Der braune Koffer - Christel Riepe - E-Book

Der braune Koffer E-Book

Christel Riepe

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Beschreibung

Beim Sichten des Nachlasses taucht ein alter brauner Koffer auf. Er sieht schon recht schäbig und abgenutzt aus, seine Beschläge sind verrostet und die Schlösser klemmen. Er ist für normale Zwecke nicht mehr zu gebrauchen. Offensichtlich ein Fall für die Müllabfuhr? Auf gar keinen Fall! Beim Öffnen sieht Annegret, dass der alte Koffer voller Briefe und Dokumente ist. Es sind die Briefe ihrer Eltern, die sich im Krieg täglich geschrieben haben. Nun ist ihr Interesse geweckt. Der Koffer samt Inhalt kommt nicht auf den Müll. Mit Hilfe der Briefe und mit der Erinnerung an die vielen Erzählungen ihrer Mutter entsteht so noch einmal die Lebensgeschichte der Anneliese Grosse.

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Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Autorinnen-Info

Zwei Frauen erzählen vom Leben der Anneliese Grosse. Beide tragen auf ihre Art zur Entstehung dieses Buches bei.

Annegret Eggers lieferte stichwortartig die Ereignisse aus dem Leben ihrer Mutter. Dann tippte sie die alten Briefe ab.

Christel Riepe formulierte daraus die Lebensgeschichte der Anneliese Grosse. Ohne die Briefe und ohne die alten Erzählungen, an die sich Annegret Eggers noch gut erinnerte, hätte dieses Buch nicht entstehen können.

Inhalt

Vorwort

Der braune Koffer

Erster Teil

Annelieses Eltern und Großeltern

Kindheit

Rügen

Krankheit und Tod

Die Jahre in Droyßig

Krankenschwester

Fräulein Hermann

Die Halbschwester

Dr. Meyer

Zweiter Teil

Die Zeit in Frankreich

Cherbourg

La Rochelle

Heirat

Liegnitz

Liegnitzer Briefe: November 1944 – 27.1.1945

Flucht

Hamburger Briefe: 16.2.45 – 22.4.45

In der neuen Unterkunft

Alte und neue Kontakte

Wangerooge

Versorgungslage

Das Ende des Krieges naht

Briefe, die nicht abgeschickt wurden: 3.5.1945 – 29.6.1945

Annelieses Briefe

Arndts Briefe

Dritter Teil

Nachkriegszeit

Das Leben normalisiert sich – Es geht aufwärts!

Ausklang

Danksagungen

Vorwort

Der braune Koffer

»Guck mal, was ich hier habe!«

Jutta hielt einen alten braunen Koffer hoch.

»Den werfen wir weg,« meinte sie. »Der wird aussortiert und kommt auf den Müll. Was sollen wir mit dem alten Ding!? Der ist so schäbig, den kann niemand mehr gebrauchen.«

Jutta und Annegret waren dabei, den Nachlass ihrer verstorbenen Mutter durchzusehen.

»Und was ist mit dem Inhalt? Der Koffer ist doch voller Briefe!« wandte Annegret ein. »Sollten wir sie nicht vorher ansehen?«

»Ach was! Weg damit! Wozu soll der alte Kram gut sein! Wer soll die alten Dinge denn heute noch lesen? Das interessiert doch keinen.«

Wenn es nach Jutta gegangen wäre, dann hätte sie den Koffer zu den Sachen gestellt, die zum Müll gebracht werden sollten, ohne auch nur einen Blick auf den Inhalt zu werfen.

Aber Annegret mochte ihrer Schwester nicht so schnell zustimmen. Irgend etwas hielt sie davon ab, den alten braunen Koffer einfach sang- und klanglos zu entsorgen. Sie dachte daran, wie ihre Mutter das alte Teil mitsamt seinem Inhalt all die Jahre hindurch aufbewahrt und gehütet hatte. Für ihre Mutter hatten der Koffer und sein Inhalt eine große Bedeutung gehabt.

Annegret erinnerte sich daran, dass sie ihre Mutter einmal gefragt hatte, was denn in dem Koffer enthalten sei, ob es wichtige Dinge wären.

Ihre Mutter hatte gelächelt und winkte ab:

»Ach, das sind nur alte Briefe und ein paar alte Papiere. Wenn ich eines Tages nicht mehr da bin, kannst du sie ja einmal lesen – falls du das möchtest.«

Daran musste Annegret denken, und für sie stand es fest, dass der Koffer mit seinem Inhalt nicht auf dem Müll landen sollte. Sie öffnete die alten Schlösser und warf einen kurzen Blick in den Koffer. Er war randvoll mit Briefen und Schriftstücken, die völlig ungeordnet durcheinander lagen.

Es wäre ihr unangenehm gewesen, jetzt in den alten Briefen zu lesen. Der Tod ihrer Mutter lag erst einige Tage zurück, und es wäre ihr wie die Verletzung der Privatsphäre ihrer Mutter vorgekommen, wenn sie jetzt ihre Briefe gelesen hätte.

Schnell schloss sie den Koffer wieder und brachte ihn erst einmal in ihre Abstellkammer. Um den Inhalt würde sie sich später kümmern.

Das Haus ihrer Eltern wurde leergeräumt. Es sollte für die nächsten Jahre vermietet werden.

Nach einigen Jahren beschlossen Annegret und ihr Mann Jan, ihr Haus in Barsbüttel zu verkaufen und in Annegrets Elternhaus nach Hamburg-Volksdorf zu ziehen.

Bei den Vorbereitungen für den Umzug fiel Annegret der alte braune Koffer in die Hände. Sie hatte in all den Jahren nicht mehr an ihn und an die Briefe gedacht.

Selbstverständlich machte der Koffer den Umzug mit; er zog zurück in das Haus, das ihr Vater damals für seine Familie gebaut hatte, und in dem ihre Eltern mit ihren Kindern gelebt hatten.

Aber der alte Koffer wurde wieder in einer Abstellkammer untergebracht, ohne geöffnet zu werden. Er war aus dem Blickfeld verschwunden und geriet in Vergessenheit.

Es dauerte weitere drei Jahre, bis sich Annegret dazu entschloss, den Koffer zu öffnen und sich den Inhalt genauer anzusehen. Den Anstoß dazu gab eine alte Nachbarin, die mit ihrer Mutter befreundet gewesen war.

Bei einem zufälligen Treffen erzählte die Nachbarin von alten Briefen, die seit Jahren auf ihrem Hausboden gelegen hatten.

Daraufhin fiel Annegret der braune Koffer ein. Sie erzählte ihrer Nachbarin von dem alten Koffer, der voller Briefe war.

»Die Briefe sollten Sie unbedingt lesen!« riet ihr die Nachbarin. »Das hätte Ihre Mutter bestimmt auch gewollt!«

Seit dem Tod ihrer Mutter waren mittlerweile achtzehn Jahre vergangen.

Dieses Mal hatte Annegret kein ungutes Gefühl, als sie den Koffer öffnete, um nach den Briefen zu sehen. Sie dachte dabei auch an die Worte ihrer Mutter:

»Wenn du möchtest, kannst du sie ja später einmal lesen.«

Darin lag die Erlaubnis, ja, vielleicht sogar der Wunsch, dass jemand die alten Briefe lesen möge, und so noch einmal Einblick erhielt in Anneliese Grosses Leben.

Für Annegret stand es fest: Die Briefe sollten auf keinen Fall in Vergessenheit geraten und womöglich ungelesen entsorgt werden. Sie hatten zum Leben ihrer Mutter gehört, sie waren ihr so wichtig gewesen, dass sie sie durch die Wirren der Flucht und durch die schwere Nachkriegszeit gerettet hatte. Andere Flüchtlinge hatten vielleicht das Tafelsilber eingepackt – für ihre Mutter waren neben einigen praktischen Sachen ein Stapel Briefe und ein paar Fotos am wichtigsten gewesen.

Annegret war überrascht davon, wie viele Schriftstücke der Koffer enthielt: Die Briefe ihrer Mutter Anneliese, die Briefe ihres Vaters Arndt und andere Papiere lagen ungeordnet durcheinander. Annegrets Interesse an den alten Briefen war geweckt, aber das Lesen verschob sie vorläufig auf einen späteren Zeitpunkt.

Der Gedanke, die Lebensgeschichte ihrer Mutter aufzuschreiben, kam bei einer Unterhaltung mit einer Freundin. Die beiden Frauen sprachen über vergangene Zeiten und darüber, dass viele Leute ihre Erinnerungen aufschrieben.

Dabei dachte Annegret an die Ereignisse, die ihre Mutter ihr im Laufe der Jahre erzählt hatte.

»Das sind Erlebnisse, die könnte man auch einmal aufschreiben!« äußerte sie spontan. »Schade, dass mir so etwas nicht liegt«, fügte sie noch hinzu.

Dann erzählte sie ein paar Begebenheiten aus dem Leben ihrer Mutter.

»Das hört sich ja interessant an. Wenn du möchtest, schreibe ich dir die alten Geschichten auf. Du müsstest mir nur die Informationen geben«, meinte ihre Freundin.

Das wollte Annegret gerne tun.

So entstand die Idee, die Lebensgeschichte ihrer Mutter Anneliese Grosse aufzuschreiben. Der Plan begeisterte Annegret und ihre Freundin immer mehr. Es würde viel zu tun geben, um den großen Stapel der Briefe zu sichten und aufzuarbeiten. Aber die beiden Frauen waren zuversichtlich, dass sie es schaffen würden. Sie hatten keinen Termindruck und machten sich an die Arbeit.

Schnell wurde ein grundsätzliches Problem deutlich:

Wie sollte die Lebensgeschichte erzählt werden? Einerseits war da der große Stapel Briefe mit der Liebesgeschichte von Anneliese und Arndt, die im Mittelpunkt stehen sollte. Andererseits gab es in Annelieses Kindheit und Jugend viele Ereignisse, die durchaus interessant und erwähnenswert waren. Sie hatten eine große Bedeutung in ihrem Leben gehabt und sollten deshalb nicht verschwiegen werden.

Womit sollte man also beginnen?

Am sinnvollsten erschien es, die Geschichte in drei Abschnitte zu teilen:

Erster Teil: Annelieses Familie, ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Ausbildung und die Arbeit in ihrem Beruf.

Zweiter Teil: Die Liebesgeschichte und die Briefe.

Dritter Teil: Das Leben nach dem Krieg.

Bevor die beiden Frauen anfingen, die Briefe aus dem braunen Koffer zu lesen, sortierten sie die Papiere in drei Stapel:

Annelieses Briefe, Arndts Briefe, restliche Papiere.

Dann ordneten sie die Briefe nach ihrer zeitlichen Abfolge. Nachdem sie alle Papiere sortiert und eingeordnet hatten, ließen sie die drei Stapel erst einmal ruhen. Ehe sie sich dem Inhalt der Briefe zuwandten, sollte Annelieses Leben erzählt werden, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Briefe begannen; denn vieles aus ihrem späteren Leben versteht man besser, wenn man die alten Geschichten kennt.

Zu den Ereignissen aus dem Leben ihrer Mutter lieferte Annegret stichwortartig die Fakten, und ihre Freundin fasste alles in Worte.

Aus den vielen Erzählungen, an die sich Annegret noch gut erinnerte, und aus den Briefen ihrer Eltern entstand so noch einmal die Lebensgeschichte ihrer Mutter Anneliese Grosse.

Sie beginnt mit dem, was Annegret noch über die Eltern und Großeltern ihrer Mutter erfahren hatte. Danach folgen Ereignisse aus der Kindheit ihrer Mutter, aus den Zeiten ihrer Ausbildung und ihrer Arbeit als Krankenschwester.

Einen großen Raum nehmen die Briefe ein, die sich ihre Eltern täglich schrieben.

Ihre Mutter und ihr Vater haben sich vom November 1944 bis zum 13.7.1945 jeden Tag geschrieben. Sie teilten sich die kleinen und die großen Ereignisse mit, die im täglichen Alltag anfielen:

Die Schwierigkeiten, sich mit Lebensmitteln oder Medikamenten zu versorgen, die Einkäufe über Bezugsscheine.

Welcher Glücksfall ein warmes Zimmer war, in dem bitterkalten Winter.

Die geselligen Treffen mit Freunden und Verwandten, die Freude über den gemeinsamen Sohn.

Die seltenen glücklichen Momente, wenn sie miteinander telefonieren konnten.

Ihre Liebe zueinander und die Sehnsucht, sich wieder zu sehen.

Die Angst vor den Auswirkungen des Krieges und die Sorge, die kriegerischen Geschehnisse heil zu überstehen.

Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges und auf einen gemeinsamen Neuanfang.

Anfangs ging Annegret mit etwas gemischten Gefühlen daran, die Briefe ihrer Eltern zu lesen, besonders als ihr bewusst wurde, dass sie hier die Liebesbriefe ihrer Eltern in der Hand hatte und nicht die Briefe irgendwelcher anderen Leute.

Aber dann geschah etwas Merkwürdiges:

Die beiden Briefeschreiber waren für sie mit einem Mal nicht mehr »Mutti und Vati«. Sie sah die beiden immer mehr aus einer gewissen Distanz, so wie man auf die Geschichten lieber Freunde blickt. Bald waren die beiden für sie nur noch »Arndt und Anneliese«, zwei junge Menschen, die sich liebten, und die in einer schweren Zeit zueinander hielten.

Die Briefe, die sich Arndt und Anneliese täglich schrieben, hoben beide ab November 1944 auf. Einige Briefe sollen in vollem Wortlaut aufgeführt werden; es würde jedoch den Rahmen dieser Aufzeichnungen sprengen, wollte man alle Briefe wiedergeben. Denn oft wiederholten sich auch die Themen, über die geschrieben wurde. Deshalb soll versucht werden, einige Inhalte unter bestimmten Gesichtspunkten zusammenzufassen. Das trifft besonders auf die Hamburger Briefe zu.

So oft es sich anbietet, sollen kurze und auch längere Texte in ihrem ursprünglichen Wortlaut zitiert werden. Passagen und Ausdrücke, die wörtlich übernommen wurden, sind kursiv geschrieben. Dabei wurde die Rechtschreibung den heutigen Regeln angepasst.

Arndts Briefe ließen sich gut lesen, da er die allgemein bekannte lateinische Ausgangsschrift verwendete.

Dagegen stellten Annelieses Briefe anfangs ein schier unlösbares Problem dar. Ihre altdeutsche Sütterlin-Schrift mit den ganz persönlich veränderten Buchstaben schien völlig unleserlich zu sein.

War diese Schrift überhaupt zu entziffern? Sollte man in einer Senioren-Anlage nachfragen, ob ein paar alte Herrschaften die Briefe lesen konnten?

Aber Arndt hatte offensichtlich alles gut lesen können. Wie sehr musste er seine Frau geliebt haben, dass er diese Schrift entziffert hat, denkt man beim Anblick von Annelieses Briefen.

Irgendwie und irgendwann fand sich dann doch ein Zugang zum Verständnis des Geschriebenen. Das Entziffern von Annelieses Briefen war zwar noch immer mühsam, aber es wurde mit jedem Brief etwas leichter.

Es war erstaunlich, wie lange der Brief-Verkehr trotz der massiven Kriegseinwirkungen funktionierte. Das Reich brach zusammen, die Städte fielen in Trümmer, die Fronten kamen näher und näher – aber die Post wurde geliefert, wenn auch oft mit Verspätung.

Arndts Briefe an seine Frau beginnen fast immer mit

»Meine allerliebste, süße Anneliese«,

während Anneliese öfter die Anrede wechselt:

»Mein geliebter, guter Arndt«,

»Mein allerliebster, guter Arndt«,

»Mein über alles geliebter Arndt«,

»Mein innigst geliebter Arndt«,

»Mein kleiner, lieber Mustergatte«.

Manchmal wird Arndt auch als ‘Büberchen’ angeredet:

»Mein geliebtes, allerbestes Büberchen« und so ähnlich.

Von den Briefen, die noch erhalten sind, beginnen Annelieses Briefe am 21. Dezember 1944, Arndts erster Brief datiert vom 19.11.1944, sein nächster Brief ist vom 4.1.1945.

Aus Annelieses Briefen geht aber hervor, dass sie sich beide regelmäßig geschrieben haben.

Erster Teil

Annelieses Eltern und Großeltern

Über Annelieses Eltern und Großeltern ist insgesamt recht wenig bekannt. Aber einige Einzelheiten aus dem Leben der Familienmitglieder geben einen Einblick in die damalige Zeit und werfen ein Licht auf die beteiligten Personen. Einige Lebensdaten erfährt man aus den alten Dokumenten.

Annelieses Vater Alfred Walter Grosse wurde am 1. Februar 1876 geboren, sein Rufname war Walter. Er wuchs in einer evangelischen Pastoren-Familie in Berlin auf. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts Näheres bekannt, bis auf eine besondere Begebenheit:

Da sitzt ein kleiner Knirps, etwa drei Jahre alt, auf dem Schoß eines älteren Herrn. Das wäre eigentlich keine erwähnenswerte Sache, so etwas geschieht täglich tausendfach.

Aber das hier ist etwas Besonderes, denn der Knabe sitzt nicht auf irgendeinem Großvater-Schoß. Der ältere Herr ist nämlich der Kaiser von Deutschland, und das Kind auf seinem Schoß ist niemand anderes als der kleine Walter Grosse.

Der kleine Junge ist lebhaft und schaut sich fröhlich um:

Wo ist er denn hier gelandet? Welche merkwürdigen Glitzerstücke hängen an der Jacke des vornehmen alten Herrn? Sie pieksen, wenn man sie anfasst.

Wo ist die Mama, wo ist der Herr Vater, der ihn hier abgesetzt hat?

Da sind sie ja, sie lachen, sie strahlen stolz und glücklich, sie sehen ihren Sohn an und nicken den Umstehenden zu:

»Seht her, das ist unser Sohn Walter, er sitzt auf des Kaisers Schoß! Welche Ehre!«

Man beglückwünscht die stolzen Eltern:

»Herr Pastor Grosse, verehrte Frau Pastor, ihr Sohn ist wahrlich ein Glückspilz!«

Leider ist nicht überliefert, wann genau und bei welcher Gelegenheit es zu diesem denkwürdigen Ereignis kam.

Ob der lebhafte Kleine wohl versucht hat, dem Herrn Kaiser einmal an seinen Zwirbelbart zu fassen? Kleine Kinder kommen ja manchmal auf ganz überraschende Ideen.

Wahrscheinlich hat Walter als kleiner Knirps noch gar nicht gewusst, welche große Ehre es war, auf diesem hochherrschaftlichen Schoß sitzen zu dürfen.

Aber seine Familie wusste es zu würdigen. Es war ein so wichtiges Ereignis, dass man allen Leuten die Geschichte von dem kleinen Walter erzählte, der auf dem kaiserlichen Schoß sitzen durfte. Überall und immer wieder wurde diese Begebenheit voller Stolz erwähnt.

Man stelle sich vor:

Der kleine Walter auf des Kaisers Schoß! Nicht jedem wurde solch eine Gunst gewährt!

Natürlich bekam auch der heranwachsende Junge recht oft zu hören, was für ein Glückspilz er als kleines Kind gewesen war. Wem wurde denn schon die Ehre zuteil, auf des Kaisers Schoß sitzen zu dürfen! Nicht nur Walters Eltern waren darüber überaus glücklich und stolz, auch die gesamte Verwandtschaft fühlte sich geehrt.

Immer wieder, bei allen Begegnungen mit Bekannten und Verwandten wurde dieses Ereignis erwähnt, so dass Walter in dem Bewusstsein aufwuchs, etwas Besonderes zu sein.

Sein Leben lang war er stolz darauf, dass er als kleiner Junge auf dem Schoß des Kaisers sitzen durfte, wenn auch nur für wenige Minuten.

Walter revanchierte sich für diese Ehre mit lebenslanger Treue zum deutschen Kaiserhaus.

Er wuchs heran und wurde ein überzeugter Preuße. Für die Leistungen der preußischen Könige, die aus den mageren märkischen Böden durch Geschick und Taktik einen stabilen, funktionierenden Staat schufen, empfand Walter große Hochachtung. Aber er bewunderte nicht allein ihre staatsmännischen Erfolge, sondern er respektierte und achtete auch die Tugenden, die dem preußischen Staatswesen innewohnten:

Pflichtgefühl, Fleiß, Redlichkeit, Pünktlichkeit waren nur einige der preußischen Ideale, die für ihn zum Bild eines vernünftigen, ehrlichen Mannes gehörten.

Walters Vater war Pastor, er kam also aus einem guten Elternhaus. Von Beruf war Walter Chemiker. Er war stolz darauf, Akademiker zu sein, und sein Studium mit einem Diplom abgeschlossen zu haben. Er bedauerte es insgeheim, keinen Doktortitel zu besitzen, den er seinem Namen hätte voranstellen können. Aber eine Promotion im Anschluss an das lange Studium wäre zu zeitaufwendig gewesen. Deshalb nahm Walter einen gut bezahlten Posten an, startete seine berufliche Karriere in der Wirtschaft und machte sich ans Geldverdienen.

Walters ältere Brüder hatten schon Jahre vor ihm geheiratet und hatten Familien gegründet. Die Ehe des einen Bruders war kinderlos geblieben, aber aus der Ehe des anderen Bruders gingen zwei Mädchen hervor. Zu seinen beiden Nichten war Walter äußerst galant und beschenkte sie immer reichlich.

Er war überhaupt sehr beliebt bei den Damen, denn er verstand es blendend, ihnen Komplimente zu machen und eine charmante Konversation zu führen. Ob die Damen jung waren oder schon etwas reifer – Walter machte ihnen den Hof, wie man damals so schön sagte.

Aus heutiger Sicht hätte ein kritischer Betrachter vielleicht eingewandt, Walter raspelte Unmengen Süßholz, um die Damenwelt zu beeindrucken. Aber damals hatte er mit seiner Methode Erfolg. Er war bei gesellschaftlichen Ereignissen ein gern gesehener Gast. Nicht nur die Damen schätzten seine Gesellschaft und die gepflegte Unterhaltung mit ihm, auch die Herren fanden den Umgang mit ihm sehr angenehm.

Walter legte großen Wert auf beste Umgangsformen, die »richtigen Manieren« waren ihm sehr wichtig. Die äußere Form, die Etikette, musste eingehalten werden. Er achtete darauf, in der guten Gesellschaft zu verkehren und fühlte sich in den sogenannten »gehobenen Kreisen« wohl. Als Akademiker hielt er sich für ein Mitglied der besseren Gesellschaft, und somit gehörte er zu den angesehenen Vertretern der höheren Kreise.

Darauf war er stolz. Diese Position hatte er sich durch seine Ausbildung, durch seine Arbeit und durch sein selbstbewusstes, gewandtes Auftreten errungen.

Am meisten verachtete Walter die Kaufleute, die er herablassend und spöttisch nur als »Koofmich« titulierte.

Dazu passt eine kleine Ironie in der späteren Familiengeschichte:

Seine Tochter heiratete einen typischen Hamburger Kaufmann und führte mit ihm eine glückliche Ehe. Seine jüngste Enkelin war ebenfalls mit einem erfolgreichen Hamburger Kaufmann verheiratet und zeigte auch selber ganz beachtliche kaufmännische Fähigkeiten. Sogar Walters Urenkel schien vom »Koofmich-Gen« betroffen zu sein: Nach einer kaufmännischen Ausbildung in einem renommierten Bankhaus und dem erfolgreichen Studium der Wirtschaftswissenschaften arbeitete er in verantwortungsvollen Positionen bei führenden Wirtschafts-Unternehmen.

Aber von diesen Ereignissen konnte man damals nichts ahnen, sie lagen noch in ferner Zukunft.

Nachdem Walter seine berufliche Existenz gesichert hatte, plante er die Gründung einer eigenen Familie und sah sich nach einer passenden Frau um. Er entschied sich für Margarete Niziokiewicz.

Wie sich Walter und Margarete kennengelernt haben, und wie ihre Verbindung zustande kam, ist nicht überliefert. Vielleicht hat sich Walter in den Anblick der hübschen, jungen Frau verliebt, so dass die gesellschaftlichen und religiösen Unterschiede für ihn keine Rolle mehr spielten. Immerhin stammte Walter aus einer streng evangelischen Pastoren-Familie, während seine junge Frau fest im katholischen Glauben verwurzelt war.

Annelieses Mutter war Margarete Elisabeth Niziokiewicz. Sie wurde am 11.12.1889 in Myslowitz in Oberschlesien geboren, ihr Rufname war Margarete.

In ihrer Familie sprach man Polnisch und Deutsch, wie es damals der Großteil der dort lebenden Bevölkerung tat.

Ihr Vater war Bürovorsteher. Bei Margaretes Geburt waren ihre Eltern aber noch nicht miteinander verheiratet. Ihre Mutter war noch mit dem Herrn Schlusalek verehelicht. Diese Ehe musste erst geschieden werden, bevor Margaretes Mutter den Vater ihrer Tochter heiraten konnte. Nach der Scheidung haben Margaretes Eltern dann geheiratet.

Auch wenn die Liebes-Beziehung von Margaretes Eltern anfangs sehr unkonventionell war und nicht den geltenden gesellschaftlichen Normen entsprach, so wuchs die kleine Margarete dann doch ganz bürgerlich in einem katholischen Elternhaus auf. Man erzog sie im katholischen Glauben, und sie wurde eine gläubige Katholikin. Sie war ein fröhliches, heiteres Kind mit einem ausgeglichenen Wesen.

Margarete Niziokiewic und Walter Grosse haben am 14. Mai 1912 in Berlin-Schöneberg geheiratet.

Walter war bei der Hochzeit schon 36 Jahre alt, seine Frau war 23 Jahre alt. Walter hatte sich eine um viele Jahre jüngere Frau ausgesucht, da er von ihr einen ordentlichen Stammhalter erwarten konnte.

Die kirchliche Trauung vollzog der Vater des Bräutigams, der Herr Pastor Grosse. Es war für Walter und seine Familie selbstverständlich, dass die Heirat nach evangelischem Ritus stattfand; darin hatte sich die junge Braut zu fügen.

Man verlangte aber offensichtlich nicht, dass Margarete zum evangelischen Glauben übertrat, denn sie konvertierte nicht. Trotz der evangelischen Trauung blieb sie ihrem katholischen Glauben treu, auch wenn sie es nicht offen zeigte. Denn offiziell durfte die junge Frau zu ihren Eltern und auch zu ihren anderen katholischen Verwandten keinen Kontakt mehr halten.

Aber das brachte Margarete nicht übers Herz. Sie blieb weiterhin im Kontakt mit ihren Verwandten. Das konnte jedoch nur heimlich geschehen. Ebenso heimlich ging sie hin und wieder in eine katholische Kirche, um am Gottesdienst teilzunehmen.

Davon durfte ihre angeheiratete evangelische Familie auf keinen Fall etwas erfahren. Der Herr Gemahl und die Schwiegereltern wären vor Empörung außer sich gewesen, hätten sie von den heimlichen Besuchen bei der katholischen Verwandtschaft oder von der Teilnahme am katholischen Gottesdienst erfahren. Es hätte Streit und vorwurfsvolle Szenen gegeben, womöglich sogar strikte Verbote.

Diese Unannehmlichkeiten wären für niemanden von Nutzen gewesen, fand Margarete, und deshalb wollte sie solche Situationen tunlichst vermeiden. Bisher hatte es mit den heimlichen Treffen ja auch immer gut geklappt.

Es ist wahrscheinlich, dass sich die strengen Verbote nach einigen Jahren doch etwas lockerten, und dass Margarete ihre katholische Verwandtschaft nicht mehr verleugnen musste. Aber in den ersten Jahren ihrer Ehe wurde erwartet, dass Margarete sämtliche Kontakte abbrach.

Margarete war sehr hübsch anzuschauen, sie hatte schwarze Locken und eine ansehnliche, sehr weibliche Figur. Man kann sich gut vorstellen, dass sich die Herren nach ihr umgedreht haben, wenn sie vorüberging.

Aber andere Männer interessierten Margarete nicht. Als Ehefrau war sie ihrem Mann treu ergeben und sah zu ihm auf. Ganz eindeutig hatte Walter als Mann die Führungsrolle in der Ehe inne, so wie es damals allgemein üblich war.

Margarete schien die Situation akzeptiert zu haben. Es war für sie selbstverständlich, dass sie sich ihrem Mann unterordnete, so wie man es von einer guten Ehefrau erwartete. Das bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Walter sorgte dafür, dass es ihnen gut ging, und Margarete führte ihm als treu sorgende Ehefrau den Haushalt.

In Walters Freundeskreis und in seiner Verwandtschaft war Margarete durch ihre entgegenkommende, fröhliche Art recht beliebt. Bei gesellschaftlichen Ereignissen war sie eine angenehme Gesprächspartnerin, sie war stets freundlich und hilfsbereit im Umgang mit ihren Mitmenschen. Sie soll ein heiteres, sanftmütiges Wesen gehabt haben.

Vier Monate nach der Hochzeit wurde Margarete schwanger. Nun war der ersehnte Stammhalter unterwegs, davon war ihr Mann fest überzeugt.

Die Schwangerschaft verlief weitestgehend problemlos. Margarete fühlte sich wohl und freute sich auf das Kind, das in ihr heranwuchs.

Nur gegen Ende der Schwangerschaft kam es zu einem Ereignis, das übel hätte ausgehen können.

Der junge Walter Grosse

Margarete Grosse, geb. Niziokiewic

Kindheit

Am 2. Juni 1913 wurde Margaretes Tochter in Berlin-Steglitz, in der Kissingerstraße 16, geboren. Sie wurde auf die Namen Anneliese Gerda Margarete getauft, ihr Rufname war Anneliese.

Der voraussichtliche Geburtstermin wäre vier Wochen später gewesen, aber Anneliese kam zu früh auf die Welt, und das hatte einen Grund:

Am Sonntag, dem 1. Juni 1913, war Margarete heimlich in die katholische Kirche zur Messe gegangen, während ihr Mann und ihre Schwiegermutter den evangelischen Gottesdienst besuchten.

Ihr Mann und ihre Schwiegereltern durften auf keinen Fall erfahren, dass Margarete an der katholischen Messe teilenommen hatte. Deshalb beeilte sie sich, um nach dem Gottesdienst schnell nach Hause zu kommen. Sie wollte unbedingt noch vor ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter wieder im Hause sein.

Auf dem Rückweg von der Messe stürzte die hochschwangere Margarete. Sie schlug sich die Knie auf, und auch der Baby-Bauch bekam bei dem Sturz einen heftigen Stoß ab. Mühsam richtete sie sich wieder auf und hastete nach Hause.

Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Knie und auf die Prellungen, die sie sich zugezogen hatte. Ihre größte Sorge war es, schnell ihre Kleider zu ordnen und sich äußerlich wieder herzurichten, damit niemand etwas von ihrem Sturz und ihren Verletzungen bemerkte. Sie hätte erklären müssen, wie ihre Verletzungen entstanden waren, und dabei wäre womöglich der Besuch des katholischen Gottesdienstes ans Licht gekommen. Das wollte sie vor ihrem Mann und ihren Schwiegereltern unbedingt verheimlichen.

Aber der Sturz blieb nicht ohne Folgen. Am späten Nachmittag setzten verfrühte Wehen ein. Am Montag, dem 2.6.1913, wurde ihre Tochter Anneliese geboren. Sie kam vier Wochen zu früh auf die Welt.

Wie Walter Grosse die Nachricht von der Geburt einer Tochter aufnahm, ist nicht bekannt. Sicherlich hätte er sich über einen Sohn mehr gefreut, er hatte ganz fest mit einem Stammhalter gerechnet. Aber seine Frau war jung und gesund, und sie würde ihm bestimmt noch einen Sohn schenken können. Daran hatte Walter keinen Zweifel, und dafür würde er schon sorgen.

Aber es kam anders. Die kleine Anneliese blieb ein Einzelkind. Immer hatte sie sich Geschwister gewünscht, zu gern hätte sie noch Brüder oder Schwestern gehabt, doch das geschah leider nicht.

Walter Grosse führte zu Hause ein strenges Regiment. Wie es schien, ließ er Anneliese oft spüren, dass sie nur ein Mädchen war, und dass ihm ein Sohn lieber gewesen wäre. Er beachtete sie wenig und behandelte sie recht kühl, obwohl er sonst zu Frauen und Mädchen sehr charmant und liebenswürdig war.

Das Kind musste bei den gemeinsamen Mahlzeiten bei Tisch kerzengerade sitzen und durfte kein Wort sagen. So etwas gehörte damals zur guten Erziehung.

Frau Pastor, die Großmutter, mischte sich auch in die Erziehung ihrer Enkelin ein und gab dem kleinen Mädchen strenge Anweisungen:

»Kind, du musst dir ein Buch auf den Kopf legen. Dann musst du so gerade sitzen oder gehen, dass das Buch nicht von deinem Kopf herunter fallen kann. Immer die Haltung bewahren! So gehört sich das für junge Damen!«

Es war üblich, dass die Frau Pastor an den Sonntagen zum Mittagsessen erschien, wenn ihr Mann, der Herr Pastor, noch mit kirchlichen Dingen zu tun hatte.

Eines Tages bat Anneliese darum, am Tisch neben ihrer Großmutter sitzen zu dürfen:

»Darf ich bitte neben der Großmutter sitzen? Das möchte ich so gerne«, sagte die Kleine höflich.

Die alte Dame war gerührt von den Worten ihrer Enkelin. Leider fragte sie nach dem Grund:

»Warum möchtest du denn so gerne neben mir sitzen?«

Die Frau Pastor und auch die Eltern erwarteten schmeichelhafte Komplimente, wie:

Weil du meine liebe Großmutter bist, und weil du so nett bist, oder Weil ich dich so gerne mag.

Mit Annelieses ehrlicher Antwort hatte niemand gerechnet:

»Es knackt immer so schön, wenn du isst!«

Das saß!

Am Esstisch herrschte augenblicklich eine bedrohliche Stille. Vater und Großmutter legten ihr Besteck aus der Hand und starrten verblüfft und zornig auf die kleine Anneliese.

Es war Frau Pastors schlecht sitzendes Gebiss, das beim Kauen die lustigen Knack-Geräusche von sich gab. Davon war Anneliese ganz fasziniert. Deswegen wollte sie neben ihrer Großmutter sitzen, nicht etwa aus kindlicher Zuneigung zu der gestrengen alten Dame.

Das klappernde Gebiss war eine Peinlichkeit, die in der Familie immer diskret überhört wurde. Nun sprach die kleine Anneliese diese unangenehme Sache ganz unbefangen und direkt an.

Frau Pastor fühlte sich hereingelegt und bloßgestellt. Die liebevolle Rührung schlug um in offene Empörung.

Wie respektlos und unerzogen musste ein Kind sein, wenn es solch eine freche Bemerkung machte!

Die Großmutter war sehr aufgebracht und maßregelte ihre junge Enkelin mit scharfen Worten. Der strenge Vater schloss sich der Meinung seiner Mutter an.

Na, da ging es hoch her. Die kleine Anneliese verstand natürlich gar nicht, was an ihrer Antwort so schlimm gewesen war. Sie hatte doch nur ehrlich geantwortet und die Wahrheit gesagt! Was war daran falsch gewesen?

Ob ihre Mutter Margarete wohl insgeheim ein Lächeln unterdrückte? Zu ihrem heiteren Wesen und zu ihrem Sinn für die Komik einer Situation hätte es sicher gepasst.

Margarete versuchte, mit beschwichtigenden Worten die Situation zu klären. Aber sie gab schnell auf, denn gegen den Zorn und gegen die vereinte Empörung von Ehemann und Schwiegermutter hatte sie keine Chance. Ein Streitgespräch würde zu nichts führen. Es hätte die Stimmung nur weiter verschlechtert und zu einer unangenehmen Konfrontation geführt.

Stattdessen legte sie ihre Hand auf Annelieses Arm. Sie sah ihre Tochter beruhigend an und gab ihr einen kleinen Hinweis:

»Anneliese, es gibt sicher etwas, das du zu deiner Großmutter und dem Papa sagen könntest.«

Anneliese verstand, was sie zu tun hatte:

»Ich bitte um Entschuldigung. Ich wollte nichts Böses sagen.«

Margarete nahm sich vor, bei passender Gelegenheit noch einmal mit der Kleinen über den Vorfall reden.

In der heutigen Zeit hätte man solch eine Situation wahrscheinlich eher mit Humor aufgenommen. Man würde versuchen, dem Kind das Geschehen zu erklären, um Verständnis und Mitgefühl für die Schwächen der Mitmenschen zu wecken. Sicherlich würden die Eltern ihrem Sprössling einiges über Rücksichtnahme auf andere Menschen und über den taktvollen Umgang miteinander erzählen. Aber bestimmt hätte man ein unbefangenes, kleines Kind nicht so unangemessen gescholten. Man hätte ihm wahrscheinlich keine solch vorwurfsvolle Szene gemacht.

Walter Grosse, der strenge Vater, bestimmte die Regeln, die in seinem Haushalt galten. So war es der kleinen Anneliese verboten, befreundete Kinder mit nach Hause zu bringen. Sie hatte keine Geschwister, und zu gern hätte sie mit anderen Kindern gespielt. Weil ihr das aber nicht erlaubt war, erfand sie in ihrer Fantasie einen Spielkameraden für sich.

Sie malte sich aus, dass ein kleiner Affe bei ihr wäre, so ein Äffchen, wie es der Leierkastenmann hatte. Sie stellte sich vor, wie das Äffchen in der Wohnung umher tollte. Es kletterte an den Vorhängen empor, sprang über Tische und Schränke und naschte von den Lebensmitteln. Am liebsten hängte es sich an die Lampen und schaukelte schwungvoll hin und her. Es stellte immerzu allen möglichen Unsinn an.

Niemals wurde das Äffchen bestraft, denn es entwischte jedes Mal, wenn der strenge Vater es einfangen wollte.

Anneliese und ihre Mutter hatten ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Margarete war eine fürsorgliche Mutter, oft spielte sie mit ihrer Tochter und las ihr Geschichten vor. Sie brachte ihr Lieder bei, und Mutter und Tochter sangen gern gemeinsam. Wenn es das Wetter zuließ, gingen die beiden spazieren. So oft wie möglich beschäftigte sich Margarete mit ihrer hübschen Tochter.

Bei ihrer Mutter fand Anneliese die liebevolle Geborgenheit, die ihr der Vater nicht vermitteln konnte.

Vermutlich waren sich Anneliese und Margarete in ihrem Wesen sehr ähnlich. Sicherlich hatte Anneliese ihr heiteres, sonniges Gemüt von ihrer Mutter mitbekommen. Schon als Kind hatte sie so etwas Fröhliches, Strahlendes an sich.

Margarete durfte zwar keinen Kontakt zu ihren katholischen Eltern haben, aber ab und zu setzte sie sich über das Verbot hinweg. Wenn es ihr möglich war, besuchte sie ihre Eltern heimlich, und immer nur recht kurz. Als die kleine Anneliese anfing zu sprechen, nahm sie ihre Tochter nur noch selten mit; vielleicht hatte sie Angst, dass sich die Kleine zu Hause verplappern würde.

Im Laufe der Jahre lockerte sich jedoch das strenge Kontaktverbot zu der katholischen Verwandtschaft, so dass die kleine Anneliese auch die katholischen Verwandten ihrer Mutter kennen lernte.

Sobald Anneliese lesen konnte, zeigte sie großes Interesse an Büchern. Sie las viel und versuchte, selber kleine Gedichte zu verfassen. Wenn sie die Atlanten durchblätterte, stellte sie sich vor, in fremde Länder zu reisen. Alle Themen, die mit Erdkunde oder Geografie zu tun hatten, begeisterten sie.

Anneliese besuchte die Mädchenschule, das Lyzeum, das gegenüber ihrer Wohnung lag. Sie hatte nur einen kurzen Schulweg. Das fand sie sehr schade, denn sie wäre gerne mit den Freundinnen aus ihrer Klasse noch ein Stück des Weges gegangen, wenn der Unterricht beendet war. Sie sah, wie sich die anderen Mädchen nach dem Unterricht unterhielten und gemeinsam lachten. Zu gerne wäre sie dabei gewesen.

Aber sie hatte von ihrem Vater strikte Anweisungen mitbekommen:

Fünf Minuten Zeit gab er ihr, um wieder in der elterlichen Wohnung zu erscheinen!

Ihr Vater war über die Mittagszeit zu Hause. Er hörte das Klingeln der Schulglocke und stoppte die Zeit, die seine Tochter für den Nachhauseweg brauchte.

Wehe es waren mehr als fünf Minuten! Dann gab es Ärger.

Deshalb verabschiedete sich Anneliese immer schnell von ihren Schulfreundinnen und eilte auf direktem Wege nach Hause.

Anneliese war eine sehr gute Schülerin. Sie ging ausgesprochen gern zur Schule. Das Lernen fiel ihr leicht, und sie nahm neues Wissen begeistert auf.

Einer der Brüder ihres Vaters hatte zwei Töchter, sie waren etwa zehn und zwölf Jahre älter als Anneliese. Die Familien pflegten den Kontakt zueinander und besuchten sich oft gegenseitig.

Anneliese genoss diese Besuche, sie mochte den Onkel, die Tante und ihre Cousinen sehr gern leiden. Sie liebte die geselligen Treffen.

Ihr Vater zeigte sich dann stets von einer ausgesprochen charmanten Seite, wie immer, wenn er bei jemandem zu Besuch war, oder wenn Walters Familie selber Gäste empfing. Dann behandelte er die Damen besonders aufmerksam und freundlich.

Für ihre Cousinen war er der beste Onkel der Welt. Kein anderer Mann machte ihnen so schöne Komplimente und plauderte so anregend mit ihnen, wie es Onkel Walter tat.

Den Cousinen fiel allerdings auf, dass er zu seiner Tochter gar nicht nett und zuvorkommend war. Es muss wohl offensichtlich gewesen sein, dass er Anneliese bei weitem nicht so freundlich behandelte wie etwa seine Nichten oder andere weibliche Wesen. Bei seiner Tochter versagte sein charmanter Umgangston. Er ließ sie immer wieder spüren, wie wenig sie ihm bedeutete, und dass sie nur ein Mädchen war.

Manchmal musste Anneliese den Freunden ihres Vaters Nachrichten überbringen. Auch hier gab der Vater seiner Tochter eine bestimmte Zeit vor, in der sie den Auftrag erledigt haben musste. Meistens war die Zeit sehr knapp bemessen, und Anneliese musste sich immer sputen, um pünktlich zurück zu sein. Es blieb ihr keine Zeit, um zwischendurch einmal etwas Interessantes anzusehen. Oft musste sie sich ganz schön abhetzen, um die festgelegte Zeit einhalten zu können.

Eines Tages war sie wieder unterwegs, um für ihren Vater einen Botengang zu erledigen. Die Zeit war wie immer knapp, so dass sich Anneliese sehr beeilte. Vielleicht achtete sie dabei nicht aufmerksam genug auf den Weg, denn sie stürzte so schwer, dass sie sich den Arm verletzte. Trotz der Schmerzen setzte sie ihren Weg fort, um den Auftrag auszuführen.

Der Freund ihres Vaters war bestürzt, als das verletzte Kind bei ihm erschien, um eine Nachricht zu überbringen. Er besah den schmerzenden Arm und vermutete, dass Anneliese sich ihren Arm gebrochen hatte. Er gab ihr das Fahrgeld für die Straßenbahn, um dem verletzten Kind die Lauferei zu ersparen.

Dann schrieb er noch eine Nachricht für ihren Vater auf einen Zettel:

Die Verletzung müsse ärztlich behandelt werden, Walter Grosse möge seine Tochter zur Untersuchung in ein Krankenhaus bringen.

Obwohl sie die Straßenbahn benutzte, kam Anneliese zu spät zu Hause an. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie die vorgegebene Zeit nicht eingehalten hatte.

Ihr Vater war außer sich vor Wut. Er ärgerte sich über die Verspätung und tadelte sie scharf für ihr ungeschicktes Verhalten, das zu dem Sturz geführt hatte.

Dann fand er es auch noch besonders schlimm, dass sie seinen Freund mit ihrem Problem belästigt hatte.

Mit solchen Lappalien sollte man Erwachsene gefälligst verschonen! Sie hatten wichtigere Dinge zu tun, als sich um läppischen Kinderkram zu kümmern!

Einen Besuch im Krankenhaus lehnte er ab; er hielt ihn im Augenblick nicht für erforderlich.

Erst am nächsten Tag brachte ihre Mutter die Kleine zum Arzt.

Die Vermutung des Freundes bestätigte sich: Der Arm war gebrochen.

Aus heutiger Sicht erscheint das Verhalten des Vaters ausgesprochen hart und herzlos, fast schon bösartig.

Wie konnte er so ohne jedes Mitgefühl mit einem verletzten Kind umgehen!? Wollte er jeglicher Art von Verweichlichung vorbeugen? Oder hatte er gar keinen Blick für medizinische Notwendigkeiten?

Die Mutter scheint es nicht gewagt zu haben, ihrem Ehemann bei seinen harten Maßnahmen zu widersprechen und einzugreifen. Der Mann hatte das Sagen, die Frau ordnete sich unter. So hatte es zu sein, und so war das eben damals in Walter Grosses Haushalt.

Man kann sich aber vorstellen, dass Margarete ihre Tochter getröstet hat, wenn der Vater zu hart mit ihr umgegangen war. Wahrscheinlich tat sie es, wenn sie mit ihrer Tochter allein war, damit der Vater es nicht mitbekam.

Trotz der Strenge ihres Vaters entwickelte sich Anneliese zu einem ausgesprochen fröhlichen Mädchen. Sie war freundlich und höflich im Umgang mit ihren Mitmenschen, und sie war hübsch anzusehen. Sie hatte dichte, schwarze Locken, die mit einer weißen Schleife gebändigt wurden – was nicht immer gelang. Sie war lebhaft und neugierig und interessierte sich für die Dinge, die um sie herum vor sich gingen. Das Leben in Berlin und der Trubel in der Großstadt bereiteten ihr Vergnügen.

Sie hatte es gern, wenn sie mit anderen Menschen zusammen war, und sie liebte die geselligen Treffen mit Freunden und Verwandten. Aber genau so gern unternahm sie Ausflüge in die ländliche Umgebung der Großstadt und freute sich über die Schönheiten der Natur.

Annelieses Großmutter Frau Pastor Grosse

Walter Grosse in Uniform

Anneliese Grosse, ungefähr 10 Jahre alt

Rügen

Anneliese hatte einen Cousin, Hanns-Henning, er war zwei Monate jünger als sie. Das Zusammensein mit ihm machte ihr immer viel Spaß. Sie liebte ihn und freute sich auf die gemeinsamen Treffen. Die beiden Kinder kamen gut miteinander aus, sie verstanden sich sogar ganz ausgezeichnet.

Jedes Jahr in den Sommerferien fuhr man nach Rügen. Anneliese, ihre Mutter und Hanns-Henning mit seiner Mutter machten dort für vier Wochen Urlaub. Das war immer ein besonderes Ereignis.

Bevor sie zum ersten Mal in die Sommerfrische fuhren, hatte Margrete aus der Stadt einen neuen Koffer mitgebracht. Er war aus braunem Leder und hatte silbern glänzende Verschlüsse und Beschläge.

Margarete rief ihre Tochter:

»Anneliese, sieh mal, was ich für dich habe! Das hier ist jetzt dein Koffer, er gehört dir. Wenn du verreist, sollst du für deine Sachen einen eigenen Koffer haben.«

Anneliese war begeistert.

»Vielen Dank, Mama!« freute sie sich.

Sie strich über das glatte Leder und ließ die Verschlüsse aufschnappen. In dem Koffer konnte sie ihre Lieblingssachen verstauen, die sie gern mitnehmen wollte. Am liebsten hätte sie gleich mit dem Packen begonnen, aber sie musste sich noch ein paar Tage gedulden.

Immer wenn der braune Koffer vom Speicher geholt wurde, wusste Anneliese, dass die Abreise in den Urlaub kurz bevor stand. Sie liebte ihren Koffer. Es bereitet ihr stets großes Vergnügen, ihn selbst zu packen.

Mit dem Zug fuhren Mutter und Tochter hinaus aus dem Häusermeer von Berlin, und dann ging es ab an den Strand der Ostsee! Das war ein Stückchen Freiheit. Den strengen Vater und seine Reglements ließen sie zurück in Berlin.

Am Strand konnte man Burgen bauen, Muscheln suchen und im flachen Wasser plantschen. Und das Schönste war, dass Anneliese einen Spielkameraden hatte, mit dem alles doppelt so viel Spaß machte. Außerdem bewunderte sie ihren Cousin:

Hanns-Henning konnte schon schwimmen! Das konnte sie noch nicht.

Einmal bekam Anneliese zu ihrem Geburtstag einen aufblasbaren Nivea-Ball geschenkt. Das war damals etwas ganz Neues, so etwas hatte es vorher noch nicht gegeben.

Natürlich nahm Anneliese den Ball mit nach Rügen, als man wieder in die Sommerfrische fuhr. Sie packte ihn als erstes in ihren braunen Koffer, um ihn nur nicht zu vergessen.

In ihrer Ferienwohnung angekommen, konnte es Anneliese gar nicht abwarten, an den Strand zu gehen, um mit ihrem schönen Ball zu spielen. Es dauerte ihr zu lange, bis ihre Angehörigen fertig waren, deshalb lief sie schon vor den anderen zum Strand, ohne Begleitung.

Außer ihr war noch niemand dort, und so spielte sie allein mit ihrem Ball. Sie warf ihn hin und her und fing ihn wieder auf. Dabei rollte der Ball ins Wasser.

Anneliese hatte den ablandigen Wind unterschätzt. Der Ball trieb immer weiter vom Strand fort, hinaus aufs Wasser. Es kam Anneliese so vor, als würde er in der Ostsee verschwinden.

Das musste verhindert werden! Der schöne Ball durfte nicht verloren gehen!

Anneliese eilte hinterher. Im Wasser war schnelles Gehen oder gar Laufen nicht möglich. Sie kam nur langsam voran. Als Anneliese nicht mehr stehen konnte, versuchte sie zu kraulen. Sie machte es so ähnlich, wie sie es bei Hanns-Henning gesehen hatte. Nie zuvor war sie so weit ins Wasser gegangen, dass sie nicht mehr stehen konnte!

Sie erreichte tatsächlich ihren geliebten Ball und brachte ihn zum Strand zurück.

Nun erschien auch ihre Mutter mit Hans-Henning und seiner Mutter. Als sie Hanns-Henning von der Rettung ihres Balles erzählte, bekam er einen Schreck.

Wie leicht hätte das schief gehen können! Jemand, der nicht schwimmen konnte, brachte sich in Lebensgefahr, wenn er so weit ins Wasser ging, dass er nicht mehr stehen konnte.

Hanns-Henning bat Anneliese, so etwas Gefährliches nicht wieder zu tun. Aber dann hatte er eine Idee:

»Weißt du was, Anneliese? Du musst unbedingt schwimmen lernen! Ich bringe es dir bei, wenn du es willst.«

Anneliese war von der Idee begeistert, und Hanns-Henning brachte ihr tatsächlich das richtige Schwimmen bei. Danach schwamm sie gerne, und so oft sie konnte. Das war ja noch viel schöner, als nur im flachen Wasser zu plantschen, fand sie.

Hanns-Henning war nicht nur ihr Schwimmlehrer, er brachte ihr auch das Radfahren bei.

Die Wochen mit ihrem Cousin waren für Anneliese immer ein großes Vergnügen. Beide Kinder genossen es, wenn sie zusammen waren und gemeinsam etwas unternehmen konnten.

Die Urlaubstage auf Rügen behielt Anneliese Zeit ihres Lebens in guter Erinnerung. Rügen war für sie wie ein Sehnsuchtsort, mit dem sie viele schöne Erinnerungen verband, und zu dem sie gern einmal zurückgefahren wäre.

Krankheit und Tod

In Guben wohnte ein Bruder ihres Vaters. Ab und zu war Anneliese zu Besuch bei ihrem Onkel und bei ihrer Tante, sie besuchte die beiden gerne. Onkel und Tante liebten Anneliese, jedes Mal freuten sie sich über den Besuch ihrer Nichte und behandelten sie immer recht liebevoll. Die Ehe von Onkel und Tante war kinderlos geblieben, deshalb freuten sie sich ganz besonders, wenn die kleine, fröhliche Anneliese bei ihnen war.

Im Sommer 1924 kränkelte Annelieses Mutter, so dass sie und ihre Tochter nicht mit nach Rügen fahren konnten. Statt dessen wurde Anneliese zu den Verwandten nach Guben geschickt. Dort hatte sie auch eine herrliche Zeit.

Als Anneliese nach Berlin zurück kam, herrschte zu Hause eine bedrückte Stimmung. Niemand lachte, es fiel kein fröhliches Wort. Anneliese blickte nur in ernste, traurige Gesichter. Irgend etwas Schreckliches musste geschehen sein, während sie in Guben war. Anfangs erklärte man ihr gar nichts, man sagte nicht, welchen Grund die düstere Stimmung hatte.

Doch in einer ruhigen Stunde nahm Margarete ihre Tochter zur Seite und versuchte ihr vorsichtig mitzuteilen, was passiert war.

»Anneliese, du hast sicher gemerkt, dass wir alle traurig und betrübt sind. Es ist etwas ganz Furchtbares geschehen. Du weißt ja, dass dein Cousin Hanns-Henning mit seiner Mutter wieder Urlaub auf Rügen gemacht hat.«

Margarete hielt inne. Ihre Stimme war immer leiser geworden. Sie drücke ihre Tochter sanft an sich. Anneliese sah ihre Mutter in banger Erwartung an. Welche schrecklichen Neuigkeiten würde sie erfahren? Margarete nahm ihre Tochter in den Arm und zog sie zu sich heran. Schützend legte sie ihre Arme um ihr Kind.

»Dort ist Hanns-Henning beim Baden ertrunken.«

Anneliese konnte nicht glauben, dass es stimmte, was ihre Mutter gesagt hatte. Sie brauchte eine Weile, ehe sie etwas sagen konnte.

»Aber wie ist das denn passiert!? Er war doch so ein guter Schwimmer! Ich kann das gar nicht glauben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Hanns-Henning nicht mehr am Leben ist! Ich sehe ihn immer noch, wie er lacht und umhertobt und mit mir spielt!«

Anneliese war fassungslos.

»Wie konnte das denn passieren? Ich glaube das nicht! Vielleicht ist alles ja nur ein Irrtum! Hanns-Henning ist etwas weiter hinaus geschwommen und kommt irgendwo anders an Land!«

Aber der Tod des Jungen war leider eine traurige Gewissheit. Es hieß, Hanns-Henning wäre in einen Strudel geraten. Aber wie der Badeunfall tatsächlich abgelaufen war, konnte nie geklärt werden.

Anneliese war untröstlich. Sie vermisste ihren Cousin sehr und trauerte lange Zeit um ihn. Sein plötzlicher Tod riss eine schmerzliche Lücke in ihr Leben.

Die Urlaubsreisen nach Rügen wurden nach dem tragischen Unfall eingestellt. Niemand aus der Familie mochte wieder an den Ort fahren, den man einst so geliebt hatte, und an dem man so viele schöne Tage verbracht hatte. Nun waren die Erinnerungen an die Ferien auf Rügen von dem traurigen Ereignis überschattet.

In der Zeit nach Hans-Hennings Tod kränkelte Annelieses Mutter oft und wurde immer blasser. Ihre Tochter beobachtete sie besorgt. Nach den Zeiten, in denen es Margarete schlecht ging, gab es aber auch Zeiten, in denen sie sich besser fühlte und wieder gesund war. Sie sah dann nicht mehr blass und krank aus, und es gab neue Hoffnung auf Besserung und Genesung.

Das Weihnachtsfest im Jahre 1926 hatte Anneliese in schöner Erinnerung behalten. Ihrer Mutter ging es gut, so dass sie die Vorbereitungen für die Feiern in der Weihnachtszeit gestalten konnte. Es kamen Gäste ins Haus, und die Familie besuchte selber Freunde und Verwandte.

Aber im Januar 1927 kränkelte die Mutter wieder. Sie wurde immer schwächer, und ihr Zustand verschlechterte sich so sehr, dass sie ins Krankenhaus gebracht wurde.

Anneliese wusste nicht, woran ihre Mutter litt. Man sagte ihr nicht, welche Krankheit ihrer Mutter so sehr zusetzte. Vielleicht wusste man es selber nicht.

Ihr Vater war oft auswärts, und Anneliese war dann allein zu Haus, nur das Dienstmädchen war tagsüber da.

Ins Krankenhaus zu ihrer Mutter durfte Anneliese nur selten gehen. Sie hätte ihre Mutter gern öfter besucht, denn sie fehlte ihr sehr. Aber Krankenbesuche waren damals für Kinder nicht üblich. Anneliese vermisste die Nähe und die Gespräche mit ihrer Mutter. Außerdem machte sie sich große Sorgen wegen des schlechten gesundheitlichen Zustands ihrer Mutter. Sie hätte zu gern gewusst, woran ihre Mutter erkrankt war. Aber niemand sagte ihr etwas. Diese Ungewissheit war sehr belastend für sie.

Eine kleine hilfreiche Unterstützung erhielt sie von der Seite ihrer Verwandten. Während der Zeit, als Margrete im Krankenhaus lag, kümmerten sie sich um Anneliese, soweit ihre Zeit es zuließ. Sie waren zwar kein vollwertiger Ersatz für die fehlende Mutter, aber Anneliese war dann zumindest nicht so oft allein.

Die Vormittage in der Schule waren für sie die »beste Unterhaltung«, wie sie später einmal erzählte. Dort fand sie Ablenkung von ihrem Kummer und ihren Sorgen. Für einige Stunden kam sie auf andere Gedanken. Sie musste sich auf das konzentrieren, was im Unterricht vor sich ging, und so vergaß sie für kurze Zeit ihre Sorgen.

Wenn sie dann zurück kam in die leere Wohnung, fühlte sie sich besonders einsam, und der Gedanke an ihre kranke Mutter bedrückte sie wieder sehr.

Im März 1927 durfte sie öfter zu ihrer Mutter ins Krankenhaus gehen, obwohl sie erst dreizehn Jahre alt war. Damals war Kindern der Zutritt zu den Krankenzimmern untersagt. Es hatte also einen Grund, dass man bei ihr diese Ausnahme zuließ.

Eines Tages erschien Anneliese wieder zu einem Krankenbesuch. Sie trat an das Bett, um ihre Mutter zu begrüßen. Als sie ihre Mutter ansah, erschrak sie. Ihr schönes Gesicht war bleich und von der Krankheit gezeichnet, es erschien ihr weißer zu sein als das Bettlaken.

Anneliese wurde plötzlich klar, dass ihre Mutter die Krankheit nicht besiegen konnte. In dem Augenblick wusste sie, dass ihre Mutter nicht mehr lange leben würde.

Sie behielt ihre Gedanken für sich und hoffte, dass ihre Mutter ihren erschrockenen Gesichtsausdruck nicht bemerkt hatte. So schwach und kraftlos war ihre Mutter, dass sie ihren Kopf nur mühsam heben konnte.

Sanft streichelte Anneliese den Arm der Kranken.

Dann wagte sie das zu fragen, was sie schon so lange beschäftigte:

»Mama, was hast du eigentlich? Welche Krankheit ist das denn?«

Ihre Mutter sah sie traurig an und seufzte:

»Ach, mein Annelieschen! Ich verblute, mein Kind«, war ihre Antwort. Dann schlug sie die Bettdecke zur Seite. Darunter war alles voller Blut.

Warum das so war, erfuhr Anneliese nicht. Der Anblick der blutigen Laken erschreckte sie und ließ sie verstummen. Sie wagte nicht, weiter nachzufragen.

Mutter und Tochter hielten sich an den Händen und saßen eine Weile schweigend da. Beide weinten zusammen, und Anneliese durfte lange bei ihrer Mutter bleiben, länger als es sonst erlaubt war. Sie spürten beide, dass sie voneinander Abschied nehmen mussten.

Das Krankenhauspersonal ließ ihnen die Zeit, die sie brauchten. Niemand störte sie.

Obwohl es sehr schmerzhaft und traurig war, so war es doch ein guter, liebevoller Abschied, ruhig und friedlich.

Es war der 11. März 1927, und Margarete starb am selben Abend. Sie war nur 38 Jahre alt geworden.

Anneliese war sehr traurig und unglücklich. Aber noch am Sterbebett ihrer Mutter hatte sie einen Entschluss gefasst:

»Ich will Ärztin werden, ich will alles über die Krankheiten und ihre Behandlung lernen, damit ich den Kranken eine bessere Hilfe geben kann, als meine Mutter sie bekommen hat!«

Sicherlich hat sie diesen Entschluss ihrer Mutter mitgeteilt, das kann man sich gut vorstellen.

Der Gedanke, später Ärztin zu werden, verschaffte ihr ein Ziel, für das es sich lohnte zu leben und die Trauer über den Verlust der geliebten Mutter zu ertragen. Mit diesem Ziel vor Augen wollte und konnte Anneliese weiter leben.

In der folgenden Zeit verschlang sie alles Lesbare, was mit Krankheiten und medizinischen Erkenntnissen zu tun hatte. Alle medizinischen Bücher und Schriften, die sie bekommen konnte, las sie mit großem Interesse.

An der Beerdigung ihrer Mutter durfte Anneliese teilnehmen. Das war ebenfalls eine Ausnahme, denn es war damals nicht üblich, Kinder an Beisetzungen teilnehmen zu lassen.

Alle Verwandten und die Freunde ihres Vaters waren zu der Trauerfeier und der anschließenden Beisetzung gekommen. Der frühe Tod der hübschen, jungen Frau war allen sehr nahe gegangen. Sie hatten Mitleid mit der kleinen Anneliese und bedauerten sie sehr.

Nach dem Leichenschmaus ging man auseinander. Ihr Vater verschwand ebenso wie die anderen Trauergäste und kümmerte sich nicht weiter um seine Tochter. Anneliese war danach ganz allein zu Hause. Es war schrecklich für sie. Sie fühlte sich von aller Welt verlassen und zog sich in ihr Zimmer zurück. Dort betrachtete sie das Bild ihrer Mutter und weinte.

Obwohl sie es gewohnt war, dass ihr Vater sich ihr gegenüber immer recht kühl und gleichgültig verhielt, so hatte sie doch gehofft, dass er sich in dieser besonderen Situation etwas liebevoller um sie kümmern würde. Ein paar tröstende Worte und ein wenig Zuwendung hätten ihr gut getan. Stattdessen ließ er sie mit ihrem Kummer ganz allein.

Jahre später sollte sie den Grund für sein Verhalten erfahren.

Von nun an verbrachte Anneliese die Sonntage oft bei ihrer Tante und bei den Cousinen. Die Tante sorgte dafür, dass das Kind an den Wochenenden nicht so allein in der Wohnung war, wenn ihr Vater aushäusig war.

Anneliese war dreizehn Jahre und fast acht Monate alt, als ihre Mutter starb.

Den Freunden der Familie, die an der Beisetzung teilnahmen, blieb der Anblick der trauernden Tochter nicht verborgen. Sie bemerkten etwas, wofür der Vater bisher offensichtlich keinen Blick gehabt hatte:

Anneliese war kein kleines Kind mehr. Das niedliche, kleine Mädchen war auf dem besten Wege, eine hübsche, junge Frau zu werden. Sie hatte große Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Mutter.

Die Freunde waren entzückt von dem hübschen Mädchen. Anneliese war inzwischen 1,63 m groß, hatte eine schöne, schlanke Figur und ausdrucksvolle graugrüne Augen. Ihr dunkles, lockiges Haar wurde von einer weißen Schleife gehalten, so wie es damals hochmodern war.

Bei einem Treffen des Vaters mit seinen Freunden brachte einer von ihnen seine Beobachtungen zur Sprache:

»Herr Grosse, Ihre Tochter habe ich zuerst gar nicht wiedererkannt. Sie hat sich ja ganz prächtig entwickelt, sieht schon fast wie eine junge Dame aus. Ein sehr hübsches Mädchen haben Sie da«, meinte der Freund anerkennend.

»Ja, sie sieht Ihrer Frau sehr ähnlich und wird bestimmt einmal so schön werden wie Ihre verstorbene Gattin«, fügte ein anderer Freund hinzu.

Walter Grosse war überrascht. So hatte er seine Tochter noch nie gesehen. Er hatte nicht bemerkt, wie sich Anneliese weiter entwickelt hatte. Sie gehörte zu seinem Haushalt wie ein Stück der Einrichtung. Sie war für ihn eher ein Neutrum gewesen, dem er keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Die Worte seiner Freunde stimmten ihn nachdenklich. Ihm wurde bewusst, dass er jetzt, da seine Frau nicht mehr am Leben war, die alleinige Verantwortung für seine Tochter trug. Die Vorstellung, sich mit einem heranwachsenden Mädchen befassen zu müssen, bereitete ihm Unbehagen. Mit den Problemen junger Mädchen kannte er sich nicht aus. Damit wollte er am liebsten gar nichts zu tun haben.

Walter Grosse beschloss, sich mit seiner Tochter zu treffen. Aber nicht zu Hause, in der gewohnten Umgebung, sondern in der Stadt, in einem Café in einer belebten Straße. Er wollte einmal prüfen, welchen Eindruck ihm seine Tochter vermittelte, wenn er sie nicht in der gewohnten häuslichen Umgebung sah.

Eine geraume Weile vor der verabredeten Zeit traf er in dem Café ein. Er suchte sich einen Platz, von dem aus er das Kommen und Gehen der Gäste beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.