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Hans Blumenbergs Denken ist eng verbunden mit seiner eigenen Lebenszeit und mit der Gesellschaft der alten Bundesrepublik. Unter dem Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Mutter verfolgt, geprägt vom katholischen Milieu seines Vaters und einem humanistischen Elitegymnasium in der Hansestadt Lübeck, war er seit frühester Jugend ein obsessiver Leser, der Literatur, Philosophie, Theologie, Naturwissenschaften und Zeitgeschichtliches gleichermaßen aufgesaugt und daraus ein herausragendes Werk geschaffen hat.
Im Rückgriff auf bisher unerschlossene Archivquellen legt Rüdiger Zill in seinem reich bebilderten Buch die lebensgeschichtlichen Wurzeln dieses Werks frei und zeigt, dass es keineswegs so monolithisch ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Vielmehr versteht man es nur, indem man seine Wege und Umwege nachvollzieht sowie die Vernetzungen mit den Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der absolute Leser gewährt erstmals einen umfassenden Einblick in die Werkstatt eines Autors, der wie kein zweiter die Entwicklung seiner Arbeit akribisch dokumentiert hat. Hans Blumenberg beim jahrzehntelangen Lesen, Entwerfen und Formulieren über die Schulter zu sehen heißt auch, etwas über das faszinierende Handwerk des Denkens selbst zu lernen.
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Seitenzahl: 1214
Veröffentlichungsjahr: 2020
3Rüdiger Zill
Der absolute Leser
Hans Blumenberg – Eine intellektuelle Biographie
Suhrkamp
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
Die Lesbarkeit des Denkens: Ein Prolog
Auf Lesen und Tod
Denken in Bewegung
Lesezeit und Schreibzeit
Die Sozialität des Denkens
Ein Leben in Anekdoten
I
. Beschreibung des Lebens
1. Von der Schwierigkeit, erwachsen zu werden
Eine Enklave der Freiheit
Doppelte Diaspora: Schulzeit am Katharineum
»Die schlimmste Woche, an die ich mich entsinnen kann«
Hitler als Humanist: Die Abiturrede
Ein Privatdozent bei Niederegger
Katholizismus und Kosmologie
Buchhaltung nach dem Brand
»Weshalb flimmern die Sterne?«
Von der geistigen Schau: Die Jahresarbeit über Hans Carossa
Theologie in Paderborn und Sankt Georgen
Warum man nicht sagen darf: »Ich habe Angst!«
Alltag im Krieg: Dornier, Dräger, Dostojewski
Die letzte Bewehrung: Schanzeinsatz für die Organisation Todt
2. Von der Schwierigkeit, sein Brot zu verdienen
Familie Blumenberg, Bargteheide 1945
Die Kompensation der verlorenen Zeit
Das Tor zur philosophischen Welt: Die Studienjahre
Mit und gegen Heidegger: Promovieren auf der Überholspur
Ein Streit der Fakultät: Blumenbergs Habilitation
Kiel oder Ärger im Paradies
Vom Assistenten zur Diätendozentur
Ein verlorener Kampf um Anerkennung: Hans Jonas
»Kairo ganz dicht bei Rom«: Exkurs zu Exkursionen
Auf der Suche nach einem größeren Publikum
Eine Logik des täglichen Lebens: Vorträge für Beamte, Bildungsbürger und Bergbauingenieure
»Große Worte für kleine Dinge«: Hans Blumenberg als Axel Colly
Literaturkritik mit Niveau: Ausflüge ins
Hochland
Philosophie interdisziplinär:
Studium Generale
Denken und Leben als Akte der Resonanz
3. Von der Schwierigkeit, ein Gespräch zu führen
Hamburg oder Ein vergleichsweise geringer Fortschritt
Eine Zwischenbilanz
Der erste Ruf
Begriffsgeschichte im Dreieck: Rothacker, Gadamer, Ritter
Gießen oder Die Bedingung der Möglichkeit der Freiheit
Unter Archonten: »Poetik und Hermeneutik«
Bochum oder Ein Schicksalsschlag
Schiffbrüche: Freiburg und Konstanz
Ein Pionier im Ruhrgebiet
Vom Versuch, ein Universitätsreformer zu werden
Münster oder
Actio per distans
Gestaute Wut
Der Sturz des Philosophen: Endgültiger Abschied von »Poetik und Hermeneutik«
Kritik der Kritik
Was man noch mitzuteilen hat: Die neue Vorlesungspraxis
Kleine Fluchten: Die ersten »Unerlaubten Fragmente«
Der lange Abschied von der Universität
Interferenzen eines Lebens
Altenberge, Nacht
Beim Einfahren der Ernte
Spätlese im Feuilleton
Sterben, ohne zugrunde zu gehen
II
. Arbeit am Werk
1. Von der Schwierigkeit, einen Verleger zu finden
Zu den Büchern und zurück
Ad fontes
: Blumenberg als verhinderter Herausgeber
Fehlstart mit Folgen: Die ungedruckten Qualifikationsschriften
2. Von der Schwierigkeit, eine Form zu finden
Schreiben und Umschreiben: Produktionsmittel eines Philosophen
Bleistift, Lineal, Kartei: Die Organisation des Lesens
Hörsaal und Stenorette: Probebühnen des Denkens
Vom Aufsatz zum Buch: Stufen des Schreibens
Planspiele: Eine Gesamtausgabe in Einzelbänden
III
. Der Prozess einer philosophischen Neugierde
1. Nicht selbstverständlich
2. 1949: Orientierungsversuche nach dem Krieg
Die Philosophie vor den Fragen der Zeit
Ruinante Erfahrungen: Die Diagnose »Nihilismus«
Grundgestalten möglichen Philosophierens
Der Sprengstoff vor der Zündung: Die Habilitationsschrift
»Wahrheit« und »Methode«: Die Aufsätze der fünfziger Jahre
3. 1961: Auch eine Kritik der reinen Rationalität
Die Funktion von Weltbildern und Weltmodellen
Die Selbstbehauptung des Menschen
Vom Fernrohr zum Fahrstuhl: Philosophie der Technik
Die Geburt der Metaphorologie aus dem Tod des Weltbilds
4. 1970: Eine Philosophie der Distanz
Rhetorische Annäherung an die Aktualität der Anthropologie
Mit einem Wurf ein Mensch
Methodischer Exkurs über das Wandern von Begriffen
Formen der Unbegrifflichkeit
5. 1980: Vom Lob des Umwegs als Antimethodologie
Fabelhafter Dank
Weg und Umwege: Paradigma Descartes
Fortgesetzter Exkurs über das Wandern von Begriffen
Auf dem Weg zum Umweg
Die Entfaltung der Antimethode im Spätwerk
Eine Anekdote und kein Epimythion
6. »Das Ende ist es, was an den Anfang denken läßt«
Chronologie
Dank
Primärliteratur
Archivalien
Sekundärliteratur
Bildnachweise
Namenregister
Anmerkungen
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
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»Manchmal spielt die Geschichte mit Zahlen.«1
Abb. 1: Hans Blumenberg mit »Hühnergott«, frühe 1950er Jahre.
Am 28. März 1942, in der Nacht vor Palmsonntag, flogen britische Bomber einen Angriff auf Lübeck und zerstörten große Teile der alten Hansestadt; die traditionsreichen Straßen und Häuser verwandelten sich in Schutt und Asche, so auch das Haus des Verlegers von Kunstdrucken Josef Carl Blumenberg. Die Familie überlebte, nur der Collie Axel kam um. Für den Sohn Hans bedeutete diese Nacht dennoch eine Art ersten Tod, denn die gesamte Bibliothek des Einundzwanzigjährigen wurde bei dem Angriff vernichtet: ein großer Bestand an Werken aus Philosophie, Theologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Naturwissenschaft und Literatur.
Auf den Tag genau 54 Jahre später, am 28. März 1996, starb im westfälischen Altenberge bei Münster der inzwischen viel beachtete Philosoph Hans Blumenberg, umgeben von seiner längst wieder auf tausende von Bänden angewachsenen Bibliothek und auch mehreren zehntausend von ihm selbst geschriebenen Seiten.
So kontingent die kalendarische Koinzidenz beider Daten ist, so bedeutsam kann man sie finden, fühlt man sich doch an eine alte allegorische Form der Sinnstiftung erinnert. Seit der Patristik kennen Theologen die Figuraldeutung, bei der ein realgeschichtliches Ereignis des Neuen Testaments auf ein anderes aus dem Alten zurückbezogen wird. Das frühere hat nicht nur für sich selbst Bedeutung, sondern weist auch auf das spätere voraus, kündigt es an: Das eine ist die Verheißung dessen, was das andere er8füllt. Manchmal ist, um diese Beziehung herzustellen, ein »bestimmter Interpretationswille« erforderlich.2 Das gilt umso mehr für die säkularisierte Form, die sich gelegentlich ähnlicher Interpretationsmuster bedient. Die Präfiguration ist eine der Möglichkeiten, den Ereignissen imaginative Prägnanz zu verleihen, eine der Wirkungsweisen, »mit denen die Bedeutsamkeit ›arbeitet‹«.3 Der Bedeutsamkeit und ihren Mitteln ist ein zentrales Kapitel von Arbeit am Mythos gewidmet. Und auch wenn die Präfiguration hier noch nicht explizit genannt wird, so gehört sie doch eindeutig dazu. Präfiguration ist vor allem dann das Mittel der Wahl, wenn historische Akteure in der Geschichte nach Vorgängern suchen, um deren Schicksal als Entscheidungshilfe für eigene Entschlüsse zu Rate ziehen zu können. Aber auch als Sinndeutungsangebot von Ereignissen, die den Deutenden nicht unmittelbar selbst betreffen, leistet sie ihre Dienste. Natürlich ist diese Prägnanzbildung eine »Mythisierung«, und zwar eine, die »an die Grenze der Magie« heranreicht.4 Aber auch wenn man sich dieser Mythisierung entziehen zu können glaubt, bleibt ihre intellektuelle Faszination bestehen. Wo sich eine Beziehung so sehr aufdrängt, kann man sie als glückliche Fügung sehen, die einer Sache ihr Symbol von selbst verleiht. Magische Beziehungen wirken auch bei denen, die nicht an sie glauben.5
Bedeutende Teile der Bibliothek, die sich Blumenberg nach der Bombardierung Lübecks über die Jahre wieder aufgebaut hat, sind im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt und ebenso öffentlich zugänglich wie das, was durch ihren Leser daraus hervorgegangen ist: Blumenbergs Arbeiten in Gestalt seiner Buchmanuskripte, und zwar die zu Lebzeiten oder postum veröffentlichten ebenso wie die zahlreichen bis heute nicht publizierten, außerdem Vorarbeiten, Briefe, Notizen und Karteikarten – eine umfangreiche literarisch-theoretische Denkmaschinerie.6
Die Arbeit an dieser Maschinerie war eine an und mit Texten und erzeugte ihrerseits wieder Texte. Blumenberg lebte intensiv mit seinen Lektüren und in der Arbeit an seinen Manuskripten. Beides dokumentierte und organisierte er für sich selbst auf einer 9zweiten Ebene. So finden sich im Archiv seine Leselisten, seine Produktionslisten, seine Vortrags- und Vorlesungslisten und sogar eine chronologische Auflistung der durchpaginierten Karteikarten.
Blumenbergs Philosophie ist die eines Lesers – und das mit voller Überzeugung. Nur Spott hatte er für jene Philosophen übrig, »deren Stolz es ist, wenig gelesen zu haben. Sie stocken gern das Wenig zu einem Fast-nichts auf. Man wird sanft genötigt, die kaum vorhandene Bibliothek auf ein paar gehobelten Brettern zu besichtigen und sich zu überzeugen, daß die überwiegenden Dedikationsstücke nur hinten beim Register aufgeschnitten sind.«7 Selbst Kant soll zwar ein Wenig-Leser gewesen sein, habe er doch sogar Platon und Aristoteles nur aus Jacob Bruckers Kurtze Fragen aus der Philosophischen Historie gekannt. Allerdings sei die Geisteshistorie doch heute vorangeschritten, nicht zuletzt durch Hegels »Elevation der Philosophiegeschichte zur Arbeit des Begriffs«: Ohne die Kenntnis des durch die Vorgänger Erarbeiteten komme man daher nicht mehr aus. Natürlich könne man versuchen, ein Originaldenker zu werden. Und manchem ist es auch noch gelungen: Husserl ist das beste Beispiel – aber das Risiko zu scheitern sei doch groß.
Originaldenker sind vermutlich zu allen Zeiten rar gewesen. Ein Großteil der Philosophie ist in hohem Grade das Resultat von Lektüre, auch wenn sie sich stets das Selbstdenken auf die Fahne geschrieben hat. Meist ist Philosophie, wo immer sie professionell auftritt, das denkende Fortschreiben von Gelesenem – das Weiterreden auch von Gehörtem –, aber die Arten der Verarbeitung des Aufgelesenen sind doch vielfältig. Sie unterscheiden sich schon darin, wie sie dem Gelesenen gegenübertreten.
Für einen analytischen Philosophen ist es gleichgültig, ob er mit einem Kollegen diskutiert oder einen Text von Aristoteles studiert. Er behandelt beide gleichermaßen als Gesprächspartner, an deren Argument er interessiert ist: ein Argument, das er prüft und widerlegt oder übernimmt, gegebenenfalls ausbaut. Ein Begriffsgeschichtler kann und will hingegen nicht vom historischen Index 10seines Gegenstands absehen, sein hermeneutischer Aufwand ist dementsprechend größer. Ein Text wird nicht nur daraufhin gelesen, was er sagt, möglichst in all seiner Klarheit, sondern auch daraufhin, was in ihm mitschwingt: der Horizont, vor dem sich etwas Geschriebenes entfaltet, nicht zuletzt das, was der Autor selbst gelesen hat. Denn immerhin kann man die Frage stellen: In welcher Hinsicht speist die Lektüre den eigenen Gedankengang? Übernimmt er Motive und Ideen aus ihr (gelegentlich bis an den Rand des Plagiats), grenzt er sich von ihr ab, kritisiert er sie?
Dazu gehört ebenso, was gerade nicht »rezipiert« wird, um einen Ausdruck zu benutzen, der zu Blumenbergs Zeit aufkommt: Was im Horizont hätte sein können, es aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht war, was sich als Problem hätte stellen können, aber nicht über die Wahrnehmungsschwelle gelangte. So soll hier nun auch das Werk von Hans Blumenberg gelesen werden. Aber ist es nicht vermessen, diese Lektüre – oder ihren Gegenstand? – unter den Titel eines »absoluten Lesers« zu stellen? Natürlich kann dieses Buch nicht halten, was sein Titel zu versprechen scheint. Denn der absolute Leser ist ein Ding der Unmöglichkeit, hieße er auch Hans Blumenberg. Warum soll diese Wendung dennoch Leitmotiv des Folgenden werden?
Zunächst einmal bietet sie sich an, weil die Figur des Lesers eine Obsession von Blumenberg selbst war. Und natürlich stammt auch der Begriff des »absoluten Lesers« von ihm: In einer späten Glosse aus den »Unerlaubten Fragmenten« berichtet er von den Ansprüchen Arthur Schopenhauers an seine Schüler. Wer in seiner Vorlesung sitze, verkündete Schopenhauer, von dem erwarte er, dass dieser alle seine gedruckten Texte kenne.8 Blumenberg versucht den möglichen Konsequenzen dieses Gedankens nachzugehen: Müsse der so Angesprochene nicht eigentlich auch alles lesen, was Schopenhauer selbst gelesen habe, um dessen Texte adäquat verstehen zu können, also auch das Implizite, das der Philosoph voraussetzt, ohne sich dessen bewusst zu sein, den Hintergrund, vor dem sein Denken erscheint?
Das gilt erst recht dort, wo das Implizite als bewusst Verschlüs11seltes mit einfließt, wie etwa bei manchen Werken der Literatur. Blumenbergs Paradebeispiel hierfür ist James Joyce. Dessen Ulysses sei bewusst so angelegt, dass bestimmte Schichten der Bedeutsamkeit nicht aus dem Text allein zu erschließen sind, sondern nur durch die Bemühungen von »geborenen Hermeneuten«. Dieser Anspruch könne natürlich nur an eine kleine Zahl von Lesern gestellt werden, aber das sei kein Einwand gegen diese Literatur, denn literarische Kunstwerke seien »noch niemals für alle geschrieben worden«. Mit einem für ihn typischen paradoxen Gedanken ergänzt Blumenberg diese Einschränkung durch die Nachbemerkung: »so gern jeder der erste gewesen wäre, dies zu erreichen«.9 Dieses Ziel wird man umso deutlicher verfehlen, je mehr Zeit man von seinen Lesern für ihre Arbeit der Rezeption verlangt. Der Widerspruch zwischen dem absolutistischen Ehrgeiz von Autoren, möglichst viele Leser zu gewinnen und sie gleichzeitig umfassend an sich zu binden, kann nur durch eine andere – wiederum für Blumenberg sehr bezeichnende – Überlegung abgemildert werden: dass die Zahl derer, die sich solchen Bemühungen unterziehen, »in einer Welt der Entlastung durch mechanische Sklaverei« immer größer werden kann. Hier klingt ein Verständnis von Technik an, das an anderer Stelle auf die Formel »Zeitgewinn für Zeitvertreib«10 gebracht wird: die Geburt der Waschmaschine aus dem Geist obsessiver Literaturerfahrung.
Und dennoch: Der Leser kann noch so viel freie Zeit gewinnen, sie wird niemals ausreichen, um allen Ansprüchen des Autors gerecht zu werden. Denn sein Verlangen, man solle alle impliziten Bezüge in einem Werk, bewusste wie unbewusste, entdecken, ist maßlos. Das ist die Konsequenz, die Blumenberg aus der Schopenhauer-Episode extrapoliert, um ihr damit erst die eigentliche Pointe zu verleihen. Aus der Anekdote eines narzisstischen Sonderlings wird unversehens die Kurzgeschichte in der Manier von Jorge Luis Borges.11 Das Verlangen erinnert an dessen Landkarte im Maßstab 1:1, die »das Reich« darstellte »und sich mit ihm in jedem Punkt deckte«.12 Je genauer und getreuer die Karte wird, desto weniger praktikabel ist sie.13 Für einen absoluten Leser müss12te solch eine Karte sogar dreidimensional werden, um die historisch gewachsenen Schichten ebenfalls abzubilden. Das Explizieren des Impliziten entkomprimiert das Überlieferte. Aber kann dieser Prozess je zu einem Ende kommen, rechtfertigt er das Attribut »absolut«?
Wenn bei Blumenberg von »absolut« die Rede ist, sollte man ohnehin misstrauisch werden. Denn »absolut« ist für ihn in der Regel die Vokabel für etwas Schreckliches.14 So ist sein Bezug auf Schopenhauer dann auch ein ironischer – und bei aller intellektueller Distanzierung gleichzeitig einer voller Faszination. Ist nicht sein eigenes Denken, sein »Werk«, der Versuch, ein absoluter Leser zu werden? Und wenn man diesen Versuch nachvollziehen wollte, wäre man dann nicht der absolute Leser in Potenz? Wie viel Blumenberg muss man gelesen haben, um über ihn zu schreiben? Wie viel muss man von dem kennen, was er kannte? Wie weit muss sich der Rezipient dem unerreichbaren Ideal des absoluten Lesers annähern, um glaubwürdig über Blumenberg urteilen zu können? Oder kann man sich damit trösten, dass man auf sich beruhen lassen darf, was ohnehin nicht zu erreichen ist? Abschied vom Absoluten?
Blumenberg selbst hat an eine rhetorische Figur erinnert, die sich dieser logischen Absurdität wenigstens annähern will. Er nennt diese Figur »Sprengmetapher«, etwas, das »die Anschauung in einen Prozeß hinein[zieht], in dem sie zunächst zu folgen vermag […], um aber an einem bestimmten Punkt […] aufgeben – und das wird verstanden als ›sich aufgeben‹ – zu müssen«.15 Man kann also diese Vorstellung nicht zu einem Ende führen, es durch die Richtung der Bewegung aber erahnen. Der absolute Leser ist kein Ding der Unmöglichkeit, er ist ein Ding fiktiver Möglichkeit, ein Ding an sich, eine regulative Idee also. Dieser regulativen Idee folgt die vorliegende Studie. Sie will zeigen, dass Blumenberg Lesestrategien gefunden hat, diese Sprengmetaphorik nachzuvollziehen und dabei seine besonderen Formen produktiven Aufgebens zu entwickeln. Er geht schließlich eigene Wege: Umwege der Hermeneutik, die im Text auch das entdecken, was in ihm ursprüng13lich nicht gemeint war. Damit ist aber auch eine Vorentscheidung für die Darstellung seines Denkens getroffen.
Bisherige Rekonstruktionen der Philosophie Blumenbergs haben entweder versucht, sein Denken zu systematisieren, oder sich an der Abfolge der publizierten Bücher abgearbeitet. Dabei liegt es nahe, sich dem umfangreichen Korpus zu nähern, indem man erst einmal einen »Grundgedanken« herausdestilliert, von dem aus sich der unermessliche Detailreichtum der Blumenberg'schen Texte erschließen kann. Prägend war hier Odo Marquard, der in seinem Nachruf auf Blumenberg das Stichwort vom »Absolutismus der Wirklichkeit« aus Arbeit am Mythos aufgenommen und das gesamte Denken seines befreundeten Kollegen gerade als eine »Entlastung vom Absoluten« charakterisiert hat. Da die Menschen jenes Absolute nicht aushalten, müssten sie »in verschiedenster Form Distanz zu ihm gewinnen«.16 Diesen Gedanken nimmt Franz Josef Wetz, der Pionier unter den Blumenberg-Biographen,17 auf und macht ihn zum organisierenden Prinzip seiner erfolgreichen Einführung in das Denken Blumenbergs. Was Wetz auf den Spuren von Marquard wiederum als Blumenbergs »eigentlichen Grundgedanken« versteht, hat zwei Seiten, eine negative und eine positive:
Auf der einen Seite steht die sinnleere Wirklichkeit, die angsterregende, rücksichtslose, unzuverlässige Übermacht der realen Welt, die man mit einem absolutistischen Souverän vergleichen kann. Ihr stehen auf der anderen Seite ganz unterschiedliche Maßnahmen und Anstrengungen des gleichermaßen schwachen und ohnmächtigen wie erfindungsreichen und talentierten Menschen gegenüber. Dieser wird völlig in Anspruch genommen von der schwierigen Aufgabe, sich durch Leistungen der Distanz, für welche die gesamte Kultur steht, von dieser übermächtigen 14Willkürherrschaft zu entlasten. Da die Wirklichkeit für den Menschen meist schwer zu ertragen ist, sucht er seit jeher Möglichkeiten, ihrer Willkür zu entfliehen oder sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in ihre Schranken zu weisen.18
Dieser »Grundgedanke« erscheine in all seinen Büchern, werde nur jeweils variiert, so zum Beispiel in den metaphorologischen Schriften, in denen der gewaltige, sturmumtoste Ozean für diese gefahrvolle Wirklichkeit steht und die Seefahrt zum Zeichen humaner Selbstbehauptung wird.
Diese Interpretation ist nicht nur eine ungemein nützliche Hilfe zur Erschließung eines durch und durch sperrigen Werks, sie hat auch in gewisser Hinsicht Blumenbergs Segen. Odo Marquard hat Blumenberg einmal direkt gefragt, ob er mit dieser Interpretation seines Werkes zufrieden sei, worauf die Antwort gewesen sein soll: »›Unzufrieden bin ich nur damit, daß man so schnell merken kann, daß alles ungefähr auf diesen Gedanken hinausläuft.‹«19
Allerdings muss man sich bei diesem Vorgehen zweier Einschränkungen bewusst sein: Es ist zum einen sehr stark durch Marquards eigene Vorlieben geprägt und liest Blumenberg daher durch eine anthropologische Brille. Das ist natürlich nicht falsch, da solche Interessen bei Blumenberg – vor allem dann in den siebziger und achtziger Jahren – eine große Rolle gespielt haben, hebt aber ein Ideenkorpus hervor, das man vielleicht besser als lediglich einen Motivstrang in einem komplexeren Gewebe von Argumentationen und Ideen verstehen sollte.
Zum anderen besteht durch diese Interpretation auch die Gefahr, das Werk von seinem Resultat her zu lesen. Das Produkt, zu dem sich Blumenbergs Denken in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre verfestigt hat, wird zur Folie, durch die hindurch dann alle anderen Schriften gesehen werden. Die Idee vom Kampf gegen den Absolutismus der Wirklichkeit wird damit nicht der End- oder Durchgangspunkt eines Weges, sondern eher sein Anfang oder die Essenz, die nur jeweils anders präsentiert wird. Oder wie 15es bei Wetz heißt: »Blumenberg variiert diesen Grundgedanken in seinen Büchern.«20 Frühere Studien, wie etwa Die Legitimität der Neuzeit, werden damit in erster Linie zur Vorgeschichte der späteren. Die humane Selbstbehauptung der Neuzeit, die in diesem ersten großen Buch als Antwort auf die unverfügbare Allmacht des spätmittelalterlichen Willkürgottes erscheint, ist unter solchen Vorzeichen der Nukleus, an dem Blumenberg »zwei wesentliche Operationen vornimmt«: eine »sachliche Neutralisierung« und eine »geschichtliche Generalisierung«.
Die sachliche Neutralisierung besteht in der Entdifferenzierung der rücksichtslosen Allmacht des spätmittelalterlichen Willkürgottes zur rücksichtslosen Übermacht der Wirklichkeit schlechthin. Diese sachliche Neutralisierung korrespondiert mit einer raumzeitlichen Generalisierung: Die rücksichtslose Übermacht der Wirklichkeit gilt nun nicht mehr bloß als Herausforderung des Spätmittelalters, sondern als eine der Menschheit insgesamt.21
Was sich im Begriff der umwandelnden »Operationen« nur andeutet, ist die Bedeutung, die das Prozessuale für Blumenberg hatte. Sein Denken war bis in die Details hinein auch immer ein experimentierendes, ein Denken in Bewegung. Dabei zeichneten sich sicherlich schon früh Tendenzen ab, zugleich aber auch eine Offenheit für unterschiedliche Optionen. Gerade diese Offenheit des Prozesses interessiert eine intellektuelle Biographie wie die folgende – nicht zuletzt die Möglichkeiten, denen Blumenberg ein Stück weit nachgegangen ist, um sie dann wieder zu verwerfen oder sie einfach nicht weiter zu vertiefen, aber manchmal nach vielen Jahren dann doch wieder aufzunehmen. Ohne die Bedeutung der von Marquard, Wetz und anderen herausgearbeiteten Motive in Blumenbergs Denken in Zweifel ziehen oder gar bestreiten zu wollen, geht es hier vor allem darum, ihre Situiertheit und die von ihnen verdrängten Möglichkeiten aufzuzeigen.
Auf den folgenden Seiten sollen also Facetten einer solchen intellektuellen Biographie entfaltet werden. Sie beschreiben Blumen16bergs Philosophie nicht als – vielleicht auch nur nachträglich – zu konstruierendes System, sondern als Denken in Bewegung, als eine Entwicklung, die mehrere Phasen durchläuft. Daraus ergibt sich, was hier geleistet werden kann und soll – und was nicht.
Zum einen soll der große Bestand an nach wie vor unpubliziertem Nachlassmaterial genutzt werden. In einigen Fällen wird daraus ausführlicher zitiert, auf Kosten des bekannten, weil schon veröffentlichten Materials. Der Gesamtzusammenhang darf natürlich nicht verloren gehen, aber im Zweifelsfall wird das allgemein Zugängliche und damit auch oft schon Kommentierte nicht noch einmal ausführlich dargestellt. Dabei kommen sicher einige – auch für Blumenberg selbst – wichtige Themen, wie etwa die Phänomenologie oder die kopernikanische Wende, in ihrem Detailreichtum zu kurz. Sie sind und waren Stoff für eigene Bücher.22
Mit der Konzentration auf die Bewegung unter Vernachlässigung einzelner Resultate bleibt vor allem auch eine andere wichtige Frage ausgeblendet: die nach der Beständigkeit der Blumenberg'schen Philosophie. Was von seinem Denken übrig bleibt, was produktiv weiterentwickelt werden kann, ist Gegenstand einer anderen Diskussion. Sie wird in den letzten Jahren immer lebhafter geführt, und dass sie geführt wird, ist natürlich die Voraussetzung dafür, dass es ein Interesse an der Entstehung und Entwicklung seines Denkens gibt. Aber auch der Blick auf das Denken in Bewegung kann bei der Multidimensionalität von Blumenbergs Werk nur versuchen, wenigstens die wichtigsten Schritte zu erfassen. Dazu macht der dritte Teil dieses Buchs ein Angebot.
Blumenberg als Leser, der sich ohne Unterlass selbst beobachtet und seine Arbeit in allen Facetten dokumentiert, ist nicht nur ein Geschenk für alle, die am Prozess dieses speziellen Denkens 17interessiert sind, sondern auch für die, die weitergehende Fragen an die Arbeitsweise von Philosophen und zur Geschichte des Denkens überhaupt haben. Diese Fragen sind eher wissenschaftshistorischer Natur: Welche Faktoren können oder müssen zusammenkommen, damit Bücher wie Die Genesis der kopernikanischen Welt oder Höhlenausgänge entstehen können? Was treibt ein Schreiben an? Welche Formen nehmen die Auseinandersetzungen mit dem Denken und den Gedanken anderer an? In welchem Verhältnis stehen rezeptive und kreative Momente eines Denkprozesses, das Lesen und das Schreiben?
Dass das Lesen im Zentrum seiner Arbeit steht, hat Blumenberg immer wieder betont. Einem Freund, der geklagt hat, dass er so viel von dem, was er lese, wieder vergesse, soll er geantwortet haben, es komme doch aufs Lesen an, nicht aufs Behalten.23 Was bleibt von »einem mit Lesen verbrachten Leben«? »Ein Leser. […] Nur die kostbarsten Augenblicke hätte dieser Leser zu notieren sich die Zeit genommen, um nicht die übrige Zeit für Lesen zu verlieren, die andere dazu verwenden, anderen Lesern, die es vielleicht gar nicht gibt, im mehrfachen Umfang des Lesbaren ihre Hermeneutik mitzuteilen.«24 Auch wenn es an dieser Stelle um die Frage überhandnehmender Methodenreflexion geht, so ist das Verhältnis von lesen dürfen und schreiben können generell immer wieder ein Problem, dessen Blumenberg sich bewusst war.
Unterstellt man die Arbeitszeit eines Intellektuellen einmal als konstant und vernachlässigt, dass sie auch auf Kosten der Freizeit ausgedehnt werden kann,25 ignoriert man auch einmal großzügig, dass die eigentliche Arbeitszeit eines Akademikers viele andere Tätigkeiten, wie Lehre, Verwaltung und dergleichen beinhaltet, dann arbeiten vor allem Lesezeit und Schreibzeit gegeneinander. Je mehr Zeit man für das Lesen aufwendet, desto weniger hat man für sein Schreiben und umgekehrt. Kurt Tucholsky hat das ultimative Stadium dieses Dilemmas auf den Punkt gebracht: Das bisschen, was er noch lese, habe er selbst geschrieben.
Dass man hinter den Autoren, die man zunächst und eigentlich liest, auf eine weitere Schicht zu Lesender trifft und hinter diesen 18auf eine je weitere, auf Autoren, die die Autoren erster Ordnung gelesen haben und die damit in ihr Schreiben eingegangen sind, so dass deren Kenntnis zum wirklichen Verständnis des Gelesenen mehr oder weniger unerlässlich sein mag, ist nur eine relative Bedrohung, mit der die potentielle Lesezeit auf die zu erkämpfende Schreibzeit übergreift.
Abb. 2: Hans Blumenberg als Leser, 1940er Jahre.
Die absolute Bedrohung des absoluten Lesers ist aber: Soviel man auch liest, die Menge der nicht gelesenen Literatur bleibt immer größer und nimmt eher noch zu. Ein Buch zu öffnen, ist somit eine Entscheidung, die mit dem Verzicht auf viele andere Lektüren einhergeht. Wie trifft man sie? Welche Texte sich ein Anrecht, gelesen zu werden, erobern können, hängt von einem Zusammenspiel materieller, kultureller und sozialer Faktoren ab. Das bildet sich sehr deutlich in Blumenbergs Leselisten ab.
Zunächst einmal ist die materielle Verfügbarkeit der Texte von Bedeutung. Sie war gerade in den ersten Nachkriegsjahren nicht selbstverständlich, und das blieb auch später für einige seltene Texte aus der Geistesgeschichte so. Ein Teil der Korrespondenz 19Blumenbergs mit seinem ersten Assistenten Günter Gawlick handelt von solchen Recherchen.
Auch der kulturelle Hintergrund kanalisiert die Aufmerksamkeit bei der Lektüre. Wer aus der Welt eines humanistischen Gymnasiums kommt, liest natürlich die philosophischen Klassiker im griechischen und lateinischen Original und schätzt sie entsprechend hoch ein. Auch wenn Blumenberg sicher Englisch und Französisch leidlich beherrschte, so war Literatur in diesen Sprachen doch für ihn von anderer, geringerer Dignität.26 Das mag ein Grund gewesen sein, warum er wichtige Autoren der angelsächsischen Metapherntheorie nie gelesen, geschweige denn ernst genommen hat.
Aber auch einiges an zeitgenössischer Literatur ist nicht in jedem Moment ohne weiteres verfügbar – jedenfalls nicht in Blumenbergs frühen Jahren, etwa die Aufsätze von Kollegen, die in Zeitschriften erschienen sind. Nach der allgemeinen Verbreitung von Fotokopierern und erst recht seit der digitalen Reproduzierbarkeit von Texten ist die überragende Bedeutung, die die Institution des Sonderdrucks fast bis zum Ende von Blumenbergs Lebenszeit gehabt hat, kaum noch vorstellbar.27 Separata waren symbolisches Kapital und gleichzeitig ein Produktionsmittel. Deshalb war die Zahl der Sonderdrucke auch ein stetiger Anlass zum Streit mit Verlegern. Für Blumenberg – und nicht nur für ihn – war abgesehen von der Höhe des Honorars von zentraler Wichtigkeit, wie viele Sonderdrucke ihm zugestanden wurden. Eine möglichst große Zahl dieser Broschüren verschicken zu können, war ein nicht zu überschätzender Vorteil im Kampf um kollegiale Anerkennung.
Das verweist auf die Bedeutung von persönlichen Beziehungen und sozialen Netzwerken. Sekundärliteratur scheint nicht zuletzt dann bedeutend gewesen zu sein, wenn sie von Autoren stammte, die eine wichtige Rolle im akademischen Umfeld spielten. Hier treffen materielle und soziale Momente zusammen. So las Blumenberg sehr häufig Aufsätze von Kollegen, auch wenn sie nicht unmittelbar sein aktuelles Arbeitsfeld betrafen. In den Eintragungen der Leselisten schlug sich das in einer eingeklammerten Ergänzung nieder: »(Sep)« für »Separatum«. Und Artikel in Kultur20zeitschriften waren für Blumenberg eine willkommene Abkürzung, die den langen Weg durch ein Werk ersparte. Wichtige Autoren der Zeit, wie Günther Anders, Hannah Arendt oder Jürgen Habermas, kannte er weniger aus ihren Büchern als vielmehr aus Beiträgen im Merkur oder in der Neuen Rundschau.
Blumenberg selbst war in den ersten zwanzig Jahren seines akademischen Lebens vor allem ein Zeitschriftenautor. Das war schlecht für seine Reputation, weil für die Berufbarkeit auf einen Lehrstuhl nicht zuletzt die Buchveröffentlichungen entscheidend waren, bildete aber paradoxerweise die Voraussetzung seiner Bekanntheit. Einer der geläufigsten Topoi der Korrespondenz unter Akademikern ist der Dank für ein übersandtes Buch, versehen mit der Bemerkung, dass man noch nicht dazu gekommen sei, es zu lesen, es aber bald vorhabe. Umso erfreuter dann die Reaktion des Buchautors, wenn wirklich einmal ein substantieller Kommentar von dem Beschenkten zurückkommt. Oder auch das Gegenteil: Blumenberg war oft enttäuscht, wenn er dem einen oder anderen Kollegen etwa Die Legitimität der Neuzeit zuschicken ließ, darauf aber nie eine Resonanz erhielt.
Die Zusendung von Sonderdrucken oder selbst Büchern kann aber auch noch eine andere, eine symbolische Wertigkeit entfalten. Sie ist oft vor allem ein Zeichen, dass man an den anderen denkt und dass man ihn schätzt. Eine Bitte um Sonderdrucke kann darüber hinaus ein subtiles Mittel im Statuskampf sein. So kam Blumenberg dem Wunsch von Jacob Taubes, er möge ihm doch alles, was an seinen Sonderdrucken verfügbar sei, schicken, zunächst gern nach, reagierte später aber, als die Gegengaben ausblieben, verhalten. Als nachgerade beleidigend empfand er schließlich das Ansinnen, von ihm einen zweiten Satz zu erhalten, da Taubes die ersten Exemplare verloren hatte. Solch ein nachlässiger Umgang mit dem Gedruckten wird dem perfekt organisierten Blumenberg als Missachtung des Gedachten erschienen sein, zumal Taubes in seinen Reaktionen ohnehin gern einen sehr kritischen Ton anschlug. Es ist also eine subtile Form der Rache, wenn Blumenberg nun Taubes seinerseits um die Übersendung von 21Sonderdrucken aus dessen Feder bat, wohl wissend, dass es da nichts zu schicken gab, weil Taubes zwar ein meinungsstarker Diskutant, aber ein äußerst unproduktiver Autor war.28 Der Subtext von Blumenbergs Bitte lautete also: Legitimieren Sie sich erst mal durch eigene Produktivität, ehe Sie andere in Grund und Boden kritisieren.29
Das Zusammenspiel von Lesen und Schreiben ist natürlich keines zwischen sauber getrennten Sphären. Ein Großteil der intellektuellen Arbeitszeit, oft vielleicht ein viel größerer als die reine Lese- und die wirkliche Schreibzeit selbst, ist der vermittelnden Zeit des schreibenden Lesens gewidmet: dem Anfertigen von Notizen, Exzerpten und Konspekten, dem Abtippen von Zitaten etc., also dem schreibenden Formatieren des Gelesenen, von dem erst das denkende und verarbeitende Schreiben ausgeht. Diese Vermittlungsarbeit bestand bei Blumenberg aus einer Reihe von Produktionsschritten, die in letzter Zeit stärker in den Blick genommen werden. Auch hier sind Sonderdrucke ein wichtiges Arbeitsmittel, denn nur in ihnen darf man tun, was in Bibliotheksexemplaren nicht erlaubt ist: sich Gedanken aneignen, indem man Sätze im Text unterstreicht. Am meisten Aufmerksamkeit hat inzwischen der große Bestand an Karteikarten gefunden, den Blumenberg seit seiner frühsten Jugend angelegt hat und der den Ausgangspunkt seines Schreibens bildet.30 Sehr prominent ist auch eine andere seiner Eigenheiten geworden: Viele seiner Texte hat er in späteren Jahren nicht mehr eigenhändig geschrieben, sondern auf der Grundlage von Notizen und Karteikarten diktiert.31 Dies sind aber nur einige wenige Elemente in einem ganzen Ensemble von Baumaterialien und Werkzeugen der intellektuellen Produktion. Dazu gehört auch, dass Blumenberg, wie bei vielen seiner Kollegen üblich, die Gedanken erst in Vorlesungen erprobt, bevor er das Material dann zu Buchmanuskripten ausgearbeitet hat.32 Aus den späten siebziger und frühen achtziger Jahren gibt es eine ganze Reihe von Vorlesungsmitschnitten, die allerdings erst zum kleineren Teil zugänglich sind. Darüber hinaus sind viele Bücher Blumenbergs in mehreren Stadien entstanden: Am Anfang standen 22einzelne Aufsätze, die dann gelegentlich zusammengefasst, später noch einmal überarbeitet, wieder später deutlich erweitert worden sind. Das bedeutendste Beispiel hierfür ist sein Hauptwerk Die Genesis der kopernikanischen Welt. Dies alles soll im zweiten Teil dieses Buchs etwas genauer in Augenschein genommen werden.
Gerade Erweiterungen eines ursprünglichen Aufsatzes zu einem ganzen Buch sind nicht zuletzt das Ergebnis von Rückkoppelungen, die in Auseinandersetzung mit der Kritik der Leser entstanden sind. Natürlich erprobt sich das eigene Denken in allen seinen Entwicklungsstufen auch am Denken anderer – sei es, indem man sich im Modus des einsamen Lesers mit ihren Texten beschäftigt, sei es, dass man ihnen als persönlich anwesenden und eingreifenden Diskussionspartnern begegnet und sich im Wechselspiel von Argumenten mit ihren Thesen und Einwänden auseinandersetzt. Das gegenwärtige Bild von Hans Blumenberg ist geprägt von der Vorstellung des sich verbergenden Nachtarbeiters, der alle persönlichen Kontakte meidet. Dieses Bild geht auf eine Selbstinszenierung des alten Philosophen zurück, der sich nach seiner Münsteraner Berufung mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückzog, keine Seminare, sondern nur noch Vorlesungen anbot, dort keine Zwischenfragen zuließ und nach seiner Emeritierung ganz in seinem Altenberger Arbeitszimmer verschwand. Vor dieser finalen Klausur ist Blumenberg aber durchaus der Mittelpunkt wichtiger Diskussionen sehr unterschiedlicher Art gewesen, nicht nur im von ihm mitgegründeten Arbeitskreis »Poetik und Hermeneutik«. Schon die Kieler und Hamburger Jahre, Blumenbergs formative Zeit, lohnen auch in dieser Hinsicht einen genaueren Blick, der nicht nur akademische Gespräche entdecken wird, sondern auch die Versuche, ein öffentlicher Intellektueller zu werden.
23Gewöhnlich fragt man, wenn es um prägende Einflüsse geht, vor allem nach Lehrern. Die Ideengeschichtsschreibung neigt oft noch dazu, Beziehungen, in die Theoretiker mit anderen Theoretikern treten, in ein grobschlächtiges Raster einzuteilen: Schüler, Mitarbeiter, Rivalen und Gegner. Grundsätzlich scheint die Alternative meist immer noch zu sein: Ist der Denker ein Originalgenie oder ein Adept? Wobei im ersten Fall alle anderen Faktoren ausgeblendet werden, im zweiten die Rolle des Originalgenies zurückverlegt wird auf den Lehrer. Dabei werden diese Beziehungen nach dem Muster der Bewirtschaftung von Gütern verstanden: Rivalen streiten um die Urheberschaft an einer Theorie wie Goldgräber um eine Fundstelle, deren Claim sie jeweils als Erste abgesteckt haben wollen; Schüler übernehmen einen Ideenbestand wie Landwirte, die ein Stück Ackerland erben, um es weiter zu bestellen und dessen Ertrag dabei bestenfalls auf der vorhandenen Grundlage zu steigern.
Aber gerade in der Philosophie und in der Wissenschaftsgeschichte zeigt sich die Auseinandersetzung mit dem vorausgegangenen Ideenfundus in einer Vielzahl von nuancierten Möglichkeiten, in denen ein Theorienbestand die Bedingung der Möglichkeit des anderen wird. Das ist nicht in erster Linie Schülerschaft. Weil aber dieses Deutungsmuster immer noch vorherrscht, führt das in der Praxis des Schreibens häufig zu Verschleierungsgesten. Gerade dort, wo, wie in der Philosophie, das Ideal des Originalgenies – wenn auch unausgesprochen – nach wie vor das Bewusstsein bestimmt, erzeugt das »Einflussangst«33 und lässt Theoretiker ihre intellektuellen Beziehungen verbergen. Denn wer eines anderen Schüler ist, kommt schnell in den Ruf, lediglich ein Denker zweiter Klasse zu sein. Die Frage, wessen Schüler man eigentlich sei, dient natürlich dem Wunsch nach einer Vororientierung, einem Ordnungsbegehren, das die positive Funktion von Vor-Urteilen anerkennt. Sie ist das akademische Pendant zu der Frage, ob man denn einer guten Familie entstamme.
Die entscheidende Frage ist aber nicht, wessen Schüler man ist, sondern, wie man mit welchen Anregungen konkret umgeht. Denn 24selbstverständlich konstituieren die Gedanken anderer eine Theorie, im positiven Sinn der Aufnahme wie im negativen der Absetzung. Man darf solche »Einflüsse« nur nicht im Sinne einer Filiationsgeschichte, bei der am Erbgut eines Denkens sein Gehalt dechiffrierbar wäre, verstehen. Solche quasikausalen Unterstellungen, die die Genesis einer Denkwelt mit einer philologischen Erbschaftssteuer belegen wollen, sind ohnehin immer zweifelhaft. Eher geht es um eine Art intellektuelles Spannungsfeld.
Für jeden Philosophen gibt es eine mehr oder weniger große Zahl von Bezugstheorien, von Denkern, mit denen man sich auf die eine oder andere Weise immer wieder auseinandersetzt, die eine fortdauernde Präsenz in der eigenen intellektuellen Werkstatt haben. In Hans Blumenbergs Texten erscheint eine ganze Reihe solcher virtueller Sparringspartner: Immanuel Kant, Edmund Husserl, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein und nicht zuletzt Martin Heidegger.34 Aber auch Kollegen, die er schätzt, an deren Anerkennung ihm gelegen ist oder von denen er sich absetzen will, sind darunter: Hans Jonas, Carl Schmitt, Hermann Lübbe oder Odo Marquard, um nur einige zu nennen.
Die Konstellationsforschung versucht sich aus der Falle der reinen Filiationsgeschichte ein Stück weit zu befreien, verlegt die Genierolle am Ende aber doch oft nur in singuläre Gruppen.35 »Konstellation« bedeutet zudem ein Interaktionsgeflecht von nur scheinbar Gleichen, in dem der herausgehobene Denker, nach dem am Ende meist doch gefragt wird (Hegel etwa oder Schelling oder Hölderlin), ein Zentralgestirn ist, um das die anderen kreisen. Dabei wird dann doch wieder die Bedeutung dessen, was man sein Netzwerk nennen könnte, zurückgedrängt. Daher wird es mir in diesem Buch darum gehen, den Denker und Autor Hans Blumenberg zu kontextualisieren, ihn aus seinen Bezügen heraus zu erklären, ohne ihn in diese Relationen aufzulösen, ohne ihn also für tot zu erklären.
Zu diesen Bezügen gehören nicht nur die akademischen Kollegen. Eine zentrale Rolle für die Genese von Blumenbergs Denken spielen auch Herausgeber von Zeitschriften, Redakteure von Zei25tungen und Verleger. Auch diese scheinbaren Nebenfiguren aus der nichtuniversitären Welt können einen Denkweg beeinflussen, vielleicht nicht unbedingt durch substantielle Argumente, aber zum Beispiel durch die Anfragen, Wünsche und Anforderungen, die sie stellen und durch die sie den Autor dazu bringen, bestimmte Prioritäten zu setzen.
Das Folgende ist also eine Denkbiographie, die mehrere Erzählstränge parallelisieren und aufeinander beziehen will. Vor allem soll die immanente Entwicklung von Blumenbergs Denken herausgearbeitet werden, ohne die externe Beziehungsvielfalt, aus der heraus diese Immanenz erst entstehen kann, zu vernachlässigen. Gerade bei Blumenberg bilden sich früh Themen und Interessen heraus, die ihn zeit seines intellektuellen Lebens beschäftigen und denen er treu bleiben wird, Motive, die sein ganzes Werk, wenn auch nicht unverändert, durchziehen. Gleichzeitig ist er stets von einem Geflecht von Anregern und Gesprächspartnern umgeben, das sein Denken kanalisiert, das ihn stimuliert und ihm auch dabei hilft, seine Motive und Themen zur Entfaltung zu bringen sowie zu konkretisieren, welchen Weg sie zu welcher Zeit genau nehmen. Wenn sich ein Gedanke entwickelt, ist ihm sein lebensgeschichtliches Telos ja noch nicht eingeschrieben, er enthält stattdessen immer eine Vielzahl von unterschiedlichen Möglichkeiten. Welche davon zum Tragen kommen, ist nicht zuletzt durch die Konstellationen und Netzwerke, in denen er entstehen kann, bedingt.
Befasst man sich mit solchen Geflechten persönlicher Beziehungen, stellt sich auch die Frage nach der Relevanz des Biographischen insgesamt. In einer oft zitierten Bemerkung verlangt Friedrich Nietzsche, man müsse aus jedem philosophischen System 26drei Anekdoten herausdestillieren, denn nur so könne man sich der Persönlichkeit eines Denkers nähern. Die Systeme seien meist ohnehin inzwischen widerlegt, deshalb könne uns nur noch das Persönliche interessieren. Nur das sei das Unwiderlegbare.36 Hans Blumenberg, der Liebhaber der Unbegrifflichkeit, hat das mit der wohlwollenden, wenn auch zweifelnden Bemerkung kommentiert: »Das wäre wohl die vollendete Auflehnung gegen die Monokratie des Begriffs geworden. Wir werden nie wissen, ob sie gelungen wäre.«37
Wer hingegen glaubt, dass Philosophie nicht dem wissenschaftlichen Fortschrittsgedanken gehorcht, stellt auch für die Systeme und die in ihnen formulierten Gedanken Rückkommensanträge. Und selbst wenn man das Denken historisiert, scheint es doch eher einer immanenten Logik zu folgen. Für Wissenschafts- oder allgemeiner Ideenhistoriker ist das Biographische aus vielen Gründen für die Entwicklung einer Theorie insgesamt – mit Hegel gesprochen – »äußere Reflexion«, gehört also nicht zur Sache, bedeutet jedenfalls nichts für ihre theoretische Relevanz. Eher führt es sogar von ihr ab. Martin Heidegger – ausgerechnet – hat das polemisch pointiert auf die Formel gebracht: »Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb. Wenden wir uns seinem Denken zu.« Die Biographie eines Philosophen zählt nicht, allenfalls die seiner Theorie.38
Wenn aber das Biographische nicht zählt, dann ist sein Kondensat, die Anekdote, erst recht kontingent. Für die Antike stellte sich das durchaus noch anders dar. Für sie galt eine Philosophie nur dann als wahr, wenn ihr Urheber sie auch durch ein wahrhaftiges Leben beglaubigte. Ein bedeutender Zweig antiker Philosophiegeschichtsschreibung ist damit biographisch. So schreibt etwa Heinrich Niehues-Pröbsting:
Ein Merkmal der antiken Biographie ist – im Unterschied zur modernen – das starke Abstellen auf das Typische, im Hinblick worauf das individuelle Leben betrachtet wird. Das ist schon mit dem Wort bios verbunden, welches für »Lebensform« steht. Da die Unterscheidung nach 27Lebensformen, die Platon und im Anschluss an ihn Aristoteles vornehmen, nach ethischen Maßstäben geschieht, und da die philosophische Lebensform sich als die höchste begreift, die in höchstem Maße das Ziel der Glückseligkeit realisiert, wird das Leben des Philosophen auch ethisch-exemplarisch betrachtet.39
Die Versachlichung und Ausdifferenzierung der Wissenschaften, die kaum noch von Einzelbiographien geprägt sind, sondern auf der Kooperation von im Vollzug verbundener Gruppen beruhen, scheinen diese Forderung obsolet gemacht zu haben. Ihre gesellschaftliche und moralische Bewertung wird von einzelnen Urhebern abgekoppelt und an den Prozess gebunden, dessen Einschätzung eher zu einer Frage demokratischer Kontrolle geworden ist.
Und doch sind wir nach wie vor von den intellektuellen Leistungen Einzelner fasziniert. Deshalb messen wir schließlich immer wieder das, was sie denken, an der Art, wie sie leben. Sie tun es selbst. Wittgensteins temporärer Rückzug in ein Volksschullehrer-Dasein ist oft gedeutet und – sogar von ihm selbst – mit verstecktem Sinn aufgeladen worden. Klarer noch wird die Verbindung bei moralischen Verfehlungen. Heidegger stellt das beste Beispiel dar. Gerade nach der Publikation seiner Schwarzen Hefte wird die Zahl derjenigen, die es bei dem Satz »Heidegger wurde geboren, arbeitete und starb« belassen wollen, kleiner. Und als die Karriere des jungen Hans Robert Jauß in der Waffen-SS ruchbar wurde, stand schnell die Frage im Raum, ob sich diese Vergangenheit auch in der theoretischen Substanz der Rezeptionstheorie niedergeschlagen habe. Ein falsches Leben beschädigt die Theorie schneller, als ein einwandfreies sie beglaubigt. Dennoch: Die Frage nach dem Zusammenhang von Leben und Werk ist nach wie vor offen, sie stellt sich in jedem einzelnen Fall auch anders. Was aber bedeutet das für das Projekt einer intellektuellen Biographie?
Eine intellektuelle Biographie ist nicht nur der Nachvollzug einer immanenten Theorieentwicklung, sondern auch eine Rekonstruktion dieser Geschichte mit Seitenblicken auf das indivi28duelle Leben des Theoretikers. Sie muss versuchen, beides ins Verhältnis zueinander zu setzen, das heißt die Relevanz der individuellen Geschichte immer wieder infrage zu stellen, ohne sie von vornherein für unwichtig zu erklären.
Nun sind weder die Schwarzen Hefte noch eine mehrjährige Karriere bei der Waffen-SS Anekdoten. Dennoch stellt sich nicht nur in diesen Fällen, sondern schon auch für Anekdoten die Frage, warum sie für eine intellektuelle Biographie zumindest von partieller Relevanz sind, vor allem im Fall Hans Blumenbergs, für den gerade in seinen späten Jahren die Anekdote als Gegenstand der Reflexion so wichtig geworden ist.
Am 30. März 1831 bezeichnete Goethe im Gespräch mit Johann Peter Eckermann seine Autobiographie Dichtung und Wahrheit als »lauter Resultate meines Lebens«, wobei er darunter nicht einfache Ereignisse versteht, denn »die erzählten Facta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit zu bestätigen. […] Ich dächte, […] es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch Wahrheit und Dichtung, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt.« Zum Gegenbild wird Jean Paul, der habe »Wahrheit aus seinem Leben geschrieben«. Das sei aber völlig falsch. »Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.«40
Was aber ist ein Faktum des Lebens? Wodurch wissen wir, dass es etwas zu bedeuten hat? Machen wir etwas, das in unserem Leben passiert, nicht dadurch zum factum, dass wir es aus dem Strom der Ereignisse isolieren und ihm Bedeutung verleihen – aus welchen Motiven auch immer? Wie entsteht die klar abgrenzbare Entität eines solchen Faktums? Selbst wenn es sich um ein eindeutig definierbares, vielleicht sogar datierbares Ereignis handelt, hat es eine besondere Gestalt, erscheint es in Form einer Erzählung, durch die Bezüge hergestellt werden. Goethe lässt uns nicht einfach die karge Tatsache seiner Geburt wissen, sondern auch, wie die astrologischen Konstellationen zu diesem Zeitpunkt waren und dass es darüber hinaus eine schwere Geburt gewesen 29ist, die dann im Weiteren auch seinen Großvater zur Reform des Hebammenwesens veranlasst hat.
Ein Faktum erscheint so meist im Rahmen mindestens einer Anekdote. Die Anekdote ist die kleinste Einheit des Lebens von außen betrachtet.41 Anekdoten sind Brenngläser. Und in der Tat: Wenn sie Momente von Bedeutung festhalten, so nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst Bedeutsamkeit schaffen.42 Keiner wusste das besser als Blumenberg, für den »Bedeutsamkeit« ein zentraler Begriff war und der selbst auch im Spätwerk oft Szenen, die er in Tagebüchern, Biographien oder in Zeitungsberichten auflas, anekdotisierte und zu einem zentralen Element seiner Arbeit machte.
Es ist also treffend, wenn Kurt Flasch sein fulminantes Buch über den frühen Blumenberg mit einer Anekdote beginnt. Als Flasch 1970 nach Bochum kam, habe Blumenberg das Institut zwar wenige Monate danach schon in Richtung Münster verlassen, doch habe man sich ein wenig angefreundet. Als Flasch dann Mitte der siebziger Jahre zu einem akademischen Fest an Blumenbergs neue Universität eingeladen war, zeichnete ihn der ältere Kollege dadurch aus, dass er mit ihm zum Mittagessen in den Ratskeller ging und dort sehr gelöst drei bis vier Stunden plauderte. Bei dieser Gelegenheit fragte ihn Flasch, warum er sich eigentlich schon zwanzig Jahre, bevor es Mode geworden sei, mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigt habe. Als Antwort erzählte Blumenberg ihm zwei Episoden aus seiner Jugend. Als er nach dem Abitur zwei Semester an kirchlichen Hochschulen studiert habe, sei die dort offiziell gelehrte Neuscholastik ihm so langweilig vorgekommen, dass er lieber Augustinus gelesen habe. Dessen Verurteilung der Neugierde habe ihn sehr gewundert.
Dem Studenten Blumenberg dämmerte: So mögen Ordensleute denken, aber Verantwortliche für die Seefahrt haben vielleicht doch anders gedacht. Wie lange konnten Europäer mit diesem theologischen Curiositas-Verbot leben? Er hatte zum Grübeln nicht viel Zeit. Denn nach dem ersten Studienjahr in Frankfurt haben die Nazis die Jesuitenhochschule geschlossen. Aber die Frage nach dem Curiositas-Verbot blieb.
30Später, als Blumenberg eine Anstellung suchen musste, habe sich sein Vater
mit Heinrich Dräger [beraten], einem Bekannten und Chef der Lübecker Drägerwerk AG für optische Geräte. Die Firma arbeitete speziell an der Ausrüstung der U-Boote mit Teleskopen. Heinrich Dräger war bereit, Hans Blumenberg einzustellen. Als er am nächsten Montag früh im Betrieb erschien, begrüßte ihn Herr Dräger freundlich und erklärte ihm, er habe zwar keine Verwendung für ihn, habe ihm aber im vierten Stock ein Zimmer mit Schreibtisch vorbereiten lassen, wo er machen könne, was er wolle. Das war eine elegante Lösung, aber Blumenberg betrat seinen neuen Arbeitsplatz mit Sorge: Was sollte er da oben tun? Mußte er nicht doch irgendwie Rücksicht nehmen auf den optischen Betrieb? Er verminderte seine Skrupel, indem er beschloß, Bücher über Optik und ihre Geschichte zu studieren. Er interessierte sich für Teleskope.43
So seien mit dem Widerspruch zwischen Gottesgelehrsamkeit und Welteroberung einerseits und der Geschichte des Fernrohrs andererseits zwei wichtige Elemente seiner späteren Forschungen zusammengekommen. Bildhaft wird hier auf den Punkt gebracht, was ein Lebenswerk mit motiviert hat: Philosophie in einer Anekdote verdichtet.
Genau genommen erzählt uns Kurt Flasch eine Schachtelanekdote, eine kurze Geschichte, in der uns eine Szene vor Augen geführt wird, die noch eine andere Szene enthält. Dabei beglaubigen sich einschachtelnde und eingeschachtelte Anekdote gegenseitig. Flasch teilt uns seine Erinnerung an das Essen im Münsteraner Ratskeller zunächst mit, um sich selbst gegenüber dem Leser zu positionieren. Er erscheint als vertrauenswürdiger Berichterstatter, der zu seinem »Gegenstand« in einem Verhältnis distanzierter Nähe steht. Der Berichterstatter ist kein Schüler, noch nicht einmal ein enger Kollege. Gerade in der ersten Rolle stünde er dem Protagonisten der Anekdote zu nah, erschiene unkritischer Verehrung oder vielleicht auch affektiv bedingter Abwehr verdächtig. Aber als ein durch eine gewisse Vertraulichkeit ausgezeichneter 31Kollege unabhängiger Denkungsart ist er doch nahe genug, um zum Adressaten intimer Mitteilungen zu werden – darunter sogar eine Ursprungserzählung. Die einschachtelnde Anekdote, jene Situation im Ratskeller, schildert diese Vertraulichkeit so, dass die Bedeutsamkeit und die Wahrheit der eingeschachtelten Anekdote glaubhaft bekräftigt werden. Der Inhalt der eingeschachtelten Anekdote aber beglaubigt umgekehrt, gerade weil sie bisher anscheinend nie erzählt worden ist, noch einmal die Einzigartigkeit der Situation: Form und Inhalt entsprechen einander.
Geschichten wie die Ratskeller-Anekdote verknüpfen Leben und Werk, ein »Faktum« der Biographie wird zum Symbol nicht nur dieses Lebens, sondern auch für die Theorie des Denkers, indem es aus dem Leben heraus eine Motivation für zentrale Elemente des Denkens enthüllt, mindestens jedoch Ursprungsszenen. Solche symbolischen Fakten, in Anekdoten entfaltet, finden sich bei vielen Philosophen, so auch bei Blumenberg.
Eine intellektuelle Biographie muss also Situationen des Lebens mit im Blick haben, wenn sie die Entwicklung der Gedanken nachvollziehen will. Aber welches Gewicht dürfen sie dabei erhalten? Wie glaubhaft sind sie? Noch wichtiger ist aber die Frage: Welche Funktion hat die Anekdote für ihren Erzähler? Nun ist genau diese Frage bei Anekdoten besonders schwierig. Denn es gehört zur wesentlichen Bestimmung solcher kleinen Geschichten, dass sie weitererzählt werden, dass sie kursieren und dabei fluid werden, sich verändern, zu schillern beginnen.
Wer ist zum Beispiel der Erzähler der Ratskeller-Anekdote? Für den einschachtelnden Teil liegt die Antwort auf der Hand: Der Erzähler heißt Kurt Flasch. Die eingeschachtelte Anekdote hat aber mindestens zwei Erzähler: Blumenberg, von dem sie stammt, und Flasch, der sie uns weitererzählt. Der Weg von Flasch zur Quelle der Erzählung ist immerhin vergleichsweise kurz und vertrauenswürdig. Blumenberg ist der Autor seiner Anekdote und Flasch ihr Vermittler, wenn auch viele Jahre, nachdem sie ihm erzählt worden ist. Sie wird damit auch zu einer erinnerten Anekdote. Was an dem, was uns als Lesern nun vorliegt, geht dabei auf 32Blumenberg zurück und dient damit seinen Zwecken, was ist hingegen der Anteil der Nacherzählung?
Die Frage ist schon deshalb nicht trivial, weil bei näherer Betrachtung des Erzählten die eine und die andere Unstimmigkeit auffallen. So wurde die Frankfurter Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen 1940 keineswegs geschlossen,44 nur musste Blumenberg sie verlassen. Auch der Dräger-Teil der Geschichte passt nicht ganz zu den Fakten. So gibt es zum Beispiel aus den frühen Jahren eine Reihe von Zeugnissen, aus denen hervorgeht, dass Blumenberg sich nicht einfach als weltfernen Theoretiker sah, sondern durchaus auf seine kaufmännische Kompetenz stolz war, auf Fähigkeiten, die er im väterlichen Geschäft erlernt hatte und die dann durchaus auch beim Drägerwerk zum Zuge kamen. Es gibt einige Indizien, dass der Fabrikant den Philosophen in spe nicht nur aus altruistischen Gründen eingestellt hat, sondern aus dessen Fähigkeiten durchaus Gewinn zog. Selbst nach dem Krieg drohte Blumenberg noch gern damit, und zwar immer dann, wenn er sich institutionell missachtet fühlte, die akademische Karriere aufzugeben und Geschäftsmann zu werden.45 Warum sollte er sich also Jahre später die ihm bislang so wichtige Kompetenz selbst abgesprochen haben? Sicher: Eines der wichtigsten Gesetze der Anekdote ist, dass sie gut erzählt sein muss. Dafür lässt sich vielleicht auch ein Selbstbild, zumal aus der Distanz der späten Jahre, etwas nuancieren.
Allerdings zeigt die Anekdote noch eine weitere, gravierendere Unstimmigkeit. Blumenberg habe, so heißt es da, um nicht ganz überflüssig zu sein, sich gerade mit der Geschichte der im Drägerwerk produzierten Sache beschäftigt. Allerdings war das entscheidende Element der Dräger'schen Produktion von Anfang an nicht Licht, sondern Luft. Der Gründer des Unternehmens begann das Geschäft mit der Herstellung von Bierzapfanlagen, und die kriegswichtige Produktion seiner Nachfahren waren Gasmasken und, soweit es die U-Boote betraf, nicht Fernrohre, sondern Belüftungsanlagen.46 Aber vielleicht hat die biergeschwängerte Luft des Münsteraner Ratskellers Blumenberg dazu verführt, auch die33ses kleine, wenn auch zentrale Detail umzuerzählen. Wir wissen also nicht, ob Flasch sich falsch erinnert oder Blumenberg die Wahrheit kreativ verändert hat, um aus dem Faktum ein Symbol zu machen. Das ist auch nicht entscheidend. Wichtig ist nur die – nicht unbedingt neue – Einsicht, dass, soweit persönliche Erinnerungen ins Spiel kommen, Vorsicht geboten ist. Denn, frei nach Goethe: Ein Detail gilt nicht sofern es wahr ist, sondern sofern es bedeutsam ist.
