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Etwas abseits von St. Christoph liegt der Gruberhof - idyllisch und doch von alten Spannungen durchzogen. Seit dem Tod seines Vaters führt Markus Gruber den Hof mit harter Hand. Gemeinsam mit seiner Stiefmutter Inga und seinem jüngeren Halbbruder Felix lebt er dort - eine Familie, die schon lange mehr trennt als verbindet. Als Markus seine junge Braut Viola auf den Hof holt, scheint neues Glück einzukehren. Doch kurz darauf ereignet sich ein schwerer Unfall: Felix stürzt vom Heuboden und verletzt sich schwer. Während Markus den Vorfall als Unglück darstellt, spürt Viola, dass mehr dahintersteckt ...
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Unter dunklem Joch
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Violas Traum vom Landleben wird zum Albtraum
Von Andreas Kufsteiner
Hinter der Postkartenidylle von St. Christoph, wo die Kirchturmspitze in der Sonne glänzt und saftige Wiesen sich an die Hänge schmiegen, liegt ein Hof, über den seit Jahren ein Schatten fällt: der Gruberhof. Hier herrscht Markus, ein tatkräftiger, aber jähzorniger Bauer, der daran gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Als seine junge Braut Viola aus Niederösterreich zu ihm zieht, glaubt sie, im abgelegenen Seitental ihr persönliches Paradies gefunden zu haben. Doch schon in den ersten Tagen spürt sie, wie brüchig der Frieden am Hof ist.
Markus' Stiefmutter Inga weicht jedem Streit aus und schuftet bis zur Erschöpfung, während Halbbruder Felix zwar herzlich und humorvoll ist, aber den Zorn des Bauern immer wieder auf sich zieht.
Jeder falsche Blick, jedes unbedachte Wort kann die Situation zum Explodieren bringen. Aber erst als ein dramatisches Ereignis den Bergdoktor auf den Gruberhof ruft, zeigt sich, wie tief die Verletzungen wirklich reichen ...
Wann immer Urlauber den idyllischen Ort St. Christoph im Zillertal besuchten, versetzte sie zunächst der Anblick des Kirchplatzes in Entzücken. Schmucke, gepflegte Häuser im alpenländischen Stil scharten sich um die Pfarrkirche mit dem goldenen Wetterhahn an ihrer Turmspitze. Blickten sich die Gäste dann weiter um, bemerkten sie auf den umliegenden Berghängen noch mehr solcher Häuser und Gehöfte.
Doch es gab andere, von denen Ortsfremde gar nichts ahnten. Etwa den Gruberhof zwischen St. Christoph und Hochbrunn. Obwohl er in Luftlinie nur wenige Kilometer vom Kirchplatz entfernt war, lag er so versteckt, dass er über sein eigenes kleines Seitental verfügte. Dieser Einschnitt zwischen zwei Hängen hieß im Volksmund seit jeher »die Grube«. In ihr floss ein Bach, und die satten, grünen Hänge darüber beherbergten Wiesen und Weiden. Felder gab es keine, dafür einen umfangreichen Waldbesitz. Das Wohngebäude und der Stall thronten auf dem Südhang, knapp unterhalb des Waldrands.
Nur ein geschotterter Fahrweg verlief vom Hof den Südhang hinab, schlängelte sich unten am Bachufer entlang und wand sich anschließend den Nordhang hoch, bis er irgendwann in eine Gemeindestraße von St. Christoph mündete. Bei Schnee oder Glatteis wurde er unbefahrbar, weshalb man von den Bewohnern in der Grube oft einen ganzen Winter lang wenig hörte.
Und das trotz Internet und Handy! Die Altbäuerin Inga, obwohl erst Anfang fünfzig, stand mit der modernen Technik offenbar auf Kriegsfuß. Auch ihr Sohn Felix nahm selten das Telefon zur Hand oder begab sich zu einem Treffen mit den Freunden in die Wirtschaft »Zum Ochsen«. Die in der Grube, stellte man fest, blieben eben für sich.
Der Bauer am Hof war nun Markus, Ingas Stiefsohn und Felix' Halbbruder – der Erbe des verstorbenen Gruberbauern aus dessen erster Ehe. Ein strammer, fescher Gebirgler von hohem Wuchs mit selbstsicherem und gewinnendem Auftreten. Warum hatte er mit Mitte dreißig noch keine Bäuerin gefunden?
Darüber wurde im Dorfladen der Jeggl-Alma gerne spekuliert. Leider konnte niemand Inga befragen, denn die Grubers kauften nicht im Ort, sondern ausschließlich in Mayrhofen ein.
»Weil der Bauer das so will«, wusste eine von Almas Kundinnen zu berichten. »Und was er will, wird gemacht. Er hat schon als Kind immer seinen Kopf durchsetzen müssen. Wisst ihr noch?«
Ein paar der Älteren nickten. Eine kräuselte missbilligend die Stirn und merkte an: »Wer sich zu gut dafür ist, in unserem Dorfladen einzukaufen, für den sind sich unsere Madeln eben auch zu gut. Etwas anderes kann man nicht erwarten.«
Ihre Nachbarin wiegte zweifelnd den Kopf.
»Ich glaube, ein paar unserer Madeln wären schon gern Gruberbäuerin. Aber der Markus stellt an seine Braut hohe Ansprüche, was man so hört. Fesch muss sie sein. Blitzgescheit, dabei nicht aufsässig ...«
»Und kochen sollte sie am besten wie die Bachhuber-Zenzi, gell?«, fiel ihr eine andere ins Wort. Sie erntete für die Bemerkung manch ein Lächeln. Von solch einem wunderbaren Madel träumte weiß Gott nicht nur der Gruberbauer Markus!
»Würde so eine den Bauern denn überhaupt heiraten?«, sann eine Kundin laut nach. »Er ist zwar ein fescher Bursche. Aber mei! Ganz abgelegen in der Grube zu wohnen! Wenn's da einmal Ehestreit gibt oder etwas mit der Schwiegermama nicht passt, kann man sich als Madel schnell verloren fühlen.«
»Und der Markus ist auch kein einfacher Mensch«, nahm eine andere den Faden auf. Sie blickte in die Runde. »Erinnert ihr euch daran, wie er als neunjähriger Bengel getobt hat, als sein Papa mit der Inga dahergekommen ist? ›Die gehört net zu uns! Die ist net meine Mama!‹, hat's von ihm immer geheißen. Angeblich hat er sie daheim wie Luft behandelt und sich nichts von ihr sagen lassen. Und als ein Jahr nach der Hochzeit der Felix geboren wurde, hat er jedem erzählt: ›Das ist net mein Bruder. Das ist nur ein fremdes Kind. Mit dem hab ich nix zu schaffen.‹«
»Jetzt hör mit den alten Geschichten auf«, wies eine andere Bäuerin die Sprecherin zurecht. »Das alles ist fünfundzwanzig Jahre her! Der Markus war ein kleiner Bub, dessen Mama gestorben war. Sein Benehmen damals kannst du ihm doch nicht bis an sein Lebensende vorhalten. Ich bin mir sicher, dass er und der Felix sich in der Zwischenzeit arrangiert haben. Warum sonst wär' der Felix noch am Hof und würd' für den Markus den Großknecht spielen?«
»War nicht jedes unserer Manderl irgendwann ein kleiner Bengel?«, kam ihr eine weitere Kundin zu Hilfe. »Ich trau' mich zu behaupten: Net einmal der Dr. Burger hat sich immer wie ein Heiliger benommen.«
Die Augen der Umstehenden wurden groß. Ein oder zwei von ihnen zogen scharf die Luft ein. Niemand konnte sich den allseits geschätzten und geachteten Bergdoktor als zornigen Buben vorstellen, der mit dem Fuß aufstampfte und sein Geschwisterchen verleugnete.
»Außerdem hat der Gruberbauer jetzt eh ein Madel«, warf eine Bäuerin ein, die bisher geschwiegen hatte. Alle Blicke wandten sich ihr zu. »Sie kennen sich schon länger als ein Jahr! Nur kommt sie aus Niederösterreich und hat bisher bei ihren Eltern gewohnt. Sie hat ja noch studiert. So etwas wie Forstwirtschaft, glaub' ich. Drum ist sie jeden Tag von daheim nach Wien zur Uni gependelt.«
»Studiert?« Ein Raunen ging durch die Gruppe. Was wollte der fünfunddreißigjährige Gruberbauer mit einer Studentin?
»Wie heißt sie? Und was kannst du uns noch über sie erzählen?«
»Lasst mich nachdenken. Ein komischer Name war's. Wie eine Farbe. Lila? Nein ... violett, genau! Viola.«
Viola! Alle von Almas Kundinnen prägten sich den Namen ein. Denn wer so hieß und dazu auch noch dem wählerischen Gruberbauern Markus gefiel, musste ein ganz besonderes Madel sein.
Damit erklärte sich immerhin, warum der Gruberbauer bis zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag unverheiratet geblieben war: Er hatte einfach auf die Richtige gewartet.
***
Helle Aufregung herrschte auf dem Hof in der Grube: Morgen würde Markus' Braut Viola kommen und gleich hier einziehen.
Dafür musste alles perfekt sein, denn Viola kannte ihr neues Zuhause bisher nur von Fotos und aus den Erzählungen ihres Bräutigams. Der Gruberbauer war fest entschlossen, dass sich alles und jeder von seiner besten Seite zeigen würde.
»Hast du die Kammer vorbereitet?«, erkundigte er sich bei seiner Stiefmutter Inga.
»Freilich, Markus.«
»Gelüftet auch? Und den Boden gewischt?«
»Freilich.«
»Den Schrank und die Schubladen geputzt? Innen und außen?«
»Alles ist blitzsauber, Markus. Glaub mir.«
Ingas Stiefsohn wandte sich ab. Aufgewühlt tigerte er durch die Küche: hin und her, her und hin. So erregt sah man den selbstsicheren Gruberbauern selten.
Seine Stiefmutter merkte ihm an, wie sehr ihm ein guter erster Eindruck für Viola am Herzen lag. Dies nährte ihre Hoffnung, dass Markus das Madel tatsächlich aufrichtig liebte und alles für ihr gemeinsames Glück am Hof tun würde.
Ingas Gedanken wurden unterbrochen, als die Küchentür aufschwang. Felix trat ein. Er hielt inne, als er Markus erspähte, und warf seiner Mutter einen fragenden Blick zu. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln.
Nach einer kurzen Pause setzte Felix seinen Weg fort. Er hielt auf die Anrichte und den Krug zu, der dort stand.
Kaum griff er danach, fuhr Markus herum.
»Du!« Anklagend durchstach er mit dem Zeigefinger die Luft. »Ist dieser Aufzug dein Ernst? Was fällt dir ein, so herumzulaufen?«
Verdutzt blickte Felix an sich herunter.
»Die Jeans hab ich seit Jahren. Das Hemd auch. Was passt dir daran plötzlich nicht mehr?«
Markus' Miene verdüsterte sich. »Vor der Viola lässt du dich damit net blicken! Sonst reiß' ich dir die alten Fetzen vom Leib und du kannst nackt herumlaufen.«
»Von mir aus, wenn das der Viola besser gefällt«, erwiderte Felix gleichmütig. Er hob den Krug und griff zugleich mit der linken Hand nach einem Glas.
Markus stieß ihn so kräftig vor die Brust, dass der Jüngere gegen die Anrichte taumelte. Im nächsten Moment packte der Gruberbauer Felix' rechten Arm und riss ihn hoch. Inga presste erschrocken eine Hand auf ihren Mund, bevor ihr ein Laut entkommen konnte.
Unerbittlich verdrehte Markus seinem Halbbruder das Handgelenk. Felix' Miene war vor Schmerz verzerrt. Inga sah, wie er die Zähne zusammenbiss. Ihr Sohn ertrug die Qual, ohne sich zu beklagen – bis der Krug in seiner Hand kippte und sich der Apfelmost über sein Haar und Gesicht ergoss.
Erst jetzt ließ Markus los. Er lehnte sich drohend über den Jüngeren. Inga selbst maß keine ein Meter sechzig. Auch wenn Felix gottlob eher nach seinem Vater kam, reichte seine Körpergröße nicht an Markus' heran.
»Du rührst sie net an«, zischte dieser. »Du schaust am besten gar net in ihre Richtung. Du redest net mehr als das Nötigste mit ihr. Und wenn du vor ihr dein Hemd ausziehst oder Witze übers Nacktsein reißt, bring' ich dich um. Hast du das verstanden?«
Felix erwiderte seinen Blick. Nicht zum ersten Mal fragte sich Inga, woher er den Mut dafür nahm. Sie selbst war ihm in dieser Hinsicht weiß Gott kein Vorbild.
»Hast du verstanden?«, wiederholte Markus mit scharfer Stimme. Als Felix nichts sagte, packte er ihn am Kragen des alten Hemds.
Der Jüngere riss sich los. »Schon klar«, erwiderte er knapp. Markus machte einen Schritt rückwärts. Halblaut ergänzte Felix: »Du kannst dich wieder einkriegen.«
Der Ältere ballte die Hände zu Fäusten. Einen Moment lang fürchtete Inga, er würde sich auf ihren Sohn stürzen. Doch dann wandte er sich stattdessen an sie.
»Wisch den Boden, den Schrank und die Schubladen in der Kammer noch einmal«, befahl er barsch. »Was du ›blitzsauber‹ nennst, ist für ordentliche Menschen nämlich nicht besser als ein Schweinestall!« Er fuhr auf dem Absatz herum und verließ die Küche.
Seine Worte und der verächtliche Ton, in dem er sie vorgetragen hatte, schmerzten. Inga hatte ihrem Stiefsohn doch nie etwas angetan! Im Gegenteil, sie hatte ihn wie ihr eigenes Kind behandelt und aufgezogen. Hatte stets die Mutter zu ersetzen versucht, die das Schicksal allzu früh aus dem Leben gerissen hatte.
Doch egal, wie viel Liebe sie ihm schenkte, Markus erwiderte ihre Zuneigung nicht. Die von Inga gekochten Mahlzeiten nannte er »Schweinefraß«. Selbst wenn er sich dabei eine zweite und dritte Portion auf den Teller häufte.
Mit gesenktem Kopf wollte die Altbäuerin die Küche verlassen.
»Mama!« Felix hielt sie zurück. Seine Haare, seine Schultern und sein Gesicht waren nass, doch in seinen Augen loderte ein Feuer. »Nimm dir sein Gefasel net zu Herzen«, bat er Inga. »Als ob er sich mit Schweineställen auskennen würde! So einen wie ihn duldet doch keine Sau in ihrem Kobel.«
Felix' rieb sich das Handgelenk und wirkte mit einem Mal weit älter und erschöpfter, als es einem Burschen von fünfundzwanzig Jahren zukam.
Inga seufzte. Oft wünschte sie sich heimlich, ihr Sohn wäre weniger mutig und mehr wie sie: zu feige und ängstlich, um Markus laut zu widersprechen. Wenigstens bliebe ihm dann manche Handgreiflichkeit erspart.
Jetzt aber würde alles besser werden!, versprach sie sich beim Verlassen der Küche. Bevor sie hinauf in die Kammer ging, wollte sie im Garten ein paar Blumen abschneiden. Die würde sie in einer Vase auf Violas Nachttisch stellen, damit sie die junge Braut morgen mit ihren Farben und ihrem Duft begrüßten. Mit einer Bäuerin an Markus' Seite sah das Leben in der Grube gleich viel rosiger aus.
Freilich, sann sie nach, während sie mit der Schere im Garten hockte und die schönsten Ringelblumen auswählte: Viola war erst zweiundzwanzig – ein gutes Stück jünger als Markus. Der Altersunterschied bereitete Inga Sorgen. Aber stand es ausgerechnet ihr zu, darüber zu urteilen?
Dem Vernehmen nach handelte es sich bei Viola jedenfalls um ein fesches und tüchtiges Madel. Eins, das – hoffte Inga – den aufbrausenden Gruberbauern zu zähmen wüsste. Damit endlich Frieden am Hof einkehren würde und sie als Familie zusammenleben könnten: Inga, Felix, Markus und seine Braut. Nichts wünschte sich die Altbäuerin mehr als das.
***
Ein verzücktes »Oh!« entschlüpfte Viola. Der Bach, dessen Verlauf ihr Fahrweg folgte, verließ den Wald. Am anderen Ufer standen die Bäume noch dicht an dicht, während sich am hiesigen bereits der Sonnenhang erhob. Die Wiesen leuchteten in sattem Grün, und darüber erstrahlte das Wohngebäude des Gruberhofs weiß im Sonnenlicht – Violas neues Zuhause.
Markus trat auf die Bremse. Der Wagen kam mitten auf dem Schotterweg zum Stillstand, und Violas Bräutigam wandte den Kopf zu ihr.
»Wie findest du's?«, erkundigte er sich.
»Es ist noch viel schöner als auf den Fotos!«, versicherte Viola ihm.
Markus schenkte ihr ein Lächeln. Sie erwiderte es, während in ihrem Bauch tausend Schmetterlinge flatterten und tanzten. Selbst nachdem sie mit ihrer Mama tagelang gepackt hatte und Markus sie aus Niederösterreich abgeholt hatte, kam ihr alles noch wie ein Traum vor. Dass sie endlich hier war, im Zillertal, Markus' Heimat. Nicht nur als Gast, sondern als die zukünftige Bäuerin des Gruberhofs und als Markus' Braut.
Sein Lächeln erlosch.
»Die Lage ist ein bisserl abgeschieden«, warnte er sie zum wiederholten Mal. »Viele Madeln mögen das net so gern.«
»Ich schon! Du weißt, dass mir die Einsamkeit nix ausmacht«, beteuerte sie.
Markus schaute sie prüfend an, als wollte er sich vergewissern, dass sie ihre Zusicherung ernst meinte und ihm nicht bloß nach dem Mund redete. Unwillkürlich hielt das Madel den Atem an. Würde er ihr glauben?
Ein Herzschlag verging, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Endlich nickte er. Sein Lächeln kehrte zurück, und Viola stieß den Atem aus.
So war das bei Markus oft. Er ließ eine Bemerkung fallen oder stellte eine Frage, und Viola spürte, dass es darauf für ihn eine richtige und eine falsche Antwort gab. Fast immer erriet sie die richtige. Sie versetzte sich eben gut in andere Menschen hinein. Das hatten Mama und Papa immer gesagt.
Und dieser abgelegene Hof in einem Seitental des Zillertals erschien ihr wie ein kleines Paradies. Die meisten ihrer Studienfreundinnen hatten von einer Karriere in der Stadt geträumt, hatten geplant, an den Bachelor gleich noch ein Masterstudium anzuhängen – Gentechnologie oder Phytomedizin zum Beispiel. Einige wollten ins Nachhaltigkeitsmanagement eines Konzerns einsteigen, andere hofften auf eine Stelle im Ministerium oder beim Magistrat.
Viola hatte das alles nie gereizt.
»Unser kleines Veilchen träumt eben von ihrem Bauernhof«, hatten die Freundinnen sie aufgezogen. »Und von ihrem feschen Bauern, gell?«
Daraufhin war Viola stets errötet – sehr zur Belustigung der anderen. Denn ihre Studienfreundinnen hatten natürlich von Markus gewusst. Ein paar waren sogar beim ersten Treffen mit ihm dabei gewesen, den Rest hatten sie sich auf Fotos zeigen lassen. Alle hatten darüber spekuliert, was ein gestandener Gebirgler wie er an Viola fand. Sie war gewiss nicht die Feschste oder Klügste in ihrem Jahrgang!
Trotzdem hatte es zwischen ihnen sofort gefunkt, als sie einander in einer Wiener Bar begegnet waren. Reiner Zufall war das gewesen. Viola hatte mit ihren Freundinnen das Semesterende gefeiert, Markus war mit ein paar Spezln auf einem Junggesellenabschied gewesen. Die trinkfesten Zillertaler in ihren zünftigen Ledernen hatten im Lokal alle Blicke auf sich gezogen, und die Madeln hatten sich nur zu gerne von ihnen einladen lassen.
Irgendwann war es Viola zu viel geworden. Still und heimlich hatte sie ihren Abschied genommen, doch Markus hatte es bemerkt.
»Ich begleite dich heim«, hatte er sich erboten.
»Das brauchst du net zu tun!«, hatte sie abgewehrt. »Ich muss mit der S-Bahn ins Tullnerfeld, die Fahrt dauert fast eine Stunde. Am Bahnhof dort hab ich mein Radl stehen.«
»Dann begleite ich dich wenigstens zur Bahn.« Markus hatte keinen weiteren Einwand gelten lassen und war zugleich mit ihr aufgebrochen, ohne seinen Spezln ein Wort zu sagen. »Die kriegen eh nix mehr mit«, hatte er abfällig angemerkt.
