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Das Buch beginnt mit Szenen einer Kindheit in einem Pfarrer-Haushalt im Nachkriegsdeutschland. Vor der Industriekulisse des Ruhrgebiets entstehen Bilder einer eigenwilligen Jugend des Autors mit einer beständigen Suche nach Sinn. Wie ein roter Faden zieht sich die Gestalt seines schwerstbehinderten Bruders durch die Aufzeichnungen, der in seiner Einrichtung „der Baron“ genannt wird. Und dann ist da dieser geliebte Großvater, dessen erst spät entdeckte Schattenseite tief in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte reicht. Verwicklungen der Familie um ein Arisierungs-Erbe in Berlin und Reisen des Autors zu den NS-Vernichtungslagern im Osten rühren an größte Zusammenhänge. Nicht eine weitere biografische Aufarbeitung, sondern ein schonungslos ehrlicher Versuch, sich der eigenen familiären und kollektiven Vergangenheit zu stellen, der gedanklich und literarisch eine geradezu meditative Dichte erreicht. /// Mit einem Geleitwort von Gerd Biesgen und einem Nachwort von Sabine Petersen-Lossen. /// „Worin liegt der Verdienst dieses Buches? Aus Geschwisternähe sich auf eine lebenslange Entdeckerreise zu begeben! Rolf reist und Hans reist mit. Die extrem unterschiedlichen Lebensbilder, die so entstehen, öffnen bei uns Lesenden die Frage: Was ist mein Lebensbild?“ Sabine Petersen-Lossen
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2023
Dieses Buch erscheint mit freundlicher Unterstützung von Susanne und Jürgen Wolff.
Hans Bartosch Der Baron, mein Großvater und ich
ISBN E-Book 978-3-95779-196-2 ISBN gedruckte Version 978-3-95779-195-5 Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2023 der gedruckten Ausgabe zugrunde.
Erste Auflage 2023
© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG, Frankfurt am Main
Lektorat: Dr. Jens Heisterkamp, Frankfurt am Main Korrektorat und Satz: Ulrich Schmid, de·te·pe, Aalen Covercollage: Frank Schubert, Frankfurt am Main, unter Verwendung einer Aufnahme von Alamy (Hochofen in Duisburg Marxloh) sowie einem Familienfoto mit dem Bruder des Autors,
Das Buch beginnt mit Szenen einer Kindheit in einem Pfarrer-Haushalt im Nachkriegs-Deutschland. Vor der Industriekulisse des Ruhrgebiets entstehen Bilder einer eigenwilligen Jugend des Autors mit einer beständigen Suche nach Sinn. Wie ein roter Faden zieht sich die Gestalt seines schwerstbehinderten Bruders durch die Aufzeichnungen, der in seiner Einrichtung „der Baron“ genannt wird. Und dann ist da dieser geliebte Großvater, dessen erst spät entdeckte Schattenseite tief in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte reicht. Verwicklungen der Familie um ein Arisierungs-Erbe in Berlin und Reisen des Autors zu den NS-Vernichtungslagern im Osten rühren an größte Zusammenhänge.
Nicht eine weitere biografische Aufarbeitung, sondern ein schonungslos ehrlicher Versuch, sich der eigenen familiären und kollektiven Vergangenheit zu stellen, der gedanklich und literarisch eine geradezu meditative Dichte erreicht.
Mit einem Geleitwort von Gerd Biesgen und einem Nachwort von Sabine Petersen-Lossen
Hans Bartosch wurde in Duisburg geboren und studierte nach seiner Zivildienstzeit in einer anthroposophischen Einrichtung evangelische Theologie. Seit vielen Jahren arbeitet er als Pfarrer und Krankenhausseelsorger, zuerst in Düsseldorf und heute in Magdeburg. 2018 erschien sein vielbeachtetes Seelsorge-Tagebuch Was noch erzählt werden muss. Zeitgeschichte am Krankenbett.
Geleitwort von Gerd Biesgen
1 Hirsche und Kartoffeldruck
2 Dichter und Raketen
3 Kränze und Käfige
4 Berlin Ostbahnhof
5 Ausland und „Vaterland“
6 Auf dem Wasserbett
Nachwort von Sabine Petersen-Lossen
„Baron“, das ist ein alter Adelstitel. Wer sich Baron nennen durfte, dem begegnete man mit Achtung und Respekt. Denn ein Baron stellt etwas dar, insbesondere vorzeiten in einer Stände-, einer Klassengesellschaft. Unsere Gesellschaft, die eine inklusive sein möchte, kennt Stände oder Klassen nach wie vor, auch wenn man das nicht mehr offen so benennt. Denn die Qualifizierung „behindert“, die sehr lange vor allem eine medizinisch geprägte war, wirkt sich nach wie vor insbesondere sozial in erheblichem Maße aus. Und da darf es durchaus erst einmal auffallen, positiv stutzig machen und ins Nachdenken bringen, wenn ein Mensch mit Behinderung diesen alten Titel trägt – weil er ihn sich erworben hat durch Würde, Noblesse, Feinheit – schlicht: durch ein überzeugend gelebtes Menschsein.
Hans Bartosch schreibt in seinem hier vorgelegten autobiographischen Bericht u.a. über seinen jüngeren Bruder Rolf, den „Baron“. Neben der Achtung atmet sein Buch vor allem große Liebe und Zuneigung für den Menschen seiner Familie, der ihn in ganz besonderer Weise geprägt hat. Mit Genauigkeit, einem immensen Erinnerungsvermögen, unprätentiös, ehrlich und mit großer Sprachkraft schildert Hans Bartosch Bedeutsames aus seinem Leben, das insbesondere in den ersten Jahren für ihn und seine Eltern infolge der Behinderung des Bruders eine Herausforderung darstellte. – Wie gut, dass man heute schlicht mehr weiß als noch vor 60 Jahren: darüber, was Kinder überhaupt brauchen; darüber, was eine Einschränkung, ein Handicap, ein Assistenzbedarf insgesamt bedeutet; darüber, welche Formen der Teilhabe angemessen sind und angestrebt werden wollen, damit ein Leben in Würde besser gelingt.
Rolf Bartosch, der „Baron“, lebt seit mehr als 50 Jahren nun in Scheuern. Ich freue mich, dass in diesem Buch von Gelingen erzählt wird – auch in solch einer Einrichtung, die man früher Anstalt oder Heim nannte. Selten doch sind die Dinge nur schwarz oder weiß. Und, ob in Vergangenheit oder Gegenwart: Es sind immer Menschen mit Herzenskraft, die Gutes auszubilden, vorzuleben und damit weiterzuschenken vermögen.
„Nichts über uns ohne uns“ ist ein Slogan aus der sogenannten Behindertenbewegung. Pfarrer Hans Bartosch verleiht diesem Motto in seinem Buch in liebenswürdiger Art ein Gesicht, eine Stimme, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche, die sich davon im Herzen berühren lassen mögen.
Gerd Biesgen, Theologischer Vorstand der Stiftung Scheuern
Als der kleine schielende Junge zum Himmel blickte, zeigten sich dort häufig gelbe Dunstfahnen. Sie wurden dreimal täglich dunkelrötlich angeschliert durch die nahen und rauschenden Hochofen-Abstiche.
Der „andere Himmel“ fand sich buchstäblich in der Muttermilch und im doppeltür-gepolsterten Amtszimmer des Vaters. Dort, im Duisburger Norden, in den Sechziger und Siebziger Jahren, wurde ich in einem Pfarrhaus groß. Ich wurde hineingeboren in die Zeiten des „Wirtschaftswunders“ in Westdeutschland, in dessen vormalige, aber schon schwächelnde Kraftzentrale des Ruhrgebiets.
Dem kleinen schielenden Jungen wurde mit knapp zwei Jahren ein formidables Gestell von Brille ins Gesicht platziert. Und er hatte sich in die damals zeitüblichen Lederhosen zu kleiden. Ein Latz prangte vor der Brust, auf welchem ein plastikreproduzierter Hirsch kaute und in die Welt blickte. Schwarze lederne Bänder trugen diesen Latz, der mit augengroßen Knöpfen an der Hosennaht befestigt wurde.
Wie es hieß, hat der kleine Junge gern „gequasselt“. Dieser Ausdruck beschreibt auf niederrheinisch einen kindlichen oder auch erwachsenen Redefluss. Unbenommen, ob jemand zuhörte oder nicht. Vielleicht auch in der Gewissheit, dass immer jemand zuhörte, auch über Menschen hinaus.
Bücher und Karten fanden sich noch vor der Einschulung im Kinderzimmer. Eine Sammlung von Falk-Plänen mehrerer deutscher Großstädte wurde stundenlang inhaliert. Mit Filzstiften wurden reichlich neue Straßenbahnlinien aufgemalt oder auch, dem Beruf des Vaters abgeschaut, die Gemeindegrenzen hin und her verschoben.
Ungewöhnlich hoch war die Intelligenz des Vaters, der vor der Theologie Chemie studiert hatte. Dies hieß ihn, alle naturwissenschaftlichen akademischen Lehrbücher direkt unterhalb der Evangelien-Kommentare sorgfältig zu verwahren im raumhohen, von einem entfernten mütterlichen Verwandten eigenhändig geschreinerten Regal.
Im Arbeitszimmer standen an sämtlichen Wänden jene raumhohen Regale; beim näheren Herantreten konnte man Fichte atmen. In den Regalen herrschte systematische Ordnung; viele Zettel aus klein geschnittenem Papier staken aus den Büchern oben heraus. Auf dem großväterlich geerbten Schreibtisch unter den beiden hochgelegenen Fenstern lag alles fein auf Stapeln, damit das Denken und Schreiben freien Raum hatte.
In der linken, mit einem beweglichen Messinggriff versehenen Schublade jenes amts-großen, oben von einer tiefdunkelgrünen Linoleum-Platte bedeckten Schreibtisches wohnten die Dienst-Siegel, der qualitätsvolle Füllfederhalter im Etui und ein mit regelmäßig zu erneuerndem Löschpapier bespanntes, steinernes Abrollgerät. Dem kleinen Kinde wurde eingeschärft, dass sich in dieser Schublade gleichsam das Allerheiligste befände.
Die Lektüren der ihn umgebenden Bücher der Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und akademischen Theologie ließen meinen Vater zu einem skeptischen Menschen werden. An den Bruchlinien seines fulminanten Wissens allerdings tauchten immer wieder, fast überraschend und ein wenig wie Handpuppen, Gott und Jesus mit Nachdruck hoch. So hing ein hässliches, billiges Kruzifix rechts vom väterlichen Schreibtisch. Der sehr ungelenke Jesus sah gequält aus.
Die Mutter wiederum war Kind des herben niederrheinischen reformierten Pietismus’. „Sachlichkeit“ galt als höchster Gottesdienst. Mithin stand das Wort „emotional“ unter keinem guten Stern. Sämtliche familiären und gesellschaftlichen Konflikte hatten, wie von beiden Eltern oft betont, unter dem Patronat der „Sachlichkeit“ angegangen zu werden.
In der kindlichen Seele stand die Küche als zentraler mütterlicher Raum. Dies erweiterte sich nachdrücklich durch den mütterlichen Schreibtisch, welcher sich im Wohnzimmer befand. Der helle Schreibtisch war mit einem Kredit erworben. Gemeinsam mit qualitätsvoll buchenfurnierten Regalen, einem leicht geschwungenen Ausziehtisch und vier hohen lichten Stühlen bestimmte er das Wohnzimmer. Auch die Teakholz-Sofagruppe mit niedrigem Tisch durfte nicht fehlen.
Die an ihrem eigenen Schreibtisch sitzende Mutter gehörte in die Mitte des kindlichen Bildes. Hier, an diesem Schreibtisch, erledigte sie die gemeindlichen Planungsaufgaben, verwahrte Bastelsachen und Kinderbücher. Die nebenstehenden Regale umgaben sie mit ihrer Bibliothek aus Gegenwartsliteratur und Gegenwartskunst.
Sie saß dabei auf einem Worpsweder Stuhl aus der Fertigung von Heinrich Vogler. Der weit ausladende Stuhl besaß eine helle, strohgeflochtene Sitzfläche und beeindruckte den kleinen Jungen durch den Vogel, der oben auf dem oberen Schildstück der Lehne eingraviert war.
Eines Tages kletterte der kleine schielende Junge über die stets heruntergelassene Schreibplatte ins Herz des Möbels. Er unterschätzte die Statik und fiel unter Donnern und mit vielen blauen Flecken unter Berge von Papieren, Scheren, Tesa-Filmen und Bücher.
Durchaus mit Hingabe und vor allem Fleiß widmeten sich beide Eltern der ihnen übertragenen und mit preußischem Beamten-Ethos hochgejazzten Pflichtenliste von Pfarrer und Pfarrfrau. Sie waren als Studierte in andere als die gewohnten Welten gekommen, als sie 1961 ins Ruhrgebiet zogen.
Für Jesus und für das Ethos des preußischen Beamten erfüllten sie die ihnen per Gemeindewahl übertragene Aufgabe mit Selbstverständlichkeit und durchaus mit einem hageren Stolz.
Hier also wurde der kleine schielende Junge groß.
Nun gesellte sich nach drei Jahren Bruder Rolf in dieses evangelische Pfarrhaus – und mischte es entschieden auf. Fünf akzelerierende und eskalierende Jahre lang testete er alle Grenzen aus. Dann fiel die letztlich weise Entscheidung, dass er an anderem Ort weiterleben sollte, eine Entscheidung, die er bis heute mit Klarheit und Würde ausfüllt.
Seine geistige Behinderung war natürlicherweise zunächst gar nicht bemerkt, dann abgetan worden, längere Zeit mit statistisch möglichen Entwicklungsverzögerungen erklärt. Schließlich aber lag auf der Hand, dass ein dreijähriger Junge, der tage- und nächtelang durchschrie, sein anfängliches erstes Sprechen wieder abgelegt hatte, für keinerlei sogenannte pädagogische Spielangebote offen war, sozialrechtlich wie medizinisch mit dem Wort „geistig behindert“ zu betrachten war.
Rolf schlug sich regelmäßig wund und hopste sich auf den Trümmern seines demolierten Bettes in den erschöpften Schlaf. Tatsächlich sah er bereits als kleines Kind aus wie Van Gogh. Das eine Ohr war platt. Über Stunden schlug er sich auf beide Ohren, wovon das eine entweder empfindlicher reagierte oder aber kräftiger getroffen wurde.
Oder aber Rolf schlug seinen Kopf an die Wand, noch mal und noch mal und noch mal. Auch wenn die Wand letztlich stärker blieb, zeigte er eine unbändige Disziplin darin, noch mal und noch mal und noch mal. Wurde er weggezogen, nahm er die andere Wand.
Zunächst aber saß er einfach da und war der kleine Bruder, süß und überaus mit Küssen zu überziehen, ob er es mochte oder eher nicht mochte.
Etwas später wurde er krank. Er kam in mehrere Krankenhäuser. Masern wurden diagnostiziert, und eine Gehirnhaut-Entzündung.
Manchmal musste er nachts in ein Krankenhaus; dann traten die Eltern durchs Treppenhaus, aufgebracht und rotgesichtig. Sie herrschten mich ins Bett zurück und beorderten geschwind eine Nachbarin, mich für die nächsten Stunden zu betreuen.
Rolf nannte mich, als er gut ein Jahr alt war: „S“, mit weichem S. Später hatte er dann keine Worte mehr für mich; auch diejenigen für meine Eltern entfielen ihm. Dafür wurde die Unruhe immer stärker, die Schläge, das An-die-Wand-Schlagen, das Rufen. Auch klopfte er sich gerne auf die Schenkel, auf seine Lederhose, die auch bei ihm mit einem Hirsch-Imitat verziert war.
Er sah kurioserweise längst nicht immer unglücklich aus. Manche seiner Schreie klangen fast wie Glücksschreie. Nicht wie wildes Kriegsgeschrei, sondern wie eine wilde Bejahung. Manchmal schaute er mich an, öfter schaute er einfach in die Ferne oder auf den Boden. Oder auf dasjenige, was zwischen Daumen und Zeigefinger zu suchen und zu untersuchen war. Mit selten gesehener Genauigkeit und Hartnäckigkeit konnte er über Stunden dort Reibung erzeugen, völlig unabhängig von den entstehenden Hornhäuten und Wunden. Bei diesen Blicken in die zwischenfingernden vibrierenden Räume zog er die Augenbrauen so hoch als möglich. Er fokussierte und fixierte und wechselte von einer schreienden Untermalung seiner Forschung in eine fast meditative Haltung, der es durchaus gegeben sein konnte, die Menschen neben ihm nach geraumer Zeit tiefer atmen zu lassen.
Er aß gerne, aber nicht immer das, was meine Eltern ihm geben wollten. Teller flogen vom Tisch, mit einer einzigen und erstaunlich zielgenauen Wischung.
Schon als ganz kleiner Junge konnte er seinen Mund mit seinem Ellenbogen verrammeln.
Rolf fiel auf, fiel auf der Straße auf. Er war laut. Und lief deutlich schief, wiewohl schnell. Vermutlich hat er schon als kleines Kind epileptische Anfälle gehabt, die seinen Gleichgewichtssinn störten. Gegen diese Störung wehrte er sich mit aller Kinderkraft.
Rolf war ein ausgesprochen hübscher Junge, kein Schieler wie ich. Die blonden Locken hatte er vom Vater und von dessen Vater. Sie wuchsen bei allen in einer als „afrikanisch“ benannten Wildheit und haben in der NS-Zeit zu den obligaten Nachfragen und umso deutlicheren Richtigstellungs-Mühen geführt.
Nachmittags saß ich regelmäßig mit Rolf im Garten an einem Tisch, auf Kinderstühlen. Wir hatten unsere Lätzchen an, bekamen roten Tee aus einer gelben, dickwandigen Porzellankanne und Kekse aus einer Blechdose mit roten Blumen und gelbem Verschluss. Es waren die ganz einfachen Butterkekse. Und es gab in der Kanne einen Beutel Hagebutten-Tee, der für mindestens einen Liter zu reichen hatte.
Im an den Rändern mit Gesträuch bepflanzten, mittelgroßen Garten waren die Geräusche der nahe vorbeifahrenden Straßenbahn zu hören, die spezifischen Duisburger Himmelsschlieren zu sehen und regelmäßig Schwefel zu riechen. Hier tollte ich mit Rolf im Gartengeviert.
Manchmal hatte er sein großes Hemd mit der Eisenbahn übergezogen. Eine schwarze Lok mit Dampfwolken zog einen roten, einen blauen und einen grünen Wagen über Rolfs Bauch. So konnten wir Zugfahren spielen. Was hieß, dass ich Rolf vor mir her schubste und die Namen mir bekannter Bahnstationen laut im Garten verteilte.
In dem kleinen Sandkasten baute ich Burgen, die Rolf nicht als solche anerkennen konnte. Schaufeln waren ihm aber lieb, weil er damit auf alles klopfen konnte, auf das geklopft werden konnte, sei es Sand, sei es der Sandkasten-Rand, sei es sein Kopf.
Rolf hatte sein Zimmer meinem gegenüber. Seine Matratze lag auf dem Boden, gleich bei der Tür. Das Bettgestell hatte er durch sein Hopsen zertrümmert. Ein weißlackierter metallener Bettrahmen umfasste nur noch seine Matratze. Die Tapeten in Matratzennähe waren weitflächig von Rolf abgerissen worden. Das Fenster wurde von einer Sperrholzplatte verrammelt. In diese hatte der Vater zwei kleine Gucklöcher gesägt in den Garten hinunter, eines auf Kinderaugenhöhe, ein anderes auf Erwachsenenaugenhöhe.
Rolf war immer sehr da. Dies zeigte sich etwa an einem der Weihnachtsfeste. Als wir beide ins geschmückte Wohnzimmer mit dem Baum feierlich hineingeführt wurden, fing Rolf gellend an zu schreien. Der Baum, er bedrohte ihn über alle Maßen.
Rolf konnte über Stunden der Bescherung und des Singens nicht anders, als unablässig zu schreien und zu weinen. So blieb nichts anderes übrig, als den Baum noch am selben Abend verschwinden zu lassen.
Umso wichtiger wurde mir dadurch eine schlichte Krippe, welche aus einem rauen, strohgedeckten Verschlag bestand, weiden-astig an den Rändern verstärkt. Hier hinzu kamen die in Bethel bestellten Krippenfiguren, Tag auf Tag eine weitere, während der ganzen langen Adventszeit. Sie näherten sich der auf einem kleinen Campingtisch stehenden Krippe in mühevollen Etappen, am langen Blumenfenster des Wohnzimmers entlang.
Die Einläutung der Adventszeit bedeutete eine Figur, die einen kleinen Jungen darstellte. Auf dessen Schulter ruhte sich – je nach Wahrnehmung – die Mutter aus, oder aber: Der kleine Junge wurde von der Mutter gehalten.
Die Betheler Figuren gewannen das Kinderherz durch ihre Schlichtheit und ihre fast bauhausfarbliche Ausstrahlung. Jesus war nicht so wichtig, nicht einmal Maria. Ich feierte das Erscheinen der Figuren, vor allem aber Rolf. Noch stärker feierte ich die Ankunft des von einem Beduinen geführten Königskamels, um schließlich den vollkommenen weihnachtlichen Höhepunkt zu erleben in der Ankunft des Königs-Elefanten.
Rolf musste durchaus auch von der Krippe und deren Figuren ferngehalten werden. Wie auch sonst hingen Absperrbänder quer durch die Wohnung. Stühle standen als Barrieren und machten die Räume eng. Immerhin boten diese Absperrbänder und Stuhl-Barrieren dem kleinen, schielenden Jungen gute Gelegenheiten für sein eigenes Spiel. Dieses geschah häufig mit vier Handpuppen, welche die vier Familienmitglieder darstellten.
Gerne saßen diese Puppen auf Holzautos; gerne auch wurde die Holzeisenbahn aufgebaut und auf jener die Puppen in ihren Autos auf endlose, abenteuerliche Reisen geschickt.
Neben dem Spielen rückte die Hausarbeit manchmal in den Vordergrund. Wichtig waren dem kleinen schielenden Jungen die Stunden in der Küche, als die Mutter abwusch und er das Abtrocknen zu lernen hatte. Wie es hieß, fuhr sein Quasseln hier zur Hochform auf, so dass er immer wieder zum ordentlichen, sachgerechten Trocknen der Löffel und der Teller ermahnt werden musste.
Meine Eltern waren damals Mittdreißiger. Und hatten fast keine Nacht zum Schlafen. Sie waren froh, wenn ich im Kindergarten war. Rolf dagegen war rund um die Uhr bei ihnen. Einmal versuchten sie es im neu eröffneten sonderpädagogischen Kindergarten mit ihm. Aber bereits nach zwei Stunden bedeutete man meiner Mutter, dass dieser Junge nichts tauge für einen Kindergarten.
Manchmal ging der Vater, wenn er abends noch mal „eine Runde um den Block“ gehen musste, lieber mit Rolf als mit mir. Weil Rolf zwar laut war, aber nicht wie ich ununterbrochen quasselte.
Und wohl auch, weil die beiden sich sehr nahestanden, so nahe gar, dass – über das ganze Leben gesehen – mein Vater nur mit Schwere und Schmerz in der Lage war, Rolf anzusehen.
So weh tat ihm alles.
So ungerecht fand er alles.
So unausweichlich erschien ihm, als notvoller Ersatz seiner Vaterliebe, der bis zu seinem Tod währende Aufbau eines komplexen Büros zur Verwaltung wirklich aller nur denkbaren Angelegenheiten seines Sohnes Rolf.
Natürlich habe ich als schielender und gerne quasselnder Junge auch mit Rolf gequasselt. Viel habe ich ihm erzählt und noch mehr erklärt. Er war ein geduldiger Zuhörer.
War er es nicht, konnte ich böse werden. Dann nahm ich seinen Kopf und haute ihn damit an die Wand. So wie er selbst es machte. Meist tat ich dies in seinem Zimmer. Wir hatten beide schon unsere Schlafanzüge an. Der Tag ging zur Neige, hatte aber noch Energie. Und entweder nahm ich Rolfs Kopf aus purem Überdruss oder, wie ich vermute, nahm ich ihn aus diversen Wallungen von Neid und Wut. Weil er einfach nicht so zuhörte, wie ich es angemessen gefunden hätte, nahm ich seinen Kopf, zumal er sich ja nie wehrte.
Rolf weinte, weil ich ziemlich fest schlug. Worauf die Mutter kam und entweder, weil sie wusste, was vorangegangen war, mich ausschimpfte und mir eine Ohrfeige verpasste. Oder aber sie drückte mich einfach zur Seite und tröstete Rolf. Oder aber, eher seltener, tröstete sie auch uns beide.
Immer wieder träumte und spielte ich, dass ich später mit Rolf nach Bonn ziehen würde. Manchmal spielte ich dies auch wenige Minuten, nachdem ich Rolfs Kopf an die Wand geschlagen hatte.
Bonn war die Stadt mit dem goldenen Bahnhof. So jedenfalls erlebte ich bei Durchfahrten in den Urlaub den eher kleinen, aber kriegsunversehrten rötlichen Sandstein-Bahnhof der damaligen Bundeshauptstadt.
Hier hatte der Vater dereinst seine Theologie studiert; hier hatte der patriarchale Urgroßvater seinen Lebensabend verbracht, und hier hatte auch ein schillernder Großonkel gelebt, davon später, der in Bonn und Bad Godesberg nach dem Krieg stolzhirschig seine Arisierungs-Gewinne verprasste.
