Der Club der unsichtbaren Gelehrten - Terry Pratchett - E-Book

Der Club der unsichtbaren Gelehrten E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Die Zauberer der Unsichtbaren Universität haben sich bereits vielen Herausforderungen stellen müssen, einem Fußballspiel allerdings noch nie. Bis der neue Traditionsbeauftragte Ponder Stibbons eine erschreckende Entdeckung macht: Wenn die Zauberer nicht sofort eine Fußballmannschaft gründen, verlieren sie den Anspruch auf eine üppige Geldspende. Es hilft alles nichts: Elf Sportsfreunde müssen her. Doch als endlich das große Spiel ansteht, geht es schon lange nicht mehr nur um Fußball ...

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Terry Pratchett, geboren 1948, ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Von seinen Romanen wurden weltweit rund 65 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke in 37 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau Lyn in der englischen Grafschaft Wiltshire.

Informationen zu Terry Pratchett auch unter www.pratchett-buecher.de und www.pratchett-fanclub.de.

Terry Pratchett bei Goldmann und Manhattan:

Die Romane von der bizarren Scheibenwelt:

Voll im Bilde · Alles Sense! · Total verhext · Einfach göttlich · Lords und Ladies Helle Barden · Rollende Steine · Echt zauberhaft · Mummenschanz · Hohle Köpfe Schweinsgalopp · Fliegende Fetzen · Heiße Hüpfer · Ruhig Blut! · Der fünfte Elefant Die volle Wahrheit · Der Zeitdieb · Die Nachtwächter · Weiberregiment · Ab die Post · Klonk! · Schöne Scheine · Der Club der unsichtbaren Gelehrten · Steife Prise

Märchen von der Scheibenwelt:

Maurice, der Kater · Kleine freie Männer · Ein Hut voller Sterne · Der Winterschmied · Das Mitternachtskleid

Zwei Scheibenwelt-Romane in einem Band:

Total verhext/Einfach göttlich · Lords und Ladies/Helle Barden · Rollende Steine/ Echt zauberhaft · Mummenschanz/Hohle Köpfe · Schweinsgalopp/Fliegende

Fetzen

Von der Scheibenwelt außerdem erschienen:

Wahre Helden. Ein illustrierter Scheibenwelt-Roman · Die Kunst der Scheibenwelt Das Scheibenwelt-Album. Illustriert von Paul Kidby · Mort. Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins · Wachen! Wachen! Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins · Nanny Oggs Kochbuch. Mit Rezepten von Tina Hannan. Illustriert von Paul Kidby · Die Straßen von Ankh-Morpork. Eine Scheibenwelt-Karte · Die Scheibenwelt von A - Z · Mythen und Legenden der Scheibenwelt · Witz und Weisheit der Scheibenwelt · Narren, Diebe und Vampire. Die besten Geschichten aus zehn Jahren Scheibenwelt-Kalender

Dazu ist erschienen:

Die gemeine Hauskatze. Illustriert von Gray Jolliffe · Eine Insel. Roman

Außerdem sind Johnny-Maxwell-Romane von Terry Pratchett erschienen: Nur du kannst die Menschheit retten/Nur du kannst sie verstehen/Nur du hast den Schlüssel. Drei Romane in einem Band

Weitere Bücher von Terry Pratchett sind in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

Hinweis des VerlagsCopyright

Dieses Buch ist Rob Wilkins gewidmet, der das meiste davon abgetippt und über genügend gesunden Menschenverstand verfügt hat, gelegentlich zu lachen. Und Colin Smythe für die Ermutigung.

Der Gesang der Göttin Pedestriana ist eine Parodie des wunderbaren Gedichts »Brahma« von Ralph Waldo Emerson, aber das wussten Sie ja ohnehin.

Hinweis des Verlags

Zusätzliche Informationen zu den Sitten und Gebräuchen in Der Club der unsichtbaren Gelehrten siehe auch Mythen und Legenden der Scheibenwelt.

Es war Mitternacht im Königlichen Kunstmuseum von Ankh-Morpork.1

Alle paar Sekunden kam es dem neuen Angestellten Rudolf Streuwinkel in den Sinn, dass es alles in allem vielleicht keine schlechte Idee gewesen wäre, den Kurator von seiner Nyktophobie in Kenntnis zu setzen, seiner Furcht vor eigenartigen Geräuschen und, wie er inzwischen wusste, seiner Angst vor absolut allem, was er während seiner endlosen Stunden, die er in der Nacht Wache stehen musste, sehen (und, genau genommen auch vor dem, was er nicht sehen), hören, riechen und hinter seinem Rücken herankriechen spüren konnte. Es half auch nichts, sich immer wieder klarzumachen, dass alles hier drinnen tot war. Ganz im Gegenteil. Das bedeutete lediglich, dass er hier ganz dumm auffiel.

Dann hörte er das Schluchzen. Wahrscheinlich wäre ein Schrei besser gewesen. Wenn man einen Schrei hört, kann man sich wenigstens sicher sein. Bei einem leisen Schluchzen muss man warten, bis man es noch einmal hört, weil man sich beim ersten Mal nicht ganz sicher sein kann.

Er hielt die Laterne mit zitternder Hand etwas höher. Eigentlich dürfte hier drinnen überhaupt niemand sein. Das ganze Gebäude war sicher verriegelt, niemand konnte herein. Und auch nicht, wie ihm soeben einfiel, hinaus. Hätte er doch bloß nicht daran gedacht.

Er befand sich im Keller, der nicht unbedingt zu den unheimlichsten Orten seines Rundgangs gehörte. Hier standen fast nur alte Regale und Schränke mit Schubladen voller Sachen, die so gut wie, aber dann offensichtlich doch nicht so ganz, weggeworfen waren. In einem Museum wirft man nicht gerne etwas weg, schließlich könnte sich gerade das Weggeworfene später einmal als sehr wichtig herausstellen.

Wieder dieses Schluchzen, dazu ein Geräusch, das klang wie das schmirgelnde Aneinanderscheuern von… Töpferware?

Dann war das wohl eine Ratte, irgendwo auf den hinteren Regalen? Aber Ratten schluchzen nicht, oder?

»Hör mal, ich möchte jetzt nicht da reingehen und dich rausholen!« , sagte Streuwinkel, und was er sagte, meinte er auch aus tiefstem Herzen.

Die Regale explodierten förmlich. Ihm kam es vor, als passierte alles in Zeitlupe: Bruchstücke von Keramiken und Statuen dehnten sich aus und strebten auf ihn zu. Er kippte nach hinten um, und die immer größer werdende Wolke, die über ihn hinwegzog, fuhr krachend in die Regale auf der anderen Seite des Raumes und zermalmte sie.

Streuwinkel lag bewegungsunfähig im Dunkeln auf dem Boden und wartete darauf, jeden Moment von den Phantomen, die seine sich überschlagende Phantasie ausbrütete, in Stücke gerissen zu werden…

Am Morgen fanden ihn die Leute von der Tagesschicht dort tief schlafend und mit Staub bedeckt vor. Sie hörten sich seine unzusammenhängenden Erklärungen an, übten Nachsicht und kamen zu dem Schluss, dass ein anderer Beruf seinem Temperament wohl zuträglicher wäre. Eine Weile rätselten sie noch darüber, was er da eigentlich getrieben hatte (schließlich waren Nachtwächter im günstigsten Falle ziemlich rätselhafte Leute), ließen es aber bald bleiben … und zwar wegen des seltsamen Fundes.

Herr Streuwinkel fand eine Anstellung in einer Tierhandlung in den Pellikolstufen, hörte dort aber nach drei Tagen wieder auf, weil ihm die Art und Weise, wie ihn die Kätzchen anstarrten, Albträume bereitete. Manchen Menschen gegenüber kann die Welt sehr grausam sein. Aber Streuwinkel hat niemandem jemals von der prachtvoll glitzernden Dame erzählt, die einen großen Ball über ihrem Kopf gehalten und ihn, Streuwinkel, angelächelt hatte, bevor sie wieder verschwand. Er wollte nicht, dass die Leute ihn für wunderlich hielten.

Aber vielleicht ist es jetzt angebracht, über Betten zu reden.

Lektrologie, das Studium des Bettes und der dazugehörigen Umgebung, kann extrem nützlich sein und einem sehr viel über den Eigentümer verraten, selbst wenn es sich dabei lediglich um einen sehr kenntnisreichen und cleveren Installationskünstler handelt.

Das Bett des Erzkanzlers Ridcully von der Unsichtbaren Universität beispielsweise misst mindestens anderthalb Betten und ist ein doppeltes Himmelbett oder ein Achtmaster. Zu dem Bett gehören eine kleine Bibliothek, eine Bar sowie ein kunstvoller, wegklappbarer Abtritt ganz aus Mahagoni und Messing, der einem die langen kalten nächtlichen Ausflüge mit den ihnen innewohnenden Risiken erspart, über Pantoffeln, leere Flaschen, Schuhe und andere Schikanen zu stolpern, die sich einem Mann, der nur noch betet, dass das nächste, woran er sich die Zehen stößt, etwas aus Porzellan sein möge (oder wenigstens einfach wieder sauber zu machen), im Dunkeln in den Weg stellen.

Trevor Likelys Bett ist überall: bei einem Freund auf dem Fußboden, auf dem Heuboden eines nicht verriegelten Stalles (was normalerweise eine wesentlich wohlriechendere Option ist), oder ein Zimmer in einem leer stehenden Haus (obwohl es von denen heutzutage nicht mehr allzu viele gibt); oder aber er schläft bei der Arbeit (wobei er sich jedoch sehr vorsieht, weil der alte Schmiers nie zu schlafen scheint und ihn jederzeit dabei erwischen könnte). Trev kann überall schlafen, und das tut er auch.

Glenda schläft in einem uralten Bett mit Eisengestell2, dessen Sprungfedern und Matratzen sich im Laufe der Jahre sanft und freundlich ihrer Figur angepasst und somit eine großzügige Mulde gebildet haben. Die Unterseite dieser Hängecouch wird von einer Mulchschicht aus sehr billigen, vergilbten Liebesromanen, in denen das Wort »Mieder« zum Grundwortschatz gehört, davor bewahrt, den Boden zu berühren. Glenda würde tot umfallen, wenn das jemand herausfinden würde, oder vielleicht müsste auch derjenige dranglauben, der es herausgefunden hat, sofern sie davon erfährt. Auf dem Kopfkissen sitzt meistens ein schon etwas betagter Teddybär namens Herr Wobbel.

Traditionellerweise dürfte so ein Bär, dem Lexikon des Pathos zufolge, nur noch ein Auge haben, aber weil Glenda sich, als sie noch klein war, beim Annähen vertan hatte, hat er drei und ist somit deutlich erleuchteter als der gewöhnliche Teddybär.

Juliet Stollops Bett war ihrer Mutter als »wie für eine Prinzessin gemacht« verkauft worden und sieht mehr oder weniger wie das Bett des Erzkanzlers aus, wenn auch so gut wie fast in allen Belangen weniger, denn es besteht nur aus ein paar Gaze-Vorhängen, die ein sehr schmales und sehr billiges Gestell umhüllen. Juliets Mutter ist inzwischen tot. Das kann man daraus schließen, dass jemand das Bett, nachdem es unter dem Gewicht des heranwachsenden Mädchens zusammengebrochen war, einfach auf Bierkästen gestellt hat. Eine Mutter hätte zumindest dafür gesorgt, dass sie, so wie alles andere im Zimmer, rosa angemalt würden, mit kleinen Krönchen drauf.

Herr Nutt war sieben Jahre alt, als er herausfand, dass für einige Menschen das Schlafen mit einem eigens für diesen Zweck angefertigten Möbelstück zusammenhing.

Jetzt war es zwei Uhr morgens. Eine widerliche, sirupartige Stille lastete auf den alten Korridoren und Kreuzgängen der Unsichtbaren Universität. Stille in der Bibliothek, Stille in den Sälen. Die Stille war so mächtig, dass man sie hören konnte. Sie breitete sich überall aus, sie verstopfte einem die Ohren mit unsichtbaren Flusen.

Gloing!

Das kaum vernehmbare Geräusch flog vorüber, ein Augenblick flüssigen Goldes in der stygischen Stille.

Wieder herrschte Stille im oberen Stockwerk, bis sie vom Schlurfen der offiziellen dicksohligen Filzpantoffeln von Schmiers, dem Kerzenknappen, unterbrochen wurde, der in den langen Nachtstunden seine Runden von einem Kerzenleuchter zum nächsten machte und die heruntergebrannten Kerzen durch neue aus seinem offiziellen Korb ersetzte. In dieser Nacht ging ihm dabei ein Tropfer zur Hand (wenn auch, Schmiers’ gelegentlichem Knurren zufolge, nicht gut genug).

Schmiers wurde Kerzenknappe genannt, weil diese Stellung, schon als sie vor fast zweitausend Jahren eingerichtet wurde, unter dieser Bezeichnung in den Aufzeichnungen der Universität auftauchte. Die Kerzenhalter, Wandleuchter und nicht zuletzt die Kandelaber der Universität stets mit frischen Kerzen zu versorgen war eine Aufgabe, mit der man nie fertig wurde. Genauer gesagt war es, der Meinung des Kerzenknappen zufolge, die allerwichtigste Aufgabe überhaupt. Unter großem Druck hätte Schmiers womöglich zugegeben, dass es hier und da auch Männer mit spitzen Hüten gab, aber die kamen und gingen und standen meistens nur im Weg herum. Die Unsichtbare Universität war nicht reich an Fenstern, weshalb sie ohne den Kerzenknappen innerhalb eines Tages in Dunkelheit versinken würde. Dass die Zauberer einfach hinausgehen und aus der wimmelnden Menge einen x-beliebigen Mann anheuern könnten, der in der Lage war, mit den Taschen voller Kerzen auf Leitern zu klettern, kam ihm nicht in den Sinn. Er war unersetzlich, so wie jeder andere Kerzenknappe vor ihm.

Jetzt ertönte hinter ihm ein Klappern, mit dem die offizielle aufklappbare Trittleiter aufgeklappt wurde.

Er fuhr herum. »Halt das verdammte Ding gerade!«, fauchte er.

»Tschuldigung, Meister!«, sagte sein derzeitiger Lehrling und versuchte, das rutschende, die Finger zerquetschende Ungetüm im Zaum zu halten, in das sich jede Trittleiter bei der erstbesten Gelegenheit verwandelt, und oft sogar auch ohne eine solche.

»Und mach nicht so’n Krach!«, polterte Schmiers. »Willst du für den Rest deines Lebens Tropfer bleiben?«

»Eigentlich bin ich ganz gerne Tropfer, Meister…«

»Ha! Mangel an Ehrgeiz ist der Fluch der arbeitenden Klasse! Gib mir das Ding mal!«

Der Kerzenknappe packte die Leiter genau in dem Moment, in dem sein unglücklicher Assistent sie zuklappte.

»Das tut mir jetzt echt leid, Meister…«

»Am Dochttaucherbottich ist immer ’ne Stelle frei, weißt du?«, sagte Schmiers und blies sich auf die Knöchel.

»Schon klar, Meister.«

Der Kerzenknappe schaute in das graue, runde, arglose Gesicht. Es hatte einen unerschütterlich liebenswürdigen Ausdruck, der sehr befremdlich war, besonders dann, wenn man wusste, was man da vor sich sah. Und Schmiers wusste sehr wohl, was es war, aber ja, doch er wusste nicht, wie man es nannte.

»Wie heißt du noch mal? Ich kann mich nicht an jeden einzelnen Namen erinnern.«

»Nutt, Herr Schmiers. Mit Doppel-T.«

»Glaubst du wirklich, dass das zweite T so viel ausmacht?«

»Eigentlich nicht, Meister.«

»Wo ist Trev? Er hat doch heute Nacht Dienst.«

»Er war sehr krank, Meister. Deshalb hat er mich gebeten, ihn zu vertreten.«

Der Kerzenknappe grunzte. »Wenn man bei den hohen Herren arbeiten will, muss man adrett aussehen, Nutts!«

»Nutt, Meister, Entschuldigung. Ich sehe schon seit meiner Geburt nicht adrett aus.«

»Na ja, wenigstens sieht dich hier niemand«, räumte Schmiers ein. »Also gut, dann folge mir und versuch, weniger … na, versuch einfach, gar nicht auszusehen.«

»Jawohl, Meister, aber ich denke…«

»Du wirst nicht fürs Denken bezahlt, junger … Mann.«

»Ich versuche es zu unterdrücken, Meister.«

Kurz darauf stand Schmiers vor dem Kaiser. Ein entsprechend beeindruckter Nutt beobachtete ihn.

Ein Berg aus silbrig grauem Talg füllte die einsame Kreuzung zweier steinerner Korridore beinahe vollständig aus. Die Flamme dieser Kerze, die man gerade noch als aus den Stummeln vieler tausend zuvor heruntergebrannter Kerzen bestehende Mega-Kerze ausmachen konnte, mithin ein zusammengetropftes und geronnenes großes Ganzes, war ein trüber Schein in der Nähe der Decke, viel zu hoch, um irgendetwas auch nur annähernd auszuleuchten.

Schmiers’ Brust schwoll. Hier befand er sich von Angesicht zu Angesicht mit der Geschichte.

»Sieh dir das an, Nutts!«

»Jawohl, Meister. Ich sehe es mir an. Und ich heiße Nutt, Meister.«

»Zweitausend Jahre schauen von der Spitze dieser Kerze auf uns herab, Nutts. Natürlich schauen sie auf dich weiter herab als auf mich.«

»Zweifelsohne, Meister. Sehr wohl, Meister.«

Schmiers starrte in das runde, freundliche Gesicht, doch bis auf eine aalglatte Beflissenheit, die einem beinahe Angst machen konnte, sah er nichts darin.

Er grunzte kurz, dann klappte er die Leiter auf, wobei er sich lediglich einen Daumen einklemmte, und stieg vorsichtig hinauf, bis es nicht mehr weiterging. Von diesem Basislager aus hatten Generationen von Kerzenknappen Stufen in die zur Scheibenweltmitte gewandte Seite des Riesen geschlagen und sie fortan in Schuss gehalten.

»Labe deinen Blick daran, mein Junge«, rief er nach unten. Seine grundsätzlich schlechte Laune wurde durch seinen Kontakt mit so etwas Erhabenen ein wenig aufgehellt. »Eines Tages könntest du der … Mann sein, der diesen heiligen Talg erklimmt!«

Einen Augenblick sah Nutt aus, als würde er sich gerade große Mühe geben, sich die inbrünstige Hoffnung nicht anmerken zu lassen, dass die Zukunft mehr für ihn bereithalten möge als eine große Kerze. Nutt war jung, ihm fehlte noch diese Ehrfurcht vor dem Alter, wie sie vor allem alte Menschen pflegen. Aber sein freudiges Beinahe-Lächeln war sofort wieder da. Es verließ ihn nie für sehr lange.

»Ganz recht, Meister«, sagte er, denn er wusste, dass er mit diesem Spruch nie ganz falsch lag.

Es gab so manchen, der behauptete, der Kaiser sei an dem Abend angezündet worden, an dem die UU gegründet wurde, und seither nie wieder ausgegangen. Jedenfalls war der Kaiser riesengroß und stellte ziemlich genau das dar, was man bekommt, wenn man zweitausend Jahre lang jede Nacht eine neue dicke Kerze an den flackernden Resten der vorangegangenen anzündet und sie fest in das noch warme Wachs drückt. Inzwischen war natürlich längst kein Kerzenhalter mehr zu sehen. Der befand sich irgendwo in der gewaltigen Ansammlung wächserner Tropfen im darunter liegenden Stockwerk.

Vor ungefähr eintausend Jahren hatte die Universität ein großes Loch in die Decke des Korridors darunter sägen lassen, und schon jetzt maß der Kaiser hier oben mehr als fünf Meter in der Höhe. Insgesamt handelte es sich um zehn Meter reinen, natürlichen Tropfkerzenwachses. Das machte Schmiers sehr stolz. Er war der Hüter der Kerze, die niemals ausging. Sie war jedermann ein Beispiel, ein Licht, das niemals versiegte, eine Flamme in der Dunkelheit, ein Leuchtfeuer der Tradition. Denn die Unsichtbare Universität nahm die Tradition sehr ernst, jedenfalls dann, wenn sie sich daran erinnerte.

So wie jetzt, wo doch tatsächlich…

Von irgendwo aus der Dunkelheit kam ein Geräusch, als wäre jemand auf eine sehr große Ente getreten, danach ertönte ein lautes: »Ho, der Megapode!« Dann brach die Hölle los.

Ein … Untier kam aus der Dunkelheit herausgesprungen.

Es gibt diesen Ausdruck »weder Fisch noch Fleisch noch guter roter Hering«. Dieses Ding war alles auf einmal, und dazu noch etliche Teile von anderen Viechern, wie sie bislang weder Wissenschaft, Albtraum noch Kebab-Spieß kannten. Jedenfalls war etwas Rotes im Spiel und heftiges Geflatter, und Nutt war sicher, irgendwo eine übergroße Sandale gesehen zu haben, aber da waren auch diese irre verdrehten, rollenden Augen, der riesige gelbrote Schnabel, und dann verschwand das Ding auch schon wieder in einem anderen dunklen Korridor, wobei es unablässig dieses langgezogene, hupende Geräusch von sich gab, das auch Entenjäger ausstoßen, kurz bevor sie von anderen Entenjägern erlegt werden.

»Aho! Der Megapode!« Es war nicht ganz klar, woher der Ruf kam. Er schien von überallher zu kommen. »Dort trampelt er! Ho, der Megapode!«

Der Schrei wurde von allen Seiten aufgenommen, und aus der Finsternis sämtlicher Korridore, mit Ausnahme desjenigen, in den das Ungetüm geflohen war, kamen seltsame Gestalten galoppiert, die sich im flackernden Licht des Kaisers als die ranghöchsten Zauberer der Universität entpuppten. Jeder Zauberer wurde von einem kräftigen, mit einer Melone behüteten Dienstmann der Universität huckepack getragen, den er, so wie es die Tradition verlangte, mittels einer an einer Schnur und einem langen Stock vor die Nase des Dienstmanns gehaltenen Flasche Bier vorantrieb.

Das klagende Quaken ertönte wieder, diesmal aus einiger Entfernung, und ein Zauberer fuchtelte wild mit seinem Zauberstab in der Luft herum und schrie: »Vogel entflogen! Ho, der Megapode!«

Schubsend und drängelnd machten sich die Zauberer, die Schmiers’ klapprige Leiter bereits unter den beschlagenen Stiefeln ihrer Reittiere zermalmt hatten, sofort an die Verfolgung, wobei ein jeder mit allen Mitteln versuchte, als Erster in die richtige Richtung zu traben.

Eine Weile hallte noch das »Aho! Der Megapode!« aus der Ferne heran. Als Nutt sicher sein konnte, dass sie weg waren, kroch er aus seinem Versteck hinter dem Kaiser hervor, hob das, was von der Leiter übrig war, auf, und schaute sich um.

»Meister?«, rief er vorsichtig.

Von oben kam ein Grunzen. Nutt blickte hinauf. »Alles in Ordnung, Meister?«

»Mir ging’s schon besser, Nutts. Kannst du meine Füße sehen?«

Nutt hob die Laterne ein Stück höher. »Ja, Meister. Tut mir leid, aber die Leiter ist kaputt.«

»Dann kümmere dich drum! Ich muss mich darauf konzentrieren, dass meine Hände nicht abrutschen.«

»Ich dachte, ich werde nicht fürs Denken bezahlt, Meister.«

»Jetzt fang bloß nicht an mit Klugscheißen, ja?«

»Darf ich versuchen, klug genug zu scheißen, um Sie von dort oben runterzuholen, Meister?«

Die gestrenge Antwort war Schweigen. Nutt machte seufzend die große Werkzeugtasche aus Segeltuch auf.

Schmiers klammerte sich an die schwindelerregend hohe Kerze und hörte von unten geheimnisvolles Scharren und Klirren. Dann schob sich, ganz plötzlich und so geräuschlos, dass es ihm vor Schreck den Atem verschlug, ein spitziges, ein wenig schwankendes Etwas neben ihn.

»Ich habe drei der langen Kerzenlöscherstangen aneinandergeschraubt, Meister«, sagte Nutt von unten. »Ganz oben steckt ein Kronleuchterhaken dran, sehen Sie? Und daran hängt ein Seil. Sehen Sie’s? Wenn Sie damit eine Schlinge um den Kaiser legen, dürfte es nicht sonderlich verrutschen, und Sie können sich bequem daran herunterlassen. Ach ja, eine Schachtel Streichhölzer ist auch dabei.«

»Wozu das denn?«, fragte Schmiers, während er nach dem Haken angelte.

»Mir ist aufgefallen, dass der Kaiser ausgegangen ist, Meister«, antwortete die heitere Stimme von unten.

»Nein, er ist nicht ausgegangen!«

»Schauen Sie doch noch mal nach, Meister, denn ich kann von hier kein …«

»Wir haben in der allerwichtigsten Abteilung dieser Universität absolut keinen Platz für Leute mit schlechten Augen, Nutts!«

»Bitte vielmals um Entschuldigung, Meister. Ich weiß auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Jetzt sehe ich die Flamme ganz deutlich!«

Von oben war zu hören, wie ein Streichholz angerieben wurde, und als die Kerze, die niemals ausgeht, wieder angezündet wurde, breitete sich ein Kreis gelblichen Lichtes unter der Decke aus. Kurz darauf seilte sich Schmiers sehr behutsam zum Fußboden ab.

»Gut gemacht, Meister«, sagte Nutt.

Der Kerzenknappe schnippte ein Stück hart gewordenes Kerzenwachs von seinem ebenso schmierigen Hemd.

»Na schön«, sagte er, »aber du musst morgen früh noch mal herkommen und dich um…« Aber Nutt kletterte bereits wie eine Spinne am Seil hinauf. Von der anderen Seite der großen Kerze ertönte ein Scheppern, als die Kerzenlöscherstangen hinuntergeworfen wurden, dann seilte sich der Junge mit dem Haken unter dem Arm wieder zu seinem Meister ab. Nun stand er ganz Eifer und Tüchtigkeit (wenn auch ziemlich schlecht angezogen) vor ihm. Das hatte etwas geradezu Anstößiges, und so etwas war der Kerzenknappe nicht gewohnt. Er fühlte sich bemüßigt, den Burschen zu seinem eigenen Besten ein wenig in den Senkel zu stellen.

»Sämtliche Kerzen in dieser Universität müssen mit einem langen dünnen Wachsanzünder von einer bereits brennenden Kerze angezündet werden«, sagte er mit ernster Stimme. »Wo hast du diese Streichhölzer her?«

»Das möchte ich lieber nicht sagen, Meister.«

»Das kann ich mir gut vorstellen! Und jetzt raus mit der Sprache, mein Junge!«

»Ich möchte nicht, dass jemand deswegen Ärger bekommt, Meister.«

»Deine Zurückhaltung in Ehren, aber ich muss darauf bestehen«, sagte der Kerzenknappe.

»Äh, sie sind aus Ihrer Jacke herausgefallen, als Sie hinaufgeklettert sind, Meister.«

Aus der Ferne war ein letzter Schrei zu hören: »Der Megapode ist gefangen!« Aber rings um den Kaiser lauschte die Stille mit offenem Mund.

»Du täuschst dich, Nutts«, sagte Schmiers langsam. »Ich glaube, wenn du richtig darüber nachdenkst, kommst du darauf, dass sie einer der Herrschaften vorhin verloren hat.«

»Ach, stimmt, genau so muss es gewesen sein, Meister. Ich darf nicht immer so vorschnell Rückschlüsse ziehen.«

Wieder erfasste den Kerzenknappen dieses Gefühl, nicht ganz im Lot zu sein. »Na schön, dann müssen wir keine weiteren Worte darüber verlieren«, war alles, was er zustande brachte.

»Was genau ist denn da eben passiert, Meister?«, erkundigte sich Nutt.

»Ach das? Das gehört alles zu den überaus wichtigen magischen Betätigungen der hohen Herren, mein Junge. Es ist lebenswichtig für den ordentlichen Lauf der Welt, da bin ich mir ganz sicher. Womöglich haben sie sogar die Sterne in die richtigen Bahnen gesetzt, wer weiß. Solche Sachen müssen wir eben tun, weißt du?«, fügte er hinzu, womit er sich selbst bewusst der Gesellschaft der Zauberer zurechnete.

»Es sah aber eher aus wie ein dünner Mann, der sich eine große Holzente auf den Kopf geschnallt hat.«

»Na ja, vielleicht hat es so ausgesehen, kann schon sein, aber das liegt nur daran, dass es für Leute wie uns eben so aussieht, Leute, die nicht mit der Gabe des okularen Blicks gesegnet sind.«

»Sie meinen, dass es sich dabei um eine Art Metapher handelt?«

Schmiers reagierte recht souverän auf diesen Satz, denn in Wirklichkeit sah er so was von kein Land mehr, dass sich eigentlich schon Entenmuscheln in seiner Unterwäsche hätten ansiedeln müssen. »Ganz recht«, sagte er. »Es könnte eine Meta für etwas anderes sein, das nicht ganz so bescheuert aussieht.«

»Genau, Meister.«

Schmiers schaute auf den Jungen hinab. Es ist nicht seine Schuld, dachte er, er kann ja auch nichts dafür, dass er so ist. Ein ungewohnter Anflug menschlicher Wärme befiel ihn.

»Du bist ein kluges Kerlchen«, sagte er. »Ich sehe nichts, was dagegen sprechen würde, dass du eines schönen Tages einmal Obertropfer werden kannst.«

»Vielen Dank, Meister«, sagte Nutt, »aber ich muss Ihnen gestehen, dass ich eigentlich auf etwas gehofft hatte, bei dem ich sozusagen mehr an der frischen Luft sein kann.«

»Aha«, erwiderte Schmiers, »das könnte ein bisschen… heikel werden, wie du es ausdrücken würdest.«

»Ja, Meister. Ich weiß.«

»Es ist halt so, dass dort jede Menge … na ja, sieh mal, es liegt ja nicht an mir, es sind die … es sind … tja, du weißt schon. Die Leute. Du weißt ja, wie die Leute so sind.«

»Ja, ich weiß, wie die Leute so sind.«

Sieht aus wie eine Vogelscheuche und quatscht so geschwollen daher wie einer der hohen Herren, dachte Schmiers. Schlau wie ein Fuchs, dreckig wie ein Kackhaufen. Beinahe hätte er dem kleinen … Burschen den eigenartig kugelrunden Kopf getätschelt, aber er widerstand der Regung.

»Am besten bleibst du unten bei den Wachsbottichen«, sagte er. »Dort ist es schön warm, du hast deinen eigenen Schlafsack und dort kann dir nichts passieren, stimmt’s?«

Zu seiner Erleichterung schwieg der Junge auf ihrem weiteren Weg durch die Flure, aber schließlich sagte Nutt in nachdenklichem Ton: »Ich frage mich nur … wie oft ist die Kerze, die niemals ausgeht, denn bis jetzt schon nicht ausgegangen?«

Schmiers verkniff sich seine schneidende Erwiderung. Aus irgendeinem Grunde wusste er, dass er sich damit mittelfristig bloß Ärger einhandeln würde.

»Die Kerze, die niemals ausgeht, ist während der Zeit, in der ich Kerzenknappe bin, insgesamt drei Mal nicht ausgegangen, mein Junge«, sagte er. »Das ist Rekord!«

»Eine beneidenswerte Leistung, Meister.«

»Das kannst du laut sagen! Und das bei diesen vielen seltsamen Vorgängen in letzter Zeit.«

»Tatsächlich?«, fragte Nutt. »Sind denn seltsamere Dinge als sonst passiert?«

»Junger … äh, Mann, seltsamere Dinge als sonst passieren hier ständig.«

»Einer der Jungen aus der Spülküche hat mir erzählt, dass sich gestern sämtliche Toiletten im tesseraktischen Stockwerk in Schafe verwandelt haben. Das würde ich gerne sehen.«

»An deiner Stelle würde ich nicht weiter als bis zur Spülküche gehen«, erwiderte Schmiers rasch. »Und mach dir keine Gedanken darüber, was die hohen Herren so tun. Das sind die klügsten Köpfe auf der ganzen Welt, so viel kann ich dir verraten. Wenn du sie fragen würdest…« Er hielt inne und überlegte sich fieberhaft etwas echt Schwieriges. »Was ist 864 × 316 …?«

»273 024«, sagte Nutt nicht besonders leise.

»Was?«, fragte Schmiers entgeistert.

»Ich habe nur laut gedacht, Meister«, antwortete Nutt.

»Ach so. Schön. Also… also so ist das jedenfalls, verstehst du? Die haben in null Komma nix die Antwort parat. Das sind die klügsten Köpfe auf der ganzen Welt«, sagte Schmiers, der an die Wahrheit qua Wiederholung glaubte. »Die klügsten Köpfe. Ständig mit dem Lauf des Universums beschäftigt. Die allerklügsten Köpfe!«

»Also, das hat ja Spaß gemacht«, sagte Mustrum Ridcully, der Erzkanzler der Universität, und warf sich mit solcher Wucht in einen riesigen Lehnsessel im Ungemeinschaftsraum für das Lehrpersonal, dass der ihn beinahe wieder abgeworfen hätte. »Das müssen wir irgendwann mal wieder machen.«

»Allerdings. Machen wir auch. Und zwar in einhundert Jahren«, sagte der neue Meister der Traditionen süffisant und blätterte in seinem großen Buch. Als er bei der Seite mit der Überschrift »Die Jagd auf den Megapoden« angekommen war, schrieb er das Datum und die Zeit nieder, die es gedauert hatte, den besagten Megapoden zu finden, dann unterschrieb er schwungvoll mit seinem Namen: Ponder Stibbons.

»Was ist ein Megapode überhaupt?«, fragte der Professor für unbestimmte Studien und bediente sich am Portwein.

»Ein Vogel oder so was«, antwortete der Erzkanzler und winkte in Richtung des Serviertisches mit den Getränken. »Bitte nach mir.«

»Der ursprüngliche Megapode wurde damals in der Speisekammer des Unterkellermeisters gefunden«, sagte der Meister der Traditionen. »Er ist mitten beim Mittagessen entwischt und hat, wie mein Vorgänger vor elfhundert Jahren schrieb, ein…«, er warf einen Blick ins Buch, »›wahres Heiho-Holterdipolter verursacht, und sämtliche Kollegen haben ihn mit viel Frohsinn und guter Laune durch alle Gebäude der Universität verfolgt‹.«

»Warum?«, wollte der Leiter des Instituts für Postmortale Kommunikation wissen und schnappte sich energisch die Karaffe voller Hochprozentigem, als sie an ihm vorbeikam.

»Na ja, man kann einen Megapoden schließlich nicht frei herumlaufen lassen, Doktor Hix«, antwortete Ridcully. »Das wird Ihnen jeder bestätigen.«

»Nein, ich meinte, warum wiederholen wir das alle hundert Jahre?«, fragte der Leiter der Postmortalen Kommunikation.3

Der Oberste Hirte wandte den Blick ab und murmelte nur: »Bei allen Göttern…«

»Es ist Tradition«, sagte der Professor für unbestimmte Studien, der sich gerade eine Zigarette drehte. »Und Traditionen muss man schließlich haben.«

»Schon allein deshalb, weil sie traditionell sind«, sagte Ridcully und winkte einem der Diener. »Und ich sage frei heraus, dass diese Tradition mich ziemlich hungrig gemacht hat. Bringst du uns bitte die Käseplatten eins bis fünf, ja? Und, hmm, ein bisschen von dem kalten Roastbeef, etwas Schinken, dazu ein paar Brötchen und natürlich das eingelegte Gemüse.« Er blickte auf. »Möchte jemand noch etwas hinzufügen?«

»Ich hätte nichts gegen ein bisschen Obst«, sagte der Professor für unergründliche Phänomene. »Was meinen Sie, Herr Bibliothekar?«

»Ugh«, knurrte die vor dem Kamin kauernde Gestalt.

»Aber ja, selbstverständlich«, sagte der Erzkanzler. Er winkte dem wartenden Diener zu. »Den Obstwagen auch. Kümmere dich bitte darum, Tiefleib. Und … wenn vielleicht das neue Mädchen alles raufbringen könnte? Sie muss schließlich auch den Ungemeinschaftsraum kennen lernen.«

Seine Worte hatten die Wirkung eines Zauberspruchs. Der ganze Raum, dessen Decke sich durch den bläulichen Qualm kaum erkennen ließ, war plötzlich von einem schweren, eigenartig gedankenverlorenen Schweigen durchflutet, das größtenteils träumerischen Mutmaßungen geschuldet war, in einigen wenigen Fällen aber auch entfernten Erinnerungen.

Das neue Mädchen … Allein bei dem Gedanken daran fingen ältere Herzen gefährlich heftig zu pochen an.

Nur sehr selten fand Schönheit Einlass in den Alltag der UU, die so maskulin war wie der Geruch nach alten Socken und Pfeifenrauch und gelegentlich auch – der allgemeinen Sorglosigkeit zufolge, mit der die Professoren ihre Pfeifen ausklopften – der Geruch rauchender alter Socken. Frau Allesweiß, die Hauswirtschafterin mit der klirrenden Gürtelkette und dem gewaltigen knarrenden Korsett, das bei dem Professor für unbestimmte Studien jedes Mal, wenn er es hörte, Schwindelanfälle hervorrief, gab sich normalerweise bei der Auswahl der Bediensteten große Mühe, und zwar dahingehend, dass sie, wenn sie schon weiblich waren, nicht im Übermaß weiblich sein sollten, und ansonsten eher fleißig, von sauberem Auftreten und mit rosigen Wangen, kurz gesagt, die Art von Frauen, die nie weit von Karoschürzen und Apfelkuchen entfernt war. Das kam auch den Zauberern zupass, die selbst gern nicht allzu weit von einem Apfelkuchen entfernt waren, auch wenn sie sich aus Karoschürzen nicht allzu viel machten.

Warum aber hatte die Hauswirtschafterin dann Juliet eingestellt? Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Das Mädchen war in der Universität wie eine neue Welt in einem alten Sonnensystem erschienen, mit deren Auftauchen die Grundfesten des Himmels leise zu wogen begannen. Ungefähr so, wie auch Juliet wogte, als sie schließlich näher kam.

Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge waren Zauberer zölibatär, theoretisch deshalb, weil Frauen für die magischen Organe schädlich und ablenkend waren. Eine Woche nach Juliets Ankunft jedoch sahen sich viele Mitglieder des Lehrkörpers (meist) ungewohnten Sehnsüchten und eigenartigen Träumen ausgesetzt, die ihre Organe stellenweise unangenehm versteiften, aber das Ganze war irgendwie diffus: Das, was das Mädchen besaß, ging weit über schnöde Schönheit hinaus. Es war wie das Sinnbild, die Essenz der Schönheit, die ihr überall hin folgte und sich im sie umgebenden Äther entfaltete. Wenn sie vorüberging, ergriff die Zauberer das Verlangen, Gedichte zu schreiben und Blumen zu kaufen.

»Vielleicht interessiert es Sie, meine Herren«, sagte der neue Meister der Traditionen, »dass die Jagd heute Nacht die längste Jagd war, die jemals in der Geschichte dieses alten Brauches verzeichnet wurde. Ich schlage vor, dass wir dem heutigen Megapoden unseren ausgesprochenen Dank zukommen lassen…«

Ihm fiel auf, dass seine Aussage auf taube Ohren stieß. »Äh… meine Herren?«, sagte er.

Dann hob er den Blick. Die Zauberer starrten beseelt auf das, was auch immer in ihren Köpfen vor sich gehen mochte.

»Meine Herren?«, sagte er noch einmal, und diesmal ertönte ein kollektives Seufzen, als sie aus dem plötzlichen Anfall von Tagträumerei erwachten.

»Wie beliebt?«, fragte der Erzkanzler.

»Ich habe nur soeben verkündet, dass der Megapode des heutigen Abends zweifellos der beste bislang verzeichnete gewesen ist, Erzkanzler. Es war Rincewind. Der offizielle Megapoden-Kopfputz hat ihm alles in allem sehr gut gestanden. Ich glaube, er hat sich momentan ein bisschen hingelegt.«

»Was? Ach so, ja. Allerdings. Jaja. Gut gemacht hat er das«, sagte Ridcully, und die Zauberer fingen mit einem langsamen Klatschen und Auf-die-Tische-Trommeln an, was bei Männern eines bestimmten Alters, einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und eines bestimmten Körperumfanges die angemessene Art und Weise ist, ihren Beifall kundzutun, begleitet von Rufen wie: »Ganz recht! Sehr schön! Wohl getan! Guter Mann!« oder auch »Ausgezeichnet!« Die Augen blieben jedoch starr auf die Eingangstür gerichtet, die Ohren auf das Rattern des Servierwagens konzentriert, das die Ankunft des neuen Mädchens ankündigen würde – und natürlich die Ankunft von einhundertsieben verschiedenen Käsesorten und mehr als siebzig unterschiedlichen Varianten sauer eingelegten Gemüses, diversen Chutneys und anderen Leckereien. Das neue Mädchen mochte zwar ein Musterbeispiel an Schönheit sein, aber die UU war nicht der Ort, an dem man darüber seinen Käse vergaß.

Zumindest ist sie eine Ablenkung, dachte Ponder, als er das Buch zuschlug, und die Universität konnte gerade jetzt die eine oder andere Ablenkung sehr gut gebrauchen. Seit der Dekan zurückgetreten war, war es hier nicht einfach gewesen, gar nicht einfach. Hatte man schon jemals davon gehört, dass jemand die UU verlassen hätte? So etwas passierte einfach nicht! Manchmal schied jemand in Schande aus, in einer geschlossenen Kiste oder, wie in einigen Fällen geschehen, in Einzelteilen, aber zurücktreten? Dafür gab es nun überhaupt keine Tradition. Die Anstellung bei der Unsichtbaren Universität belief sich auf Lebenszeit und oft genug weit darüber hinaus.

Das Amt des Meisters der Traditionen war unweigerlich an Ponder Stibbons gefallen, der praktisch alle Aufgaben übertragen bekam, für die jemand gebraucht wurde, der glaubte, dass Aufgaben rechtzeitig erledigt werden müssten und dass am Ende unterm Strich auch alles stimmen sollte.

Als er mit dem vorherigen Meister der Traditionen, der – da waren sich alle einig – in letzter Zeit nicht oft gesehen worden war, alles hatte durchsehen und überprüfen wollen, hatte er bedauerlicherweise feststellen müssen, dass der Mann schon seit zweihundert Jahren tot war. Was wiederum kein völlig ungewöhnlicher Umstand war. Obwohl Ponder schon seit Jahren an der Unsichtbaren Universität tätig war, hatte er noch immer nicht sämtliche Mitglieder des Lehrkörpers kennen gelernt. Wie sollte man heutzutage auch an einem Ort wie diesem auf dem Laufenden bleiben, an dem Hunderte von Arbeitszimmern sich ein Fenster teilten, aber nur nach außen hin, oder Zimmer sich während der Nacht von ihren Türen losrissen, uneinfangbar durch die schlummernden Hallen trieben und am Ende an irgendeiner anderen Stelle andockten?

In seinem eigenen Büro konnte jeder Zauberer tun und lassen, was er wollte, was sich in früheren Zeiten in erster Linie darauf bezogen hatte, dass er alles Mögliche rauchen und hemmungslos furzen konnte, ohne sich zu entschuldigen. Heutzutage bedeutete es vielmehr, dass er es in stimmigen Dimensionen an- und ausbaute. Sogar der Erzkanzler machte das, was es Ponder erschwerte, dagegen zu protestieren: Er hatte einen Forellenbach von einer halben Meile Länge in seinem Badezimmer und behauptete steif und fest, dass ein Zauberer, der in seinem Büro herumexperimentierte, wenigstens sonst keinen Unsinn anstellte. Und, wie jeder weiß, war dem auch so. Was ihn allerdings nicht davor bewahrte, sich trotzdem jede Menge Ärger einzuhandeln.

Ponder hatte es dabei bewenden lassen, weil er es inzwischen als seine Lebensaufgabe ansah, das Feuer zu schüren, das Mustrum Ridcully unter Dampf hielt und auf diese Weise die Universität zu einem glücklichen Ort machte. So wie ein Hund die Stimmung seines Herrchens übernimmt, so übernimmt eine Universität die ihres Erzkanzlers. So blieb ihm als der einzigen bekennend rundum vernünftigen Person der gesamten Universität zur Zeit nicht viel anderes übrig, als das Narrenschiff so gut wie möglich zu steuern, sich aus allzu heftigen Gewitterböen herauszuhalten, die irgendetwas mit der Person zu tun hatten, die ehemals als der Dekan bekannt gewesen war, und den Erzkanzler stets in einem Maße zu beschäftigen, dass er ihm, Ponder, nicht allzu sehr in die Quere kam.

Ponder wollte das Buch der Traditionen gerade weglegen, als die schweren Seiten sich wie von allein umblätterten.

»Das ist ja eigenartig.«

»Ach, diese alten Bucheinbände werden mit der Zeit immer schrecklich steif«, sagte Ridcully. »Manchmal machen sie, was sie wollen.«

»Hat jemand von Ihnen schon mal etwas von einem Professor H. F. Pullunder oder einem Doktor Erratamus gehört?«

Der wissenschaftliche Lehrkörper hörte auf, die Tür anzustarren. Alle sahen einander an.

»Klingelt da was bei jemandem?«, fragte Ridcully.

»Kein bisschen«, antwortete der Dozent für alte Runen heiter.

Der Erzkanzler drehte sich nach links. »Was ist mit Ihnen, Dekan? Sie kennen doch alle alten…«

Ponder stöhnte leise auf. Die anderen Zauberer schlossen die Augen und bereiteten sich auf das Schlimmste vor.

Ridcully starrte schräg nach unten auf die beiden leeren Stühle, die jeweils den Abdruck einer Hinterbacke aufwiesen. Der eine oder andere Dozent zog sich den Hut tief über die Augen. Obwohl jetzt schon zwei Wochen vergangen waren, hatte es sich noch kein bisschen gebessert.

Der Erzkanzler holte tief Luft und brüllte: »Verräter!«  – was gegenüber zwei Vertiefungen im Leder ein gewichtiger Vorwurf war.

Der Professor für unbestimmte Studien stieß Ponder mit dem Ellbogen an, was nichts anderes bedeutete, als dass er wieder einmal den Sündenbock spielen sollte.

Schon wieder.

»Für eine Handvoll Silber hat er uns verlassen!«, sagte Ridcully zum Universum im Allgemeinen.

Ponder räusperte sich. Er hatte wirklich gehofft, dass die Jagd auf den Megapoden den Erzkanzler vom Thema ablenken würde, aber Ridcullys Gedanken kehrten immer wieder zu dem abwesenden Dekan zurück, so wie eine Zunge ständig in der Lücke herumbohrt, an der sich vor Kurzem noch ein Zahn befunden hat.

»Äh, eigentlich glaube ich, dass zumindest seine Vergütung…«, setzte er an, aber bei Ridcullys momentaner Laune war einfach keine Antwort die richtige.

»Vergütung? Seit wann arbeitet ein Zauberer für ein Gehalt? Wir sind Akademiker reinsten Wassers, Herr Stibbons! Wir scheren uns nicht ums schnöde Geld!«

Leider war Ponder ein klarer logischer Denker, der sich in Zeiten geistiger Verwirrung auf Vernunft und Ehrlichkeit besann, was, wenn man es mit einem wütenden Erzkanzler zu tun hatte, um die richtige akademische Bezeichnung dafür zu verwenden, nicht besonders hilfreich war. Er gab sich keine Mühe, strategisch zu denken, was immer ein Fehler ist, wenn man sich mit Akademikerkollegen unterhält, und was in diesem Falle dazu führte, dass er den Fehler beging, sich auf den gesunden Menschenverstand zu berufen.

»Das liegt daran, dass wir eigentlich für so gut wie nichts bezahlen müssen«, sagte er, »und sich jeder, der ein bisschen Kleingeld braucht, aus dem großen Topf bedient…«

»Wir sind ein integraler Bestandteil unserer Universität, Stibbons! Wir nehmen nur, was wir wirklich benötigen! Wir streben nicht nach Wohlstand! Und schon gar nicht nehmen wir einen Posten an, der ›überaus wichtig ist und obendrein eine attraktive Besoldung abwirft‹, was auch immer das heißen mag, ›sowie andere Vorzüge, darunter eine großzügige Pension‹! Eine Pension, das muss man sich mal vorstellen! Hat man schon jemals von einem Zauberer gehört, der sich zur Ruhe gesetzt hat?«

»Also, da wäre Doktor Ohrwurm…«, warf Ponder ein. Er konnte sich einfach nicht zurückhalten.

»Er hat uns verlassen, weil er geheiratet hat!«, fuhr ihm Ridcully über den Mund. »Das hat nichts mit zur Ruhe setzen zu tun, das ist so ungefähr das Gleiche wie sterben!«

»Was ist mit Doktor Mehlschwalbe?«, hakte Ponder nach.

Der Dozent für neue Runen trat ihm gegen den Knöchel, aber Ponder sagte nur: »Aua!« und fuhr fort: »Er hat uns nach einem schweren Anfall arbeitsbedingter Frösche verlassen!«

»Wenn du die Hitze nicht aushältst, geh vom Topf runter«, murmelte Ridcully. Die Spannung klang jetzt ein wenig ab, und die Spitzhüte gingen zögerlich wieder in die Senkrechte. Die kleinen Anfälle des Erzkanzlers dauerten nie sehr lange. Was wesentlich angenehmer gewesen wäre, wenn ihn nicht schätzungsweise alle fünf Minuten wieder irgendetwas daran erinnert hätte, wie schändlich und verräterisch sich der Dekan seiner Meinung nach verhalten hatte, indem er sich über eine ganz gewöhnliche Zeitungsanzeige um eine Stelle an einer anderen Universität beworben und diese auch noch angenommen hatte. So benahm sich kein Fürst der Magie. Man setzte sich nicht vor ein Gremium aus Kaufleuten, Gemüsehändlern und Stiefelmachern (mochten sie auch noch so wunderbare Menschen sein, das Salz der Erde, zweifellos, aber trotzdem…) und ließ sich wie ein Zuchtterrier beurteilen und begutachten (und die Zähne zählen, jede Wette!). Der Dekan hatte die gesamte Innung blamiert und im Stich gelassen, genau so war es und nicht anders …

Aus dem Flur drang das Quietschen von Rädern, und sofort erstarrte jeder anwesende Zauberer voller Erwartung. Die Tür flog auf, und der erste überladene Servierwagen wurde hereingeschoben.

Hier und da wurde laut geseufzt, als sich aller Augen auf das Mädchen richteten, das den Wagen schob, und dann wurden einige Seufzer noch lauter, als sich herausstellte, dass es sich bei dem Mädchen keineswegs um die Erwartete handelte.

Sie war nicht hässlich. Man hätte sie schlicht oder hausbacken nennen können, aber nicht hässlich, eher von einer sauberen, ordentlichen Hausbackenheit, adrett und mit Rosen neben der Haustür, einer Willkommen-Fußmatte davor und einem Apfelkuchen im Ofen. Aber die Gedanken der Zauberer waren in diesem Augenblick erstaunlicherweise nicht aufs Essen gerichtet, obwohl einige von ihnen immer noch ein wenig benommen darüber nachgrübelten, wieso eigentlich nicht.

Sie war eigentlich ein recht erfreulich anzusehendes Mädchen, auch wenn ihr Busen eindeutig für ein zwei Köpfe größeres Mädchen gedacht war; aber es4 war nun mal nicht SIE.

Die Professorenschaft war am Boden zerstört, rappelte sich dann aber doch wieder erstaunlich rasch auf, als sich die Karawane der Servierwagen langsam durch den Raum schlängelte. Nichts brachte einen schneller wieder auf die Beine als die Aussicht auf einen 15-Uhr-Imbiss, darüber waren sich alle einig.

Na schön, dachte Ponder, wenigstens haben wir den Nachmittag hinter uns gebracht, ohne dass etwas zu Bruch gegangen ist. Schon mal besser als vergangenen Dienstag.

In jeder Organisation ist es allgemein bekannt, dass man eine Aufgabe, von der man erwartet, dass sie auch erledigt wird, am besten in die Hände von jemandem weiterreicht, der ohnehin schon viel zu tun hat. Dieses Verhalten war auch die Ursache für eine Reihe von Tötungsdelikten und in einem Falle für den Tod eines Abteilungsleiters gewesen, dessen Kopf wiederholt in einem kleinen Aktenschrank eingeklemmt wurde.

In der UU war Ponder Stibbons dieser vielbeschäftigte Mann. Mit der Zeit hatte er sogar Gefallen daran gefunden. Zum einen musste man sich um die meisten Angelegenheiten, um deren Erledigung er gebeten wurde, überhaupt nicht kümmern, und die meisten Zauberer aus der Leitungsriege scherten sich auch nicht darum, ob sie erledigt wurden, solange sie nicht von ihnen selbst nicht erledigt werden mussten. Abgesehen davon war Ponder sehr versiert darin, sich kleine Systeme zum Zeitsparen auszudenken, und war besonders stolz auf das System zum Notieren von Konferenzminuten, das er mithilfe von Hex ausgetüftelt hatte. Hex war die immer nützlicher werdende Denkmaschine der Universität. Eine detaillierte Analyse der vergangenen Minuten, kombiniert mit den enormen Voraussagefähigkeiten von Hex, bedeutete, dass für eine einfache Bandbreite von leicht zugänglichen Konstanten, wie zum Beispiel die Tagesordnung (die Ponder ohnehin festlegte), die Komiteemitglieder, die Zeit seit dem Frühstück, die Zeit bis zum Mittagessen und so weiter, in den meisten Fällen die Minuten schon vorab aufgeschrieben werden konnten.

Alles in allem fand er, dass er seinen Teil dazu beitrug, die UU auf ihrem selbst gewählten Kurs liebenswerter, dynamischer Stagnation zu halten. Für den, der die Alternativen kannte, war es immer eine lohnende Anstrengung, alles wie gehabt beizubehalten.

Aber eine Seite, die sich selbst umblättert, war Ponders Ansicht nach eine beträchtliche Normabweichung. Also strich er jetzt, da ringsum die Geräusche des vorfrühstückshaften Abendessens lauter wurden, die Seite glatt und fing an, aufmerksam zu lesen.

Als Juliet endlich in der Nachtküche erschien, hätte Glenda am liebsten einen Teller auf dem süßen, hohlen Köpfchen des Mädchens zerschlagen. Zumindest hätte sie es sich gerne in aller Ausführlichkeit vorgestellt, aber es hatte keinen Sinn, die Beherrschung zu verlieren, denn ihr Zielobjekt tat sich recht schwer damit, zu bemerken, was andere Leute gerade dachten. Eigentlich konnte Juliet kein Wässerchen trüben, es war nur so, dass sie große Schwierigkeiten damit hatte, sich vorzustellen, dass irgendjemand unfreundlich zu ihr sein könnte.

Also ließ es Glenda bei einem »Wo hast du bloß gesteckt? Ich habe Frau Allesweiß gesagt, du hättest dich krank gemeldet. Dein Vater macht sich bestimmt schreckliche Sorgen! Außerdem macht es einen schlechten Eindruck auf die anderen Mädchen!« bewenden.

Juliet ließ sich auf einen Stuhl sinken, und das mit einer Bewegung, die so anmutig war, dass sie zu singen schien.

»Ich war halt beim Fußball. Du weißt doch, wir haben gegen diese Arschgeigen in Düstergut gespielt.«

»Bis um drei Uhr morgens?«

»Du kennst die Regeln doch. Das Spiel geht, bis die Zeit rum ist, bis zum ersten Toten oder bis zum ersten Tor.«

»Wer hat gewonnen?«

»Kein’n Dunst.«

»Du weißt es nicht?«

»Als wir weg sind, wollten sie gerade die Kopfverletzungen gegeneinander aufrechnen. Ich bin jedenfalls mit Rotten Johnny weg, bin ich.«

»Ich dachte, du hättest mit ihm Schluss gemacht.«

»Na, aber er hat mir doch’n Essen spendiert.«

»Du hättest da nicht hingehen sollen. Sowas solltest du einfach nicht machen.«

»Was weißt du denn schon?«, sagte Juliet, die manchmal dachte, Fragen seien Antworten.

»Dann mach jetzt eben den Abwasch, ja?«, sagte Glenda. Und nach dir spüle ich alles noch mal ab, dachte sie, als ihre beste Freundin zu der Reihe großer Spülbecken hinüberschlenderte. Juliet spülte das Geschirr nicht im strengen Sinne  – sie ließ ihm vielmehr eine kurze Taufe zukommen. Nun gehörten Zauberer zwar nicht zu den Leuten, denen ein bisschen angetrocknetes Ei vom Vortag auf dem Teller auffällt, aber Frau Allesweiß sah so etwas aus zwei Räumen Entfernung.

Glenda mochte Juliet wirklich sehr, aber manchmal fragte sie sich wirklich, wieso eigentlich. Natürlich waren sie zusammen aufgewachsen, aber es hatte sie schon immer gewundert, dass Juliet, die so hübsch war, dass die Jungen nervös wurden und gelegentlich sogar in Ohnmacht fielen, wenn sie vorüberging, sich bei allem so … so dämlich anstellte. Manchmal kam es Glenda vor, als sei sie für sie beide erwachsen geworden.

»Schau mal her, du musst einfach nur ein bisschen schrubben, mehr nicht«, blaffte sie, nachdem sie Juliet ein paar Minuten bei ihren lustlosen Eintauchübungen zugesehen hatte, und nahm dem Mädchen die Bürste aus der makellosen Hand. Als kurz darauf das Fett im Ausguss verschwand, dachte sie: Jetzt hab ich’s schon wieder gemacht. Eigentlich hab ich’s schon wieder schon wieder gemacht. Zum wievielten Male eigentlich? Früher habe ich sogar für sie mit ihren Puppen gespielt!

Unter Glendas Händen fing ein Teller nach dem anderen zu glänzen an. Nichts kriegt widerspenstige Flecken so gründlich ab wie unterdrückte Wut.

Rotten Johnny, dachte sie. Herrschaft noch mal, der riecht doch nach Katzenpisse! Dieser Johnny ist der einzige Junge, der blöd genug ist, zu glauben, er hätte eine Chance bei ihr. Nicht zu fassen, jetzt hat sie schon so eine tolle Figur und verabredet sich ein ums andere Mal mit solchen absoluten Schwachköpfen! Was würde sie bloß ohne mich tun?

Nach dieser kurzen Gemütserregung ging die Nachtküche zu ihrer normalen Routine über, und diejenigen, die zuvor als »die anderen Mädchen« erwähnt worden waren, fuhren mit ihren gewohnten Aufgaben fort. Man muss dazu sagen, dass die meisten von ihnen schon lange keine Mädchen mehr waren, aber sie waren gute Arbeiterinnen, und Glenda war stolz auf sie. Frau Heckes war für die Käseplatten verantwortlich und erledigte diese Aufgabe wie eine wahre Meisterin. Mildred und Rachel, die im Lohnbuch als Gemüsefrauen geführt wurden, waren brav und zuverlässig, und es war Mildred gewesen, die sich damals das inzwischen berühmte Rezept für die Sandwiches mit Roten Beten und Rahmkäse ausgedacht hatte.

Jede wusste, was sie zu tun hatte. Jede erledigte ihre Arbeit gewissenhaft. Die Nachtküche arbeitete zuverlässig, und Glenda mochte es zuverlässig.

Sie hatte eine Wohnung, in die sie gehen konnte, und sie sah zu, dass sie auch mindestens einmal am Tag dort hinging, aber die Nachtküche war der Ort, an dem sie lebte. Sie war ihre Festung.

Ponder Stibbons starrte auf die Buchseite vor seiner Nase. Hässliche Fragen stapelten sich in seinem Kopf, von denen die größte und hässlichste ganz einfach lautete: Könnte womöglich irgendjemand darauf kommen, dass das alles meine Schuld ist? Nein. Gut!

»Ähm, ich habe hier einen Brauch gefunden, den wir offensichtlich schon eine ganze Zeitlang nicht mehr berücksichtigt haben, Erzkanzler«, sagte er und bemühte sich darum, seine Stimme unter Kontrolle zu behalten.

»Spielt das eine Rolle?«, fragte Ridcully und streckte sich.

»Na ja, es ist ein alter Brauch, Erzkanzler«, antwortete Ponder vorwurfsvoll. »Eine Tradition. Obwohl ich so weit gehen würde, zu behaupten, dass die Tradition inzwischen leider darin besteht, diesen Brauch nicht zu berücksichtigen.«

»Na, dann ist doch alles in Ordnung, oder?«, meinte Ridcully. »Wenn wir eine Tradition daraus machen können, dass wir eine andere Tradition nicht berücksichtigen, dann ist das doch sozusagen eine doppelte Tradition, oder nicht? Wo liegt das Problem?«

»Es dreht sich um Erzkanzler Thurecht Sodomirs Vermächtnis«, sagte der Meister der Traditionen. »Die Universität ist eine beträchtliche Nutznießerin des Sodomir-Nachlasses. Die Sodomirs waren eine sehr reiche Familie.«

»Hmm, stimmt. Hab den Namen schon mal irgendwo gehört. Sehr nett von ihm. Und?«

»Es wäre mir wesentlich leichter ums Herz, wenn sich mein Vorgänger ein bisschen besser um die alten Bräuche gekümmert hätte«, sagte Ponder, der davon überzeugt war, dass man schlechte Nachrichten am besten peu à peu überbrachte.

»Na ja, er war schließlich tot.«

»Das schon, aber vielleicht sollten wir eine neue Tradition begründen, und zwar die, regelmäßig die gesundheitliche Verfassung des Meisters der Traditionen zu überprüfen.«

»Ach, er war eigentlich recht gesund«, erwiderte der Erzkanzler. »Bloß tot. Aber für einen Toten doch ziemlich gut beieinander.«

»Er war ein Häufchen Staub, Erzkanzler!«

»Das ist nicht dasselbe wie krank«, sagte Ridcully, der davon überzeugt war, dass man niemals nachgeben sollte. »Streng genommen ist dieser Zustand eher als stabil zu bezeichnen.«

»An die Zuwendung aus dem Nachlass ist eine Bedingung geknüpft«, sagte Ponder. »Es steht im Kleingedruckten, Erzkanzler.«

»Mensch, Stibbons, ich kümmere mich nie um das Kleingedruckte!«

»Ich schon. Hier steht: ›… und dies sei gewährt, solange die Universität eine Mannschaft beim Spiel Tritt-den-Ball oder auch Armer Leit’ Vergniegen stellet‹.«

»Armer Leitvergniegen?«, fragte der Professor für unbestimmte Studien.

»Das ist doch lächerlich!«, sagte Ridcully.

»Lächerlich oder nicht, Erzkanzler, es ist jedenfalls die Bedingung für unsere Zuwendung.«

»Aber wir nehmen schon seit vielen Jahren nicht mehr daran teil«, sagte Ridcully. »Der ganze Pöbel in den Straßen, dieses Treten und Stoßen und Grölen … und damit meine ich nur die Spieler! Die Zuschauer waren wohlgemerkt fast genauso schlimm! Die Mannschaften bestanden aus Hunderten von Spielern! So ein Spiel konnte tagelang dauern. Deshalb hat die Sache irgendwann aufgehört.«

»Genau genommen hat es damit nie aufgehört, Erzkanzler«, sagte der Oberste Hirte »Wir haben damit aufgehört, das schon. Ebenso die Gilden. Es war kein Spiel mehr für Gentlemen.«

»Wie auch immer«, sagte der Meister der Traditionen. »So lauten jedenfalls die Bedingungen.« Er fuhr mit dem Finger die Seite hinunter. »Es gibt noch haufenweise andere Bedingungen. Ach du Schreck. Au weia. O nein, bitte nicht…«

Seine Lippen bewegten sich langsam beim Weiterlesen. Der ganze Saal schien den Hals zu recken.

»Jetzt aber raus damit, Mann!«, brüllte Ridcully.

»Ich glaube, ich muss erst einmal ein paar Dinge überprüfen«, sagte der Meister der Traditionen. »Ich möchte Sie nicht über Gebühr beunruhigen.« Sein Blick wanderte wieder nach unten. »Herrjemine! Also, da wird doch…!«

»Wovon reden Sie, Mann?«

»Tja, sieht ganz so aus, als… Nein, es wäre wirklich unfair, Ihnen den Abend zu verderben, Erzkanzler«, sträubte sich Ponder. »Ich habe bestimmt etwas falsch gelesen. Er kann doch unmöglich meinen … Um Himmels willen, nein …!«

»Ganz kurz zusammengefasst, Stibbons«, knurrte Ridcully. »Soweit ich weiß, bin ich der Erzkanzler dieser Universität. Jedenfalls steht es so an der Tür zu meinem Büro.«

»Selbstverständlich, Erzkanzler, aber es wäre sicher nicht rechtens, wenn ich einfach so …«

»Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie mir nicht den Abend verderben möchten«, sagte Ridcully. »Aber ich würde keine Sekunde zögern, Ihnen den morgigen Tag zu verderben. Vielleicht könnten Sie mir jetzt kurz und knackig mitteilen, wovon Sie schon die ganze Zeit faseln!«

»Äh, wie es aussieht, Erzkanzler, hat man hier, äh… Wissen Sie zufällig, wann wir das letzte Mal an einem Spiel teilgenommen haben?«

»Wer weiß es?«, leitete der Erzkanzler die Frage an alle Versammelten weiter. Eine gedämpfte Diskussion brachte einen Konsens zum Thema zustande, der »vor ungefähr zwanzig Jahren, vielleicht mehr, vielleicht weniger« lautete.

»Mehr oder weniger was?«, erkundigte sich Ponder, der solche Angaben verabscheute.

»Ach, wissen Sie, irgendwas um den Dreh. So ungefähr in der Größenordnung. Mehr oder weniger in dem Zeitraum, Sie wissen schon.«

»So ungefähr?«, sagte Ponder. »Geht’s vielleicht ein bisschen genauer?«

»Warum?«

»Weil die Universität, wenn sie über einen Zeitraum von zwanzig Jahren oder länger bei keinem Armer Leit’ Vergniegen mehr mitgespielt hat, die Zuwendung an die noch lebenden Verwandten von Erzkanzler Sodomir abtreten muss.«

»Aber das Spiel ist verboten, Mann!« Der Erzkanzler wollte noch immer nicht klein beigeben.

»Äh, nicht direkt. Jedermann weiß, dass Lord Vetinari das Spiel nicht mag, aber soweit ich weiß, drückt die Wache ein Auge zu, solange die Spiele außerhalb des Stadtzentrums ausgetragen werden und auf die abgelegenen Straßen und Gassen beschränkt bleiben. Da ich mir vorstellen kann, dass die Anhänger und Spieler der gesamten Belegschaft der Wache zahlenmäßig weit überlegen sind, ist es wohl besser so, als sich umgekehrt von denen die Nase plattdrücken zu lassen.«

»Das war ein ziemlich gutes Wortspiel, Herr Stibbons«, sagte Ridcully. »Sie erstaunen mich immer wieder.«

»Vielen Dank, Erzkanzler«, erwiderte Ponder. Eigentlich hatte er es sich von einer Schlagzeile in der Times ausgeborgt, einer Zeitung, die bei den Zauberern nicht hoch im Kurs stand, weil sie entweder nicht abdruckte, was sie sagten, oder das, was sie gesagt hatten, mit peinlicher Genauigkeit abdruckte.

Mit frischem Mut fügte er hinzu: »Ich sollte jedoch darauf hinweisen, dass dem Gesetz der UU zufolge ein Verbot keine Rolle spielt. Zauberer müssen sich nicht an ein solches Verbot halten. Wir unterstehen der profanen Gesetzbarkeit nicht.«

»Selbstverständlich nicht. Nichtsdestoweniger ist es im Allgemeinen von Vorteil, die bürgerliche Gesetzgebung anzuerkennen« , sagte Ridcully und wählte dabei seine Worte mit einer solchen Vorsicht, dass es schien, als würde er sie – metaphorisch gesprochen – zunächst wieder aus dem Mund holen, um sie erst einmal ausgiebig beim hellen Tageslicht zu betrachten.

Die Zauberer nickten. In ihren Ohren klang das eben Gesagte wie Folgendes: »Vetinari mag seine kleinen Marotten haben, aber er ist der vernünftigste Mann, den wir seit vielen Jahrhunderten auf dem Thron hatten. Er lässt uns in Ruhe, und man kann nie wissen, was er als Nächstes im Schilde führt.« Dagegen gab es absolut nichts einzuwenden.

»Schön, Stibbons«, sagte Ridcully. »Was schlagen Sie also vor? In letzter Zeit haben Sie mir immer nur dann von einem Problem berichtet, wenn Sie bereits eine Lösung dafür in petto hatten. Ich respektiere das, auch wenn es mir ein bisschen unheimlich ist. Haben Sie schon einen Weg gefunden, wie wir uns da wieder herauswinden können?«

»Leider nein, Erzkanzler. Ich dachte mir, dass wir, na ja, eine Mannschaft aufstellen könnten. Von gewinnen steht hier schließlich nichts. Wir müssen nur spielen, mehr nicht.«

Es war immer schön warm in den Kerzengewölben. Bedauerlicherweise war es auch extrem feucht und ziemlich laut, und das auf eine unberechenbare und stets unerwartete Weise. Das lag daran, dass die Riesenrohre der Zentralheizung und der Heißwasserversorgung der Unsichtbaren Universität direkt darüber verliefen und von einer Reihe von Metallspangen unter der Decke festgehalten wurden, die einen größeren oder kleineren Koeffizienten der linearen Ausdehnung besaßen. Und das war erst der Anfang. Dazu kamen die gewaltigen Rohre zum Ausgleich des Greipel-Differentials in der gesamten Universität, das Rohr für den anthropischen Partikelströmungs-Unterdrücker, das in letzter Zeit nicht mehr richtig funktionierte, die Rohre für die Luftzirkulation, die auch nicht mehr funktionierten, seit der Esel krank war, sowie die uralten Röhren, die als Letztes von dem unglücklichen Versuch eines ehemaligen Erzkanzlers übrig geblieben waren, ein Kommunikationssystem für die Universität einzuführen, das mittels trainierter Krallenäffchen funktionierte. Zu bestimmten Tageszeiten schwang sich dieses gesamte Rohrwirrwarr zu einer unterirdischen Symphonie auf, die sich aus Gurgeln, Schnalzen, beunruhigenden organischen Tropfgeräuschen und, hin und wieder, einem unerklärlichen hämmernden Geräusch, das durch sämtliche Kellerstockwerke nachhallte, zusammensetzte.

Die im Allgemeinen recht provisorische Anmutung der Konstruktion des Systems wurde dadurch unterstrichen, dass man die großen eisernen Heißwasserrohre aus ökonomischen Gründen mit alten, mittels Schnüren festgezurrten Kleidungsstücken ummantelt hatte. Da einige dieser Stücke aus der Garderobe von Zauberern stammten und man, egal wie kräftig man auch schrubbte, so gut wie nie alle Zaubersprüche herausbekam, spielten sich darunter gelegentlich sporadische Schauer aus bunten Funken und ab und zu einem Tischtennisball ab.

Trotz alledem fühlte sich Nutt hier unten in den Gewölben zwischen den Kerzenbottichen zu Hause. Es war irgendwie beunruhigend: Im Hochland hatten ihn die Leute auf der Straße damit aufgezogen, er sei in einem Bottich gemacht worden. Obwohl ihm Bruder Himmelwärts gesagt hatte, dass das lächerlich sei, sprach der sanft blubbernde Talg zu ihm. Hier fühlte er sich sicher und in Ruhe gelassen.

Inzwischen würde ohne ihn in den Kerzengewölben so gut wie nichts mehr laufen. Schmiers wusste das nicht, weil er sich so gut wie nie die Mühe machte, hier herunterzukommen. Trev wusste es natürlich, aber da er, wenn Nutt seine Arbeit für ihn erledigte, mehr Zeit dafür hatte, auf irgendeiner Brache eine alte Blechdose durch die Gegend zu kicken, gab er sich damit zufrieden. Die Meinung der anderen Kerzentropfer und Dochttaucher spielte eigentlich keine Rolle; wenn man im Kerzengewölbe arbeitete, dann hieß das, auf den Arbeitsmarkt bezogen, dass man nicht nur auf dem Boden des Fasses aufgeschlagen ist, sondern auch noch mal ordentlich Gas gegeben und sich tief ins Grundgestein gebohrt hat. Es bedeutete, dass man nicht mehr über genug Charisma verfügte, um Bettler zu werden. Es bedeutete, dass man vor etwas auf der Flucht war, womöglich gar vor den Göttern oder vor den inneren Dämonen. Es bedeutete, dass man, sollte man es wagen, nach oben zu schauen, hoch über sich den Bodensatz der Gesellschaft erblicken würde. Also blieb man am besten hier unten im warmen Dämmerlicht, wo es genug zu essen und keine unangenehmen Begegnungen gab – und, wie Nutt insgeheim hinzufügte: keine Schläge.

Nein, die Dochttaucher waren kein Problem. Wenn er konnte, tat er alles für sie, was in seiner Macht stand. Das Leben selbst hatte sie so hart geschlagen, dass sie nicht mehr genügend Kraft hatten, jemand anderen zu schlagen. Das war von Vorteil. Denn wenn die Leute erst herausgefunden hatten, dass man ein Goblin war, durfte man nichts anderes mehr als Leid und Ärger erwarten.

Nutt erinnerte sich noch gut daran, was ihm die Leute in den Dörfern zugerufen hatten, als er noch klein war, und wie auf das Wort unweigerlich ein Stein folgte.

Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Unseen Academicals« bei Doubleday, an imprint of Transworld Publishers, London.

1. Auflage Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Copyright © der Originalausgabe 2009 by Terry und Lyn Pratchett This edition is published by arrangement with Transworld Publishers, a division of Random House Group Ltd. All rights reserved. Discworld® and Unseen University® are trademarks registered by Terry Pratchett

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010

by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München, unter Verwendung einer Gestaltung von RME, Roland Eschlbeck/Ruth Botzenhardt Umschlagmotiv: © Tom Steyer/ die KLEINERT.de Th · Herstellung: Str.

eISBN 978-3-641-09732-5

www.goldmann-verlag.de

www.randomhouse.de

Leseprobe

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Rein formal gesehen ist die Stadt Ankh-Morpork eine Tyrannis, was nicht immer das Gleiche wie eine Monarchie ist, und genau genommen ist sogar der Posten des Tyrannen vom amtierenden Inhaber, Lord Vetinari, in gewisser Hinsicht neu definiert worden, und zwar als einzige Form der Demokratie, die funktioniert. Jeder ist wahlberechtigt, es sei denn, er wird aufgrund seines Alters oder weil er nicht Lord Vetinari ist, von der Wahl ausgeschlossen.

Trotzdem funktioniert es. Diese Tatsache hat nicht wenige Leute ziemlich vergrätzt, die aus irgendwelchen Gründen der Meinung sind, dass es nicht funktionieren sollte, und die stattdessen lieber eine Monarchie hätten, das heißt, sie wollen einen Mann, der seine Position durch Gerissenheit, eine weitreichende Einsicht in die Gegebenheiten der menschlichen Psyche, atemberaubende Diplomatie, eine gewisse Geschicklichkeit mit dem Stilett sowie – darüber sind sich alle einig – einen Verstand wie eine säuberlich ausgewuchtete Kreissäge erreicht hat, durch einen anderen ersetzen, der darauf lediglich aufgrund seiner Geburt Anspruch erhebt.*

Die Krone wirkte jedoch, wie es Kronen nun mal so an sich haben, im Postamt, in der Königlichen Bank, in der Münze und nicht zu vergessen im wuchernden, krakeelenden und streitsüchtigen Bewusstsein der Stadt weiter. In dieser Finsternis lebt so manches. Es gibt alle möglichen Arten von Finsternis, in denen man alles Mögliche finden kann: Gefangenes, Verbanntes, Verlorenes oder Verstecktes. Manchmal können diese Dinge von dort wieder entkommen. Manchmal verschwinden sie einfach. Manchmal halten sie es einfach nicht mehr aus.

* Ein dritter Vorschlag, demzufolge die Stadt von einer Auswahl respektabler Gemeindemitglieder regiert werden sollte, die versprechen müssten, sich nicht aufs hohe Ross zu setzen oder das öffentliche Vertrauen bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu hintergehen, wurde sofort zum Gegenstand von Witzen in allen Varietés der Stadt.

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Das heißt, Glenda schläft offiziell in dem alten eisernen Bettgestell; in Wirklichkeit schläft sie meist in einem riesigen und uralten Lehnsessel in der Nachtküche, wo sie schon fast die Meisterschaft darin erlangt hat, völlig ohne Schlaf auszukommen. Seither sind so viele Krümel, Löffel, Pastetenstückchen, Bücher und verschüttete Getränke zwischen die Polster gerutscht, dass dieser Sessel womöglich längst eine eigene kleine, aber sehr florierende Zivilisation beherbergt.

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