Der Bauer im Osten - Bernd Hauswald - E-Book

Der Bauer im Osten E-Book

Bernd Hauswald

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Beschreibung

Wir schreiben Ende Juli 2013. Es ist ein heißer Sommertag, so dass sich alles, ob Mensch oder Tier am Nachmittag ein schattiges Plätzchen sucht. Ja selbst die Blumen und Pflanzen hängen ihre Blätter, alles dürstet. Es hat nach dem abscheulichen Junihochwasser, welches das Jahrhunderthochwasser der Elbe des Jahres 2002 im Norden teilweise übertroffen hat, so gut wie nicht mehr geregnet. Schon seit einigen Jahren trage ich mich mit dem Gedanken die Erlebnisse meines Lebens, meiner beruflichen und privaten Tätigkeiten in einem Buch zusammenzufassen. Nun sitze ich am Samstagnachmittag im Garten, in der Sitzecke im Schatten von Birke und Konifere, die Schreiberei hat begonnen. Die Bäume spenden angenehme Kühle. Noch sind die Gedanken wirr im Kopf, was alles ist wichtig, der Nachwelt zu erhalten. Ich möchte die Exzesse zweier grundverschiedener Gesellschaftssysteme wahrheitsgetreu und neutral darstellen. Schließlich geht es um 70 Jahre bewegte Zeit und mehr. Die schlimme Zeit nach dem 2. Weltkrieg, Lebensmittelkarten, dass von jedem Bauernhof zu erbringende sehr schlecht bezahlte Soll. Das Lockmittel freie Spitzen, der vom Bodenständigen Bauern argwöhnisch beobachtete Einzug der neuen Technik durch die MAS und schließlich die Zwangskollektivierung mit ihren unabsehbaren, fürchterlichen Folgen für den Berufsstand der Bauern.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2017

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"Wenn Sturm und Hagel

die Halme fällt,

wird der Acker schweigend

aufs Neue bestellt"

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Der Kauf des Hofes durch Großvater Max

Meine Kindheit und Schulzeit

Meine Lehrzeit und meine ersten Erfahrungen...

Die familiäre und wirtschaftliche Entwicklung des Hofes...

Der „sozialistische Frühling“

Das Zusammenraufen der vormals selbstständigen Bauern

Die Arbeits– und Lebensbedingungen in 30 Jahren LPG–Zeit

Zurück zur Selbstständigkeit auf meinem Hofe

Was geschah mit dem Volksvermögen der DDR

Bauen, bauen, bauen...

Eingemeindungen und ländliche Identität...

Meine Zeit bei der freiwilligen Feuerwehr

Der Bau des Brunnens!

Der landwirtschaftliche Kreislauf

Wie werden Millionäre gemacht

Abschließende Betrachtung

Selbst verfasste Verse

Vorwort

Nach der „Wende“ die Zerschlagung der landwirtschaftlichen Großbetriebe und das Verschwinden des eingebrachten Inventars der Landeinbringer in den Konkursmassen!

Ja, das Verschwinden des Berufstandes der Bauern im Osten, ohne Aussicht jemals wiederzukehren!

Nur Wenige der „Landeinbringer“ von 1960 sind noch unter uns. Die Generation der Bauern die noch in eigener Verantwortung ihre Höfe bewirtschaftet hat, ist so gut wie ausgestorben. Damit geht ein hohes Maß an bäuerlichen Wissen und Erfahrungen welches über Generationen weitergegebenen wurde verloren! Der bäuerliche Beruf, einer jener Berufe, der wie kaum ein anderer ein umfangreiches Fachwissen auf vielen Gebieten verlangt, gepaart mit handwerklichem Können und Geschick stirbt aus!

Die profitorientierte Bewirtschaftung großer Flächen der Region in „Monokultur“ nun bereits 23 Jahre. Erste Anzeichen der Versteppung der Ackerkrume, die vom Bauernstand über Jahrhunderte sorgsam gepflegt und gemehrt wurde, sind zu sehen!

Seit es Menschen auf der Erde gibt, war die Versorgung mit Nahrung seine wichtigste Aufgabe. Jäger und Sammler waren stets abhängig vom momentanen Nahrungsangebot in der Region die gerade als Aufenthaltsort diente. Das Wetter hatte seit ewigen Zeiten einen starken Einfluss darauf. Paradiesische Zeiten und große Hungersnöte lösten sich ab.

Seit dem Sesshaft werden ernährt sich der Mensch von einer bestimmten kultivierten Fläche. Domestikation von Tieren und die Veredelung pflanzlicher Erzeugnisse über den Tiermagen sicherten die Versorgung mit Fleisch. Angefangen von der „Brachenwirtschaft“ über die „Dreifelderwirtschaft“ bis hin zu der, den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft folgenden Fruchtfolgen verlief die Entwicklung über Jahrtausende.

Kunstdünger und Pestizide waren unseren Vorfahren unbekannt. Sie beteten zu Gott, „unser täglich Brot gib uns heute…“. Wir bekommen heute mit unserer Nahrung „unser täglich Gift“! Mit primitivsten Mitteln, meist nur mit der eigenen Muskelkraft wurde der Boden bearbeitet. Mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten entschied über „hungern“ oder „satt“ werden. Man merkte bald, dass die fruchtbaren Schwemmböden der Talauen oder nährstoffreiche Vulkanascheböden gepaart mit günstigen klimatischen Bedingungen die besten Voraussetzungen für eine ertragreiche Bewirtschaftung boten und dort wurde in Wassernähe gesiedelt. Später bei erneutem Landbedarf wurden natürlich immer mehr Wald gerodet und auch steinige Bergregionen urbar gemacht. Diese Verwitterungsböden sind keinesfalls unfruchtbar, bedürfen allerdings besonderer Fürsorge hinsichtlich der Humusversorgung und des Schutzes vor Wind - und Wassererosion!

Über Jahrtausende wurde der Humusgehalt der Böden angehoben und als kostbarstes Juwel gehegt und gepflegt. Die Fruchtbarkeit des Bodens auch für Kinder und Kindeskinder zu erhalten und zu mehren und nicht „privatkapitalistischer Höchstgewinn“ waren die entscheidenden Kriterien! Fest verwurzelt auf heimischer Scholle, Neuem aus negativen Erfahrungen heraus stets skeptisch gegenüber wuchs der Bauernstand, verantwortlich für die Volksernährung. Mit der Bearbeitung der Flächen ergab sich der Aspekt der Landschaftspflege und ist aus unserer heutigen Kulturlandschaft nicht mehr weg zu denken, ja sogar eine dringende Notwendigkeit geworden. Regional angepasst, ist ihr Akribie und Sorgfalt zu widmen.

Naturkatastrophen wie Sturm und Hagel, auch Feuersbrünste forderten ständig ihren Tribut. menschliche Habgier, auf Höchstprofit ausgerichtete Politik, Repressalien und Kriege nahmen oft Alles, neben Haus und Hof auch Leben und Gesundheit.

Vier Pferde vorm Schneepflug hier in Rückersdorf

Der Kauf des Hofes 1903 durch Großvater Max

Mein Großvater Max kaufte den Hof vom Vorbesitzer Hänsche. Die landwirtschaftliche Nutzfläche (LN) betrug 15 ha und 1 ha Wald. Er stammte gebürtig aus Helmsdorf bei Stolpen, vom dortigen Hauswaldschen Hof.

Bereits 1904 baute er die Scheune neu. Er hatte den Beruf eines Tischlers erlernt. Die Entscheidung einen Bauernhof zu erwerben zeigt die Liebe zur bäuerlichen Arbeit. Er hat allerdings immer gesagt es war ein Fehler in eine höher gelegene, bergige Region zu ziehen. Besser wäre es gewesen in eine klimatisch nicht so raue Gegend zu gehen.

Er hat sich eine Tischlerwerkstatt eingerichtet und seine Einrichtungsmöbel in sehr hervorragender Qualität selbst gebaut. In der dritten Generation habe ich mit meiner Familie den Hof bewirtschaftet immer nach dem Motto meiner Vorfahren, „selbst ist der Mann“! Großvaters Schreibtisch habe ich vor einigen Jahren aus Platzgründen zum Brennholz demontiert und war erstaunt über die massive, korrekte Bauweise. Der Schreibtisch war Eiche furniert und dunkel gebeizt.

Hochachtung empfinde ich noch heute vom handwerklichen Geschick und Können unserer Vorfahren. Denn seine, aus unserer heutigen Sicht primitiven, Tischlerwerkzeuge sind zum Teil noch vorhanden. Wer glaubt es wurde stümperhaft und mit erheblich zu hohem Zeitaufwand, also uneffektiv gearbeitet der sollte sich mit der Geschichte des „Gollschen Rades“, einer Biertischwette der Neustädter Handwerksmeister seiner Zeit befassen. Deren unglaubliche Leistung selbst „August der Starke “ nicht für möglich hielt und das Ganze unter königlicher Aufsicht wiederholen ließ. Der Wagenbaumeister Goll wettete, mit Beginn des Sonnenaufganges ein Wagenrad zu bauen, es per Hand von Neustadt nach Dresden zu treiben, es zu verkaufen und vor Sonnenuntergang den Erlös zu vertrinken, er gewann die Wette! Wer es nicht glaubt, bitte, das erste Rad steht im Heimatmuseum von Neustadt, das zweite in nur knapp sieben Stunden gefertigte im Schloss Moritzburg.

Oft neigen wir dazu über früher geschaffene Dinge den Kopf zu schütteln und meinen, ach was haben die da früher für einen Unfug gebaut. Schaut man genau hin merkt man sehr schnell, dass Sinn dahinter steckt. Meist wurde gespart, weil Geld stets knapp war und an Materialien konnte nur verwendet werden was greifbar war.

Das Goll’sche Rad, Zeichnung von Rico Nitsche, am Anfang der Malzgasse in Neustadt

Einen Warentransport „rund um den Erdball“ wie heute gab es nicht, es wurde das genutzt was die Region bot und dies konnte innerhalb uns heute kurz erscheinender Entfernungen recht unterschiedlich sein. Noch unsere Großväter führten alle Transporte, von der Eisenbahn abgesehen, mit Pferdegespannen durch. Beim Bau der „Heilstätte Hohwald“ der in nur vier Jahren von 1902 bis 1905 erfolgte wurde Alles mit Gespannen der Bauern aus den umliegenden Orten durchgeführt. Gewaltige Bewegungen von Gesteins – und Erdmassen standen an, der Höhenunterschied des Südhanges der Baustelle beträgt 70 Meter! Der erste Gusseiserne Heizkessel wurde am 27.9.1904 vom Bahnhof Neustadt mit 17 vorgespannten Pferden über den Berthelsdorfer Seifweg zur Heilstätte gezogen! In der Broschüre „100 Jahre Hohwaldklinik“ ist geschrieben vom Bahnhof Neukirch Ost aus. Dies ist wahrscheinlich nicht richtig, Marianne Schönert und Inge Raupbach haben mir gesagt, dass im Familiennachlass große Bilder von dieser Aktion vorhanden waren, da ihre Vorfahren mit ihren Gespannen dabei waren. Mit Herrn Wolfgang Albrecht, Mitautor der Hohwaldbroschüre habe ich telefoniert, er konnte mir nur sagen, dass er es von irgendwoher übernommen hat.

Eventuell eine Verwechslung zwischen Neustadt und Neukirch von irgendwann?

17 Pferde vor dem 1. Heizkessel der Heilstätte Hohwald

Max war zeichnerisch sehr talentiert. Dies ist auf Bleistiftzeichnungen aus seiner Schulzeit ersichtlich, aus unserer heutigen Sicht wurde sehr streng zensiert. Fünfunddreißig Zeichnungen aus seiner Schulzeit sind noch im Familiennachlass vorhanden.

Max hatte von einem Unfall herrührend ein lahmes Bein. In seiner Jugend lief er neben seinem Fuhrwerk. In einer Kurve kam ein mit langen Stangen beladenes Gespann entgegen. Durch das Ausschwenken der Stangen wurde er unter seinen Wagen gedrückt und von diesem überrollt. Mit zunehmendem Alter verschlimmerte sich der Zustand seines Beines und er ging am Stock.

Bleistiftzeichnung von Max, vom 12.2.1878

So musste mein Vater Fritz bereits im Alter von 14 Jahren, ab 1922 das Pferdegespann übernehmen und die gesamte Feldarbeit erledigen.

Max hatte mit seiner ersten Ehefrau fünf Kinder. Else, Frieda, Hedwig, Fritz und Hilde.

Seine erste Ehefrau verstarb frühzeitig, sie war eine gebürtige Süßmilch aus Uttewalde, er heiratete ein zweites Mal. Meta seine zweite Ehefrau war die Schwester des über die Straße ansässigen Blumenfabrikanten Richard Eisold.

Im Hof vor der Haustür

Meta brachte aus erster Ehe ihre Tochter Käthe mit. Wie seinerzeit üblich wohnten die Altbauern im Seitengebäude, dem „Ausgedinge“ . Im Notarvertrag war der „Auszug“ geregelt, all das was die Erblasser für ihr bescheidenes Leben benötigten. Wöchentlich eine bestimmte Menge Butter, Milch , Eier oder Wurst und Fleisch, wenn geschlachtet wurde. Auch Heizmaterial und natürlich die Altenbetreuung und Krankenpflege waren geregelt. Das schönste Geschenk an die „Auszügler“ war seit jeher, das noch „gebraucht werden“ auf dem Hofe. Enkel oder gar Urenkel betreuen und mitarbeiten soweit es die Gesundheit erlaubte und vom großen Schatz der Lebenserfahrung manchen wohlgemeinten Ratschlag weiter geben zu können.

Hofansicht zwischen 1905 und 1950

1936 übernahm mein Vater Fritz den Hof. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Ella geb. Mehnert aus den Putzkauer Vogelhäusern bewirtschaftete er den Hof mit einem Kutscher und ein bis zwei Mägden .Üblich war, dass Geschwister die nicht gerade einen eigenen Hof bewirtschafteten in Saisonzeiten tatkräftige Hilfe leisteten. Gleiches galt auch für Häusler die wiederum Gespanndienste für ihr eigenes Stück Acker benötigten. So war es ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Trotz körperlich schwerer Arbeit gab es nicht selten mehr oder minder deftigen Spaß bei der Arbeit unter freiem Himmel.

1942 begann Fritz mit größeren baulichen Veränderungen an Stall und Wohngebäude. Es wurden die Küche und die Futterküche unterkellert. Vorher gab es nur einen 8,3 m2 großen und 1,5 m hohen mit Granitdeckern abgedeckten Keller unter dem Stübchen. Dieser war über eine Falltür von der Küche aus erreichbar. Es folgte der Bau einer Dungstelle und Jauchengrube, danach 1948 der Umbau des Kuhstalles mit einer Kopffütterung und Massivdecke, einem mit Kachelplatten gefliestem Futtergang. Natürlich mit Selbsttränke für die Rinder, deren Wasser in einem Bassin im Stall temperiert über ein Schwimmersystem den Tränken zugeführt wurde. 10 Kuh -, 3 Färsenplätze sowie 3 Schweineställe für 4-6 Tiere hatten hier ihren Platz. Die Stallaußenmauern wurden aus behauenen Granitpossensteinen aus dem Berthelsdorfer Granitsteinbruch Heinrich und Hutsch traditionell gemauert.

Vater hatte sich einige Steinmauern angesehen und war der Meinung „ein bisschen hübscher muss das Mauerwerk werden“! Die Steine wurden als Rohlinge mit dem Pferdegespann herangeholt.

Das behauen führte der Steinmetz Alwin Ulbricht als Rentner per Hand auf dem Hofe unter dem Flachdach des Kleewagens aus. Sein Lohn 0,50 Pfennig pro Stunde, im Jahr 1948. Er war der Urgroßvater des heutigen Inhabers der Lohendrogerie Jens Ulbricht. Das „pinkern“, also Steine behauen per Hand habe ich noch gut in Erinnerung.

1950 wurde die vordere Wohnhaushälfte, zuerst das Erdgeschoß erneuert und vollständig unterkellert. Das Obergeschoss, inklusive Dach, war mit Holzstempeln abgesteift, das gesamte Haus stand auf „Stelzen“. Als das Erdgeschoß errichtet war und die Decken eingezogen, wurde das Obergeschoß gemauert. Gebaut wurde mit Abbruchziegeln aus Dresden, Dank der unermüdlichen Arbeit der Dresdner „Trümmerfrauen“. Den Transport führte das Niederottendorfer Fuhrunternehmen Helmut Friedel aus. „Zugpferd“ war eine 55ziger Lanz Bulldog mit Schnellgang. Hinladung Sand aus der Putzkauer Kiesgrube Schreier, zurück Ziegelsteine. Die Anhänger, anfangs vollgummibereift waren keine Kipper alles musste per Hand bewegt werden.

Für uns Kinder war es immer ein großes Erlebnis, wenn der Bulldog meist spät am Abend kam und Material brachte.

Zwei mutige Erwachsene Personen mussten sich auf die Vorderachse stellen, da der kurz gebaute Bulldog sonst vorn hoch kam und nicht mehr lenkfähig war. So ging es den Berg rauf in den Hof. Die ganze Maschine vibrierte dabei!

Aus der Nachbarschaft kamen Helfer zum entladen. Dies geschah durch zuwerfen der Ziegelsteine in einer Menschenkette, bei Bedarf auch gleich bis ins Obergeschoß. Beim zuwerfen der Ziegel musst du bloß immer auf den Nächsten seine Nase zielen, wurde gerufen und tatsächlich geht’s so am besten. Auch der Sand wurde per Hand abgeschaufelt. Später durch den Durchwurf geschmissen, also gesiebt. Mörtel wurde trocken durch mehrmaliges umschaufeln gemischt und meist abends für den nächsten Tag vorgesümpft.

So kam er in den Kalkkasten erst dort wurde sehr sparsam beim „anstoßen“ Zement untergemischt. Einen Betonmischer gab es nicht. Wer jemals mit vorgesümpften Mörtel gearbeitet hat, weis ihn zu schätzen. Dagegen ist die heutige Sackware ekelhaft klebrig und schlecht zu verarbeiten. Alte Maurer grobschlächtig und auf Höchstleistung orientiert, wie Richard Schuster hätten dir das Zeug wahrscheinlich auf den Buckel geschmissen!

Meine Kindheit und Schulzeit

1943 Ende September wurde ich als 4. Kind geboren. Endlich der laut Erbhofbauerngesetz der Nazis erforderliche Junge. Ich hatte drei ältere Schwestern, Dorothea, Gisela und Lieselotte. Somit war ich der „Kleene“, Kriegsmodell von 1943.

Die Freude war riesengroß „endlich ein Junge“! Auch die Nachbarschaft und die Verwandtschaft nahmen an der Freude teil, sagte mir Thea Hänsel einmal. Anfang September 1950 wurde ich in der damaligen Grundschule Berthelsdorf, heute Kindertagesstätte der „Hohwaldbienen“ eingeschult. Diese Schule besuchte ich bis zur Entlassung aus der 8. Klasse.

Die ersten Jahre erfolgte der Unterricht mit zwei Schuljahren in einem Klassenzimmer. Die Einen mussten eine schriftliche Tätigkeit ausführen die Anderen wurden unterrichtet.

55-jähriges Klassentreffen Juni 2013, sogar das Lehrerehepaar Fleischmann war gekommen (oben rechts)

Bereits bei meiner Entlassung 1958 war es möglich die mittlere Reife (9. und 10. Klasse) in Neustadt zu besuchen. Meine schulischen Leistungen wurden mit „gut“ honoriert. Da mein Vater auf einen Kutscher wartete, waren noch zwei Jahre Schule für mich kein Thema.

Trotz der sicherlich nicht optimalen schulischen Vorraussetzungen dieser Nachkriegsjahre wurden wir mit einem hohen Allgemeinwissen und allem notwendigen Fachwissen ausgestattet ins Leben entlassen, fest verwurzelt in einer dörflichen Gemeinschaft. Alle, möge sie das Leben auch wer weiß wie weit auf der Erde verstreut haben , kommen aller fünf Jahre sehr gern ins Heimatdorf zum „Klassentreffen“.

Für künftige Generationen beim heutigen „Schulverwirrsystem“ kaum noch denkbar.

Als meine beiden großen Enkel vor zwölf Jahren die 9. Klasse besuchten habe ich mich mal für den Unterrichtsstoff in Deutsch und Geschichte interessiert. Weltliteratur, die uns in den 1950ern gelehrt wurde, wie zum Beispiel „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“ von Gottfried Keller war völlig unbekannt! Aber es kommt noch dicker, Opa ist in die Buchhandlung getrabt um dieses Büchlein zu kaufen. Pustekuchen, diese wahrscheinlich zu aufmüpfige Weltklasseliteratur wird im ach so freiheitlichen und demokratischen Deutschland nicht verlegt!

Finnland belegt stets vordere Plätze bei jährlichen Pisastudien der EU, es ist kein Geheimnis, die Finnen haben sich vor Jahrzehnten das DDR – Schulsystem angeschaut! Warum wohl gab es in der „ach so unmenschlichen DDR“ ein Baugesetz welches forderte, dass in Schulen und Kindergärten die Fenster der Toiletten auf der Sonnenseite zu liegen hatten. Es wahr wissenschaftlich erwiesen, dass die Sonne Bakterien abtötet und man wollte für die Kinder das Beste vom Machbarem!

Bereits vom 1. Schuljahr an wurde nach Unterrichtsschluss, meist im Klassenzimmer erster Stock über der Haustür, Religionsunterricht erteilt.

Der Religionslehrer war der pensionierte Oberlehrer Oswin Hantsch aus Neustadt, er kam mit dem Bus. Der Religionsunterricht verlief Katechismusgerecht, manchmal auch verkürzt. Herr Hantsch musste öfters die Toilette aufsuchen, wie das im Alter ebenso ist. Als erstes kettete er seine Taschenuhr von der Weste und legte sie vorn auf das schräge Pult, um den Zeitverlauf des Unterrichtes und seine Busabfahrtzeit Richtung Neustadt im Auge zu haben. In unserer Schulklasse befanden sich jeweils so um die drei bis fünf „Sitzenbleiber“. Dabei waren wir nur etwa 11 Bertheldorfer Schüler der Jahrgänge 43/44.

Auch in Berthelsdorfer Häusern und Höfen wurden Kriegsvertriebene Umsiedler eingewiesen, meist Kriegswitwen mit Kindern. Diese Alleinstehenden Mütter mussten Tags den Lebensunterhalt verdienen. Oftmals arbeiteten sie im Forst. Die Kinder waren sich selbst überlassen und wurden somit schwererziehbare „Sitzenbleiber“. Diese Bengel scheuten sich nicht beim Stellvertreter des Herrgottes an der Uhr zu drehen, wenn er auf Toilette war und wir hatten mal schnell eine halbe Stunde mehr Freizeit. „Oswin“ stand nachher kopfschüttelnd an der Haltestelle und resignierte über die Unpünktlichkeit des Omnibusses. Damals hatte ich noch keine Ahnung davon, dass er eine Chronik geschrieben hatte über die alte Berthelsdorfer Handdruckspritze, dazu später mehr.

Kamen wir nach dem Unterricht nach Hause, hieß es den Abwasch machen und im Frühjahr Kartoffeln abkeimen, jeden Tag einen Dämpfer voll. Diese Arbeit machten wir nicht gern, vor allem wenn draußen die Sonne schien. Manchmal waren auch nassfaule „Abern“ dabei und die Finger stanken nach dem Hände waschen immer noch.

In so genannten Arbeitstälern, also zwischen Frühjahrsbestellung und Heuernte oder zwischen Heu- und Getreideernte wenn keine Feldarbeit anstand widmete sich Vater stets seinem jeweiligen Bauvorhaben und wir brauchten natürlich nicht aufs Feld kommen.

Dann waren wir immer so fünf bis zehn Kinder auf dem Hof. Versteckspiel oder Räuber und Schampamper, wie wir es nannten, waren dann hoch im Kurs. Pfeil und Bogen bauten wir selbst, die Pfeile aus Schilfrohr mit oben aufgesteckten Aststücken vom Holunder. Das ging leicht, man konnte das Schilf gut in das Mark des Holunders stecken, es ist so auch niemals zu Verletzungen gekommen. Katapulte aus einer Astgabel mit Gummibändern von einem alten Fahrradschlauch wurden zurechtgeschnitten und so in der Hosentasche getragen, na ja halt wie ein Cowboy seinen Colt, so kamen wir uns unbezwingbar vor.

Da fällt mir gerade noch ein „Wild West“ Romane waren in der DDR verboten. Bekam ich mal einen zum lesen, habe ich ihn im Bett unter der Zudecke mit der Taschenlampe gelesen.

Einen großen Sandhaufen gab es durch das ständige Bauen immer auf dem Hof, ein idealerer Spielplatz ist kaum denkbar. Einmal haben wir ein riesiges Schiff aus dem gesamten Sandhaufen gebaut, damit die Planken hielten reichlich Wasser reingepanscht. Vater wollte abends Sand sieben für die Bauarbeiten des nächsten Tages, das ging nicht und wir bekamen eine ordentliche Standpauke.

An einem heißen Sommertag, wir waren uns mal selbst überlassen, wir stauten den Mühlgraben an der Hofeinfahrtsbrücke und gondelten mit einer alten Zinkbadewanne. Es war ein herrlicher Nachmittag und das Donnerwetter am Abend auch nicht von schlechten Eltern. Am Vortag waren zwei Felder der Wassermauer von einem Feierabendmaurer neu ausgefugt worden und der Mörtel noch nicht fest genug, war davongeschwommen! In einen Teich baden gehen war uns wegen der Gefahr des Ertrinkens untersagt und Familienurlaub für Bauern nicht denkbar.

Bernd und Volker mit Zugpferd Prinz und Futter für die Meerschweinchen

Einmal machten unsere Eltern mit uns eine „Dampferfahrt“ auf der Elbe, es war ein wunderschönes Erlebnis an einem sonnigen Tag. Noch heute erinnere ich mich an den wohlschmeckenden Kartoffelsalat der Schiffskombüse.

Waren unsere Eltern auf dem Feld, hatten wir nach Erledigung der häuslichen Aufgaben dort zu erscheinen. Zur Frühjahrsbestellung gab es kaum Tätigkeiten für uns Kinder auf dem Feld und somit auch am meisten Zeit vom ganzen Jahr zum rum tollen in Gottes freier Natur!

Das machten wir grad so wie die Feldhasen zur Paarungszeit. Ja das ist nicht erfunden ein bis zwei Gruppen liebestoller Hasen waren immer im Gelände vorhanden, diesen stellten wir natürlich erfolglos und nicht waidgerecht nach, um abends tot müde ins Bett, auf den Haferstrohsack zu fallen.

In einer Zeit wo täglich der Briefkasten mit Werbematerial übervoll ist, ist es sicher interessant zu erfahren, dass in meinen frühen Kinderjahren nur eine Zeitung für zwei Höfe gehalten wurde. Wir Kinder schafften sie zum Nachbarn oder holten sie von dort. Von Lehmann’s Gustav bekam ich als Steppke eine Anerkennung in Form eines Bonbons oder Apfels dafür. Gustav war während des amerikanischen „Goldrausches“ in Alaska erfolgreicher Goldgräber gewesen, um 1904 den benachbarten Bauernhof zu kaufen.

Im Alter von drei oder vier Jahren fuhr meine Cousine Erika mit mir und dem Handwagen „Rüben blättern“. Ich bekam Gelegenheit einen Hasen zu fangen. Das geht ganz einfach sagte sie mir, du brauchst dem Hasen nur etwas Salz aufs Schwänzchen streuen und er bleibt sitzen. Etwas Kochsalz bekam ich in die Hand, diese fest zur Faust geballt, durfte ich stolz im Handwagen Platz nehmen. Auf dem Feld angekommen, war das Salz in meiner Hand zerlaufen, die Hand klebrig und es gab keinen Hasenbraten. Das Rüben blättern war Ausdruck des bäuerlichen Wesens der „alten Zeit“, alles was die Natur bot, wurde genutzt. Hier waren es die unteren Blätter der Futterrübe die im Laufe des Sommers sowieso vertrocknen. Sie wurden mit Strohbändern zu Bündeln geschnürt und waren eine willkommene „Nahrungsergänzung“ für Schweine und Geflügel.

In der Getreideernte Garben rüber legen, so dass Fahrgassen für die Lehrrückfahrt der pferdebespannten Flügelmaschine entstanden. Bei lagerndem Getreide wurde grundsätzlich einseitig gemäht.

Beim Puppen stellen

Die Garben wurden sowieso auf Zeilen geschafft, da die Puppen in sauber ausgerichteten Reihen gestellt wurden. Zwischen den Puppenreihen wurde der Acker geschält. Den Stoppel schälen ist eine sehr gute Methode der mechanischen Unkrautbekämpfung. Die ersten Garben mussten wir Kinder beim aufstellen halten bis sie von selbst standen. Jede Puppe erhielt eine bestimmte Anzahl Garben, abhängig von der Getreideart, symmetrisch sauber angeordnet. Die Getreidepuppen standen ja auf freiem Feld, es sollte überall Luft durch können, um ein austrocknen nach Regen zu gewährleisten.

Tatkräftige Kinderhilfe war beim Rüben vereinzeln und Kartoffel lesen gefragt. War gerade mal keine, für Kinder geeignete Tätigkeit vorhanden, hatten wir auch auf dem Feld zu erscheinen, um einfach dabei, sozusagen unter der „Fuchtel“ zu sein.

Heuernte, dammeln mit dem Rechen, die Fuhre ist voll, mit dem Rechen wird abgezogen, der Wiesebaum wird verzurrt

War in der Heuernte eine Wiese gehäufelt, durften wir das „Futter“ mit breit schütteln. Das ging natürlich nicht wenn Schule war.

Mach mal Pause - damals noch ohne Coca-Cola - inmitten einer intakten Natur

Aber waren wir zu Hause wurde sich auf der frisch gemähten Wiese so richtig ausgetollt und so mancher Purzelbaum geschossen.

Beim „großen Treiben“ wie die Getreideernte in alter Zeit genannt wurde, ging es mit den sorgsam „geladenen“ Fuhren gleich in die Scheune rein. Die Pferde wurden einzeln an der Fuhre vorbei nach draußen geführt und durften keinen Augenblick unbeaufsichtigt bleiben, denn nur das Fahrbereich in der Scheune war doppelt gedielt. Beim Verlassen dieses Bereiches bestand die Gefahr, dass die Tiere durchbrachen. Vater erzählte, dass es einmal vorgekommen ist. Glück im Unglück, das Pferd ist mit den Hinterbeinen zuerst durchgebrochen, dann ging es vier Meter nach unten. Genau da drunter lag ein Haufen von gehackten und gebündelten Anfeuerreisig, auf diesem Haufen ist des Tier mit seinem Hinterteil zuerst gelandet und dann auf die Vorderbeine gekippt, dem Pferd war nichts passiert, es war nur „betäppert“!

Ein Teil des Getreides wurde eingepanst zum dreschen im Winter, der größere Teil gleich von der Fuhre gedroschen. Die Garben von der Fuhre auf den Dreschboden schmeißen und die fertigen Strohbunde oben wegnehmen war eine Tätigkeit für einen von uns Kindern. Ein Anderer hatte die Garben vor dem „Einlegen“ in die Dreschmaschine aufzuschneiden. Das einlegen machte meist Mutter. Ab dem 7. Schuljahr durfte ich die Dreschmaschine überwachen und war natürlich stolz auf meinen „Maschinistenposten.“

Lilo , Gisela , Bernd , Christa , Jochen und Dorothea beim Wintersport

In der Kartoffelernte war unsere allerliebste Beschäftigung das „Sturzelfeuer“ zu entfachen. Kartoffelkrautschläger gab es noch nicht und Kartoffelkraut fiel reichlich an. Die „Krautfäule“ hatte noch nicht Hochkonjunktur! Der Acker musste beräumt werden, das Kraut wurde mit der Egge auf Dämme geschleppt und mit der Gabel gehäufelt. Diese durften wir Kinder abfackeln, es war gegen Abend in der Herbstdämmerung eine besondere Romantik für uns.

Dabei hatten wir schnell herausgefunden, dass im Feuer geröstete Kartoffeln recht gut schmecken. Abendliche Grill – oder Lagerfeuer waren uns unbekannt.