Der Antiheld - Renè Seedorf - E-Book

Der Antiheld E-Book

Renè Seedorf

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Beschreibung

Der Antiheld ist eine biografische Geschichte des Autors und seiner Beziehung zu Gott. Wer sich seine Kindliche Neugier bewahrt hat, und seine Fähigkeit zu glauben, kann darin mit Sicherheit erfahren ob Gott existiert, oder nicht. Der Autor beschreibt seinen langen Weg durch Christus zu sich selbst und der wahren Liebe. Sein Weg ist das Thomas Evangelium, das die Geheimen Worte Jesu an seinen Jünger Thomas Didymos, genannt der Zwilling enthält. Und wie Gott ihm dabei auf wundersame Art und Weise entgegen kommt und ihn führt, bis er das Ende des Weges erreicht hat. Das Geheimnis das Jesus seinem Jünger anvertraute und er zu ihm sagte: Ich bin Du! Und das jeder Mensch dieses Ziel erreichen kann, wir alle Töchter und Söhne Gottes werden können, wenn wir den Weg nach Innen zu beschreiten wagen. Denn Gott ist die Liebe und der Weg schon geschrieben, der ihn nun beginnt zu beschreiten indem er dieses Buch liest.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, und urteilte wie ein Kind, als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

1. Korinther 13/11

Inhaltsverzeichnis

3. Oktober 2020

Bullerbü

Eltern haften für ihre Kinder

Bullerbü adieu

Berliner Mauer 1984

Burg Eisenhardt

Der Antiheld

Meine Wende

Die wilden 90ziger

Gott

„Alle Wege führen nach Rom“

Exodus

Haus 8

Bücher

Entführt

Ausgemustert

Im Puls

Die wahre Liebe

Sybille

Gesine

Nicole

Nicole zwei

Andrea

Manuela

Jaqueline

Nicole drei

Katja

Angela

Kristin

Gundula

Andrea zwei

Evelyn

Identitätsverlust

Erste Schritte

Am Ende ist der Tod

3.Oktober 2020

Geboren wurde ich im Jahre 1970. Meine frühe Kindheit verbrachte ich in dem idyllischen Ort Lehnin. Heute Kloster Lehnin im Brandenburger Havelland. Im Jahre 1180 durchwanderte ein Zisterzienser Mönch die schönen Eichenwälder, die diesen Ort seit jeher prägen. Er wurde müde und legte sich unter eine alte, große Eiche und schlief ein. Er träumte von einem prächtigen weißen Hirsch mit weißem Geweih. Als er erwachte vernahm er eine Stimme, die ihm sagte, dass er an dieser Stelle ein Kloster errichten solle. So wurde der Ort Lehnin das erste Mal schriftlich genannt und erhielt sein Wappen.

Bullerbü

In den 1970ziger Jahren hatte der Ort Lehnin ungefähr 7000 Einwohner und einer davon war ich. Wir hatten ein schönes altes Haus am Waldrand, so dass ich es zu Abenteuer und Spiel nicht weit hatte. Wie froh ich heute noch bin das ich kein Stadtkind war. Ein Badesee, der Golitzsee war auch nicht weit und lag direkt am Waldrand. Ich wohnte im Haus meiner Großeltern, die für mich auch sehr prägend waren, denn meine Mutter arbeitete viel in der Küche des Klosterkrankenhauses, Schicht. Ich sah sie nicht oft. Dafür liebte ich Oma und Opa umso mehr, sie waren immer für mich da. Meine Großmutter arbeitete nur halbtags in der Näherei des Jugendwerkhofs. Eine Strafanstalt für schwererziehbare Jugendliche direkt am Golitzsee. Ich besuchte sie dort öfter und dann freuten sich die anderen Näherinnen dort und es gab heißen Kakao und Butterbrot. Ich liebte es immer in der bunten Knopfkiste zu wühlen und mir die verschiedenen Knöpfe anzusehen. Mein Großvater war der Schuster im Ort. Da er im Krieg ein Bein verloren hatte, war die Werkstatt direkt auf dem Hof unseres Hauses. Oft saß ich auch dort und spielte an den Hebeln der Nietmaschinen, die dort herumstanden. Und gerne lauschte ich den Geschichten der Kundschaft, die ihre kaputten Schuhe brachten, damit mein Opa sie wiederherrichtete. Er hatte immer genug zu tun, denn man warf die Schuhe damals nicht einfach weg und kaufte neue, wenn daran etwas war. Wir lebten in der DDR da war das nicht üblich, aber ich fand das vollkommen gut, wie es war. In dem Kindergarten, in den ich eigentlich gehen müsste, wollte ich gar nicht sein und lief oft weg, bis meine Eltern es aufgaben mich immer wieder dahin zu schicken. Obwohl er ganz in der Nähe lag und ich die Kindergärtnerin mochte, fühlte ich mich unter den anderen Kindern nicht wohl. Sie waren laut und gingen mir auf die Nerven. So verpasste ich es wohl zu lernen mir Position und Anerkennung zu erstreiten, aber damals mochte ich schon die Ruhe sehr und das stille Beobachten der Arbeit von Oma und Opa. Na und Opa schlug mir keinen Wunsch ab, wenn ich ihn bat mir Pfeil und Bogen zu bauen, aus einem geraden Haselnussast mit einer festen Pechschnur die er als Schuster ja vorrätig hatte. Auch Steinschleudern konnte er bauen aus einer Fliederholzgabel, Leder, Fahrradschlauch und Draht. Er zeigte mir viel und ich durfte seine alten kaputten Röhren Radios ausschlachten. Er liebte es am Wochenende immer Blasmusiksendungen im Radio zu hören, das mochte er laut, so erschallte das große Holzradio, das im Schuppen stand über den ganzen Hof im Sommer. Und später gab es dann Kaffee und selbstgebackenen Kuchen und dann oft einen Spaziergang durch den Eichenwald zum See. Mein Opa konnte nur langsam laufen, wegen seinem Bein. So sprang ich den ganzen Weg immer von links nach rechts ins Gebüsch und wieder zurück. Pausen gab es auch auf den grünen Bänken, die in Abständen am Wege standen. Es war eine schöne Zeit.

Ich beginne jetzt eine Aufzählung, die für mich nicht nur Bilder, Erinnerungen und Sehnsüchte weckt, sondern die gleichzeitig auch eine Art Meditation für mich ist. Ich zähle die Geschäfte in Bildern manchmal in den Gedanken durch und vergesse eigentlich immer etwas. Mal sehen, ob ich nun alle zusammen bekomme hier geschrieben. Der Ort Lehnin war nie eine Stadt, obwohl man es bei all dem was es dort gab meinen könnte. Aber Lehnin hatte nie Stadtrecht und blieb so eine Ortschaft. Also jetzt fange ich an.

Wie gesagt mein Großvater hatte eine Schusterwerkstadt und außerdem gab es einen Eisenwarenladen, einen Gemüseladen, einen Tabak und Spirituosenladen, ein Lampen- und Elektrogeschäft, einen Stoff und Teppichladen, Einen Milch und Käseladen, ein Fischgeschäft, eine Apotheke, ein Haushaltwarenladen, ein Drogerie und Fotogeschäft, ein Fahrradladen, eine Bank und Sparkasse, eine Alte Post, ein Kolonialwarengeschäft, ein Schreib und Spielzeuggeschäft, einen Uhren und Schmuckladen, einen Radio und Fernsehladen, ein Schuhgeschäft, ein Möbelladen, eine Sattlerei, drei Konsumgeschäfte, drei Bäckereien, drei Fleischereien, sechs Gasthäuser, eine Eisdiele, drei Frisöre, einen Steinmetz, ein großes Haus mit Zahnärzten, ein Landambulatorium mit verschiedenen Ärzten, ein Krankenhaus, ein Blumenladen, eine Tankstelle und drei Schulen. Habe ich was vergessen?

Was ich damit sagen möchte, nicht nur in der Werkstatt meines Großvaters war es interessant und die Kunden erzählten ihre Neuigkeiten, nein es war überall so. Wenn ich mit Mutter, oder Großmutter zum Einkaufen ging, denn alles lag in Fußreichweite, dann war dieses immer sehr interessant. Und als vier, oder fünfjähriger lieber Junge wurde auch ich oft mit angesprochen. Ich erinnere mich sehr gut, wie unser Fleischer mir oft eine Wiener Wurst, oder eine dicke Scheibe Leberkäse mit einem Blatt Papier über den Tresen reichte, ohne es vorher auf die Wage zu legen und zu berechnen. So lernte ich Danke zu sagen. Auch beim Bäcker, wo es duftete, bekam ich oft einen leckeren frischen Keks gereicht. Überall wurden Neuigkeiten ausgetauscht, man kaufte etwas und bekam die neusten Nachrichten gratis dazu. Ich fand das herrlich. Und es gab noch ein Geschäft, ich hätte es fast vergessen, dass gehörte meiner Tante, der Frau von meines Opa Bruder. Der starb aber kaum, dass ich ihn kennen lernte. Er war Tischler und starb früh an Krebs. Mein Opa hatte einen kleinen Tisch von ihm, er sagte das war sein Gesellenstück. Dieser kleine Tisch steht nun bei mir und ich erhalte ihn in Ehren. Meine Tante hatte ein Geschäft zur Annahme von Regenschirmen, die zur Reparatur verschickt wurden. Ja so etwas gab es auch. In ihrem Laden stand ein gelber geschwungener Stuhl, auf dem ich mich immer fläzte, denn Mutter, oder Oma blieben dort immer lange zum Quatschen, war halt Verwandtschaft.

Eltern haften für ihre Kinder

Es wurde eine neue Schule gebaut. An der Baustelle standen Schilder BETRETEN VERBOTEN Eltern haften für ihre Kinder. Das kümmerte mich wenig, ich kletterte auf Förderbändern herum und sprang von ihnen in große Kieshaufen und rollte hinab, kletterte durch den Rohbau, ohne Geländer auf das Dach, all das machte Spaß. Zu Hause wusste niemand, wo ich mich herumtrieb, nur eines war gewiss, dass ich oft mit dreckigen Sachen nach Hause kam. Dann war die Schule fertig und ich auch, ich war sechs Jahre alt und das sollte meine neue Schule werden. Man war aber der Ansicht mich zu einer psychologischen Untersuchung zu schicken, um zu prüfen, ob ich reif genug war für die erste Klasse. Man schätzte mich als sehr intelligent ein und gab grünes Licht. Von Autismus, oder ähnlichem hatte ich nichts gehört.

Wie oft bin ich den Weg gegangen auf die verbotene Baustelle zum Herumtoben, aber am ersten Schultag hatte ich Angst den Weg allein zu gehen. Mein Stiefvater, den ich da schon hatte, schimpfte zwar und sagte, ich müsse lernen allein zu gehen, aber meine Oma hatte Mitgefühl und nahm mich an die Hand und brachte mich bis vor die Tür meiner neuen Schule. Am zweiten Tag ging ich allein. Ja ich hatte Freude zur Schule zu gehen. Da waren alte Gesichter, die ich vom Kindergarten kannte, wo ich selten war, aber alle waren nett. Und auch meine Klassenlehrerin fand ich nett und so wurde ich ein sehr guter Schüler.

Bullerbü adieu

Mein Stiefvater kam vom Dorf, seine Eltern waren einfache Bauern und in seiner Kindheit musste er schon früh auf dem Feld mitarbeiten und waren seine Leistungen den Eltern nicht genug, dann gab es auch mal Schläge. Diese Einstellung versuchte er an mich weiter zu geben, bis heute habe ich kein gutes Verhältnis zu ihm aufbauen können, als Kind machte er mir immer Angst und ich war froh, wenn er arbeiten, also nicht zu Hause war. Und er arbeitete viel und fleißig, er wollte nicht mehr Bauer sein und wurde Maurer.

Er brachte mir einen Bruder, der mich aber in den ersten Jahren kaum interessierte. Er baute die Wohnung im Dachgeschoss des Hauses weiter aus, eine Toilette, so dass man nicht immer nach unten gehen musste. Er baute eine Garage aus Beton, einen Hühnerstall aus Beton, einen Holz- und Kohleschuppen aus Beton, eine neue Jauchengrube aus Beton und für uns Kinder baute er einen kleinen Pool aus Beton in den Garten. Leider war meine Freude darüber nur kurz, denn bald schwammen in dem Pool große, schwarze Unterwasserkäfer herum. Ich wollte dann nicht mehr in den Pool. Meine Großmutter fand all das unnütz und protzig. Später schüttete sie den Pool mit Erde auf und pflanzte einen Rosenbusch mitten hinein. Das Verhältnis zwischen meinen Eltern und Großeltern wurde immer dorniger. Oft ging es um mich, meine Großeltern würden mich verwöhnen, das sei nicht gut redete mein Stiefvater. Und meine Mutter war ihm gegenüber loyal und hatte keine eigene Meinung und sie nahmen nicht war, dass ich meine Großeltern mehr liebte als sie und dass mir der Verlust von Oma und Opa sehr nahe gehen würde. Das nahmen sie nicht wahr und so beschlossen sie weg zu ziehen in ein Dorf, etwa zehn Kilometer von Lehnin entfernt, das Dorf hieß Trechwitz. Es gab dort eine alte Kirche, Kuhställe, Schweineställe, zwei Müllkippen, einen Dorfkonsum direkt gegenüber einem stinkenden Kuhstall und einen Bäcker, der aber so schlecht war, dass meine Eltern immer ins Nachbardorf fuhren, um Brot und Brötchen einzukaufen. Mit dem Fahrrad war ein See zu erreichen und ich entdeckte das Angeln für mich. Im Winter lag zu der Zeit noch Schnee und es gab einen Rodelberg. Mehr konnte man dort nicht machen. Und doch verging auch dort die Zeit, Frühling, Sommer, Herbst und Winter folgten immer wieder aufeinander. Wir wohnten in einem neuen Mehrfamilienhaus mit zwei Eingängen und acht Mietparteien. Das geistige Niveau der Dorfbewohner war alles andere als das ich gewohnt war von meinem paradiesischen Kindheitsort Lehnin. Das spürte ich auch bald in der neuen Schule im Nachbardorf, wo ich von nun an hingehen, nein hinfahren musste. Im Winter fuhr ich täglich mit dem Bus im Sommer oft mit dem Rad die drei Kilometer. Im ersten Jahr wurde ich gehänselt und musste mich auch prügeln, was ich gar nicht kannte und mir auch überhaupt nicht gefiel. Ich war unglücklich und das machte sich auch in meinen schulischen Leistungen bemerkbar. Ich war unaufmerksam, malte in meinen Schulbüchern herum und arbeitet kaum mit. Wurde ich aufgerufen, dann versagte mir oft die Stimme, ich hatte Angst. Mein Vater interessierte sich nicht dafür, wie es mir ging. Er erfuhr nur, dass ich ein immer schlechterer Schüler wurde, weil meine Mutter gerade dort in meiner Schule eine Arbeitsstelle als Reinigungskraft fand und meine Lehrer es nicht schwer hatten ihre Kritik an mir weiterzugeben. Meine Mutter war immer dort. Viele weise Worte hatten meine Eltern nicht.

„Du lernst nicht für die Schule, sondern für dein Leben!“ Das hörte ich immer wieder, dazu oft Schimpf und auch Schläge von meinem Stiefvater. Er kannte das nur so aus seiner Kindheit betonte er immer wieder und was für ihn gelte, das gelte auch für mich. Meine Mutter hielt sich in der Regel heraus, denn sie fürchtete auch seine oft tyrannische Art. Sie war meistens in der Küche beschäftigt, wenn mein Vater in unserem Kinderzimmer tobte. Ich entwickelte beinahe unbemerkt so einen Hass gegenüber meiner Mutter, weil sie auch nicht sah, wie es mir ging.

Fleißig und sauber waren meine Eltern, wir waren sehr gut versorgt materiell. Geburtstage und Weihnachten waren immer reich von Geschenken. So erinnere ich mich auch daran immer wieder, dass ich wirklich alle Spielzeuge, die in der DDR hergestellt wurden, auch bekam. Auch das wurde im Laufe der Zeit eine Art Meditationsübung für mich das Aufzählen vor meinem geistigen Auge. Darum mache ich das hier auch um aufzuzeigen das es in der DDR doch vieles gab und dass die Qualität und der Einfallsreichtum der Spielzeugproduzenten groß und liebevoll waren. Ich bin heute froh, dass meine Kindheit in dieser Zeit war und nicht heute, sehr froh.

Also ich hatte eine Feuerwehr, lithografierte Blechrennautos, die hatten einen Feuerstein und machten Funken, wenn man sie anschob. Eine Autorennbahn hatte ich, eine Eisenbahn, ein ferngelenktes Polizeiauto, Rennwagen, Panzer, Mondfahrzeug, Raketenfahrzeug mit Kettenantrieb, Traktor mit Anhänger, Planierraupe mit beleuchtetem Motor, man konnte die Kolbenbewegung im Motor mitverfolgen, ein Rennboot, ein Segelschiff, sogar ein U-Boot mit langem Kabel das man damit auch in größeren Gewässern tauchen konnte. Baukästen mit Steckbausteinen, Metallbaukästen, Elektronikbaukästen, einen großen Optikbaukasten, elektrische Quizspiele, Kinderwerkzeugkästen, das war in etwa das was ich hatte und für das ich mich interessierte, doch letztendlich zerlegte ich immer alles fein und säuberlich in seine Einzelteile, wenn ich das Interesse verlor. So blieb nichts erhalten. Mein kleiner Bruder spielte am liebsten mit Cowboys und Indianern aus Gummi, auch Soldaten gab es. Dazu Westernstätte und Zäune aus Holz. Er baute still vor sich hin ganze Städte damit in unserem Kinderzimmer. Was mich oft ärgerte, dass er auch in meinem Bereich des Zimmers eindrang und sich ausbreitete. Da hatten wir oft Streit, der sich so äußerte, dass ich seine Bauwerke einriss und die Teile auf seine Zimmerseite schob. Er nahm das still hin und machte das trotz meines Verbotes immer wieder. Einig waren wir uns nur wenn wir mit unseren Stoffhunden spielten. Sie waren zwar gleich mit ihren schlaksigen Armen und Beinen, aber ihre Gesichter waren verschieden, einer hatte ein schlankes Gesicht und meiner hatte einen großen rundlichen Kopf. Ihre Namen waren Wischi und Waschi. Sie hatten auch Stimme und Charakter. Mein Wischi hatte eine tiefe Stimme und eine ruhige, behäbige Art, während Waschi eher eine hohe Stimme hatte und sehr lebhaft war. Letztlich aber waren diese charakterlichen Unterschiede aus meiner Fantasie entwachsen und mein Bruder passte sich dem an, mit seiner Art des stillen vor sich hin Spielens konnte ich gar nichts anfangen, obwohl ich das früher auch tat nur eben mit meinen Baukästen. Manchmal tauschen wir die Hunde für eine Weile, so wurden sie nie langweilig. Mein Bruder war eher sehr ruhig und unauffällig, nicht so wie ich. In mir steckte immer noch das Wald Kind immer auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer. So kam es vor das ich nachts, wenn alle schliefen aus dem Fenster kletterte und mit dem Fahrrad durch die nächtlich stillen Dörfer fuhr und erst im Morgengrauen wieder zurück durch das Fenster kletterte und mich ins Bett legte und einschlief müde meiner Abenteuer. Manchmal fand ich einen Freund, der es wagte mitzukommen, dann machte das mehr Spaß.

Berliner Mauer 1984

Ich war 14 Jahre alt, Jugendweihe, man wurde in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen und bekam seinen ersten Personalausweis. Es gab eine Feier, zu der man sich schick machen musste, neu einkleiden. Das muss ich zugeben war in der DDR nicht so leicht, doch mit ein wenig stöbern hatte ich neue Lederschuhe und ein dunkelgrüne Wildlederjacke gefunden, die mir gefiel, jedenfalls für diesen Anlass. Ob ich sie später noch einmal getragen habe weiß ich nicht mehr, ich glaube nicht. Von offizieller Stelle gab es für jeden Blumen und ein Buch über den Sinn des Lebens, was der sozialistische Staat sich darunter vorstellte. Es hieß wirklich „Der Sinn des Lebens“ und ich blätterte es einmal durch wie bei einem Daumenkino und es verschwand zu Hause im Schrank wo es auch blieb. Viel Interessanter war, dass ich zur Jugendweihe ein nagelneues Moped bekam und man sammelte Geld von allen Leuten, die man so kannte. Das war so üblich, auch das man am Abend umherzog seine Schulkollegen traf und sich betrank. Meistens Kirschlikör. Und ich war das erste Mal im Leben sturzbetrunken, das ich es nicht mehr nach Hause schaffte und besinnungslos im Straßengraben kurz vor dem Ortseingangsschild lag. Man verständigte meine Eltern und ich erfuhr später das mein Stiefvater mich nach Hause getragen hatte. Von dem gesammelten Geld konnte ich mir einen heiß begehrten Kassettenrecorder kaufen von Stern Radio aus Sonneberg. Metallic Silber, ich war so glücklich. Von nun an war Musik aus dem Radio mitschneiden angesagt. Die ganze Vielfalt der 80ziger Jahre Rock und Pop. Ich liebte Musik, seit mein Großvater seine Blasmusik hörte. Später schenkte mir meine Mutter ihr altes rotes Kofferradio, als mein Stiefvater ihr einen schicken Sanyo Radiorecorder schenkte, dass ich nachts immer unter meinem Kopfkissen im Bett hatte und Mittelwelle hörte. Mutter mochte in ihrer wenigen freien Zeit auch Musik mitschneiden, oder wenn sie im Haus Staub wischte und sich mit ihrer Musik motivierte, jedoch stand sie auf Schlager. Sie hatte etliche Ledertaschen voller Chromdioxid Kassetten. Durch sie kannte ich auch zwangsläufig alle Schlager dieser Zeit.

Meine Klassenkameraden wurden zum Teil im Alter von 7 Jahren eingeschult, deshalb hatten einige schon ihren Mopedführerschein und man traf sich mit den Fahrzeugen zum Rumhängen und Herumfahren. Ich war noch zu jung für den Führerschein und schlich mich oft mit meinem Moped davon und traf mich mit den anderen. Eigentlich durfte ich ausnahmsweise in den Apfelplantagen fahren, die mehrere Dörfer miteinander verbunden. Meistens passten sich die anderen dem an und wir hingen immer am Erntelager in Neu Bochow herum wo oft Mädchen wohnten aus anderen Städten und auch Ländern, die herauskamen und uns kennen lernen wollten. Auch gelegentlichen Spritztouren auf den Rücksitzen unserer Mopeds waren sie oft nicht abgeneigt. Einmal aber wollten alle zu einem Klassenkameraden auf den Hof fahren, warum das weiß ich nicht mehr. Ich war in der Klemme, sollte ich zurückbleiben, oder es wagen etwa knapp einen Kilometer öffentliche Straße zu fahren? Ich wollte dazu gehören und entschloss mich hinten an mit zu fahren. Als wir am Ziel waren mussten alle links abbiegen auf das Grundstück. Alle setzten wir den Blinker und einer nach dem anderen bog auf das Grundstück ab. Ich war der Letzte der das auch tat. Doch plötzlich schepperte etwas und etwas stieß von Hinten gegen mein Moped und da sah ich auch schon ein rotes Schwalbe Moped an mir vorbei schlittern und kurz dahinter eine Frau am Boden entlang. Ich hielt sofort an und half der Frau auf die Beine und auch ihr Fahrzeug hob ich auf. Ich fragte, ob es ihr gut ginge. Ihr Blinklicht am Lenker war abgefallen. Ich steckte es wieder an, aber es hielt nicht richtig. Geht doch wieder, nichts passiert sagte ich. Die Frau riss das Blinklicht wieder ab und schimpfte, doch das ist kaputt. Wie könne ich, ohne zu blinken links abbiegen warf sie mir vor. Ich sagte, ich habe geblinkt und mich ordentlich links auf der Straßenmitte eingeordnet. Und haben sie nicht gesehen das alle Mopeds vor mir das Gleiche getan haben und das ich wohl dazu gehöre. Damit muss man doch rechnen und wieso überholen sie mich dann noch mit voller Geschwindigkeit links? Wolle sie den Dorfpolizisten rufen, oder einigen wir uns so? Den Polizisten wollte sie nicht, aber sie wollte meine Adresse und wenn noch irgendwas sei, dann wolle sie bei meinen Eltern vorsprechen. Ich bat sie das nicht zu tun, mein Stiefvater hätte dafür kein Verständnis und würde mich kräftig verprügeln denke ich. Ob sie das wolle, fragte ich. Sie schwieg und wollte los und insgeheim hoffte ich, dass damit alles wieder in Ordnung ist.

Aber nichts war in Ordnung, ein paar Tage später kam ich nachmittags nach Hause und da stand die rote Schwalbe dieser Frau vor der Tür meines Hauses. Mein Stiefvater hatte auch eine rote Schwalbe, die öfter dort steht, wenn sie nicht in der Garage war. Aber ich sah das kaputte Blinklicht, ich erkannte genau, dass dieses Fahrzeug der Frau gehörte, die in mich rein gefahren war, und dabei war es nicht einmal meine schuld, ich hatte nur eben noch keinen Führerschein.

Ich bekam große Angst vor Ärger, Strafe und Prügel und beschloss nicht hinein zu gehen. Ich drehte auf dem Fuße um und lief einfach los durch die Plantagen. Ich lief und lief, die Sonne ging langsam unter und es wurde dunkel. Ich lief weiter. Irgendwann kam ich in ein Dorf, wo ich noch nie war, es hieß Weseram. Ich war sehr müde und fand ein altes, leerstehendes Haus, deren Tür mit einigen Brettern vernagelt war. Ich trat dagegen und die Tür öffnete sich. Einzig in einem Zimmer stand ein verstaubtes altes Sofa. Danke, das ist genau das Richtige, dachte ich. Ich legte mich hin und schlief bis am nächsten Morgen die Sonne durch die milchigen Fensterscheiben schien. Draußen war Bewegung, die Menschen waren schon unterwegs und ich schlich mich hinaus, niemand sah mich. Ich lief weiter und ein Schild zeigte, dass es dort entlang in die Stadt Brandenburg ging.

Es ging mir gut, es war Sommer und die Sonne wärmte, Hunger hatte ich nicht, aber ich war sehr durstig. Kurz bevor ich die Stadt erreichte sah ich an einem langen Gebäude einen silbernen Wasserhahn blitzen. Ich ging dort hin und drehte ihn auf, tatsächlich sprudelte frisches kaltes Wasser heraus und ich trank mich satt. Als ich fertig war fühlte ich mich gut und stark. In Brandenburg gibt es einen Bahnhof und von dort aus fahren Züge nach Berlin. Ich hatte etwas über 20 Mark in der Tasche, das reicht locker für eine Fahrkarte nach Berlin. So sollte es sein und schon saß ich im Zug nach Berlin. Ich dachte nicht mehr an den Grund, dass ich von zu Hause weggelaufen war, ich wollte einfach nur weg und unterwegs sein.

Am frühen Nachmittag erreichte ich Berlin Alexanderplatz und stieg aus. Ich wanderte umher, blickte hinauf zum Fernsehturm, ja dort oben war ich schon einmal mit der Schulklasse auf Klassenfahrt. Ich setzte mich auf eine Bank und sah dem Wasserspiel der Brunnen zu, wie die bewegten Fontänen im Sonnenlicht glitzerten. Ich beobachtete all die Menschen, die vorbeiliefen und so vergingen die Stunden. Dann kam in mir doch noch ein heftiges Hungergefühl auf und ich kaufte mir von meinem restlichen Geld eine Grilletta, sowas wie ein Hamburger heute und eine Ketwurst, das war eine warme Bockwurst die in Ketchup getaucht wurde, bevor man sie in ein längliches weiches Brötchen steckte, in das man vorher mit einem warmen Metalldorn ein Loch gebohrt hatte. Das fand ich lecker und ich dachte hier für immer zu bleiben. Doch es wurde wieder Abend und es wurde Nacht. Ich beschloss die Straße Unter den Linden entlang zu gehen, die direkt auf das Brandenburger Tor zuläuft.

Soll ich versuchen da rüber zu klettern, wie weit würde ich kommen, würden die mich erschießen? All das fragte ich mich im Gehen. Ab und zu standen kleine gläserne Hütten mit Neonlicht indem jeweils ein uniformierter Polizist stand vor den großen Häusern der Allee. Wie weit könnte ich gehen? Lasse ich mich erschießen? Auf die andere Seite wollte ich gar nicht, dass hatte mich noch nie interessiert. Mein Leben in der DDR gefiel mir eigentlich sehr. Das mit den Fahnen, dem Pionieren und der FDJ war für mich eher so etwas wie eine Faschingsveranstaltung, das war eben Teil des Lebens, aber ohne jede Bedeutung für mich. Darüber dachte ich auch nie nach, warum auch. Ich mochte die Natur, an meinem Moped basteln, im Sommer an den See baden zu gehen und eine Bockwurst und ein leckeres Glas Fassbrause, oder Cola gab es immer an der Seekneipe. Was sollte ich vermissen, was? Auch das Essen in der DDR schmeckte viel besser als das was es heute so gibt. Voll gefüllte Supermärkte, und ich stehe da oft vor den Regalen und weiß nicht was ich mir kaufen soll. Es schmeckt nichts mehr. Wer das alles kauft und in sich hineinstopft? Und wer entscheidet was schmeckt und auf den Markt kommt, sind das alles geschmackliche Analphabeten?