„Den Kopf oben behalten“ - Laura Herr - E-Book

„Den Kopf oben behalten“ E-Book

Laura Herr

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Beschreibung

Eugen Gutmann (1840–1925) war Mitgründer der Dresdner Bank und eine der markantesten Persönlichkeiten der deutschen Finanz- und Bankgeschichte. Er stand 48 Jahre lang, von 1872 bis 1920, an der Spitze der Dresdner Bank und trug maßgeblich zu ihrem Aufstieg bei. Diese Biografie behandelt Herkunft und Werdegang des Bankiers Eugen Gutmann und sein Wirken in der Dresdner Bank im zeitgeschichtlichen Kontext. Die Autorin Laura Herr behandelt seinen ausgeprägten Führungsstil wie auch das familiäre Umfeld, seine Rolle als Kunstsammler und Mäzen und seine gesellschaftliche Stellung. Die Biografie Eugen Gutmanns ist zugleich auch ein Teil der Geschichte des deutschen Wirtschaftsbürgertums und der deutsch-jüdischen Geschichte. Laura Herr studierte Geschichte, Judaistik und Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität zu Frankfurt und an der University of Haifa in Israel und wurde mit einer Arbeit über den Centralverband des deutschen Bank- und Bankiergewerbes im Deutschen Kaiserreich promoviert. Yi Liu studierte Germanistik an der Beijing Foreign Studies University sowie European Culture and Economy an der Ruhr-Universität Bochum. Derzeit promoviert sie zum Markteintritt deutscher Banken in der Volksrepublik China.

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2023

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PUBLIKATIONEN DER EUGEN-GUTMANN-GESELLSCHAFT BAND 16

Gedenkmünze von Josef Müllner mit dem Porträt Eugen Gutmanns zum fünfzigsten Bestehen der Dresdner Bank, 1872–1922

„Den Kopf oben behalten“

Der Bankier Eugen Gutmann (1840–1925)

von Laura Herrunter Mitarbeit von Yi Liu

Herausgegeben von derEugen-Gutmann-GesellschaftFrankfurt am Main 2023

Inhalt

1 Die Legende Eugen Gutmann …

2 „Bitte ergebenst mir das Bürgerecht der Stadt Dresden zu ertheilen“ – Eugen Gutmanns Herkunft

2.1 „Der Bankier Bernhard Gutmann lieh früher Geld gegen hohe Zinsen“

2.2 „Kammerjuden“

3 „eine Führernatur“ – Eugen Gutmann und der Aufstieg der Dresdner Bank

3.1 Gründerzeiten

3.2 Dresdner Bank

3.3 Gutmann in der Dresdner Bank

3.4 Berlin

3.5 Vom Provinzinstitut zur Großbank

3.6 Von der Filiale zur Zentrale

3.7 Neue Verbindungen

3.8 „Auch der kleinste Beamte, ja jedes Dienstmädchen muss ein Depositenkonto haben“

4 „große Verluste“ – Gutmanns unternehmerische Misserfolge von Yi Liu

4.1 „Sorgenvolle Zeiten“ – die Überwindung der Krise 1901

4.2 Die gescheiterte „Ehe auf Probe“ mit dem A. Schaffhausen’schen Bankverein

4.3 „Angriff des preußischen Fiskus auf alt bestehende Privatrechte“: die Hibernia-Affäre

5 „Ein privates Reich zu gründen“ – Gutmanns Unternehmens- und Familienführung

5.1 „Seinen Beamten war er mehr als Vorgesetzter“

5.2 „Die materielle Seite bei einer Verheiratung darfst Du nicht außer Acht lassen“

5.3 „Neigung für edle Musik und die schönen Künste“

5.4 „erfreut sich in kaufmännischen, wie in besseren Gesellschaftskreisen des besten Rufes und Ansehens.“

6 „Die Inflation […] konnte er nicht mehr fassen“– Gutmanns Ende

6.1 „… ein wehmütiges Gefühl, dass der in allen Fährnissen bewährte Kapitän von Bord geht“

6.2 Von „ungehorsamen Erben“ und Auschwitz

7 Der Unternehmer Eugen Gutmann

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Stammbaum

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildnachweis / Impressum

1

Die Legende Eugen Gutmann …

Täglich soll Gutmann mit dem Elektroauto von seiner Villa im Tiergartenviertel in die Bank gefahren sein,[1] zuhause wartete sein schwarzer Pudel Lord auf ihn und während des Ersten Weltkriegs stellte er angeblich kurzerhand eine Kuh in den Garten, um seinen Enkeln frische Milch geben zu können. In seinem Hause fanden die vornehmsten Gesellschaften statt, seine Frau und Töchter zählten zu den schönsten Frauen der wilhelminischen High Society und Gutmann selbst liebte es, sich als eine Art Bismarck des Banksektors zu inszenieren – eine gewisse Exzentrik umgab diesen Bankier definitiv und Legenden über ihn gibt es ausreichend.

Dagegen findet sich nur wenig Konkretes über den Bankier Eugen Gutmann, immerhin eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft im Kaiserreich. Dies mag mit der Dresdner Bank und ihrer Überlieferung zusammenhängen,[2] ist wohl aber auch im Naturell Gutmanns begründet, der in seiner Unternehmensführung eher spontan und impulsiv agierte und scheinbar keinen Wert darauf legte, seinen Kollegen, Untergebenen[3] und ganz zu schweigen Historiker*innen und Archivar*innen der Nachwelt seine Gedanken, Pläne, Motive und Ziele schriftlich zu hinterlassen.[4] Diese Überlieferungssituation mag ein Grund dafür sein, dass es bis dato an einer kritischen Biografie dieser schillernden Persönlichkeit mangelt.

Gutmanns Werdegang war auf den ersten Blick typisch für das private Bankwesen des Kaiserreichs: 1840 in Dresden als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Bankiersfamilie geboren, war er mit gerade einmal 32 Jahren an der Umwandlung des Bankhauses Michael Kaskel in die Dresdner Bank beteiligt. In den folgenden Jahren entwickelte er das Haus zu einer der größten und bedeutendsten Banken in Deutschland. Dies vollzog sich vor dem Hintergrund des Aufstiegs Berlins von der preußischen Hauptstadt zur Weltmetropole. Als alter Mann, dessen Karriere sich wesentlich im Kaiserreich vollzogen hatte, konnte Gutmann die neuen Herausforderungen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr bewältigen. Die Weimarer Zeit war – und so erging es vielen seiner Generation – nicht mehr seine Epoche.

Biografische Annäherung

„Eine Lebensgeschichte zu produzieren, das Leben als eine Geschichte zu behandeln, also als eine kohärente Erzählung einer bedeutungsvollen und gerichteten Abfolge von Ereignissen, bedeutet vielleicht, sich einer rhetorischen Illusion zu unterwerfen, einer trivialen Vorstellung von der Existenz.“[5]

Derart umriss Pierre Bourdieu in seiner „Biographischen Illusion“ die wesentlichen Herausforderungen moderner Biografik. Folgt man dieser Einschätzung wäre es also von Beginn an ein heikler Versuch, einen sozusagen roten Faden in Gutmanns Leben erkennen und nachzeichnen zu wollen. Am Ende bliebe die Erkenntnis, dass viele Entwicklungen in Gutmanns Leben eher Zufälle als große, langfristige Pläne waren, die erfolgreich umgesetzt wurden oder eben nicht – die „kohärente Erzählung einer bedeutungsvollen und gerichteten Abfolge von Ereignissen“ gibt es in einer Biografie letztlich nicht, auch wenn Eugen Gutmann und die Dresdner Bank sich über Jahrzehnte redlich bemühten, Gutmanns Lebensweg in Form einer „rhetorischen Illusion“ als eine solche stringent verlaufende Erfolgsgeschichte darzustellen.

Daher steht das Unterfangen, eine Biografie einer Persönlichkeit wie Gutmann zu verfassen, vor der Herausforderung, dass weder eine Apologetik noch eine Mythologisierung der Person stattfinden darf. So stellte bereits Dieter Ziegler bei ersten biografischen Annäherungen an Eugen Gutmann fest, dass es ein Leichtes sei, diesen Mann, dem Zeitgeist der vorletzten Jahrhundertwende entsprechend, in mythisch anmutender Weise als großen Mann großer Taten darzustellen.[6] Weder handelte es sich bei Eugen Gutmann um einen Mythos noch gab es den einen großen Plan, den er versuchte, Zeit seines Lebens umzusetzen.

Der Anspruch der Arbeit ist stattdessen, sich Eugen Gutmann als Unternehmer in seiner Zeit anzunähern, das heißt vor allem den zeitgeschichtlichen Kontext und dessen Bedeutung für Gutmanns Werdegang mitzudenken. Zu dieser Betrachtung Gutmanns werden partiell Aspekte des Unternehmerkonzeptes nach Alois Schumpeter einbezogen.[7] Hiernach ist ein Unternehmer nur derjenige, der Innovation, also eine neue Kombination der Geschäftsvorgänge, durchsetzt. Dieser innovative Unternehmer erhält durch seinen Erfolg Nachahmer, die seine ursprüngliche Innovation adaptieren.[8] Wohlwissend, dass Schumpeters Theorien umstritten sind und er zudem über seine sozusagen „allgemeine Unternehmertheorie“ hinausgehend sich nochmals dezidiert mit der Rolle des Kreditgebers befasste und somit einen speziellen Blick auf den Finanz- und Bank sektor richtete, dient er im Folgenden aus zweierlei Gründen als Impulsgeber:[9] Erstens konzipierte Schumpeter seine Theorie anhand jener Unternehmergeneration, der Gutmann angehörte. Es waren also Unternehmer – zu dieser Zeit tatsächlich ausschließlich Männer – häufig von ähnlichem Alter, Herkunft und Werdegang, die um 1900 die wirtschaftlichen Führungsrollen in Deutschland ausübten und anhand deren Beispiel Schumpeter seine Theorie formulierte.[10] Diese biografische Nähe macht die Schumpetersche Theorie brauchbar als Impulsgeber für eine Betrachtung Gutmanns. Schumpeter unterschied zweitens bewusst zwischen Kapitalist und Unternehmer, danach ist der Unternehmer nicht zwangsläufig derjenige, der auch das Kapital zur Verfügung stellt. Ein Unternehmer kann entsprechend auch ein angestellter Manager sein. Entscheidend ist das Verhalten des Unternehmers. Da es sich bei Gutmann um einen solchen angestellten Manager-Unternehmer handelte, was – wie zu zeigen ist – nicht immer offensichtlich in seinen Handlungen war, scheint dieser Theorieansatz auch in dieser Hinsicht für die vorliegende Arbeit dienlich.

Porträt Eugen Gutmann; undatiert

Zum Mythos dieses Unternehmers Eugen Gutmann gehört auch, dass letztlich wenig gesichertes Wissen über ihn überliefert ist. Schon die eingangs genannten Anekdoten vom Elektroauto über die Kuh im Vorgarten zeigen, dass es zwar viele Geschichten über Gutmann gibt, aber wenig Geschichte tatsächlich anhand von Quellen tradiert wurde. Die Überlieferung der Dresdner Bank zu Eugen Gutmann ist entsprechend eher dünn und obwohl der Mythos des Mannes über Jahrzehnte aufrecht erhalten wurde, sucht man Korrespondenzen aus seinem Büro oder gar persönliche Ausführungen vergebens. Stattdessen musste für diese Arbeit das herangezogen werden, was über Gutmann geschrieben wurde: In Ministerien und anderen Banken, in Zeitungen und anderen zeitgenössischen Schriften.[11] Die wertvollste Quelle stammt von dem Dresdner Bank-Vorstand Felix Jüdell, der als Kollege und Zeitgenosse Gutmann persönlich sehr gut kannte. Jüdell (1854–1938) war von 1897 bis 1925 Mitglied im Vorstand der Dresdner Bank und gehörte anschließend bis 1931 dem Aufsichtsrat der Bank an. 1929 veröffentlichte er in Manuskriptform eine Geschichte des Instituts von dessen Gründung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in die er nicht nur persönliche Erinnerungen einfließen ließ, sondern auch eine Reihe von Dokumenten heranzog und zitierte, die heute nicht mehr verfügbar sind.[12]

Neben diesem Blick auf den Unternehmer Gutmann gilt es, die Frühgeschichte der Dresdner Bank einzubeziehen, die untrennbar mit Gutmanns eigenem Werdegang verbunden ist. Hierzu wird auf den breiten wissenschaftlichen Forschungsstand über das beginnende Zeitalter der Großbanken[13] und den hier vorherrschenden Führungsstil[14] zurückgegriffen. Ferner gibt es Untersuchungen zur Deutschen Bank oder zur Commerzbank,[15] aber auch zu nicht mehr bestehenden Banken, wie etwa der Darmstädter Bank,[16] die den wirtschaftlichen Kontext beschreiben, in dem Gutmann agierte.

Felix Jüdell (1854–1938) war Dresdner Bank-Vorstand und Zeitgenosse Eugen Gutmanns.

Nicht zuletzt gehört die Geschichte Eugen Gutmanns und seiner Familie, die hier zumindest teilweise behandelt wird, zur wechselvollen deutsch-jüdischen Geschichte. So werden eine Reihe von Darstellungen herangezogen, welche die Stellung von Juden, ihre rechtliche und soziale Lage im Kontext der christlichen Mehrheitsgesellschaft, thematisieren.[17] Ebenso befasste sich die Bürgertumsforschung intensiv mit der Stellung jüdischer Familien im Großbürgertum des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts,[18] und findet entsprechend Berücksichtigung in der vorliegenden Studie.

Darüber hinaus bildet eine Vielzahl von Publikationen über Bankiers und zum Bankwesen um die Jahrhundertwende den Rahmen für die vorliegende Untersuchung: Verwiesen sei auf Biografien von Bankiers, wie beispielsweise Friederike Sattlers Studien über Ernst Matthiensen und Alfred Herrhausen,[19] die Biografie Jürgen Pontos von Ralf Ahrens und Johannes Bähr[20] oder die Monografie über den Deutsche Bank-Vorstand Oscar Wassermann,[21] die in unterschiedlichen Epochen zeigen, wie Bankiers gesehen werden und gesehen werden wollten. Für das 19. Jahrhundert existiert eine Reihe von Darstellungen bekannter Privatbankiers wie Gerson von Bleichröder[22], oder Studien über ganze Familien wie Bethmann[23], Mendelssohn[24], Rothschild[25] oder Warburg.[26] Diese Bankhäuser und Bankiers repräsentierten das unmittelbare gesellschaftliche und berufliche Umfeld Gutmanns.

Ausgehend von diesem Forschungsstand sowie den theoretischen Überlegungen gliedert sich die vorliegende Arbeit in fünf Hauptteile (Kapitel 2 bis 5), die jeweils einen Aspekt aus Gutmanns Leben beleuchten. Kapitel zwei handelt von Eugen Gutmanns Herkunft, wobei ein besonderes Augenmerk auf das Milieu jüdischer Privatbankiers im 19. Jahrhundert gelegt wird. Im dritten Kapitel werden der frühe Aufstieg der Dresdner Bank und Gutmanns Anteil an dieser Erfolgsgeschichte behandelt. Konkret geht es hier um die Gründung der Bank, den von Gutmann forcierten Gang der Dresdner Bank nach Berlin und deren dortige Etablierung. Während im dritten Kapitel gezielt Gutmanns unternehmerische Erfolge betrachtet werden, stehen in Kapitel vier seine unternehmerischen Rückschläge bzw. Misserfolge im Fokus. Das fünfte Kapitel befasst sich näher mit Gutmanns Habitus, wie er anhand der vorhandenen Überlieferung gezeichnet wird: Es wird sein patriarchalischer Führungsstil, seine Familie und seine Rolle im familiären Gefüge betrachtet, Gutmann als Kunstsammler und Mäzen in Augenschein genommen und schließlich seine gesellschaftliche Stellung beleuchtet. Das sechste Kapitel handelt von Gutmanns letzten Jahren und dem Niedergang der einstigen Führungspersönlichkeit. Hier werden ferner sein Nachleben, das heißt zum einen seine Bedeutung in und außerhalb der Bank im Wechsel der Zeiten, und zum anderen das Schicksal seiner Familie nachgezeichnet. Im siebten und letzten Kapitel sollen die bisherigen Überlegungen über Gutmanns Unternehmerschaft wieder aufgenommen und eine abschließende Einschätzung des Bankiers und Menschen Eugen Gutmann versucht werden.

2

„Bitte ergebenst mir das Bürgerrecht der Stadt Dresden zu ertheilen“[27] – Eugen Gutmanns Herkunft

Der als Bismarck-Porträtist bekannt gewordene Maler Franz von Lenbach malte im Jahr 1897 auch Eugen Gutmann, und die auffallende Ähnlichkeit der Dargestellten war nicht zufällig. Gutmann gefiel es offensichtlich, sich in der Weise des Reichskanzlers zu präsentieren. Tatsächlich hatten beide Männer – jeweils in ihrem Metier – einen beträchtlichen Anteil an der Erfolgsgeschichte des deutschen Kaiserreichs im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Bismarck hatte wie kein anderer die deutsche Einigung vorangetrieben, Gutmann zählte zu den Machern des ökonomischen Erfolgs im Kaiserreich. Doch betrachtet man die Männer genauer, so stechen die Unterschiede ins Auge. Vor allem die familiäre Herkunft beider Männer divergiert: Während sich Bismarcks Adelsfamilie bis mindestens ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lässt,[28] stammen die ersten Hinweise auf die jüdische Familie Gutmann aus dem frühen 19. Jahrhundert und sind weitaus weniger glanzvoll. Eugen Gutmann war in seiner Jugend als Jude rechtlicher Diskriminierung unterworfen, in seiner Familie wurde ihm zeitweise die Teilhabe am Bankgeschäft versagt und seine ersten beruflichen Schritte waren wenig erfolgreich – Aspekte seiner Biografie, die in manchen, eher „hagiografischen“ Darstellungen keine oder nur am Rande Erwähnung finden.

2.1 „Der Bankier Bernhard Gutmann lieh früher Geld gegen hohe Zinsen“

August der Starke hatte Ende des 17. Jahrhunderts die Ansiedlung von Juden in Sachsen forciert, da er sich hiervon wirtschaftliche Vorteile für Sachsen erhoffte. Noch 1772 wurde der jüdischen Gemeinde auferlegt, nur in der Altstadt von Dresden zu wohnen, was einer Ghettobildung gleich kam. Die Historikerin Simone Lässig beschreibt, dass die Dresdner Juden im späten 18. Jahrhundert vor allem von Armut und Kriminalität geprägt gewesen seien und zudem wenige reiche Familien „willkürlich über ärmere Familien herrschen […] würden.“[29] Erst im Zuge von Aufklärung und jüdischer Haskala, vor allem aber der bürgerlichen Revolution 1830, verbesserte sich die Lage der jüdischen Minderheit in Dresden. 1834 entfiel das sogenannte Personensteuerausschreiben für Juden und in der Folge wurden Juden und Christen gleich besteuert; dies galt ebenfalls für die Gewerbesteuer.[30] 1837 wurden schließlich jüdische Religionsangelegenheiten an das Kultusministerium übertragen, wodurch die jüdische Gemeinschaft nicht nur eine rechtliche Grundlage zur Religionsausübung erhielt, sondern vor allem für organisatorische Angelegenheiten, wie beispielsweise dem Bau eines Synagogengebäudes, eine legale Basis erhielt.[31] Im gleichen Jahr war es schließlich Juden möglich, in Dresden die Ortsbürgerrechte zu erhalten, wobei sich die tatsächliche Erlangung dieses Bürgerrechts oft schwierig gestaltete.[32]

Im Jahr 1836 zeigte ein gewisser Anton Gutmann, damals 24 Jahre alt, den Tod seiner Eltern, des „Israeliten“ Moses Gutmann und seiner Ehefrau Judith Gutmann, geborene Löbel, in den Jahren 1836 und 1834 an.[33] Er hatte bereits eine Vermögensabgabe in Höhe von 500 Talern zu leisten, was auf ein recht ansehnliches Vermögen schließen lässt,[34] und bat nun um Erlaubnis, ein eigenes Geschäft zu führen sowie zu heiraten. Anton Gutmann machte nicht nur Angaben über sein Vermögen, sondern auch über seine familiäre Situation, indem er seine sieben jüngeren Geschwister auflistete, unter ihnen der 1815 geborene Bernhard Gutmann, Eugen Gutmanns künftiger Vater.

Einige Jahre nach Anton Gutmann versuchte auch sein Bruder Moritz Gutmann das Bürgerrecht zu erlangen, was trotz verbesserter rechtlicher Lage ein langwieriger Prozess war. Der 1825 geborene Moritz Gutmann führte ein Goldbearbeitungsgeschäft, also eine Goldschmiede, und bemühte sich ab 1851 mehrmalig um das Bürgerrecht der Stadt Dresden. 1851 wurde Moritz Gutmann abgewiesen mit der Begründung, dass er zunächst seine Meisterprüfung absolvieren solle.[35] 1854 wurde das Bürgerrecht schließlich unter Zutun der Goldschmiedeinnung, die sich für ihn aussprach, gewährt. Außerdem wurde ihm die Konzession zum Porzellan- und Steinguthandel erteilt.[36] In seinem Gesuch um Bürgerrecht und Konzessionserteilung führte er unter anderem 2000 Taler Kapital aus dem Nachlass seines Vaters an, die sich in der Verwahrung seines Bruders Bernhard Gutmann befänden.[37] Vieles spricht dafür, dass das vorhandene Vermögen einen positiven Einfluss auf die Verleihung des Bürgerrechtes hatte. Ähnlich war es wohl bei Bernhard Gutmann, der bereits ein Jahr zuvor, am 17.12.1850, sein Bürgerrecht erhalten hatte.[38] Dass Bernhard das Vermögen seines Bruders verwahrte, lässt darauf schließen, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits als Bankier tätig war.

Der Bankier Bernhard Gutmann (1815–1894) war Eugens Vater; (Simon Goodman).

Die Beispiele Anton sowie Moritz Gutmann zeigen, dass die Gutmanns am Anfang des 19. Jahrhunderts zu den wohlhabenden jüdischen Familien in Dresden zählten. Darauf verweisen auch die spärlichen Informationen, die über den jungen Bernhard Gutmann überliefert sind. Er war in den 1830er Jahren Teil einer relativ kleinen, aber sehr engagierten Gruppierung in der jüdischen Gemeinschaft, die sich für eine reformierte Religions- und Gemeindepraxis einsetzte. Bernhard Gutmann war Mitglied der sogenannten Union, einem 1833 gegründeten jüdischen Geselligkeitsverein, dessen Ziel „das Fortschreiten der Cultur und die moralische Bildung der Juden“[39] war. Darüber hinaus war er wohl an der Gründung der Zeitschrift Akrothinia beteiligt. Diese befasste sich in deutscher, französischer und lateinischer Sprache sowie Übersetzungen aus dem Hebräischen ebenfalls mit dem neuen jüdischen Bildungsgedanken einer umfassenden Bildung, die über das Religiöse, aber auch das rein praktische der Erwerbstätigkeit hinausging.[40]

Bemerkenswert ist auch, dass Bernhard Gutmann einer der wenigen jüdischen Gymnasiasten in Dresden war;[41] ein weiterer Hinweis auf einen gewissen Wohlstand der Familie. Die Bedeutung der Gutmanns lässt sich ferner daran erkennen, dass die Familie hohe Ämter in der jüdischen Gemeinde innehatte.[42] In Summa gehörte der junge Bernhard Gutmann also in den 1830er Jahren einer rechtlich diskriminierten Minderheit an, hatte aber innerhalb dieser Minderheit eine durchaus privilegierte Stellung. Bernhard Gutmann zählte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu jenem Personenkreis, der diese Verbesserung vorantrieb und von ihr profitierte.

Mitte der 1830er Jahre machte sich Bernhard Gutmann selbstständig und gründete eine Familie. Marie Lederer, Gutmanns künftige Braut, stammte nicht aus Dresden, sondern aus dem böhmischen Libochovice. Bereits seit dem 16. Jahrhundert lebten hier jüdische Familien. Mitte des 19. Jahrhunderts waren 15 Prozent der Einwohner, etwa 260 Personen, jüdisch. In den folgenden Jahren wurde die jüdische Gemeinde jedoch wieder kleiner, da viele Familien abwanderten.[43] Auch die Familie Lederer muss Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Heimatstadt zumindest zeitweise verlassen haben. Noch für das Jahr 1825 belegt aber ein Schulzeugnis Marie Lederers, dass sie in Libochovice ansässig war.[44] Nur einige Jahre später, im November 1836, hinterlegten Marie und ihr Vater Marcus Lederer bei Bernhard Gutmann 100 Gulden, womit die künftige Ehe zwischen Marie und Bernhard Gutmann besiegelt wurde.[45] Kurz darauf bat Bernhard Gutmann um die Genehmigung zur Gründung einer „Oeconomie“ sowie um die Verehelichung mit Marie Lederer.[46]

Ratsakte über Bernhard Gutmann, 1836 (Stadtarchiv Dresden)

Offensichtlich handelte es sich, wie in dieser Zeit üblich, um eine arrangierte Ehe, die ökonomischen und gesellschaftlichen Zwecken diente, und nicht aus Liebe eingegangen wurde. Auf die Entwicklung des jüdischen Finanzsektors bezogen hat der Historiker Boris Barth diese Heiratspolitik als ein Charakteristikum jüdisch-deutscher Finanzhäuser im 19. Jahrhundert gekennzeichnet. Genau wie die Gründung von Tochterinstituten durch Familienmitglieder dienten die arrangierten Ehen der Schaffung oder Erweiterung von Geschäftsbeziehungen.[47] Auch die eingebrachte Mitgift fungierte entsprechend als Grundlage einer Geschäftstätigkeit. Noch knapp 100 Jahre später hielt Eugen Gutmann an dieser weit verbreiteten Praxis fest und bestand gegenüber seinen Söhnen darauf: „Die materielle Seite bei einer Verheiratung darfst Du nicht außer Acht lassen.“[48]

Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kam der jüdischen Ehefrau ferner die wichtige Aufgabe zu, die jüdische Tradition zu wahren, oblag es doch ihr, als Vorsteherin des Haushaltes, jüdische Feste und Feiertage, Rituale und Speisevorschriften einzuhalten, sozusagen darauf zu achten, dass die jüdische Religion im Alltag gelebt wurde. Zudem hatte die jüdische Ehefrau dafür Sorge zu tragen, dass die Kinder im Sinne der Gemeinschaft korrekt erzogen wurden; dies bedeutete, dass die Jungen zu ökonomisch und gesellschaftlich erfolgreichen Männern sowie die Mädchen zu Ehefrauen und Müttern im oben beschriebenen Sinne erzogen wurden.[49]

Bernhard Gutmann und Marie Lederer heirateten schließlich am 20. Juni 1837 in Libochovice,[50] weshalb davon auszugehen ist, dass Maries Familie zu diesem Zeitpunkt noch immer oder wieder dort ansässig war. Beide stammten wohl aus dem gleichen Milieu: Maries Vater war mutmaßlich auch Bankier oder zumindest teilweise im Geldverleih tätig. Weiter sprechen die Tatsachen, dass die Familie 100 Gulden Mitgift zahlen sowie eine Hochzeit in der Heimatstadt ausrichten konnte, durchaus für die gute Stellung der Familie Lederer.

Marie und Bernhard Gutmann starteten 1837 also durchaus aussichtsreich in ihr gemeinsames Leben. In den folgenden Jahren brachte Marie 13 Kinder zur Welt, von denen immerhin 10 das Erwachsenenalter erreichten.[51] Drei Jahre nach der Heirat, am 24. Juni 1840, wurde Eugen Gutmann als drittes Kind geboren.[52] Sein Geburtsort lautete Dresden und Bernhard Gutmanns Berufsbezeichnung in der Geburtsurkunde war Bankier – offensichtlich hatte sich die Familie also in Dresden angesiedelt und Bernhard Gutmann ein Bankiersgeschäft eröffnet. Der Name der Bank lautete schlicht Bankhaus Bernhard Gutmann und war so erfolgreich, dass Bernhard Gutmann recht schnell eine große Villa in der bevorzugten Dresdner Lage an der Bürgerwiese erwarb.[53] Als geachtetes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft gehörte Bernhard Gutmann dem Synagogenvorstand sowie dem jüdischen Wohltätigkeitsverein an.[54]

Bernhard Gutmann erwarb 1874 Schloss Schönfeld bei Dresden; von 1895 bis 1916 gehörte es seinem Sohn Alfred.

In einem Polizeibericht späterer Jahre äußerte man sich dagegen leicht despektierlich über Bernhard Gutmanns Anfänge als Bankier:

„Der Bankier Bernhard Gutmann lieh früher Geld gegen hohe Zinsen und gründete später ein Bankiergeschäft, in welchem er unter Mithilfe seines sehr reichen Schwiegersohnes, den aus Berlin stammenden, aber jetzt hier lebenden Getreidehändlers Baruch Heller sehr viel Geld verdient hat.“[55]

Dem Bankier Bernhard Gutmann wurde also in dem aus den 1870er Jahren stammenden Polizeibericht unterstellt, hohe Zinsen verlangt zu haben. Eine antisemitische Konnotation ist hier nicht zu überlesen, doch ohne Zweifel schien Gutmann zu einem gewissen Vermögen gekommen zu sein, was sich auch daran ablesen lässt, dass er um 1874 das Schloss Schönfeld in Dresden erwerben konnte.[56] Dass Bernhard Gutmann ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert erwarb, entbehrt nicht einer gewissen Symbolkraft für die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert. Doch handelte es sich bei Bernhard Gutmann keineswegs um einen Juden, der danach drängte, sich zu assimilieren und die eigene Kultur oder sogar Religion aufzugeben: Bernhard Gutmann hielt bis zu seinem Tode 1895 an seiner jüdischen Religion fest und gehörte innerhalb seiner Gemeinde zu den traditionellen und konservativen Kräften.[57] Ferner zeigt sich an dem zitierten Polizeibericht erneut die Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen und strategisch günstiger Ehen, war es doch der Schwiegersohn, der Bernhard Gutmann als erfolgreicher Geschäftspartner diente.

Über Eugen Gutmanns frühe Jahre ist wenig bekannt. Er war von den zehn überlebenden Gutmann-Geschwistern der älteste Sohn.[58] Ihm folgten die Brüder Max Gutmann (1841–1905) und Alfred Gutmann (1850–1923).[59] In einem Polizeibericht aus dem Jahr 1898 hieß es über die Brüder: „Ein Bruder von ihm [Eugen Gutmann, L.H.] lebt als Banquier und sächsischer Consul in Dresden und der andere als Rittergutsbesitzer in der Nähe von Dresden.”[60] Sie verbrachten also beide ihr späteres Leben in und um Dresden, und sollten – wie weiter unten noch näher ausgeführt wird – beruflich im väterlichen Bankhaus verbleiben. Neben den Brüdern ist in den Geburtsregistern der jüdischen Gemeinde die Geburt der Schwester Antoine Gutmann im Jahr 1848 überliefert.[61]

Bescheinigung der jüdischen Gemeinde (1872), dass Eugen Gutmann am 23. Juni 1840 (sic!) in Dresden geboren wurde.

Die Gutmanns waren eine traditionell jüdische Familie, weshalb davon auszugehen ist, dass Eugen Gutmann eine jüdische Schule besuchte. Dieser Schulbesuch führte aber nicht zu einer tiefen religiösen Prägung Gutmanns. So soll er zeit seines Lebens weder ein regelmäßiger Synagogenbesucher noch nach seiner Konversion zum Christentum ein Kirchenbesucher gewesen sein;[62] Religion und Glaube scheinen bei Gutmann keinen großen Stellenwert eingenommen zu haben.

Welchen Schulabschluss Gutmann letztlich erlangte, ist nicht überliefert. Auch ist nicht bekannt, ob er wie sein Vater das Gymnasium besuchte. Nähere Informationen über Eugen Gutmanns frühen Werdegang beinhaltet ein Polizeibericht aus dem Jahr 1873, der anlässlich Gutmanns Ernennung zum königlich italienischen Konsul ausgestellt wurde:

„Eugen Gutmann hat im Geschäft seines Vaters gelernt und bis zum Jahre 1865, wo ihn letzterer angeblich wegen liederlichen Lebens und Schuldenmachens hier weg schickte, gearbeitet. In der Zeit von 1865 bis 1870 hat sich Eugen Gutmann in Wien und Pest [d.h. Budapest, L.H.] aufgehalten […] und hat zuletzt in Pest unter der Firma Gutmann & Weil einen Fruchthandel betrieben. Während der Kriegszeit 1870/71 hat er mit seinem jüngeren Bruder Max sich mit Lieferungsgeschäften für die deutschen Armeen befasst, später ein Bankiergeschäft hier angefangen, dasselbe aber nach Annahme des ihm offerierten Direktoriums der Dresdner Bank wieder aufgegeben.“[63]

Hier wird einiges über Eugen Gutmann mitgeteilt, das sich in den Zeugnissen der Dresdner Bank oder in Zeitungen des Kaiserreichs wie auch der Weimarer Republik nicht finden lässt. Nach diesem Bericht fiel Eugen Gutmann der Einstieg in ein erfolgreiches Berufsleben schwer. Zwar wurde auch in anderen Überlieferungen erwähnt, dass sich Gutmann als Händler in Budapest versuchte, doch findet keine Erwähnung, dass Gutmann mehrere Versuche in unterschiedlichen Städten als Händler und Bankier unternahm. Bemerkenswert ist auch, warum Gutmann Heimatstadt und väterliches Bankhaus verließ: Sein Lebensstil passte offenbar nicht zu einem Privatbankier und den (Moral-)Vorstellungen seines Vaters. Es muss einen Disput in der Familie gegeben haben, der langfristig wirkte. Denn während seine jüngeren Brüder Max und Alfred im Bankhaus Gutmann tätig waren und später Teilhaber wurden, kehrte Eugen Gutmann nichts ins väterliche Bankgeschäft zurück.[64] Über diesen Zwist berichtete weder Gutmann noch seine Nachkommen. Dieser Zwist sollte wohl nicht für die Nachwelt überliefert werden.

Streifband des Bankhauses Günther & Rudolph, 1886

Eugen Gutmann absolvierte zunächst eine Lehre im Bankhaus Günther & Rudolph in Dresden.[65] Eine solche Ausbildung in einem anderen Bankhaus war in jener Zeit üblich. Auf diesem Wege sollten die künftigen Bankiers das Geschäft in allen Details kennenlernen und keine Privilegien als Sohn des Bankinhabers genießen. Laut der Presseüberlieferung berichtete Eugen Gutmann später über diese Tätigkeit, „wie er morgens als erster im Büro die Läden öffnen und staubwischen musste.“[66] Er betonte also in seiner künftigen Selbstdarstellung, dass er keine Privilegien genoss, hart gearbeitet und somit das Bankgeschäft auch von seiner wenig glanzvollen Seite kennengelernt hatte. In der Regel diente die Ausbildung bei einem befreundeten Bankhaus zudem der Netzwerkbildung und -stärkung. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass es sich bei Günther & Rudolph wohl nicht um ein jüdisches Bankhaus handelte. Der spätere Mitinhaber Henri Palmié (von 1881 bis 1902) war Nachfahre einer protestantischen Hugenottenfamilie.[67] Zu diesem Zeitpunkt waren die jüdischen Netzwerke – besonders im Bereich der Privatbanken – noch sehr stark. Man heiratete untereinander, man unternahm gemeinsame Geschäfte im In- und Ausland und unterstützte einander. Die Diasporaerfahrung und die damit einhergehende Mobilität vieler jüdischer Familien sorgten für weitverzweigte jüdische Familiennetzwerke, die über Stadt- und Landesgrenzen hinweg reichten.[68] Der Kontakt wurde aufrechterhalten und auch zu Handelszwecken genutzt. Hinzu kamen spezielle Kommunikationswege. Mit dem Jiddischen hatten Juden eine Art Universalsprache – zumindest für den west-osteuropäischen Raum – die es ihnen erlaubte, über normal vorherrschende Sprachgrenzen in Wort und Schrift zu kommunizieren. Solche Netzwerke waren auch deshalb so wichtig, weil Juden weiterhin rechtlichen Beschränkungen unterlagen. Beispielsweise wurde der sogenannte Judeneid in Dresden erst in den 1870er Jahren aufgehoben.[69] Auch danach wurden Juden weiterhin in der Regel vom Staatsdienst ausgeschlossen und man gestand der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht die gleichen Rechte zu wie den christlichen Konfessionen.[70] Das Netzwerk versprach gegenseitige Unterstützung und Schutz angesichts rechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung.

Eugen Gutmann meldete im September 1872 eine Firma unter seinem Namen beim Amtsgericht Dresden an (Sächs StA-D).

Dass Eugen Gutmann nun seine Karriere außerhalb dieses jüdischen Netzwerkes begann, verwundert: Möglicherweise hing es mit dem familiären Disput zusammen und Bernhard Gutmann wollte das „Enfant terrible“ nicht bei assoziierten Bankhäusern lernen lassen, um das eigene Haus nicht in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. Söhne international operierender Bankhäuser absolvierten in der Regel einen Teil ihrer Ausbildung bei Bankhäusern im Ausland. Die Beherrschung der englischen und französischen Sprache galt daher ebenso als obligatorisch, wie die Kenntnis von Finanz- und Handelsnormen in anderen Ländern.[71] Vergleichbares ist jedoch für Gutmann nicht überliefert. Offenbar beschränkten sich die Geschäftsbeziehungen des Bankhauses Gutmann auf die Region Sachsen. Auch die fehlende Überlieferung legt nahe, dass das Bankhaus an großen oder besonders prestigeträchtigen Geschäften jener Zeit nicht beteiligt war. Zugleich belegt Eugen Gutmanns Ausbildung bei Günther & Rudolph aber, dass die Familie Gutmann in die gesamte Bürgerschaft Dresdens gut integriert war, zu nichtjüdischen Vertretern zumindest des Wirtschaftsbürgertums ein gutes Verhältnis pflegte und eine gewisse Anerkennung genoss.

Um 1870/1871 kehrte Eugen Gutmann aus Budapest nach Dresden zurück. Am 10. September 1872 meldete er beim Amtsgericht Dresden die Firma Eugen Gutmann an, die am 25. Oktober ins Handelsregister eingetragen wurde. Die Firma sollte aber nur wenige Wochen bestehen, denn bereits am 2. Dezember 1872 folgte der Antrag auf Löschung (Eintrag vom 6. Dezember). Was war geschehen? Zwischenzeitlich war die Dresdner Bank gegründet worden und Eugen Gutmann hatte somit ein anderes Betätigungsfeld gefunden. Eine bedeutende Rolle spielte dabei die Familie Kaskel, auf die im folgenden Kapitel eingegangen werden soll.[72]

2.2 „Kammerjuden“

Der bisher beschriebene frühe Werdegang fand – rechtlichen Errungenschaften zum Trotz – für den Juden Eugen Gutmann in einer Sphäre relativer Ungleichheit und Ausgrenzung durch die christliche Mehrheitsgesellschaft statt. So wurde etwa erst durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes auch ausländischen Juden aus dem Bundesgebiet Gewerbefreiheit und Freizügigkeit gewährt.[73] Wie oben beschrieben mussten Dresdner Juden weiterhin den Judeneid leisten oder wurden von gewissen Berufszweigen ausgeschlossen. Diese Rechtsstellung implizierte ferner, dass die jüdische Minderheit relativ abgeschieden von der christlichen Mehrheitsgesellschaft lebte, das heißt – auch wenn man es sich leisten konnte – heirateten Jüdinnen und Juden untereinander, trafen sich in ihren eigenen Clubs und Gesellschaften, arbeiteten und verbrachten ihre Freizeit zumeist separiert von der christlichen Gesellschaft. Freilich gab es aber darüber hinaus innerhalb der jüdischen Gesellschaft große Unterschiede in Vermögen, Bildung und Lebensweise.

Die Gutmanns und die Kaskels gehörten der vermögenden Klasse in der jüdischen Gemeinde an, wobei die Kaskels und ihr Bankhaus erheblich höher anzusiedeln waren als das Bankhaus Gutmann.[74] Im Gegensatz zur Familie Gutmann erlangten Familie und Bankhaus Kaskel bereits im 18. Jahrhundert als sogenannte „Kammerjuden“ Bedeutung in Dresden.[75] Um 1750 war Jacob Kaskele, so die damalige Schreibweise, von Polen nach Dresden gekommen, wo er als Kaufmann tätig war. Er erhielt den Status eines sogenannten „Schutzjuden“ und war als Hoffaktor tätig. 1759 heiratete er die aus Polen stammende Philippine und gründete mit ihr eine Familie. Fast genau hundertundeins Jahre vor Gründung der Dresdner Bank, am 7. Dezember 1771, erhielt Kaskele durch den sächsischen Kurfürsten Friedrich August die Genehmigung zum Aufenthalt für sich und seine Familie in Dresden, und die Erlaubnis zur Ausübung eines Gewerbes.[76] In den nächsten hundert Jahren durchliefen Bank und Familie einen stetigen Aufstieg: Kaskele betrieb zunächst vornehmlich Getreidehandel, stieg aber in den folgenden Jahren in den Rüstungshandel ein. Schon 1772 wurde er zum Hofagenten ernannt, womit diverse Privilegien verbunden waren. Nach seinem Tod 1788 führte Kaskeles Ehefrau Philippine die Geschäfte ihres Mannes fort.[77] 1796 übernahm schließlich der zweitjüngste Sohn Michael Kaskele (1775–1845) die Geschäfte, nachdem er zuvor für diese Aufgabe frühzeitig für volljährig erklärt worden war. Danach firmierte das Haus unter dem Namen Bankhaus Michael Kaskel. Eine Schreibweise, die sich auch in der Familie und den überlieferten Akten ab circa 1800 durchsetzte.

Trotzdem er seine neun Kinder taufen ließ, blieb Michael Kaskel seiner Religion treu; eine Handhabung, wie sie auch bei anderen jüdischen Bankiers dieser Generation zu beobachten war. So ließ etwa der Bankier Marcus Warschauer, Gründer des künftigen Bankhauses Robert Warschauer & Co., in den 1810er Jahren seine Kinder taufen; er selbst und seine Ehefrau hielten jedoch an ihrem jüdischen Glauben fest.[78] Offensichtlich handelte es sich bei diesen Taufen nicht um religiöse Überzeugung, sondern um ein gesellschaftliches Zugeständnis. Die Väter erhofften sich durch die Taufe für ihre Kinder einen einfacheren, wahrscheinlich erfolgreicheren Lebens- und Karriereweg in der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Die Familie Gutmann schien solcherlei Gedanken nicht gehabt zu haben, was eine große Religiosität und Verhaftung im Judentum belegen mag, oder dafür spricht, dass die Gutmanns nicht in einer Position waren, höhere Aufstiegsmöglichkeiten durch eine Konversion in Betracht zu ziehen. Die jüdische Herkunft und die damit einhergehende rechtliche und faktische Benachteiligung – zumindest in den Anfängen des Bankhauses – ist ein Merkmal vieler Bankhäuser im frühen 19. Jahrhundert. Vielen Juden war kaum eine andere Erwerbsmöglichkeit als der Handel geblieben, aus Handelsgeschäften aller Art entwickelten sich teilweise frühe Bankhäuser und Bankiers, was langfristig zum hohen Anteil jüdischer Personen im Bank- und Handelssektor führte.[79]

Carl Kaskel (1797–1874), Inhaber des Bankhauses Kaskel, erhielt 1869 den erblichen Freiherren-Titel (SKD).

Früh schon wurden die Kaskels durch Konnubialverflechtungen Teil eines mehrere deutsche Staaten umfassenden Netzwerkes von Bankiersfamilien.[80] Die Ehen dienten offensichtlich der Etablierung und Festigung von Geschäftsverbindungen, wie sie auch von anderen jüdischen Privatbankiers im 19. Jahrhundert bekannt sind.[81] Die Zugehörigkeit zu diesem Netzwerk erklärte sich in erster Linie aus dem „jüdisch“ sein, wobei dies nicht ausschließlich als Religionszugehörigkeit verstanden wurde. Wie oben erwähnt, fanden innerhalb dieses jüdischen Kreises durchaus Konversionen statt, dennoch galten die Akteure weiterhin als „jüdisch“. Vielmals war dies eine Fremdzuschreibung, die mit gesellschaftlicher Ausgrenzung einherging. Der Historiker Boris Barth definierte gerade jene Verflechtungen als ein Charakteristikum jüdischer Bankiersnetzwerke, in denen die Bankiers über eine Konversion hinaus verhaftet blieben.[82] Fraglich ist, ob die Ehen innerhalb der jüdischen Kreise eingegangen wurden, weil es schlichtweg keine adäquaten potenziellen Ehepartner außerhalb der jüdischen oder ex-jüdischen Gemeinschaft gab, die bereit gewesen wären einen Juden oder eine Jüdin zu heiraten, oder ob die jüdischen Erben bewusst durch ihre Ehen untereinander Kapital, Know-how und eben Verbindungen zusammenhielten; man heiratete also nicht außerhalb des Netzes, weil hiervon kein Benefit für das Geschäft zu erwarten war.[83]

Wie beschrieben, entsprach das Bankhaus Kaskel in vielerlei Hinsicht anderen Bankhäusern des 19. Jahrhunderts; so war etwa die bankgeschäftliche Tätigkeit zunächst nur ein Geschäftszweig unter vielen. Carl Michael Ernst Kaskel (1797–1874), Sohn und Nachfolger von Michael Kaskel, war als Bankier sehr umtriebig und führte das Haus äußerst erfolgreich weiter: So profitierte das Bankhaus nicht nur von der engen Verbindung des Königreich Sachsens zur K.u.K.-Monarchie. Auch war die Bank an der Einführung diverser in- und ausländischer Anleihen und Wertpapiere in Dresden beteiligt. Carl Kaskel war ferner im Verwaltungsrat der Sächsischen Bank tätig sowie an der Gründung der Allgemeinen Deutschen Credit-Anstalt Leipzig (ADCA) beteiligt.