Beschreibung

Im Sternenkönigreich Manticore herrscht weiterhin Streit darüber, in welche Flotte man am besten investiert. Während eine Partei an der Royal Manticoran Navy festhält, glaubt die andere, dass der Patrol and Rescue Service für die Verteidigung der kleinen Nation absolut ausreicht. Diese Grabenkämpfe kommen der Terranische Axelrod Corporation sehr gelegen, die im Sternsystem von Manticore einen Wurmlochknoten vermutet. Und sie sind bereit, diesen auch mit Gewalt unter ihre Kontrolle zu bringen ...

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Beliebtheit


Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

BUCH EINS

1

2

3

4

5

6

7

8

9

BUCH ZWEI

10

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BUCH DREI

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Personenverzeichnis

David WeberTimothy ZahnThomas Pope

DER AUFSTIEGMANTICORES:RUF ZU DENWAFFEN

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch vonDr. Ulf Ritgen

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Words of Weber, Inc.,Timothy Zahn and Thomas PopeTitel der amerikanischen Originalausgabe:»A Call to Arms: Book II of Manticore Ascendant«Originalverlag: Baen Books, USAPublished by Arrangement with Baen Books, Wake Forest, NC, USADieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische AgenturThomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Beke RitgenTitelillustration: Arndt Drechsler, RegensburgUmschlaggestaltung: Guter Punkt, München

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3042-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Susan Shiflett, von Harry und mir.Du hast ihn vor sechsundvierzig Jahren geheiratet,und immer noch verrät mir jeder seiner Blickeseine Liebe zu dir.

BUCH EINS

1539 P.D.

1

»Jou, danke auch«, sagte der junge Bursche und wischte sich eine verfilzte Strähne aus der Stirn. »Ich sag Ihnen dann Bescheid.«

»Sehr gut«, erwiderte Lieutenant (Junior Grade) Travis Uriah Long, schüttelte dem Jungen die Hand und schenkte ihm sein bestes Profi-Lächeln. »Wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, können Sie jederzeit vorbeikommen.«

»Jou, schon klar«, sagte der Junge. »Tschö.«

Travis hielt das Lächeln aufrecht, bis sich die Tür zum Rekrutierungsbüro geschlossen hatte. Dann ließ er sich seufzend wieder in den Sessel hinter seinem Schreibtisch fallen. Die letzte halbe Stunde war zweifelsohne Vergeudung von Lebenszeit gewesen, zumindest seiner eigenen.

Der Junge eben war nicht daran interessiert, zur Royal Manticoran Navy zu gehen. Nicht einmal ansatzweise.

Klar, einiges hatte durchaus sein Interesse geweckt. Wie schneidig die schwarzgoldene Uniform der RMN war, war dem Jungen, so viel Modebewusstsein besaß er immerhin, nicht entgangen. Auch die Vorstellung, ins All hinauszufahren, sagte ihm zweifellos zu.

Aber er hatte, wie so viele andere in seinem Alter auch, noch überhaupt keine Ahnung, was er eigentlich mit seinem Leben anfangen wollte. Außerdem hielt er nicht allzu viel von Disziplin und Ordnung, die die Navy verlangte – nicht bei der Frisur!

Trotzdem hatte der Junge Erinnerungen wachgerufen. Von Frisur und Desinteresse an Struktur und Ordnung einmal abgesehen, hätte das genauso gut auch Travis selbst sein können, wie er so vor zehn T-Jahren vor dem Rekrutierungsoffizier gestanden hatte.

Himmel, zehn Jahre war das jetzt schon her!

Geistesabwesend griff Travis nach seinem Tablet-Rechner und gab die Eckdaten seines jüngsten Anwerbungsgesprächs ein. Seine Finger wussten auch, ohne dass er groß nachdachte, was sie einzugeben hatten; also konnte er seine Gedanken schweifen lassen. Zehn Jahre! Eigentlich aus einer Laune heraus war er zur Navy gegangen, hatte das Ausbildungslager überstanden, dann seine erste Fachschulung, ebenso die Verwendungen an Bord der Vanguard und der Guardian, und plötzlich hatte man ihm, ganz unerwartet, das aufregende Angebot gemacht, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Auf dem College hatte er Astrophysik studiert und einen Abschluss erworben und hatte das Schulungsprogramm für Offiziersanwärter durchlaufen. Dann war er zum Dienst auf HMS Thorson, dann zum Dienst beim Bodenpersonal abkommandiert worden, und nun befand er sich im Graduiertenkolleg und tat seinen Dienst in einem Rekrutierungsbüro.

Zehn Jahre, wie die Zeit verflog!

Gut, zugegeben: Manchmal war ihm diese Zeit auch wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen.

Die Eingangstür ging auf. Travis hob den Kopf, setzte automatisch das gewinnende Lächeln eines Rekrutierungsoffiziers auf und fragte sich dabei, ob sein nächster Besucher das Ganze wohl wenigstens ein bisschen ernster nehmen mochte.

Sein Lächeln war wie weggewischt, stattdessen sackte ihm vor Erstaunen die Kinnlade herunter.

»Lieutenant Long, hallo«, begrüßte ihn Lieutenant Commander Lisa Donnelly und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, während sie das Büro in Richtung Schreibtisch durchquerte. »Lisa Donnelly – nur, falls Sie’s vergessen haben sollten.«

Mit einiger Mühe fand Travis seine Sprache wieder. »Sie vergessen, Ma’am? Nie und nimmer!«, versicherte er ihr und sprang – viel zu spät! – aus dem Sessel auf, während ihn, jetzt erst recht, Erinnerungen überfluteten. Lisa Donnelly hatte mit ihm auf der Vanguard und der Guardian gedient, und im Nachgang der Krise im Secour-System hatte er sich die vage (und wohlweislich geheim gehaltene) Hoffnung gemacht, sie könnte ihn tatsächlich ein bisschen mögen.

Doch dann war die Guardian nach Manticore zurückgekehrt, und Travis war in den unentrinnbaren Strudel geraten, der gemeinhin Collegestudium und Schulungsprogramm für Offiziersanwärter genannt wurde. Aus irgendeinem Grund hatten sich ihre Wege während der ganzen letzten fünf Jahre nicht ein einziges Mal gekreuzt.

Und jetzt das: Sie war hier. In seinem Rekrutierungsbüro.

»Reichlich zu tun gehabt, was?«, meinte sie, als sie schließlich vor seinem Schreibtisch angekommen war. »Offizier geworden, wie ich sehe. Gratuliere.«

»Danke, Ma’am«, brachte Travis heraus. Aus einem Impuls heraus streckte er ihr die Hand entgegen. »Wie ist es Ihnen ergangen?«

»Auch reichlich zu tun gehabt«, antwortete sie, ergriff die dargebotene Hand und schüttelte sie förmlich. »Bisschen weniger als Sie vielleicht, aber über Langeweile kann ich mich nicht beklagen. Und bei Ihnen? Wie war’s auf der Thorson? Captain Billingsgate soll ja ein ziemlicher Zuchtmeister sein.«

»Ach ja, Ma’am?«, fragte Travis und grub in seinen Erinnerungen. Gewiss, an Bord der Thorson war alles streng nach Vorschrift verlaufen, aber zumindest er selbst sah darin eher einen Vor- als einen Nachteil. »Also ich hatte keine Probleme mit ihm, Ma’am.«

»Nein, kann ich mir bei Ihnen auch nicht vorstellen«, gab sie zurück. »Mit Vorschriften kommen Sie ja wunderbar zurecht, wie habe ich das nur vergessen können!«

»Ähm, Vorschriften sind meins, ja, Ma’am«, sagte Travis und lief rot an.

»Das sollte keine Kritik sein«, setzte sie hastig hinzu. »Ich wollte damit nur sagen … Nun, die meisten empfinden die strikte Einhaltung von Vorschriften und Dienstanweisungen eher als lästig. Sie dagegen blühen dann regelrecht auf. Das ist nicht schlecht, nein, keineswegs! Das ist einfach nur … anders.«

»Vermutlich, Ma’am«, räumte er ein. »Aber viele Leute halten das für … nun, mehr als nur ›anders‹.«

»Ach, Meinungen gibt’s so viele, wie es Menschen gibt«, versetzte sie sofort. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken! Ein ausgeprägtes Pflichtgefühl ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, und schämen muss man sich dafür schon mal gar nicht!«

»Danke, Ma’am«, sagte Travis und war tatsächlich ein wenig erleichtert.

Jetzt, wo die erste Anspannung langsam nachließ, musste er feststellen, dass er seine guten Manieren vergessen hatte. »Oh, Verzeihung, Ma’am, aber bitte nehmen Sie doch Platz«, lud er sie ein und deutete auf den Sessel, den Mister Filzhaar erst vor Kurzem freigegeben hatte.

»Danke«, sagte sie und setzte sich. Dabei bewegte sie sich mit der gleichen Anmut, die Travis schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen war. »Übrigens, wo wir nun beide Offiziere sind, brauchen Sie mich bei solch inoffiziellen Gelegenheiten nicht mit Ma’am anzusprechen.« Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn. »Nach allem, was wir schon gemeinsam durchgemacht haben, wäre ich mit Lisa und Travis voll und ganz einverstanden. Natürlich nur außerhalb des Dienstes. Wenn dir das recht ist, heißt das.«

»Ich …« Travis’ Zunge verhedderte sich, so hastig wie er versuchte, sein lahmarschiges Sprachzentrum zu reaktivieren. Aber irgendetwas schien dort gerade nicht ganz rund zu laufen. »Das wäre … sehr … nett, Ma … Lisa«, brachte er schließlich arg stockend hervor. »Also, wie ist es Ihnen … ich meine, was hast du so gemacht?«

»Das übliche Hin und Her, wie’s bei der Navy halt so ist«, antwortete Lisa. »Nach Secour habe ich erst Dienst auf der Oberfläche geschoben und dabei noch ein paar Schulungen mitgemacht, damit ich auch an Strahlenwaffen eingesetzt werden kann, nicht nur an Raketen. Dann wurde ich auf die Damocles versetzt und zum Lieutenant Commander befördert. Ach ja, und irgendwo zwischen den Schulungen und der Damocles habe ich geheiratet.«

»Oh«, sagte Travis, und mit einem Mal war ihm so schwer ums Herz, dass der ganze Tag, ja, selbst Travis’ ordnungsgemäß aufpolierte Kampfstiefel jeden Glanz einbüßten.

»War ein Riesenfehler, hab ich dann auch sofort korrigiert und mich wieder scheiden lassen«, fuhr Lisa fort. »Mach ich sicher nicht noch mal.«

»Was? Scheiden lassen?«, fragte Travis schüchtern nach.

»Den falschen Kerl heiraten«, verbesserte sie ihn. »Aber über die Geschichte können wir auch noch ein anderes Mal reden. Heute bin ich zu dir gekommen, weil …« Sie zögerte. »Also, ich wollte mich natürlich sowieso mal wieder bei dir melden, aber ich wollte dich auch um einen Gefallen bitten.«

»Klar«, gab Travis zurück, auch wenn ein Großteil seines Verstands noch mit den Konzepten ›Heirat‹, ›Scheidung‹ und ›Heirat mit dem falschen Kerl‹ beschäftigt war. »Was kann ich für dich tun?«

»Ist wirklich ’ne ziemlich große Sache«, warnte sie ihn. »Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast, aber die Damocles bricht nächste Woche nach Casca auf.«

»Habe ich gehört, ja«, sagte Travis. Hätte das Schiff nicht schon letzte Woche aufbrechen müssen, nicht erst nächste Woche, oder täuschte er sich da? Änderungen im Zeitplan wurden allerdings nur selten an die große Glocke gehängt.

Die zugehörigen Patrouillefahrten auch nicht. Seit dem Angriff im Secour-System vor fünf Jahren hatte es Erster Lord der Admiralität Cazenestro zur Kunstform erhoben, viel Gewese um jede Fahrt eines Navy-Schiffes zu machen, die es aus dem System herausführte. Stets hatte er dergleichen als Beleg der Bemühungen Seiner Majestät Navy dargestellt, die Bevölkerung des Sternenkönigreichs zu schützen.

Nachdem bislang jedoch jede einzelne Jagd auf Piraten erfolglos verlaufen war, wagten sich die gegen die Navy eingestellten Fraktionen des Parlaments allmählich wieder ins Freie. Daher hatte Cazenestro seine Taktik geändert und hielt sich bei Einsätzen wie diesen bedeckt. »Wird das wieder eine Piratenjagd?«, fragte Travis.

»Eigentlich sollen wir nur Flagge zeigen«, antwortete Lisa. »Die Mission ist eine Goodwill-Reise nach Casca und soll zeigen, dass das Sternenkönigreich jederzeit bereit ist, seinen Nachbarn beizustehen.« Sie runzelte die Stirn. »Apropos Piratenjagd: Hatte die Thorson nicht letztes Jahr so einen Einsatz?«

»Zwo sogar«, erklärte Travis. »Aber beim zwoten war ich zum Graduiertenkolleg abgestellt, deswegen hab ich den verpasst.«

»Gut, dass die nichts gefunden haben«, meinte Lisa daraufhin. »Ohne dich wären die sonst in Schwierigkeiten geraten.«

»Öhm … tja, na ja …«, gab Travis unsicher zurück. Er fragte sich, ob Lisa das ernst gemeint hatte oder ihn mächtig aufzog.

»Nun, genau genommen, wird die Damocles dieses Mal gleich drei Missionen auf einen Schlag fliegen«, fuhr sie dann fort und ersparte Travis so die Mühe, eine angemessene Entgegnung zu finden. »Mission eins: Wir zeigen Flagge. Mission zwei: Wir tauschen uns mit Casca über die jüngsten Daten zu möglichen Piratenaktivitäten aus. Zeitgleich mit uns trifft ein Frachter aus Haven in Casca ein. Wenn wir es schaffen, mit dem in Kontakt zu treten, können wir dann auch gleich noch dessen Daten übernehmen. Dann brauchen wir nicht erst zu warten, bis die Cascaner den ganzen Datensatz durchgearbeitet haben, bevor sie ihn an uns weiterleiten. Und wenn das immer noch nicht Grund genug für unsere Anwesenheit im Casca-System ist, gibt’s noch Mission drei: Wir spielen Eskorte für einen Frachter.«

»Für einen havenitischen?«, erkundigte sich Travis. Derzeit waren im gesamten Sternenkönigreich von Manticore ganz genau drei kommerzielle Frachtschiffe im Dienst – und nach allem, was Travis in letzter Zeit gehört hatte, waren alle derzeit auf ihren großen Handelsrouten unterwegs.

»Nein, für einen von unseren«, klärte Lisa ihn auf. »Gehört der Gräfin von Acton, heißt Goldenrod und ist bereit für die Jungfernfahrt.«

»Schon?«, fragte Travis mit einem Stirnrunzeln. »Hat die denn schon ihre Probefahrt hinter sich?«

»Seit letztem Monat«, antwortete Lisa. »Von Manticore nach Gryphon und zurück. Es hat da wohl ein paar kleine Schwierigkeiten gegeben, aber Acton hat anscheinend trotzdem entschieden, die Kleine in die große weite Welt hinausfahren und mit den Großen mitspielen zu lassen.«

»Ah, hat Cazenestro etwa eure Abfahrt hinausgezögert, damit ihr sie eskortieren könnt?«, wollte Travis wissen und hörte selbst, dass seine Stimme vor Missbilligung einige Halbtöne tiefer sank. Geleitdienste waren wichtig, keine Frage, obwohl während der letzten fünf Jahre nicht ein einziges der dafür abgestellten Schiffe auf einen Piraten gestoßen war. Doch die Vorstellung, dass die Admiralität sich hier überschlug, bloß um einer Zivilperson einen Gefallen zu tun, störte ihn einfach.

»Passt dir nicht, nicht wahr?«, fragte Lisa leise.

Hier und jetzt waren weder Ort noch Zeit für eine derartige Diskussion. Einen Sekundenbruchteil lang war Travis versucht, es zu leugnen. Doch als er Lisa in die Augen sah … »Schon, ja«, räumte er ein. »Wie man so hört, sind Routen und Zeitpläne der havenitischen Frachter in letzter Zeit nicht gerade ein Muster für Flexibilität. Ihr dürftet den Frachter in Casca verpassen und die erwähnten Daten der Haveniten so nicht bekommen.«

»Was auch nicht gerade das Ende des Sternenkönigreichs wäre«, gab Lisa zu bedenken. »Außerdem wird Cazenestro das durchaus im Blick haben.« Sie zögerte einen Moment, ehe sie weitersprach. »Und natürlich spielen neben der reinen Effizienz noch weitere Faktoren eine Rolle. Politik und Parlament interessieren dich nicht sonderlich, oder?«

Travis spürte, wie seine Mundwinkel zuckten. »Eigentlich nicht.«

Lisa verzog das Gesicht. »Ach ja … dein Bruder. Das hatte ich ganz vergessen.«

»Halbbruder«, korrigierte Travis sie unwillkürlich. »Auch wenn’s wahrscheinlich keinen allzu großen Unterschied macht.«

»Den Unterschied macht hier etwas ganz anderes: Er ist er, und du bist du«, sagte Lisa streng. »Für das, was er sagt oder tut, ist er verantwortlich, nicht du.«

»Ich weiß«, sagte Travis. Diesen Tonfall kannte er von ihr schon; sie wählte ihn immer, wenn ein gewisser Travis Uriah Long etwas Dummes gesagt hatte. »Entschuldige.«

»Schon in Ordnung«, gab sie zurück. »Na ja, gibt ja schon Zeitgenossen, die andere danach beurteilen, welches Blut in ihren Adern fließt, und nicht nach ihren Charaktereigenschaften und Wertvorstellungen.«

»Ist mir nicht entgangen«, brummte Travis und dachte an die Belobigung, die man ihm nach Secour verwehrt hatte.

»Reine Faulheit«, meinte Lisa. »Damit erspart man sich, selber zu denken, wenn man etwas einzuschätzen hat. Manche stellen das Denken bei der Herkunft ein, andere bewerten allein aufgrund von Vermögen oder Amt.« Sie winkte ab. »Die Gräfin von Acton zum Beispiel. Du irrst dich, wenn du glaubst, die Zeitpläne der Navy wären auf ihre Veranlassung hin geändert worden. Laut Captain Marcello tut Acton uns damit mindestens ebenso sehr einen Gefallen wie wir ihr. Wahrscheinlich hat sie von der ganzen Mission weniger als die Navy. Sie hat sich dumm und dusselig geschuftet, um die Goldenrod startbereit zu bekommen, nur damit Cazenestro dem Parlament erklären kann, die Damocles würde gleich drei Missionen auf einen Schlag erledigen.«

»Und vermutlich hat sie dort ein paar Freunde, die ganz auf ihrer Seite stehen«, konnte sich Travis nicht verkneifen zu bemerken.

»Sogar eine ganze Menge«, bestätigte Lisa. »Ihr neuer Geschäftsführer, Heinrich Hauptmann, und sie haben genug Beziehungen, vor allem nach Hauptmanns Beteiligung am Umbau der Casey. Nein, hier wird selbst Breakwater Schwierigkeiten haben, noch groß zu protestieren.«

»Ach was, dem fällt bestimmt noch etwas ein!«

»Viel wahrscheinlicher ist, er ignoriert das Ganze«, gab Lisa zurück. »Wenn es um seinen eigenen Nutzen geht, gibt es noch genug, wo er sich an der Navy reiben kann. Da braucht er sich in dieser Sache nicht unnötig Kritik auszusetzen.«

»Stimmt«, meinte Travis und verzog das Gesicht. Anderson L’Estrange, auch als Earl von Breakwater bekannt, Schatzkanzler des Sternenkönigreichs von Manticore, führte schon seit mindestens zehn Jahren nach Kräften einen politischen Feldzug gegen die Royal Manticoran Navy – wahrscheinlich sogar noch länger.

Seine Motive waren offenkundig: Breakwater unterstand der Manticore Patrol and Rescue Service, der systemweit tätige Patrouillen- und Rettungsdienst des Sternenkönigreichs – inoffiziell auch als Home Guard bezeichnet. Aus akutem Geldmangel und einem Mangel an vernünftig ausgebildeten Besatzungsmitgliedern war der Schatzkanzler anscheinend zu dem Schluss gekommen, mit jeder Kleinigkeit, durch die sich die Bedeutung der Royal Manticoran Navy schmälern ließe, könne man die Bedeutung des MPARS steigern – und damit auch Breakwaters Macht und Einfluss.

Warum sich Travis’ Halbbruder Gavin Vellacott, Baron von Winterfall, diesem Mann angeschlossen hatte, war nicht so leicht zu durchschauen. Doch noch rätselhafter war, warum es Breakwater und Winterfall für eine so gute Idee hielten, das Sternenkönigreich Bedrohungen, die aus anderen Sonnensystemen stammten, schutzlos auszuliefern.

Egal wie vehement Breakwater es in all seiner geschliffenen Rhetorik abstritt: Dort draußen gab es sehr wohl Bedrohungen. Denn es gab Söldner, Piraten und andere Sternnationen, und sie alle mochten zu jedem beliebigen Zeitpunkt beschließen, Manticore für eine reife Frucht zu halten, die man nur zu pflücken bräuchte.

Dass es auf keiner der drei Welten des Sternenkönigreichs Nennenswertes zu holen gab, so gesehen dort einzufallen also der Mühe gar nicht wert war, war dabei bedeutungslos. Der Planet Kuan Yin, von Manticore sehr weit entfernt, war auch nicht das Geringste wert gewesen, aber das hatte Gustav Anderman nicht davon abgehalten, dort einzumarschieren und den Planeten zu übernehmen. Seitdem hieß diese Welt Potsdam und lag im Neu-Berlin-System. Anschließend hatte Anderman, weil es so schön war, neue Namen zu verteilen, gleich noch fünf weitere Welten erobert, die nun zusammen mit Potsdam die Grundlage für sein Andermanisches Kaiserreich bildeten.

Zugegeben: Einige Eroberungszüge konnte man auch als Notwehr werten, und die ursprünglichen Kolonisten auf Kuan Yin hatte Anderman, was ihm reichlich Sympathien eingetragen hatte, vor dem Hungertod bewahrt. Aber das hieß noch lange nicht, dass er sich nicht trotzdem jederzeit in einen ausgewachsenen Despoten verwandeln könnte.

Zumindest hegten einige seiner Nachbarn bereits Sorgen dieser Art, beäugten misstrauisch Andermans territoriale Ausweitungspolitik. Travis waren Gerüchte zu Ohren gekommen, Haven habe ein Team in das Neu-Berlin-System entsandt, um diplomatische Gespräche aufzunehmen … und vermutlich auch, um vor Ort zunächst einmal die Lage zu sondieren. Andere Systeme, die dem neu geschaffenen Andermanischen Kaiserreich deutlich näher lagen, schmiedeten angeblich fieberhaft Pläne für Verteidigungsbündnisse – obwohl ihnen sicher die Tatsache zu denken gab, dass das letzte vergleichbare Bündnis innerhalb kürzester Zeit vom Kaiserreich absorbiert worden war.

In Manticores öffentlicher Meinung lag Potsdam entschieden zu weit entfernt, als dass es als Bedrohung empfunden wurde. Aber möglicherweise hatte Andermans Beispiel andere, für die das Sternenkönigreich eine durchaus attraktive Lage besaß, auf den Geschmack gebracht.

Wenn erst einmal feindliche Kriegsschiffe im Orbit über Landing standen, würde Breakwaters geschliffene Rhetorik allein sie gewiss nicht abschrecken.

»Aber das ist alles Politik«, unterbrach Lisa Travis’ Gedankengang, »und mit Freunden vermeide ich dieses Thema meistens. Um nun zum Ausgangspunkt dieses Gesprächs zurückzukommen: Es geht um meinen Hund.«

»Deinen … Hund?«, fragte Travis nach und schob die Gedanken an die leidige Politik und die damit einhergehende Frustration weit von sich. »Ach ja, richtig … der Gefallen, den ich dir tun soll. Was ist mit ihm?«

»Mit ihr«, korrigierte Lisa. »Sie ist ein Scottish Terrier – also ganz winzig. Aber mein Ex hat mich mit seinem wie stets unschlagbaren Timing gebeten, sie zu mir zu nehmen, solange er sich auf Sphinx aufhält – für ein langfristiges Forschungsprojekt.«

»Da verlangt er aber eine ganze Menge von dir«, bemerkte Travis.

»Ach, eigentlich nicht«, widersprach Lisa. »Eigentlich war das ja mal unser Hund, aber bei der Scheidung ist die Kleine nun einmal ihm zugesprochen worden, und normalerweise nehme ich sie auch wirklich gern zu mir, wenn’s geht. Was eben jetzt nicht geht. Das Mädchen, das wir normalerweise anheuern, wenn wir beide nicht können, hat – wirklich unpraktisch, das Ganze! – beschlossen, ihren Highschool-Abschluss zu machen und aufs College zu gehen, und …«, sie atmete einmal tief durch, »… und jetzt stecke ich in der Klemme. Aber deine Mutter züchtet doch Hunde, nicht wahr? Könnte man bei ihr vielleicht einen Hund vorübergehend unterbringen?«

»Gute Frage«, antwortete Travis. »Ich weiß es nicht, aber fragen kann ich natürlich mal.«

»Danke! Das weiß ich wirklich zu schätzen«, sagte Lisa. »Es gibt natürlich eine ganze Reihe Hundepensionen in Landing, aber irgendwie wäre es mir lieber, wenn die Kleine eine Art echte Beziehung zu den Leuten hätte, die sich um sie kümmern. Auch wenn es hier eine Beziehung ›um die Ecke‹ wäre.«

»Das verstehe ich«, sagte Travis. »Mach dir keine Gedanken, ich sorge schon dafür, dass … wie heißt deine Kleine gleich?«

»Crumpets«, antwortete Lisa und setzte mit Blick auf Travis hinzu: »Das ist ein Hefegebäck, das in altvorderen Zeiten der Begleiter zum Tee war, etwas, was einfach täglich dazugehört.« Sie schüttelte den Kopf. »Frag gar nicht erst.«

»Hatte ich nicht vor«, versetzte Travis. Eigentlich wäre genau das seine nächste Frage gewesen, aber so … »Keine Sorge, das kriege ich hin.«

»Danke«, meinte Lisa, »du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet.« Sie erhob sich. »Es tut mir wirklich leid, dass ich mich jetzt schon wieder davonmachen muss, aber ich muss wirklich los.«

»Kein Problem«, sagte Travis und stand – recht linkisch, wie er fand – ebenfalls auf. »Sag mir einfach nur, wann und wo ich sie abholen soll. Hast du meine Nummer?«

»Besorge ich mir«, gab sie zurück. »Wird wahrscheinlich so Ende der Woche werden.« Dieses Mal war es an Lisa, ihrem Gegenüber die Hand entgegenzustrecken. »Danke, Travis, bist wirklich ein Lebensretter!«

»Gern geschehen«, sagte Travis und griff nach ihrer Hand. »Bis du anrufst, habe ich alles schon vorbereitet.«

»Gut. Danke noch mal.« Ein letztes Lächeln, dann drehte sie sich um und verließ das Büro.

Hinter ihr schloss sich die Tür. Langsam ließ sich Travis wieder in den Sessel sinken, und seine Gedanken überschlugen sich. Lisa Donnelly war wieder in sein Leben zurückgekehrt – und sei es auch nur für etwas so Unbedeutendes und Vergängliches wie die Unterbringung ihres Hundes.

Er hatte keine Ahnung, ob seine Mutter auch fremde Hunde aufnahm und verpflegte. Wie auch? Seit Monaten hatte Travis nicht mehr mit ihr gesprochen. Wenn je in ihrem gemeinsamen Leben.

Egal, er würde herausfinden, ob sie fremde Hunde aufnahm. Und wenn sie das Tier nicht aufnähme, würde er sich eben selbst darum kümmern! Der Einsatz der Damocles war auf fünf Monate angelegt – je zwei Monate für Hin- und Rückfahrt und einen Monat bei Casca. Für Travis stand nach dem Graduiertenkolleg noch eine kurze Verwendung im BuShips an, dem Bureau für Schiffsbeschaffung und Wartung der Royal Manticoran Navy. Er würde also noch mindestens die nächsten fünf Monate in Landing und im Casey-Rosewood-Schulungszentrum verbringen. Wo lag also das Problem? Mit einem Haustier käme er bestens zurecht.

In der Zwischenzeit gab es noch anderes, über das er nachdenken musste.

Lisas Ehe zum Beispiel … Ob sie jemanden geheiratet hatte, der ebenfalls Offizier war? Und welche Kriterien genau mussten eigentlich erfüllt sein, um ›der falsche Kerl‹ zu sein?

Wichtig auch: Waren Travis und Lisa jetzt eigentlich wirklich Freunde, oder hatte sie das nur so gesagt? Verstanden sie beide unter diesem Wort überhaupt das Gleiche?

Travis hatte keine Ahnung, wie er diese Fragen beantworten sollte.

Innerhalb von fünf Minuten hatte Lisa seine bisherige Beziehung zu ihr vollständig auf den Kopf gestellt – was Travis als beängstigend empfand. Unbekanntes Terrain war für ihn immer beängstigend.

Er bekäme das hin, er war sich ganz sicher. Während der vergangenen zehn Jahre hatte er sich immer wieder auf unbekanntes Terrain gewagt, und auch dieses Mal würde er es erkunden. Einmal erkundet aber war ein Terrain nun einmal nicht mehr unbekannt. Problem gelöst.

Wären schließlich alle diese Fragen geklärt, würde er herausfinden, warum ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten seinen Hund Crumpets nannte.

2

»Bei jeder sogenannten Krise«, intonierte Breakwater, und seine volltönende Stimme hing im Sitzungssaal des Oberhauses, als wäre sie ein Bestandteil der Luft dort, »gibt es den Moment, in dem man sich fragt, ob man nun lachen oder weinen soll. Zu meinem großen Bedauern muss ich sagen, dass für mich dieser Moment eingetreten ist, wenn es um die gewaltigen Kraftanstrengungen des Sternenkönigreichs geht, gefährliche Banden grausamer, aber nur schwer fassbarer Piraten aufzugreifen.«

Vier Sessel zur Linken von Breakwater ließ Gavin Vellacott, Baron von Winterfall, unauffällig den Blick durch den ganzen Saal schweifen. Er musterte die Gesichter der Anwesenden und versuchte automatisch, anhand der Mimik auf Stimmung und Position zum Disputierten zu schließen. Bei derartigen Analysen würde er niemals so gut werden wie … sagen wir: die Baronin von Castle Rock oder Breakwater selbst. Aber zehn T-Jahre Übung hatten seine Fähigkeiten darin enorm verbessert.

Zehn Jahre!

Es war ein außergewöhnliches Jahrzehnt gewesen. Anfänglich hatte Gavin sein Dasein auf der untersten Ebene der parlamentarischen Machtpyramide gefristet: Seine Anwesenheit im Oberhaus hatte er nur der glücklichen Fügung zu verdanken, dass ein halbes Jahrhundert zuvor seine Großeltern zufälligerweise zu den ersten fünfzig Investoren der Firma Manticore Limited gehört hatten. Eigentlich war damit zu rechnen gewesen, dass der Gang der Geschichte ohne Winterfall stattfände. Er wäre nur ein weiterer namenloser Adeliger, dessen Beitrag zu eben dieser Geschichte darin bestünde, stets so abzustimmen, wie es die mächtigeren und einflussreicheren Lords verfügt hatten.

Dann hatte, aus heiterem Himmel, Breakwater ihn in seinen inneren Zirkel eingeladen. Gavin war Teil jener Gruppe von Lords und Ladys geworden, die dem Kanzler bei seinem Bemühen beistanden, gegen das Schwarze Loch für Ressourcen und Gelder gleichermaßen anzugehen, zu dem sich die Royal Manticoran Navy ausgewachsen hatte.

Natürlich hatte sich Breakwater nicht einfach aufs Geratewohl für ihn entschieden, das wusste Gavin. Es gab subtile, aber durchaus gute politische Gründe für den Kanzler und sein Komitee für Militärische Vernunft, aus der großen Schar möglicher Anwärter gerade einen ganz bestimmten jungen Baron auszuwählen. Dazu gehörte nicht zuletzt die Tatsache, dass Gavins Halbbruder Travis Long just zu eben jener Navy gegangen war. Wenn enge Familienangehörige für die eine oder andere Organisation tätig waren, war es im Allgemeinen logisch, dass man alles daran setzte, das Beste für diese Organisation zu wollen.

Trotzdem war bei jener ersten Besprechung in Breakwaters Arbeitszimmer eines unmissverständlich klar gewesen: Der Kanzler ging davon aus, mit Gavin jemanden in seinen Reihen zu wissen, der – stumm und still – seine Politik und Ränkespiele unterstützte, die ihm, Breakwater, weitere Macht und Ansehen einbrächten. Das hatten er und die anderen Angehörigen seines inneren Kreises sogar ausdrücklich gesagt.

Gavin wäre mehr als bereit gewesen, genau diese Rolle zu übernehmen. Ein Abglanz von Ruhm und Ansehen war immer noch besser als gar kein Ruhm und Ansehen.

Doch zur großen Überraschung aller Beteiligten war es anders gekommen. Während einer Besprechung der höchsten Kreise hatte man Gavin eine Frage gestellt, die er nicht nur beantwortet, sondern zu der er auch einen Vorschlag unterbreitet hatte … und seitdem hielt ihn die ganze politische Welt für eine Stimme der Vernunft und der Kompromissbereitschaft. Die ganze politische Welt. Von Seiner Majestät König Michael an abwärts.

Gavin hatte damit gerechnet, dass bald schon jemand anders im Rampenlicht stünde. Doch zu seiner eigenen großen Überraschung war das nicht geschehen.

Er hatte das Phobos-Debakel überstanden, ebenso Dapplelakes Untersuchung dieses Zwischenfalls. Diese Untersuchung hatte zwei hochrangige Offiziere der Royal Manticoran Navy in ein äußerst schlechtes Licht gerückt und drei Angehörige des Oberhauses, die gewisse Informationen nicht an die entsprechenden Behörden weitergegeben hatten. Gavin hatte sogar überstanden, dass HMS Guardian aus dem Secour-System zurückgekehrt war und Captain Eigens Bericht über Piratenaktivität in jener Region des Alls das Prestige der Navy drastisch hatte steigen lassen.

Ja, Gavin war dabei sogar besser weggekommen als Breakwater. Schatzkanzler und MPARS hatten politisch schwere Schläge hinnehmen müssen. Doch auch wenn diese Statuseinbuße der Öffentlichkeit weitgehend verborgen geblieben war, nahm Breakwater die neue Popularität der Navy außerordentlich persönlich.

Doch er war nun einmal ein gewiefter Politiker, und so hatte der Schatzkanzler geduldig abgewartet und Ausschau nach Anzeichen für Schwächen in der gegnerischen Position gehalten, hatte diese entdeckt und genutzt. So hatte er den Niedergang seines Gegners vorangetrieben.

Jetzt stand Breakwater kurz davor, zu obsiegen, denn auf genau einen Moment wie diesen hatte er sich gewissenhaft vorbereitet.

»Nun«, fuhr Breakwater vor, »ich sagte gerade ›nur schwer fassbar‹, aber ich hätte mit Fug und Recht auch ›nicht existent‹ sagen können. Denn genauso verhält es sich und hat es sich schon immer verhalten.«

Kein fasziniertes oder schockiertes Raunen in den Reihen der versammelten Lords und Ladys. Aber damit hatte Gavin auch nicht gerechnet. Breakwaters Angriffe auf Navy und Verteidigungsministerium waren so alltäglich, dass Lords und Ladys seit zehn Jahren (oder weitaus mehr) wussten, was sie zu erwarten hatten, wenn der Schatzkanzler erst einmal auf dieses Thema zu sprechen kam.

Gavins musterndem Blick entging nicht, dass einige, die sich zuvor konzentriert über ihre Tablets gebeugt hatten, nun wieder die Köpfe hoben. In Breakwaters Stimme loderte Feuer: eine Leidenschaft, die seit der Rückkehr der Guardian aus dem Secour-System weitestgehend gefehlt hatte. Die Veränderung seines Tonfalls war bemerkenswert, und zumindest die Scharfsinnigeren aus den Reihen des Hochadels nahmen sie zur Kenntnis und fragten sich unweigerlich, worauf der Schatzkanzler wohl hinauswolle.

»Das ist nicht nur meine ganz persönliche Meinung«, fuhr Breakwater fort. »Fragen Sie den Ersten Lord der Admiralität! Fragen Sie Verteidigungsministerin Calvingdell! Fragen Sie jeden Navyangehörigen, der in den benachbarten Sonnensystemen monatelang auf Patrouille gegangen ist, um die Verbrecher dingfest zu machen, die sich dort angeblich herumtreiben. Man wird es Ihnen allenthalben bestätigen: Es gibt dort draußen nicht den geringsten Beweis dafür, dass dort je Piraten aktiv waren – geschweige denn, dass sie derzeit aktiv sind.«

Gavin lächelte müde. Wie stets war die Wortwahl immens wichtig: Es gab sehr wohl Hinweise darauf, dass jemand dort Handelsschiffe angriff: Frachter waren verschwunden; in den Randbereichen mehrerer Systeme hatte man Gravitationsabdrücke entdeckt, die auf geheimnisvolle Besucher der Systeme hinwiesen; einige mögliche Sichtungen – durch Frachter, deren Sensoren nicht leistungsstark genug waren, um zwischen einer echten Ortung und einem Geistersignal zu unterscheiden.

Aber Beweise? Wie Breakwater schon gesagt hatte: Fehlanzeige. Kein einziges Piratenschiff, keinen einzigen Piraten, hatte man bislang auf frischer Tat ertappt. Niemand hatte die Wracks aufgebrachter und geplünderter Schiffe entdeckt, geschweige denn betreten und Beweise gesichert. Auf keinem der lokalen Märkte waren Handelsgüter aufgetaucht, die sich eindeutig dem einen oder anderen verschwundenen Schiff hätten zuordnen lassen – und soweit sich das sagen ließ, galt Selbiges auch für die deutlich weiter entfernten Häfen und Märkte wie die Havens oder der Solaren Liga.

Zugegeben: Es gab den Fall Silesia. Die Konföderation hatte ebenso idealistisch begonnen wie Manticore, doch es häuften sich Anzeichen, dass es nicht mehr lange so bleiben würde. Anscheinend steuerte das politische System auf eine Günstlingswirtschaft hinaus, bei der individuelle Interessen mehr wogen als breiter gefasste politische Entscheidungen. Während Gavin sehr wohl die Vorteile zu erkennen wusste, da er sie in Manticore für sich selbst nutzte, sah er sehr klar auch die Nachteile eines solchen Systems – deutlich klarer als gewisse andere Hochadelige, die er problemlos hätte benennen können. Doch im Augenblick war die Isoliertheit der silesianischen Regierung der springende Punkt: Man kooperierte selbst bei bereits bekannten Problemen nicht mit den benachbarten Systemen. Also gab es nur wenig Hoffnung, man werde dort sonderlich interessiert daran sein, sich der Piraterie anzunehmen, solange besagte Piraterie lediglich die Schiffe anderer betraf. Immer wieder einmal hatte Gavin über diese Gemengelage nachgedacht, und er war zu dem Schluss gekommen: Wäre er ein Pirat, würde er sein Diebesgut in Silesia feilbieten.

Möglicherweise existierte in Silesia längst ein ganzes Schwarzmarktsystem, um die von Piraten aufgebrachten Schiffe an- und später weiterzuverkaufen. Die Schiffe waren zweifellos das Wertvollste der gesamten Beute – vorausgesetzt natürlich, es war den Piraten gelungen, die Schiffe ansatzweise intakt zu erobern.

All das allerdings würde natürlich Breakwaters Argumentationskette unterminieren – und genau deswegen würde Gavin die Gedanken, die er sich gemacht hatte, niemals laut aussprechen. Er fand es interessant, dass die Gegenseite die Konföderation nicht als Argument anbrachte. Niemand auf Manticores politischer Bühne war so dumm, das Fehlen jeglicher Beweise bei Debatten für bedeutungsvoll zu halten.

»Doch die wahre und durchaus beängstigende Ironie des Ganzen ist, dass Erster Lord Cazenestro zwar behauptet, dem Sternenkönigreich auf diese Weise mehr Sicherheit zu bringen, doch in Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall«, setzte Breakwater seine Rede fort, und seine Stimme wurde noch lauter und einen weiteren Halbton tiefer. »Jede dieser nutzlosen Fahrten führt zu vielen zusätzlichen Stunden, die mit Wartungsarbeiten, Umbauten und Reparaturen verbracht werden müssen. Bei jeder dieser nutzlosen Fahrten ins Nichts verlassen Hunderte von bestens ausgebildeten Männern und Frauen das Sternenkönigreich. Deren Fertigkeiten und Talente könnten wir hier, zu Hause, wunderbar gebrauchen, statt dass sie in einer im All fahrenden Metallröhre wochen- oder gar monatelang ungenutzt bleiben! Bei jedem dieser nutzlosen Unterfangen werden Ressourcen verschwendet, die viel besser dazu genutzt werden könnten, Bergbau- und Prospektorenschiffe oder Frachter und andere zivile Raumfahrzeuge zu warten oder gar aufzurüsten.«

Weitere Anwesende blickten auf, als Breakwaters Leidenschaft nun die Neugier sogar der tumbesten oder zynischsten Lords und Ladys weckte. Kam der Schatzkanzler gerade wieder aus dem Schatten, in dem er bislang seine Wunden geleckt hatte, und erhob sich nun, um erneut die Navy und deren Verfechter herauszufordern?

Manche wären darüber hocherfreut, andere bestürzt, und wieder anderen wäre es eigentlich herzlich egal, kämen sie so nicht doch hin und wieder in den Genuss einer Abwechslung: Die gesetzgebende Langeweile hatte in den vergangenen Monaten das gesamte Parlament förmlich eingelullt.

»Und zu guter Letzt das große Paradoxon: Sollte eines Tages tatsächlich ein Pirat über das Sternenkönigreich stolpern und uns angreifen – wo wären denn dann gerade jene Schiffe, die uns verteidigen sollen?«, intonierte Breakwater und hob die Hand, als flehe er einen unsichtbaren Beschützer an. »Ganz genau! Sie wären kreuz und quer über den Kosmos verstreut und damit für uns, für das Sternenkönigreich, nutzlos.«

Er ließ die flache Hand auf das Pult herabsausen. »Nein, Mylords und Myladys, aus all diesen und noch weiteren Gründen ist die Lage schlichtweg inakzeptabel!

Aber das wird sich ändern! Ich habe die Absicht, am heutigen Nachmittag mit Seiner Majestät König Michael und dem Ersten Lord über die Lage zu sprechen, und ich bin zuversichtlich, dass wir zu einer Übereinkunft kommen werden – einer Übereinkunft, die das Sternenkönigreich auf einen neuen, deutlich vernünftigeren Weg führen wird.«

Mit diesen Worten deutete er Premierminister Davis Harper, dem Herzog von Burgundy, gegenüber eine Verneigung an, dann nahm er wieder seinen Platz ein … und hatte die Aufmerksamkeit sämtlicher anwesenden Lords und Ladys auf sich gezogen.

Gavin verkniff sich ein Lächeln. Das war Breakwater, wie er leibte und lebte: Mit all seiner Redegewandtheit machte er seine Zuhörer zunehmend neugierig und brachte dann seinen Vortrag geschickt zu einem unerwarteten Ende – gerade dann, wenn es die Zuhörer nach mehr dürstete. Ein derartiges Gespür für Dramatik fehlte Gavin bedauerlicherweise. Ihm gelänge ein solches Kunststück also nie.

Breakwater hingegen war ein Meister darin, mehr noch: Er wusste genau, wann und wo er dieses Gespür sinnvoll einsetzen konnte. Das gesamte Oberhaus war nun darüber informiert, dass etwas Bedeutsames anstand – und nur Minuten nach dem offiziellen Ende der heutigen Sitzung würden es die Medien erfahren, eine Stunde später wüsste es ganz Manticore. Wenn Breakwater dann am heutigen Nachmittag den Palast verließe, harrte der gesamte Planet bereits begierig der Dinge, die der Schatzkanzler zu verkünden hätte.

Was auch immer dann bei jenem erwähnten Zusammentreffen geschehen mochte: Medien und Öffentlichkeit würden nicht enttäuscht, dafür würde Breakwater schon sorgen.

Erster Lord Cazenestro hingegen tat Gavin beinahe schon leid.

Beinahe.

Eigentlich, so ging es Captain Edward Winton durch den Kopf, hätte ich bei diesem Zusammentreffen nicht dabei sein sollen. Eigentlich hätte er sich nicht einmal auf Manticore befinden sollen.

Doch wie so häufig war alles eine Frage des Timings. Eigentlich hätte sich Captain Edward Winton an Bord seines Schiffes, des Schweren Kreuzers Sphinx, auf Patrouille befinden sollen – zusammen mit dem ganzen Rest von Kampfgruppe Grün-eins, dem Verband aus neun Schiffen, dem die Aufgabe oblag, den Raum rings um Manticore und Sphinx zu sichern.

Doch wie bei jedem anderen Schiff der Navy auch, gab es auf der Sphinx Wartungsprobleme zuhauf, akuten Ersatzteilmangel obendrein, und die Mannschaft war entschieden unterbesetzt. Dieses Mal lag das technische Hauptproblem bei den Beta-Emittern des Heckimpellerrings. Also machte dieser Zicken, und das nicht zu knapp. Admiral Carlton Locatelli hielt umfangreiche Reparaturen für erforderlich und hatte Weisung ausgegeben, ein Raumdock aufzusuchen. Also hatte Edward das Schiff dort abgeliefert, die Reparaturen einleiten lassen und seinen Ersten Offizier damit beauftragt, die Arbeiten im Blick zu behalten. Danach hatte er sich auf sein Kommandantenprivileg berufen, seinem Sohn Richard in der Kadettenanstalt einen dreitägigen Sonderurlaub verschafft und war auf die Planetenoberfläche gereist. Dort hatte er ein paar kostbare Tage mit Frau, Sohn und Tochter verbracht. Eine solche Auszeit brauchte Edward wirklich dringend. Kommandant eines Schweren Kreuzers zu sein, war Bürde genug; er aber musste eine weitere stemmen, nämlich die, der Kronprinz zu sein. Politische Landschaft, Palast und Parlament nicht im Auge zu behalten konnte er sich nicht leisten.

So zumindest die Theorie. In der Praxis hatte Edward seine Kronprinzenpflichten vernachlässigt. Sein Dienst brachte es mit sich, dass er Manticore oft verlassen musste – häufig sogar das ganze System, gerade angesichts der aggressiven Strategie zur Pirateriebekämpfung, die sich die Navy nach den Ereignissen von Secour zu eigen gemacht hatte. Also war der Kronprinz häufig bei eben jenen Besprechungen und Parlamentssitzungen nicht anwesend, die er doch eigentlich hätte im Auge behalten sollen, und er ignorierte die Tagesberichte aus dem Palast. Nur so blieb ihm ein wenig Freizeit.

Das hatte lange Zeit für Reibereien zwischen seinem Vater und ihm gesorgt. Letztendlich aber hatte der König Edward deswegen nicht weiter unter Druck gesetzt. Doch der Kronprinz wusste genau: Sein Vater war nach wie vor enttäuscht über das Verhalten seines Sohnes.

Jedes Mal, wenn sich Edwards schlechtes Gewissen regte, was häufig der Fall war, nahm er sich vor, es von nun an besser zu machen. Als er zu seinem Spontanurlaub aufgebrochen war, hatte er sich also fest vorgenommen, zunächst ein paar Stunden mit seiner Familie zu verbringen und dann seinen Vater aufzusuchen.

Der Spontanurlaub währte exakt viereinhalb Stunden, bis sich sein Vater bei einem der Sicherheitskräfte meldete, die zu Edwards Schutz aus dem King’s Own Regiment abgestellt waren. Ausdrücklich bat er um die Anwesenheit des Kronprinzen.

Edwards erste besorgte Vermutung war, der König habe ernst zu nehmende Gesundheitsprobleme, die sein Sohn beim halbherzigen Überfliegen der Tagesberichte aus dem Palast übersehen hatte. Doch diese Sorge verflog, als er das Königliche Refugium erreichte, in dem sein Vater ihn erwartete. König Michael wirkte zwar tatsächlich ein wenig gebrechlicher als noch bei ihrer letzten Zusammenkunft, aber mit einem Bein im Grabe schien er nicht zu stehen.

Die aus dieser Erkenntnis geborene Erleichterung wiederum verflog, als Edward erfuhr, dass man ihn zu einer Besprechung mit Schatzkanzler Breakwater hinzugerufen hatte.

Zu erfahren, welches Thema dabei zur Erörterung stand, vermieste Edward den bisher schönen Tag endgültig.

Natürlich durfte er sich seine Verärgerung keineswegs anmerken lassen. Er war der Kronprinz; er hatte seinem Vater beizustehen und in der Öffentlichkeit bedingungslose Solidarität zu zeigen: Das hatte zu den ersten Dingen gehört, die ihm seine Großmutter seinerzeit beigebracht hatte.

Doch nach all den Jahren bei der Navy hatte Edward gelernt, wie man sich nichts anmerken ließ, während man innerlich vor Wut schäumte. Für so etwas musste er sich einen gemeinsamen Nachmittag mit Frau, Sohn und Tochter entgehen lassen?!

Als Vater und Sohn den Konferenzraum erreichten, stellten sie fest, dass sie dort keine Überraschungen erwarteten. Schatzkanzler Breakwater war natürlich dort, ebenso Thomas P. Cazenestro, seines Zeichens Erster Lord der Admiralität, dazu noch Admiral Locatelli und Verteidigungsministerin Clara Sumner, die Gräfin von Calvingdell. Zur Unterstützung bei seinem fortwährenden Kreuzzug gegen die Navy hatte Breakwater seine zwei engsten Verbündeten mitgebracht: den Earl von Chillon und den Baron von Winterfall.

Letztgenannte musterte Edward neugierig, während er den Tisch abschritt, bis er schließlich den ihm vorbehaltenen Sessel am gegenüberliegenden Ende erreichte. Schon vor mehreren Jahren, im Nachgang des Phobos-Debakels, hatte ihn König Michael gewarnt, Winterfall müsse man unbedingt im Auge behalten. Damals hatte Edward die Notwendigkeit nicht eingeleuchtet.

Doch jetzt, wo er Winterfall wiedersah, kehrten die Erinnerungen zurück. Die Lebensdauer von Breakwaters Marionetten betrug gemeinhin nur wenige Jahre. Dass es Winterfall immer noch gab, war ein deutliches Zeichen dafür, dass der junge Baron noch nicht ausgedient hatte, sondern dem Schatzkanzler nach wie vor nützlich war.

Vielleicht ist das ja der wahre Grund, warum ich mich immer so sehr dagegen gesträubt habe, die manticoranische Politik im Blick zu behalten, sinnierte Edward, während er Platz nahm. Es lag nicht daran, dass das aus der Ferne immer mühsam war, und es lag auch nicht daran, dass ihm die Zeit dafür gefehlt hätte: Edward verabscheute die Wortgefechte und Lästereien, die für das Sternenkönigreich anscheinend unerlässlich und deswegen allgegenwärtig waren.

Genau das war ja einer der Gründe für ihn gewesen, zur Navy zu gehen. Es war Edward nicht nur darum gegangen, seine Heimat und sein Volk zu beschützen – auch wenn das zweifellos sehr wichtig war, gar keine Frage! Nein, die Navy bot eine vollkommen andere Struktur. Auch dort galt es, politisch zu denken – sogar mehr, als sich Edward wünschte. Aber wenn es hart auf hart kam, gab es immer eine klare, unmissverständliche Weisungskette und ebenso klare, unmissverständliche Vorschriften und Dauerbefehle, an die sich ausnahmslos alle hielten.

Aber je gebrechlicher König Michael wurde, desto klarer wurde Edward, dass irgendwann der Tag käme, an dem er sein Kommando auf einem Sternenschiff würde niederlegen und Abschied vom All würde nehmen müssen. Der Tag, an dem er zum Hauptakteur auf Manticores politischer Bühne zu werden hatte. Rund um die Uhr. Für den Rest seines Lebens.

Edward bemerkte die verstohlenen Bemühungen des Schatzkanzlers, ihn zu mustern, obwohl er tat, als studiere er aufmerksam sein Tablet. Wieder einmal fragte sich Edward, warum Anderson L’Estrange bislang noch nicht die Neigung des Kronprinzen, seine politischen Pflichten zu vernachlässigen, als weitere Waffe genutzt hatte, um der Navy zu schaden. Das wäre ja nun wirklich ein Kinderspiel gewesen!

Unwillkürlich schürzte er die Lippen. Schon wieder ein Grund für Schuldgefühle.

»Wir wissen sehr zu schätzen, dass Eure Majestät sich die Zeit nehmen«, ergriff Breakwater das Wort, nachdem alle Förmlichkeiten erledigt sowie die üblichen Begrüßungsfloskeln ausgetauscht waren und alle wieder Platz genommen hatten. »Königliche Hoheit«, ergänzte er dann noch und nickte Edward respektvoll zu.

Respektvoll schon, aber dazu kam ein sonderbares Halb-Stirnrunzeln, als frage er sich, warum genau man den Kronprinzen zu dieser Besprechung überhaupt eingeladen hatte.

Edward nahm das nicht als Affront. Breakwater schätzte es, sein gesamtes Umfeld fest im Griff zu haben. Wenn unerwartet eine weitere Person anwesend war, nahm ihm das dieses Gefühl von Kontrolle.

Außerdem stellte sich Edward ja exakt die gleiche Frage. Mit ein wenig Glück würden der Schatzkanzler und er die Antwort darauf ja gemeinsam herausfinden.

»Wie Sie alle … wie die meisten von Ihnen wissen«, korrigierte sich Breakwater sofort und nickte Edward ein weiteres Mal über den Tisch hinweg zu, »befindet sich der MPARS erneut in einer logistischen Krise. Wir verfügen über entschieden zu wenige Schiffe, um in den Regionen zu patrouillieren, die man uns zugewiesen hat – ich beziehe mich hier vor allem auf den Einhorn-Gürtel. Die Schiffe, die wir haben, sind unterbesetzt und müssen ständig um Ersatzteile und Platzzuweisungen in den Orbitalwerften ringen.«

Das stimmte so nicht ganz, das wusste Edward. Tatsächlich war Breakwaters Bemerkung nicht nur ideologisch eingefärbt, sondern eine Lüge. Der MPARS mochte ja tatsächlich nicht über besonders große Sternenschiffe verfügen, aber besaß ein halbes Dutzend Erz- und Schürfschiffe, die man zu brauchbaren Patrouillen- und Rettungsschiffen umgebaut hatte. Was die Besatzung betraf, hatte der MPARS der Royal Manticoran Navy vor fünf Jahren für ihr verhängnisvolles Phobos-Projekt mehr als dreihundert Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade abgeworben – Männer und Frauen, die, soweit Edward wusste, nie zu ihren Stammeinheiten zurückgekehrt waren.

Er blickte zu Cazenestro hinüber und wartete darauf, dass der Erste Lord den Schatzkanzler auf diese verzerrte Darstellung der Situation anspräche. Zu seiner großen Überraschung jedoch blieb die erwartete Rüge aus.

»Bei der Navy ist es keinen Deut besser«, sagte Cazenestro stattdessen. »Nur für den Fall, dass Ihnen das noch nicht aufgefallen sein sollte. Wenn Sie sich die Gesetze anschauen, die Ihre Kollegen und Sie im Laufe der letzten Jahre erlassen haben, werden Sie selbst sehen, dass die diversen Wiederaufbau- und Erweiterungsprogramme für die planetare Infrastruktur nach wie vor sowohl bei den Geld- und Sachmitteln als auch bei den Arbeitskräften höchste Priorität genießen.«

»Ja, viele Dank, dessen bin ich mir bewusst«, erwiderte Breakwater ebenso kühl. »Und ich wäre wirklich der Letzte, der anderen das Wasser abgräbt.«

Das hätte eine ausgezeichnete Gelegenheit für eine äußerst sarkastische Bemerkung hinsichtlich der von Breakwater betriebenen Politik geboten. Glücklicherweise besaßen sämtliche Anwesenden, Edward eingeschlossen, genug Stil, um diese Steilvorlage ungenutzt zu lassen.

»Aber genau diese Wiederaufbaumaßnahmen haben dazu geführt, dass mehr Schürfer denn je in den Asteroidengürteln tätig sind, und auch deren Leben und deren Sicherheit ist dem Sternenkönigreich wichtig«, fuhr Breakwater fort. »Es kann gar nicht genug betont werden, wie wichtig die dabei gewonnenen Rohstoffe für unsere derzeitigen Wiederaufbaumaßnah …«

»Bitte, Mylord«, fiel ihm Calvingdell mit ihrer klaren Sopranstimme ins Wort. »Wir alle sind wohl bestens mit Ihren diesbezüglichen Ansichten vertraut. Könnten wir vielleicht zum Punkt kommen?«

»Wenn Sie darauf bestehen, Mylady«, sagte Breakwater und nickte ihr zu, während in seinen Augen kurz Verärgerung aufblitzte. Eindeutig hatte er eine kleine Rede vorbereitet, die er nur zu gern losgeworden wäre. »Der Punkt ist, dass die Navy über eine ganze Reihe von Schiffen verfügt, die sie nicht nutzt und die der MPARS dringend benötigt. Ich beziehe mich hier auf die sieben Korvetten der Pegasus-Klasse.«

»Sie belieben zu scherzen!«, entfuhr es Locatelli, und seine Stimme verriet ungläubige Empörung. »Wenn Sie sich jemals die Mühe gemacht hätten, sich mit den Grundlagen der Flottentaktik zu befassen, wüssten Sie, dass eine Korvette das Schiff der Wahl ist, wenn es um Flankenschutz und Langstreckentriangulation geht!«

»Ich habe mich mit Taktik befasst, Admiral, vielen Dank«, gab Breakwater zurück und so ruhig und selbstbewusst wie jemand, der exakt diesen Einwand erwartet und bereits ein Gegenargument vorbereitet hatte. »Es gibt nur einen einzigen Grund, Korvetten in dieser Art und Weise zu verwenden: weil man damit sonst praktisch überhaupt nichts anfangen kann. Die Zerstörer der Salamander-Klasse sind für Einsätze dieser Art ähnlich effektiv: Sie sind beinahe ebenso schnell und sogar noch besser bewaffnet.«

»Nur, dass wir bloß über sechs Zerstörer verfügen«, gab Cazenestro zu bedenken. »Wenn wir die Korvetten verlieren, würde das unseren Bestand an geeigneten Schiffen für Flankierungseinsätze halbieren.«

»Das setzt allerdings Bedarf für Flankierungseinsätze voraus«, bemerkte Breakwater bissig. »Und genau das führt uns zum Herzstück unseres Vorschlags. Derzeit ist die Flotte in, wenn ich das recht in Erinnerung habe, drei Gruppen aufgeteilt: Die Kampfgruppen Grün-eins und Grün-zwei im Manticore-A-System und Kampfgruppe Rot, draußen vor Manticore-B. Wenn Sie Ihre Streitkräfte in dieser Art und Weise aufteilen, bedeutet das, dass immer nur drei Regionen des Sternenkönigreichs gesichert sind.« Er hob einen Finger. »Würden die sieben Korvetten aber dem MPARS zugewiesen und entsprechend in anderen Regionen unseres Territoriums patrouillieren …«

»Moment mal«, unterbrach ihn Locatelli, »wollen Sie etwa vorschlagen, dass die Korvetten nach wie vor bewaffnet wären?«

»Natürlich«, antwortete Breakwater und legte die Stirn in Falten, als wäre das doch offensichtlich. »Sonst würden sie doch gegen Ihre marodierenden Piraten kaum etwas nützen.«

»Ich dachte, Sie glauben nicht an Piraten«, wandte Calvingdell milde ein.

Edward richtete seine Aufmerksamkeit jetzt ganz auf die Verteidigungsministerin. Calvingdell hatte das Ministerium vor vier T-Jahren übernommen. Nach der Untersuchung des Phobos-Zwischenfalls hatte der damalige Verteidigungsminister, der Earl von Dapplelake, zusammen mit seinem Abschlussbericht auch sein Rücktrittsgesuch eingereicht. Das war, dieser Ansicht war zumindest Edward, gänzlich unnötig gewesen. Schließlich fand sich in dem Bericht nicht einmal der Hauch einer Andeutung, den Verteidigungsminister treffe auch nur die geringste Mitschuld. Doch Dapplelake war der Ansicht, das ganze Debakel habe letztendlich in seiner Verantwortung gelegen, und weder der Premierminister noch Seine Majestät der König persönlich hatten ihm den Rücktritt ausreden können.

Calvingdell zu seiner Nachfolgerin zu machen, war keine schlechte Wahl gewesen. Sie verstand ebenso gut mit Menschen wie mit Zahlen umzugehen. Das Problem: Mit der Navy kannte sich Clara Sumner nicht aus. Nicht so wie Dapplelake und ganz gewiss nicht so wie Cazenestro, Locatelli oder auch Edward selbst: Sie kannten die Navy in und auswendig.

Ebenso wie ein ein falsch kalibrierter Impellerkeil katastrophale Folgen haben konnte, mochte dieser blinde Fleck in der Wahrnehmung der Verteidigungsministerin sie alle teuer zu stehen kommen. Sehr teuer sogar.

»Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, an die ich nicht glaube«, erklärte Breakwater, den Blick jetzt auf die Gräfin gerichtet. Wie ein Riesenkodiak, der sich auf das schwächste Tier einer Herde konzentriert, schoss es Edward durch den Kopf. »Aber ich bin durchaus bereit einzuräumen, dass mein Wissen nicht vollkommen, meine Meinung nicht zwangsläufig korrekt ist und die Zukunft noch die eine oder andere Überraschung für uns bereithalten mag. Auch wenn es derzeit dort draußen keine Bedrohung gibt, ist eine Verteilung der Verteidigungskapazitäten des Sternenkönigreichs durchaus sinnvoll.«

»Wohl kaum«, gab Cazenestro zurück und warf Calvingdell aus dem Augenwinkel einen Blick zu, der wohl eigentlich hatte finster ausfallen sollen, doch der Erste Lord der Admiralität brachte es dann doch nicht übers Herz, die Regeln des Anstands zu missachten. »Sollte tatsächlich eine Bedrohung auftauchen, müssen wir ihr stark, entschieden und fokussiert entgegentreten. Ich bezweifle, dass ein Angreifer so viel Sportsgeist zeigt, mit seinem Angriff zu warten, bis wir unsere Schiffe aus den entlegensten Ecken des Sternenkönigreichs zurückbeordert haben.«

»Außerdem hat der MPARS keinerlei Erfahrung im Umgang oder mit der Wartung derartiger Waffen«, setzte Locatelli hinzu. »Es würde Jahre dauern, Ihre Leute angemessen einzuarbeiten.«

»Deswegen bitten wir ja auch nicht darum, uns alle sieben Korvetten gleichzeitig zu überlassen«, meldete sich nun Winterfall zu Wort. »Und es besteht auch kein Bedarf an deren Bewaffnung. Noch nicht, zumindest.«

Alle blickten ihn an.

»Würden Sie das freundlicherweise erläutern?«, forderte ihn Cazenestro auf, und in seiner Stimme schwang unverkennbar Wachsamkeit mit.

»Schatzkanzler Breakwater hat die Zukunft im Blick«, erklärte Winterfall. »Aber wenn uns die Vergangenheit überhaupt irgendetwas lehrt, dann wohl, dass kleine Schritte, einer nach dem anderen, häufig das ratsamste Vorgehen sind.« Er tippte auf ein Tastfeld seines Tablets, und ein ganzer Satz an Diagrammen und Datensätzen wurde an den Tablet-Rechner übertragen, der vor Edward auf dem Tisch lag. »Deswegen habe ich mir erlaubt, einen Kompromissvorschlag auszuarbeiten.«

Edward griff nach dem Tablet und musste sich ein Kopfschütteln ernsthaft verkneifen, als er den Vorschlag überflog. Genau wie seinerzeit, zu Beginn der Phobos-Debatte, hatte Winterfall auch dieses Mal den psychologisch genau richtigen Moment abgepasst, um sowohl Breakwaters Vorschlag als auch Cazenestros Einwänden die Basis zu entziehen.

»Sie sagen also, Sie wollen gar keine Raketen?«, setzte Cazenestro nach, vorsichtiger denn je.

»Ich sagte, die Frage stelle sich vielleicht in der Zukunft«, entgegnete Winterfall. »Sollten wir jemals einen stichhaltigen Beleg dafür erhalten, dass das Sternenkönigreich bedroht ist, werden wir natürlich so viele bewaffnete Schiffe wie nur möglich haben wollen. Aber bis dahin …«, er deutete auf den Tablet-Rechner, »… wären wohl zwei bordeigene Rettungsgondeln für den MPARS nützlicher. Dessen Hauptaufgabe besteht ja in der Raumnotrettung. Zudem wäre es sinnvoll, bei dieser Gelegenheit auch gleich das gesamte System zu überholen und auf den technisch neuesten Stand zu bringen. Sollte jemals die Notwendigkeit bestehen, die Schiffe wieder zu bewaffnen, ließe sich bereits im Vorfeld sicherstellen, dass wirklich alle bordeigenen Systeme voll funktionstüchtig und nicht veraltet sind. Vermutlich wäre eine Aufrüstung ratsam, die es erlaubt, dass sie im Notfall andere Schiffe in Schlepp nehmen können.«

»Interessant«, sagte Calvingdell, während sie ihrerseits die Dateien weiterscrollte. »Also sollen die Rettungsgondeln einfach an die Stelle der Werferkästen treten, ja?«

»Ganz genau, Mylady«, bestätigte Winterfall. »Bei Bedarf könnten die Werferkästen dann jederzeit wieder eingebaut werden. Die erforderlichen Anschlüsse lägen ja bereits, und wenn ich das richtig verstehe, sind Werferkästen von vornherein darauf ausgelegt, recht leicht ausgebaut und ersetzt zu werden.«

»Wobei die kleine Einschränkung ›recht‹ hier ziemlich bedeutsam ist«, grollte Locatelli. »Sind Sie diese technischen Überlegungen schon mit anderen durchgegangen?«

»Nicht in allen Einzelheiten«, antwortete Winterfall. »Aber alles hier ist handelsübliche Technik. Deswegen rechne ich nicht mit größeren Überraschungen.«

»Für ein Schürfschiff in Not wäre so eine Rettungsgondel auf jeden Fall ein willkommener Anblick«, meinte Calvingdell.

Zumindest dieser Punkt war unstrittig. Edward warf einen Blick auf die Auflistung der erforderlichen Notausstattung, der Ersatzteile, Werkzeuge und Überlebensausrüstungen, die für eine der beiden von Winterfall vorgeschlagenen Rettungsgondeln erforderlich wäre – alles so verstaut und miteinander verbunden, dass auch einzelne Sektionen der Gondel separat ausgebracht werden und längsseits zum havarierten Schiff gehen könnten. Die andere Rettungsgondel hingegen war für den absoluten Notfall gedacht: eine kompakte Lebenserhaltungskapsel, in der sich die Überlebenden eines in Not geratenen Schiffes zusammendrängen könnten: Dort wäre es zwar beengt, aber eben ungefährlich. Die Korvette würde sie dann zum nächsten Raumhafen bringen.

»Zweifellos«, bestätigte Cazenestro, »aber das ändert nichts an der Tatsache, dass dafür sieben für das Sternenkönigreich lebensnotwendige Kriegsschiffe aus dem Dienst ausscheiden würden.« Er blickte den König an, der dem Wortgefecht bislang nur schweigend gelauscht hatte. »Euer Majestät ist gewiss bewusst, in welch erschreckende Lage uns das möglicherweise bringt.«

»Gewiss«, gab der König zurück. »Aber mir ist auch bewusst, dass Schatzkanzler Breakwater recht hat. Die Ressourcen des MPARS sind bis an die Belastungsgrenzen strapaziert. Dieses Problems muss man sich annehmen.«

Über die Länge des Tisches hinweg blickte Edward seinen Vater an. Stimmte Seine Majestät gerade Breakwaters offensichtlichem Versuch zu, weitere Schiffe unter seinen Befehl zu stellen und ihn damit mächtiger zu machen? Nach allem, was im Secour-System geschehen war?

»Wir sollten hier Anleihen bei Baron von Winterfalls Vorgehensweise der kleinen Schritte machen«, fuhr der König fort. »Entsprechend sollten wir zunächst nur zwei der Korvetten an den MPARS überstellen, nicht gleich alle sieben.« Er deutete auf Cazenestro. »Hätten Sie schon einen Vorschlag, welche Schiffe dafür am geeignetsten wären?«

Cazenestro verzog das Gesicht, als habe er gerade in etwas äußerst Saures gebissen. Aber auch einen noch so höflich formulierten Befehl erkannte er sofort als solchen. »Wahrscheinlich die Aries und die Taurus«, sagte er zögerlich. »Derzeit sind sie Kampfgruppe Rot vor Manticore-B zugewiesen. Dort steht im Augenblick ohnehin ein Großteil der MPARS-Patrouillen, also sollten sich die beiden Korvetten da gleich wie zu Hause fühlen. Aber wenn ich vor Euer Majestät eines anmerken darf: Es scheint mir wenig sinnvoll, deren Werferkästen auszubauen oder auch nur die Überstellung an den MPARS offiziell zu verzeichnen, solange nicht sichergestellt wurde, dass die Module, die Baron von Winterfall vorschlägt, tatsächlich auch machbar sind.«

»Richtig«, bestätigte Michael Winton. »Und natürlich kann die Überstellung erst erfolgen, wenn der MPARS entsprechend ausgebildete Besatzungen vorweisen kann. Schatzkanzler Breakwaters vordringliche Aufgabe wird es also sein, Besatzungen für die Korvetten zusammenzustellen, und Sie werden sie dann anschließend durch Casey-Rosewood und die Kadettenanstalt schleusen.«

Cazenestro schien zu erstarren. »Eure Majestät wollen, dass die zu uns kommen?«

»Ich bezweifle, dass der Umgang mit Korvetten zur Standardausbildung beim MPARS gehört, Mylord«, gab Michael trocken zu bedenken.

»Ja, Euer Majestät, ich verstehe«, entgegnete Cazenestro; er schien ein wenig aus dem Konzept geraten. »Aber hinsichtlich der Hauptsysteme gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Korvetten und den Schiffen, die der MPARS bereits im aktiven Dienst nutzt. Die größten Unterschiede finden sich in Aufbau und Betrieb der Waffensysteme.«

»Und natürlich in der taktischen Ausbildung, diese Systeme auch zu nutzen«, warf Calvingdell ein.

»Natürlich«, pflichtete ihr Cazenestro bei, »und nichts davon genießt beim MPARS Priorität. Ich dachte, ich könnte einfach einige meiner Ausbilder dafür abstellen, die neue Besatzung im erforderlichen Maße mit den Hauptsystemen der Schiffe vertraut zu machen.«

»Wie Baron von Winterfall schon sagt, könnten diese Schiffe eines Tages zu Kampfhandlungen gezwungen werden«, wandte Breakwater ruhig ein. »In einem solchen Falle könnte es nicht nur für deren Erfolg, sondern sogar für deren Überleben entscheidend sein, dass die Besatzung auch eine entsprechende Ausbildung genossen hat. Eigentlich«, fuhr er fort, als sei ihm dieser Gedanke soeben erst gekommen, »wäre es vielleicht eine gute Idee, wenn sämtliche Angehörigen des MPARS eine derartige Ausbildung durchliefen.«

»Ein interessanter Vorschlag«, entgegnete Michael und wandte sich Cazenestro zu. »Mylord?«

»Unter den gegebenen Umständen wäre das leider schlichtweg unmöglich, Euer Majestät«, erklärte Cazenestro steif. »Wir besitzen einfach nicht die Kapazitäten, einen derartigen Zustrom an Neuzugängen aufzunehmen.« Er durchbohrte Breakwater mit festem Blick. »Es sei denn, der Schatzkanzler wäre bereit, Mittel zur Erweiterung der Kapazität bestehender Einrichtungen freizugeben.«

»Leider lässt das Budget des Parlaments für Extras derzeit kaum Spielraum«, gab Breakwater zurück. »Aber auch das ist etwas, das bei zukünftigen Überlegungen eine Rolle spielen sollte. Vorerst konzentrieren wir uns ganz auf die Ausbildung zukünftiger Besatzungsmitglieder der Korvetten. Wie mit allen anderen MPARS-Angehörigen zu verfahren ist, entscheiden wir später.«

»Damit wäre das wohl geklärt«, sagte der König. »Wir greifen dieses Thema wieder auf, wenn die Feinheiten zur Konstruktion dieser Rettungsgondeln besprochen sind und die ersten Schätzungen hinsichtlich der anfallenden Kosten vorliegen. Darf ich davon ausgehen, dass das für alle Anwesenden akzeptabel ist?«

»Ja, Euer Majestät«, gab Calvingdell zurück.

»Sehr sogar, Euer Majestät«, bestätigte Breakwater.

Der König nickte und bedeutete ihnen mit einer kurzen Handbewegung, sich zu erheben. »Dann wäre es das für heute«, sagte er. »Ich danke Ihnen für Ihr Kommen.«

Die Verabschiedungsformalitäten waren deutlich kürzer als die Begrüßungen vor der Sitzung. Edward blieb neben seinem Sessel stehen, bis alle außer dem König selbst den Saal verlassen hatten.

Als sich die Tür geschlossen hatte, wandte sich Michael an seinen Sohn. »Du fandest das alles wohl sehr amüsant, oder?«, fragte er, erhob sich aus seinem Sessel und deutete auf die deutlich weniger förmlichen Polstersessel, die in einer Ecke des Raumes zu einem Dreiviertelkreis angeordnet standen.

»›Amüsant‹ ist jetzt nicht gerade das Wort, das ich verwendet hätte«, gab Edward zurück und ging zu einem der Sessel hinüber. »Willst du Breakwater diese Korvetten wirklich überlassen?«

»Du hättest einen Einwand vorzubringen, richtig?«

»Mehr als nur einen«, versicherte ihm Edward, wartete ab, bis sein Vater Platz genommen hatte, und setzte sich dann in den Sessel, der seinem Monarchen genau gegenüberstand. »Wenn du gestattest?«

Michael deutete eine Verbeugung an. »Bitte.«

»Fangen wir mit der Logistik an«, sagte Edward. »Wenn wir dem MPARS auch nur eine einzige Rakete zugestehen, schaffen wir damit einen Präzedenzfall dafür, dass zwo voneinander unabhängige Streitkräfte um den kleinen Vorrat äußerst kostspieligen Feldzeugs in Konkurrenz treten.«

»Ich meine mich zu erinnern, dass genau das Gegenteil behauptet wurde, als Breakwater die Schlachtkreuzer zerlegen wollte«, gab Michael zu bedenken.

»Dieses Argument habe aber nicht ich ins Feld geführt«, rief ihm Edward ins Gedächtnis zurück. »Es bleibt einfach eine Tatsache, dass wir nur über eine begrenzte Anzahl von Raketen verfügen.«

»Wir können jederzeit mehr davon beschaffen.«

»Nicht, solange Breakwater den Daumen derart auf dem Geldbeutel des Sternenkönigreichs hält«, versetzte Edward. »Erinnerst du dich an die alte Weisung des Verteidigungsministeriums, der gemäß die Verwendung von Raketen außerhalb von Gefechtssituationen untersagt ist, es sei denn, es handele sich um eine ausdrücklich autorisierte Gefechtsübung?«

»Die allerdings wieder aufgehoben wurde«, bemerkte sein Vater.

»Was wir nicht Breakwater zu verdanken haben«, entgegnete Edward. »Punkt zwo: die Ausbildung. Breakwater hat recht: Seine Leute brauchen unbedingt eine solide Grundausbildung, und Cazenestro hat ebenfalls recht: Die bestehenden Einrichtungen sind auf einen derartigen Ansturm neuer Rekruten und Kadetten schlichtweg nicht ausgelegt. Worauf läuft das Ganze hinaus? Jeder Rekrut vom MPARS nimmt einem zukünftigen Offizier oder Spacer der Royal Manticoran Navy den Platz weg. Wir kommen schon jetzt nicht mehr damit hinterher, genug Leute für den Ausbau der Flotte auszubilden. Breakwaters neuester Einfall würde das Ganze noch weiter ausbremsen, und dessen waren sich Breakwater und Winterfall zweifellos die ganze Zeit über bewusst.«

»Ach so, dann hast du doch bemerkt, dass die beiden sich im Vorfeld offenkundig abgesprochen haben«, meinte Michael anerkennend. »Obwohl es auf den ersten Blick so scheint, als stünden die beiden von ihnen vorgebrachten Vorschläge miteinander im Konflikt.«

»Ach bitte, Dad … ich bin nicht einmal auf dem politischen Parkett von gestern«, gab Edward zurück, und in seiner Stimme lag all der Spott, den er sich dem Monarchen des Sternenkönigreichs von Manticore gegenüber herauszunehmen wagte. Dabei versuchte er nach Kräften, die neuerlich aufflammenden Schuldgefühle zu ignorieren, weil er so viele Besprechungen schon verpasst hatte. »Das letzte Mal, dass Winterfall wirklich eigenständig gehandelt hat, war während der Phobos-Diskussion! Damals hat er Breakwaters ursprüngliche Forderungen ernsthaft untergraben. Nachdem Breakwater dann klar geworden ist, wie prima sich das letztendlich für ihn ausgewirkt hat, musste er diese Strategie natürlich übernehmen, und seitdem spielt Winterfall den Dolch neben Breakwaters Rapier.«

»Ein hübsches Bild«, lobte ihn Michael lächelnd. »Dolch neben Rapier. Vielleicht verwende ich das beizeiten auch einmal. Sonst noch etwas?«

»Das Wichtigste von allem«, erklärte Edward mit Nachdruck. »Die Weisungskette. Dir ist ja vielleicht nicht entgangen, dass Navy und MPARS nicht gerade bestens miteinander auskommen – zumindest nicht in der Führungsebene. Sollte das Sternenkönigreich jemals angegriffen werden, dürfte der Versuch, zwo Streitkräfte zu koordinieren, die seit Jahren in jeder Hinsicht und um jede Ressource wetteifern, bestenfalls schwierig werden, schlimmstenfalls aber unmöglich. Und unmöglich bedeutet in einer Gefechtssituation meist katastrophal.«