Den Himmel berühren - Barbara Bosshard - E-Book

Den Himmel berühren E-Book

Barbara Bosshard

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Beschreibung

Was passiert, wenn die geliebte Partnerin mit einer Brustkrebsdiagnose nach Hause kommt? Wie geht das Leben weiter, wenn die Krankheit viel Raum und Platz fordert? Wie lässt sich der Tod aushalten, wenn die geliebte Frau nach vierundzwanzig gemeinsamen Jahren stirbt? Wie lässt sich Abschied nehmen? Wie wichtig ist es zu trauern? Wie können Endlichkeit und Tod akzeptiert werden? Wie fühlt es sich an, langsam wieder ins Leben zurückzufinden? Barbara Bosshard erzählt, ohne zu beschönigen, von einem langen gemeinsamen Weg, der von Liebe, Glück und Hoffnung, aber auch von Leid, und Trauer geprägt war. Und schließlich erzählt die Autorin davon, wie eine neue Liebe sie wieder glücklich werden ließ, ohne dass Judith, die Verstorbene, dabei in Vergessenheit gerät. Das Buch "Den Himmel berühren" ist eine hoffnungsvolle Geschichte, die berührend aufzeigt, wie man an schwierigen Situationen wachsen kann, und in welcher weder der Tod noch die lesbische Liebe der Autorin ein Tabu sind.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Den Himmel berühren

Barbara Bosshard

Den Himmelberühren

Meine Geschichte von Trauerund erneutem Glück

Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2010 Wörterseh Verlag, Gockhausen

Lektorat: Andrea Leuthold, ZürichKorrektorat: Claudia Bislin, ZürichUmschlaggestaltung: Thomas Jarzina, KölnFoto Buchcover: Marcel Studer, ZürichLayout, Satz und herstellerische Betreuung: Rolf Schöner, Buchherstellung, AarauDruck und Bindung: CPI books, Ulm

ISBN Print 978-3-03763-012-9 ISBN E-Book: 978-3-03763-505-6

www.woerterseh.ch

Inhalt

Vorwort

Prolog

Von nun an ist nichts mehr wie vorher

Dem Leben neu vertrauen

Zwischen Hoffen und Bangen

Tägliches Abschiednehmen und Loslassen

Zurück im Leben

Epilog

Dank

Quellen

Vorwort

»Wenn wir auf den höchsten Berg hinaufgehen, kann ich dann den Himmel berühren?«, fragt mich das Kind und will auf mein Nein wissen: »Geht das denn gar nie?« »Doch«, verspreche ich ihm, »es wird einmal möglich sein, aber erst in vielen, vielen Jahren.« »Erst wenn ich ein Engel bin?« Die Kleine zeichnet eine Wiese und setzt über alles einen tiefen blauen Strich. »So, jetzt habe ich den Himmel zu mir geholt, jetzt kann ich ihn anfassen und muss nicht so lange warten…«

Fast wünscht man sich die pragmatische Kinderseele, wenn man das Buch von Barbara Bosshard liest.

Bücher über Schicksale von Krebskranken gibt es inzwischen unzählige, und zu Herzen gehen sie alle. Doch dass eine Lebenspartnerin, die allernächste Angehörige, ihre Geschichte von Trauer und erneutem Glück schreibt, ist ungewöhnlich. Aber alles an diesem Buch ist außergewöhnlich: die Intensität von der ersten bis zur letzten Seite, die totale Absenz von Sentimentalität, die ungeheure Sensibilität einer Frau, die zu großen Gefühlen und knappen, klaren Gedanken fähig ist. Es ist das bewegendste Buch, das ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe.

Fünftausend Mal pro Jahr erhält in der Schweiz eine Frau die Diagnose »Brustkrebs«. Und von da an ist nichts mehr wie vorher. Damit beginnt das Buch der großen Liebe zwischen Barbara, der Autorin, und ihrer Partnerin Judith, die in ihrer zehnjährigen Krankheitsgeschichte die ganze Berg-und-Tal-Fahrt von Diagnose, Hoffen, Bangen, Rückschlägen, Aufrappeln, Schmerz und Tod durchlebt. Barbara Bosshard führt mit subtiler und klarer Sprache durch diese Jahre – manchmal schonungslos, immer aber mit einem Feingefühl, das einem die Tränen in die Augen treibt.

Jede schwere Krankheit, ob Krebs, Alzheimer, Multiple Sklerose, Schlaganfall oder eine andere, trifft den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin mit voller Wucht. Thematisiert wird das kaum, denn alles dreht sich um den Patienten, und der Mann oder die Frau an seiner Seite hat stark zu sein. Wer selber den erkrankten Lebenspartner bis zum Tod begleitet hat, weiß um Gefühle und Stimmungen, die man sich nur schwer eingesteht. Egoismus, Flucht, Ungeduld, Ausbrechen. Bloß weg von Gerüchen, Medikamenten, schlaflosen Nächten, verschwitzten Betten und vollgekotzten Badezimmern. Dabei frisst sich der Gewissenswurm durch Körper und Seele. Wie kann man lachen, wenn der Partner, die Partnerin schwer krank ist? Wie kann man eine Mahlzeit genießen, wenn der Liebste kaum einen Zwieback herunterwürgen kann? Wie kann ich auch nur für einen Tag wegwollen, wo er mich doch so braucht?

Barbara Bosshard hat als Lebenspartnerin einer Betroffenen allen Mitbetroffenen ein Denkmal gesetzt. Ein ehrliches, mutiges, nicht ein glatt poliertes und geschöntes. Sie schonte auch sich selber nicht, und darin liegt eine weitere Qualität ihres Buches: Glaubwürdiger kann man nicht denken, schreiben und handeln.

Es ist gut nachvollziehbar, dass Frauen hier viel feinere Antennen haben und die Lasten in einer gleichgeschlechtlichen Liebes- und Lebensbeziehung selbstverständlicher und feinfühliger verteilt sind. Das ununterbrochene emotionale Hin und Her der beiden Frauen überträgt sich auf den Leser. »Nach jedem Tiefschlag finden wir wieder ein Tor, hinter dem sich neue Hoffnung verbirgt.«

Die Sehnsucht nach Normalität aber kann sich in einer engen Patienten/Angehörigen-Situation nie erfüllen. Die Krankheit lässt sich nicht ausklammern. Je schneller und radikaler man dies verinnerlicht, desto entspannter und geduldiger lässt sich der Alltag gestalten. Und es schafft Raum für eine wunderbare Qualität: für Zärtlichkeit. Sie ist das schönste Geschenk in der schwierigen Zeit, sie hat eine Intensität und Nachhaltigkeit, die kein Geschlechtsakt vollbringt.

Den Tod üben, das scheint undenkbar. Doch dank einer filmischen Arbeit für das Schweizer Fernsehen kommt Barbara Bosshard mit Emy, einer hochbetagten Frau, in Kontakt. Zu ihr entwickelt sie nicht nur eine tiefe menschliche Beziehung, sondern lernt den Tod kennen; sanft wie eine Feder. Diese Begegnung bereitet sie emotional auf den Tod ihrer Lebenspartnerin vor, und das ist ein Geschenk des Schicksals. Sie lernt Ja sagen zum Tod, genauso, wie sie ein Jahr später Ja sagen kann zum Leben.

Beglückt lege ich das Buch aus den Händen und fühle mich reich beschenkt – ich habe den Himmel berührt.

Beatrice Tschanz KramelBotschafterin Krebsliga

Prolog

Es ist Sommer. Ich träume: Ich stehe am Hauptbahnhof Zürich. Ich warte. Lautsprecher verkünden die Einfahrt des Zuges. »Romanshorn–Amriswil–Frauenfeld–Flughafen Kloten–Zürich Hauptbahnhof.«

Ich erkenne Judith sofort unter all den Aussteigenden. Sie trägt ihr schwarz-weiß gestreiftes, ärmelloses Leibchen. Unsere Begrüßung ist Schweigen. Wir gehen wortlos den Perron entlang zum nächsten Ort: eine Freilichtarena in einer Berglandschaft, die dem Alpstein ähnlich ist. Hinter unseren Rücken eine Felswand, wie ein Zahn – frei stehend, grau, schroff, bedrohlich. Vor uns eine Alpwiese; wild verstreutes Felsgeröll in leuchtendem Grün. Hier sind wir nicht mehr zu zweit, sondern unverhofft zu dritt. Neben mir ist nun Doris und hinter ihr, leicht verdeckt, Judith. Wir stehen vor unsichtbarem Publikum. Während ich ihm von meiner Liebesgeschichte mit Doris erzähle, höre ich Judith in trockenem Ton sagen: »Von euch zweien hätte ich das zuletzt gedacht.« Im Traum trifft mich ihr Satz. Er irritiert mich auch. Denn ich war mir ja immer so sicher, dass Judith dort, wo sie jetzt ist, alles mitbekommt, was hier geschieht. Und nun diese Reaktion auf mein Bekenntnis. Ich frage mich, was wird jetzt, wo sie damit konfrontiert ist, geschehen…

Nichts.

Denn es ist nur ein Traum. Judith ist seit über einem Jahr tot. Sie war 24 Jahre lang meine Lebenspartnerin und ist am 14. April 2008 an Krebs gestorben. Doris ist meine neue Liebe und liegt, als ich erwache, neben mir. Ich umschlinge sie und denke dabei auch an Judith. Das ist meine Realität: Vergangenheit und Erinnerungen an schmerzliches Abschiednehmen begleiten meinen Aufbruch und mein erneutes Glück.

Von nun anist nichts mehr wie vorher

Judith und ich sind seit vierzehn Jahren ein glückliches Paar, als sich 1998 unser gemeinsames Leben schlagartig ändert.

Es ist Mittwoch, der 13. Mai. Als ich am Abend nach Hause komme, weiß ich sofort, als ich Judiths »Sali« zur Begrüßung höre: Der Befund der Gewebeprobe, auf den wir seit einer Woche warten, muss eingetroffen sein, und er bedeutet nichts Gutes. Judith liegt auf dem dunkelblauen Ledersofa und weint: »Es ist Brustkrebs.« Ich breche innerlich zusammen und weine mit ihr, die Hoffnung, die mich über die vergangenen sieben Tage hinweg getragen hat, ist weg. Als ich mich zu Judith aufs Sofa lege, frage ich mich, ohne es laut zu sagen: Wie nahe ist ihr Ende? Wie viele gemeinsame Jahre werden uns geschenkt? Wie wird mein Leben als Witwe?

Chaos im Kopf.

Was wir noch nicht wissen: Von nun an ist nichts mehr wie vorher. Krebs wird zu unserer permanenten Begleiterin und Judiths Leben genauso wie meines dominieren.

Die Nacht verbringen wir im gleichen Bett. Schlafen können wir kaum. Reden auch nicht. Wir würden uns nur wiederholen. Bereits beginnt sich Angst in meinem Denken einzunisten und wird nie mehr daraus verschwinden. Das ist mir in dieser ersten Nacht nach der Diagnose Brustkrebs noch nicht bewusst.

Am Tag danach habe ich bereits am frühen Morgen einen wichtigen Termin. Als ich aus dem Haus trete, stehen die Bäume in voller Blüte. Ich nehme es kaum wahr, sehe nur Judiths Ende und weine. Ich weiß nicht, wie ich den Tag hinter mich bringen soll. Es geht um viel: Als Journalistin und Dokumentarfilmerin interviewe ich fürs Schweizer Fernsehen seit vier Monaten drei Menschen, die beim Attentat in Luxor 1997 ihre liebste Bezugsperson verloren haben. »Leben nach dem Tod« heißt der provisorische Titel meiner Arbeit.

Sterben und als Zurückbleibende Abschied nehmen müssen ist ein Thema, das mich schon lange vor Judiths Erkrankung beschäftigt hat. Nachdem ich einen Artikel darüber gelesen hatte, redeten Judith und ich oft darüber, trotzdem fanden wir auf viele Fragen kaum Antworten. Deshalb kam ich auf die Idee, darüber einmal einen Film zu realisieren. Wenige Monate später, als 37 Schweizerinnen und Schweizer in Ägypten auf ihrer Ferienreise bei einem Anschlag ihr Leben verloren, schrieb ich verschiedenen Überlebenden einen Brief und fragte, ob ich sie während ihres ersten Jahres der Trauer, ihres Trauerjahres, filmisch begleiten dürfe. Drei Betroffene waren bereit mitzumachen. Mitte Januar startete ich das Filmprojekt, und heute ist ein weiterer Drehtermin.

Ich nehme mir vor, meine eigene Betroffenheit auf keinen Fall zu thematisieren. Es gelingt mir; das Interview verläuft gut. Danach bin ich erledigt und gehe allein zu Fuß zurück zum Bahnhof; ich will nicht ins Auto der Filmequipe steigen. Nur nicht vor allen weinen. Als ich unterwegs einer grauhaarigen Frau begegne, sind die Tränen auch schon da: So werde ich Judith wohl nie erleben – alt und weiß. Sie ist erst 43 und hat vielleicht nur noch wenige Jahre vor sich. Dabei hat sie mir doch immer gesagt, dass sie zusammen mit mir alt werden will. Seit gestern ist nun diese Angst da, dass der Krebs sie schon bald töten wird. Der Boden unter meinen Füßen entgleitet mir immer mehr. Dabei hatte ich bis vor 24 Stunden noch das Gefühl, ich sei so selbständig. Und jetzt ist alles anders – die Emotionen groß, der Lebenssinn klein.

Fünf Tage später packt Judith ihre Sachen fürs Spital, wo das Krebsgeschwür in ihrer rechten Brust entfernt werden soll. Ich suche im Album nach Fotos von unseren gemeinsamen Reisen – eines von der Wüste, eines vom Meer, eines, auf dem wir zusammen direkt in die Kamera schauen, und ein Porträt von mir. Dazu schreibe ich ihr eine Karte und stecke sie mit den Fotos in den Briefumschlag, den ich ihr im Spital als Überraschung aufs Kopfkissen legen werde.

Am nächsten Morgen fahren wir zusammen nach Richterswil ins Paracelsus-Spital. Judith, von Beruf Homöopathin, hat diesen Ort gewählt, weil hier mit anthroposophischen und auch anderen alternativen Heilmethoden gearbeitet wird. Sie will verhindern, dass sie nach der Operation zu Chemotherapie und Bestrahlung überredet werden soll. Für sie ist es wichtig, dass ihre kritische Haltung gegenüber der Schulmedizin akzeptiert und toleriert wird. Für sie ist klar, dass nicht alles machbar ist, auch wenn alles gemacht wird.

Am Morgen hat Judith einen Termin beim Chefarzt. Aus mir heute unerklärlichen Gründen lasse ich sie diesen Gang alleine machen und warte im Schatten der Platanen auf sie. Danach gehen wir zum See und setzen uns ans Wasser. Die Sonne sticht. Wir reden über unsere Ängste und auch darüber, ob und wie sich die Verletzlichkeit ihres Körpers auf unsere Sexualität auswirken wird. Als ich Judith frage, was sie sich für nach der Operation am sehnlichsten wünscht, weint sie: »Ich möchte meine Kraft zurück.« Mir ist klar, was sie meint. Als ich vor ihrem Spitalaufenthalt die Fotos unserer zweimonatigen Reise durch die USA und Mexiko durchsah, fiel mir der Unterschied zu heute auf. Vor sechs Jahren war Judith eine energievolle Frau, und heute ist sie geschwächt, ganz ohne Elan.

Energielosigkeit ist seit Jahren Judiths Handicap. Aus diesem Grund möchte sie auch keine anschließende Chemotherapie. Sie ist überzeugt, dass das ihre letzten Kräfte rauben und sie von vornherein umbringen würde. »Kannst du mich verstehen und meine Entscheidung akzeptieren?«, will sie wissen. Ja, ich kann.

Nach dem Eingriff ist Judith psychisch intakt und glücklich, dass nur der Knoten in der Brust entfernt worden ist und nicht auch noch die Lymphknoten in der Achselhöhle. Sie erzählt, dass sie am Morgen vor der Operation auf dem See ein Ruderboot übers Wasser gleiten gesehen habe und sich jetzt schon darauf freue, bald wieder mit mir im gleichen Boot sitzen zu können. Vor zwei Jahren haben wir zusammen zu rudern begonnen, und seitdem ist es für uns ein Freizeitsport, den wir trotz unterschiedlicher Energiespeicher gut gemeinsam ausüben können. Harmonie und Balance haben wir bis jetzt immer dabei gefunden. Uneinig waren wir uns dagegen fast jedes Mal über die Distanz. Ich, die Sportlichere und Bewegungshungrigere, wollte mehr und musste mich ihr, der Schwächeren, deshalb regelmäßig anpassen. Das war für mich nicht immer leicht zu akzeptieren.

Nach der Operation dauert es einige Tage, bis der Arzt Genaueres über das Ergebnis des Eingriffs sagen kann. Wieder warten. Als es so weit ist, werden unsere Hoffnungen abermals enttäuscht: Der Tumor konnte zwar in sich geschlossen herausgenommen werden, aber die Laborresultate besagen, dass es sich beim entfernten Gewebe um eine aggressive Krebsart handelt. Judith weint. Ich auch. »Das Leben ist ein Betrug«, heule ich. Besorgt bin ich vor allem um mich und meine Zukunft, nicht um ihre. Sie ist es, die mich zu trösten versucht: «Das Leben kann kein Betrug sein, weil es einem nichts versprochen hat«, sagt sie in ihrer lakonischen Art, die ich so liebe.

Wir beenden unser Gespräch, indem wir einander Mut machen. Wir verbieten es uns, die Endlichkeit, die uns noch bleibt, in Jahren zu beziffern: »Damit dürfen wir gar nicht beginnen, sonst werden wir noch wahnsinnig«, sind wir uns einig. Jahre später allerdings gestehen wir einander, dass wir uns damals doch nicht daran gehalten hatten: Judith rechnete mit zwei Jahren, ich gab ihr noch vier.

Ich beginne mich zu fragen, welches Leben ich wohl bis zu Judiths Tod leben werde. Werde ich von nun an nur noch an ihr kleben? Mich stärker an sie binden als zuvor? Immer mit ihr zusammen sein? Meine Eigenständigkeit für die komplette Gemeinsamkeit aufgeben? Mir ist klar, dass dies nicht die Lösung sein kann.

Trotz manifester Bedrohung können wir beide unser Leben nicht total umkrempeln. Ich brauche meinen Freiraum und Judith ihren. Seit wir uns kennen, ist dies so. Über zehn Jahre hatte deshalb jede ihre eigene Wohnung. Vor allem für mich war Zusammenziehen kein Thema. Ich war überzeugt, dass meine erste Liebe zu einer Frau daran erstickt war. Und das wollte ich nicht noch einmal erleben. Auch Judith suchte die räumliche Veränderung nicht. Sie sagte nur immer: »Wenigstens die Möglichkeit darfst du nicht ausschließen.«

Aus meinem apodiktischen Nein ist mit den Jahren der Wunsch entstanden, es doch noch einmal zu versuchen. Mit der neuen Nähe hatte ich jedoch anfänglich immer wieder Mühe, obwohl mich Judith nie einschränkte. Ich ging weiterhin meinen Weg und sie ihren. Jede pflegte nach wie vor ihren eigenen Kreis an Freundinnen. Zudem war ich öfter unterwegs als Judith, nur schon arbeitshalber. Als Fernsehjournalistin bin ich für die Realisation eines Filmes mehrere Tage weg und übernachte auswärts. In dieser Zeit telefonieren wir auch kaum. Ich will in meiner Welt nicht gestört werden. Judith hat das immer akzeptiert.

Nach vier Jahren zusammenwohnen zogen wir in eine großzügige Loft um. Die neue Wohnqualität brachte neuen Wind ins Leben. Erstmals planten wir, für unsere gemeinsame Zukunft gemeinsame Anschaffungen zu machen und Altes aus unserem früheren Leben zu liquidieren. Platz schaffen für Neues. Als Erstes kauften wir das blaue Sofa. Ich wollte ein langes, auf dem wir beide zusammen mit ausgestreckten Beinen liegen können. 1997, an Ostern, sind wir umgezogen, kurz danach kamen meine Zweifel, meine Unruhe. Ich fragte mich: Ist es das nun gewesen? Haben wir erreicht, was es im Leben zu erreichen gibt? Kommt nun nur noch die Langeweile? Ich war Mitte vierzig und offensichtlich in einer Krise, die ich nicht als solche wahrnehmen wollte.

Und nun, ein Jahr später, ist alles anders und die Zukunft nicht mehr absehbar. Nach der Operation müssen wir die geplanten Ferien annullieren. Wir bleiben zu Hause. Statt Hamburg mit Freundinnen zu erkunden, sind Rückzug und Rekonvaleszenz in Zürich angesagt. Wir suchen Erholung und Orientierung im Wald. Wir reden fast immer übers Leben und den Tod und stellen fest, dass unsere Liebe durch den Schicksalsschlag erstarkt ist.

Die vergangenen zwei Wochen haben uns nähergebracht. Auch körperlich. Ich begehre Judith mehr als früher. Unsere Zärtlichkeiten sind befreiend, und trotzdem bringen sie mich zum Weinen. Das Bild, wenn Judith nackt auf dem Bett liegt, erschüttert mich: Die rechte Brust gezeichnet von der Narbe; die durch Krebs versehrte Stelle bleibt ein Mahnmal für immer. Woran ich bis heute noch nie gedacht habe, ist mir jetzt bewusst – mit jedem Mal lieben ein Lieben weniger bis zum Tod. Obwohl ich weiß, dass dies bei allen und allem so ist, löst es bei mir erstmals in meinem Leben eine tiefe Traurigkeit aus.

Dieses Gefühl wird von nun an bleiben. Unter diesem Aspekt werden für mich fortan auch unsere Ferien bedrohlich: Denn möglicherweise sind es die letzten. Auf die Heimfahrt werde ich mich nie mehr freuen, weil mir spätestens beim Kofferpacken bewusst sein wird, dass dies immer auch mit Abschiednehmen verknüpft ist.

Judith beginnt schon nach wenigen Wochen wieder mit ihrer Arbeit als Homöopathin. Die schwierigen Geschichten der Patientinnen sind für sie oft sehr belastend und begleiten sie mental auch durch ihre Freizeit. Sie überlegt oft pausenlos, was helfen könnte, welches Mittel sie verordnen sollte. Auch beim Einschlafen tauchen die Patientinnen in ihren Gedanken auf. Die Krebsdiagnose wirkt verschärfend. Judiths Schlafstörungen werden bedrohlich und mit der Zeit chronisch. Sie versucht, ihr Leben neu zu ordnen, um dazu beizutragen, wieder gesund zu werden. Sie sucht innere Ruhe und reduziert ihre Arbeitszeit und ihren Bekanntenkreis. Sie zieht sich zurück und trifft ihre Freundinnen weniger. Sie stellt ihre Ernährung noch radikaler um, wir kaufen nur noch biologische Produkte. Sie trinkt fast keinen Alkohol mehr, schränkt sich ein, ohne sich Genießen ganz zu verbieten. »Ich will am Schluss nicht sagen: Jetzt habe ich auf alles verzichtet, und es hat doch nichts gebracht.«

Trotzdem fehlt ihr die Kraft.

Seit ihrer Krebserkrankung lässt sie sich von ihrer belgischen Lehrmeisterin homöopathisch behandeln. Damit sie dafür nicht zu ihr nach Belgien reisen muss, wird Doris, eine Berufskollegin, ihre primäre Ansprechperson.

Judith will von mir immer wieder wissen, ob ich verstehe, dass sie nicht den konventionellen Weg der Schulmedizin geht. Ja, das tu ich. Ich unterstütze sie bei allem, was sie wählt. Ich trage ihre Entscheide mit – jetzt und auch später. Ich frage nach und hinterfrage, aber ich bitte sie nicht, mir zuliebe etwas zu unternehmen, was sie für sich verwirft. Für unser Umfeld sind ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar. Wir erfahren über sieben Ecken, dass wir uns so verändert hätten. Die Abende mit uns seien nicht mehr so unbeschwert wie früher. Man könne mit uns nicht mehr trinken und lustig sein. Solche Aussagen treffen uns, bringen uns aber noch näher zusammen.

Trotz Rückzug ist es nicht möglich, den Alltag auszublenden und Belastendes zu umgehen: Wenige Wochen nach Judiths Operation erkrankt ihr Bruder psychisch schwer. Er wohnt in München. Dadurch haben die beiden wenig Kontakt miteinander, aber dennoch sind sie sich fast symbiotisch verbunden. Judiths Diagnose hat bei ihm einen massiven depressiven Schub ausgelöst, sodass er in die psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste. Für Judith ist es ein Schock, als sie es erfährt. Ich reagiere sofort mit Angst, weil ich mich um ihre Stabilität sorge.

Vier Tage später besuchen wir Judiths Bruder in München. Er ist in der geschlossenen Abteilung eingesperrt, auch der Balkon ist ausbruchsicher. Er bewegt sich wie ein Außerirdischer, spricht kaum und ist mit Medikamenten vollgepumpt. Für Judith ist es schwierig, ihn in diesem Zustand allein zurückzulassen. Am Abend gehen wir, auch um uns abzulenken, an ein Konzert einer kubanischen Gruppe. Doch die Klänge der Musik forcieren meine Schwermut, und mit den Tränen kommen Erinnerungen an unsere Reise durch Kuba, 1985.

Vor dreizehn Jahren, als Judith ihre Prüfungen für das Staatsexamen hinter sich gebracht hatte, beantragte ich unbezahlten Urlaub. Wir flogen für drei Monate nach Kuba. Für mich waren es meine ersten großen Ferien außerhalb Europas. Schon als Kind wollte ich lieber zu Hause bleiben. Nach meiner Katze hatte ich jeweils schon Heimweh, noch bevor wir ins voll bepackte Auto gestiegen waren. Ferien sagten mir nichts – bis ich Judith begegnet bin: Kurz nachdem wir uns kennen gelernt hatten, flogen wir für eine Woche nach New York. Ich war überglücklich, dass ich mit Judith meine Homosexualität nicht versteckt leben musste. Wie in Zürich gingen wir eng umschlungen durch die Straßen und suchten im Greenwich Village nach der legendären Bar an der Christopher Street. Hier hatten sich im Juni 1969 erstmals Homosexuelle öffentlich gegen die Polizei gewehrt, als sie bei einer Razzia bloß aufgrund ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung verhaftet werden sollten. Dieser Protest vor dem »Stonewall Inn« war der Anfang der Lesben- und Schwulenbewegung im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und Gleichbehandlung. An diesem geschichtsträchtigen Ort verbrachten wir unsere erste gemeinsame Ferienwoche; verliebt und unbeschwert. Damals war ich 33.

Und jetzt, 1998, bin ich 47 und kann nichts mehr genießen, weil Judith Brustkrebs hat. In meinen Visionen sehe ich, wie sie vom Krebs aufgefressen wird. Wie sie matt und mit Schmerzen im Bett liegt, langsam stirbt und mich verlässt. Die Angst sitzt in mir und macht, dass ich mich über Tage hinweg körperlich und geistig unwohl fühle; ohne Energie, Freude und emotional schwankend.

Ich bin wie ein rohes Ei. Die Stimmungsschwankungen überfallen mich unverhofft. Jede weitere Instabilität in meinem Leben wird zur Katastrophe. Als mich eine meiner besten Freundinnen damit konfrontiert, dass sie zusammen mit ihrem Partner in wenigen Monaten für einige Jahre nach Berlin umziehen wird, reißt es mir ein weiteres Mal den Boden unter den Füßen weg. Ich hadere, kann mir nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn sie über 800 Kilometer weit weg ist.

Im gleichen Sommer fahren Judith und ich ins Unterengadin. Wir lesen viel; ich in Romanen, sie in Büchern, die vor allem Sterben und Kranksein thematisieren. Judith zieht sich nach dem Lesen oft zurück, um zu meditieren. Ich hoffe, dass sie dabei ihre Ruhe und ihren Schlaf wiederfindet. Ihr Wachliegen bedroht mich. Ich denke, wenn sie eine Chance haben will, gesund zu werden, muss sie im Schlaf Erholung finden können. «Das ist reine Folter. Schlafen ist doch ein Menschenrecht!«, sage ich ihr, um sie mein Mitempfinden spüren zu lassen. Trotz allem fühlt sich Judith während der beiden Ferienwochen in Ftan körperlich stark. Einmal, als wir nach 400 Höhenmetern an einem Bergbach pausieren, wird dieser wie zu einem Spiegel meines Inneren, und ich erkläre ihr: »Meine Seele ist seit deiner Erkrankung wie dieses Gewässer – reißend, mit vielen Wirbeln, milchig aufgewühlt und ohne Sicht zum Grund.«

Die Trauer packt mich oft; unverhofft überrollt sie mich von hinten wie eine Welle. Meine Gedanken sind dann nur in die Zukunft gerichtet und kreisen um die ewig gleichen Fragen, auf die ich nie eine Antwort finde: Wie lange wird Judith noch leben? Was wird mit mir, wenn ich ohne sie sein werde? Was ist, wenn ich sechzig bin, vielleicht mit altersbedingten Problemen am Arbeitsplatz und ohne Judith, die mir beisteht? Und dann gibt es noch die andere Thematik, die mich immer wieder bedrängt: Werde ich gefühlsmäßig in der Lage sein, eine neue Beziehung einzugehen und sie zu leben? Wird es mir gelingen, einer Frau zu begegnen, die mich so vorbehaltlos liebt wie Judith?

Von diesen Gedanken erzähle ich ihr nichts. Ich will mich nicht so entblößen; sie nicht damit konfrontieren, dass ich bereits daran denke, wie es ist, wenn sie nicht mehr ist. Noch lebt sie, und meine Überlegungen könnten sie verletzen. Doch umso mehr beschäftigt mich diese Frage in meinem Unterbewusstsein. Einmal träume ich, dass ich mich in eine Frau mit zwei Kindern verliebe. Wir umarmen uns vor ihrem Haus. Ich bin voller erotischer Gefühle. Ein anderes Mal verliebe ich mich im Traum gleich in zwei Frauen. Beiden erkläre ich, dass ich sie nur selten besuchen kann, da ich gebunden bin und mit meiner langjährigen Partnerin zusammenlebe.

Nach den zwei Ferienwochen im Unterengadin tauche ich wieder in die Arbeit. Für meinen Dokumentarfilm treffe ich ein weiteres Mal Überlebende des Anschlags von Luxor für unser monatliches Interview. Diesmal erfahre ich durch die Gespräche mit ihnen, dass das Leben, trotz Verlust, weitergeht. Allen Beteiligten geht es seit kurzem spürbar besser. Nach ihrem Fall ins Unendliche haben sie nach spätestens acht Monaten Trauer den Wendepunkt erreicht. Eine Frau, die ihren Partner und ihre Mutter verlor, hat schon früher Tritt gefasst und sich wieder verliebt. Ihr erzähle ich von Judiths Krankheit. Sie versucht erfolglos, mich zu trösten.

Während der Zeit der Dreharbeiten reflektiere ich meine Arbeit mit einer Supervisorin. Dabei ist auch meine eigene Geschichte oft Thema. Einmal weist mich die Therapeutin darauf hin, dass ich, im Gegensatz zu den Menschen, die in Luxor ihre Liebsten durch das Attentat unangekündigt und auf brutale Weise verloren haben, wenigstens insofern Glück hätte, dass ich mich jetzt schon mit der Endlichkeit auseinandersetzen könne.

Dennoch werde ich wieder in die Tiefe gerissen, als Judith Mitte November mit panischer Zukunftsangst apathisch auf dem Sofa liegt. Ihr Blick ist nach innen gewendet. Sie spricht nicht mit mir. Ich setze mich zu ihr und bitte sie eindringlich, mit mir zu reden. Sie will mich schonen und sagt irgendwann trotzdem: »Ich fürchte mich vor allem, was auf mich zukommt.«

Linderung vor den schwarzen Gedanken finden wir wie so oft im Wald. Abwechselnd schweigend und redend wandern wir vom Milchbuck zum Zoo. Dabei finden wir heraus, dass Judith dringend regelmäßig Erholung und Distanz zum beruflichen Alltag braucht. Künftig wollen wir alle zehn Wochen Ferien einplanen. Ich nehme mir vor, Judith so oft wie möglich zu begleiten und von nun an zu versuchen, meine Projekte diesem Rhythmus anzupassen. Mit meinem auf 75 Prozent reduzierten Pensum kann ich mit entsprechender Planung meine Einsätze recht flexibel gestalten.

Wir beschließen auch, unsere Ferien nun mehrheitlich in der Schweiz oder innerhalb Europas zu verbringen. Judith will ihren Körper schonen und nicht mehr unnötig mit Impfungen und den Strapazen der Anpassung an andere klimatische Bedingungen belasten. Mehrstündige Atlantikflüge sind für immer gestrichen. Künftig werden wir Winter wie Sommer vor allem in den Bergen verbringen. Beim Skifahren und Wandern kann sich Judith gut erholen und sich von der pausenlosen Jagd ihrer Gedanken befreien. Wir planen bereits den nächsten Unterbruch. Dafür wollen wir nach Pontresina reisen.

Guter Dinge kehren wir aus dem Wald zurück – einmal mehr mit einer konstruktiven Lösung für unser Leben. Wir beschließen, nächstes Mal, wenn wir wieder Gefangene unseres Kummers sind, im Schutz der Bäume unserer Enge und unseren Ängsten beizukommen. Wir umarmen uns, und ich sage: »Zum Glück gibt es den Kummerwald.« Seither hat dieser Wald für uns diesen Namen.

Vier Wochen vor Weihnachten wird meine Dokumentation über die Trauerarbeit der drei Porträtierten, die in Luxor ihre engste Bezugsperson verloren haben, ausgestrahlt. Judith und ich sitzen zusammen mit Freundinnen bei uns zu Hause vor dem Fernseher und reden danach über den Film. Alle finden es eindrücklich, wie die Betroffenen vom Erlebten gezeichnet sind, ihr Leben aber dennoch wieder bewältigen können. Ich denke: Wie wird es mir einmal ergehen, wenn ich alles zum ersten Mal ohne Judith erleben werde; der erste Geburtstag ohne sie, die ersten Ferien ohne sie, der erste Jahreswechsel … Doch darüber sprechen wir nicht.

Wenig später verreisen Judith und ich, wie wir im Kummerwald vereinbart haben, ins Oberengadin. Meine Stimmung ist froh, und dennoch bin ich traurig. Froh bin ich darüber, dass wir zusammen sein können. Vor allem aber bin ich traurig – traurig wegen der ganzen Bedrohung. Tränen im Zug. Tränen beim Einkaufen, Tränen im Bett vor dem Einschlafen. Manchmal rede ich darüber, manchmal nicht. Judith versteht mich: »Ich an deiner Stelle würde mich abschotten, in der Hoffnung, dass der Verlustschmerz dann kleiner ist«, sagt sie einmal.

Die Nächte werden durch ihre Schlaflosigkeit einmal mehr schrecklich. Ich versuche, mich mit den gelben, Lärm dämpfenden Gummidingern in den Ohren abzuschotten, ihre Unruhe wegzusperren. Dennoch kann ich ihrem Hüsteln und dem Zurechtrücken der Decke nicht entfliehen. Ich schwöre mir, in Zukunft nur noch Ferienwohnungen mit zwei Schlafzimmern zu buchen. Unsere Stimmung ist gereizt.

Ihre Schlaflosigkeit kann ich Judith nicht zum Vorwurf machen. Dennoch kommt es zur Explosion, als ich mich über ihre Unflexibilität nerve. Die gemieteten Skischuhe sitzen nicht richtig. Aber sie geht auf meinen Vorschlag, die Schuhe gegen bequeme einzutauschen, nicht ein. Lieber verstellt sie die Schnallen, mal enger, mal weiter. Dann versucht sie, die Druckstellen mit Pflaster abzukleben. Alles ohne Erfolg.

Ich werde beinah wahnsinnig und verziehe mich ins Schlafzimmer. Ich weine. Zu meiner Ungeduld kommt Angst. Meine Zuversicht schwindet. Schon wieder. Als Judith mich sieht, weint sie ebenfalls. Unsere Spannung löst sich, und am nächsten Tag tauschen wir die Skischuhe um. Die neuen sitzen so perfekt, dass Judith sie am Ende der Ferien sogar kauft und sie fast ein Leben lang noch tragen wird.

Wir haben es wieder gut.

Doch kurz vor Silvester teilt mir Judith die nächste Schreckensbotschaft mit: Sie spürt einen Knoten unter dem rechten Arm, eine Lymphdrüse ist leicht und kaum spürbar angeschwollen. Erst wollte sie es mir verschweigen. Aber jetzt, wo es gesagt ist, tastet sie immer und immer wieder ihre Achselhöhle ab. Ich schaue bewusst weg, weil jedes Tasten eine Bedrohung ist. Schon beim allerersten Knoten sagte mir Judith lange nichts. Eines Nachts fuhr es wie ein Blitz durch mich. Ich streichelte sie und spürte den Knoten unter der Oberfläche ihrer Brust. Diesen Moment vergesse ich nie mehr. Wann immer ich Judith liebkose, lauert seitdem irgendwo im Hinterkopf diese Angst, von einer Geschwulst überrascht zu werden.

Ein halbes Jahr später ist mein 48. Geburtstag. Als ich am Tag der Sonnenwende Judiths Geschenk öffne, weine ich vor Freude. Ich bin gerührt, weil in der liebevoll verpackten Schatulle meine Traumuhr liegt. Seit drei Jahren bleibe ich vor den Schaufenstern stehen, ohne je in ein Geschäft zu gehen und sie zu kaufen. Sie war mir einfach zu teuer. Nun hat sie mir Judith geschenkt. Ich bin glücklich, reagiere: »Kein runder Geburtstag und diese Uhr!« Pessimistisch füge ich hinzu: »Willst du, dass mir jedes Mal bewusst wird, dass sich unsere Zeit dem Ende nähert?« Judith liefert mir die positive Interpretation, indem sie sagt: »Mit jedem Mal kannst du sehen, dass uns noch immer gemeinsame Zeit vergönnt ist.«

Judith ist sich bewusst, dass mich ihre reduzierte Energie, verursacht durch die Krebserkrankung, einschränkt, und unterstützt mich deshalb in allem, was innerhalb ihrer Möglichkeiten liegt. Als ich am Ende des Sommers den Wunsch äußere, einige Tage allein durchs Engadin zu wandern, motiviert sie mich dazu. Sie spürt, dass ich zögere. Lieber würde ich in ihrer Nähe bleiben, und dennoch möchte ich mich von ihr losreißen. Ich mache mein Vorhaben vom Wetter abhängig. Doch es bleibt schön. Ich packe also meinen Rucksack und starte. Jeden Tag wandere ich, solange ich mag; immer vorwärts – durch Täler und über Pässe. Distanzen, die mit Judith unmöglich zurückzulegen wären. Trotzdem bin ich nicht nur glücklich. Der sichtbar werdende Herbst, die Natur und ihre Symbolik des Verfalls, die schwächer werdende Sonne – all das macht mein Gemüt schwer. Dennoch bin ich bei der Rückkehr zufrieden mit mir. Ich erzähle Judith von meinen überbordenden Kräften und habe dabei ein schlechtes Gewissen. Mir ist bewusst, auf was alles sie inzwischen verzichten muss.

Auch rudern konnte sie bis jetzt nicht wieder, obwohl sie es sich so sehnlich gewünscht hat. Die wenigen Versuche, die wir zusammen ins Auge gefasst haben, sind jeweils schon gescheitert, bevor wir aus dem Haus waren. Am Morgen, wenn ich Judith wie abgemacht wecken wollte, lag ein Papier vor ihrer Zimmertür mit der Botschaft: «Konnte wieder nicht schlafen, komme nicht mit.« Wie ich diese Zettel am Boden, die meine Freude so jäh beendeten, zu hassen begann. Mein beschnittener Bewegungshunger hat zur Folge, dass ich an solchen Tagen frustriert und gereizt auf Judiths Erwachen warte. Ich weiß, dass sie nichts dafür kann. Trotzdem schaffe ich es regelmäßig nicht, angemessen damit umzugehen.

Wenige Wochen nach meiner Wanderung durchs Engadin ertastet Judith weitere Knoten unter der rechten Achsel. Zudem ist der vor einem Jahr noch kaum spürbare Lymphknoten inzwischen merklich angeschwollen. Ich sitze sprachlos auf dem Sofa: Mit Panik sehe ich mich an Judiths Beerdigung, Asche verstreuen, wie ich allein das Leben verbringe, und ich wünsche mir deshalb, mit ihr zu sterben … Zugleich denke ich, wenn ich von Judith ein Kind hätte, würde ich nach ihrem Tod wenigstens etwas Lebendiges von ihr besitzen. Dieser Gedanke kommt mir zum ersten, aber nicht zum letzten Mal. Im Schluchzen sage ich: »Komm, gehen wir in den Kummerwald.«

Bei Schnee und Regen finde ich meine Sprache wieder und einen destruktiven Lösungsvorschlag: »Vielleicht muss ich dich loslassen. Uns zuliebe. Vielleicht würden wir getrennt besser unseren Weg finden.« Judith kennt solche Gedanken von sich selber und hat mir gegenüber auch schon formuliert, ob Rückzug vielleicht weniger schmerzhaft wäre. Aber jetzt sagt sie: »Das darfst du nicht. Ich würde es nicht ertragen. Es würde mich erst recht krank machen.«

Seit neunzehn Monaten leben wir mit der Diagnose Krebs, und unsere inzwischen fünfzehnjährige Beziehung hat sich bereits massiv verändert. Früher war Judith diejenige, die mich anspornte, Auslandaufenthalte zu konkretisieren und nicht nur davon zu träumen: »Geh und rede nicht immer davon, sonst wirst du es später mal bereuen.« So hatte sie mir Paris, San Francisco und ein zweites Mal New York möglich gemacht. In Paris lernte ich Französisch; in den USA Englisch. Hätte sie mich nicht gepusht, wäre ich nirgendwohin gegangen. Ich war überzeugt, dass ich die Fremde niemals allein überleben würde, und letztlich gelang es mir auch nur deshalb, weil ich zu Hause Judith als Lebensanker hatte.

Heute ist es komplett anders. Wenn ich arbeitsbedingt längere Zeit abwesend bin, reagiert Judith oft mit Depressionen. Bei »10 vor 10« beginnt mein Dienst als Ausgabeleiterin am frühen Morgen, wenn Judith noch schläft, und endet, wenn sie bereits wieder im Bett liegt. Von Montag bis Freitag sehen wir uns dann kaum. In solchen Zeiten wird ihre Psyche fast täglich dunkler und hellt sich erst auf, wenn ich wieder vermehrt anwesend bin.

Trotzdem versucht sie, mich nicht einzuschränken. Sie will mir meinen Freiraum gewähren. Wir treffen gegenseitig eine Abmachung: Ich verspreche ihr Präsenz, wenn sie mich braucht. Dann werde ich alles daransetzen, nach Hause zu kommen, wo immer ich auch bin. Mit dieser Vereinbarung fahren wir gut; sie beruhigt uns beide. Bevor ich meine Beteiligung an der Millenniumssendung zusage, bespreche ich es darum zuerst intensiv mit Judith. Mich reizt die Vorstellung, die Nacht zum Jahr 2000 arbeitend auf dem Jungfraujoch zu verbringen. Judith traut es sich zu, an diesem Festtag ohne mich zu sein. Schließlich ist Silvester für uns nichts Heiliges. Schon oft haben wir ihn schlafend verbracht. Ich sage zu.

Fünf Tage vor meiner Abreise, unmittelbar vor Weihnachten, hat Judith einen ärztlichen Termin. Ihre diversen Knoten werden untersucht, und der Ultraschall bestätigt, was schon lange klar ist: Die geschwollenen Lymphknoten sind Metastasen. Als ich fürs Jungfraujoch packe, bereue ich meinen Entscheid, an Silvester zu arbeiten. Judith will, dass ich trotzdem fahre. Der Einsatz auf 3400 Metern gefällt mir letztlich; vor allem darum, weil er mich davor schützt, in trübe Gedanken zu versinken.

Das Panorama auf dem Jungfraujoch ist traumhaft, das Wetter auch. Die Fernsehtechniker haben hier oben innert weniger Tage ein Studio eingerichtet.

In der Silvesternacht werden wir während der Unterhaltungssendung immer wieder zugeschaltet. Um Mitternacht sind unsere Bilder von »The Top of Europe« sogar weltweit zu sehen. Zwei Stunden später, nachdem wir unsere Arbeit gemacht haben, stoßen auch wir aufs Jahr 2000 an – Techniker, Kameraleute, Regie, Bildmischerin, Moderator und ich. Wir sind glücklich und zufrieden, weil alles pannenfrei über den Sender ging. Meine Gedanken, die in den vergangenen Tagen von der Arbeit besetzt waren, sind jedoch, noch bevor ich meine Sachen für die Heimfahrt packe, wieder in Zürich.

Als ich zu Hause die Wohnungstür öffne und wie jedes Mal seit jenem 13. Mai gespannt warte, wie Judiths Stimme klingt, wenn sie meine Begrüßung erwidert, höre ich an ihrem »Sali« sofort: Trotz meiner langen Abwesenheit ist Judith in guter Verfassung – sogar in sehr guter Stimmung. Sie empfängt mich mit viel Lebensfreude. Sie kocht für uns. Wir trinken Wein, auch sie genehmigt sich heute wieder einmal ein Glas. Ohne abzuräumen, kuscheln wir uns ins blaue Sofa und schauen eine schnulzige Romanze. Am nächsten Abend konsumieren wir gleich noch mal einen kitschigen Liebesfilm. Judith und mir gelingt es, unsere Zeit so richtiggehend verschwenderisch zu leben. Dabei vergessen wir, was uns belastet.

Es ist fast wie früher.

Trotzdem packt mich das schlechte Gewissen. Ich denke: Darf ich unser terminiertes Zusammensein einfach so zerrinnen lassen? Judith frage ich: »Dürfen wir einfach so vor dem Fernseher hocken, ohne die Zeit mit Sinn und Inhalt zu füllen? Sie einfach an uns vorbeiziehen lassen? Dürfen wir das? Können wir es uns leisten?« Judith findet die Antwort; einmal mehr schafft sie es, mich in meiner nach unten ziehenden Spirale zu stoppen: »Aber sicher«, sagt sie, »auch ich will abschalten können. Ich muss mich irgendwie vom permanenten Denken erholen. Lass mir bitte dieses, wie du es nennst, sinnlose Vergnügen.« Sie lenkt sich damit häufiger ab als ich. Ein mir zunehmend vertrautes Bild: Ich liege bereits im Bett, und zum Einschlafen begleiten mich, aus der Weite und ohne dass ich etwas verstehe, die typischen Geräusche – überlaute Musik, effektvolle Töne, spitze Stimmen. Spät in der Nacht, nachdem ich bereits eine erste Runde Schlaf hinter mir habe, treffe ich Judith noch immer vor dem Fernseher sitzend; amüsiert, abgelenkt, ins Geschehen versunken. Am Tag danach klärt sie mich jeweils über handwerkliche Details auf. Sie erzählt mir, was die einzelnen Serien beinhalten, wie sie gemacht sind, in welcher Kadenz die Szenen geschnitten sind, wie die Kamera eingesetzt und wie zum Dranbleiben verführt wird. Durch ihre präzisen Beschreibungen bin ich immer informiert und kann jeweils bei Diskussionen in meiner Arbeitswelt glaubhaft ihre Erkenntnisse verwenden.

Jassen ist ebenfalls Balsam für unsere Seelen; beruhigend und ablenkend. Bei verschieden kombinierten Spielrunden ist die Krankheit weit weg. Wir sitzen einen langen Abend mit Freundinnen und Freunden zusammen; essen, trinken und lachen. Dann geht es nur noch darum, Punkte zu sammeln, um clever kombinierte Spielzüge und verpasste Stiche, um Fehlleistungen und um Striche für Match, Bergpreis, Schneider und Gewinn. Auch Judith lacht viel, unverkennbar hoch im Ton, schelmisch, schier endlos, sodass ich oft nicht anders kann, als mitzuziehen.

Es war beim Jassen, als ich Judith erstmals begegnet bin.