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Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes kämpft Kathrin Burgstaller darum, den Hof und ihre Kinder zusammenzuhalten. Hilfe erhält sie von ihrem ältesten Sohn Bastian, der nach St. Christoph zurückkehrt - und dort der scheuen, rothaarigen Anja begegnet. Das zurückgezogene Madel besitzt eine feine Beobachtungsgabe, die im Dorf bald als unheimliche Vorherseherei gilt. Als sich mehrere Unglücke ereignen, wird Anja zur Zielscheibe von Aberglauben und Misstrauen. Doch Bastian erkennt in ihr eine verletzte Seele, die mehr gesehen hat, als sie erträgt - und mehr Güte in sich trägt, als das Dorf ahnt. Als die kleine Lotti im Schneesturm verschwindet, ist es ausgerechnet Anja, die den Mut fasst, sie zu suchen. In der eisigen Nacht enthüllt sich ein altes Geheimnis, und St. Christoph muss sich fragen, wer hier wirklich Rettung bringt - und wer Unheil ...
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Die Unheilsprophetin
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Ihr Wort brachte Angst ins Tal
Von Andreas Kufsteiner
Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes kämpft die Burgstallerin darum, den Hof und ihre Kinder zusammenzuhalten. Hilfe erhält sie von ihrem ältesten Sohn Bastian, der nach St. Christoph zurückgekehrt ist – und dort der scheuen, rothaarigen Anja begegnet. Das zurückgezogene Madel besitzt eine feine Beobachtungsgabe, die im Dorf bald als unheimliche Vorherseherei gilt. Als sich mehrere Unglücke ereignen, wird Anja zur Zielscheibe von Aberglauben und Misstrauen.
Doch Bastian erkennt in ihr eine verletzte Seele, die mehr gesehen hat, als sie erträgt – und mehr Güte in sich trägt, als das Dorf ahnt. Als die kleine Lotti Burgstaller im Schneesturm verschwindet, ist es ausgerechnet Anja, die den Mut fasst, sie zu suchen. In der eisigen Nacht enthüllt sich ein altes Geheimnis, und St. Christoph muss sich fragen, wer hier wirklich Rettung bringt – und wer Unheil ...
Der holprige Weg durch den Wald schien kein Ende zu nehmen. Wurzeln und Steine ragten heraus, und Anja konnte nicht schneller als Schritttempo fahren. Selbst dabei machte sie sich Sorgen, ob die Reifen ihres uralten Stadtautos dieses Abenteuer überstehen würden. Doch umzukehren kam nicht infrage.
Von den Bäumen zu beiden Seiten erkannte sie keinen einzigen wieder. Es war ja auch fünfzehn Jahre her. Und dennoch ...
Sie schob den Gedanken zur Seite.
»Konzentriere dich aufs Fahren!«, ermahnte sie sich. »Eine Reifenpanne wäre das Letzte, was du jetzt brauchst. Wer soll denn die Reparatur bezahlen? Und wen könntest du anrufen, damit er dich abschleppt?«
Der Fahrweg endete abrupt hinter einer engen Kurve. Anja trat im letzten Moment auf die Bremse – und wurde unvermittelt von einem Gefühl tiefer Vertrautheit ergriffen. Damals hatte sie sich auf der Rückbank des elterlichen Autos so weit nach vorn gereckt, wie es der Sicherheitsgurt zuließ. Loisl, der sich grundsätzlich nie anschnallte, war neben ihr halb zwischen den Vordersitzen verschwunden, fest entschlossen, als Erster Opas Haus zu erspähen. Die Erinnerung schmerzte. Anja schob sie hastig beiseite.
Die Parkfläche vor dem Haus war von Brennnesseln und Unkraut überwuchert. Anja war für ihre hohen Stiefel dankbar, als sie sich einen Weg zum Gartentor bahnte. Auch das Tor und der Zaun waren überwuchert – diesmal mit Rosen.
»Es gibt gewiss einiges zu tun«, hatte der Notar zu ihr gesagt und auf ein Foto des Sacherls getippt. »Aber wenn man alles ein bisschen zurückschneidet, könnte das richtig idyllisch aussehen. Mein Weiberl würde für eine solche Blumenpracht ihren rechten Arm geben, sie liebt Rosen. Kennen Sie sich denn mit Gartenarbeit aus?«
»Ein bisschen.« Anjas letzte Pflegemutter hatte sie oft aufgefordert, ihr zu helfen. Allerdings war es dabei meistens um den Gemüseanbau gegangen oder darum, den Familienhund von giftigen Ziersträuchern fernzuhalten – nicht um Rosen.
Die Ranken hatten sich bereits durch das schmiedeeiserne Gartentor gewunden. Anja musste kräftig rütteln, um es zu öffnen. Der Pfad aus Steinplatten dahinter war mit Moos und Gräsern vollkommen bedeckt. An seinem Ende erhob sich das Sacherl.
Es war klein – viel kleiner als in Anjas Erinnerung! Durch den bröckelnden Putz schimmerte überall Ziegelrot hindurch. Hinzu kam der Efeu, der sich vom Boden bis zum Dach rankte. Hie und da hatte ihn einst jemand gestutzt, aber selbst seine abgestorbenen Wurzeln klammerten sich noch ans Mauerwerk. Der Torbogen und das Vordach der Haustür verschwanden unter seinem satten Grün.
Unter dem Vordach warteten unzählige Spinnweben und die schwere, dunkle Holztür mit ihrem Klopfer in der Form eines goldenen Löwenhauptes. Anja hob, ohne nachzudenken, die Hand, um den Ring in seinem Maul zu berühren. Plötzlich hielt sie inne. Es kam ihr vor, als könnte ihr Klopfen etwas auslösen – etwas, das entweder verheerend oder wunderbar sein würde. Oder beides zugleich.
Womöglich würde der Klang des Ringes das Sacherl aus seinem Dornröschenschlaf erwecken. Die Haustür würde aufschwingen, und der Opa stünde plötzlich wieder lebendig vor ihr. Die Eltern. Und Loisl. Mit seinem Lausbubengrinsen würde er ihr zurufen: »Pass auf, gleich frisst dich der Löwe!«
Hinter ihr tönte ein schauerliches Ächzen. Es konnte nur der Wind in den knorrigen Obstbäumen gewesen sein, doch Anja zuckte zusammen, und der Moment verflog. Sie atmete tief durch, packte den Ring im Löwenmaul und klopfte.
Nichts geschah. Natürlich nicht! Das Schicksal hatte Anja früh gelehrt, niemals an Wunder oder Zauberei zu glauben. Dennoch schmeckte sie die bittere Enttäuschung auf ihrer Zunge, während sie den Schlüssel aus der Tasche kramte und das Haus betrat.
Es wirkte auch von innen viel kleiner. Einige der Durchgänge und Türen waren so niedrig, dass ein größer gewachsener Mensch als Anja vermutlich den Kopf einziehen müsste. Damals, mit sechs Jahren, war ihr das nicht aufgefallen.
Die Dielen knarzten unter ihren Schritten. Das Sofa in der Stube war noch dasselbe wie damals. Anja und Loisl hatten den ganzen Sommer über hier geschlafen: er oben, sie daneben auf einer Luftmatratze am Boden.
Auch an den alten Herd erinnerte sich Anja. Außer der Wohnstube und der Küche gab es im Erdgeschoss nur noch das Kabinettl. Oben dann Opas Schlafkammer und eine zweite Kammer, in der die Eltern übernachtet hatten.
Anja stieg die knarzende Treppe hinauf. Vor der Tür zur Schlafkammer hielt sie inne. Doch der Opa konnte sie nicht mehr schelten, jetzt, wo er ihr das Sacherl vererbt hatte. Sie trat ein. Ihr Blick schweifte über die bunt bemalten Bauernmöbel, auf denen jeweils eine dicke Staubschicht lag. Dahinter führte eine Glastür auf den Balkon.
Anja öffnete sie. Schwere, dunkle Holzläden versperrten ihr die Sicht. Einer hing schief in den Angeln und ließ sich nicht bewegen. Sie zwängte sich an dem anderen vorbei nach draußen.
Der Krähenwald erstreckte sich vor ihr, soweit das Auge reichte. Das einzige Anzeichen einer menschlichen Behausung war ein fernes Dach, das zum Burgstaller-Hof gehörte.
Anja lehnte sich über die Brüstung. In den Balkonkästen standen noch ein paar übrig gebliebene Geranien zwischen Fichten- und Buchensprösslingen: Ablegern der Bäume, deren Samen der Wind herbeigetragen hatte.
Das Madel atmete tief die klare Herbstluft ein. Dann spähte es hinauf zu den schrundigen Hängen des Hexensteins oberhalb des Waldes und malte sich aus, wie es sein würde, künftig hier zu leben.
Ihre kleine Stadtwohnung aufzugeben, war Anja leichtgefallen. Die Miete war zwar gerade noch leistbar gewesen, aber hauptsächlich, weil sie in Bahnhofsnähe neben einer viel befahrenen Straße lag. Wann immer es Anja an Inspiration gefehlt hatte, war sie hinaus auf ihre zwei Quadratmeter Balkon getreten und hatte die Fußgänger beobachtet.
Alle hatten es eilig gehabt, dem Abgasgestank und dem Hupkonzert zu entfliehen. Die Menschen waren ins Büro geeilt oder nach Hause, jene in schicken Mänteln und Anzügen womöglich ins Theater oder zu einem Stelldichein.
Hier dagegen gab es niemanden. Nach einer Weile wandte sich Anja ab und verließ den Balkon.
Die andere Kammer oben, jene der Eltern, war damals nur spärlich eingerichtet gewesen – mit einem Doppelbett, einem Schrank und sonst nichts. Jetzt öffnete Anja die Tür und blieb verdutzt auf der Schwelle stehen.
Dabei hatte der Notar sie doch vorgewarnt: »Ihr Opa war ein Sammler, gell? Einer, der sich nicht von liebenswerten Dingen trennen konnte.«
»Das weiß ich gar nicht«, hatte Anja zugeben müssen. »Was hat er denn gesammelt?«
Der Notar hatte sie argwöhnisch gemustert, als wolle er herausfinden, ob sie sich einen Scherz erlaubte.
»Fragen Sie lieber, was er nicht gesammelt hat«, hatte er schließlich erwidert und ihr ein Foto gereicht. Ein paar Schachteln waren zu sehen gewesen. Obendrauf hatte quer eine Pendeluhr gelegen.
Nun stand Anja vor einem Berg aus Absonderlichkeiten. Kisten und Schachteln türmten sich bis zur Decke. Sie waren mit rätselhaften Kürzeln beschriftet. Unter staubigen Tischtüchern erahnte das Madel die Umrisse von Möbeln. Es gab eine kaputte Modelleisenbahn mit umgestürzten Häusern und Uhren, soweit das Auge reichte – an den Wänden, in den Winkeln. Ja, sogar eine Reihe alter Schaufensterpuppen, die Armbanduhren und sonst nichts trugen.
Überwältigt stolperte das Madel nach draußen, schlug die Tür zu und lehnte sich dagegen. Anjas Herz hämmerte, als wäre sie weit gerannt.
»Er hat dich gewarnt«, schalt sie sich. »Was hast du also erwartet?«
Doch sie erinnerte sich an ihren ordentlichen Opa, der seinen Rosengarten stets gepflegt hatte. Der ohne hinzusehen gewusst hatte, wo im Schuppen hinter dem Sacherl ein gesuchtes Werkzeug lag. Der nach dem frühen Tod der Oma gelernt hatte, wie man Hosen flickte und Socken stopfte.
Und der sein Haus offenbar während der letzten fünfzehn Jahre mit nutzlosem Trödel gefüllt hatte. Anja brauchte nicht zu fragen, was – oder wer – der Grund dafür war.
Bedrückt trottete sie ins Erdgeschoss. Sie musste ihren ganzen Mut zusammenkratzen, um die Tür des Kabinettls zu öffnen.
Wenigstens war sie diesmal vorbereitet – auf den Anblick aufgetürmter Schachteln und Kisten, unter denen Opas Schreibtisch ganz verschwand. Auf einen Berg Puppen mit fehlenden Köpfen oder Gliedmaßen und ein Regal voller zerbrochener Schallplatten. Ein Schaukelpferd ohne Kufen und einen Schürhaken, obwohl es keinen Kamin gab.
Oder? In Anja stieg eine Erinnerung hoch. Mit beiden Armen umfasste sie die Schachtel, die der Tür am nächsten stand, und schleppte sie hinaus in die enge Diele.
Sie tat dasselbe mit anderen und kämpfte sich so bis zum Schreibtisch vor. Das Fenster dahinter verdeckten kitschige Ölgemälde, blinde Spiegel und ein mannshohes Kruzifix fast zur Gänze. Doch wenn erst das Licht von draußen hindurchfiel, könnte Anja hier an ihren Illustrationen arbeiten.
Mit neuer Entschlossenheit bahnte sie sich weiter ihren Weg bis zur hinteren Wand. Und da war der Kamin, an den sie sich erinnerte! Er wurde von den Teilen einer zerlegten Küchenzeile verdeckt.
Anja schloss die Augen. Sie blendete den Staub in der Luft und den muffigen Geruch des Trödels aus, so gut es ging.
»Man muss das Haus entrümpeln«, hatte der Notar zu ihr gesagt. »Aber das ist machbar.« Er hatte sie angelächelt. »Ein Madel wie Sie kennt gewiss ein paar Burschen, die gerne mit anpacken. Nicht wahr?«
Die Antwort in Anjas Gesicht hatte dazu geführt, dass sein Lächeln rasch erloschen war.
»Oder Sie verkaufen's so, wie's ist«, hatte er vorgeschlagen. »Und ersparen sich eine Menge Arbeit.«
»Nein«, hatte Anja leise entgegnet. »Ich will's nicht verkaufen. Ich will darin wohnen.« Ihre Erinnerungen an das Sacherl und den Sommer, den sie hier verbracht hatte, waren weiß Gott nicht die besten. Aber dennoch ...
Als sie nun die Augen öffnete, hatte sich etwas in ihr gefestigt. Das Sacherl gehörte ihrer Familie. Der Opa hatte sein Leben hier verbracht. Und die Oma, die Anja gar nie kennengelernt hatte. Ihre kleine Stadtwohnung war bloß eine Bleibe gewesen, genauso wie vorher all die Kammern bei all den Pflegefamilien. Seit ihrer Kindheit hatte Anja nicht mehr gewusst, was es hieß, ein Zuhause zu haben.
»So leicht werdet ihr mich nicht los«, teilte sie den Puppen mit ihren unzähligen Glasaugen mit. »Ich bleibe hier.«
***
Wann immer die Tür zum Laden der Jeggl-Alma aufschwang, wandten sich ihre Kundinnen von dem Warenangebot ab. Denn das Geschäft am Eck des Kirchplatzes von St. Christoph wurde mit gutem Grund als der »Dorfbrunnen« bezeichnet! Hier gab es nicht nur alles von Strumpfhosen über Gießkannen bis hin zu Schneeschaufeln. Hier sprudelten auch Klatsch und Tratsch.
Diesmal betrat die Burgstaller-Kathi den Laden. Eine Bäuerin von einem abgelegenen Hof, noch recht jung und leider schon verwitwet.
»Grüß dich, Leitnerin! Grüß dich, Mühlhoferin!« Sie wechselte ihr Einkaufsnetz von der Rechten in die Linke, um so manche Hand zu schütteln.
Fesch sah sie aus, dachte Alma hinter der Theke bei sich. Sogar in Witwentrauer. Das schwarze Kleid und das Fransentuch zum Lodenmantel standen ihr gut. Auch ihr Manderl war ein strammer Kerl gewesen. Ein schönes Paar hatten sie abgegeben! Was für ein Jammer, dass ihn der Herrgott so früh aus dem Leben gerissen hatte.
Beim Einkaufen begleitete die Burgstallerin nun ihr Ältester, der Mader-Bastian. Ihn kannte die Alma weniger gut. Der Sohn der Burgstallerin aus einer früheren Beziehung war im Inntal aufgewachsen. Erst seit Kurzem befand er sich in St. Christoph, um seiner Mutter zur Hand zu gehen.
»Was führt euch heut' zu mir?«, erkundigte sich die Alma.
»Die Mama plant, den halben Laden leerzukaufen«, scherzte Bastian. »Und ich darf für sie den Packesel spielen.«
Die Burgstallerin warf ihm einen strafenden Blick zu. Reumütig sah Bastian zu Boden.
»Wo ist die Einkaufsliste?«, fragte sie ihn scharf. Er kramte in der Tasche seiner Jeans. Ohne ein weiteres Wort überreichte er seiner Mutter einen zerknitterten Zettel.
Ein seltsames Paar waren die beiden, befand Alma. Auch äußerlich ähnelten sie einander kaum. Bastian musste wohl nach seinem Vater im Inntal geraten sein. Von der Burgstallerin hatte er höchstens die blonden Haare und blauen Augen geerbt.
Alma nahm die Liste von der Burgstallerin entgegen und überflog sie.
»Bis auf die kernigen Haferflocken müsst' alles da sein. Die krieg' ich erst morgen wieder. Hafermehl hätt' ich, aber das kannst du eher net brauchen, gell?«
Die Burgstallerin verneinte.
»Wenn's recht ist, helf' ich dir beim Zusammentragen«, bot die Alma an. »Dann geht's schneller.«
Dieses Angebot nahm die Burgstallerin gerne an! Während Alma die Packungen mit Mehl, Nudeln und Semmelbröseln auf der Theke stapelte, widmete sich die Bäuerin den übrigen Posten auf der Liste. Sie wählte einen Dosenöffner vom Regal aus. Auf dem Rückweg blieb sie vor der Grabbelkiste mit den verbilligten Strümpfen stehen.
Die Leitnerin, die Altbäuerin vom Mühlhof und der Rest von Almas Kundinnen scharten sich sogleich um sie.
»Was gibt's denn bei euch Neues?«, erkundigte sich die Leitnerin neugierig.
»Ach, gar net viel. Bis auf das eine, aber das wisst ihr schon, gell? Dem Notar ist es jetzt doch gelungen, eine Erbin für das Waldsacherl ausfindig zu machen. Ein Madel aus der Stadt. Anja heißt sie. Am Freitag vor zwei Wochen ist sie eingezogen.«
Alma sah, wie sich die Altbäuerin vom Mühlhof erschrocken bekreuzigte.
»An einem Freitag, dem Dreizehnten? Wenn das nur kein Unglück bringt!«
Ein paar andere Bäuerinnen tauschten bedeutsame Blicke.
Die Leitnerin ergriff wieder das Wort: »Und wie ist sie so, diese Anja?«
»Mei, das weiß ich net.« Die Burgstallerin hatte in jeder Hand ein Paar Strümpfe. Sie hielt beide prüfend gegen das Licht, bevor sie ein Paar zurück in die Grabbelkiste legte. Verspätet ergänzte sie: »Ich hab sie bisher nur einmal von Weitem gesehen. Rote Haare hat sie. Das ist mir gleich aufgefallen.«
»Hexenhaare«, murmelte die Altbäuerin vom Mühlhof düster.
»Ja, hat sie sich denn net bei dir vorgestellt?«, rief die Leitnerin erstaunt. »Ihr seid Nachbarn!«
»So ein Stadtmadel weiß wahrscheinlich gar net, was sich gehört«, mischte sich eine andere Bäuerin ein. Almas übrige Kundinnen nickten ihre Zustimmung.
»Oder sie ist schüchtern«, tönte es von der Tür her. Alle Bäuerinnen wandten den Kopf. Der Mader-Bastian wirkte erstaunt, als er plötzlich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. »Ich mein' ja nur«, ergänzte er verlegen. »Es könnt' ja sein.«
Alma setzte den Karton voller Apfelsaftflaschen fester als nötig auf die Theke. Das Klirren lenkte die Blicke ihrer Kundschaften auf sie.
»Das ist, glaub' ich, alles von der Liste.« Ein wahrer Berg von Vorräten stapelte sich auf ihrem Tresen. »Wo steht denn euer Auto?«, wandte sie sich an Bastian. »Könnt ihr das überhaupt tragen?«
»Freilich«, versicherte ihr der Bursche.
Alma tippte die Preise in die Kasse. Sie half Bastian und der Burgstallerin, die Einkäufe in Tüten zu packen. Zuletzt griff sie nach den Gläsern mit Süßigkeiten, die stets für Kinder bereitstanden. Sie füllte zwei Papierstanitzel mit Schokobonbons und schrieb mit Filzstift auf eines »F« und auf das andere »J«, damit es zu keinen Verwechslungen käme.
»Hier. Für den Fritzi und den Jäkl zu Hause.« Alma reichte der Burgstallerin die Stanitzel und nahm ein drittes in die Hand. Sie hielt inne. »Was mag denn die Lotti?«
Die Bäuerin schien es nicht zu wissen. Auch Bastian zuckte zunächst ratlos mit den Schultern. Doch als Alma erneut nach dem Glas mit den Schokobonbons griff, warf er ein: »Die Seidenzuckerl wären ihr, glaub' ich, lieber. Wegen der schönen Farben.« Er lächelte verlegen. »Wenn sie ihr net schmecken, hat sie wenigstens etwas zum Anschauen, gell?«
Bereitwillig füllte Alma das Stanitzel mit Seidenzuckerl, malte ein geschwungenes »L« darauf und reichte es ihm. »Und für dich?«
