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"Guten Morgen, Herr Henke." Er rief mich zurück: "Wie heißt das?" "Guten Morgen, Herr Henke. Hab ich aber gesagt." "Das heißt Heil Hitler!" "Ach so. Mein Vater hat gesagt, zu Nachbarn brauche ich das nicht zu sagen." "Zu wem denn?" "Na, zu Leuten, die ich nicht kenne." Mit dieser Episode beginnen die Erinnerungen von Elisabeth Piper, Jahrgang 1928. Eine Jugend, geprägt von Nazizeit und Krieg, Nächten im Keller und im Luftschutzbunker, in der ständigen Angst ums Überleben. Ein Zeitzeugenbericht über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, das für uns heute einerseits weit, weit weg zu liegen scheint - dessen Folgen aber bis heute spürbar sind. Und das wir nie vergessen dürfen.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2021
Vorwort des Herausgebers
Glückliche Kinderjahre
Glückliche Schuljahre bis zum Krieg
In Deutschland wird es dunkel
Das schreckliche Erwachen
Der "neue Gaubefehlsstand" auf dem Kipphut
Kriegsende in Giften
Die Notjahre nach dem verlorenen Krieg
Wie ich Journalistin wurde
ANHANG
Anmerkungen des Herausgebers
Meine Mutter zur Niederschrift dieser Erinnerungen zu bewegen war nicht leicht. Ich schaffte es erst, als sie sich dazu durchgerungen hatte, ihre über fünf Jahrzehnte andauernde Laufbahn als Berufsjournalistin endgültig zu beenden. Geschrieben hat sie viel in ihrem Leben, das Archiv ihrer Zeitungsartikel, die sie alle sorgfältig abgeheftet hatte, füllte ein ganzes Kellerregal. Und natürlich gehörten zu ihren Themen auch immer wieder selbst beobachtete Ereignisse, Dinge die ihr aufgefallen waren oder von denen sie meinte, das lohne doch mal einen Artikel.
Aber über ihr eigenes Leben hat sie in all den Jahren und Jahrzehnten nie auch nur eine einzige Zeile verloren. „Wen soll denn das interessieren?“ war ihre Standardantwort in Form einer rhetorischen Frage, wenn ich ihr nahelegte, doch mal ihre Memoiren zu verfassen. Mein Einwand war dann immer: „Aber es gibt nicht mehr viele aus deiner Generation, die Krieg und Nazizeit noch bewusst erlebt haben.“
„Das ist wohl wahr“, kam es dann nachdenklich zurück.
2003 waren meine Eltern umgezogen, aus ihrem Haus, das sie 1957 gebaut hatten in der Heidesiedlung in Hannover-Kleefeld, in ein nahe gelegenes Senioren-Wohnstift. Dort begann meine Mutter natürlich sofort, ein Stiftsblatt für die Bewohner zu schreiben und herauszugeben – „Neues vom Beirat“ und was das Stiftsleben aus Malkursen, Sitz-Yoga für Senioren, gemischten Chören und so weiter an Themen hergaben. Ihr anfängliches Interesse für diese Stiftzeitung und vielleicht für ihre berufliche Passion für den Journalismus insgesamt erlahmte erst, als mein Vater im Jahr 2011 mit 96 Jahren starb. Ab diesem Zeitpunkt begann sie zu stöhnen, wie sehr ihr „das Stiftsblatt zuviel wird“, und sie gab die Sache ab.
An diesem Punkt, als sie erstmals seit 1947 wieder Single war und ihre Tage länger und einsamer wurden, gelang es mir, ihr das Projekt „Lebenserinnerungen“ schmackhaft zu machen. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon 83, zwar schon ziemlich gebrechlich mit Rollator unterwegs, aber geistig noch völlig klar im Kopf. Solange das noch so war, wollte ich, dass sie das aufschreibt, woran sie sich noch erinnert. Nicht mehr und nicht weniger.
So setzte sie sich an den Computer und fing an zu schreiben.
Ihr Text endet mit dem Beginn ihrer glücklichen Zeitungsjahre, 1949. Damals fing sie ein Volontariat bei der „Hannoverschen Presse“ an. Es war vielleicht die schönste Zeit in ihrem Leben, sie und mein Vater heirateten 1950. Ihre Ehe wurde, wie vor dem Traualtar feierlich versprochen, erst mit dem Tod meines Vaters geschieden. Nach 61 Jahren.
Je näher meine Mutter ihrem Tod kam (sie starb kurz vor ihrem 91. Geburtstag im Januar 2019), desto mehr war klar, dass sie ihre Erinnerungen nicht weiterschreiben würde. Sie baute ab, körperlich und auch geistig, die Dinge entglitten ihr. Schwer setzte ihr die Gewissheit zu, dass „der Kopf nicht mehr mitmacht“, auf den sie ihr ganzes Leben lang so stolz gewesen war. Das, was sie bei noch klarem Erinnerungsvermögen aufgeschrieben hatte, habe ich nach ihrem Tod aus ihrem Computer „gerettet“. Den Text habe ich nur behutsam redigiert – einige Doppelungen entfernt, ansonsten aber abgesehen von Tippfehlern und wenigen stilistischen Dingen nichts verändert.
Wo es mir ratsam erschien, habe ich einige ergänzenden Anmerkungen in Form von Fußnoten eingefügt, ebenso sind die Unterschriften der Bilder von mir. Die Aufnahmen stammen aus ihrem privaten Fotoalbum. Manchmal frage ich mich, warum meine Mutter nie das Bedürfnis hatte, sich ihre Kriegserlebnisse schon früher von der Seele zu schreiben. Viele ihrer Generation haben das getan – aber vielleicht war gerade das der Grund, warum sie es unterließ.
Viele haben diese Zeit verdrängt; auch mein Vater, der schon im Mai 1940 in britische Kriegsgefangenschaft geriet und den Rest des Krieges in einem kanadischen Lager verbrachte. Darüber sprach er nie. Nur ein einziges Mal gab er mir darüber Auskunft, in den 90er Jahren. Meine Mutter lag nach einer Augenoperation im Krankenhaus, er und ich saßen allein zuhause in unserem Wohnzimmer, ich holte eine Flasche Wein aus dem Keller und brachte ihn dazu, mir etwas über diese Zeit zu erzählen. Lange und ausführlich. Es war das einzige Mal.
Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser, natürlich und vor allem auch aus der jüngeren Generation – nicht zuletzt auch als Warnung, was Krieg und Nazizeit in der Realität bedeutet haben.
Albrecht Piper – Februar 2021
Kurzes Glossar der im Text erwähnten Orte:
Kirchrode: früher eigenständiges Dorf, seit 1907 Stadtteil von Hannover
Eilenriede: Stadtwald im Zentrum von Hannover
Hemmendorf (Geburtsort meiner Mutter): in der Nähe von
Hameln/Pyrmont, ca. 45 km südlich von Hannover
Sarstedt: Kleinstadt ca. 20 km südöstlich von Hannover
Giften: Dorf, ca. 4 km südlich von Sarstedt
An einem Märztag 1937 goss es morgens wie aus Kübeln, als ich zur Schule gehen wollte. Ein Regentag ist nichts Besonderes. Verrückt ist nur, dass dieser Regentag unbemerkt und auf ganz alltägliche Art eine Weiche für mein ganzes Leben umlegte.
An diesem Morgen also stand ich auf meinen dünnen neunjährigen Beinen in unserer Haustür in der Metzer Straße in Hannover-Kirchrode und hielt durch den Regenvorhang Ausschau nach Gisela und Ingrid, den beiden Nachbarskindern, mit denen ich gemeinsam zur Schule pilgerte.
Normalweise bekamen wir Kinder aus dem schulfernen Viertel bei Regenwetter einen „Groschen“ für die Straßenbahn, das waren zehn Pfennig, Gegenwert von zwei „Schiffchen Eis“. Aber Ingrids Vater hatte schon ein Auto, das einzige in unserer kleinen Straße. Bei schlechtem Wetter fuhr er uns meist zur Schule. An diesem Regentag war er früher als üblich abgefahren. Mich hatte er einfach stehen lassen. Wertvolle Zeit verging mit Warten, trotz Straßenbahn kam ich zu spät zur Schule, viel zu spät, den Tränen nahe.
Die Verspätung wurde mir ohne Aufhebens verziehen, aber der stolze Autobesitzer verkündete am nächsten Tage: „Das kann eben passieren. Schließlich habe ich es ja nicht nötig, dich zur Schule zu fahren.“ Ich fand das „richtig gemein“, stillschweigend vor der Zeit abzufahren. Darum hatte seine Bemerkung Nachwirkungen, von denen später die Rede sein wird.
Von der Nazizeit merkten wir Kinder in den ersten Jahren wenig. Es stellte sich aber heraus, dass in unserer kleinen Straße mit knapp zwei Dutzend Häusern zwei erklärte Nazis wohnten, einer direkt neben uns, der bald "Blockwart" wurde, und einer schräg gegenüber, dessen Frau selbst im Badeanzug ihr Mutterkreuz umhängen hatte. Mit diesem Nachbarn, einem Herrn Henke, hatte ich 1936 ein die neuen Tatbestände beleuchtendes Erlebnis:
Ich, acht Jahre alt, begegnete ihm und sagte: „Guten Morgen, Herr Henke.“ Er rief mich zurück. „Wie heißt das?“
„Guten Morgen, Herr Henke. Hab ich aber gesagt.“
„Das heißt Heil Hitler.“
„Ach so. Mein Vater hat gesagt, zu Nachbarn brauchte ich das nicht zu sagen.“
„Zu wem denn?“
„Na, zu Leuten, die ich nicht kenne.“
Tatsächlich stellte Henke, Lehrer wie mein Vater, seinen Kollegen daraufhin zur Rede. Mein Vater konnte ihn abwimmeln. „Warum erzählen Sie mir das? Elisabeth ist acht Jahre alt. Wollen Sie ein großes Gewese anstellen um das, was ein achtjähriges Kind sagt?“
Der Nachbar machte dann tatsächlich kein „Gewese“. Weil er nämlich dauernd unsern Rasenmäher lieh, sagten meine Eltern, und überhaupt oft um nachbarliche Gefälligkeiten ersuchte. Die wollte er sich nicht verscherzen. Unser Vater konnte oft seinen Mund nicht halten, aber die gebotene Vorsicht lernten wir, auch ich. Zum Beispiel sagte man in unserm Garten manches lieber nicht, denn nebenan wohnte der Blockwart, Herr Herwig, der zweite straffe Nazi in der Metzer Straße.
Vorgriff: Als es nach dem Kriege die „Entnazifizierung“ gab, war mein Vater Vorsitzender in einer der vielen Kommissionen, die von der Militärregierung und der noch provisorischen neuen deutschen Verwaltung gebildet worden waren. Nachbar Henke kam sehr demütig zu ihm und wollte lieber Kommunist gewesen sein. Er bat, ein gutes Wort für ihn einzulegen.
Mein Vater sagte: „Sie wissen doch selbst, dass Sie fanatischer Nazi waren. Ich kann allenfalls sagen, dass Sie meines Wissens keine verbrecherischen Taten auf dem Gewissen haben“. Als „Mitläufer“ kam Henke davon. Er und seine Super-Nazi-Frauenschafts-Ehefrau hatten hinfort nie wieder eine große Klappe.
Wir waren während der Nazizeit offen befreundet mit einer alten Dame namens Martha Hoff, einer verwitweten Nachbarin, die aus ihrer Abneigung gegen die Nazis kein Hehl machte. Ihre Tochter Ursel und ihr Mann, ein jüdischer Wissenschaftler, waren schon 1934 in die USA ausgewandert. Nachbar Henke und seine Frau nannten Frau Hoff "die Judenmutter", ließen sie das auch gern hören. Aber die überwiegend Nicht-Nazi Nachbarschaft, dazu der treue Freund der Familie, Dr. Röder, Direktor der Wilhelm-Raabe-Schule, in der Ursel Hoff Abitur gemacht hatte, konnten gemeinsam die Hand über sie halten.
1937 kam Tochter Ursula mit ihrem kleinen Sohn (aber vorsichtshalber ohne ihren Mann) noch einmal nach Deutschland, um "Omili" in die USA zu holen. Es ging der Familie dort sehr gut. Mit offenen Armen war das junge Ehepaar in Princeton aufgenommen worden. Beide spielten sehr gut Geige und waren sofort in musikalischen Freundeskreisen willkommen. Aber unsere Nachbarin war der festen Meinung, „das mit Hitler“ könne nicht lange dauern. Sie wollte ihr Haus nicht verlassen, um es ganz sicher als Erbschaft für die junge Familie zu erhalten. Und sie hing an Hannover, wo ihr Mann ein stadtbekannter angesehener Arzt gewesen war und wo sie sich beschützt fühlte.
Diese Entscheidung war verhängnisvoll, denn 1939 begann der 2. Weltkrieg. Über Mittelsmänner in der Schweiz blieb ein vorsichtiger Briefwechsel erhalten, so dass die Mutter wusste, wie gut es der jungen Familie in der Universitätsstadt Princeton ging. Tochter und Schwiegersohn durften sofort lehren.
Die Mutter in Deutschland stand sozusagen unter dem Schutz der Nachbarschaft, in der es außer den Nachbarn Henke und Herwig nur noch einen Nazi gab, einen missmutigen, unscheinbaren Mann, der nicht ganz ernstgenommen wurde. Als zum ersten Mal auch in unserer Straße Bomben gefallen waren, ging trotz aller Vorsicht der Zorn mit unserer alten Nachbarin durch. Sie rief dem Nazi Henke vom Balkon den Satz ins Gesicht: "Das habt ihr nun von eurem geliebten Adolf, bedankt euch bei dem!" Der Nachbarschaft gelang es, die Wogen zu glätten.
Martha Hoff starb in der Bombenzeit im Henriettenstift an Lungenentzündung. Ich konnte sie ganz zuletzt noch einmal besuchen und ihr zwei Einmachgläser mit Obst aus unserem Garten bringen. Sie lag im Luftschutzkeller, Tag und Nacht in schrecklicher Luft, wie alle Patienten, die nicht selbst Treppen gehen konnten. Antibiotika gab es noch nicht. Sie hatte keine Chance, ihre Lieben wiederzusehen.
Grundschulen hießen damals einfach „Volksschule“, sonst waren sie namenlos. Unsere war alt, aus dunkelrot glänzenden glasierten Backsteinen kunstreich gemauert, mit dezenten eisernen Verzierungen und schönen Sprossenfenstern. Innen hatte sie knarrende Holztreppen und Ofenheizung. Sie wirkte gleichzeitig stolz und gemütlich. Heute stünde sie wahrscheinlich unter Denkmalschutz. Als sie in den Wirtschaftswunder-Jahren abgerissen wurde, erregte das kein Aufsehen.
Die Schule lag unmittelbar am schönen Tiergarten in Kirchrode. „Ganz oben im Dorf“ hieß diese Gegend an der Grenze zu Anderten. Oben? Na ja, unser Schulweg ging tatsächlich die Hälfte der Strecke leicht bergauf. Das war für kleine Stadtkinder immerhin eine gute halbe Stunde Fußweg mit Schulranzen, morgens und mittags. Aber das war nicht das Problem.
Der Weg zog sich meist noch länger hin, weil wir selten einträchtig wanderten. Vor allem auf dem Heimweg hatten wir keine Eile mehr und zankten uns, zwei gegen eine, in wechselnder Koalition. Einig waren wir nur, wenn wir den steinharten Stiefeln eines sehr flinken, sehr frechen Knirpses ausgesetzt waren, der mit Vorliebe gegen Schienbeine trat.
Es fand sich eine schnelle Lösung aller Schulwegkonflikte, deren Folgen für meinen Lebenslauf damals nicht zu erahnen waren. Gerade war eine brandneue Regelung bekannt geworden, dass von der Grundschule empfohlene „geeignete Kinder“ schon nach drei statt nach vier Jahren auf die sogenannte „Höhere Schule“ wechseln könnten.
Meine Eltern fanden das gut. Dann wäre doch Schluss mit dem Schulweg-Gezanke, und mit dem rabiaten Knirps und seinen steinharten Stiefelspitzen hätte ich auch nichts mehr zu tun. Dieser Gedanke gefiel mir. Außerdem könnte meine acht Jahre ältere Schwester zwei volle Jahre ein Auge auf mich haben, da wir ja denselben Schulweg zur Wilhelm Raabe-Schule haben würden, mit halbstündiger Straßenbahnfahrt. Unsere Eltern fanden diesen Gesichtspunkt besonders günstig.
Bei meiner großen Schwester und mir war die Begeisterung für diesen Teil der Aussicht allerdings eher gedämpft. Ich fand, den Weg zur Schule fände ich schon allein, und sie hatte keine Lust, auf mich aufpassen zu müssen, auch „keine Zeit“, da sie doch gerade „Unterprima“ und „Oberprima“ vor sich hatte. Das klang sehr erwachsen und beeindruckte mich.
Die Straßenbahnfahrt legte ich sofort allein zurück. Ich nahm einfach eine Bahn früher als meine Schwester, die stets in letzter Sekunde, eine Minute vor Torschluss, am Schulhoftor eintraf. Wer zu spät kam, musste am Lehrereingang klingeln und wurde vom Schulvoigt streng ermahnt.
1937 hatten alle Oberschulen noch neun Jahrgänge. „Sexta, Quinta, Quarta“ war die Unterstufe für das kleine Gemüse. In "Unter- und Obertertia" galt man als älteres Schulkind schon mehr. Ab "Untersekunda" endete die Schulpflicht. In den letzten, nun kleineren Klassen (Unter- und Oberprima) wurde ernsthafte Arbeit für das Abitur erwartet. Damals war die Wilhelm Raabe-Schule noch eine reine Mädchenschule. Koedukation gab es damals nur in der Volksschule, nicht in Gymnasien.
Bald nach Kriegsbeginn wurde die Untersekunda „reichseinheitlich“ abgeschafft. Wir sprangen direkt in die Obersekunda, in der man als erwachsen galt. Ab Obersekunda siezten uns die Lehrer, auch mich, obwohl ich die Jüngste war.
Die Jugend sollte nicht so lange zur Schule gehen, sie wurde für den geplanten Krieg gebraucht. Weil ich also 1937, ein Jahr früher als mein Jahrgang, auf das Gymnasium wechselte, und nur deshalb, endete meine Schulzeit im irren Kriegsherbst November 1944 mit einem „Notabitur“, als ich 16 Jahre alt war.
Ab 1938 wurde die Zugehörigkeit Pflicht. Mit 10 Jahren wurden alle Kinder einfach vereinnahmt, ob die Eltern es wollten oder nicht. Mädchen wurden "Jungmädel", Jungen wurden "Pimpfe". Meine große Schwester war 1938 schon 18 und kam mit ein paar Monaten BDM davon, dann musste sie ins Eichsfeld und in einem Dörfchen namens Immingerode1, das sie nicht gerade vorteilhaft beschrieb, ihren Arbeitsdienst ableisten.
Die Hitlerjugend bzw. der „Bund Deutscher Mädel“ blockierte durch sogenannten „Dienst“ zwei Nachmittage in der Woche, mittwochs und leider auch sonnabends, oft zusätzlich auch noch den Sonntagmorgen. Da mussten wir zu Ereignissen "antreten" (so der Ausdruck für jeden Extradienst), bei denen Hitlerjugend zu sehen sein sollte. Das Lästigste daran war, dass wir entsetzlich lange vor einem Termin in der Stadt oder sonstwo zum Sammeln für die gemeinsame Fahrt bestellt wurden. Ich weiß noch, dass einmal Hitler in einem Zug an Hannover vorbeirollte. Wir säumten stundenlang, natürlich in "Kluft", seine Bahnstrecke, damit wir 20 Sekunden mit Fähnchen winkten.
Wir trugen zum Dienst "Kluft", so hieß die Uniform: weiße Bluse, dunkelblauer Rock, ein kurzes, senffarbenes Jäckchen, dazu ein schwarzes Halstuch, das von einem aus Lederstreifen geflochtenen "Knoten" zusammen gehalten wurde. Weiße Söckchen oder weiße Kniestrümpfe waren Vorschrift. „Führerinnen“ trugen farbig gedrehte Kordeln in unterschiedlichen Farben an ihrem ledernen "Knoten", die ihren Rang zeigten. Der unterste war "Schaftführerin", erkennbar an der rot-weißen Kordel. Alles andere habe ich vergessen.
Vergessen habe ich auch, wie wir uns "in Kluft" gegen winterliche Temperaturen schützen durften. Erlaubt war ein gestricktes "Berchtesgadener Jäckchen", das unter der gelben Jacke noch Platz hatte. Erlaubt waren auch lange Strümpfe, denke ich, aber darin wurde man unter Umständen schon mitleidig angeguckt.
Nicht vergessen habe ich: Im Winter gab sogenannte „Heimabende“, die aber nachmittags stattfanden. Da wurde gebastelt, gespielt und gesungen, Volkslieder und Kanons. Später kam "Schulung" dazu, die meiner Erinnerung nach grausam langweilig war und vermutlich deshalb glücklicherweise kaum ins Gehirn drang.
