Der Bergdoktor - Folge 1778 - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor - Folge 1778 E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Nachdem Martha Landegger einen Schlaganfall erlitten hat, macht die herrische Hofbäuerin ihrer Familie das Leben schwer. Besonders hart trifft es die Tochter Franziska, die von ihrer kranken Mutter nur beschimpft und herumkommandiert wird. Aus lauter Frust stopft sich das Mädchen jeden Abend mit Pralinen und Schokoriegeln voll und wird immer dicker. Dr. Burger, der regelmäßig zu Hausbesuchen auf den Hof kommt, macht sich ernsthaft Sorgen um Franziska und rät ihr dringend zu einer Diät. Doch das Madel schafft es einfach nicht, den Süßigkeiten zu widerstehen. Natürlich wird sie wegen ihrer Figur verspottet, und die Burschen machen einen großen Bogen um sie. Da fordert sie ausgerechnet der schmucke Matti beim Fest des Schützenvereins zu einem Tänzchen auf. Ein Raunen geht durch den Saal ...

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Seitenzahl: 135

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Inhalt

Cover

Impressum

Dr. Burger und das Mauerblümchen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1668-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Dr. Burger und das Mauerblümchen

Warum Franziska zur Außenseiterin wurde

Von Andreas Kufsteiner

Nachdem Martha Landegger einen Schlaganfall erlitten hat, macht die herrische Hofbäuerin ihrer Familie das Leben schwer. Besonders hart trifft es die Tochter Franziska, die von ihrer kranken Mutter nur beschimpft und herumkommandiert wird. Aus lauter Frust stopft sich das Mädchen jeden Abend mit Pralinen und Schokoriegeln voll und wird immer dicker. Dr. Burger, der regelmäßig zu Hausbesuchen auf den Hof kommt, macht sich ernsthaft Sorgen um Franziska und rät ihr dringend zu einer Diät.

Doch das Madel schafft es einfach nicht, den Süßigkeiten zu widerstehen. Natürlich wird sie wegen ihrer Figur verspottet, und die Burschen machen einen großen Bogen um sie.

Da fordert sie ausgerechnet der schmucke Matti beim Fest des Schützenvereins zu einem Tänzchen auf. Ein Raunen geht durch den Saal …

Dr. Burger fuhr zügig auf der Landstraße in Richtung Bergfelden, denn er war dringend zum Landegger-Hof gerufen worden, der in der Nähe des kleinen Weilers lag. Hin und wieder ließ der Arzt den Blick über die Landschaft schweifen, die sich in frühlingshafter Pracht vor ihm ausbreitete.

Die alten Bäume auf den Streuobstwiesen schienen sich unter ihrer Blütenfülle zu krümmen, dahinter erstreckten sich die Felder, die in den Bergwald übergingen. Sechs Berge umstanden das Hochtal wie steinerne Wächter, am höchsten ragte der Feldkopf empor, dessen Gletscher in der Sonne Funken sprühte. Daneben der Hexenstein mit seinen zwei Gipfeln, links davon das Frauenhorn, dann der Achenkegel, und aus dem Rautenwald stieg noch der Rautenstein hervor, ein unwegsames Karstgebiet.

Wie sehr er seine Heimat liebte! Keinen Augenblick hatte er es bereut, nach St. Christoph zurückgekehrt zu sein, das er nach einem schweren Schicksalsschlag beinahe Hals über Kopf verlassen hatte.

Als junger Assistenzarzt hatte er seine Jugendliebe Christl geheiratet. Doch den beiden war nur ein Ehejahr vergönnt gewesen. Bei der Geburt des ersten Kindes hatte Christl schwere Blutungen erlitten und war trotz aller Bemühungen der Ärzte verstorben. Das Kleine hatte sie mit sich genommen, und zurückgeblieben war der völlig verzweifelte, untröstliche Martin Burger.

Nur Arbeit hatte ihn von seinem Schmerz ablenken können. Er war nach München gegangen, um an der dortigen Universitätsklinik seinen Facharzt für Chirurgie zu machen. Das Heimweh hatte ihn schließlich in sein Zillertaler Bergdorf zurückgetrieben, wo er die Landarztpraxis seines Vaters übernommen und gründlich modernisiert hatte.

Wer heute zum ersten Mal in Dr. Burgers Praxis kam, stellte erstaunt fest, dass es sich um eine »Mini-Klinik« handelte. Außer den üblichen Sprech- und Behandlungsräumen gab es ein eigenes Labor, Röntgen, Ultraschall und diagnostische Sonografie, neuerdings auch für den Schädel-Hirn-Bereich, außerdem einen kleinen, aber technisch ausgefeilten Operationssaal und zwei freundlich eingerichtete Krankenzimmer.

Nach seiner Rückkehr aus München war Martin Burger fünfzehn Jahre lang nur für seine Patienten da gewesen. Gelegentliche Bekanntschaften hatten ihm nichts gebracht außer dem Gefühl, dass er auf eine neue Liebe wohl nicht zu hoffen brauchte.

Doch dann hatte er völlig überraschend die hübsche, blonde Anästhesistin Dr. Sabine Rodenwald aus Wien kennengelernt, und zwar im Haus ihrer Tante Rika in St. Christoph.

Sabine war wie ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen in sein Leben eingedrungen, und er hatte sich vom ersten Augenblick an nicht vorstellen können, sie jemals wieder gehen zu lassen.

Immer wenn er an seine Frau dachte, umspielte ein Lächeln Martins Mund und ließ ihn noch jugendlicher erscheinen, als er es trotz seiner einundfünfzig Jahre noch war. Der Altersunterschied von sechzehn Jahren war für das Paar nie ein Problem gewesen, und auch jetzt lohnte es sich nicht, ein Wort darüber zu verlieren. Sabine half in Notfällen in der Praxis aus und kümmerte sich um die drei Kinder, die ihnen geschenkt worden waren. Ihre Ehe war über alle Maßen glücklich.

Als der Landegger-Hof vor dem Bergdoktor auftauchte, richteten sich seine Gedanken nun ganz auf die Aufgabe, die vor ihm lag. Die Landegger-Bäuerin war schon lange seine Patientin, und beileibe keine einfache. Immer wieder hatte er sie vor den Gefahren ihres Lebenswandels gewarnt, denn Martha aß und trank nicht nur gern, sondern auch im Übermaß. Vor allem war sie dem Alkohol nicht abgeneigt und hatte sich damit gebrüstet, jeden gestandenen Mann unter den Tisch trinken zu können.

Und so war dann das Unausweichliche geschehen. Martha Landegger, obwohl erst in mittleren Jahren, hatte einen schweren Schlaganfall erlitten, der ihr Leben für immer veränderte. Lange hatte sie im Krankenhaus gelegen, dann war sie von einer Reha-Klinik in die andere gewechselt, denn sie hatte sich geweigert, nach Hause zurückzukehren, ehe sie nicht völlig wiederhergestellt sein würde.

Seit ein paar Wochen war sie wieder auf dem Hof, wie Dr. Burger erfahren hatte, und es gab Anlass zu der Befürchtung, dass sie einen weiteren Schlaganfall erlitten hatte. Daher nahm Martin hastig seine Arzttasche aus dem Wagen und eilte ins Haus, ohne einen Blick auf das stattliche Anwesen zu werfen.

Alois Landegger kam ihm schon im Flur entgegen, ein kräftiger, jedoch nicht plumper Mann, auf dessen wettergegerbten Zügen sich ein Ausdruck von Besorgnis, gemischt mit Überdruss, abzeichnete.

Das war Dr. Burger gewohnt, viele Angehörige, die über Jahre hinaus kranke Familienmitglieder pflegen mussten, stellten diese Miene zur Schau. Seltsam war nur, dass Alois Landegger schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit diese Situation nicht mehr ertragen konnte.

»Sie ist unten«, sagte der Hofbauer kurz angebunden.

Martha Landegger hatte sich auf einem Sofa in der Stube halb sitzend, halb liegend niedergelassen. Kissen und Decken waren über sie angehäuft, als schien sie trotz des warmen Wetters unausgesetzt zu frieren. Ihre Linke war verborgen, doch mit der rechten Hand fuhr sie mit einer wütenden Bewegung über das Bettzeug.

Dr. Burger erschrak bei ihrem Anblick, doch er wusste es geschickt zu verbergen.

»Dein Mann hat bei uns angerufen, Martha. Geht es dir schlechter?«, fragte der Arzt in sachlichem Ton.

Martha stieß ein krächzendes Lachen aus.

»Wie kann es mir denn überhaupt gut gehen? Oder schaut das so aus, Herr Doktor?«, fauchte sie giftig.

Früher war Martha das gewesen, was man ein »handfestes Frauenzimmer« nennt, und dabei trotz ihrer Körpergröße und Fülle durchaus anziehend. In der Tracht des Tales hatte sie immer sehr beeindruckend ausgesehen mit ihrem üppigen dunklen Haar und den regelmäßigen Zügen. Sehr gerade hatte sie sich immer gehalten, die Martha, und sie und ihr Mann gaben ein schönes Paar ab.

Aber obwohl sie zudem noch eine große Mitgift ins Haus gebracht hatte, beneidete niemand den Landegger um diese Frau, denn sie galt allgemein als schwierig. Hinter Landeggers Rücken wurde sie sogar von seinen Stammtischspezln, die kein Blatt vor den Mund nahmen, als »herrschsüchtige Giftnocken« bezeichnet.

Martha war überall sehr bestimmt aufgetreten, und sie schreckte vor nichts zurück, wenn sich jemand gegen sie stellte. Bei Auseinandersetzungen, denen sie niemals aus dem Weg gegangen war, war ihre scharfe Zunge gefürchtet gewesen.

Doch jetzt war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Sie hatte so sehr abgenommen, dass ihre Züge nach unten gesackt waren, was sie noch griesgrämiger erscheinen ließ. Die Haut war faltig geworden und zeigte einen ungesunden gelblichen Ton, ihre einst so schönen Haare waren ausgedünnt und hingen schlaff und ungepflegt ins Gesicht.

»Das ist aus mir geworden – ein armseliges Wrack! Und das hast du jetzt am Hals, Alois! Bis dass der Tod uns scheidet«, höhnte sie, den Kopf mit dem mageren Hals in die Richtung ihres Mannes gereckt.

Alois Landegger wandte sich ab, doch Dr. Burger spürte, dass unbändiger Zorn in dem Hofbauern kochte.

»Was hast du für Beschwerden, Martha?«, fragte er, denn er hatte mit einer gewissen Erleichterung bereits festgestellt, dass die Bäuerin keinen erneuten Schlaganfall erlitten hatte.

Im Gegenteil, sie schien sich sogar in einem weit besseren Zustand zu befinden, wenigstens geistig, auch wenn ihre unangenehmen Charakterzüge noch offener zutage traten. Aber das war bei Schlaganfallpatienten leider häufig der Fall, manchmal entwickelten sich sogar vorher verträgliche Menschen zu wahren Tyrannen.

»Ich bin aufgestanden, dabei ist mir schwindlig geworden, und ich bin gestürzt«, berichtete Martha widerstrebend.

Dr. Burger trat näher und nahm Martha in Augenschein, aber er konnte keine äußeren Verletzungen feststellen.

»Warst du bewusstlos?«, fragte der Bergdoktor.

»Ich kann mich nimmer erinnern«, tat sie gleichgültig.

»Vielleicht sollte man im Krankenhaus …«

Martha fuhr wütend auf. »Auf keinen Fall! Diese ganzen Quacksalber haben eh nichts ausgerichtet, und es wär auch net so weit gekommen, wenn es Ärzte gäbe, die etwas taugen«, schleuderte Martha Dr. Burger entgegen.

Der Bergdoktor zwang sich mühsam zur Ruhe.

»Landeggerin, ich hab dir oft genug gesagt, du sollst auf dein Gewicht und deinen hohen Blutdruck achten. Hast du auf mich gehört? Nein. Und der Alkohol …«

»Willst mich als Säuferin abstempeln?«, fiel sie ihm erneut ins Wort. »Ich hab net anders gelebt als die meisten hier im Tal.«

Das bezweifelte der Arzt, aber er schwieg und begann, die widerstrebende Frau zu untersuchen. Dabei stellte er fest, dass ihr Kreislauf nicht in Ordnung war, was wohl der Grund für ihren Sturz gewesen war.

»Der Kreislauf, Martha. Nimmst du auch regelmäßig deine Medikamente? Das ist sehr wichtig«, betonte er.

»Von wegen. Sie wirft die Tabletten heimlich weg«, schaltete sich der Hofbauer ein, der sich bei der Untersuchung abgewandt hatte.

»Halt du doch deine Goschen! Du warst ja noch nie auf meiner Seite«, herrschte sie ihren Mann grob an.

»Wenn du die Medikamente nicht nimmst, riskierst du einen weiteren Schlaganfall«, redete ihr der Arzt ins Gewissen.

Das schien Martha wenig zu beeindrucken.

»Diese ganzen Tabletten und Pillen sind doch nutzlos und verderben mir nur den Appetit«, erwiderte Martha verstockt.

»Nimm doch Vernunft an, Martha! Du hast doch sicher eine Pflegerin, die darauf achtet, dass du deine Tabletten regelmäßig nimmst«, beschwor Martin Burger die uneinsichtige Bäuerin eindringlich.

Martha gab einen verächtlichen Laut von sich.

»Pflegerin! Ich lass doch keine fremden Leut auf den Hof! Das ist die Pflicht meiner Tochter. Wo treibt sich das Madel, das nichtsnutzige, denn wieder herum? Franziska!«, rief sie mit gellender Stimme.

»Sie ist im Garten«, sagte Landegger hastig.

»Nimm sie grad in Schutz, das faule Flitscherl. Aber dir ist ja die Tochter lieber als die eigene Frau.«

»Martha!«

Der Bergdoktor befürchtete schon, dass es zu einer lautstarken ehelichen Auseinandersetzung kommen würde, als Schritte auf dem Flur zu hören waren und die Hoftochter die Stube betrat. War Dr. Burger schon beim Anblick der Hofbäuerin zutiefst betroffen gewesen, so hatte er nun Mühe, in dieser jungen Frau die Franziska Landegger wiederzuerkennen, wie er sie in Erinnerung hatte.

Franziska war ein hübsches, lebhaftes Kind gewesen, doch nun, im Mädchenalter, war sie formlos und plump geworden, und ihre Züge schienen in dem aufgequollenen Gesicht geradezu eingesunken zu sein. Sie wirkte gleichgültig und ungepflegt, das schöne Haar, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, war lieblos zurückgebunden. Ihre Gestalt steckte in einem weiten Kittel, darüber eine Strickweste, die viel zu warm für die Jahreszeit war.

Dr. Burger sprach sie freundlich an, doch Franziska mied beharrlich seinen Blick und senkte schließlich den Kopf.

»Schau den Doktor gefälligst an, wenn er dir etwas erklärt«, befahl ihr die Mutter, und Franziska fuhr bei dem harschen Klang ihrer Stimme unwillkürlich zusammen.

»Ich hab alles verstanden«, sagte sie leise. »Ich werde die Tabletten für eine Woche in eine Schachtel aus der Apotheke einsortieren.«

»Gut«, erwiderte Dr. Burger befriedigt und lächelte sie an.

Doch auf Franziskas blassem, müdem Gesicht regte sich keine Miene, sie sah wieder an ihm vorbei.

Dr. Burger verabreichte der Bäuerin, obwohl sie sichtlich widerstrebte, ein kreislaufstärkendes Mittel und erteilte ihr noch weitere ärztliche Ratschläge, die sie in mürrischem Schweigen über sich ergehen ließ.

»Ich komme morgen noch einmal vorbei und schau, wie es dir geht, Martha«, sagte der Bergdoktor abschließend.

»Es wäre wohl besser, wenn Sie regelmäßig nach dem Rechten sehen, Herr Doktor«, meinte Alois Landegger.

Martin musste ihm insgeheim recht geben. Schon allein, um zu überprüfen, dass Martha regelmäßig ihre Medikamente einnahm. Doch er beschränkte sich auf ein zustimmendes Nicken.

»Was kümmert dich das?«, schrie Martha ihren Mann an. »Du bist doch sicher froh, wenn ich in die Grube fahre, dann kannst du wenigstens eine Jüngere heiraten. Ich bin doch bloß noch eine Last für dich, eine Last …«

Schwer atmend und sichtlich erregt sank sie auf ihre Kissen zurück.

»Das stimmt net«, sagte Landegger heiser und verließ mit wütend zusammengepressten Lippen den Raum.

»Ja, renn nur weg«, keuchte Martha.

Es hatte hin und wieder Gerüchte um Landegger gegeben, dass er es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahm, wenn er der strengen Aufsicht seiner Frau entkommen konnte. Doch das war wohl eher die üble Nachrede seiner Neider, denn nach außen hin hatte das Ehepaar immer Einigkeit gezeigt.

Aber das schien nun der Vergangenheit anzugehören.

Dr. Burger schloss seine Arzttasche zum Zeichen seines Aufbruchs und rang sich noch einige aufmunternde Worte ab, die auf taube Ohren stießen. Franziska begleitete ihn höflich zur Haustür, und diese Gelegenheit ließ er sich nicht entgehen.

»Ich würde dich gern in den nächsten Tagen in der Praxis sehen, Franziska«, sagte er nachdrücklich.

»Gibt es noch etwas, was die Mutter …«

»Nein, nein«, unterbrach er sie. »Es ist wegen dir.«

»Aber ich bin doch gesund«, sagte sie schnell.

»Das kommt mir nicht so vor, Franziska. Also, zögere das nicht hinaus, hast du gehört?«, sagte er freundlich.

»Ja«, murmelte sie und schlüpfte eilig wieder ins Haus zurück, als ob sie eine Zuflucht suchen würde.

Inzwischen war Anton Landegger eingetroffen und stieg aus seinem schwarzen Landrover, den er neben dem Wagen des Bergdoktors geparkt hatte. Er ähnelte seinem Vater im Wuchs, hatte aber die regelmäßigen Züge seiner Mutter, sodass er nicht zu Unrecht als einer der schmucksten Burschen im Tal galt. Anton unterstrich seine Erscheinung zusätzlich mit teurer Kleidung in halb ländlichem, halb städtischem Stil. Jeder wusste, dass er der Augapfel seiner Mutter war, die ihn finanziell großzügig unterstützte.

Er begrüßte den Bergdoktor mit erzwungener Freundlichkeit.

»Wie geht’s der Mutter?«

»Den Umständen entsprechend«, entgegnete Dr. Burger ausweichend. »Jedenfalls hat sie keinen neuen Schlaganfall erlitten.«

»So ein Unglück aber auch«, meinte Anton, doch es klang eher verdrießlich als besonders mitfühlend.

»Es wäre ganz gut, wenn eine erfahrene Pflegekraft auf den Hof käme«, schlug der Bergdoktor in der Hoffnung vor, dass wenigstens Anton, der seiner Mutter anscheinend nahestand, sich aufgeschlossener zeigen würde.

Doch darin hatte er sich wohl geirrt. Der junge Mann zuckte gleichgültig die Schultern.

»Die Mutter mag keine fremden Leute im Haus, das hat sie doch sicher gesagt. Und warum auch? Da ist doch schließlich die Franziska, und als Tochter ist es ja ihre Pflicht, sich um die Mutter zu kümmern.«

Dr. Burger unterdrückte nur mit Mühe eine scharfe Antwort, und Anton verabschiedete sich mit einem lässig hingeworfenen Gruß. Es war nur gut, dass der junge Mann nicht verstehen konnte, was der Bergdoktor in seinen Bart murmelte.

Martin Burger trat die Heimfahrt in wesentlich schlechterer Laune als die Hinfahrt an, obwohl ihn jetzt nicht mehr die Sorge vor einem erneuten Schlaganfall der Bäuerin erfüllte. Es war nun der Zustand Franziskas, der ihn bedrückte.

Seine Stimmung hellte sich erst wieder auf, als er in die Kirchgasse einbog, wo das Doktorhaus samt Mini-Klinik stand. Auf diese Praxiserweiterung war er sehr stolz.

Gerade als er auf die Haustür zuging, wurde sie aufgerissen, und seine beiden älteren Kinder stürmten auf ihn zu.

»Wir haben dein Auto gehört«, rief die achtjährige Tessa und warf sich ihm entgegen, sein Sohn Philipp, genannt Filli, wurde auch in die Umarmung mit einbezogen.

Martin wurde von freudiger Wärme durchströmt. Welch ein Glück, solche Kinder zu haben! Eigentlich war Tessa ja ein Findelkind, das die Burgers adoptiert hatten, doch daran dachte keiner mehr. Mit ihrer schwarzen Lockenpracht, den »Schneckerln«, den dunklen Augen und dem temperamentvollen Wesen war sie ein Mädchen, das man einfach gern haben musste.

Der fünfjährige Filli kam mit seinen blonden Haaren und den braunen Augen ganz auf seine Mutter heraus. Er war ein eher nachdenkliches Kind, das alles ganz genau wissen wollte und sich daher auch schon auf die Schule freute.

»Wir sind auf der Terrasse bei dem schönen Wetter«, kam Tessa der Frage ihres Vaters zuvor. »Die Laura auch. Wenigstens schläft sie.«

Die zweijährige Laura war das jüngste der Doktorkinder, und lange war sie das Sorgenkind der Familie gewesen. Doch nun war sie geheilt und versprach, ein lebhaftes kleines Mädchen zu werden.