte sich die Schule alle restlichen Holger-Gedanken und stampfte sie so sehr ein, dass ich Freitagnachmittag ganz entspannt mit Daggi und Elisabeth über den Rathausplatz schlendern konnte. Wir freuten uns auf das Wochenende und wollten uns gerade an unsere Straßenbahnhaltestellen verabschieden, als uns an einer Laterne ein Typ Anfang zwanzig mit langen Haaren und Gitarre auffiel. Er lehnte da ganz lässig und lachte zu uns herüber. Dann kam er auf uns zu und fragte, ob wir ihn nicht mal besuchen wollten. Er gab uns seine Adresse: Theo und Geli. Wir wollten.

Gleich am Montag standen wir nach der Schule vor ihrer Tür. Auf unser Klopfen öffnete eine junge Frau in Flowerpower-Rock und -Bluse mit ungefähr zwanzig Ketten um den Hals und einem bunten Tuch im Haar. Sie begrüßte uns so herzlich, als wären wir lang erwartete beste Freundinnen. Dann führte sie uns in ein winziges Wohnzimmer, das mit dicken alten Plüschsesseln und einem Plüschsofa auf Plüschteppich vollgestopft war. Der große Tisch in der Mitte war aus unbehandeltem Holz und trug jede Menge Gebrauchsspuren.

Geli verschwand. Bald darauf kam Theo herein und sagte, wir sollten uns doch setzen, gleich gibt es Tee. Er nahm seine Gitarre und begann zu singen. Elisabeth kannte die Lieder und sang mit. Daggi und ich versuchten beim Re-frain einzustimmen. Dann legte Theo die Klampfe weg und fragte, wie wir zum Thema Frieden ständen. Erst trauten wir uns nicht, aber dann kam ein lebhaftes Gespräch zustande. Theo konnte gut zuhören. Er stellte Fragen und schien wirklich an unserer Meinung interessiert zu sein. Ich musste mich zusammenreißen, dass ich keine Höhenflüge bekam, weil das so ein gutes Gefühl war. Daggi schien das anders zu sehen. Sie sagte gar nichts, während Elisabeth durch die Situation stiefelte, als wäre sie jeden Freitag hier.  

Als Geli den Tee brachte, las Theo aus dem Neuen Testament vor. Man sollte keine materiellen Werte anhäufen, sondern Werte vor Gott. Ich fand das gut, aber unrealistisch. In dieser zusammengestückelten Wohnung bei diesem zusammengestückelten Theo konnte ich plötzlich alles aussprechen, sogar Kritik. Das ging sonst nicht, denn für Kritik gab es keine Anerkennung. Theo fand das gut, er redete mit uns wie ein älterer Bruder und bald waren wir eine Gemeinschaft von Gefährten auf der Suche nach gültigen Antworten.

Wir mussten ihn unbedingt wieder besuchen, denn da draußen gab es die sonst nicht. Da gab es nur Ernteeinsätze, bei denen man für einen Korb Zwiebeln oder Bohnen 70 Pfennig bekam und sich nicht beschweren durfte, weil man nicht mal Sechzehn war. Niemand nahm einen ernst außer Theo.

Am nächsten Montag gingen wir nach der Schule wieder hin. 

Dieses Mal öffnete er selbst mit verschlafenen Augen und zerknittertem Gesicht.

„Ach, Hallo!“, brummte er müde, drehte sich um und verschwand in der Wohnung. Wir schauten uns unsicher an, folgten ihm dann aber durch die offen gelassene Tür ins Wohnzimmer.

Theo fläzte auf dem Sofa und drehte sich eine Zigarette. Er blinzelte uns belustigt an und rauchte. Allmählich wurde er munter und kam in Schwatzlaune. Was wir denn von den staatsfernen Gruppen hielten und ob wir schon mal auf so einer Ausstellungseröffnung in einer Wohnung gewesen seien. Synchrones Kopfschütteln. Ob wir dann wenigstens schon mal von dem Konzert in dem Abbruchhaus hinter der Eisenbahnbrücke gehört und nicht auch Lust auf so ein unabhängiges Leben außerhalb der Staatskontrolle hätten. Wir schwiegen betreten. Kein Austausch mehr, kein Diskutieren, kein Singen, kein Tee, nur noch Vortrag. Erst kam die Enttäuschung, dann der Überdruss.

Theos Feeling nervte genauso wie die Bewegung, die Action und das Moving. Als wir uns verabschiedeten, behauptete er auch noch Jesus lebt! Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte ich. Aber sie stirbt.  

7.

Nach diesem niederschmetternden Fehlschlag half nur noch Konsum. Im Centrum Warenhaus sollte es am Samstag Kutten geben. Ich überredete Mutter zu einem Einkaufsbummel.

Als wir gegen zehn in die Mantelabteilung kamen, hatten sie nicht mehr die richtigen dicken für 300 Mark, sondern nur noch die ungefütterten für 200 Mark. Das Grün war zwar zu dunkel und glänzte leicht, aber es war Baumwolle, hatte die richtige Länge und fühlte sich gut an, also ja. Weil wir einmal da waren, lotste mich Mutter anschließend in die Campingabteilung und kaufte mir für meinen ersten Allein-Urlaub mit Daggi ein Zweimannzelt.

Zu Hause baute ich es auf der Wiese vor dem Wohnblock auf. Die Wände waren gelb, und wenn man drin lag, musste nur ein bisschen die Sonne scheinen, und man hatte eine komplett goldene Welt. Ich sah, wie wir uns einrichteten, während die Jungs im Zelt neben uns lustige Bemerkungen machten und uns zum Grillen einluden.

Plötzlich zitterte die goldene Sonnenwand und ein Schatten klebte über meinem Kopf. Draußen stand der Abschnittsbevollmächtigte und fragte, ob ich gedenke, hier vor dem Haus zu übernachten. Ich verneinte gehorsamst, entschuldigte mich ordnungsgemäß und packte eilig zusammen.

In meinem Zimmer verstaute ich den Urlaub im Schrank, aber es blieb etwas von der Vermischung der Zeiten an diesem Samstagnachmittag hängen und hielt mich unter seiner Oberfläche. Ich holte mir einen Stapel Zeitschriften aus dem Schlafzimmer der Eltern und blätterte in den alten Ausgaben von Guter Rat, Magazin und Neues Leben.

Plötzlich starrte ich auf das Plattencover einer Gruppe namens YES. Ein Mädchen saß mit dem Rücken zu mir auf einer Art Riesenbovist und blickte auf eine spitzzackige Plattform im Hintergrund, die aussah wie eine überdimensionierte Eieruhr. Vor dem Mädchen schwebte in der Luft ein zackiger Vogel oder ein Segelflieger. Um den Mega-Pilz herum führte ein freischwebender Weg hinab auf eine Wasseroberfläche. Der Bovist war offensichtlich aus Kalk oder einer anderen wasserlöslichen Substanz, denn unten am Fuß war er schon ein wenig angefressen. Seine Oberfläche war mit einer grauschwarzen Schicht überzogen, die an einigen Stellen aufweichte und den Blick auf das weiße Innere freigab. Rechts neben ihm wuchs ein kleiner Babybovist. Das Licht war Weltraumlicht. 

Ich starrte lange auf das Bild, weil ich einfach nicht fassen konnte, dass das jemand anderes gemalt hatte. Genau so sah es in meinem Universum aus. Das musste ich abzeichnen. Großformat. Ganz großes Großformat. So groß wie möglich.

Im Keller fand ich eine weiße Tapetenrolle. Ich nahm sie mit nach oben und fing sofort an. Weich strich der Bleistift über das Papier und erzeugte ein sanftes beruhigendes Geräusch, das mich zurück in den Kindergarten schickte, zurück zu Frau Thau.

Jeden Morgen freute ich mich auf den wedelnden weißen Baumwollkittel, der mich an der Garderobe des Kindergartens in Empfang nahm. Das Gesicht darüber lächelte die ganze Zeit, obwohl der Mund mit den schmalen Lippen sich nicht bewegte. Lächelnd flatterte Frau Thau zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und erledigte den Rest des Tages von dort.

Nur beim Malen ging sie durch die Tischreihen, blieb hier und da stehen und sah sich unsere Bilder an. Manchmal murmelte jemand leise vor sich hin, sonst war es still und konzentriert. Ich mochte diese Ruhe sehr, denn in dieser Atmosphäre war die Außenwelt ausgeblendet. Und ich mochte es, wenn Frau Thau durch die Reihen ging und auf uns aufpasste. Draußen wachte Frau Thau. Drinnen begann mein Universum.

Zum Mittag musste ich wieder raus, es gab Essen. Wenn Frau Thau nicht da war, kam direkt danach der Horror. Mittagsschlaf. Die Thauvertreterinnen waren der Meinung, dass auf Toilette gehen eine Frage des Willens sei. Meiner war genauso schwach wie meine Blase. Pausenlos starrte ich auf die große Normaluhr über der Tür zum Paradies. Von eins bis halb drei. Von eins bis halb drei. Von eins bis halb drei. Aber der Zeiger wollte sich nicht bewegen, als hätte er sich mit den sechzehn Glückskindern um mich herum in den Mittagsschlaf verabschiedet. Wie ich sie um ihren gleichmäßigen Atem, um diese Besinnungslosigkeit beneidete! Wenn doch die Thauvertreterin nur einmal kurz den Raum verlassen würde, könnte ich schnell hinaus. Verzweifelt starrte ich unter den Schreibtisch auf die Vertreterinnenbeine, die sich direkt vor meinen Augen doppelt verknotet hatten. Ganz schlechtes Zeichen, weil lange Sitzenbleiben. Einfaches Überschlagen war besser. Beinwechsel noch besser, weil Beinschmerzen, Aufstehen naht. Beine parallel nebeneinander am besten, weil größte Chance für Rausgehen.

Bei Frau Thau konnte ich mich jederzeit melden und aufstehen. Ich musste nie wieder und sank manchmal sogar in einen leichten Schlaf mit weichen runden Träumen auf hellen offenen Yes-Planeten, die ich jetzt zehn Jahre später sogar malen konnte.

Leider passten sie dann aber nicht an meine Wand. Gut, dass Heike am Wochenende Geburtstag feierte und ich ein Geschenk brauchte.

Ich hielt es für eine geniale Idee, meine künstlerischen Qualitäten unauffällig bekannt zu machen, indem ich ihr mein Werk schenkte. Ich hatte vier Wochen daran gearbeitet, das musste jetzt gesehen werden. 

Inmitten ihrer zahlreichen Gäste entrollte Heike die Tapete und starrte eine halbe Minute schweigend darauf. Ganz offensichtlich fragte sie sich, wo in aller Welt sie so etwas Krankes hinhängen sollte. Ich bereute unverzüglich und heftig, das Kranke weggegeben zu haben. Das war meins und hatte bei Heike nichts zu suchen.  

Für meine Geltungssucht musste ich jetzt büßen. Zweifellos würde sich schnell herumsprechen, dass ich ein bisschen durchgeknallt war. Das war nicht schön, aber irgendwie wahr, denn um wochenlang an so einem Bild zu sitzen und es dann der Erstbesten an den Hals zu werfen, musste man schon unterirdisch unterwegs sein.

Immerhin hielt an diesem Tag die Oberfläche. Einige meinten: „Sieht echt klasse aus!“ und mir war egal, ob sie logen. Ich musste ja nur diesen Abend überstehen, dann konnte ich zurück ins Universum.

8.

Dort wartete seit kurzem Franz von Assisi. Mit angehaltenem Atem hatte ich den Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ im Westfernsehen gesehen und mich unablässig gefragt, woher einer nur den Mut nehmen konnte, sein reiches Elternhaus für Armut zu verlassen, das sichere Erbe auszuschlagen für eine ständig bedrohte Existenz, sein Leben radikal zu ändern mit einem einzigen Entschluss aus dem Glauben heraus. Ich wünschte mir, nur einmal etwas für so wichtig und ganz und gar richtig zu halten, dass ich gegen jeden Widerstand neue Tatsachen schaffen konnte. Dann wäre ich jemand.

Ich kramte Omas Bibel aus dem Bücherschrank und las das Matthäus-Evangelium. Wenn ich an Gott glauben konnte, konnte ich vielleicht auch an mich glauben. Nicht so draußen wie Theo oder Elisabeth. Eher drinnen bei mir im Universum. Es klappte, solange ich las. Kaum war ich einkaufen oder abwaschen, war es weg. Aber darunter bestand jetzt die Möglichkeit einer radikalen Entscheidung. Ich musste nur den Mut dazu finden.

Aber Mut braucht Kraft, und die ging jetzt grad flächendeckend für den Staatsbürgerkundeunterricht drauf. Da Urde nämlich neuerdings merkwürdigerweise auch über Gott diskutiert. Dass der nur erfunden worden war, um das Volk opiummäßig zu benebeln und still zu halten.

Ich zischte „Schwachsinn!“ nach vorne zum Staatsbürger. Man konnte doch ein so kompliziertes Thema nicht mit so einfachen Lügen erschlagen. Daggi sah mich ärgerlich von der Seite an und schüttelte den Kopf.

In der großen Pause saßen wir auf dem Schulhof an den Blumenrabatten. Ich kaute auf meinem Brot und hoffte, dass sie mich auf die letzte Stunde ansprach. Aber nichts. Ein Gott war in ihrer wissenschaftlich erwiesenen Welt überflüssig. Lief etwas nicht, hatte das konkrete materielle Ursachen, die Generalpapa beheben konnte. Wenn jemand einen Gott brauchte, stimmte da was nicht.

Und da hatte sie ja auch Recht, mit dem Stabü-Unterricht stimmte tatsächlich etwas nicht. Der musste mal ein bisschen aufgemischt werden. Zum Beispiel mit geistreichen Bemerkungen, provokanten Fragen und kritischen Einwürfen. Aber ich war immer noch Klassenbeste und FDJ-Sekretärin, da wurde das bisschen Aufmüpfigkeit unter „Pubertät“ verbucht. Meine Äußerungen zeigten so wenig Wirkung, dass sich bei mir Platzangst breit machte. Ich fühlte mich eingekesselt von sozialistischen Weltwahnvorstel-lungen. Dabei brauchte doch jeder sein eigenes Universum. Wenn man das dermaßen ignorierte oder sogar verbieten wollte, konnte man als Gesellschaft einpacken.

Andererseits, so viele Leute mit Universum kannte ich auch wieder nicht. Eigentlich nur mich. Besser, ich behielt das für mich und ließ draußen nur noch meine funktionierende Hülle umherlaufen, während drinnen das Universum wuchs.

Und es wuchs wie damals, als ich acht war und mich in der Kinderbibliothek angemeldet hatte. Da stand mein Regal zu Hause zwar schon voller Bändchen für verschiedene Altersstufen, doch meine Mutter war der Überzeugung, dass man nie genug Lesestoff haben konnte. Wenn jemand Bücher in den Müll warf, machte sie uns Kindern klar, wie tief dieser Mensch gerade gesunken war. Lange war ich der Meinung, dass Bücherwegwerfen mit Gefängnisaufenthalten bestraft wurde.

Zuerst las ich aus Neugier, aber dann fand ich heraus, dass ich auf diese Weise in eine andere Welt eintauchen und jedem demonstrieren konnte, dass ich etwas Besseres vorhatte, als anwesend zu sein. Dabei war ich aber nie wirklich so versunken, wie ich vorgab. Wenn ich wollte, hörte ich alles, verfolgte jede Bewegung am Rande meines Blickfeldes, musste aber nicht reagieren, denn ich war ja verreist. Ich war da und auch wieder nicht, wie ein Beobachter, der nicht beobachtete. Ich allein konnte entscheiden, wann ich von drinnen wieder nach draußen kam.

Wenn ich mit den Digedags im MOSAIK unterwegs war, hatte ich auf Rückkehr keine Lust, denn in Buffalo Springs, New Orleans und New York war es viel zu aufregend, ganz zu schweigen vom Goldwaschen am Wapiti-Creek. Die Erfahrungen mit der Pfanne und den Nuggets vertiefte ich mithilfe meiner Freitagabend-Lieblingsserie am Klondike in Dawson City. Der Aktionsradius meiner Reisen hatte sich durch Fernsehen und Kino um mehrere tausend Kilometer erweitert. Nachts setzte ich meine Ausflüge im Traum fort und zog mit Osceola und Tecumseh in neue Abenteuer, machte Winnetou zu meinem Blutsbruder und David Copperfield zum Gefährten.

Während sich im Universum die spannendsten Geschichten abspielten, erwies sich die Schule als schlecht steuerbar und äußerst banal. Es lohnte sich einfach nicht, da mitzuspielen, denn der Lohn war oberflächlich, die Mitspieler unterwarfen sich aus taktischen Gründen für ihren eigenen Vorteil, nicht wie Gefährten aus Vertrauen und Verbindlichkeit. Draußen lernte ich pflichtbewusst, um auf diesem Weg des geringsten Widerstandes schneller das Etappenziel zu erreichen und mich unverzüglich zurück nach drinnen begeben zu können.

9.

Genau so wollte ich es jetzt auch wieder machen: draußen Erwartungen erfüllen, drinnen Universum vergrößern. 

Für Drinnenwachstum hochgeeignet wegen unschlagbarer Westpromidichte war der Film The Band - The Last Waltz, der gerade im Kino lief. Ich besorgte Karten und lud Daggi, Thomas und Elisabeth ein. 

Zwei Wochen freute ich mich auf den Abend mit Bob Dylan, Joni Mitchell, Neil Diamond und Neil Young. Ich würde sehen, wo sie wohnten, wen sie trafen, wie sie lebten. Ich würde ihre Klubs und Restaurants kennenlernen, die Studios, wo sie Musik machten, die Straßen und die Autos, mit denen sie fuhren. Diese ganze sympathische Welt aus meiner Lieblingsserie Eine amerikanischen Familie würde größer werden und ich könnte anderthalb Stunden darin leben. 

Dann hatten wir uns in dem ausverkauften Kino an unsere Plätze gedrängelt, es wurde dunkel, es ging los mit Leuten an einem Billardtisch, die ich nicht kannte, dann ein lahmer Walzer. Mist. Falscher Film. In Rot jetzt die ganzen berühmten Namen. Doch richtig. Aber dann nur Musik, ein paar Bühnenbilder zwischendurch, ein Song folgte dem nächsten, Scheinwerfer, Mikros, Musiker. Keine Bilder vom Leben, dem Land, den Leuten, gar nichts. Nur Bühne.

Auf dem Nachhauseweg waren die anderen ganz begeistert und ich vor Enttäuschung sprachlos.

Mitten in die Sprachlosigkeit hinein donnerte gleich darauf die nächste Pleite. Die Zentrale Campingplatzverwaltung schickte eine Absage für die Ostsee. Wir würden also in den Sommerferien nur an einen popligen See irgendwo in Mecklenburg fahren. Das ging jetzt gar nicht. Ich brauchte unbedingt ein Trost-Meer und schlug Daggi vor, zu trampen und an der Küste zu bleiben, notfalls am Strand.

Daggi war Feuer und Flamme, gleich am Abend wollte sie mit ihrem Vater sprechen. 

„Meinste?“, fragte ich Ungutes ahnend. Der Generaloberst war garantiert dagegen, dass seine Tochter an der Küste unter den Augen des Grenzschutzes ungenehmigt herumlungerte. Und auch noch im Zelt. Wie so ein Flüchtling.

In den folgenden Tagen drängte sich der Schulalltag in den Vordergrund und wir sprachen nicht mehr von den Ferien. Die nächste Gelegenheit bot sich erst am Wochenende wieder. Wir hatten uns zu einem Ausflug nach Oberhof verabredet. Geplant war ein Vagabundentrip ohne viel Zubehör mit Mundharmonika und Minirucksack wie fahrendes Volk immer der Nase nach. Das klang lustig und selbstbestimmt und würde reichlich Gelegenheit bieten, die Sommerfrage zufriedenstellend zu klären. Dachte ich.    

Der Bahnhof des weltbekannten Wintersportortes lag weit außerhalb. Sobald wir ausgestiegen waren, wurde klar, dass weder Daggi noch ich eine Ahnung hatten, wo es lang ging.

Noch war lustiger Vagabundentrip angesagt. Wir sangen War einst ein Karmeliter der Pater Gabriel und schlugen uns durch Büsche, Wiesen, Sümpfe und Wald. Allmählich ermüdete das fahrende Volk, doch dann stieß es endlich auf eine befestigte Straße.

Daggi war überzeugt, dass wir nur noch den Berg hinuntermüssten: „Hier war ich schon mal! Da geht’s nach Oberhof.“

Nach der nächsten Kurve leuchtete tatsächlich gelb ein Ortseingangsschild, doch war es das von Zella-Mehlis. Nach Oberhof waren es jetzt 9 km und nach Suhl 7 km.

Die Selbstbestimmung nervte langsam. Zumal wenn sie so wenig belohnt wurde. Jetzt mussten wir uns auch noch gegen unser Ziel entscheiden, weil wir völlig fertig waren. 

Das Wetter machte es auch nicht besser, es wurde immer dunkler, leichter Nieselregen setzte ein. Am unteren Ende der Beine hingen zwei Eisklumpen, die Ohren froren, die Hände waren taub. Ich war vagabundenmäßig viel zu dünn angezogen für so eine Wanderung, von geeignetem Schuhwerk und wetterfester Jacke ganz zu schweigen. Trotzdem verordnete ich mir jetzt gute Laune und noch mehr Unternehmungsgeist, denn das Thema Sommerurlaub hatte ich noch mit keiner Silbe erwähnt.

„Na, hoffentlich klappt das mit der Orientierung an der Ostsee dann besser“, sagte ich in einem ersten Annäherungsversuch. Daggi lief vor mir her und reagierte nicht.

„Wollen wir im Juli nicht einfach losfahren, ohne zu fragen?“, schob ich nach.

„Zu spät.“

„Wieso?“„Ich hab′ schon mit meinem Vater gesprochen.“

Wars das jetze? Ich wartete auf Daggis Bericht. Doch sie schwieg.

„Na und?“, fragte ich ungeduldig.

„Na nichts. Er hat es verboten.“

Was hatte der mir denn zu verbieten? Ich wurde langsam ungehalten. Daggi hatte sich um nichts gekümmert. Ich hatte den Campingplatz ausgesucht, den Termin bestimmt, den Antrag abgeschickt und ein Zelt besorgt. Und jetzt verbot mir ihr Vater, meine Ferien zu verbringen, wie ich es wollte? 

„Und was hast du gesagt?“

„Na nichts. “

„Ach so, weil du so begeistert warst von der Idee. Fast noch mehr als ich.“

„Das hast du falsch verstanden. Ich find′ es viel zu gefährlich. Und wenn du weiter solche kriminellen Pläne machst, soll ich mich nicht mehr mit dir treffen.“

Jetzt war ich auch noch kriminell. Wütend hob ich den Blick von der Straße auf Daggis Hinterkopf. Doch sie marschierte weiter, ohne sich auch nur umzudrehen. Scheinbar waren die Vorstellungen ihres Vaters nahtlos in ihre eigenen übergegangen. Sollte sie doch mit dem Urlaub machen. 

Der Abstieg ins Suhler Stadtzentrum wurde immer beschwerlicher. Inzwischen regnete es und meine Schuhe waren vollkommen durchgeweicht. Die Straßenränder standen im Matsch. Vorbeirasende Autos verspritzten Wasser und Dreck großzügig in unsere Richtung. Am Ortseingang fragten wir nach dem Bahnhof und ernteten ein mitleidiges Lächeln: „Das sinn noch mindstäns fümf Kilomäter!“