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Vor lauter Aufregung hat Franziska Reinthaler in den letzten Nächten kaum geschlafen. So viel hängt für sie von dem Rendezvous mit Ludwig ab! Werden sich endlich ihre geheimsten Wünsche erfüllen?
Dass es ihr ausgerechnet an dem Abend nicht gut geht, ignoriert sie tapfer und schiebt das Zucken in ihrem rechten Auge und das Pfeifen im Ohr auf die Nervosität.
Jetzt sitzt sie vor Ludwig in dem vornehmen Restaurant. Hunger hat sie keinen, im Gegenteil. Ihr ist leicht übel. Doch Ludwig hat ein Menü bestellt. Eben hat der Kellner die Suppe serviert.
Tapfer senkt Franzi den Löffel in die Brühe, hebt ihn zum Mund und spürt dann, wie ein Strom heißer Flüssigkeit über ihr Gesicht tropft. Nicht nur das Auge, auch der Mundwinkel ... die ganze rechte Gesichtsseite gehorcht ihr nicht mehr.
Sie sieht das Entsetzen in Ludwigs Gesicht und spürt auch, dass alle anderen Augen im Restaurant auf sie gerichtet sind.
"Ich ...", lallt Franzi mit allerletzter Kraft. "Ich brauche einen Arzt!"
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Betet für mich!
Vorschau
Impressum
Betet für mich!
Kurz vor der Hochzeit erkrankt Franziska an einer Gesichtslähmung
Von Andreas Kufsteiner
Vor lauter Aufregung hat Franziska Reinthaler in den letzten Nächten kaum geschlafen. So viel hängt für sie von dem Rendezvous mit Ludwig ab! Werden sich endlich ihre geheimsten Wünsche erfüllen?
Dass es ihr ausgerechnet an dem Abend nicht gut geht, ignoriert sie tapfer und schiebt das Zucken in ihrem rechten Auge und das Pfeifen im Ohr auf die Nervosität.
Jetzt sitzt sie vor Ludwig in dem vornehmen Restaurant. Hunger hat sie keinen, im Gegenteil. Ihr ist leicht übel. Doch Ludwig hat ein opulentes, mehrgängiges Menü bestellt. Eben hat der Kellner die Suppe serviert.
Tapfer senkt Franzi den Löffel in die Brühe, hebt ihn zum Mund und spürt dann, wie ein Strom heißer Flüssigkeit über ihr Gesicht tropft. Nicht nur das Auge, auch der Mundwinkel ... ja, die ganze rechte Gesichtsseite gehorcht ihr nicht mehr.
Sie sieht das Entsetzen in Ludwigs Gesicht und spürt auch, dass alle anderen Augen im Restaurant auf sie gerichtet sind.
»Ich ...«, lallt Franzi mit allerletzter Kraft. »Ich brauche einen Arzt!«
An einem sonnigen Junitag durchstreifte eine Gruppe lustiger junger Leute den Hörnlewald im Tiroler Zillertal. Alle trugen zünftige Lederhosen – auch die Frauen. Dazu bunte T-Shirts mit frechen Aufschriften, und an den Füßen hatten sie allesamt kompakte Wanderschuhe, denen anzusehen war, dass sie schon länger einen guten Dienst verrichteten und dafür im Gegenzug stets fein gepflegt und großzügig mit Lederfett eingeschmiert wurden.
Es waren drei Männer und zwei Frauen, alle im Alter zwischen neunzehn und fünfundzwanzig Jahren. Der Älteste, Thomas Seidlhofer, legte der Jüngsten, seiner Schwester Resa, die Hand auf die Schulter.
»Pass auf, Resa, da vorn geht's steil bergauf. Du musst mit deinen Energiereserven haushalten!«
»Pfff«, machte das junge Mädel mit den schwarzen Locken. »Ich hab genug Kraft, Bruderherz, mach dir um mich bloß keine Sorgen!« Zur Bekräftigung ihrer Worte hüpfte sie bis zur nächsten Kurve im Wechselschritt und beendete die Vorstellung mit einer fröhlichen Pirouette.
Die anderen lachten.
Die zweite junge Frau der Gruppe, Franziska Reinthaler, eine ausnehmend hübsche Person mit goldblonden, leicht gelockten Haaren und blitzblauen Augen, meinte: »Schon gut, Resa, ich seh' schon: Du wirst uns beim Volkstanzabend wieder mal ausstechen. Das macht mir aber gar nichts aus.«
Thomas Seidlhofer öffnete schon den Mund, um zu widersprechen. In seinen Augen war Franziska die beste Tänzerin von allen. Aber vielleicht war er ja auch nicht objektiv, denn Franzi war nun mal seit Kindertagen seine beste Freundin. Also schwieg er einfach.
Die beiden anderen Burschen, der schlaksige Hannes Zimmer und sein ebenso langer und ebenso dünner Bruder Robert, waren schon vorangestiegen. Für die beiden zählte der Gipfelsieg mehr als das gesellige Beisammensein. Darum ließ sich das Brüderpaar weder durch Resas Tanzeinlagen noch durch Franzis Schönheit von seinem Vorhaben abbringen, das Frauenhorn in Rekordzeit zu bezwingen.
Franzi, Thomas und Resa alberten hingegen lustig herum.
Plötzlich wurde Thomas ernst. Er deutete nach links, auf den gegenüberliegenden Berg, wo zwischen den Baumwipfeln eine grüne Fläche hervorblitzte.
»Dort oben ist ab nächster Woche mein Zuhause«, sagte er. »Dann beginnt nämlich meine Arbeit als Senner.«
Franziskas Miene trübte sich bei dem Gedanken, ihren Freund ganze drei Monate lang nicht mehr ständig um sich zu haben.
»Ich werd' dich oft besuchen«, versprach sie.
»Das will ich hoffen!« Thomas' dunkle Augen ruhten eine Spur zu lange auf ihrem hübschen Gesicht, so, als wolle er sich alles an ihr genau einprägen.
»Freust du dich denn gar net auf das Abenteuer?«, fragte Franziska und kickte einen Tannenzapfen vor sich her.
»Oh doch. Freilich freu' ich mich drauf. Net nur, dass mich der Habeler-Bauer ordentlich bezahlen wird. Es wird bestimmt ein besonderes Erlebnis sein, so viel Zeit ganz allein mit den Tieren in der freien Natur zu verbringen.«
»Nimmst du dir genügend Bücher mit, damit dir net langweilig wird?«, fragte Resa neugierig.
Thomas' Schwester arbeitete seit ihrem neunzehnten Geburtstag, also seit vier Monaten, in Mayrhofen als Rechtsanwaltssekretärin. Sie war eine Leseratte und hatte vor, sich weiterzubilden, vielleicht sogar selbst einmal Jura zu studieren.
Thomas reagierte mit einem Achselzucken.
»Das eine oder andere Buch wird sicher in meinen Rucksack wandern. Aber ich ziehe ja net zum Spaß auf die Alm. Da oben gibt's jede Menge Arbeit. Ich muss das Vieh überwachen und aufpassen, dass sich keines der Jungtiere in den Wald oder womöglich ins felsige Terrain verirrt. Ich muss täglich prüfen, ob die Tiere gesund sind, und kleinere Verletzungen möglichst selbst behandeln. Ich muss die Kühe melken und die Milch zu Butter, Joghurt und Käse verarbeiten. Und falls sich Wanderer auf der Alm zeigen, dann werden sie bei mir auch eine deftige Jause kriegen, das steht fest.« Dabei warf er einen hoffnungsvollen Blick auf Franziska.
»Ich komm' sicher oft vorbei«, sagte diese auch sogleich. »Und dann bringe ich dir einen Kuchen mit, mit viel Schokolade und Nüssen, wie du es magst!«
Resa beobachtete den Blickwechsel zwischen ihrem Bruder und Franziska. In gespieltem Entsetzen schüttelte sie sich. »Oje, so eine Kalorienbombe! Wer will denn sowas?«
»Umso besser, wenn du nichts davon magst«, sagte Thomas. »Dann bleibt mehr für mich.«
Lachend gingen die drei weiter bergan und folgten dabei der Spur ihrer sportlichen Freunde. Als Resa fröhlich voraushüpfte, nahm Franziska ihren Freund beiseite.
»Du meinst also, dass der Haberler-Bauer dich gut bezahlen wird? Wird es denn reichen, um euren Hof zu erhalten?«
Thomas schüttelte traurig den Kopf. »Nein, das kann sich gar nimmer ausgehen. Das Geld, das ich als Senner verdiene, ist letztendlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht wär' es sogar klüger, gleich alles hinzuschmeißen und in der Stadt neu anzufangen. Resa arbeitet ja schon in Mayrhofen, und für sie ist es sowieso mühsam, jeden Morgen von St. Christoph ins Tal und abends wieder zurückzufahren. Aber die Mutter hängt halt gar so sehr an unserem Haus und will es net wahrhaben, dass unsere Zeit in St. Christoph vorbei ist. Ich möchte ihr noch diesen Sommer schenken, bevor sich unser aller Leben ändern wird.«
Er schwieg, und ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.
»Vielleicht kommt euer Vater ja wieder zurück«, meinte Franziska leise. Aber es war ihr anzuhören, dass sie selbst nicht an diese Möglichkeit glaubte.
Der Vater von Thomas und Resa Seidlhofer war vor zwei Monaten von daheim fortgegangen und hatte sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Den letzten Monatslohn, den er als Gelegenheitsarbeiter verdient hatte, hatte er mitgenommen – und wahrscheinlich längst für Schnaps ausgegeben.
Thomas seufzte. »Nein, der Vater ist fort – und es ist besser so für uns alle. Er hat doch nur unser ganzes Geld ins Wirtshaus getragen. Und wenn er rauschig war, wurde es für uns alle – vor allem für die Mutter – sehr ungemütlich. Ich weine ihm keine Träne nach. Jetzt bin ich halt der Mann im Haus.«
»Tut es dir sehr leid, dass du dein Studium aufgegeben hast?«
»Ach. Freilich bedauere ich es, denn die Agrarwissenschaft ist schon ein sehr interessantes Fach. Ich hab halt immer gehofft, einmal einen eigenen Hof zu führen. Ich wollte ein guter Bauer werden. Ich wollte Milchvieh haben und Schweine, Ziegen und Schafe. Einen Hühnerstall voll gackernder Hennen, die ihre Nester im Heu verstecken. Katzen, die durch die Wiese streifen. Und einen Hofhund als treuen Begleiter. Ich wollte einen umweltbewussten Bio-Betrieb führen und gesunde Lebensmittel produzieren ...«
Der großgewachsene Mann mit dem dunklen Haar verlor sich kurz in seinen Träumen und schaute dabei sehnsüchtig in die Ferne. Dann senkte er abrupt den Kopf.
»Aber was soll's! Die Mutter und Resa brauchen mich jetzt daheim. Als Senner kann ich ja auch mit Tieren arbeiten, und später werde ich mich vielleicht auf einem Hof als Knecht verdingen. Wenn ich tüchtig bin, kann ich mich immer noch hinaufarbeiten. Das Studieren hat halt für mich net sein sollen.«
Voller Mitgefühl legte ihm Franziska die Hand auf die Schulter.
»Ich versteh' gut, was du meinst«, sagte sie leise.
Thomas drehte sich zu ihr und schaute ihr tief in die Augen.
»Natürlich tust du das«, erwiderte er.
Und so war es auch. Es gab gleich zwei Gründe, warum Franziska ihn so gut verstand. Einer davon war, dass sie ihn nun einmal so gut kannte wie kein anderer Mensch. Der andere Grund aber war, dass es ihr genauso ging wie ihm. Auch sie hatte ihre Ausbildung unterbrechen müssen, weil das Geld nicht reichte. In Franziskas Fall war es nicht die Schuld des Vaters, sondern es war der Onkel, der Bruder ihrer Mutter, welcher mit seiner Spielsucht die ganze Familie in den Ruin gerissen hatte.
Franziska erinnerte sich noch, wie der Onkel eines Abends vor der Tür gestanden hatte. Es war nun ungefähr zwei Jahre her.
»Ihr müsst mir helfen!«, hatte er gefleht.
Dann hatte er erzählt, dass er beim Spiel im Casino den eigenen Hof, das Familienauto, den Schmuck seiner Frau und das Erbe seiner Kinder verloren hatte. Seine Familie war mit einem Schlag obdachlos geworden.
Franziskas Eltern hatten sich zurückgezogen und eine Nacht lang diskutiert. Am Morgen hatte der Vater dem Schwager wortlos ein Sparbuch in die Hand gedrückt.
»Damit deine Frau und deine Kinder ein Dach über dem Kopf haben«, hatte er gesagt.
Später hatte sich herausgestellt, dass die Schulden des Onkels noch viel weiter gereicht und dass dem Mann sogar das Gefängnis gedroht hatte. Also hatten Franziskas Eltern ein weiteres Mal in die Tasche gegriffen. Sie hatten den eigenen Hof beliehen – und ihn wenig später an die Gläubiger des Onkels verloren.
Nun arbeitete Otto Reinthaler in der nahen Skifabrik am Förderband, Anna Reinthaler als Verkäuferin in einem Supermarkt in Mayrhofen, und Franziska hatte ihre Ausbildung zur Grundschullehrerin unterbrochen, um sich als Kellnerin in einem Café das nötige Geld zum Weiterstudieren zu verdienen.
Oh ja, Franziska Reinthaler verstand nur allzu gut, welche Sorgen Thomas plagten.
Von weiter oben waren nun die Stimmen der Zimmer-Brüder zu hören: »Wo bleibt ihr denn, sapperlot? Ihr habt ja ein Tempo wie ein Rudel Weinbergschnecken!«
Freilich hatten die Zimmers ihren persönlichen Rekord gebrochen und waren nach ihrem Gipfelsieg schon wieder bergab getrabt. Auf einer gemütlichen Lichtung hatten sie sich ins Moos geworfen und kauten nun an Grashalmen.
Resa, welche die beiden Brüder mit lockerem Schritt erreichte, machte nach kurzem Plaudern wieder kehrt und hüpfte den Pfad wieder bergab wie eine junge Gämse.
»Wisst ihr schon das Neueste?«, rief sie Thomas und Franziska atemlos entgegen. Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung. »Der Robert hat's mir grad erzählt: Der Warthinger-Ludwig ist wieder da!«
Thomas warf einen raschen Blick zu Franziska, aber diese wandte schnell den Kopf ab. Er sah aber auch so, dass sich die Wangen seiner Freundin jäh gerötet hatten. Kein Wunder. Sie war mal sehr verliebt gewesen in den Warthinger-Ludwig!
Bisher hatte Thomas allerdings angenommen, dass es sich dabei um eine Jung-Mädchen-Verliebtheit gehandelt hatte. Offensichtlich war diese Schwärmerei aber noch nicht vorüber.
»Ist der Ludwig also endlich wieder daheim am elterlichen Hof!«, sagte er mit missbilligendem Unterton. »Das wurde auch Zeit.«
»Na ja«, meinte Resa, welcher der fesche Ludwig offenbar ebenfalls den Kopf verdreht hatte. »Zuerst hat der Ludwig studiert, dann war er über ein Jahr lang bei Verwandten in Amerika. In Amerika! Stellt euch das bloß vor! Glaubt ihr, es ist ein richtiger Cowboy aus ihm geworden? Ob er wohl ein wildes Pferd mitgebracht hat?«
»Derweil hat er nur den teuersten Geländewagen mitgebracht, den es zurzeit am Markt gibt«, wandte nun Hannes Zimmer ein, der sich in seinem Moosbett aufgesetzt hatte und sich nun gegen einen Felsen lehnte. »Und den lässt er durch Kitzbühel und Umgebung brausen, lautstark und unübersehbar. Zum elterlichen Hof hat er bislang noch net heimgefunden.«
Einträchtig schüttelten die Männer den Kopf über eine solche Unverschämtheit.
Die Mädchen sahen das allerdings ein bisschen anders.
»Ludwig wird halt wichtige Kontakte knüpfen«, verteidigte Franziska ihn trotzig. »Jeder weiß, dass der Warthinger-Bauer genügend Personal hat und den Ludwig net unbedingt am Hof braucht. Wie ich den Ludwig kenne, will er sich sein eigenes Geschäft aufbauen, und dafür muss er eben mit den wichtigen Leuten in Kitzbühel und Innsbruck reden!«
»Mit den wichtigen Leuten, so, so«, sagte Thomas und verdrehte genervt die Augen. Dann langte er in seinen Rucksack und warf seiner Freundin einen rotbackigen Apfel zu. »Von mir kriegen die wichtigen Leut' einen Apfel zur Jause!« Er lachte.
Franziska fing den Apfel gekonnt und biss hinein. Nebenher schaute sie aber erleichtert zu ihrem Freund hinüber und war offensichtlich froh, dass dieser das Thema »Ludwig Warthinger« nicht weiter vertiefte.
***
»Hattest du einen schönen Tag, Madel?«, erkundigte sich Anna Reinthaler, während sie das Gemüse für die abendliche Suppe schnippelte.
»Ja, es war herrlich wieder mal mit den Freunden beisammen zu sein«, berichtete Franziska. Sie trug jetzt einen gemütlichen Hausanzug, und ihre Wanderstiefel standen gebürstet und frisch eingefettet im Vorraum. »Wir waren auf dem Frauenhorn und hatten viel zu erzählen. Ich muss zugeben, dass ich das zuletzt schon sehr vermisst habe«, rutschte es ihr heraus.
Ein betretenes Schweigen folgte. Schnell legte Franziska ihre Arme um den Hals der Mutter.
»Ich wollte dich net kränken, Mutterl«, sagte sie leise. »Ich weiß doch, dass ihr beide, Vater und du, euer Bestes gebt, um mir ein schönes Leben zu machen.«
Anna Reinthaler schniefte.
»Es ist aber net genug, Kind«, sagte sie dann. »Wir würden dir gern mehr bieten. Du hättest dir wahrlich eine unbeschwerte Jugend verdient. Ich werde es meinem Bruder nie verzeihen, dass er mit seiner Spielsucht auch dein Leben zerstört hat!«
