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Die Gier hat viele Facetten. Es gibt viele Möglichkeiten und Wege scheinbar legal zu einem Testament zu kommen. Der letzte Wille eines Menschen wird dabei oft manipuliert. Vor allem bzw. gerade dann, wenn Leute vermögend sind. Die Hilflosigkeit alter Menschen wird unverschämt ausgenutzt. Sie werden seelisch unter Druck gesetzt. Wer wissen möchte wie ein alter, dementer Mann in zwölf Jahren drei Millionen Euro an ein paar Pflegerinnen, Anwälte und Notare los wird, soll das in diesem Buch erfahren. Drei Millionen Euro, das sind in zwölf Jahren über 20.000 Euro pro Monat!
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Nach einer wahren Begebenheit.
Fritz und Hermine waren ein kinderloses Ehepaar. Nach außen führten die beiden ein sehr schönes Leben. Doch wie so oft trügt der Schein. Das Leben stellte die beiden immer wieder vor große Herausforderungen.
Fritz und Hermine konnten ihr angehäuftes Vermögen nur schwer loslassen.
Nach dem Ableben von Hermine sorgte Fritz in seinen letzten Lebensjahren für mächtig Aufruhr und löste somit die Sorgen der beiden um deren Besitztümer auf eine ganz besondere Art und Weise.
Vielleicht war es ein Segen für ihn, dass er dement wurde und nicht mehr realisierte, was in seinen letzten Lebensjahren und auch über seinen Tod hinaus passierte.
Das Buch wurde als Roman nach wahren Gegebenheiten verfasst, der auch eine gesellschaftskritische Veranschaulichung über die Gier des Menschen und auch dessen skrupelloses Vorgehen aufzeigen soll.
Es soll zum Nachdenken animieren, wie die Menschen miteinander umgehen und manche Berufsgruppen den Blick auf das Wesentliche – nämlich Harmonie und Menschlichkeit - verloren haben.
Diese Geschichte veranschaulicht, wie verschiedene Berufsgruppen ihre eigene Arbeit bewerten. Als Beispiel möchte ich nennen, dass eine Verkäuferin in einem Monat gleich viel verdient, wie ein Anwalt teilweise in einer Stunde, bei einem Gespräch im Kaffeehaus und es Berufsgruppen gibt, die diese Ungleichheit noch völlig gerechtfertigt finden, weil sie sich für unfehlbar und sehr klug halten.
Die Gesellschaft hat es selbst in der Hand, gewisse Berufe immer wieder zu stärken, wie zum Beispiel durch ständige, unnötige Streitereien.
Da die Autorin auf gesellschaftsrelevante Zeiten und Vorkommnisse hinweisen wollte, spiegelt der Roman verschiedene Geschichten aus diversen Zeitungsberichten und Erzählungen beziehungsweise Erlebnissen von Leuten aus deren eigenen Leben. Die Autorin hat dabei aus verschiedenen Quellen und Zeitungen und vor allem aus einer Lebensgeschichte eines Bekannten der Autorin einen Roman verfasst.
© 2023 Susanne Auster-Gras
Die Autorin befasste sich mit dem Gesundheitsthema Demenz, welche die Menschheit zukünftig sicherlich beschäftigen wird, kombiniert mit einem ebenfalls brisanten und viele betreffenden Thema, nämlich dem Erben.
Susanne Auster-Gras möchte mögliche fatale Folgen darstellen und Leute ermutigen ihr eigenes Denken zu aktivieren. Auch möchte sie aufzeigen, dass man manche Handlungen von Vorgesetzten und Personen des Vertrauens ruhig hinterfragen darf. Sie ermutigt, das eigene Hirn zu aktivieren und nicht blindlings anderen Personen zu vertrauen. Ganz nach dem Motto und ironisch ausgedrückt:
Glaube nie einer Statistik, wenn du sie nicht selbst gefälscht hast.
Vorwort
Schlechtes Karma
Rückblick auf mein Leben
Der Anfang vom Ende
Hermines letzter Geburtstag – sie wurde plötzlich schwer krank
Ab jetzt war alles anders
Jahrestag von Hermine
Der ausgeräumte Tresor
Der aufmerksame Buchhalter
Geld scheint attraktiv zu machen
Es wurde vorübergehend ruhiger
Nun wurde es dem Buchhalter zu bunt
Lange hielt das Testament nicht – wieder ein neues Testament
Wutentbrannt
Ein Sachwalter wurde engagiert
Die Klage gegen Frau Blank
Es scheint vorübergehend ruhiger zu werden
Das Gesundheitsgutachten wurde erstellt
So leicht gab sich Frau Böhm nicht geschlagen - Der Gang zum Gericht
Der Sachwalter passte gut auf
Drei Monate später
Es wurde ein neuer Sachwalter bestellt
Nun wird klar, warum ein neuer Sachwalter gesucht wurde
Das war ein Schlag wie die Faust aufs Auge
Man sagt es kommt nichts Besseres nach
Das Treffen im Supermarkt
Die „neue Sachwalterin“ stellte sich vor
Die selbsternannte Sachwalterin konnte nun tätig werden
Die beiden neuen Pflegerinnen mussten angemeldet werden
Wie schaute es mit meiner Gesundheit aus?
Wie schaute es mit meiner Gesundheit aus?
Die Verwandtschaft musste abgelenkt werden
Die Verwandtschaft musste abgelenkt werden
Testament erstellt – jedoch noch ungültig. Der Gutachter musste her.
Urlaub mit Rollstuhl und Katheter
Die Immobilien wurden verkauft
Mein monatliches Fixeinkommen
Ran an den Verkauf
Ich würde mich nie trauen die Worte Schwarzgeld und Korruption zu nennen
Nun wieder zurück in die Heimat
Was meinte denn der Richter dazu?
Was meinte denn der Richter dazu?
Mietvertrag für die Pflegerin
Nicht nur von Besuchern abgeschirmt, auch von „lästigen“ Anrufern wurde ich ferngehalten
Mit der Polizei bedroht
Auch dem Herrn Pfarrer blieb der Zutritt verwehrt
Die Psyche der Pflegerinnen
Wie viel Geld brauchten die Pflegerinnen
Wieviel Geld brauchte die Sachwalterin? Die hohen Rechnungen wurden mit den vielen Ersparnissen begründet
Was geschah am 31.März?
Alles nur Zufall?
Die Beerdigung
Die Vermögensaufstellung
Wie fungierte der Notar nach dem Ableben von Fritz
Das Telefonat mit dem Notar
Warum wurden die Testamente nicht vorher verschickt?
Das Telefonat mit dem Richter
Die Verlassenschaftsabhandlung - noch eine weitere Ungehörigkeit am Anfang des Verfahrens
Antrag auf Richterwechsel
Was bedeutete der Richterwechsel
Anzeige bei der Staatsanwaltschaft
Die Verlassenschaftsabhandlung - noch eine weitere Ungehörigkeit am Anfang des Verfahrens
Ein paar Wochen später kam die Antwort der Staatsanwaltschaft
Weitere Einstellungsgründe der Staatsanwaltschaft
Der Gang zum Radio- und Fernsehsender
Die Antworten des Rechtsvertreters der Gegenpartei und der Sachwalterin
Auch die Stellungnahme der Sachwalterin war sehr dürftig
Die Dreharbeiten
Der Bericht im Fernsehen schlug Wellen
Die Stellungnahme der Anwaltskammer auf Nachfragen des Radio- und Fernsehsenders
Reaktionen zum Bericht im Fernsehen
Weitere Stellungnahmen aus der Bevölkerung
Die Ausstrahlung hat nicht nur unter der Bevölkerung Unmut ausgelöst
Dem nicht genug – die Gegenseite „schwitzte“ weiter
Da kommt man sich vor wie in einem Film
Nun kam ein Zeitpunkt, an dem sich alle hinterfragten
Nun waren die Gutachter am Werk
Was machte eigentlich der Verlassenschaftskurator?
Nach ungefähr drei Monaten Wartezeit langte das graphologische Gutachten ein
Beschwerde an die Ombudsstelle
Jahresrückblick auf 2015
Im leerstehenden Haus wurde eingebrochen
Der Prozess ging weiter
Die dritte Verhandlung fand im Mai statt
Nächste Verhandlung im Juni und neues Beweismittel gefunden
Die Gegenseite war wieder einmal wutentbrannt
Trotzdem ließ sich der Journalist nicht von einem Bericht abbringen
Neue Schlagzeile im Radio, Fernsehen und Zeitung
Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft aufgrund der Weitergabe des Tonbandprotokolls
Aufgrund der medialen Berichterstattung stellten einige Interessierte verschiedene Kommentare ins Netz
Das Warten auf das Gutachten
Die Verhandlungen gingen weiter
Anwaltswechsel
Die Gegenseite nahm auch noch den letzten Strohhalm wahr
Wie ging es weiter
Der Notar ist der verlängerte Arm des Gerichtes und kann nicht so einfach gewechselt werden
Nächste Episode
Die Verlassenschaftsabhandlung
Der erste Besuch im Haus nach vielen Jahren
Der Nervenkrieg ging weiter – das unendliche Erbdrama
Dieses Vergessen der Fristsetzung des Notars hatte fatale Folgen für die Schwägerin
Recherchen gegen Frau Böhm brachten weiteres Erstaunen
Wochen vergingen
Das Treffen Ende Mai
Schon wieder ging nichts weiter und es entstanden nur weitere Kosten
Sekundenlohn von einem Euro
Das nochmalige Verschicken der Testamente kostete mehr als 100.000 Euro
Warten, Warten, Warten
Ganz zu Ende war es leider immer noch nicht
Kostenexplosion
Und die Negativserie riss nicht ab – das Nachbargrundstück
Leider nur ein Wunschgedanke
Der nächste Schwank ließ nicht lange auf sich warten - das Konto in Spanien
Zurück nach Österreich
Motivationstief – wie ging es weiter?
Intensive Recherchen wurden nun angestellt
Die Recherchen im Gerichtsakt
Das Amtshaftungsverfahren
Stellungnahme der Sachwalterin
Das Schreiben an die Finanzprokuratur
Reaktion der Finanzprokuratur
Die Reaktion der Anwaltskammer
Die Klage wurde nochmals überarbeitet und eingereicht
Die Verhandlung
Weitere Recherchen über die Bank
Betriebskosten wie in einer Wohnanlage
Haushaltsgeld und Bankomat-behebungen ohne Belegnachweise
Weitere Unterlagen an das Gericht
Time to say goodbye
Fazit aus der ganzen Geschichte
Schlusswort
Und die Moral von der Geschichte
Die Gier scheint viele Tücken zu haben. Auch gibt es viele Facetten und Wege scheinbar legal zu einem Testament zu kommen.
Es scheint, der Ideenreichtum in Erbangelegenheiten nimmt kein Ende. Ich bin mir sicher, derartige oder ähnliche und auch noch ganz andere Vorgangsweisen - wie in diesem Buch beschrieben - gibt es öfter als man denkt. Meistens wird aus Mangel an Beweisen beziehungsweise aus Geldgründen auf ein langjähriges Rechtsverfahren verzichtet.
Vorgangsweisen von Pflegepersonal, Sachwaltern, etc. sollten generell genauer hinterfragt werden.
Gerade im heutigen Zeitalter muss dies kritisch betrachtet werden, da die Demenz immer mehr zunimmt und es gibt Prognosen, dass diese bald die Sterbeursache Nummer eins und in einigen Jahren jeder zweite heute Vierzigjährige betroffen sein könnte.
Wie schwammig die Gesetze teilweise formuliert sind und was dadurch alles möglich wäre, wird hier angesprochen. Wie leicht es sein kann, an das Geld eines alten Menschen zu kommen und die Gier der Anwälte und Notare wird hier aufgezeigt.
Gerade ältere Leute sollten sensibilisiert werden, um vor eventuellen bösen Überraschungen verschont zu bleiben. Vielleicht beschreibt das Buch aber einfach nur eine unglaubliche Geschichte.
Der letzte Wille eines Menschen wird sehr oft manipuliert – vor allem bzw. gerade dann, wenn Leute vermögend sind. Wo viel Geld ist, entwickelt sich oft kriminelle Energie. Es wird die Hilflosigkeit von älteren Leuten unverschämt ausgenutzt und teilweise werden diese regelrecht unter Druck gesetzt.
Familie Amselgruber ist nicht blutsverwandt mit dem Verstorbenen, um den es in diesem Buch geht. Sie ist die Verwandtschaft der acht Jahre zuvor verstorbenen Gattin des Betroffenen. Diese bemerkten leider erst nach dem Tod des Dementen, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, und wagten den Schritt vor das Gericht.
Diese Geschichte soll Menschen ermutigen, ähnliche Fälle zu melden bzw. schon im Vorfeld warnen, um dadurch Schlimmeres zu verhindern. Ganz nach dem Motto: „Wer mehr weiß, kann bewusster leben und auch mehr genießen.“
In diesem Buch werden tatsächliche Erlebnisse beschrieben und auch Hypothesen, welche auf Annahmen beruhen, aufgestellt. Es wird aus der Sichtweise und aus dem Augenwinkel des Verstorbenen gesprochen. Wie könnte der demente Verstorbene seine Geschichte sehen, wenn er nicht dement gewesen wäre oder wenn er seine letzten Lebensjahre von oben, dem sogenannten Himmel, betrachten müsste – wie würde er dabei empfinden. Auch persönliche Meinungen finden ihren Platz.
Diese Geschichte soll bewusst machen, dass es Menschen gibt, die weder Moral noch Ethik besitzen. Das weiß eigentlich schon jeder, aber hier wird auf eine spezielle Thematik eingegangen, teilweise sicherlich auch subjektiv dargelegt.
Die Namen der Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Bei den Hypothesen handelt es sich lediglich um Vermutungen, wie es sein könnte. Sollte sich jemand betroffen und angesprochen fühlen, ersucht die Autorin um Entschuldigung. Sollten sich Personen persönlich angesprochen fühlen, kann die Autorin keine Verantwortung dafür übernehmen. Dieses Buch ist aus Erzählungen von verschiedenen Menschen aufgebaut. Die Ereignisse sind realistisch nachvollziehbar, weshalb manchem Leser die Geschichte bekannt vorkommen könnte.
Unsere heutige hektische und kurzlebige Zeit ist gezeichnet von Stress, Burnout, Depressionen und vielen anderen Zivilisationskrankheiten. Statt einen Schritt zurückzugehen und sich zu besinnen, werden wir immer mehr von Neid, Gier und Materialismus getrieben. Als wäre nicht weniger mehr, sondern mehr und mehr soll es werden.
Dieser Eindruck wird in dieser Geschichte erkennbar dargestellt. Für manche Leser mag dieses Buch wohl übertrieben sein – kann sein, aber vielleicht auch nicht. Diese Entscheidung darf jeder für sich selbst treffen.
In dieser Geschichte hat sich jeder Einzelne bereichert - und zwar massiv. Irgendwie war diese Bereicherung wie ein ungeschriebenes Gesetz. Ein Dementer wird sprichwörtlich ausgenommen, teilweise sogar stark unter Druck gesetzt und erpresst. Es werden völlig überhöhte Rechnungen und Honorarnoten gestellt, auch Bankbehebungen in überdurchschnittlicher und nicht nachvollziehbarer Höhe getätigt.
Es wird beschrieben wie ein vermögender und dementer Mann nach dem Tod seiner Gattin seinen Lebensabend verbringt und sein großes Vermögen durch die Gier anderer Menschen zusehends täglich weniger wird, ohne dass der Demente es überhaupt merkt.
Wer wissen möchte wie ein alter, dementer Mann in zwölf Jahren ca. drei Millionen Euro an ein paar Pflegerinnen, Anwälte und Notare loswird, wird dies auf den nächsten Seiten erfahren.
Drei Millionen Euro entsprechen über 20.000 Euro monatlich und dies durchgehend über eine Dauer von sage und schreibe zwölf Jahren …
Ich heiße Fritz und bin schon seit ein paar Jahren tot. Der Tag, an dem ich starb, war eine Erlösung für mich. Ich war alt, krank, blind und dement.
Meine Hinterlassenschaft lässt mich jedoch nicht zur Ruhe kommen, da ich zuerst noch mein schlechtes Karma auflösen muss.
Meine letzten acht Lebensjahre, genauer gesagt die Jahre, nach dem Tod meiner Gattin Hermine, muss ich nochmals aus einer anderen Perspektive Revue passieren lassen, um zu sehen was ich für ein Chaos auf dieser Welt hinterlassen habe. Diese Spuren, die ich auf dieser letzten Reise hinterließ, hatten schwerwiegende Folgen.
Ich war mittelgroß, schlank und zeitlebens hatte ich einen Seitenscheitel. Man könnte behaupten, dass ich in jungen Jahren gar nicht so unattraktiv war. Ein bisschen eitel war ich mein Leben lang, hatte auch immer einen Kamm in der Hosentasche und vor jedem Spiegel, an dem ich vorbeiging, blieb ich stehen, um meine Frisur frisch zu kämmen.
Wenn ich mich selbst beschreiben müsste, würde ich sagen ich war stets ein sehr freundlicher, redseliger und charmanter Mensch. Ich stand gerne im Mittelpunkt und liebte es, viele Menschen um mich zu haben. Mein Leben war arbeitsintensiv und obwohl ich sehr wohlhabend war, hatte ich immer das Gefühl zu wenig zu haben. Ich war teilweise schon fast übertrieben sparsam, das war schon beinahe wie ein Tick von mir. Doch trotz meiner Sparsamkeit zeigte ich immer wieder gerne, dass ich wohlhabend war. Ich machte oft großzügige Spenden und hatte auch sehr viele Patenkinder. Ich habe es geliebt Leute zu mir nach Hause einzuladen und feierte auch gerne große Feste in Gasthäusern, in welche ich hunderte Bekannte einlud und alles bezahlte. Ich tanzte für mein Leben gern und machte auch regelmäßig Komplimente an Frauen. Auch im Alter von über 70 Jahren schwang ich noch das Tanzbein und ließ bei Feierlichkeiten kaum einen Tanz aus.
Wenn ich ganz ehrlich bin, war ich ein kleiner Schauspieler und vielleicht sogar ein kleines Schlitzohr oder freundlicher ausgedrückt: ein Lausbube. Meistens war ich überfreundlich zu meinem Umfeld, obwohl ich mir innerlich ganz etwas anderes dachte. Manchmal habe ich es mit der Freundlichkeit auch übertrieben und war zuckersüß, obwohl ich es nicht so empfunden habe. Mein engstes Umfeld und auch meine Frau Hermine verdrehten oft ihre Augen, wenn ich so überschwänglich freundlich war. Sie kannten mich, doch bei jenen Leuten, die mich nicht so gut kannten, kam ich mit dieser Art recht gut an.
Schon in meiner Jugendzeit war ich ein begehrter Mann. Ich war nicht nur gutaussehend, sondern auch noch ein wohlhabender Geschäftsmann und galt als einer der reichsten Junggesellen im Dorf. Meine Eltern hatten einen Bauernhof, eine gutgehende Metzgerei, ein Gasthaus und auch sehr viel Grundbesitz.
Ich wurde sehr streng erzogen und hatte keine schöne Kindheit. Außerdem erlebte ich den zweiten Weltkrieg als Jugendlicher mit. Wie für fast alle, die in dieser Zeit aufwuchsen, war die Kindheit vorwiegend von Arbeit auf dem Feld geprägt. Die Schule war damals Nebensache. Ich musste regelmäßig direkt von der Schule in den Stall. Manchmal war die Stallarbeit wichtiger und ich ging gar nicht zur Schule, besser gesagt: ich durfte nicht zur Schule gehen. Ich hätte so gerne gelernt, aber die Arbeit zu Hause war wichtiger.
Ich blicke mit Wehmut zurück – ich hätte mich so gerne weitergebildet, gelernt und studiert. Dies blieb mir jedoch verwehrt.
Als ich volljährig war, übernahm ich von meinem Vater die Metzgerei. Ich hätte zwar lieber das Gasthaus gehabt, da ich mich eher als Gastwirt sah, doch diese Rolle wurde meiner Schwester zugeschrieben. Ich war doch so ein Charmeur und hatte mich immer gerne mit Menschen unterhalten und Witze erzählt.
Ich war wütend auf meinen Vater. Warum bekam meine Schwester das Gasthaus, obwohl ich doch der viel bessere Gastwirt gewesen wäre? Ich war immer ein aufgeschlossener und redseliger Mensch und hätte gerne Gäste bewirtet.
Auch mein Bruder wurde mir bevorzugt – so empfand ich es zumindest.
Mein Bruder übernahm die Landwirtschaft. Wie es früher halt so war, bekam derjenige, der die Landwirtschaft übernahm, alle Grundstücke. Daher bekam mein Bruder sämtlichen Bodenbesitz und ich musste mich lediglich mit einem Grundstück neben dem elterlichen Gasthaus bzw. neben der Metzgerei begnügen. Ich ärgerte mich darüber ein Leben lang. Ich empfand dies als riesengroße Ungerechtigkeit. Obwohl ich es nicht wollte, aber innerlich schwor ich schon in jungen Jahren Rache.
Es mag vielleicht für meine Eltern normal gewesen sein, so zu handeln, aber ich fühlte mich von meiner Familie betrogen, hintergangen und enterbt.
Im Nachhinein glaube ich, dass dies der Grundstein war, für dieses Chaos, das ich auf dieser Welt hinterlassen habe.
Ich machte auch kein Geheimnis daraus, dass meine Verwandtschaft von mir nie etwas erben würde.
„Die haben genug bekommen, die bekommen von mir nichts mehr.“ Diesen Satz habe ich nicht nur einmal, sondern regelmäßig gesagt.
Ich erzählte diese Geschichte immer wieder und sparte auch nicht mit Beschimpfungen gegenüber meiner Familie, bis es in die Tiefen meines Unterbewusstseins eingebrannt war.
Als junger Mann ließ ich mir jedoch von diesem familiären Rückschlag nichts anhaben. Ich war voller Energie und Ideenreichtum. Ich war geschäftstüchtig und wollte gleich auf dem Grundstück neben der bestehenden Metzgerei, die nun in meinem Besitztum war, eine neue und größere Metzgerei bauen.
Ich ging zu meinem Vater und bat ihn um einen Kredit. Ich wusste, dass er viel Geld durch die gut laufende Metzgerei und das Gasthaus angespart hatte.
Doch der Vater gab mir keinen Schilling.
Obwohl ich wieder einmal wütend auf ihn war, ließ ich mich von meiner Idee nicht abbringen und ging zur Bank. In dem kleinen Dorf, in dem ich aufwuchs, war ich kein Unbekannter und dadurch war es auch kein Problem einen Kredit zu bekommen. Dann ging es an das Projekt: neue Metzgerei.
Ich errichtete eine große und moderne Metzgerei mit einem Wohnhaus im gleichen Gebäude. Ich arbeitete Tag und Nacht, um den neuen Betrieb aufzubauen.
Bei der Arbeit bzw. schon in der Fleischhauerei meines Vaters lernte ich auch meine Liebe und spätere Ehefrau Hermine kennen. Hermine machte die kaufmännische Lehre in unserem Betrieb. Sie kam aus einer gutbürgerlichen Familie.
Ich war aufgrund meines Geldes und dem Bekanntheitsgrad im Dorf bei vielen Frauen begehrt. Doch das interessierte mich nicht. Mich interessierte nur Hermine.
Also machte ich Hermine den Hof, obwohl ich eigentlich bei ihrer Familie nicht gerne gesehen wurde. Hermines Eltern konnten mit mir nichts anfangen. Ich war ihnen unsympathisch, schon allein deshalb, weil ich ihrer Meinung nach zu wohlhabend für ihre Tochter war. Sie waren schlicht und einfach nicht erfreut über unsere Beziehung.
Gott sei Dank ließ sich Hermine von ihren Eltern nicht beirren und wir heirateten ein paar Jahre später.
„Bitte komme nie zu uns jammern, wir haben dich gewarnt“, so die Worte von Hermines Mutter.
Das tat Hermine dann auch nie, obwohl sie allen Grund gehabt hätte – schon allein ihr Stolz ließ es aber nicht zu.
Wir arbeiteten viele Jahre sehr hart in unserer gut laufenden und neu gebauten Metzgerei. Doch so sollte es nicht bleiben - eines Tages erlitt ich einen Herzinfarkt und es wurde mir nahegelegt kürzer zu treten und vor allem nicht in diesem für mich ungesunden Job weiter tätig zu sein. Ungesund deshalb, weil ich als Metzger sehr viel in kühlen Räumen arbeiten musste, was für meine Gesundheit sehr belastend war.
Ich überlegte kurz wie das Leben nun weitergehen sollte. Frühpension oder einfach nichts mehr tun?
Nein, auf keinen Fall.
Dafür wäre ich zu jung gewesen – ich war gerade mal Mitte vierzig.
Innovativ und geschäftstüchtig wie immer, verpachtete ich meinen Metzgerbetrieb samt dem dazugehörenden Haus auf Leibrente. Da konnte ich mir sicher sein, monatlich einen schönen Fixbetrag zu erhalten und allein schon davon hätte leben können, falls es mit einem anderen Job nicht funktionieren würde.
Wir kauften uns ein anderes schönes Haus auf einer Anhöhe in bester Lage im Nachbardorf.
Ich wollte nach wie vor etwas mit Menschen zu tun haben. So beschloss ich in die Verkaufsbranche zu gehen.
Zuerst verkaufte ich Mauern.
Wunderschöne Elemente, die man als Heimwerker selbst zusammenbauen konnte. Daneben handelte ich noch mit Umweltprodukten und Wellnessgeräten.
Ich stellte fest, ich war eigentlich der geborene Verkäufer. Ich konnte es gut mit den Leuten, war stets freundlich und außergewöhnlich höflich und schmeichelhaft. Als Verkäufer konnte ich gut meinen Charme spielen lassen und die Menschen kauften gerne bei mir.
Ich fasste in der neuen Branche schnell Fuß und war durch meine Tüchtigkeit auch in diesem Job sehr erfolgreich. Natürlich war Hermine maßgeblich am Erfolg beteiligt. Hermine hatte einen Charme, den die Leute mochten. Man könnte durchaus sagen, dass Hermines Charme ehrlicher war, das muss ich zugeben. Sie war nicht nur eine hübsche, sondern auch eine großartige und charismatische Persönlichkeit. Sie unterstützte mich nicht nur beim Aufbau der neuen Firma, sondern erwies sich ebenfalls als erfolgreiche Geschäftsfrau. Hermine war, im Gegensatz zu mir, stets überall beliebt. Ich hingegen eckte schon an einigen Stellen an, das kann ich jetzt ja zugeben. Ich wollte dies zu Lebzeiten nur nicht wahrhaben. Ich war sicher nicht immer ehrlich meinen Mitmenschen gegenüber und suchte öfter meinen Vorteil auf Kosten der anderen. Einmal kaufte ich von einem Bauern ein landwirtschaftliches Grundstück, im Wissen, dass dieses bald zu Bauland umgewidmet werden würde. So hatte dieses Grundstück eine enorme Wertsteigerung innerhalb kürzester Zeit.
Anscheinend bekam man bei mir das Gefühl, dass ich teilweise ein durchtriebener Geschäftsmann war. Mir kam zu Ohren, dass mich viele hinter meinem Rücken als Kommissar Columbo bezeichneten. Man sagte mir nach, dass ich so tat, als ob ich nichts checke, aber wenn es um Geld ging, war ich doch sehr schlau. Ich gebe zu, dass ich mich öfter ein bisschen blöd oder vielleicht auch ein klein wenig kindisch verhielt. Sprüche wie: „Mei haben wir es schön und lustig und gar nicht teuer.“ Dieser Spruch kam immer wieder, wenn wir zu Feierlichkeiten eingeladen waren. Mein Umfeld konnte diesen Satz glaube ich gar nicht mehr hören.
Immer und immer wieder die gleichen witzigen Sprüche.
Mir fiel eben nichts Besseres ein.
Unsere Ehe blieb leider kinderlos, obwohl wir uns Kinder sehr gewünscht haben. Wer sollte unser erschaffenes Hab und Gut einmal bekommen?
Diese Frage beschäftigte uns immer wieder. Es hielt uns jedoch von unserer Geschäftstüchtigkeit nicht ab. Wir waren sehr kontaktfreudig und hatten viele Bekannte. Hermine hatte, genau wie ich, immer gerne Menschen um sich und wollte auch in unserem großen Haus nicht allein sein. So gestaltete sie das Haus zu einer Frühstückspension um.
Es gastierten sehr viele prominente Gäste, ja sogar bekannte Filmschauspieler übernachteten bei uns. Viele Gäste wurden zu Stammgästen und manche sogar zu guten Freunden der Familie.
Hermine war sieben Jahre jünger als ich und sie glaubte zeitlebens, dass sie nicht nur viel gesünder als ich wäre, sondern sie war überzeugt, ich würde vor ihr sterben und deshalb wäre sie eines Tages ganz allein. Sie hatte stets Angst vor dem Alleinsein und pflegte dadurch den Kontakt zu ihrer Schwester Rita und deren Töchter Sandy und Tina, in der Hoffnung, diese kümmerten sich im Alter um sie.
Die Jahre vergingen.
Wir lebten nach außen ein schönes Leben. Wir kauften mehrere Ferienwohnungen im Süden, unternahmen viele Reisen und es schien, als ob wir ein glückliches Vorzeigepaar waren und unser Leben genossen. Hermine zeigte sich immer fröhlich und glücklich. Ich gebe zu, dieser Schein trog. Im innersten Herzen waren wir beide unglücklich. Ich hatte immer noch an meiner harten Kindheit zu nagen und war auch nicht immer nett zu meiner Frau. Hermine war unglücklich keine Kinder zu haben und hatte auch Probleme mit meiner Wesensart. Doch sie hatte niemanden, zu dem sie wirklich gehen konnte, um ihr Herz auszuschütten.
Hermines Mutter warnte sie ja vor mir und sagte ihr auch, sie müsste nicht jammern kommen …
Viele Jahre später, genauer gesagt ungefähr im Alter von 70 Jahren, wurde ich plötzlich für Außenstehende immer komischer. Ich benahm mich immer seltsamer.
Irgendwie dachte jeder: Naja das ist halt das Alter, man wird ja nicht jünger und halblustige Witze hat er ja schon immer gemacht und ein komischer Vogel war er ja auch schon immer, hieß es.
Meinen Humor musste man kennen und auch meine Art mochte ja nicht jeder, aber diese abrupte Veränderung konnte niemand so richtig deuten. Man merkte nur an Hermines Gesten, dass sie richtig Mühe mit meinem Getue hatte.
Immer wieder dieselben Sprüche, immer wieder wollte ich lustig sein und immer wieder erzählte ich meine Lebensgeschichte, vor allem wieviel und wie hart ich mein Leben lang gearbeitet hatte. Gerne erzählte ich auch von meinen hohen Rechnungen, die ich bezahlen musste. Die Einnahmen verschwieg ich erfolgreich.
Immer weniger Leute verstanden meine Witze, schon gar nicht Hermine. Sie wurde regelrecht wütend auf mich. Verständlich, wenn man jeden Tag die gleichen Witze hört, dann sind sie mit der Zeit sehr nervig.
Immer, wenn ich jemanden traf, der mich noch nie zuvor gesehen hatte, war Hermine froh und sagte:
„Gott sei Dank hast du wieder jemanden getroffen, der deine Geschichten noch nicht kennt und dir zuhört.“
Hermine feierte in großer Gesellschaft mit über 100 Personen ihren siebzigsten Geburtstag. Sie schien noch pumperlgesund und rüstig zu sein.
Doch einige Monate später ging sie, aufgrund immer wieder auftretender starker Rückenschmerzen, zum Arzt. Ihre Rückenschmerzen entpuppten sich leider als Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Ihr gesamtes Umfeld war schockiert über diese Diagnose.
„Was bedeutet diese Krankheit für uns? Bin ich überhaupt in der Lage allein ohne Hermine zu leben?“, fragte ich mich.
Hermine übernahm die letzten Jahre sehr viele Tätigkeiten für mich, um mich zu entlasten.
Alle wunderten sich zuvor, dass Hermine noch viel mehr Verantwortung und Tätigkeiten von mir übernahm. Niemand wusste zuerst warum, aber plötzlich wurde das Rätsel gelöst.
Ich war zum Zeitpunkt ihrer Krebsdiagnose schon zwei Jahre in neurologischer Behandlung.
Es wurde bei mir eine Demenz diagnostiziert.
Ich spürte dies schon Jahre zuvor, konnte es aber durch meine ständig wiederholenden Sprüche erfolgreich vertuschen. Auch meine Lebensgeschichte, die schon alle nervte, wiederholte ich dauernd, sodass mein nahes Umfeld immer froh war, wenn sich Außenstehende zu mir gesellten, die meine Geschichte noch nicht kannten. Ich konnte stundenlang über mein Leben berichten und erzählen, was ich Großartiges erfunden habe, obwohl ich mich manchmal sogar mit fremden Federn schmückte.
Hermine war nach ihrer Krebsdiagnose am Boden zerstört und sagte zu mir: „Wie soll das mit uns wohl weitergehen? Wer steht uns jetzt in dieser harten Zeit bei? Kannst du für dich allein sorgen, Fritz?“
Ich erwiderte: „Aber natürlich kann ich das. Deine Freundin, Eni, wird mich unterstützen und helfen, bis du wieder gesund bist.“
Dem war auch so.
Eni - eine gute Freundin - war für mich, während Hermine im Spital war, eine große Hilfe.
Ich durfte aufgrund eines Autounfalles seit ungefähr einem Jahr nicht mehr Auto fahren. Mir wurde der Führerschein genommen, da meine Sehkraft so schlecht war, dass ich im Straßenverkehr eine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellte. Widerwillig musste ich den Führerschein abgeben. Das war für mich wie eine Entmündigung und ein erneuter Rückschlag in meinem Leben.
Hermine musste ins Krankenhaus und unterzog sich einer Chemotherapie. Ich konnte sie nicht einmal mehr mit dem Auto besuchen und war immer auf fremde Hilfe angewiesen. Meine Schwägerin Rita, und auch Hermines langjährige Freundin Eni, schauten dazu, dass ich immer eine Mitfahrgelegenheit ins Krankenhaus hatte. Das war eine schwere Zeit für mich, in der ich zugeben musste, allein nicht mehr zurechtzukommen.
Nach zwei Wochen durfte Hermine das Krankenhaus wieder verlassen, doch ihre Schmerzen wurden immer schlimmer. Sie wollte mit diesen Schmerzen nicht zu Hause bleiben. Hermines Schwester Rita veranlasste, dass sie zur Schmerzlinderung in eine Palliativstation kam. Weihnachten musste sie leider im Krankenhaus verbringen, war aber guter Hoffnung, dass sie im neuen Jahr wieder nach Hause konnte und alles wieder gut werden würde.
Sie erwähnte Rita gegenüber immer wieder: „Ich muss noch einiges regeln und sei mir bitte behilflich.“ Was wollte sie noch regeln?
Das machte mich neugierig.
Doch mir gegenüber schwieg sie. Sie wollte mir nichts anvertrauen. So von oben, aus dieser anderen Perspektive betrachtet, verstehe ich jetzt auch warum sie kein Vertrauen zu mir hatte.
Hermine musste ihren 71. Geburtstag, den sie kurz nach Neujahr hatte, im Krankenhaus verbringen. Sie war dennoch immer voller Hoffnung und sprach über eine Pflegehilfe, wenn sie dann nach Hause kommen würde. Doch einen Tag nach ihrem Geburtstag war sie plötzlich nicht mehr ansprechbar und konnte auch selbst kein Wort mehr von sich geben.
Sie verstarb drei Tage nach ihrem 71. Geburtstag, genau am Dreikönigstag.
Von der Krebsdiagnose bis zu ihrem Tod vergingen lediglich drei Monate. Dies war ein Schock für mich.
Wie konnte das so schnell gehen?
Sie wollte mit ihrer Schwester doch noch einiges regeln. Dazu kam es nicht mehr.
Was wollte sie eigentlich noch regeln?
Ich war zu diesem Zeitpunkt 78 Jahre alt. Noch vor fünfzig Jahren hätte man gesagt, ich wäre schon sehr alt, doch heutzutage ist die Lebenserwartung um einiges höher und man kann in diesem Alter noch recht fit sein. Dies war bei mir leider nicht mehr der Fall.
Ab dem Zeitpunkt von Hermines Tod wurde alles anders.
Es war nichts mehr, wie es war.
Kein Stein blieb auf dem anderen.
Die Verwandten und Bekannten waren wie vor den Kopf gestoßen. Genauer gesagt, bemerkte das nahe Umfeld erst zu diesem Zeitpunkt, dass da einiges mit mir aus dem Ruder gelaufen ist.
In der Nacht, als Hermine verstarb, blieb ich bei ihr im Spital. Sie konnte nicht mehr sprechen und mitteilen, was sie wirklich wollte.
Rita dachte, dass es ihr sicher recht war, wenn ich über Nacht bei ihr blieb.
Doch als ich Hermine mitteilte: „Ich bleibe im Spital bei dir“, wurde sie ganz unruhig. Wollte sie in ihrer letzten Nacht lieber jemand anderen, als mich, bei sich haben?
War ich mit meinem kindlichen Benehmen eine Belastung für sie in dieser Nacht? Oder spürte Hermine, dass es ihre letzten Stunden auf dieser Welt waren und wollte einfach nur allein sein?
In dieser Nacht also verstarb Hermine.
Ihre Schwester und ihr Bruder mit Familien eilten in den frühen Morgenstunden in das Spital. Sie bemerkten nun leibhaft - viel intensiver als sonst - dass mit mir nicht mehr alles so ganz in Ordnung war. Ich war im Krankenzimmer und anstatt zu trauern, durchwühlte ich immer wieder sämtliche Kästen im Spitalszimmer.
Mein Verhalten kam einem Kleinkind nahe.
Dieses Verhalten konnte nicht meiner Trauer zugeordnet werden. Was suchte ich denn in diesen Kästen?
Ich war auf der Suche nach Geld und Sparbüchern.
Ich wusste, dass Hermine irgendwo noch Geld hatte, welches sie mir verheimlichte. Sie wird es doch wohl nicht mit ins Spital genommen haben?
Wie kam ich denn auf so eine blödsinnige Idee?
Wie schon erwähnt, bemerkten viele schon Monate zuvor, dass mit mir etwas nicht mehr ganz stimmte, doch traute sich keiner etwas zu sagen und jeder dachte sich nur seinen Teil. Nicht einmal Hermine redete darüber, also blieb es ein Tabuthema.
Ich selbst bemerkte das schon Jahre zuvor, konnte es aber noch gut kaschieren. Außerdem wurde auch mein Augenlicht immer schlechter. Ich litt an einer erblichen Augenkrankheit, welche bis zur Blindheit führt. An einem Auge war ich zum Todeszeitpunkt von Hermine schon blind. Am anderen Auge war meine Sehfähigkeit auch schon sehr eingeschränkt, deshalb verursachte ich zirka eineinhalb Jahre vor Hermines Tod einen Autounfall. Bei diesem Unfall mähte ich regelrecht einen Zaun auf meiner Straßenseite nieder und rammte dann auf der anderen Straßenseite noch ein entgegenkommendes Fahrzeug. Die Polizei bemerkte, dass mit mir nicht mehr alles so war, wie es sein sollte. Deshalb kontrollierten sie mich genauer und stellten fest, dass ich eigentlich blind durch die Gegend fuhr. Da war der Führerschein dann weg. Ich wollte nicht wahrhaben, dass man mir den Führerschein entzog und suchte einen Sündenbock. Ich gab meinem Schwager, der als KFZ-Sachverständiger ein Gutachten über mein verunfalltes Auto erstellen musste, die Schuld. Ich behauptete, er habe der Polizei gesagt, dass man mir den Führerschein nehmen sollte. Dies stimmte in keiner Weise, aber wie es halt so ist, ist es einfacher, die Schuld bei jemand anderem zu suchen.
Wieder zurück ins Spital.
Nachdem die Angehörigen merkten, dass mit meiner Hilfe für die Beerdigung nicht zu rechnen war, nahmen sie das in die Hand und organisierten mit Hilfe der Freundin von Hermine die Beerdigung. Ich entpuppte mich als ein ziemlich hilfloser Mann. Das ist zu Lebzeiten von Hermine nie so gravierend aufgefallen, da sie ja alles für mich erledigte und dadurch bemerkte niemand richtig, wie hilflos und pflegebedürftig ich tatsächlich war. Ich war bei der Organisation der Beerdigung in keiner Weise behilflich, im Gegenteil, man musste auf mich sogar noch aufpassen. Dies war mir aber keinesfalls bewusst.
Mein Umfeld nahm zwar vor dem Tod von Hermine zunehmend wahr, dass das Verhalten von mir immer kindlicher wurde, gaben diesem aber wenig Beachtung. Aus Erzählungen von Hermine wussten viele, dass meine Orientierungsfähigkeit mehr und mehr verloren ging.
Einmal, im Urlaub, fand ich nicht mehr allein ins Appartement zurück, obwohl wir schon jahrelang, genau genommen jahrzehntelang, immer wieder am gleichen Ort, sprich in unserem eigenen Domizil in Spanien Urlaub machten. Ab diesem Zeitpunkt trug ich einen Adressanhänger um den Hals, wie man es von kleinen Kindern im Urlaub kennt. Auf die Idee, dass ich dement sein könnte, kamen die Leute nicht bzw. taten zumindest so, als wüssten sie von nichts. Wie sollte die Umgebung auch auf diese Idee kommen, wenn nicht darüber gesprochen wurde.
Ich wurde einfach als alter, hilfloser und zunehmend seniler werdender Mensch angesehen.
Ab dem Zeitpunkt, an dem Hermine nicht mehr da war, benötigte ich Hilfe und Unterstützung von den anderen, die ich natürlich als wohlhabender und bekannter Geschäftsmann von vielen Seiten bekam. Eni, die in der Nachbarschaft wohnte, die sich schon während der Zeit als Hermine todkrank war um mich gekümmert hatte, schaute auch nach dem Tod auf mich. Sie erledigte mir die Hausarbeit, machte diverse Botengänge und kochte auch für mich. Ich war froh, dass sie das für mich erledigte und für mich da war.
Doch nur wenige Wochen nach Hermines Tod tauchte da eine andere Frau auf.
Diese Frau kannte ich eigentlich schon länger.
Sie war die Mieterin meiner Wohnung im Nachbarort.
Wir legten uns vor vielen Jahren eine Wohnung in der Nähe unseres Wohnhauses zu. Wir wollten dort einmal unseren Lebensabend verbringen und dachten, wenn wir einmal nicht mehr gut zu Fuß sein werden und das Haus für uns zu groß wäre, dann ziehen wir in diese Wohnung, die auch sehr zentral gelegen ist.
Wir stellten uns vor, dass dann alles viel leichter zu handhaben wäre und wir auch kein Auto mehr benötigen würden. Doch bis es so weit sein sollte, vermieteten wir die Wohnung.
Die letzte Mieterin war Frau Blank.
Sie wohnte schon ein paar Jahre in dieser Wohnung, schon zu Zeiten als Hermine noch gesund war.
Hermine mochte diese Frau nicht, nannte aber keinen genauen Grund dafür. Ich dachte nicht, dass sie je bemerkt hatte, dass ich Frau Blank sehr zugeneigt war. Ich fand Frau Blank richtig sympathisch und war fast ein bisschen verliebt in sie. Hermine akzeptierte die Mieterin, die ich ausgesucht hatte und äußerte sich nur gegenüber bestimmten Bekannten und auch gegenüber ihren Nichten Sandy und Tina, und ihrer Schwester Rita, dass sie diese Dame nicht mochte, aber ich diese Mieterin nun einmal ausgesucht hatte.
Nach dem Tod von Hermine wurde auch den Verwandten plötzlich klar, warum sie diese Frau nicht mochte. Es stellte sich später auch noch einiges über das Vorleben von Frau Blank heraus. Nicht nur, dass ich ihr sehr zugetan war, sondern auch noch andere Dinge.
Hermine hinterließ nämlich im Tresor ihrer Schwester Rita einen Brief.
Diesen Brief öffnete Rita erst nach dem Tod von Hermine. Schriftlich offenbarte sie unter anderem, dass diese Frau Blank mir sehr sympathisch war, mehr als man zu glauben wagte.
Ach, wie peinlich für mich.
Naja, da muss ich wohl darüberstehen. Ich wollte mich immer als ein sehr frommer, streng gläubiger, vorbildhafter und treuer Ehemann darstellen. Ich besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst und betete täglich. Ich wollte nach außen ein vorbildlicher Bürger sein. Auch meine Spendierfreudigkeit war sehr groß.
Mein Motto war: Tue Gutes und sprich darüber.
Das war halt meine Art Aufmerksamkeit zu erlangen.
Ein paar wenige Menschen durchschauten mich schon zu Lebzeiten. Der Großteil glaubte jedoch, dass ich ein nobler und anständiger Geschäftsmann war.
Ich wollte allen in meiner Umgebung klarmachen, dass diese Mieterin seit dem Tod von Hermine meine Sekretärin und mir bei diversen Angelegenheiten behilflich war. Diese Geschichte glaubten mir allerdings nur wenige.
Irgendwie merkten alle, dass diese Dame mich nur ausnutzte, nur ich merkte das nicht.
Ich dachte diese Frau mag mich und stattete ihr auch hin und wieder einen Besuch in der Wohnung ab. Des Öfteren ließ sie mich gar nicht rein.
