Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten - Wilhelm Blos - E-Book

Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten E-Book

Wilhelm Blos

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Beschreibung

Der 1927 verstorbene Blos reflektiert in dieser Autobiographie die Geschichte der Sozialdemokratie in Deutschland. Blos saß für die SPD im Reichstag und war württembergischer Staatspräsident.

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Seitenzahl: 869

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten

Wilhelm Blos

Inhalt:

Sozialdemokratie - Basiswissen zur Entstehung

Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten

Erster Band

Geleitsbrief.

Vorwort.

Kindheit und Schule

Kaufmännisches Intermezzo

Die »Schnellbleiche«

Die Hochschule.

Zöllner und Sünder

Journalistenfahrt am Bodensee

Der Schwarzwälder Bote

Würzburger Tage

Die Sozialdemokratie zu Nürnberg

Im neuen Reich

Braunschweiger Tage

Der Volksstaat

Sozialistenfahrt am Rhein und Main

Im alten Hamburg

Der Reichstag

Das Sozialistengesetz

Anhang

Arbeiterschutzgesetz von 1877.

Zweiter Band

Vorwort.

In Acht und Bann

Im alten Bremen

Neue Kämpfe

Das Norddeutsche Wochenblatt

Der Kopenhagener Kongreß

Im Schwabenland

Sozialreform, Spitzel und Anarchisten

Im Kampf mit der Reaktion

Der Dampfer-Subventionsstreit

Reichstagsauflösung und Faschingswahl

Die Parteitag in St. Gallen1

Cannstatter Tage

Die Achtundvierziger

Aus dem literarischen Schwaben

Die Wendung

Abbildungen

Bildanhang

Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten , W. Blos

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849607081

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Sozialdemokratie - Basiswissen zur Entstehung

Diejenige sozialistisch-politische Richtung und Partei, die für die Klasse der Lohnarbeiter die Herrschaft in einem demokratischen Staat erstrebt, um die sozialistischen Ideen und Forderungen verwirklichen zu können. Sie unterscheidet sich von dem Sozialismus hauptsächlich dadurch, dass sie in ihrem Programm auch bestimmte, sofort ausführbare gesetzliche Reformvorschläge im Interesse der untern Klassen aufstellt. Als Begründer der S. mag der Franzose Louis Blanc gelten. Die von ihm in den 1840er Jahren in Paris gegründete Arbeiterpartei war die erste sozialdemokratische. Dieselbe erlangte vorübergehend einen Einfluss auf die Politik in Frankreich dadurch, dass zwei ihrer Führer, L. Blanc und Albert, nach der Februarrevolution 1848 Mitglieder der provisorischen Regierung wurden; sie wurde mit andern radikalen Parteien in der Junischlacht 1848 besiegt. In Deutschland war der von F. Lassalle 23. Mai 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein die erste Organisation der S. Der einzige statutarische Zweck dieses Vereins war die »friedliche und legale« Agitation für das damals noch nicht in Deutschland bestehende allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht mit geheimer Abstimmung, um dadurch »eine genügende Vertretung der sozialen Interessen des deutschen Arbeiterstandes und eine wahrhafte Beseitigung der Klassengegensätze in der Gesellschaft« herbeizuführen Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, der unter der Präsidentschaft Lassalles nur einige tausend Mitglieder zählte und nach Lassalles Tod (31. Aug. 1864) unter unbedeutenden Führern (Bernhard Becker, Försterling, Mende, Tölcke u. a.) sich in verschiedene, sich gegenseitig bekämpfende Parteien spaltete, gelangte erst zu größerer Bedeutung, seit das von Lassalle geforderte allgemeine Wahlrecht 1867 durch Bismarck im Norddeutschen Bund eingeführt worden war und der begabte Literat J. B. v. Schweitzer 1867 die Leitung übernahm. Als Führer der Lassalleaner in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt, vertrat v. Schweitzer dort mit andern Sozialdemokraten die Sache der S. Schon unter seiner Präsidentschaft wurde das ökonomische und politische Programm des Vereins erweitert. Als jedoch die von Hasenclever und Hasselmann vertretene radikalere Richtung siegte, wurde v. Schweitzer 1871 als ein bezahlter Agent der preußischen Regierung verdächtigt und aus dem Verein gestoßen. Unter der Führung jener beiden Männer nahm die Mitgliederzahl, nachdem inzwischen das Wahlgesetz für den Norddeutschen Bund auch das für das Deutsche Reich geworden war, in kurzer Zeit enorm zu (1873 hatte der Verein schon über 60,000 Mitglieder und in 246 Orten Lokalvereine), wurde aber auch das ökonomische und politische Parteiprogramm radikaler (Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts für alle Staats- und Gemeindewahlen auf alle über 20 Jahre alten Personen, Abschaffung der stehenden Heere, Abschaffung aller indirekten Steuern und Einführung einer progressiven Einkommensteuer mit Freilassung der Einkommen unter 500 Tlr. und mit einem Steuerfuß von 20–60 Proz. für Einkommen über 1000 Tlr., Abschaffung der Gymnasien und höheren Realschulen, Unentgeltlichkeit des Unterrichts in allen öffentlichen Lehranstalten etc.). Hauptblatt des Vereins war der Berliner »Sozialdemokrat«. Die Forderungen und ganze Art der Agitation näherten sich immer mehr dem Programm und der Agitationsweise einer zweiten sozialdemokratischen Partei, die unter dem Einfluss von Karl Marx und der internationalen Arbeiterassoziation im August 1869 von Wilhelm Liebknecht und August Bebel begründet worden war. In der internationalen Arbeiterassoziation war seit 1866 die erste internationale und zugleich eine radikale und revolutionäre sozialdemokratische Partei entstanden (s. über deren Programm, Organisation und Agitation die Artikel »Internationale« und »Sozialismus«). Liebknecht und Bebel, Anhänger der Internationale, setzten, nachdem sie sich lange vergeblich bemüht hatten, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in das Lager der Internationale hinüberzuführen, auf einem allgemeinen Arbeiterkongreß in Eisenach im August 1869 die Gründung einer zweiten Partei, der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, durch, die sich ausdrücklich als deutscher Zweig der Internationale konstituierte. Die neue »Eisenacher« Partei (spottweise auch Partei der Ehrlichen genannt), vortrefflich organisiert und dirigiert (Hauptorgan der Leipziger »Volksstaat«), entfaltete namentlich seit Anfang der 1870er Jahre eine außerordentliche Rührigkeit. Nachdem die Reichstagswahl von 1874 gezeigt hatte, dass die bis dahin sich häufig bekämpfenden beiden Richtungen ungefähr gleich stark seien, und harte Polizeimaßregeln sie einander näher gebracht hatten, vereinigten sie sich 1875 auf dem Kongress in Gotha (22.–27. Mai) zur sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Das Gothaer Parteiprogramm, ein radikal-sozialistisches, stimmte in allen wesentlichen Punkten mit dem früheren Eisenacher Programm von 1869 überein, wenn es auch einige Konzessionen an die Lassalleschen Ideen enthielt. Der »Volksstaat« (später »Vorwärts«) wurde das Hauptorgan. Die Partei nahm bei der fast vollen Freiheit, die man ihr gewährte, einen großen Aufschwung. Nach dem Jahresbericht von 1877 verfügte sie über 41 politische Preßorgane mit 150,000 Abonnenten, außerdem über 15 Gewerkschaftsblätter mit etwa 40,000 Abonnenten und ein illustriertes Unterhaltungsblatt: »Die Neue Welt«, mit 35,000 Abonnenten. Ein Hauptagitationsmittel waren die besoldeten, redegewandten Agitatoren (1876: 54 ganz besoldete, 14 zum Teil besoldete) und die nicht besoldeten »Redner« (1876: 77). Bei den Reichstagswahlen stimmten für sozialdemokratische Kandidaten 1871: 124,655,1874: 351,952,1877: 493,288. Die ganze Agitation war seit 1870 eine entschieden revolutionäre; mit großem Geschick wurden in der Presse die radikalen sozialistischen und politischen Anschauungen der S. erörtert und in den Arbeiterkreisen der Klassenhass geschürt und revolutionäre Stimmung gemacht. Nachdem die Reichsregierung, um dieser Agitation, die zu einer ernsten Gefahr für den sozialen Frieden und das gemeine Wohl geworden war, wirksam entgegentreten zu können, im Reichstag vergeblich eine Verschärfung des Strafgesetzbuches versucht hatte, griff man nach den Attentaten von Hödel und Nobiling auf Kaiser Wilhelm (11. Mai und 2. Juni 1878), in denen man eine Folge jener Agitation erkennen musste, zu dem Mittel eines Ausnahmegesetzes gegen die S., und es erging das zunächst nur bis 31. März 1881 gültige Reichsgesetz (Sozialistengesetz) vom 21. Okt. 1878 »gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der S.« Es suchte die gefährliche, das öffentliche Wohl schädigende sozialdemokratische Agitation zu unterdrücken. Es verbot daher bei Strafe Vereine, Versammlungen, Druckschriften sozialistischer, sozialdemokratischer oder kommunistischer Art; Personen, die sich die sozialdemokratische Agitation zum Geschäft machten, konnten aus bestimmten Landesteilen ausgewiesen, Wirten, Buchhändlern etc. konnte aus dem gleichen Grunde der Betrieb ihres Gewerbes untersagt werden; auch konnte über Bezirke und Orte, in denen durch sozialdemokratische Bestrebungen die öffentliche Sicherheit bedroht erschien, der sogen. kleine Belagerungszustand mit Beschränkung des Versammlungsrechts und Ausweisung ansässiger Personen verhängt werden. Das Gesetz wurde 1880 wiederholt, zuletzt bis 30. Sept. 1890 verlängert. Von diesem Tag ab trat es außer Kraft. Das Gesetz hat nicht die Partei beseitigt, auch nicht die Zahl der Stimmen für sozialdemokratische Kandidaten bei den Reichstagswahlen auf die Dauer verringert (1881: 311,961, 1884: 549,990,1887: 763,128); aber seine strenge Handhabung hatte wenigstens für einige Jahre die in hohem Grade gefährliche und gemeinschädliche Art der Agitation, wie sie früher in der sozialdemokratischen Presse betrieben wurde, verhindert. In der deutschen S. sonderte sich seit 1878 immer entschiedener unter der Führung von Most und Hasselmann eine radikale Anarchistenpartei ab, deren Hauptorgan 1879 die von Most in London herausgegebene »Freiheit« wurde, und deren Mitglieder auch in Deutschland und Österreich eine Reihe von Attentaten gegen Beamte und von Raubmorden ausführten. Das Hauptorgan der deutschen S. und der ihr verbündeten internationalen S. wurde der seit Oktober 1879 in Zürich erscheinende »Sozialdemokrat«. Zu einer definitiven Spaltung zwischen den Anarchisten und der sogen. gemäßigten, aber noch immer radikalen und revolutionären Bebel-Liebknechtschen Partei kam es auf dem Kongress in Wyden (Schweiz) im August 1880, auf dem aber auch die »gemäßigte« Richtung aus dem Gothaer Programm in dem Satz, dass die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln ihre Ziele erstreben wolle, das Wort »gesetzlichen« strich. Nach dem 30. Sept. 1890 entwickelte sich unter den Sozialdemokraten Deutschlands alsbald eine rührige und erfolgreiche offene Agitation. Unmittelbar nach dem Erlöschen des Ausnahmegesetzes wurde ein Kongress der Partei nach Halle einberufen, die für dringend nötig erachtete Revision des Programms aber erst auf dem bald darauf (im Oktober 1891) stattfindenden Kongress in Erfurt vorgenommen. Das neue Programm bringt in einer Einleitung die allgemeinen Grundsätze, von denen ausgehend die sozialdemokratische Partei Deutschlands eine Reihe von Forderungen stellt, die noch auf der Grundlage der bestehenden Gesellschaftsordnung verwirklicht werden sollen, und gibt eine Kritik der letzteren, in der ausgeführt wird, dass die ökonomische Entwickelung mit Naturnotwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebs, zur Vergrößerung des Proletariats führe, und dass nur eine Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Produktion in eine sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene, Abhilfe gewähren könne. Die wesentlichsten Programmpunkte sind:

1) Allgemeines gleiches und direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen, Proportional-Wahlsystem, und bis zu dessen Einführung gesetzliche Neueinteilung der Wahlkreise nach jeder Volkszählung. Zweijährige Gesetzgebungsperioden. Vornahme der Wahlen und Abstimmungen an einem gesetzlichen Ruhetage. Entschädigung für die gewählten Vertreter. Aufhebung jeder Beschränkung politischer Rechte außer im Falle der Entmündigung.

2) Direkte Gesetzgebung durch das Volk vermittelst des Vorschlags- und Verwerfungsrechts. Selbstbestimmung und Selbstverwaltung des Volkes in Reich, Provinz und Gemeinde. Wahl der Behörden durch das Volk, Verantwortlichkeit und Haftbarkeit derselben. Jährliche Steuerbewilligung.

3) Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertretung. Schlichtung aller internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege.

4) Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung und das Recht der Vereinigung und Versammlung einschränken oder unterdrücken.

5) Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffentlicher und privatrechtlicher Beziehung dem Manne unterordnen.

6) Erklärung der Religion zur Privatsache.

7) Weltlichkeit der Schule. Obligatorischer Besuch der öffentlichen Volksschulen. Unentgeltlichkeit des Unterrichts.

8) Unentgeltlichkeit der Rechtspflege und des Rechtsbeistandes. Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter. Berufung in Strafsachen. Entschädigung unschuldig Angeklagte, Verhafteter und Verurteilter. Abschaffung der Todesstrafe.

9) Unentgeltlichkeit der ärztlichen Hilfeleistung einschließlich der Geburtshilfe und der Heilmittel. Unentgeltichkeit der Totenbestattung.

10) Stufenweise steigende Einkommen- und Vermögenssteuer zur Bestreitung aller öffentlichen Ausgaben, soweit diese durch Steuern zu decken sind. Selbsteinschätzungspflicht. Erbschaftssteuer, stufenweise steigend nach Umfang des Erbgutes und Entfernung der Verwandtschaft. Abschaffung aller indirekten Steuern, Zölle etc.

Zum Schutze der Arbeiterklasse fordert die sozialdemokratische Partei Deutschlands zunächst:

1) Eine wirksame nationale und internationale Arbeiterschutzgesetzgebung auf folgender Grundlage: a) Festsetzung eines höchstens 8 Stunden betragenden Normalarbeitstages; b) Verbot der Erwerbsarbeit für Kinder unter 14 Jahren; c) Verbot der Nachtarbeit, außer für solche Industriezweige, die ihrer Natur nach, aus technischen Gründen oder aus Gründen der öffentlichen Wohlfahrt, Nachtarbeit erheischen; d) eine ununterbrochene Ruhepause von mindestens 36 Stunden in jeder Woche für jeden Arbeiter; e) Verbot des Trucksystems.

2) Überwachung aller gewerblichen Betriebe, Erforschung und Regelung der Arbeiterverhältnisse in Stadt und Land durch ein Reichsarbeitsamt, Bezirksarbeiterämter und Arbeiterkammern. Durchgreifende gewerbliche Hygiene.

3) Rechtliche Gleichstellung der landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern; Beseitigung der Gesindeordnungen.

4) Sicherstellung des Koalitionsrechts.

5) Übernahme der gesamten Arbeiterversicherung durch das Reich mit maßgebender Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung.

Der Frankfurter Parteitag von 1894 wählte eine Agrarkommission zur Beratung der Frage, wie die Ideen der S. auf dem Lande verbreitet werden können, und zur Ergänzung des Programms mit Rücksicht auf die ländlichen Verhältnisse. Diese Agrarkommission tagte im Februar 1895 in Berlin, ohne indessen zu brauchbaren Resultaten gelangt zu sein.

Die Parteiorganisation ist äußerlich eine ziemlich lose, indem es wegen des geltenden Vereinsgesetzes der sozialdemokratischen Partei nicht möglich ist, sich als geschlossenen Verband von Vereinen zu organisieren. Deshalb wird ihr jede Person zugezählt, die sich zu ihren Grundsätzen bekennt. Oberstes Organ ist der jährlich zusammentretende Parteitag, zu dessen Teilnahme die Delegierten der einzelnen Reichstagswahlkreise, die Reichstagsabgeordneten und die Parteileitung berechtigt sind. Die Parteileitung, die auf dem Parteitag gewählt wird, besteht aus 12 Mitgliedern, von denen 5 mit der Geschäftsführung, die 7 andern mit der Kontrolle betraut sind. Aufgabe der Parteileitung ist es, den Zusammenhang mit den Vertrauensmännern in jedem Wahlkreis zu wahren, die Parteitage einzuberufen und die Parteipresse zu kontrollieren. Am 29. Nov. 1895 war durch Verfügung des Berliner Polizeipräsidenten wegen Verletzung des Vereinsrechts der Parteivorstand aufgelöst worden, weshalb die Leitung auf die sozialdemokratische Reichstagsfraktion überging und von einem provisorischen geschäftsführenden Ausschuss in Hamburg übernommen wurde. Nachdem aber die Hauptbeteiligten durch Gerichtsbeschluss freigesprochen wurden, entschied man sich auf dem Parteitage zu Hamburg 1897, den Sitz der Leitung wieder nach Berlin zu legen. Der Parteitag für 1896 fand vom 11.–16. Okt. in Gotha statt und beschäftigte sich mit Arbeiterschutz, Frauenagitation und Inneren Angelegenheiten; auf dem vom 4.–9. Okt. 1897 in Hamburg stattfindenden Parteitag wurde die Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen beschlossen. Weitere Parteitage wurden jeweils im Herbst: 1898 in Stuttgart, 1899 in Hannover, 1900 in Mainz, 1901 in Lübeck, 1902 in München, 1903 in Dresden, 1904 in Bremen, 1905 in Jena, 1906 in Mannheim, 1907 in Essen abgehalten. Die Einnahmen der Parteikasse betrugen 1905/06: 810,917 Mk., die Ausgaben: 880,496 Mk.

In neuerer Zeit haben sich in der deutschen S. wiederholt verschiedene Strömungen gezeigt, so die der »Jungen«, denen die Parteileitung zu terroristisch und das Vorgehen der Partei zu zahm war. Der schon auf dem Erfurter Parteitag 1891 zum Ausbruch gekommene Streit endete jedoch mit dem Siege der Parteileitung, die den Austritt der Führer der »Jungen« (Werner, Wildberger, Auerbach) durchsetzte. Anderseits suchte die Parteileitung gegen den Führer des rechten Flügels Vollmar auf dem Frankfurter Parteitag 1894 ein Mißtrauensvotum zu erreichen, weil dieser allzu sehr Optimist sei und das Hauptgewicht auf die Erreichung derjenigen Forderungen lege, die auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung erreichbar sind, konnte aber damit nicht durchdringen. Dazu kommt in der jüngsten Zeit eine gemäßigtere Richtung des wissenschaftlichen Sozialismus, die hauptsächlich von Bernstein vertreten wird und dem radikalen Marxismus gegenüber ein mehr sozial-reformatorisches Programm vertritt, das sich der bürgerlichen Demokratie nähert. Über die sozialdemokratischen Gewerkschaften s. Gewerkvereine, S. 803.

Die sozialdemokratische Presse hat seit 1890 einen erheblichen Aufschwung genommen. Vor Erlass des Sozialistengesetzes verfügte die Partei über 41 politische Zeitungen, 15 Gewerkschaftsblätter, 1 illustriertes Unterhaltungsblatt und 2 wissenschaftliche Zeitschriften. 1906 zählte sie: 78 politische und 67 Gewerkschaftsblätter. Offizielles Parteiorgan ist der »Vorwärts« (Beilage: Neue Welt). Andre bedeutende Blätter sind das »Hamburger Echo«, die »Leipziger Volkszeitung«, »Münchener Post«, »Rheinische Zeitung«. An wissenschaftlichen Zeitschriften hat die Partei die Wochenschrift »Die Neue Zeit« (redigiert von Kautsky), »Der sozialistische Akademiker« und die von J. Bloch redigierten »Sozialistischen Monatshefte« (Berl., seit 1897) und die »Dokumente des Sozialismus« (hrsg. von Bernstein, das., seit 1901); Unterhaltungsblatt ist »Die neue Welt«, Witzblätter: »Der wahre Jakob« und »Süddeutscher Postillon«. Sozialdemokratische Verlagshandlungen sind die des »Vorwärts« (Berlin), J. H. W. Dietz (Stuttgart), Auern. Komp. (Hamburg), M. Ernst (München), Wörlein u. Komp. (Nürnberg).

Über die Vertretung der S. im deutschen Reichstag vgl. die Karte »Reichstagswahlen«. Während von der Gesamtzahl aller Stimmen diejenigen, die auf sozialdemokratische Kandidaten entfielen, früher nur einen geringen Prozentsatz ausmachten, stellte sich 1893 der Anteil bereits nahezu auf ein Viertel.

Die Zahl der sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag betrug:

Die Zahl der für die S. abgegebenen Stimmen:

Die jüngste Wahl von 1907 hat, wie ersichtlich, der Partei nur einen verhältnismäßig geringen Stimmenzuwachs und eine starke Abnahme der Zahl ihrer Vertreter gebracht.

Auch in den meisten Landtagen, in vielen Gemeindevertretungen, Gewerbegerichten etc. befinden sich Sozialdemokraten. So zählt der bayrische Landtag zurzeit 15, der württembergische 15, der sächsische 2, der badische 11 Vertreter der S.

Die in der deutschen S. herrschenden marxistischen Prinzipien fanden allenthalben im Ausland, wenn auch mit mannigfachen Änderungen, Aufnahme; allerdings haben sie nirgends eine so feste Organisation erreicht wie in Deutschland. In Österreich hat die S. in der jüngsten Zeit überraschende Fortschritte gemacht. Nachdem die Wahlreform von 1896 durch Schaffung einer neuen (5.) Kurie im Jahre 1897: 14,1901: 10 Sozialdemokraten den Eintritt in den Reichsrat ermöglicht hatte, ist deren Zahl nach Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1907 plötzlich auf 87 gestiegen. Die Partei verfügt über zahlreiche politische, Fach- und sonstige Blätter, von denen das bedeutendste die von dem Hauptführer der Partei, Viktor Adler, geleitete »Wiener Arbeiterzeitung« ist. Das alte Hainfelder Programm von 1888 wurde auf dem Wiener Parteitag von 1901 einer Revision unterzogen. Vgl. Schwechler, Die österreichische S. (2. Aufl., Graz 1907). Auch in Ungarn nimmt die sozialdemokratische Agitation zu, obwohl die geringere industrielle Entwickelung und die Stärke der nationalen Bewegung ihre Ausbreitung erschweren. Doch sind es hier besonders die agrarischen Verhältnisse, die ihr in vielen Teilen des Landes Vorschub leisten. In Frankreich, wo 1848 die erste sozialdemokratische Bewegung stattfand, stritten sich lange Zeit die gemäßigte Richtung Louis Blancs und die anarchistische Proudhons um die Herrschaft. Doch gewann Ende der 1860er Jahre die letztere, vertreten durch Tolain und Langlois, den Sieg. Das zeigte sich namentlich in der Pariser Kommune. Seitdem hat auch der Marxismus, besonders infolge der energischen Anstrengungen J. Guesdes und P. Lafargues, große Fortschritte gemacht. Namentlich hat die 1890 unter den Possibilisten, einer gemäßigten sozialistischen Reformpartei, ausgebrochene Spaltung, der zufolge sie sich in Allemanisten und Broussisten, nach den Führern Alleman und Brousse, schieden, der Partei Guesdes (»Le Parti ouvrier«) neue Anhänger zugeführt Neben der Arbeiterpartei (parti ouvrier) gehören noch das revolutionäre Zentralkomitee (comité révolutionaire central) und die nationale Vereinigung der Arbeitersyndikate Frankreichs (fédération nationale des syndicats ouvriers de France) der extremen Richtung an. Bei der Wahl von 1893 wurden 49 Sozialisten (1885: 2), einschließlich der sozialistischen Radikalen, bei der von 1902: 48 gewählt. Auch bei den letzten Gemeinderatswahlen sind viele Sozialisten gewählt worden, so dass sie in einigen großen Städten die Majorität in der Stadtverwaltung besitzen. 1901 bildeten sich zwei große Parteien: die Französische sozialistische Partei, welche die Allemanisten und Broussisten, und die sozialistische Partei Frankreichs, welche die übrigen Gruppen einschließt. Die Wahl von 1906 ergab 76 sozialistische Deputierte. Die bedeutendsten sozialistischen Zeitschriften sind: »Le Socialiste«, »Revue socialiste« und »Devenir social«. Weit stärker noch und fester organisiert ist die sozialdemokratische Bewegung in Belgien. Unter der Führung de Paepes und Volders' breitete sie sich in den 1880er Jahren und wieder in der jüngsten Zeit als Belgische Arbeiterpartei unter Anseele, Vandervelde, Defuisseaux und Bertrand weit aus. Nach Einführung des allgemeinen Stimmrechts vermochte sie bei den Wahlen von 1894 sofort 32 Abgeordnete in die Repräsentantenkammer zu senden. Bei den im Juli 1896 stattgefundenen Wahlen wurden 41 sozialistisch-radikale Abgeordnete gewählt. In der Folge ist ihre Zahl etwas gesunken (1900: 31,1902: 34,1906: 30 Abgeordnete). Die wichtigsten Zeitungen sind: »Le Peuple« (Brüssel), »Vooruit« (Gent), »De Werker« und »L'Echo du Peuple«. Die bedeutende Blüte der belgischen S. erklärt sich zum Teil daraus, dass diese mehr als die S. in andern Ländern die Schöpfung von Gewerkvereinen und Wirtschaftsgenossenschaften betreibt und namentlich auf dem Gebiete des Konsum- und Produktivgenossenschaftswesens große Erfolge erzielt hat.Vgl. Destrée und Vandervelde, Le socialisme en Belgique (2. Aufl., Brüss. 1903); Bertrand, Histoire de la démocratie et du socialisme en Belgique (das. 1905).In England gab es zwar in den 1830er und 40er Jahren schon mächtige Arbeiterbewegungen sozialistischer Natur, so der Chartismus und die von Owen hervorgerufene, allein eine sozialdemokratische Partei konnte erst Anfang der 1880er Jahre gegründet werden: die Socialdemocratic Federation unter Führung Hyndmanns. Aus ihr schied ein Teil der Mitglieder, die anarchistisch gesinnt waren, unter Führung von W. Morris aus und bildete die Socialist League. Im streng marxistischen Sinn agitierten Aveling und die Tochter von K. Marx, Eleanor Marx. Daneben gibt es noch eine Reihe sozialistischer Lokalvereine. Am meisten Anhang hat immer noch die Socialdemocratic Federation (Zeitung: »Justice«); ihr Programm fordert die Verstaatlichung des Bodens und die allmähliche Überleitung in die sozialistische Gesellschaft. Bei den Wahlen von 1892 gelang es den Sozialisten, 3 »unabhängige«, d. h. nicht den Trades-Unions (s. Gewerkvereine) angehörige Arbeitervertreter, unter ihnen den schottischen Bergarbeiter Keir Hardie, ins Parlament zu wählen, deren Programm aber nicht eigentlich sozialdemokratisch, sondern radikalsozialreformatorisch ist. Im Januar 1893 wurde auch eine »unabhängige Arbeiterpartei« (Indepedent Labour Party) mit ähnlichem Programm begründet. 1895 wurde keiner der 28 sozialdemokratischen Kandidaten gewählt; die drei als Arbeitervertreter gewählten »Unabhängigen« waren Alliierte der liberalen Partei. Die Wahlen von 1900 ergaben 13 Arbeitervertreter, darunter J. Burns, die aber nicht alle als Sozialdemokraten bezeichnet werden können, die von 1906 deren 30. In neuester Zeit haben aber auch die Gewerkvereine namentlich die der ungelernten Arbeiter, unter dem Einfluss John Burns' dem Sozialismus sich genähert. Auf den letzten Kongressen der Trades-Unions trat überhaupt der sozialistische Gedanke in Resolutionen zugunsten der Verstaatlichung der Produktionsmittel etc. stark hervor. Gleichwohl kann man zurzeit von einer sozialistischen Arbeiterpartei im Sinne der deutschen S. nicht sprechen. In Holland hat in den letzten 20 Jahren namentlich unter dem Einfluss Domela Nieuwenhuis' eine starke sozialdemokratische Bewegung Platz gegriffen (Bund der Sozialdemokraten, Organ: »Recht voor Allen«). Neben der Domelaschen revolutionären Richtung ist seit 1894 unter Führung von Trolst und van Kol eine gemäßigte, sozialer Reformtätigkeit geneigte Fraktion (Organ: »De Nieuwe Tijd«) entstanden, welche die erstere überflügelt hat. 1906 waren in der Zweiten Kammer 7 Abgeordnete der S. In der Schweiz hat die S. erst seit Beginn der 1890er Jahre, seit der Grütliverein sich der S. anschloss, einen größeren Anhang. Im J. 1902 erfolgte eine Vereinigung und Reorganisation der verschiedenen sozialistischen Gruppen. In einzelnen Kantonen findet sich bereits eine ansehnliche Zahl von Vertretern der S.; im Nationalrat sind zurzeit 2. In Russland trat die S. lange Zeit zurück vor den nihilistischen und nationalrussischen revolutionären Bestrebungen. Erst in neuester Zeit hat auch die S. mehr um sich gegriffen und sich konsolidiert. Die beiden Hauptparteien unter der Arbeiterschaft sind die »Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands«, deren Programm im ganzen dem der deutschen S. ähnlich ist, und die Partei der revolutionären Sozialisten, die alle arbeitenden Elemente, auch die Bauern, vertreten will. In Schweden und Norwegen ist der agrarische Charakter des Landes der Ausbreitung der S. hinderlich, immerhin hat sie, namentlich in Schweden im Anschluss an die Gewerkvereinsbewegung, bereits größeren Umfang erreicht. In Schweden hat sie zurzeit 13 Sitze, in Norwegen deren 5 und zahlreiche Gemeindemandate inne. In Dänemark hat nicht nur die städtische Industriebevölkerung, sondern auch das Landvolk sich sozialistischen Bewegungen zugänglich gezeigt. 1906 wurden 24 sozialdemokratische Abgeordnete in das Folkething entsendet. Vgl. Helms, Die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Bewegung in Dänemark (Leipz. 1907). In Italien war, wie heute noch in Spanien, der Anarchismus bis zu Beginn der 1880er Jahre die einzige Form der Auflehnung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Erst von da ab sing die S. unter Führung Costas an, eine Rolle namentlich in Oberitalien und Sizilien zu spielen. Auf dem Kongress zu Genua (1892) wurde die italienische Arbeiterpartei gegründet. Im J. 1895 wurden 8, 1900: 33 Vertreter der S. ins Parlament gewählt, und zahlreiche Sozialdemokraten sitzen in Gemeindevertretungen. Hauptorgan ist die Tageszeitung »Avanti«. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika besitzt die S. bis heute keine große Bedeutung, weil der Sinn des amerikanischen Volkes ähnlich dem des englischen auf die unmittelbare Verbesserung seiner Lage, auf das Erreichbare, gerichtet ist. Die wichtigste Arbeitervereinigung, die Federation of Labor (Arbeiterbund), trägt gewerkschaftlichen Charakter (vgl. Gewerkvereine, S. 804). Mehr dem Sozialismus nähern sich die Central Labor Unions, Vereinigungen organisierter Lohnarbeiter in großen Städten und Industriebezirken, und die 1895 gegründete Socialist Trade and Labor Alliance, ein gewerkschaftlicher Zentralverband. Eine eigentlich sozialdemokratische Vereinigung war die 1876 hauptsächlich von deutschen Eingewanderten begründete Sozialistische Arbeiterpartei Nordamerikas, deren Programm dem Gothaer der deutschen S. verwandt ist. 1897 entstand eine Sozialdemokratische Partei, die sich mit der vorgenannten 1900 auf einem Kongress in Indianapolis zur Socialistic Party zusammenschloss. Ihre Erfolge sind gering. Über den Orden der Knights of Labor s. Ritter der Arbeit.

Vgl. E. Jäger, Der moderne Sozialismus (Berl. 1873); Mehring, Die deutsche S. (3. Aufl., Bremen 1879) und Geschichte der deutschen S. (3. Aufl., Stuttg. 1906, 4 Bde.); R. Meyer, Der Emanzipationskampf des vierten Standes (2. Aufl., Berl. 1882); Scheel, Unsere sozialpolitischen Parteien (Leipz. 1878); Oldenberg, Die Ziele der deutschen S. (das. 1891); Schäffle, Die Quintessenz des Sozialismus (13. Aufl., Gotha 1891) und Die Aussichtslosigkeit der S. (4. Aufl., Tübing. 1893); G. Adler, Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland (Bresl. 1885), Die Entwickelung des sozialistischen Programms (in den »Jahrbüchern für Nationalökonomie«, 1891) und Artikel »S.« im »Handwörterbuch der Staatswissenschaft«, Bd. 5 (hier auch ausführliche Literaturangaben über die außerdeutschen Länder); Kautsky, Das Erfurter Programm erläutert (6. Aufl., Stuttg. 1905); Kautsky und Schönlank, Grundsätze und Forderungen der S. (Berl. 1892), Handbuch für sozialdemokratische Wähler (hrsg. vom Parteivorstand, zuletzt Berl. 1907); Schippel, Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch (das. 1902); A. Wagner, Das neue sozialdemokratische Programm (das. 1892); Laveleye, Der Sozialismus der Gegenwart (deutsch, Halle 1895); E. Richter, Die Irrlehren der S. (Berl. 1890); M. Lorenz, Die marxistische S. (Leipz. 1896); Sombart, Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert (5. Aufl., Jena 1905); Wacker, Entwickelung der S. in den zehn ersten Reichstagswahlen, 1871–1898 (Freiburg 1903); Brunhuber, Die heutige S. (Jena 1906); E. Bernstein, Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung (Berl. 1907 ff.); Milhaud, La démocratie socialiste allemande (Par. 1903); Ely, The labor movement in America (New York 1886); Stammhammer, Bibliographie des Sozialismus und Kommunismus (Jena 1893–1900, 2 Bde.). Weitere Literatur s. unter Internationale und Sozialismus.

Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten

Erster Band

Geleitsbrief.

 Wie früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über und namentlich ein Teil der burgerlichen Ideologen, die zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.

Kommunistisches Manifest 1847.

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 Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung und das Recht der Versammlung und Vereinigung einschränken oder unterdrücken.

Programm der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Erfurt 1891.

Vorwort.

Wenn man über vierzig Jahre auf literarischem und politischem Gebiet für die Sozialdemokratie gekämpft hat, so darf man sich wohl für berechtigt halten, einige Erinnerungsblätter dem Kreise von Zeitgenossen zu unterbreiten, auf deren Interesse man rechnen kann. Zugleich sollen diese Aufzeichnungen den künftigen Geschichtsschreibern der Sozialdemokratie einiges Material bieten, das als zuverlässig betrachtet werden kann.

Im allgemeinen darf ich wohl für diese meist aus dem Gedächtnis niedergeschriebene Arbeit auf die wohlwollende Beurteilung rechnen, wie sie meinen vor zwei Jahrzehnten erschienenen historischen Werken so vielfach, auch von hervorragenden Geistern, zuteil geworden ist.

Zugleich erinnere ich an ein gutes Wort von Theodor Fontane, welches meine Darstellungsweise begründen mag: »Das Nebensächliche, so viel ist richtig, gilt als nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts darin steckt. Steckt aber was darin, dann ist es Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich Menschliche.«

Aber unsere Zeit ist eine hyperkritische geworden. Die Kritik gilt heute vielfach mehr als die positive Leistung selbst und

Ist ein Kritikus noch so klein,

Ein Lessing glaubt er doch zu sein!

Mit solchem Dünkel verbindet sich leicht eine gewisse Bosheit, welche den fehlenden Geist ersetzen soll. Und daraus entstehen alsdann die Mißdeutungen und Entstellungen, wie auch ich sie öfter erfahren habe.

So könnte die Schilderung einzelner Abschnitte meiner Jugend, namentlich des akademischen Lebens, übelwollenden Beurteilern Veranlassung zu der Behauptung geben, ich hätte meine bürgerlichen Vorurteile von damals nicht völlig überwunden. Meine lange Tätigkeit im Dienste der sozialen Revolution im allgemeinen und der Sozialdemokratie im besonderen dürfte eine genügende Widerlegung sein.

Meine Jugend, meine Handlungen und meine Denkweise von damals habe ich so eingehend beschrieben, weil ich ein – ich möchte sagen künstlerisches Bedürfnis empfand, den Gegensatz von damals und später möglichst hell zu beleuchten und möglichst scharf hervortreten zu lassen. Je größer der Gegensatz, desto mehr tritt auch die Bedeutung des Verständnisses des großen historischen Prozesses hervor, an den die heutige soziale Bewegung sich anknüpft. So wird die Darstellung der durch dies Verständnis bewirkten geistigen Veränderung ein Beitrag zur Psychologie bürgerlichen Ideologentums.

Es mag ungewöhnlich sein, daß von vornhinein eine solche Verwahrung eingelegt wird. Aber sie ist in diesem Falle leider nicht überflüssig.

Berlin, im März 1914.

Der Verfasser.

Kindheit und Schule

Dort, wo die blaue Tauber in den grünen Main sich ergießt, liegt meine liebe alte Vaterstadt Wertheim. Die landschaftlichen Schönheiten dieses während meiner Kindheit noch weltfernen Erdenwinkels sind weithin bekannt geworden, seitdem das Dampfroß durch die einst so stillen tiefeingeschnittenen Täler braust. Über Fluß und Tal erheben sich die Ausläufer des Odenwalds und des Spessarts. Wald und Weinberge bedecken diese Höhen, und der dort wachsende weiße Wein, der »Wertheimer«, wird als ein trefflicher Frankenwein gerühmt. Zahlreiche Schiffe und Flöße, für welche die Tauber einen Hafen bildet, beleben die beiden Flüsse. Über dem altertümlichen Städtchen erhebt sich die prächtige Burgruine, die den romantischen Schmuck dieser auserwählten Gegend bildet und dem Heidelberger Schloß nicht viel nachgibt. Wertheim ist eine ächte Frankenstadt und muß geographisch zu Unterfranken gerechnet werden. Ursprünglich gehörte die Stadt, deren Entstehung in den »Erzählungen« von Gottfried und Johanna Kinkel so poetisch geschildert ist, zum Bistum Würzburg und kam im zwölften Jahrhundert in den Besitz der Grafen von Wertheim, denen sie über vierhundert Jahre verblieb. Nach deren Aussterben fiel die Stadt an die Häuser Stolberg und Erbach und von diesen an die Grafen von Löwenstein; daher die Linien Löwenstein-Wertheim-Freudenberg und Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Über diese Namen ist viel gewitzelt worden. Vielleicht hat auch Frau Historia sich ein Witzchen gestattet und die heute bestehende Verbindung von Warenhaus und Aristokratie auf Kosten des allerdings dabei unbeteiligten Hauses Löwenstein scherzhaft im voraus angedeutet.

Als Baden 1806 dem Rheinbund beitrat und von Napoleon zum Großherzogtum gemacht wurde, fiel Wertheim an Baden und der Main wurde auf eine kurze Strecke Grenzfluß zwischen Bayern und Baden. Das gegenüberliegende Kreuzwertheim ist bayrisch.

Aus dem stillen Wertheim ist mancher in die große Welt hinausgegangen, der sich dort einen Namen gemacht hat. Im Grafengeschlecht erscheinen hervorragende Persönlichkeiten, namentlich Graf Georg, der am Bauernkrieg von 1525 auf seite der aufständischen Bauern teilnahm, nachher aber wieder abfiel. Der Begründer der »Vossischen Zeitung« stammte aus der Wertheimer Schifferfamilie Rüdiger. Der preußische Reaktionsminister Eichhorn, nach dem die Eichhornstraße in Berlin benannt ist, war auch aus Wertheim gebürtig. In neuerer Zeit machte sich der Wertheimer Lehrerssohn Hermann Schiller  als Historiker und als hervorragender Pädagoge bekannt; seine Maßregelung in Gießen erregte großes Aufsehen.1

Auch unter meinen Vorfahren mütterlicherseits befanden sich solche, die sich draußen in der Welt einen Namen gemacht haben. Meine Mutter stammte nämlich aus der in Wertheim alteingesessenen Familie Schmezer. Eine Tradition besagt, daß diese Familie von einem schwedischen Trompeter abstamme. In der Tat erzählt die Wertheimer Chronika, daß die Schweden, als sie im dreißigjährigen Kriege Wertheim zum zweiten Mal besetzten und der Stadt einen Schutzbrief ausstellten, einen Trompeter zurückließen, um über den Schutzbrief zu wachen. Nach zwei Jahren wurde der Trompeter von den Kaiserlichen vertrieben. Er hat jedenfalls Zeit genug gehabt, eine Familie zu stiften. Eine Berliner Bildhauerin, die mich kürzlich modellieren wollte, sagte, ich hätte den Kopf eines schwedischen Reiteroffiziers aus dem dreißigjährigen Kriege. Hm!

Auf dem Markt zu Wertheim, am Eingang der Münzgasse, steht ein turmartiges altes Häuschen, ein originelles Bauwerk. Dort hauste in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts mein Urgroßvater Peter Schmezer, ehrsamer Kaufmann, Knopfmacher und Ratsherr. In dem engen Häuschen tummelte sich eine muntere Kinderschar, Söhne und Töchter. Zwei der Söhne sind draußen in der Welt bekannt geworden und erfreuten die Zeitgenossen mit der musikalischen Begabung, die in der Familie Schmezer reichlich vorhanden war. Der eine war der bekannte Freund Scheffels, Christoph Schmezer, Pfarrer zu Ziegelhausen bei Heidelberg, »Tegulinums Augur«, wie Scheffel ihn nennt,2 sangesfroh und trinkfest. Die populären Melodien zu den Scheffelschen Liedern: »Das war der Herr von Rodenstein« und »Der Enderle von Ketsch« sind sein Werk. Das gastliche Pfarrhaus zu Ziegelhausen am Neckar war Jahrzehnte hindurch ein Wallfahrtsort für fröhliche und »trinkbare« Zeitgenossen.

Der jüngste Sohn, Friedrich Schmezer, besaß eine herrliche Tenorstimme. Er sollte Kaufmann werden. Als eines Tages der damals berühmte Violinist und Komponist Fesca nach Wertheim kam, hörte er den jungen Schmezer im Kirchenchor singen und sagte ihm, wenn er zum Theater ginge, würde er sein Glück machen. Einige Wochen später trat Schmezer bei Fesca in Karlsruhe an und dieser half ihm sich ausbilden. Er war seiner Zeit einer der berühmtesten Tenoristen Deutschlands und wirkte als solcher viele Jahre am Hoftheater in Braunschweig, zuletzt als Regisseur.

Der zweitälteste unter diesen Brüdern war mein Großvater, Johann Wilhelm Schmezer. Dieser widmete sich einer kaufmännischen Laufbahn bahn zu Frankfurt am Main, wo er lange Zeit ein Tuchgeschäft in der Schnurgasse besaß. Er wurde sehr wohlhabend, verlegte sein Geschäft nach Wertheim und lebte schließlich dort als Privatier. Seine älteste Tochter Wilhelmine war meine Mutter.

Man sagte früher, die meisten hübschen Mädchen in Süddeutschland gebe es zu Darmstadt, zu Karlsruhe und zu Wertheim. Zu den hübschen Wertheimerinnen konnte meine Mutter jedenfalls gerechnet werden. Sie besaß auch eine prächtige Sopranstimme und hat öfters, bei Wohltätigkeitskonzerten und ähnlichen Veranstaltungen, mit vielem Erfolg öffentlich gesungen. Daß sie bald viele Verehrer hatte, ist begreiflich. Die Eltern suchten sie früh zu verheiraten. Um sie, wie man mir später sagte, vor den Nachstellungen einer einflußreichen Persönlichkeit zu bewahren. So wurde sie mit 18 Jahren die Gattin des jungen Arztes Dr. Aloys Blos und zwar im Sturmjahr 1848.

Mein guter Vater stammte aus dem Dörfchen Dörlesberg bei Wertheim. Von streng katholischer Familie, sollte er Theologe werden. Schon war ihm die Tonsur auf seinem Haupte angebracht worden, als er umsattelte und Medizin studierte. Er mußte sich Entbehrungen auferlegen, da seine Familie das Umsatteln sehr übel aufnahm. Er war übrigens ein sehr frommer Mann von streng katholischer Gesinnung, wie aus seinen hinterlassenen Dichtungen zu ersehen war. Um meine Mutter zur Gattin zu erhalten, mußte er das Zugeständnis machen, die zu erwartenden Kinder protestantisch taufen zu lassen, was auch geschehen ist. Es mag ihm schwer geworden sein.

Am 5. Oktober 1849 erblickte ich zu Wertheim das Licht der Welt.

Das fiel in eine bewegte Zeit. Kurz zuvor war die dritte badische Volkserhebung durch eine Exekutionsarmee von 60,000 Preußen und Reichstruppen niedergeworfen worden. Viele Tausende waren aus dem Lande geflüchtet, in dem nunmehr eine schonungslose Reaktion raste. Die Gefängnisse waren überfüllt; Tausende von Familien in Trauer und Not gebracht. In Mannheim und Rastatt krachten die Standrechtsschüsse und die Kugeln durchbohrten die tapfersten Herzen.3 Die Revolution hatte auch die gute Vaterstadt Wertheim erfaßt gehabt. Die Wertheimer Bürgerwehr zog bewaffnet grimmig aus, kam aber nur einige Stunden weit und kehrte wieder heim, nachdem sie tüchtig auf den Dörfern geschmaust und gezecht. Auch komische Szenen kamen vor; so streifte auf dem Markte ein robustes Fischerweib die Ärmel von ihren muskulösen Armen und rief: »Jetzt gehts den Bratenfressern an den Kragen!« Ein recht wilder Bürgerwehroffizier, ein Friseur, soll vor der Front seiner Kompanie von seiner Frau eine Ohrfeige erhalten haben. Aber in unsere Familie spielte die Revolution ernsthaft hinein. Mein Vater war als strenger Katholik und als Quasi-Leibarzt des Fürsten von Löwenstein den Revolutionären verhaßt; desgleichen mein Großvater, welcher in Geldgeschäften mit dem fürstlichen Hause zu tun hatte und als behäbig-bürgerliche Erscheinung zu den »Bratenfressern« gezählt wurde. Mein Vater entzog sich der Festnahme als Konterrevolutionär, indem er eine Zeitlang unsichtbar wurde. Mein Großvater blieb und bald erreichte ihn das Schicksal. Ein bewaffneter Volkshaufe umzingelte das Haus, wo er wohnte. Er kam in seinem gestrickten Wams, wie man es damals trug, gerade aus dem Keller und hielt in jeder Hand eine Flasche Wein. »Aha, er verpraßt wieder den Schweiß des Volkes!« schrie es und mein Großvater ward festgenommen. In diesem Moment erschien meine Mutter in höchster Aufregung am Fenster und es waren wohl keine Schmeicheleien, die sie hinabrief. Einige der Bewaffneten – es hieß nachher, sie seien stark »angeraucht« gewesen – schlugen die Gewehre auf die junge Frau an. Es war ihnen wohl nicht ernst damit, aber unter solchen Umständen sind Spässe dieser Art nicht ungefährlich. Hätten sie geschossen, so hätten sie möglicherweise einen der künftigen Geschichtsschreiber ihrer Revolution im Mutterleibe getötet.

Mein Großvater ward nach der »Mehlwage« abgeführt. Auf dem Transport dahin bedrohte ihn, wie mir Professor Schiller als Augenzeuge noch vor mehreren Jahren erzählte, ein Volksschullehrer mit einem Messer. Mein Großvater blieb in Gefangenschaft, bis die Preußen kamen. Der Lehrer wurde eingezogen und prozessiert, wobei es ihm hätte schlecht ergehen können. Aber mein Großvater war edelmütig und sagte aus, er habe von dem Messer nichts gesehen. Der Lehrer wurde zur Auswanderung nach Amerika begnadigt.

Der Schatten, den diese Ereignisse über das Familienleben geworfen, wurde ziemlich verscheucht, als die junge Frau Doktor Blos einen gesunden Jungen zur Welt brachte. Der Großvater freute sich am meisten über den männlichen Nachkommen.

An meiner Wiege standen eine gute und eine böse Fee. Die gute Fee hatte mir alle die äußeren Glücksumstände gebracht, die eine gute Zukunft verheißen konnten. Aber die böse Fee, die leider die Oberhand gewann, vereitelte das alles und zwang mich manchen Dornenpfad zu wandeln. Die böse Fee war auch leider kein bloßer Schemen, denn sie erschien mir später in Menschengestalt, als Wesen von Fleisch und Blut.

Mein Vater verließ nach einigen Jahren aus Gründen, die ich nur mutmaßen kann, Wertheim und verzog nach Eberbach am Neckar, wo er als Amts-Chirurg angestellt wurde. Er hatte dort eine sehr anstrengende Landpraxis zu versehen und fing bald an zu kränkeln. Auf den rauhen Höhen des Odenwalds, um den Katzenbuckel herum, hatte er sich eine schwere Erkältung zugezogen, die in ein unheilbares Lungenleiden überging. Dazu kam, daß die Ehe keine glückliche war. Die junge lebenslustige Frau veranstaltete trotz des kranken Mannes viele geräuschvolle Festlichkeiten im Hause, bei denen sie von der Hautevolee des Städtchens huldigend umschwärmt wurde.

Mein Vater nahm mich bei milder Witterung oft mit aufs Land in seinem altmodischen Einspänner, den er selbst kutschierte. Die Kutsche konnte durch ein aus Glasscheiben bestehendes Vordach bei schlechtem Wetter geschlossen werden; eine Scheibe fehlte und durch das Loch ging der Zügel. Mein Vater hing mit unendlicher Liebe an mir. In den hochgelegenen Dörfern des Odenwaldes sah ich dazumal zuerst das menschliche Elend. Es waren schlechte Jahre gewesen und die ärmere Bevölkerung befand sich in schrecklichem Zustande. Ich betrat mit meinem Vater Hütten, wo uns die Eltern halbnackt im Hemde, besser gesagt in Lumpen, und die Kinder so ziemlich ganz nackt entgegenkamen. Als damals zwischen Eberbach und Hirschhorn eine Zündholzfabrik errichtet wurde, erschien dies der Bevölkerung in ihrer Not wie ein Segen des Himmels, da sie Arbeit und kärglichen Verdienst bekam. An die Gefahren der Zündholzindustrie dachte damals niemand; die Nekrose kam aber bald zum Vorschein.

Mein Vater mußte auf den Bauerndörfern das Impfen ausführen, gegen welches bei den Bauern die stärkste Abneigung bestand. Ich sah die Kinder in langen Reihen auf Bänken sitzen, sie heulten und sträubten sich, während die Mütter dabei standen und räsonierten. Übrigens hatte mein Vater selbst starke Zweifel und ließ seine Kinder von einem anderen Arzt impfen, um sein Gewissen gegen etwaige Folgen zu salvieren.

1855 kam ich in Eberbach in die Volksschule; ich hatte schon vorher etwas Lesen und Schreiben gelernt und konnte mit meiner Mutter schon ganz nett Klavier spielen. Zu meinem Bedauern wurde ich musikalisch nicht fortgebildet.

Unter dem freundlichen alten Lehrer Donner kam ich in der Schule gut vorwärts. Hier stieß ich auch zuerst auf die Spuren der Revolution, die sechs Jahre zuvor das Neckartal durchtobt hatte. Von einigen Schulkameraden hieß es, ihre Väter seien in Amerika. Als ich sie fragte, wie dies käme, antwortete einer verlegen: »Hm! Freischärler!« Als ich zu Hause fragte, was Freischärler seien, antwortete die alte Dienstmagd, das seien Leute, die anderen hätten »ihr Sach« stehlen und die Häuser anzünden wollen.

Mein Vater wurde von dem berühmten Kußmaul  behandelt, mit dem er befreundet war; ich erinnere mich auch, daß wir einmal in Kußmauls Hause in Heidelberg, gegenüber der Universität, und in seinem Garten waren, wo er uns zu trösten suchte. Er gab sich viele Mühe, aber die tückische Krankheit schritt unaufhaltsam vor. Mein Vater starb im Frühjahr 1856. Als ich ihn mit seinem abgezehrten Antlitz im Sarge liegen sah, überwältigte mich die Empfindung, daß ich von einem unersetzlichen Verlust betroffen worden war. Er hinterließ in der Bevölkerung ein gutes Andenken und noch nach langen Jahren rühmte man ihn als geschickten und gewissenhaften Arzt und als vortrefflichen Menschen.4 Er hatte auch das Unheil, das seinen Kindern drohte, vorhergesehen und ihnen das Wenige, was er ihnen hinterlassen konnte, sicher gestellt.

Die junge Witwe zog mit den Kindern nach Wertheim, wo sie aber nicht lange blieb. Sie begab sich nach Heidelberg, um sich einen Mann zu suchen. Mich nahm sie nicht mit, die bösen Zungen sagten, weil sie befürchtete, ich langaufgeschossener Bengel möchte bewirken, daß die künftigen Freiwerber ihr Alter höher taxierten, als sie es angab. Die böse Fee lenkte nunmehr meinen Lebensgang.

Ich besuchte die Wertheimer Volksschule und kam »in Kost und Logis« zu dem Lehrer Schiller, dem Vater des schon genannten Historikers. Dieser Schiller und seine Frau waren prächtige Leute und ich fühlte mich recht wohl bei ihnen. Sonntags speiste ich bei meinem Großvater, der mich zärtlich liebte. Die Großmutter war eine Stiefmutter meiner Mutter, eine strenge aber gewissenhafte Frau. Der Großvater starb 1857 im 65. Jahr Eine Sage knüpfte sich an diese markante Persönlichkeit. Er pflegte am Sonntag in seinem Garten vor der Stadt die Blumen zu begießen und seine Erscheinung in dem gestrickten Wams hatte sich dem Sonntag vormittag zur Kirche in der Stadt ziehenden Landvolke so eingeprägt, daß es ihn auch nach seinem Tode noch zu sehen glaubte. Es hieß, der alte Schmezer müsse »umgehen« und als Geist die Blumen begießen, weil er dies zu Lebzeiten sündhafter Weise am Sonntag zur Kirchzeit getan habe. Die Bevölkerung der Umgegend der altprotestantischen Stadt Wertheim war nämlich streng katholisch.

Inzwischen verheiratete sich meine Mutter wieder. Aus Dutzenden von Freiern hatte sie sich gerade den brutalsten und borniertesten herausgesucht. Sie gehörte offenbar zu jenen Frauen, denen die brutalsten Männer am besten gefallen. Der Stiefvater war ein Förster und in Ziegelhausen bei Heidelberg angestellt. 1857 reiste ich mit dem jungen Schiller, der die Universität Heidelberg bezog, dahin ab. Wir fuhren mit dem Maindampfer nach Lohr und von da mit der Bahn nach Frankfurt. Die alte Reichsstadt kam uns damals recht finster vor.

Der Stiefvater empfing mich recht liebenswürdig, ja zärtlich, denn er nahm mich neunjährigen Bengel auf seine Arme und trug mich durch seinen großen Garten ins Försterhaus. Aber das kam bald anders.

In Ziegelhausen ward ich wieder in die Volksschule geschickt und kaufte mir in Heidelberg ein neues Lesebuch. Dieses aufgeschlagen in der Hand haltend passierte ich das Brückentor und aus einem der dort befindlichen zahlreichen Schwalbennester ließ eine stoffwechselnde Schwalbe ihren Abgang auf das Titelblatt des Lesebuchs fallen.

Das war die böse Fee, die sich in ein Schwälbchen verwandelt hatte.

Mit diesem Tage begann eine Leidenszeit, denn als ich nach Hause kam und der Stiefvater das beschmutzte Titelblatt, das ich vergeblich zu reinigen versucht hatte, entdeckte, prügelte er mich fürchterlich. Er war wie umgewandelt und von da ab wurde ich sehr häufig geprügelt, manchmal auf ganz barbarische Art. Außer den Schulbüchern gestattete mir der Mensch keine Lektüre, ausgenommen eine »Naturgeschichte der Hunde«. Dagegen mußte ich eine Pflanzensammlung anlegen und wurde oft mit auf die Jagd geschleppt. Dabei mußte ich allerlei Jägerburschendienste verrichten. Gegen alles Jagdwesen bekam ich damals einen Widerwillen fürs Leben. An meiner Mutter, die in den brutalen Gatten verliebt war, fand ich nicht den geringsten Rückhalt.

Aus der unerträglichen Atmosphäre des Försterhauses, wo ich nur Schimpfworte zu hören bekam, flüchtete ich mich so oft ich konnte in das heitere Pfarrhaus, wo mein Großoheim, der schon erwähnte Pfarrer Schmezer, mich immer gleich freundlich empfing. Mich zu beschweren wagte ich nicht, das hätte nur vermehrte Prügel zur Folge gehabt. Im Pfarrhause verkehrten damals der Geschichtschreiber Häusser, der Dichter Scheffel, der erst seinen Aufstieg nahm, und andere interessante Menschen. Da wurde gezecht, gesungen, gelacht und gescherzt und ich armer Junge vergaß im Pfarrgarten, wo ich mit den Kindern des Hauses tollte, auf kurze Zeit das Elend daheim. Auf dem Heimwege flennte ich dann manchmal kläglich, beneidete die Kinder des Pfarrhauses um ihre gütigen Eltern und trauerte um meinen Vater.

Von den Unterhaltungen des Pfarrers und seiner Freunde verstand ich natürlich das meiste nicht. Die Erinnerungen an die Revolution von 1849 waren damals sehr lebendig und unzählige Anekdoten aus jener bewegten Zeit wurden aufgetischt. So erzählte mein Onkel, daß er einst, als eine Abteilung der Revolutionsarmee Ziegelhausen besetzt hielt, in Talar und Bäffchen an dem großen Brunnen in der Mitte des Dorfes vorüber kam. Dort schliff ein Volkswehrmann in blauer Bluse und Heckerhut mit roter Feder seinen mächtigen Sarras auf dem Rande des Brunnentrogs. Er hielt dem Pfarrer die funkelnde Klinge hin und rief: »Pfaff, der ist für dich!« Das wurde sehr belacht; der Pfarrer aber sagte: »Es war nicht so böse gemeint!« – Er erzählte auch von Johann Philipp Becker, der mit seinem Stabe im Pfarrhause im Quartier lag.

Von Ziegelhausen wurde mein Stiefvater nach Waldkirch an der Elz, einem freundlichen Schwarzwaldstädtchen am Fuße des Kandels, versetzt. Die Brutalität des Stiefvaters nahm zu und wer weiß, zu welchen Verzweiflungsstreichen sie mich getrieben hätte ohne den guten Humor, den ich von Haus aus besaß und der mir damals wie später über manche Widerwärtigkeiten hinweghalf. Einmal brannte ich aber doch durch und wollte ohne weiteres in die weite Welt hinaus. Ich war schon gegen fünf Stunden marschiert, aber ich befand mich noch im Forstrevier des Haustyrannen und plötzlich stand er vor mir. Mit einer Tracht Prügel wurde ich wieder nach Hause gejagt.

Ich mußte nunmehr sehr häufig mit auf die Jagd. Ost wurden mir die beiden großen Hühnerhunde am Gürtel festgebunden; wenn sie etwas witterten, rissen sie mich zuweilen um und schleiften mich. Ich bekam dann noch eine Ohrfeige dazu. Auch wenn die Rebhühner zu früh aufflogen und die Schrote fehl gingen, ward ich dafür geprügelt. Kamen wir in ein Bauernhaus und mein Stiefvater sah eines der zahlreichen Heckerbilder, die es damals noch auf dem Schwarzwald gab, so tobte er fürchterlich. Die Bauern versteckten diese Bilder vor ihm, wenn es möglich war. Wurde mir in solch einem Hause eine Erfrischung angeboten, so durfte ich sie nicht annehmen. Zu Hause durfte ich nicht an den Familientisch und mußte in der Küche essen. Als einst Verwandte kamen, waren sie darob höchst empört und machten Vorstellungen, aber ganz vergeblich.5 Außer den Prügeln wurde auch Einsperrung als Strafe verhängt; als Hastlokal diente der finstere Keller, in dem ich manchmal mehrere Tage nacheinander von morgens bis abends eingesperrt war. Diese Strafe wurde durch Hunger verschärft. Dann schlichen sich mitleidige Nachbarsfrauen in den Keller und steckten mir durch den Lattenverschlag, hinter dem ich im Dunkeln kauerte, Obst oder ein Stück Brot mit Speck und dergleichen mehr zu.

Aber die Mutter? Diese ließ alles ohne Einspruch geschehen, vernachlässigte mich in jeder Beziehung und stimmte häufig in die wüsten Beschimpfungen ein, die ihr Mann gegen mich schleuderte. Sie hat dies alles in späteren Jahren hart büßen müssen. Denn als ihr Mann keine Kinder mehr zum Gegenstand seiner Brutalitäten machen konnte, mißhandelte er seine Frau, wofür er einmal gerichtlich verurteilt wurde.

In der Schule kam ich gut fort. Es gab in Baden damals jene erweiterten Volksschulen, in denen Vortreffliches geleistet wurde. Ich hatte das Glück, einen vortrefflichen Lehrer namens Dammert zu bekommen. Da ich leicht lernte und da ihm mein Elend im Elternhause nicht unbekannt war, nahm er sich meiner mit besonderem Eifer an. Diesem edlen Manne verdanke ich viel und habe immer mit inniger Verehrung seiner gedacht. Soweit er konnte, nahm er mich gegen meinen Stiefvater in Schutz. Überhaupt wendeten mir viele gute Menschen, die mich leiden sahen, ihre Sympathie zu.

Unter Dammerts verständiger Anleitung hatte ich mich auf Geographie geworfen und auch Karten zeichnen gelernt. Mein guter Lehrer brachte mir den Auftrag, eine Karte des Großherzogtums Baden, etwa anderthalb Meter hoch, für eine Dorfschule bei Waldkirch anzufertigen. Ich mußte die Arbeit in dem Elternhause eines Schulkameraden ausführen, denn der Stiefvater hätte sicher aus Bosheit die Sache als »unnütz« irgendwie durchkreuzt. Die Karte wurde angenommen und befindet sich vielleicht heute noch in dem Dorfe. Mein Lehrer belobte mich freudestrahlend vor der Klasse und überreichte mir drei funkelnagelneue Guldenstücke als Honorar. Ich kam überglücklich nach Hause, wo die gemütvolle Mama mir alsbald die drei Guldenstücke abnahm, mit der Bemerkung, die kämen gerade recht für eine neue Hofe!

Ich war nun dreizehn Jahre alt geworden und es entstand die Frage, was aus mir werden solle. Ich hätte gern musikalischen Unterricht gehabt. Es standen zwei Klaviere im Hause, allein man wollte für mich nichts ausgeben und auch eine Violine schlug man mir ab. Von meinem Stiefvater war nur die eine Antwort zu bekommen, wenn es sich um meine Zukunft handelte: »Der Kerl soll Schuster werden.«

Dabei muß betont werden, daß meine Eltern sich in sehr guten Verhältnissen befanden, denn meine Mutter besaß ihr väterliches Vermögen und der Stiefvater erhielt von seiner noch lebenden und sehr wohlhabenden Mutter reichliche Zuschüsse.

1863, am 18. Oktober, flammten die Feuerzeichen von allen Höhen; es waren fünfzig Jahre seit der Schlacht von Leipzig verflossen. Die Bürgerschaft veranstaltete eine große Feier. Damals lebten noch viele alte Soldaten, die bei Leipzig auf seite Napoleons gefochten hatten. Sie schlichen mit gemischten Gefühlen in dem Festgetümmel umher. Einer dieser Soldaten war der alte Wernet, der mit Napoleon in Rußland gewesen war. Er beschäftigte sich viel mit mir und ich klagte ihm einst, daß ich eine tiefe eiternde Wunde am Knie habe und daß meine Mutter sich nicht darum bekümmere. Es war eine skrophulöse Entzündung. »Komm nur«, sagte der alte Wernet, »das muß weg!« Er führte mich zum Baden an die Elz, obwohl es schon Herbst war. Als mich fror, sagte er: »Du hättest mit mir durch die Beresina schwimmen sollen; da war es etwas kälter!« – Aber die Wunde wurde geheilt. Zugleich lehrte mich der alte Wernet trefflich schwimmen.

Die Flammenzeichen auf den Schwarzwaldhöhen verkündeten für mich eine neue Zeit der Freiheit. Denn plötzlich erschien meine Großmutter aus Wertheim in Waldkirch.

Wie eine Freiheitsgöttin sah diese Frau mit ihren steinernen Zügen nun nicht aus. Aber sie hatte meinem Großvater kurz vor dessen Tode das Versprechen geben müssen, sich meiner anzunehmen, wenn ich schlecht behandelt würde. Auf irgendeinem Wege war die Kunde von meinen Leiden zu ihr gedrungen und nun kam sie, ihr Wort einzulösen. Sie war sehr fromm und hätte sich, wenn sie wortbrüchig geworden, vor dem Zusammentreffen mit ihrem Manne im Jenseits gefürchtet.

Die Großmutter liebte ihre Stieftochter nicht und mich auch nicht. Aber sie trat so gebieterisch auf, daß sogar der Haustyrann sich duckte und ihre Vorwürfe schweigend einsteckte. Dann wurde ausgemacht, daß ich zu ihr nach Wertheim kommen und dort das Gymnasium (damals Lyzeum genannt) besuchen sollte. Sie reiste gleich wieder ab und in einigen Wochen folgte ich ihr nach, nur mit dem Allernötigsten versehen. Mit Tränen nahm ich von meinem trefflichen Lehrer Abschied. Ich sah ihn nie wieder.

Sonst wurde mir der Abschied leicht, wenn ich mir auch bewußt war, nun für immer kein Elternhaus zu haben. Überhaupt hatte sich mein lebenskräftiges und widerstandsfähiges Naturell nur äußerlich beugen lassen; ich lebte nun neu auf.

Aber es sollte in Wertheim ganz anders kommen, als ich in meinen Träumen mir ausmalte.

Von den Quälereien, wie ich sie bisher erlitten, war in Wertheim keine Rede. Meine Großmutter war streng, aber im allgemeinen nicht ungerecht, und für das, was sie an meiner Erziehung nachholte, bin ich ihr immer dankbar geblieben. Ihre Härte verletzte manchmal empfindlich und alle ihre Bußpredigten hatten die Einleitung: »Wenn man nichts hat« – –! Aber sie konnte auch wieder recht gut sein.

Dem Alter nach war ich schon für die Tertia des Lyzeums6 zu spät gekommen. Nun mußte eilends und mit Anspannung aller Kräfte das Versäumte nachgeholt werden. Ich wurde in die Tertia zwar als Extraordinarius aufgenommen, mußte mich aber auf den letzten Platz setzen, was mir schrecklich war. Einer der Klassenlehrer war ein junger Professor, der künftige Schwiegersohn meiner Großmutter, bei der sich noch eine unverheiratete Tochter befand. Dieser Tante kam ich sehr unerwünscht. Sie lebte wohl immer in der Furcht, ihre Mutter könnte mir etwas vermachen.

Der Professor gab mir jeden Abend eine Stunde Latein; dies war das einzige, was nachzuholen war. Es war dies aber keine kleine Aufgabe nach den Unterrichtsstunden, die er am Tage zu geben zu hatte, und eine recht widerwärtige Störung für das Brautpaar. Der Professor war begreiflicherweise meist schlechter Laune. Wenn ich etwas nicht gleich begriff, so stieß er mich mit dem gebogenen Zeigefinger vor die Stirne, so daß mir die Tränen in die Augen traten. Ich besitze noch eine lateinische Grammatik mit Tränenspuren. Auch in der Klasse ließ der gute Onkel manchmal seinen Stock auf den auf dem letzten Platz sitzenden Neffen niedersausen, wenn er sich über die anderen geärgert hatte. Ich begriff, daß es meine Aufgabe sei, mit eisernem Fleiße mein Pensum zu bewältigen, und es geschah. Ich konnte regelrecht zur Quarta emporsteigen und der Privatunterricht hörte auf. Ich mußte dem Onkel dankbar sein, aber er und seine Frau haben mich ihre Mißgunst immer fühlen lassen. Der Onkel ging darin so weit, daß er eines Tages bei Tische die Großmutter aufforderte, mir doch stets die Knochen des Bratens vorzulegen; daran sei das beste Fleisch. Sie legte mir schweigend ein recht großes Stück Braten ohne Knochen vor.

Das Brautpaar heiratete und ich wurde konfirmiert. Bei letzterer Gelegenheit verdarb ich es leider mit meiner Großmutter, wenn auch nicht ganz, so doch zum größten Teil.

In Wertheim bestand die Unsitte, daß die Konfirmanden alle Verwandten besuchen und sie für etwa begangene Kränkungen um Vergebung bitten mußten. Da ich in Wertheim sehr viele Verwandte hatte, so war dies für mich ein saures Stück Arbeit. Die vernünftigen Verwandten sagten: »Ei, du hast uns ja gar nichts getan!« Eine sehr vernünftige Tante setzte mir ein gutes Glas Wein vor. Den anderen Verwandten hatte ich auch nichts getan; aber es befanden sich unter ihnen Philister und Pharisäer beiderlei Geschlechts, die gierig diese Gelegenheit ergriffen, mir unsäglich alberne und abgeschmackte Moralpredigten zu halten. Mir wurde ganz übel und ich kam in einer Art geistiger Depression nach Hause. Meine Großmutter wollte ich zuletzt um Verzeihung bitten, setzte mich aber in mein Zimmer, um erst noch aufzuatmen, während sie begierig auf mich wartete, denn auch sie war mit einer großartigen Moralpredigt geladen. Als ich nun nicht gleich kam, glaubte sie, ich wollte trotzen, rauschte aufgeregt in mein Zimmer und rief: »So, du undankbarer Mensch, mich allein willst du nicht um Verzeihung bitten, nachdem ich so viel Gutes an dir getan« usw. usw.

Ich holte die Bitte um Verzeihung nach, aber die strenge Frau verzieh mir nur äußerlich. Der liebe Onkel und die liebe Tante waren unermüdlich, die aufkeimende Abneigung bei ihr zu bestärken, und sie beschloß, mich mit guter Art los zu werden, wenn auch nicht sogleich.

Immerhin waren die Jahre, die ich bei der Großmutter zubrachte, glücklich im Vergleich zu jener Zeit, da ich täglich den Roheiten meines Stiefvaters ausgesetzt war. Ich kam auch in der Unter- und Oberquarta gut vorwärts; ich wurde der Zweite; das war schon viel, denn damals wurde anders lociert als heute. Meine Großmutter aber sagte: »So lange du nicht der Erste bist, bin ich nicht mit dir zufrieden!« Und dabei blieb sie, obwohl ich der Erste nicht werden konnte, da derjenige, der diesen Platz einnahm, sich einer unüberwindlichen Protektion erfreute.

Mein Interesse für Geschichte war schon in Waldkirch erwacht und verstärkte sich nun. Indessen bot der Unterricht in neuerer Geschichte sehr wenig, die mich mehr interessierte als die antike. Durch besondere Umstände ward ich darauf hingedrängt, mich mit neuerer Geschichte zu beschäftigen. Neben mir saß in der Klasse häufig der junge Herr von Weltzien, dessen Vater, Major im 31. preußischen Landwehrregiment, 1849 nach der Eroberung von Rastatt Kommandeur dieses Platzes geworden war. Dieser Major, ein sehr frommer Mann, pflegte vom Pferde herab Ansprachen an die gefangenen Revolutionstruppen zu halten, die in den Kasematten zu Rastatt lagen. Als einst ein Gefangener bei einem Fluchtversuch erschossen worden war, wurde sein Leichnam vor der Front der aufgestellten Kasemattenbewohner niedergelegt und Major von Weltzien sagte, wie damals die Zeitungen berichteten, in seiner Ansprache: »Hier liegt der Hund und hier steht der brave Mann, der ihn erlegt hat!« – Ich hörte die Szene übrigens auch von einem Augen- und Ohrenzeugen schildern. Dieser polternde Major war aber, wie Corvin bestätigt, ein sehr gutherziger Mensch, der unter dem Schein äußerlicher Schneidigkeit das harte Los der Gefangenen vielfach gemildert hat. Sein Sohn, mein Nachbar, war ein großer, blonder, blasser, stets etwas melancholischer Jüngling, liebenswürdig und artig, in wohltuendem Gegensatz zu dem damals auch am Wertheimer Lyzeum befindlichen Sohn eines Gefängnisdirektors, der sich durch seine Behandlung der gefangenen Aufständischen bei der Reaktion empfohlen hatte. Der junge Weltzien kam mir sehr nett entgegen und erzählte mir viel von den Taten seines Vaters im badischen Feldzuge. Es war begreiflich, daß er glaubte, das Auftreten der badischen Revolutionsarmee sei nur ein ununterbrochenes feiges Davonlaufen von der Bergstraße bis zum Bodensee gewesen. Mich aber regten die Unterhaltungen mit Weltzien an, die Geschichte von 1848 im allgemeinen und die der badischen Revolution im besonderen zu studieren. Aber erst ein Vierteljahrhundert später erschien die Frucht dieser Studien in Gestalt meiner Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849.

Ein preußischer Offizier namens von Weltzien fiel 1870 bei Gravelotte. Ob es mein Schulkamerad war?

Übrigens spielten meine früh erworbenen Geschichtskenntnisse bei einer anderen Gelegenheit eine nicht uninteressante Rolle. In dem Schlosse zu Bronnbach, wo sich die berühmte alte Klosterkirche befindet, anderthalb Stunden von Wertheim, hauste damals der vertriebene König von Portugal, Dom Miguel. Dieser hatte die Prinzessin Adelheid von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg geheiratet und trieb im Bronnbacher Schlosse allerlei »legitimistischen« Hokuspokus. Wenn seine Frau ein Kind gebar, was siebenmal der Fall war, so kamen zur Taufe aus Portugal jedesmal eine Menge meist hochadeliger Anhänger des mit Dom Miguel gestürzten Absolutismus, Junker und Pfaffen. Diese brachten stets einige Wagenladungen portugiesischer Erde mit und mit dieser wurde der Boden der Kirche belegt, in welcher der Taufakt vor sich ging. Damit glaubte Dom Miguel die »legitimen« Ansprüche seiner Kinder auf den portugiesischen Thron bekräftigt zu haben.

Ich sah den Exkönig oft, den kleinen, unansehnlichen weißbärtigen Mann mit einem unstäten Blick.7 Er ging gern auf der Bronnbacher Landstraße spazieren und wenn er einen Bettler traf, so spielte er den heiligen Martinus, oder übertraf diesen noch: er schenkte dem Bettler seinen Rock und ging hemdärmelig nach Hause. Diese abgeschmackte Komödie wurde dann jedesmal von den ultramontanen Blättern gerühmt.

Einige meiner Mitschüler ärgerten sich über dies Treiben und brachten es mir gegenüber zum Ausdruck. Ich sagte, das dumme Spießbürgertum lasse sich von dem Exkönig nur imponieren, weil es seine Vergangenheit nicht kenne. Dann erzählte ich den aufhorchenden Jünglingen von Miguels gefürchteter Mutter Charlotte, von seinen Gewalttaten, seinen Blutgerichten und dem Verrat an seiner Braut Maria da Gloria. »Was«, rief einer, »dieser kleine schwächliche Kerl hat siebenunddreißig Menschen hingerichtet?« – Einige Tage nachher wurde erzählt, am Schlosse in Bronnbach seien mit Kreide die Namen »Villaflor« und »Saldanha«8 angeschrieben gewesen und zwar groß mit Kohle; die Dienerschaft habe sie erregt und mit größter Eile ausgelöscht. Ich war damals zu allerlei Mutwillen leicht zu haben. Wir ließen in der Klasse Sperlinge und Maikäfer fliegen, gaben uns einmal auch falsche Namen, daß der Lehrer ganz irre wurde, und was sonst dergleichen Schülerstreiche sind. Einmal aber bekam mir der Mutwillen schlecht. Wir hatten einen Klassenlehrer, der wegen seines Ganges »der Bock« genannt wurde. Ich wollte ihn einst kurz vor Beginn des Unterrichts auf die Tafel zeichnen. Die Klasse sah erwartungsvoll zu. Da trat plötzlich der »Bock« vorzeitig herein, ich fuhr zurück, die Tafel fiel um und schlug mir auf den Kopf und zugleich schlug mir der »Bock« hinters Ohr. Die Klasse konnte drei Tage lang das Lachen nicht recht halten.

Ich las damals schon sehr viel. Einmal fiel mir auch die Broschüre: »Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand Lassalles«, von Bernhard Becker, in die Hände. Ich hatte kein Verständnis dafür, konnte auch nicht ahnen, daß ich sieben Jahre nachher mit diesem Becker in einem Zimmer wohnen sollte. Sehr interessierten mich die beiden Dichter, die in Wertheim lebten. Der eine war der Zeichenlehrer Andreas Fries, der sich 1848 und 1849 lebhaft an der Revolution beteiligt hatte, aber auf Verwendung der ihn hochschätzenden Bürgerschaft nicht verfolgt worden war. Seine Gedichte gefielen mir, namentlich die Art, wie er einzelne Mainsagen poetisch behandelt hatte, und mir war es eine hohe Freude, daß er sich mit mir manchmal unterhielt.