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Ella aus St. Christoph war achtzehn und stand kurz vor der Matura, als sie wegen ihres Aussehens von einem Fremden angesprochen und zum Model gemacht wurde. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, Ellas schönes Gesicht sieht man regelmäßig in den Zeitungen, doch daheim in den Bergen war sie nicht mehr.
In St. Christoph spricht man kaum noch über sie - bis es eines Tages heißt: "Ella hatte in Spanien einen schweren Unfall. Sie wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, aber am nächsten Morgen war sie fort. Einfach verschwunden!"
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Doch ihr altes Leben holt sie ein
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Impressum
Doch ihr altes Lebenholt sie ein
In St. Christoph wollte Ella nach ihrem Unfall neu anfangen
Von Andreas Kufsteiner
Ella aus St. Christoph war achtzehn und stand kurz vor der Matura, als sie wegen ihres Aussehens von einem Fremden angesprochen und zum Model gemacht wurde. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, Ellas schönes Gesicht sieht man regelmäßig in den Zeitungen, doch daheim in den Bergen war sie nicht mehr.
In St. Christoph spricht man kaum noch über sie – bis es eines Tages heißt: »Ella hatte in Spanien einen schweren Unfall. Sie wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, aber am nächsten Morgen war sie fort. Einfach verschwunden!«
Eine warmer Frühlingswind spielte mit den Wipfeln der Tannen, die den Kuckuckssee umgaben. Vereinzelt war der schöne Nadelwald von Strauchwerk durchzogen, das an diesem Maitag pastellfarbene Blüten trug.
Die Bäume spiegelten sich im Wasser des Bergsees, der so klar war, dass man nicht unterscheiden konnte, was nun echt und was das Spiegelbild war. Aber sobald sich das Lüftchen aufs Neue erhob, kräuselten sich die Wellen, und das Grün der gespiegelten Bäume zerfloss wie in einem abstrakten Gemälde.
Das Pärchen, das Hand in Hand den Pfad am See entlang wanderte, hatte allerdings keinen Blick für die Schönheit dieser Naturlandschaft. Es genügte einander.
Noch am Vormittag hatten die beiden nebeneinander in der Schulbank gesessen, hatten einander beim Vokabeltest über die Schultern gelinst und sich die richtige Lösung der Mathematikaufgabe zugeflüstert. Gute Freunde waren sie immer gewesen, die siebzehnjährige Ella Rothen und der knapp achtzehnjährige Marius Mooslechner. Aber seit diesem Nachmittag war alles anders.
»Magst du mit mir zum Kuckuckssee wandern?«, hatte Marius nach dem Unterricht gefragt und dafür seinen ganzen Mut gebraucht. Wie erleichtert war er gewesen, als Ella vergnügt »Ja, freilich!« geantwortet hatte.
Eben hatte Marius seinem Madel anvertraut, dass er mehr für sie empfand als Freundschaft, und Ella hatte daraufhin lächelnd ihre Hand in die seine geschoben.
Marius spürte sein Herz bis in den Hals hinauf schlagen, und er fragte sich, ob er sie wohl küssen durfte. Und wann.
Er blieb stehen und zog Ella neben sich auf einen kleinen Felsen.
»Du, Ella«, sagte er mit heiserer Stimme, »hast du eigentlich schon Pläne, wie es nach der Matura weitergeht?«
Ella wurde ernst. »Mein Traum wäre es, Tierärztin zu werden. Doch ob ich mit meinem Notendurchschnitt einen Studienplatz bekomme, ist leider fraglich.« Sie seufzte.
Marius beschwichtigte: »Mach dir keine Sorgen. Jetzt bringen wir erst einmal die Matura hinter uns, dann lernen wir für die Aufnahmeprüfung. Ich möchte nämlich zufällig auch Veterinärmedizin studieren. Und im Herbst ziehen wir zusammen nach Innsbruck.« Er stockte kurz, dann wagte er einen Vorstoß: »Hast du dir schon mal überlegt, wie viel Geld wir sparen können, wenn wir uns eine gemeinsame Studentenwohnung nehmen?«
Ella nickte. »Ja, das klingt sinnvoll. Warten wir's ab. Ehrlich gesagt, nach der letzten Mathematikklausur bin ich nicht einmal mehr sicher, ob ich überhaupt die Matura auf Anhieb schaffen werde.« Sie pustete sich eine helle Haarsträhne aus dem Gesicht. »Für dich ist das alles viel einfacher, Marius«, setzte sie nach. »Du bist viel klüger ...«
»Blödsinn!«, fiel er ihr ins Wort.
Ella schüttelte den Kopf. »So lass mich doch ausreden. Freilich bist du der Gescheitere von uns beiden. Aber auch der Fleißigere. Dazu kommt, dass du von deinen Eltern unterstützt wirst, während ich daheim keine ruhige Minute mehr habe, seit dieser Quälgeist in mein Leben getreten ist!«
Marius lachte. »Der Quälgeist ist deine Schwester!«
»Ich frage mich«, fuhr Ella wütend fort, »was sich meine Eltern dabei gedacht haben. Jetzt haben sie zwei Töchter im Abstand von vierzehn Jahren. Es kann doch keinen Spaß machen, den ganzen Stress von vorne durchzumachen.«
»Also, ich finde Vally entzückend!«
»Ja, du. Wahrscheinlich bist du nicht nur gescheiter als ich, sondern auch ein besserer Mensch«, gab Ella missmutig zurück.
Marius bemerkte zu spät, dass er das Falsche gesagt hatte.
»Na ja, von außen gesehen ist sie süß«, sagte er schnell. »Aber ich bin froh, dass sie nicht meine Schwester ist. Ich bin gern ein Einzelkind.«
»Eben«, sagte Ella, wandte sich ihm zu – und da geschah es, ganz ohne Vorbereitung: Marius schlang seinen Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Ella ließ es geschehen.
Später, als sie Hand in Hand weitergingen, konnte Marius nicht anders: Er musste einfach grinsen.
»Unsere Zukunft wird wunderschön, Ella«, sagte er etwas später, als sie ihre See-Umrundung beinahe abgeschlossen hatten.
Vor ihnen lag der Waldweg, der zurück nach St. Christoph führte. In diesem kleinen Bergdorf im Tiroler Zillertal waren sie aufgewachsen, von hier nahmen sie jeden Tag den Bus hinunter ins Tal, um in Mayrhofen das Gymnasium zu besuchen.
Vor ihnen lagen nur noch zwei Monate, dann würden sie die Schule abgeschlossen haben und mit dem Maturazeugnis in der Tasche in die Landeshauptstadt Innsbruck ziehen.
Marius hatte es sich schon so oft ausgemalt, nun sprach er es aus: »Wir werden uns ein billige Wohnung suchen. Sobald wir auf der Universität für Veterinärmedizin angenommen wurden – und das wird uns beiden gelingen, glaub es mir, Ella! – werden wir uns bei den Tierärzten der Umgebung umschauen und uns Jobs suchen. Tierärzte brauchen immer Assistenten, sei es nun zum Festhalten von widerspenstigen Katzen oder zum Beruhigen verängstigter Hunde ... Wenn wir nebenbei arbeiten, fallen wir den Eltern nicht so sehr zur Last und lernen schon wichtige Fertigkeiten für unseren Beruf.«
Ella löste ihre Hand aus seiner. Sie wollte etwas einwenden, aber Marius fuhr einfach fort: »Und dann, Ella, machen wir unsere eigene Ordination auf: Tierarztpraxis Rohten & Mooslechner. Du kümmerst dich um die Kleintiere, ich übernehme das Großvieh auf den Bauernhöfen. Miteinander werden wir die Welt niederreißen, Ella!« Seine Augen strahlten.
Ella betrachtete ihn nachdenklich. Wenn er so mitreißend sprach, wollte sie selbst daran glauben. Tierärztin zu werden, war schon seit der Grundschule ihr größter Wunsch. Und sie konnte ja wirklich gut mit Tieren umgehen. Dennoch war sie nicht bereit, weiter zu denken als bis zur Matura in zwei Monaten.
Marius' Zuversicht war einerseits ansteckend, andererseits machte sie Ella Angst. Sie stellte sich ihr Studentenleben nämlich ein bisschen anders vor als Marius. Vor allem wollte sie endlich frei sein.
Daheim mahnten und schimpften die Eltern ohne Unterlass, darum sehnte sich Ella danach, einfach eine Zeit lang zu tun und zu lassen, was ihr gerade in den Sinn kam.
Marius' Plan war wirklich toll – aber die Vorstellung an eine gemeinsame Wohnung fühlte sich für Ella an wie eine neuerliche Fessel. Doch es war auch schön, den Freund so glücklich zu sehen, und seine Begeisterung war wirklich ansteckend. Diese Freude wollte sie ihm nicht verderben. Wie es im Herbst dann wirklich weiterging, würde sich schon noch zeigen ...
Ella schenkte ihm ein Lächeln. Dann drückte sie schnell ihm ein Busserl auf die Wange. Insgeheim verspürte sie nämlich das Bedürfnis, sich dafür zu entschuldigen, dass sie nicht so ganz von seinen Zukunftsplänen überzeugt war.
»Weißt du was, Marius?«, meinte sie dann. »Lassen wir die Zukunft doch noch aus dem Spiel. Es passiert sowieso alles, wie es geschehen will. Und es ist noch so weit bis dahin! Freuen wir uns heute einfach über den schönen Tag. Und später auch über einen lustigen Abend. Du hast hoffentlich net vergessen, dass wir uns mit Geli, Patrick, und den anderen in der Disco verabredet haben?«
Marius zog eine gequälte Grimasse. »Willst du wirklich abends noch ins Tal runterfahren? Du weißt doch, das wir dann nachts wieder ewig auf den Bus warten müssen, und da wird es dann auch schon wieder recht kühl sein ...«
»Na und? Dann leihst du mir eben deinen warmen Pullover!« Ella lachte neckisch. »Hör mal, ich hab meine Eltern wochenlang bekniet und endlich ihre Zustimmung erhalten. Da bleib' ich heute sicher net daheim! Noch dazu, wo ein berühmter DJ auflegen soll.«
Marius gab einen undefinierbaren Laut von sich. Es war nicht zu überhören, dass er wenig Lust verspürte, seine Freundin wieder mit den Klassenkameraden zu teilen. Wenn es nach ihm ging, würden sie noch eine Runde um den Kuckuckssee wandern und noch eine und noch eine ...
Aber er wusste, dass Ella, deren Eltern strenger waren als seine, schon seit Wochen dem Discobesuch in der Altstadt von Mayrhofen entgegenfieberte. Da blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich mit ihr zu freuen. Denn notfalls würde sie auch ohne ihn gehen, das war ihm klar. Das wollte er lieber nicht herausfordern.
»Also gut«, sagte Marius deshalb rasch. »Dann lass uns jetzt nach heimgehen.«
»Nein, rennen müssen wir!« Ella stupste ihn kameradschaftlich in die Seite. »Ich muss mich ja noch umziehen und schminken. Das dauert eine Ewigkeit, sag ich dir!«
Marius schüttelte den Kopf. »Das ist doch unnötig, du bist sowieso die Schönste«, erwiderte er leise.
Aber Ella lachte nur auf, und sie lief auch schon voraus. Es blieb Marius nichts anderes übrig, als hinter der Freundin her zu trotten.
***
Grelle Lichtreflexe zuckten über die Tanzfläche, und Marius musste beim Betreten des verspiegelten Kellergewölbes kurz die Augen schließen. Dazu kam die Musik, deren Lautstärke in den Ohren sauste. Die Bässe dröhnten bis in die Magengrube ... aber nach einem Moment des Erschreckens musste er zugeben, dass es ihm gefiel. Solange er nicht jeden Abend hier verbringen musste, war dieser Ausflug ein durchwegs spannendes Abenteuer.
Er verstand, warum sein Freund Patrick jeden Samstag hier anzutreffen war. Es war ein Ort, an dem man sich vom Alltag richtig gut ausklinken konnte. Für Patrick, dessen schulische Leistungen zu wünschen ließen, der nebenbei am elterlichen Bauernhof fest anpacken musste, war das hier das Paradies.
»Na, was sagst du, Marius? Ist das nicht besser als Mathematikformeln zu büffeln?«, lachte Patrick, der sich sofort ins Getümmel auf der Tanzfläche gestürzt hatte und nun wild an Marius vorbei hüpfte.
»Hoffentlich pustet die Musik unser Gehirn nicht ganz leer«, konterte Marius, »denn am Montag müssen die Vokabeln und Mathematikformeln wieder an Ort und Stelle sein!«
Er schaute sich nach Ella um, die im Bus noch verstohlen seine Hand gehalten hatte. Nun hatte sie sich von ihm gelöst und drängte sich an der Seite ihrer besten Freundin Geli durch die Menge.
Marius hielt noch einen Augenblick inne, um ihr nachzuschauen. Wie hübsch sie wieder aussah! Sie hatte sich nicht so aufgeputzt wie Geli, die ihre dunklen Haare an beiden Seiten des Gesichts zu hohen Zöpfen gebunden und ihr Gesicht mit feinem Glitzerstaub bedeckt hatte. Ella schminkte sich selten und wenn, dann nur dezent. Heute hatte sie rosafarbenen Lippenstift aufgelegt, und Marius fragte sich, wie diese Farbe wohl schmeckte ... er hoffte, dass er dies heute Abend noch herausfinde würde.
***
Ella hatte sich bei Geli untergehakt. Sie spürte die Blicke der anwesenden Männer, aber daran war sie gewöhnt. Dass sie besonders hübsch war, hatte man ihr schon gesagt, als sie noch ein kleines Madel gewesen war.
Es tat gut, das zu wissen, aber so wichtig war es auch wieder nicht. Als Tierärztin würde sie ihre Haare meist zurückgebunden tragen und ihre Fingernägel kurz gefeilt – und Tiere hatten sowieso keinen Blick für äußere Schönheit.
Heute fand Ella die Bewunderung aber angenehm, die Blicke legten sich wie ein weicher Umhang über ihre Schultern. Auf jeden Fall tat die Ablenkung gut.
Ach, Ella konnte es gar nicht erwarten, endlich die Schule hinter sich zu wissen. Wenn alles gut ging, würde das »Martyrium« nur noch zwei Monate dauern!
Sie freute sich auf einen Sommer voller Freiheit – auch wenn sie jetzt schon wusste, dass ihre Eltern sie sofort wieder zum Babysitten verdonnern würden, sobald sie nur einen Augenblick unbeschäftigt war. Sie fand dies äußerst ungerecht, denn sie hatte es sich schließlich nicht ausgesucht, im Teenageralter noch eine Baby-Schwester vor die Nase gesetzt zu bekommen.
Für Eltern war es natürlich ausgesprochen praktisch, ein Kindermädchen bei der Hand zu haben, das sie nicht einmal bezahlen mussten. Gut, der Sommer würde nicht ganz so frei sein, wie sich Ella das wünschte, aber dann ...! Innsbruck, das Studium, eine eigene Wohnung!
Wieder musste Ella an Marius' Vorschlag denken, dass sie zusammenziehen sollten, wo sie doch sowieso beide vorhatten, Tiermedizin zu studieren. Es hatte sich vernünftig angehört ... und auch Marius' Kuss hatte sich gut angefühlt. Sie hatte keine Sekunde daran gedacht, ihn zurückzuweisen.
Dennoch behagte ihr die Vorstellung nicht, so früh im Leben eine ernste Beziehung einzugehen. Sie hatte Marius wirklich gern – womöglich war sie sogar verliebt! – aber im Herbst wollte sie vor allem einmal ihre Freiheit genießen. Fern von den Eltern, die über sie verfügten, fern von den Lehrern, die sie quälten, und fern von einer kleinen Schwester, die ihr auf die Nerven ging. Erst gestern hatte Vally mit Fingerfarben auf ihr Lieblings-T-Shirt gepatscht – und das Teil war nun reif für den Müll.
»Sie kann ja nichts dafür«, hatte Mama bloß gesagt. »Außerdem hast du noch genug andere T-Shirts ...«
Ella fauchte, als sie daran dachte. Aber dann hellte sich ihr Gesicht wieder auf. Heute Abend war sie frei! Und genauso würde es später sein, wenn sie endlich ihr Heimatdorf verlassen und in der Welt Fuß gefasst hatte. Marius würde es schon verstehen, dass sie einfach mehr Zeit brauchte, um erwachsen zu werden.
Und jetzt war er neben ihr und fasste nach ihrer Hand. Es war richtig, das spürte Ella ganz genau. Im Überschwang drehte sie sich zu ihm, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.
»Ich hab dich gern, Ella«, flüsterte er in ihr Ohr.
Sie erhaschte seinen erstaunten, glücklichen Blick und kam sich vor wie eine Verräterin. Hoffentlich interpretierte er nicht allzu viel in diesen Kuss hinein ...
***
Marius dachte, dass dies wohl der schönste Abend seines bisherigen Lebens war. Da tippte ihm jemand auf die Schulter.
»Entschuldige«, sagte eine Männerstimme. »Aber ich würde gern etwas mit dir besprechen.«
»Mit mir?«, fragte Marius verdattert und betrachtete den Fremden.
