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»Dieses Buch ist der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren mit ›Das Ende von Eddy‹ begonnen hat.« ÉDOUARD LOUIS.
Die Geschichte von Louis’ Bruder ist die eines ständig scheiternden Träumers: In der Arbeitswelt ohne Aussicht, wünscht er sich ein größeres Leben. Eines, in dem er Kathedralen restauriert, die Welt bereist und die Liebe seines Vaters verdient. Doch nichts davon lässt seine Wirklichkeit zu, er versinkt in Alkohol- und Spielsucht und bleibt ein tragischer Phantast. Dieses Buch ist ein schonungsloses und doch zartes Porträt des Bruders, der in berührenden Szenen immer wieder versucht, dem jüngeren Édouard einen anderen Weg ins Leben zu weisen als den eigenen.
»Frankreichs größte literarische Sensation.« The New York Times.
»Es hat eine enorme aufpeitschende Kraft, wie Édouard Louis sein Leben reflektiert.« Edgar Selge.
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Mein Bruder verbrachte den Großteil seines Lebens mit Träumen. In der Arbeitswelt, in der sich die soziale Gewalt oft darin äußerte, wie sie seine Träume einschränkte, stellte er sich vor, dass er später ein bekannter Handwerker werden, dass er reisen würde, dass er ein Vermögen verdienen, dass er Kathedralen restaurieren, dass sein Vater, der verschwunden war, zu ihm zurückkehren und ihn lieben würde. Seine Träume scheiterten, und er konnte keinen von ihnen je verwirklichen.«
Dies ist der große Abschluss von Édouard Louis’ Familienromanen, in dem Louis erstmals die aufwühlende Geschichte seines Bruders erzählt, der mit 38 Jahren tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde.
Édouard Louis, geboren 1992, gilt als einer der wichtigsten Autoren der jüngeren Generation. Sein Roman »Das Ende von Eddy« machte ihn 2015 international bekannt. Er erzählte darin von seiner Kindheit in einem Dorf in Nordfrankreich in prekärsten Verhältnissen. In »Anleitung ein anderer zu werden« erzählt er davon, wie er die Grenzen seiner Herkunft hinter sich ließ. Seine Bücher erscheinen in 35 Sprachen und werden an Bühnen überall auf der Welt fürs Theater adaptiert. Louis lebt in Paris und wurde für »Der Absturz« mit dem Prix Les Inrockuptibles ausgezeichnet.
Sonja Finck, geboren 1978 in Moers, lebt als literarische Übersetzerin in Berlin und Gatineau (Kanada). Sie überträgt unter anderem Annie Ernaux und Didier Eribon ins Deutsche. 2019 erhielt sie den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis.
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Édouard Louis
Der Absturz
Roman
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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1
Fakt Nummer 1
Fakt Nummer 2
Fakt Nummer 3
Fakt Nummer 4
Einige Bemerkungen, bevor es weitergeht:
2
Fakt Nummer 5
Fakt Nummer 6
Imaginäres Gespräch mit dem Geist meines Bruders
Fakt Nummer 7
Noch EINIGE Bemerkungen:
Fakt Nummer 8
Fakt Nummer 9
3
Fakt Nummer 10
Fakt Nummer 11
Fakt Nummer 12
Fakt Nummer 13
Zwei letzte Bemerkungen:
Fakt Nummer 14
Fakt Nummer 15
Fakt Nummer 16
Bibliografische Angaben der im Buch erwähnten und zitierten Texte
Weitere Lektüren
Impressum
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Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit noch Verzweiflung noch Erleichterung noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkaufen im Supermarkt erzählt. Ich hatte meinen Bruder seit fast zehn Jahren nicht gesehen. Ich wollte ihn nicht sehen. An manchen Tagen versuchte meine Mutter, mich umzustimmen, mit zögernder Stimme, als hätte sie Angst, mir zu nahe zu treten oder einen Streit vom Zaun zu brechen:
»Also, ich finde, du solltest deinem Bruder noch mal eine Chance geben … Ich glaube, er würde sich freuen. Er redet oft von dir …«
Wenn sie so was sagte, fiel ich ihr brutal ins Wort, so brutal, wie ich es sonst nicht von mir kenne, in einer anderen Situation hätte ich es nie gewagt, ihr gegenüber so aggressiv zu sein; ich sagte, ich wolle nie wieder etwas von ihm hören, meine Entscheidung stehe fest; meist versuchte meine Mutter es dann noch ein zweites Mal, auf einem anderen Weg:
»Aber ich hab zu ihm gesagt, wenn du deinen Bruder siehst, nerv ihn nicht mit der Vergangenheit, mit dem, was zwischen euch passiert ist. Lass ihn in Frieden. Und er hat es mir versprochen. Er hat geschworen, dass er dir nicht mehr mit der Vergangenheit kommt …«
Wenn ich nicht reagierte, verstummte sie und sah zu Boden, bevor sie mit übertriebenem Enthusiasmus und viel zu lauter Stimme von etwas anderem anfing, was natürlich nur der Versuch war, die Peinlichkeit zu überspielen, die durch ihren gescheiterten Versöhnungsversuch und meine plötzliche Aggressivität entstanden war – es tut mir leid, wenn ich sie damit verletzt habe, vielleicht hätte ich mir mehr Mühe geben müssen, aber vielleicht kann ich das, was ich jetzt hier sage, erst im Rückblick sagen, vielleicht können einem die Dinge immer erst im Nachhinein wirklich leidtun, wenn es zu spät ist, ich weiß es nicht.
Ich erfuhr an einem Dienstag von seinem Tod, kurz nach dem Aufwachen. Es war ein kalter, grauer Tag, die beschlagenen Fensterscheiben verschleierten die Sicht auf den Himmel; ich las und sah auf meinem Telefon mehrere verpasste Anrufe meiner Mutter; es war noch früh, ich hatte keine Lust, mit irgendwem zu reden; aber sie rief noch mal an, immer wieder, und da dachte ich mir, dass irgendetwas vorgefallen sein musste, etwas Schlimmes oder zumindest etwas Wichtiges – es war ein vages Gefühl, so was wie ein sprachloser, wortloser Instinkt. Als gleich darauf der Name meines kleinen Bruders auf dem Display aufleuchtete, war ich sicher, dass etwas passiert war.
Ich dachte an einen Unfall, an den Tod – und ich irrte mich nicht.
Ich ging ans Telefon; meine Mutter weinte. Sie sagte, das Krankenhaus sei kurz davor, die Geräte abzuschalten – die Geräte, an denen mein Bruder hing –, er lebte nur noch, weil eine Maschine ihn am Leben hielt; die Maschine ließ das Herz eines Toten schlagen.
Am Tag zuvor hatte ihn die Frau, mit der er seit einigen Jahren zusammen war, bewusstlos auf dem Boden seiner Wohnung vorgefunden, wie ein sterbendes Tier. Sein Körper lag auf dem Boden, weil sein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Nachdem er ins Krankenhaus gebracht worden war, stellten die Ärzte fest, dass auch seine Leber versagt hatte; genauso wie seine Nieren, seine Nieren waren zu schwach, sie konnten ihre Funktion ebenfalls nicht mehr erfüllen. Seine Organe waren schon seit Jahren geschädigt, er war in den Monaten zuvor mehrmals in der Notaufnahme gewesen, hatte mehrfach im Krankenhaus gelegen, und jetzt gab es keine Hoffnung mehr, dieser Zusammenbruch würde sein letzter sein. Die Ärzte hatten meiner Mutter erklärt, sein Gehirn sei wegen des Herzstillstandes minutenlang nicht mit Sauerstoff versorgt gewesen, mein Bruder hatte einen Hirnschaden erlitten, große Teile seines Gehirns waren abgestorben, wie in einem Haus, in dessen Zimmern man nacheinander das Licht ausschaltet, es war, als hätte es – sein Gehirn – sich zurückgezogen, sich endgültig von der Welt verabschiedet.
Selbst wenn mein Bruder überlebte, sagten die Ärzte, selbst wenn er überlebte, würde er nicht mehr laufen können, selbst wenn er wieder aufwachte, würde er nicht mehr sprechen können. Der Arzt, der mit meiner Mutter sprach und ihr das alles erklärte, sagte, es gebe da noch etwas, zusätzlich zu all diesen Problemen hatten sie in seinem Magen Krebs gefunden, einen großen Tumor, wuchernde Zellen, die seltsamerweise bisher nicht entdeckt worden waren.
Meine Mutter sagte am Telefon, mein Bruder liege auf der Intensivstation, sein Gesicht sei ganz geschwollen und violett; mein Bruder war streng genommen bereits tot, das Krankenhaus konnte versuchen, ihn noch einige Zeit am Leben zu erhalten, aber es gab keinen Zweifel, es war vorbei, und meine Mutter rief mich an, um mir mitzuteilen, dass sie ihr Einverständnis geben würde, die Geräte abzuschalten. Er war bereits tot, aber nur sie konnte ihn sterben lassen. Er war achtunddreißig Jahre alt.
Er war bereits tot, aber nur sie konnte ihn sterben lassen. Er war achtunddreißig Jahre alt.
Er war bereits tot, aber nur sie konnte ihn sterben lassen. Er war achtunddreißig Jahre alt.
Eines Abends, lange vor seinem Zusammenbruch, versuchte mein Bruder, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.
Er kehrte nach Hause zurück.
Er war erst Anfang zwanzig, aber er hatte sich seit Monaten nicht mehr bei uns blicken lassen, und als er mit einem Mal wieder da war, als sein Körper vor uns stand, erkannten wir ihn kaum wieder.
Er stand mitten im Raum, wir aßen gerade vor dem Fernseher zu Abend, mein Vater hielt die Fernbedienung in der Hand, meine Mutter tat uns Essen auf, und mein Bruder starrte zu Boden und sagte:
»Hier. Ich hab endlich was gefunden.«
Schweigen.
Mein Bruder wiederholte: »Ich habe was gefunden«, und mit diesen Worten zog er ein Papier aus der Tasche; es war ein beschichtetes, halb durchsichtiges Papier, zugleich matt und glänzend, und auf einer Seite stand etwas, das ich nicht entziffern konnte. Mein Bruder sah von dem Papier in seiner Hand zu uns und wieder zu dem Papier, und nach einer Weile verkündete er, er habe Arbeit bei einem Metzger gefunden, in der nächstgelegenen größeren Stadt. Er erklärte uns: Vor ein paar Tagen sei er in der Metzgerei gewesen, fast zufällig, er habe den Chef kennengelernt, und der Chef habe ihn auf Anhieb gemocht, so sehr gemocht, dass er ihm, als er gehört habe, dass mein Bruder Arbeit suche, einen Job angeboten hätte, obwohl er ihn gar nicht kannte.
Mein Bruder sagte, er werde einen neuen Beruf erlernen, einen Beruf, für den man sehr spezielle Kenntnisse brauche, er werde Dinge lernen, die nicht jeder beherrsche, die er aber beherrschen werde. Er werde Fähigkeiten haben, die andere nicht hätten, das betonte er besonders, er werde wissen, wie man ein Tier zerlegt, wie man ein totes Tier in ein Stück Fleisch verwandelt, bei dem den Leuten, die am Schaufenster der Metzgerei vorbeikämen, das Wasser im Mund zusammenliefe, er werde lernen, wie man aus einem Kadaver ein appetitliches Stück Fleisch herausschneide, fast niemand könne das, aber er werde es können, das alles sagte er uns, und irgendwann werde er sogar sein eigenes Geschäft eröffnen, seine eigene Metzgerei – er konnte gar nicht mehr aufhören, er sprach sehr schnell –, er werde seine eigene Metzgerei besitzen, er werde sein Fachwissen an Lehrlinge weitergeben, und irgendwann würde man ihn als besten Metzgermeister Frankreichs anerkennen, als Dank für seine gute Arbeit würde man ihm einen Preis verleihen, vielleicht würde er sogar ins Ausland eingeladen, um dort sein Handwerk zu lehren, wer weiß, vielleicht würde er viel reisen, das alles sagte er uns. Mein Bruder hatte schon immer die ganze Welt gewollt, seine Träume waren nie klein gewesen, sondern immer riesengroß, er hatte nie die Alltagsträume anderer Leute gehabt, ein kleines Eigenheim, ein Auto für Ausflüge am Wochenende, nein, er träumte von Ruhm, und ich glaube, es lag an der Größe seiner Träume, an der Diskrepanz zwischen seinen übergroßen Träumen und den Unmöglichkeiten, aus denen sein Leben bestand, den Begrenzungen, Armut, Geldmangel, eine Herkunft aus Nordfrankreich, all das, was sein Schicksal ausmachte, ich glaube, es lag an diesem Widerspruch, dass er so unglücklich war.
Mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt.
Ich war damals erst dreizehn Jahre alt, aber als mein Bruder mit dem Papier in der Hand in unserer Küche stand, begriff ich, dass er gekommen war, um sich für das Bild zu rächen, das mein Vater und andere von ihm hatten.
Mein Bruder wusste, dass er in unserem Umfeld als Versager galt – das Wort fiel oft, wenn die Rede von ihm war, weil er arbeitslos war und bis zu diesem Tag auch nicht ernsthaft nach Arbeit gesucht hatte, weil er schon öfter Ärger mit der Polizei und der Justiz gehabt hatte, viel zu oft für einen gerade einmal Zwanzigjährigen, weil er Drogen nahm, mein Bruder wusste, was andere hinter seinem Rücken über ihn sagten, und an dem Abend, als er bei uns zu Hause auftauchte, ahnte ich, obwohl ich noch so jung war, dass mein Bruder mit der Beschreibung einer verheißungsvollen Zukunft beweisen wollte, wie falsch dieses Bild von ihm war.
Er streckte meinem Vater das Papier hin, und mein Vater ergriff es. Zu dem Zeitpunkt hatten alle verstanden, selbst ich, dass es sich um eines dieser Wachspapiere handelte, in die Metzger das Fleisch einwickeln. Mein Vater starrte ein paar Sekunden lang stirnrunzelnd auf das Papier, die Wachsbeschichtung knisterte zwischen seinen Fingern, dann gab er es meinem Bruder wortlos zurück. Mein Bruder nahm es entgegen, er verstand nicht, warum mein Vater nichts sagte, warum er nicht reagierte, warum auf seine große Ankündigung hin nichts folgte, und während sich das Schweigen und damit auch die Verständnislosigkeit meines Bruders in die Länge zogen, begann mein Vater zu lachen.
Er stieß ein lautes, abgehacktes Lachen aus, das den ganzen Raum erfüllte, und dann sagte er, ich erinnere mich noch gut, ich sehe mich in der Küche stehen, ich spüre die Wärme auf meinem Gesicht, mein Vater sagte: Willst du mich verarschen? Denkst du wirklich, ich glaube einem Versager wie dir, der im Leben nichts auf die Reihe kriegt? Einem Loser wie dir? Denkst du, ich kaufe dir das ab, nur weil du mir irgendeinen Wisch unter die Nase hältst? Da kann ja jeder kommen! Hältst du mich für bescheuert? Glaubst du wirklich, ich wäre so dumm, das Gekritzel auf irgendeinem Zettel für einen Arbeitsvertrag zu halten? Verpiss dich! – und dann wandte er sich wieder dem Fernseher zu. Er schaute weiter seine Sendung, als sei nichts geschehen, als wäre mein Bruder nie bei uns aufgetaucht.
Ich weiß nicht mehr, wie mein Bruder reagierte. Ich weiß nicht mehr, ob er protestierte, ob er herumschrie, um sich zu verteidigen, oder ob er schweigend auf das Papier in seiner Hand starrte, mit gesenktem Kopf, wortlos.
Mein Vater lag falsch. An dem Tag, als mein Bruder diese Ankündigung machte, konnten wir uns nicht sicher sein, aber im Rückblick schon, mein Bruder sagte die Wahrheit, eine Woche später fing er tatsächlich in der Metzgerei an – bevor man ihm wegen seines Alkoholproblems und seines systematischen Zuspätkommens kündigte, aber das ist eine andere Geschichte, an jenem Abend hatte er nicht gelogen.
Ich erinnere mich: Er verließ das Haus ohne ein Wort – glaube ich. Wir wussten nicht, wo er hinwollte. Eine Stunde später rief er unsere Mutter an. Er weinte. Er sagte, er liege auf den Bahngleisen und warte darauf, von einem Zug überrollt zu werden, er wolle sterben. Er sagte zu unserer Mutter, sie solle sich die Stille um ihn herum genau anhören, es sei die Stille der Natur rings um die Bahngleise, die Stille der dunklen Bäume, der feuchten Erde. Er glaubte, sie wäre auf seiner Seite, sie würde ihn unterstützen, weil sie normalerweise nicht so gemein zu ihm war wie mein Vater, aber während mein Bruder am Telefon mit ihr redete, schwieg sie, und mein Vater stieß wieder dieses Lachen aus: Ha, ha, jetzt will er sich auch noch umbringen, was wir mit dem nicht alles erleben, na dann, schönen Selbstmord, tschüss.
Und sie legten auf.
Später würde mein Bruder sagen, dass sein Leben nach dieser Szene nie mehr das Gleiche war. Er würde sagen, die Szene mit dem Metzgerpapier habe ihn tief getroffen, sie habe die Wunde in seinem Inneren vergrößert, diese Verletzung, die er schon immer, so denke ich, als den Kern seiner Existenz betrachtet hatte, von Anfang an.
Am Telefon hatte die Stimme meiner Mutter gezittert. Gegen Ende des Gesprächs hatte ich versprochen, zu ihr in den Norden zu fahren, um ihr bei den Formalitäten im Krankenhaus und im Beerdigungsinstitut zu helfen. Sie fragte:
»Was glaubst du, wann kannst du losfahren?«
Ich antwortete:
»Sofort.«
Sie hatte meine Worte wiederholt, wie eine Mischung aus Bitte und Befehl:
»Ja, komm sofort. Ich brauche dich jetzt hier.«
Ich sah auf meinem Telefon, dass eine Stunde später ein Zug fuhr; ich war noch in Unterwäsche, ich musste duschen und ein paar Sachen packen, von meiner Wohnung zum Bahnhof waren es vierzig Minuten, ich musste mich beeilen, ich putzte mir unter der Dusche die Zähne und dachte dabei die ganze Zeit, beeil dich, ich seifte meinen Körper ein und sagte vor mich hin, beeil dich, beeil dich.
Auf der Straße begann ich zu rennen, mein Haar war noch nass, meine feuchte Kopfhaut brannte in der Kälte, und es kam mir merkwürdig vor, dass ich rannte, weil mein Bruder tot war. Ich fragte mich, ob die Leute auf der Straße sich denken konnten, warum ich rannte. Ich dachte an all die Male, die ich jemanden auf der Straße hatte rennen sehen und davon ausgegangen war, dass die Person rannte, weil sie den Bus nicht verpassen oder nicht zu spät zu einem wichtigen Arbeitstermin kommen wollte, jedenfalls wegen irgendetwas Belanglosem, nicht, weil ihr Bruder gestorben war.
Mein Bruder ist tot. Ich ließ mir den Satz durch den Kopf gehen. Die ersten Gedanken, die mir kamen, waren simpel: »Ich werde ihn nie wieder sehen, ich werde nie wieder seine Stimme hören.« Der Tod ist banal, und obwohl jeder weiß, dass er oder sie, wenn jemand stirbt, diese Sätze denken wird, kommen sie einem dann neu vor, als würden sie zum ersten Mal von jemandem gedacht.
Als würde die Welt mit jedem Tod neu beginnen.
»Ich werde nie mehr den Klang seiner Stimme hören. Er ist nicht mehr da.«
Diese Sätze taten mir nicht weh, sie überraschten mich nur, mehr nicht.
Dann kamen die Bilder:
Das eine Mal, als mein Bruder bei uns im Dorf die Stadionsitze anzündete.
Das erste Mal, als eine Frau mitten in der Nacht bei meinen Eltern anrief, um ihnen zu sagen, dass mein Bruder sie schlug.
All die Male, als ich ihm dabei zusah, wie er Rubbellose freikratzte und hoffte, er werde einen Haufen Geld gewinnen und sein Leben verändern.
All die Male, als er mit mir verschiedene Zeitarbeitsfirmen abklapperte, auf der Suche nach einem anstrengenden, schlecht bezahlten Job, der einzigen Arbeit, zu der er Zugang hatte.
All die Male, als er mir sagte, wie schlecht es ihm ging.
Eines Tages würde ich diese Erinnerungen ordnen, würde ich etwas daraus machen müssen, das war mir klar.
Ich schaffte es rechtzeitig zum Bahnhof und stieg atemlos in den Zug. Der Waggon war leer; alles um mich herum – die Stille, das von den Polstern gedämpfte Gemurmel und der blassgraue Himmel hinter der Fensterscheibe – ließ mich glauben, die ganze Welt hätte sich zusammengetan, um eine zu meiner Situation passende Hintergrundatmosphäre zu erschaffen. Ich schickte meiner Mutter eine Nachricht: Bin unterwegs, in einer guten Stunde bei dir.
Die Nachricht wurde nicht zugestellt. Meine Mutter musste im Krankenhaus sein, hinter dicken Mauern, bei der Leiche ihres Sohns.
Meinen Bruder kennenzulernen, bedeutete, ihn hassen zu lernen. Eines Nachts mussten wir im selben Bett schlafen, unsere Körper dicht nebeneinander, durch Umstände außerhalb unserer Kontrolle, und an dem Tag begriff ich, was für ein Mensch er war, und ich hasste ihn. Es war Jahre nach der Szene mit dem Metzgerpapier, mein Bruder lebte mittlerweile in der Stadt, in der ich aufs Gymnasium ging; er wohnte in einem heruntergekommenen Zimmer, dem zwölf, dreizehn Quadratmeter großen Nebenraum einer Garage, ursprünglich wohl ein Lager für Werkzeuge und Autozubehör, mit Rostflecken an den Wänden und einem penetranten Benzingeruch in der Luft. Der Besitzer ließ meinen Bruder dort wohnen, und mein Bruder half ihm im Gegenzug bei Renovierungsarbeiten in Wohnungen, die der Besitzer aufkaufte, sanierte und weiterverkaufte.
Ich weiß nicht mehr, ob ich selbst darauf gekommen bin oder ob mich jemand anderes darauf gebracht hat, jedenfalls hielt ich es für eine gute Idee, in der Woche meiner Abiturprüfungen bei meinem Bruder zu übernachten. Ich nahm an, ich würde bei ihm besser und länger schlafen können, als wenn ich bei meinen Eltern blieb, die vierzig Kilometer entfernt wohnten; ich rief meinen Bruder an und fragte, ob er einverstanden war, und er bejahte. Er sagte, das sei eine sehr gute Idee, dann müsse ich nicht ewig mit dem Bus fahren. Er sagte sogar – was mich erstaunte – ich könne die gewonnene Zeit nutzen, um den Prüfungsstoff zu wiederholen, um noch einmal meine Bücher und Notizen durchzugehen.
Ich packte ein paar Sachen in eine Tasche und fuhr zu ihm. Gleich nach meiner Ankunft wurde mir klar, dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte, daran erinnere ich mich noch gut: Ich spürte die Distanz zwischen uns, die mein Bruder zu überspielen versuchte, indem er viel zu große Gesten machte, indem er eine Nähe inszenierte, die es zwischen uns nicht gab.
Trotzdem war an diesem Abend in seiner winzigen Wohnung, inmitten des Chaos und der Tabakkrümel, die er überall hinterließ, etwas anders als sonst: Mein Bruder bemühte sich spürbar, nett zu mir zu sein. Er fragte mich, ob ich Hunger habe, er werde uns etwas zu Essen besorgen, worauf hätte ich denn Lust, vielleicht eine Pizza?
»Es gibt nichts Besseres als eine leckere Pizza, stimmt’s?«
Mit dieser Frage stand er auf und zog seine Jacke an; er schlüpfte in seine Schuhe und schlug vor, ich solle seine Abwesenheit nutzen, um meinen Prüfungsstoff noch einmal durchzugehen, was ich auch getan habe – ich hatte mir auf Karteikarten Notizen zu Choderlos de Laclos’ Gefährliche Liebschaften und Blaise Pascals Gedanken gemacht.
