Weiberregiment - Terry Pratchett - E-Book

Weiberregiment E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Das bettelarme Borograwien bringt die einzige Großmacht der Scheibenwelt gegen sich auf, das ferne Ankh-Morpork. Im Tal des Kneck stehen sich die Heere gegenüber, Flüchtlingsströme sind unterwegs, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Allianz der Feinde den Sieg über Borograwien erringt. Da entschließt sich die junge Polly Perks, heimlich Soldat zu werden, um ihren Bruder Paul aus dem Militär heimzuholen. Und obwohl es in Borograwien streng verboten ist, dass Frauen sich wie Männer kleiden, argwöhnt Polly bald, dass sie nicht der einzige weibliche Soldat ist …



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Terry Pratchett, geboren 1948, ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Von seinen Romanen wurden weltweit rund 65 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke in 37 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau Lyn in der englischen Grafschaft Wiltshire.

Informationen zu Terry Pratchett auch unter www.pratchett-buecher.de und www.pratchett-fanclub.de.

Terry Pratchett bei Goldmann und Manhattan:

Die Romane von der bizarren Scheibenwelt:

Voll im Bilde · Alles Sense! · Total verhext · Einfach göttlich · Lords und Ladies Helle Barden · Rollende Steine · Echt zauberhaft · Mummenschanz · Hohle Köpfe Schweinsgalopp · Fliegende Fetzen · Heiße Hüpfer · Ruhig Blut! · Der fünfte Elefant Die volle Wahrheit · Der Zeitdieb · Die Nachtwächter · Weiberregiment · Ab die Post · Klonk! · Schöne Scheine · Der Club der unsichtbaren Gelehrten · Steife Prise

Märchen von der Scheibenwelt:

Maurice, der Kater · Kleine freie Männer · Ein Hut voller Sterne · Der Winterschmied · Das Mitternachtskleid

Zwei Scheibenwelt-Romane in einem Band:

Total verhext/Einfach göttlich · Lords und Ladies/Helle Barden · Rollende Steine/ Echt zauberhaft · Mummenschanz/Hohle Köpfe · Schweinsgalopp/Fliegende Fetzen

Von der Scheibenwelt außerdem erschienen:

Wahre Helden. Ein illustrierter Scheibenwelt-Roman · Die Kunst der Scheibenwelt Das Scheibenwelt-Album. Illustriert von Paul Kidby · Mort. Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins · Wachen! Wachen! Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins · Nanny Oggs Kochbuch. Mit Rezepten von Tina Hannan. Illustriert von Paul Kidby · Die Straßen von Ankh-Morpork. Eine Scheibenwelt-Karte · Die Scheibenwelt von A - Z · Mythen und Legenden der Scheibenwelt · Witz und Weisheit der Scheibenwelt · Narren, Diebe und Vampire. Die besten Geschichten aus zehn Jahren Scheibenwelt-Kalender

Dazu ist erschienen:

Die gemeine Hauskatze. Illustriert von Gray Jolliffe · Eine Insel. Roman

Außerdem sind Johnny—Maxwell—Romane von Terry Pratchett erschienen:

Nur du kannst die Menschheit retten/Nur du kannst sie verstehen/Nur du hast den Schlüssel. Drei Romane in einem Band

Weitere Bücher von Terry Pratchett sind in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

Copyright

Polly schnitt sich vor dem Spiegel das Haar ab und bekam dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie gar kein schlechtes Gewissen hatte. Eigentlich war das Haar ihre krönende Pracht, und alle nannten es wundervoll, aber bei der Arbeit trug sie es normalerweise in einem Netz. Sie hatte immer gedacht, dass es an sie verschwendet war. Nichtsdestotrotz achtete sie darauf, dass die langen goldenen Locken auf das kleine Tuch fielen, das sie aufnehmen sollte.

Hätte sie zu diesem Zeitpunkt irgendwelche starken Gefühle zugegeben, dann den Ärger darüber, dass ein Haarschnitt genügte, um sie als jungen Mann durchgehen zu lassen. Sie brauchte nicht einmal ihren Busen flach zu binden, was in solchen Fällen üblich war, wie sie gehört hatte. Sie verdankte es der Natur, dass es in dieser Hinsicht kaum Probleme gab.

Die Schere erzielte eine … unregelmäßige Wirkung, aber der Haarschnitt war nicht schlechter als der vieler Männer. Er würde seinen Zweck erfüllen. Polly fühlte Kühle im Nacken, aber das lag nur zum Teil am fehlenden Haar. Es lag auch an dem Blick.

Die Herzogin beobachtete sie von ihrem Platz über dem Bett.

Es war kein besonders guter Holzschnitt, handgemalt, größtenteils blau und rot. Er zeigte eine schlichte Frau in mittleren Jahren, mit durchhängendem Kinn und hervorquellenden Augen, was Zynikern den Eindruck vermittelte, jemand hätte einen großen Fisch in ein Kleid gestopft. Doch dem Künstler war es gelungen, in dem seltsam leeren Gesicht etwas zum Ausdruck zu bringen. Manche Bilder hatten Augen, deren Blick einem folgte, wenn man durchs Zimmer schritt. In diesem Fall starrten sie durch einen hindurch. Dieses Gesicht fand sich in jedem Haus. In Borograwien wuchs man mit der Herzogin auf, die einen beobachtete.

Polly wusste, dass ein Bild der Herzogin im Schlafzimmer ihrer Eltern hing, und sie wusste auch, dass ihre Mutter zu Lebzeiten jeden Abend einen Knicks davor gemacht hatte. Sie griff nach oben und drehte das Bild mit dem Gesicht zur Wand. Eine Stimme in ihrem Kopf sagte Nein. Polly achtete nicht darauf. Sie hatte sich entschieden.

Sie zog die Kleidung ihres Bruders an, stopfte den Inhalt des Tuchs in einen kleinen Beutel, den sie zusammen mit den zusätzlichen Sachen ganz unten im Rucksack verstaute, legte einen Zettel aufs Bett, griff nach dem Rucksack und kletterte aus dem Fenster. Es war Polly, die aus dem Fenster kletterte, doch Olivers Füße berührten unten den Boden.

Die Morgendämmerung machte eine dunkle Welt grau, als sie über den Hof des Gasthauses huschte. Die Herzogin blickte auch von dem Schild über dem Eingang herab. Pollys Vater war ein großer Loyalist gewesen, zumindest bis zum Tod ihrer Mutter. In diesem Jahr war das Schild nicht neu gemalt worden, und ein Klecks Vogeldreck ließ die Herzogin schielen.

Polly vergewisserte sich, dass der Karren des Rekrutierungsfeldwebels noch immer vor der Taverne stand. Der Regen der vergangenen Nacht hatte die bunten Fahnen schwer herabhängen lassen und ihre Farben getrübt. Nach dem Aussehen des dicken Feldwebels zu urteilen, würde es noch Stunden dauern, bis der Karren wieder auf der Straße war. Sie hatte jede Menge Zeit. Er schien ein langsamer Frühstücker zu sein.

Sie schlüpfte durch die Hintertür und ging bergauf. Oben blieb sie stehen und blickte zu dem erwachenden Ort zurück. Rauch kam aus einigen Schornsteinen, aber das Wirtshaus schlief noch – Polly stand immer als Erste auf und musste die Dienstmädchen aus ihren Betten scheuchen. Sie wusste, dass Witwe Klimm über Nacht geblieben war (ihr Vater meinte, es hätte so stark geregnet, dass sie nicht nach Hause zurückkehren konnte), und Polly hoffte um seinetwillen, dass sie jede Nacht blieb. Im Ort mangelte es nicht an Witwen, und Eva Klimm war eine warmherzige Frau, die meisterhaft zu backen verstand. Die lange Krankheit seiner Angetrauten und Pauls lange Abwesenheit hatten Pollys Vater sehr zugesetzt. Die alten Frauen, die ihre Tage damit verbrachten, aus den Fenstern zu schauen und alles zu beobachten, spionierten, ärgerten sich und tuschelten. Aber das machten sie schon zu lange; niemand hörte mehr auf sie.

Polly hob den Blick. Rauch und Dampf stiegen bereits von der Wäscherei der Mädchenschule auf. Wie eine Drohung ragte die Schule am einen Ende des Ortes auf, groß und grau, mit hohen, schmalen Fenstern. Immer herrschte dort Stille. Als Polly klein gewesen war, hatte man ihr erzählt, dass die »bösen Mädchen« dorthin kamen. Die Art des »Bösen« wurde nicht erklärt, und im Alter von fünf Jahren gewann Polly die vage Vorstellung, »böse« bedeutete, nicht ins Bett zu gehen, wenn man dazu aufgefordert wurde. Als Achtjährige hatte sie gelernt: Man war böse, wenn man das Glück hatte, nicht losgehen und für den Bruder einen Malkasten kaufen zu müssen. Sie drehte sich um und wanderte zwischen den Bäumen, in denen Vögel zwitscherten.

Vergiss, dass du jemals Polly gewesen bist. Denk wie ein junger Mann, darauf kam es an. Furz laut und voller Zufriedenheit, wenn du eine Arbeit gut gemacht hast. Beweg dich wie eine Marionette, bei der einige Fäden durchgeschnitten sind. Umarme nie jemanden. Und wenn du einen Freund triffst, so knuff ihn. Einige Jahre Arbeit im Wirtshaus hatten viel Anschauungsmaterial geliefert. Zumindest war es kein Problem, nicht die Hüften zu schwingen. Auch dabei hatte die Natur gespart.

Und dann galt es noch, die Gangart eines jungen Mannes nachzuahmen. Frauen schwangen wenigstens nur ihre Hüften. Junge Männer schwangen alles, von den Schultern abwärts. Man muss versuchen, möglichst viel Platz einzunehmen, dachte Polly. Dann sieht man größer aus, wie ein Kater mit aufgebauschtem Schwanz. Sie hatte es im Wirtshaus oft gesehen. Die Jungen versuchten, groß zu gehen, es war Selbstverteidigung gegen die anderen großen Jungs dort draußen. Ich bin böse, ich bin grimmig, ich bin cool, ich möchte ein Glas Alsterwasser, und meine Mutter will, dass ich um neun zu Hause bin …

Mal sehen … Die Arme so vom Körper gestreckt, als trügen sie Mehlsäcke … okay. Die Schultern so bewegen, als bahnte sie sich einen Weg durch eine Menschenmenge … okay. Mit den gewölbten Händen rhythmische Bewegungen machen, als drehten sie zwei unabhängige Griffe an der Taille … okay. Die Beine locker und krumm, wie die eines Affen … okay …

Es funktionierte einige Meter weit, bis Polly durcheinander kam, und die daraus resultierende muskuläre Verwirrung warf sie in ein Gebüsch. Danach gab sie es auf.

Das Unwetter kehrte zurück, als sie über den Weg eilte; manchmal hing eins tagelang in den Bergen. Aber hier oben war der Pfad wenigstens kein Schlammbach, und die Bäume hatten noch genug Blätter, um Polly ein wenig Schutz zu bieten. Sie hatte nicht die Zeit, besseres Wetter abzuwarten. Ein langer Weg lag vor ihr. Der Rekrutierungskarren würde den Fluss mit der Fähre überqueren, aber die Fährmänner kannten Polly, und der Wächter würde die Reiseerlaubnis sehen wollen, die Oliver Perks natürlich nicht hatte. Das bedeutete einen weiten Umweg zur Trollbrücke bei Tübz. Für Trolle sahen Menschen alle gleich aus, und jedes Stück Papier genügte als Erlaubnisschein, da sie nicht lesen konnten. Anschließend wollte Polly durch den Kiefernwald nach Plün wandern. Der Karren musste dort für die Nacht anhalten, doch der Ort war eins jener abgelegenen Nester, die nur existierten, damit Landkarten die Verlegenheit zu vieler leerer Stellen erspart blieb. Niemand kannte sie in Plün. Niemand kam je dorthin. Es war ein elendes Kaff.

Der ideale Ort für Polly. Die Rekrutierungsgruppe würde dort übernachten, und das gab ihr Gelegenheit, sich anwerben zu lassen. Der große dicke Feldwebel und sein schmieriger kleiner Korporal würden bestimmt nicht das Mädchen wiedererkennen, das sie am vergangenen Abend bedient hatte. Polly war keine konventionelle Schönheit. Der Korporal hatte versucht, sie in den Po zu zwicken, aber wahrscheinlich aus reiner Angewohnheit, so wie man nach einer Fliege schlug, und es gab auch gar nicht viel, in das man zwicken konnte.

Auf dem Hügel über der Fähre nahm sie Platz, genehmigte sich ein spätes Frühstück aus kalten Kartoffeln und Wurst und beobachtete dabei, wie der Karren übersetzte. Niemand ging hinter ihm. Diesmal waren in Munz keine jungen Burschen rekrutiert worden. Die Leute hielten sich fern. Während der letzten Jahre hatten zu viele junge Männer den Ort verlassen, und zu wenige waren zurückgekehrt. Und manchmal brachten jene, die zurückkehrten, nicht alle Teile von sich mit. Sosehr der Korporal auch auf seine Trommel hämmerte: Dem Dorf Munz gingen die Söhne fast ebenso schnell aus, wie sich dort Witwen ansammelten.

Der Nachmittag hing schwer und feucht, und ein Singvogel folgte Polly von Busch zu Busch. Der Schlamm der vergangenen Nacht dampfte, als sie die Trollbrücke erreichte, die den Fluss in einer schmalen Schlucht überspannte. Sie war dünn und elegant geschwungen, und angeblich hielt sie ohne Mörtel zusammen. Es hieß, dass ihr eigenes Gewicht sie fest im Felsgestein auf beiden Seiten verankerte. Ein Wunder der Welt sollte sie sein, aber die Leute in dieser Gegend wunderten sich nicht oft und waren sich der Welt kaum bewusst. Es kostete einen Cent, die Brücke zu überqueren, oder hundert Goldstücke, wenn man einen Ziegenbock dabei hatte.1 Auf halbem Wege zur anderen Seite blickte Polly übers Geländer und sah den Karren tief unten. Er rollte über die schmale Straße dicht über dem weiß schäumenden Wasser.

Den ganzen Nachmittag über ging es bergab, durch den dunklen Kiefernwald auf dieser Seite der Schlucht. Polly beeilte sich nicht, und bei Sonnenuntergang sah sie das Wirtshaus. Der Karren war bereits eingetroffen, und allem Anschein nach hatte der Rekrutierungsfeldwebel nicht einmal einen Versuch gemacht. Es ertönte kein Trommelschlag wie am vergangenen Abend, und es erklangen auch keine Rufe wie: »Kommt, ihr Grünschnäbel! Das Leben ist großartig bei den Rein-und-Raussern !«

Es gab immer Krieg. Es war ein Grenzstreit, das nationale Äquivalent des Vorwurfs, dass der Nachbar seine Hecke zu lang wachsen ließ. Manchmal wurde die Sache größer. Borograwien war ein friedliebendes Land, umgeben von verräterischen, heimtückischen und kriegerischen Feinden. Es mussten verräterische, heimtückische und kriegerische Feinde sein, denn sonst würden wir ja nicht gegen sie kämpfen. Es gab immer Krieg.

Pollys Vater war beim Militär gewesen, bevor er das Wirtshaus »Zur Herzogin« von Pollys Großvater übernommen hatte. Er sprach nicht viel darüber. Er hatte sein Schwert mit nach Hause gebracht, hängte es aber nicht über den Kamin, sondern benutzte es als Schürhaken. Manchmal besuchten ihn Freunde, und wenn die Gaststube für die Nacht geschlossen hatte, saßen sie am Feuer, tranken und sangen. Die junge Polly hatte einen Vorwand gefunden, um aufzubleiben und den Liedern zuzuhören, doch das fand ein Ende, als sie eins der interessanteren Wörter in Anwesenheit ihrer Mutter benutzte und sich dadurch in Schwierigkeiten brachte. Jetzt war sie älter und servierte Bier, und man nahm an, dass sie die Wörter kannte oder bald herausfinden würde, was sie bedeuteten. Außerdem befand sich ihre Mutter inzwischen an einem Ort, wo sie keinen Anstoß mehr an Wörtern nahm und wo solche Ausdrücke, rein theoretisch, nie benutzt wurden.

Die Lieder waren Teil von Pollys Kindheit gewesen. Sie kannte den Text von »Die Welt steht Kopf«, »Der Teufel soll mein Feldwebel sein«, »Ich hatt einen Kameraden«, »Als Jungen wurden wir Soldaten« und »Ich ließ ein Mädchen zurück«. Nachdem das Bier eine Zeit lang geflossen war, hatte Polly Gelegenheit bekommen, sich die Worte von »Oberst Krapski« und »Ich wünschte, ich hätte sie nie geküsst« einzuprägen.

Und dann gab es da noch das Lied »Süße Polly Oliver«. Ihr Vater hatte es gesungen, wenn sie als kleines Mädchen gereizt oder traurig gewesen war, und sie hatte gelacht und Freude daran gefunden, hauptsächlich deshalb, weil ihr Name darin vorkam. Sie kannte den Text auswendig, noch bevor sie begriff, was die einzelnen Wörter bedeuteten. Und jetzt …

Polly öffnete die Tür. Der Rekrutierungsfeldwebel und sein Korporal sahen von dem fleckigen Tisch auf, an dem sie saßen, die Bierkrüge auf halbem Weg zu den Lippen. Sie atmete tief durch, trat an den Tisch heran und versuchte zu salutieren.

»Was willst du, Junge?«, knurrte der Korporal.

»Möchte Soldat werden, Herr!«

Der Feldwebel wandte sich Polly zu und grinste, was sonderbare Bewegung in seine Narben brachte und alle Kinne wackeln ließ. Das Wort »dick« konnte man bei ihm eigentlich nicht verwenden, nicht wenn das Wort »fett« sich nach vorn drängelte. Er gehörte zu den Leuten, die keine Taille haben, sondern einen Äquator. Er hatte Schwerkraft. Wenn er fiel, in welche Richtung auch immer, würde er schaukeln. Sonnenschein und Alkohol hatten sein Gesicht rot gebrannt. Kleine dunkle Augen funkelten in der Röte wie die glitzernde Schneide eines Messers. Neben ihm auf dem Tisch lagen zwei altmodische Entermesser, Waffen, die mehr Ähnlichkeit mit einem Hackbeil hatten als mit einem Schwert.

»Einfach so?«, fragte er.

»Jaherr!«

»Im Ernst?«

»Jaherr!«

»Du möchtest nicht, dass wir dich zuerst stockbetrunken machen? Das ist Tradition, weißt du.«

»Neinherr!«

»Ich habe dir noch nicht von den wundervollen Aufstiegs-und Verdienstmöglichkeiten erzählt, oder?«

»Neinherr!«

»Habe ich darauf hingewiesen, dass du dir in der prächtigen roten Uniform die Mädchen mit einem Knüppel vom Leib halten musst?«

»Glaube nicht, Herr!«

»Und das Essen? Jede Mahlzeit ist wie ein Bankett, wenn du mit uns marschierst!« Der Feldwebel klopfte sich auf den Bauch, was ferne Regionen erbeben ließ. »Ich bin der lebende Beweis dafür!«

»Ja, Herr. Nein, Herr. Ich möchte Soldat werden, um für mein Land und die Ehre der Herzogin zu kämpfen, Herr!«

»Tatsächlich?«, fragte der Korporal ungläubig, aber der Feldwebel schien das nicht zu hören. Er musterte Polly von Kopf bis Fuß, und Polly sah ganz klar, dass der Mann weder so betrunken noch so dumm war, wie er aussah.

»Potzblitz, Korporal Strappi, mir scheint, wir haben hier nicht weniger als einen guten, altmodischen Patrioten«, sagte er, und sein Blick kehrte zu Pollys Gesicht zurück. »Nun, du bist hier genau an der richtigen Stelle, mein Junge!« Geschäftig schob er ein Bündel Papiere auf Polly zu. »Weißt du, wer wir sind?«

»Das Zehnte Regiment, Herr. Leichte Infanterie, Herr. Bekannt als die Rein-und-Rausser, Herr«, sagte Polly, vor Erleichterung sprudelnd. Sie hatte ganz offensichtlich eine Art Test bestanden.

»Stimmt, Junge. Ausgezeichnete Käsler, allesamt. Das beste Regiment überhaupt, im besten Heer auf der ganzen Welt. Willst unbedingt dazugehören, wie?«

»Bin Feuer und Flamme, Herr!«, sagte Polly und spürte den argwöhnischen Blick des Korporals auf sich ruhen.

»Bravo!«

Der Feldwebel schraubte ein Tintenfässchen auf und tauchte die Spitze einer Schreibfeder hinein. Seine Hand verharrte über den Papieren. »Name, Junge?«, fragte er.

»Oliver, Herr. Oliver Perks«, sagte Polly.

»Alter?«

»Siebzehn am kommenden Sonntag, Herr.«

»Ja«, brummte der Feldwebel. »Du bist siebzehn, und ich bin die Großherzogin Annagowia. Wovor läufst du weg, hm? Vor einer jungen Dame in anderen Umständen?«

»Dabei hätte ihm jemand helfen müssen«, sagte der Korporal und lächelte. »Er quiekt wie ein Knäblein vor dem Stimmbruch.«

Polly spürte, wie sie errötete. Aber der junge Oliver wäre ebenfalls rot geworden. Es war ganz leicht, einen Jungen erröten zu lassen. Polly brachte das allein mit Starren fertig.

»Spielt keine Rolle«, sagte der Feldwebel. »Du setzt dein Kreuz unter dieses Dokument hier und küsst die Herzogin, und dann bist du mein Junge, verstanden? Ich bin Feldwebel Jackrum. Ich werde deine Mutter und dein Vater sein, und Korporal Strappi hier kannst du dir als eine Art großen Bruder vorstellen. Und das Leben wird jeden Tag Steak und Schinken sein, und wer dich wegbringen will, muss auch mich fortzerren, weil ich mich nämlich an deinem Kragen festhalte. Und du hast allen Grund zu der Annahme, dass niemand solche Massen bewegen kann, Herr Perks.« Ein dicker Daumen stieß aufs Papier herab. »Hier an dieser Stelle.«

Polly nahm die Feder und unterschrieb.

»Was ist das?«, fragte der Korporal.

»Meine Unterschrift«, sagte Polly.

Sie drehte sich um, als sie hörte, wie die Tür hinter ihr aufschwang. Mehrere junge Männer – sie korrigierte sich: mehrere andere junge Männer – kamen ins Wirtshaus und blickten sich vorsichtig um.

»Du kannst auch lesen und schreiben?«, fragte der Feldwebel, sah zu den Neuankömmlingen und dann wieder zu Polly. »Ja, tatsächlich. Und die Handschrift ist hübsch rund. Hast das Zeug zum Offizier. Gib ihm den Schilling, Korporal. Und natürlich auch das Bild.«

»Ja, Feldwebel«, erwiderte Korporal Strappi und hob ein gerahmtes Bild an einem Griff wie einen Spiegel. »Spitz die Lippen, Soldat Pimmel.«

»Ich heiße Perks, Herr«, sagte Polly.

»Ja, in Ordnung. Und nun küss die Herzogin.«

Es war keine gute Kopie des berühmten Bilds. Die Farben hinter dem Glas waren verblasst, und etwas, eine Art Moos oder so, wuchs an der Innenseite des gesprungenen Glases. Polly stellte einen kurzen Kontakt mit den Lippen her und hielt dabei den Atem an.

»Hier, nimm«, sagte Strappi und drückte ihr etwas in die Hand.

»Was ist das?«, fragte Polly und blickte auf ein kleines Quadrat aus Pappe hinab.

»Ein Schuldschein. Leider sind uns die Schillinge ausgegangen«, erklärte der Feldwebel, während der Korporal grinste. »Aber der Wirt spendiert dir ein Bier, im Namen der Herzogin.«

Er drehte den Kopf und sah die anderen an. »Nun, ein Unglück kommt selten allein. Wollt ihr Jungs ebenfalls zum Militär? Ich kann beschwören, dass wir noch nicht einmal die Trommel geschlagen haben. Vermutlich liegt es an Korporal Strappis erstaunlichem Charisma. Nicht so schüchtern, kommt näher. Wer ist der Nächste?«

Polly musterte den nächsten Rekruten mit einem Entsetzen, von dem sie hoffte, dass man es ihr nicht ansah. Sie hatte ihn im Halbdunkel nicht bemerkt, denn er trug Schwarz – kein cooles, modisches Schwarz, sondern verstaubtes Schwarz, jene Art von Kleidung, in der man Leute bestattete. So wie er aussah … Er schien eine solche Bestattung hinter sich zu haben. Spinnweben klebten an den schwarzen Kleidern, und seine Stirn war voller Nähte.

»Dein Name, Junge?«, fragte Jackrum.

»Igor, Herr.«

Jackrum zählte die Nähte.

»Ich dachte mir schon, dass du so heißt«, sagte er. »Und du bist achtzehn, wie ich sehe.«

»Erwacht!«

»Oh, bei den Göttern …« Kommandeur Samuel Mumm hob die Hände vor die Augen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Euer Gnaden«, sagte der Konsul von Ankh-Morpork in Zlobenien. »Bist du krank, Euer Gnaden?«

»Wie lautete noch dein Name, junger Mann?«, fragte Mumm. »Tut mir Leid, aber ich bin zwei Wochen unterwegs gewesen und hab nur wenig Schlaf bekommen. Außerdem hat man mir immer wieder Leute mit schwierigen Namen vorgestellt. Das ist schlecht fürs Gehirn.«

»Ich heiße Clarence, Euer Gnaden. Clarence Kinn.«

»Kinn?«, wiederholte Mumm, und Clarence konnte alles Weitere seinem Gesichtsausdruck entnehmen.

»Ich fürchte ja, Euer Gnaden«, sagte er.

»Warst du ein guter Kämpfer in der Schule?«, fragte Mumm.

»Nein, Euer Gnaden. Aber niemand konnte mich im Hundertmeterlauf schlagen.«

Mumm lachte. »Nun, Clarence, eine Nationalhymne, die mit ›Erwachet!‹ beginnt, fordert Schwierigkeiten geradezu heraus. Hat man dich im Büro des Patriziers nicht darauf hingewiesen?«

»Äh … nein, Euer Gnaden«, sagte Kinn.

»Du wirst es bald merken. Na schön, lass hören.«

»Ja, Herr.« Kinn räusperte sich. »Die Nationalhymne von Borograwien«, kündigte er zum zweiten Mal an.

»Erwachet, entschuldige, Euer Gnaden, ihr Söhne des Vaterlands! Kostet nicht mehr den Wein saurer Äpfel.Waldarbeiter, ergreift eure Beile!Bauern, tötet mit dem Werkzeug, das ihr zuvor zum Heben von Rüben benutzt habt!Macht die endlose List unserer Feinde zunichte.Singend marschieren wir in die Dunkelheit,Gegen die ganze Welt in Waffen.Doch seht das goldene Licht an den Berggipfeln!Der neue Tag ist ein großer dicker Fisch!«

»Äh …«, sagte Mumm. »Das letzte Stück …«

»Es ist eine wörtliche Übersetzung, Euer Gnaden«, erwiderte Clarence nervös. »Es bedeutete so viel wie ›eine gute Gelegenheit‹ oder ›eine glitzernde Trophäe‹, Euer Gnaden.«

»Wenn wir unter uns sind, genügt ›Herr‹, Clarence. ›Euer Gnaden‹ dient nur dazu, die Einheimischen zu beeindrucken.« Mumm lehnte sich auf dem unbequemen Stuhl zurück, das Kinn auf die Hand gestützt, und zuckte zusammen.

»Zweitausenddreihundert Meilen«, sagte er und rutschte zur Seite. »Und es ist kalt auf einem Besen, ganz gleich, wie tief er fliegt. Und dann das Boot und dann die Kutsche …« Er verzog das Gesicht. »Ich habe deinen Bericht gelesen. Hältst du es für möglich, dass eine ganze Nation verrückt ist?«

Clarence schluckte. Man hatte ihm gesagt, dass er mit dem zweitmächtigsten Mann von Ankh-Morpork sprach, obgleich sich dieser Mann so verhielt, als wüsste er gar nichts davon. Sein Schreibtisch in diesem kalten Turm wackelte; bis gestern hatte er dem Hausmeister der Kneck-Garnison gehört. Papiere lagen auf der zerkratzten Oberfläche und bildeten hinter Mumms Stuhl hohe Stapel.

Eigentlich sah Mumm gar nicht wie ein Herzog aus, fand Clarence. Er wirkte eher wie ein Wächter, und das war er auch, soweit Clarence wusste. Das hielt Clarence Kinn nicht für richtig. Seiner Meinung nach sollten die Leute ganz oben so aussehen, als gehörten sie dorthin.

»Das ist eine sehr … interessante Frage, Herr«, sagte er. »Du meinst, das Volk …«

»Nein, ich meine nicht das Volk, sondern die Nation«, sagte Mumm. »Nach dem, was ich gelesen habe, scheint Borograwien übergeschnappt zu sein. Ich schätze, die Leute versuchen einfach, so gut wie möglich zurechtzukommen und ihre Kinder großzuziehen, was ich selbst gern machen würde, möchte ich hinzufügen. Nimm einige Gruppen von Personen, die sich gar nicht von dir oder mir zu unterscheiden scheinen, doch wenn du sie alle zusammenbringst, bekommst du plötzlich einen delirierenden Irren mit Staatsgrenzen und einer Nationalhymne.«

»Das ist eine faszinierende Idee, Herr«, sagte Clarence diplomatisch.

Mumm sah sich im Zimmer um. Die Wände bestanden aus nacktem Stein, und die Fenster waren schmal. Es blieb kühl, selbst an einem sonnigen Tag. All das schlechte Essen, das Rütteln und Schütteln, das Schlafen in unbequemen Betten … und die Reise im Dunkeln, an Bord von Zwergenbooten, in geheimen Kanälen unter den Bergen … Allein die Götter wussten, mit welch kniffliger Diplomatie Lord Vetinari das fertig gebracht hatte, obwohl der Niedere König Mumm den einen oder anderen Gefallen schuldete …

… und das alles für dieses kalte Schloss an diesem kalten Fluss zwischen diesen blöden Ländern mit ihrem blöden Krieg. Er wusste, was er unter anderen Umständen getan hätte. Wären es Leute gewesen, die auf der Straße balgten, hätte er nicht gezögert und gehandelt. Er hätte ihre Köpfe gegeneinander gestoßen und sie vielleicht eine Nacht in den Zellen verbringen lassen. Länder konnte man nicht gegeneinander stoßen.

Mumm griff nach einigen Unterlagen, blätterte darin und ließ sie wieder sinken. »Ach, lassen wir diesen Kram«, sagte er. »Was passiert dort draußen?«

»Soweit ich weiß, gibt es noch einige Widerstandsnester in den weniger zugänglichen Bereichen der Festung, aber man kümmert sich darum. Im Großen und Ganzen haben wir die Burg unter Kontrolle. Das war ein schlauer Trick von dir, Euer Gna … Herr.«

Mumm seufzte. »Nein, Clarence, es war ein sehr dummer und alter Trick. Eigentlich sollte es nicht möglich sein, als Waschfrauen verkleidete Männer in eine Festung zu bringen. Drei von ihnen hatten Schnurrbärte, um Himmels willen!«

»Die Borograwier sind recht … altmodisch, wenn es um solche Dinge geht, Herr. Da wir gerade dabei sind, Herr: Offenbar halten sich Zombies in den tieferen Grüften auf. Schreckliche Geschöpfe. Anscheinend sind im Lauf der Jahrhunderte viele hochrangige Angehörige des borograwischen Militärs dort unten eingesperrt worden.«

»Ach? Und was machen sie jetzt?«

Clarence hob die Brauen. »Ich glaube, sie torkeln, Herr. Und stöhnen. Wie Zombies. Etwas scheint sie aufgescheucht zu haben.«

»Wahrscheinlich wir«, sagte Mumm. Er stand auf, schritt durchs Zimmer und öffnete die große, schwere Tür. »Reg!«, rief er.

Nach einem Moment kam ein anderer Wächter herein und salutierte. Sein Gesicht war grau, und Clarence bemerkte, dass Nähte Hand und Finger zusammenhielten.

»Das ist Obergefreiter Schuh, Clarence«, sagte Mumm fröhlich. »Einer von meinen Leuten. Er ist seit dreißig Jahren tot, und man sieht ihm jede einzelne Sekunde an, nicht wahr, Reg?«

»Ja, Herr Mumm«, erwiderte Reg, lächelte und zeigte dabei viele braune Zähne.

»Im Keller sind einige Kollegen von dir, Reg.«

»Meine Güte. Torkeln sie etwa?«

»Ich fürchte ja, Reg.«

»Ich gehe hinunter und rede mit ihnen«, sagte Reg. Er salutierte und verließ das Zimmer, torkelte dabei ein wenig.

»Ist er, äh, von hier?«, fragte Kinn, der ziemlich blass geworden war.

»O nein«, antwortete Mumm. »Das unentdeckte Land. Er ist tot. Doch davon hat er sich nicht aufhalten lassen, das muss man ihm zugestehen. Hast du nicht gewusst, dass wir einen Zombie in der Wache haben, Clarence?«

»Äh … nein, Herr. Ich bin seit fünf Jahren nicht mehr in der Stadt gewesen.« Er schluckte. »Ich schätze, es hat sich viel verändert.«

Und es waren grässliche Veränderungen, fand Clarence Kinn. Die Arbeit als Konsul in Zlobenien war leicht gewesen und hatte ihm viel Zeit für seine Geschäfte gelassen. Und dann waren die großen Nachrichtentürme gekommen, waren durchs ganze Tal marschiert, und plötzlich war Ankh-Morpork nur noch eine Stunde entfernt. Vor den Türmen hatte ein Brief aus Ankh-Morpork zwei Wochen gebraucht, um ihn zu erreichen, und es störte niemanden, wenn er sich ein oder zwei Tage Zeit nahm, bevor er antwortete. Jetzt erwartete man praktisch über Nacht eine Reaktion von ihm. Er war froh gewesen, als Borograwien mehrere der verdammten Türme zerstört hatte. Und dann war plötzlich alles drunter und drüber gegangen.

»Wir haben alle möglichen Leute in der Wache, Clarence«, sagte Mumm. »Und wir brauchen sie auch, jetzt, da Zlobenen und Borograwier in unseren Straßen übereinander herfallen, wegen irgendeines Streits, der vor tausend Jahren begann. Es ist schlimmer als mit Zwergen und Trollen! Alles nur, weil irgendeine Ursoundsovieltegroßmutter dem Urwasweißichwieoftgroßonkel eines anderen eine Ohrfeige gab! Borograwien und Zlobenien können sich nicht einmal auf eine Grenze einigen. Sie haben den Fluss gewählt, und der wechselt jedes Jahr im Frühling den Lauf. Plötzlich stehen die Nachrichtentürme auf borograwischem Boden – beziehungsweise im borograwischen Schlamm –, und deshalb brennen die Idioten sie aus religiösen Gründen nieder.«

»Äh, es steckt noch mehr dahinter, Herr«, sagte Kinn.

»Ja, ich weiß. Ich habe mich informiert. Der jährliche Zank mit Zlobenien ist nur ein Lokalderby. Borograwien kämpft gegen alle. Warum?«

»Nationalstolz, Herr.«

»Stolz worauf? Dort gibt es doch gar nichts! Okay, es gibt einige Talgminen, und die Borograwier sind keine schlechten Bauern, aber sie haben keine großartige Architektur, keine großen Bibliotheken, keine berühmten Komponisten, keine sehr hohen Berge und keine wundervollen Aussichten. Eigentlich kann man von dem Ort nur sagen, dass er sich nicht irgendwo anders befindet. Was ist so Besonderes an Borograwien?«

»Vielleicht ist Borograwien deshalb etwas Besonderes, weil es ihr Land ist. Und dann gibt es da natürlich noch Nuggan, Herr. Ihren Gott. Ich habe dir das Buch Nuggan mitgebracht.«

»Ich habe mir in der Stadt eins besorgt, Kinn«, sagte Mumm. »Erschien mir ziemlich du…«

»Es kann keine aktuelle Ausgabe gewesen sein, Herr. Ich nehme an, so weit von hier entfernt war es nicht auf dem neuesten Stand. Dies hier enthält die neuesten Zusätze.« Kinn legte ein kleines, aber dickes Buch auf den Schreibtisch.

»Aktuell? Neueste Zusätze? Was soll das heißen?«, fragte Mumm. »Heilige Schriften werden … geschrieben. Mach dies, lass das sein, begehre nicht den Ochsen deines Nachbarn …«

»Äh … dabei belässt es Nuggan nicht, Herr. Er … äh … bringt die Dinge auf den neuesten Stand. Meistens die Abscheulichkeiten, offen gestanden.«

Mumm nahm die neue Ausgabe des Buches. Es war ein ganzes Stück dicker als das Exemplar, das er in Ankh-Morpork gelesen hatte.

»Man spricht in diesem Zusammenhang von einem lebenden Testament«, erklärte Kinn. »Die Schriften … nun, man könnte sagen, sie ›sterben‹, wenn sie aus Borograwien weggebracht werden. Dann … wird ihnen nichts mehr hinzugefügt. Die jüngsten Abscheulichkeiten sind am Schluss vermerkt, Herr«, fügte Kinn hinzu.

»Dies ist eine Heilige Schrift mit einem Anhang?«

»Genau, Herr.«

»In einem Ringbuch?«

»Ja, Herr. Die Leute fügen leere Seiten hinzu, und darauf … erscheinen die neuesten Abscheulichkeiten.«

»Auf magische Weise, meinst du?«

»Ich glaube, ich meine, auf religiöse Weise, Herr.«

Mumm öffnete das Buch an einer vom Zufall bestimmten Stelle. »Schokolade?«, fragte er. »Nuggan mag keine Schokolade?«

»In der Tat, Herr. Es ist eine Abscheulichkeit.«

»Knoblauch? Nun, von Knoblauch halte ich selbst nicht viel, meinetwegen … Katzen?«

»O ja. Nuggan kann Katzen nicht ausstehen, Herr.«

»Zwerge? Hier steht: ›Das Gold verehrende Zwergenvolk ist eine Abscheulichkeit für Nuggan‹! Er muss den Verstand verloren haben. Was ist dort passiert?«

»Oh, die hiesigen Zwerge haben ihre Minen verschlossen und sind verschwunden, Euer Gnaden.«

»Kann ich mir denken«, sagte Mumm. »Sie erkennen Probleme, wenn sie welche sehen.« Er nahm das »Euer Gnaden« diesmal hin, denn es schien Kinn eine gewisse Genugtuung zu verschaffen, mit einem Herzog zu sprechen.

Er blätterte im Buch und verharrte an einer anderen Stelle. »Die Farbe Blau?«

»Ja, Herr.«

»Was ist an der Farbe Blau abscheulich? Es ist doch nur eine Farbe. Der Himmel ist blau!«

»Ja, Herr. Fromme Nugganiten versuchen heutzutage, nicht zu ihm aufzusehen. Äh …« Kinn hatte eine diplomatische Ausbildung hinter sich. Es widerstrebte ihm, gewisse Dinge direkt auszusprechen. »Nuggan ist … äh … ein wenig gereizt«, brachte er hervor.

»Gereizt?«, wiederholte Mumm. »Ein gereizter Gott? Ärgert er sich vielleicht über das Geschrei der Kinder seiner Gläubigen? Hat er was gegen Musik nach neun Uhr abends?«

»Äh … wir bekommen hier die Ankh-Morpork Times etwas verspätet, und ich würde sagen, Nuggan hat große Ähnlichkeit mit den Leuten, die Leserbriefe schreiben. Du weißt schon, Herr. Ich meine die Leute, die ihre Leserbriefe mit ›Von Ankh-Morpork angeekelt‹ unterzeichnen.«

»Oh, du meinst, er hat tatsächlich den Verstand verloren«, sagte Mumm.

»Es käme mir nie in den Sinn, so etwas zu meinen, Herr«, versicherte Kinn hastig.

»Was unternehmen die Priester in dieser Hinsicht?«

»Nicht viel, Herr. Ich glaube, insgeheim ignorieren sie einige der, äh, extremen Abscheulichkeiten.«

»Meinst du, abgesehen von Nuggans Abneigung gegenüber Zwergen, Katzen und der Farbe Blau gibt es noch verrücktere Gebote?«

Kinn hüstelte höflich.

»Na schön«, sagte Mumm. »Extremere Gebote?«

»Austern, Herr. Er mag sie nicht. Aber das ist kein Problem, weil hier noch nie jemand eine Auster gesehen hat. Oh, und Babys. Er hat sie ebenfalls zu Abscheulichkeiten erklärt.«

»Ich schätze, die Leute hier machen trotzdem welche.«

»Ja, Euer Gna … Entschuldigung. Ja, Herr. Aber sie fühlen sich deshalb schuldig. Bellende Hunde sind eine weitere Abscheulichkeit. Und Hemden mit sechs Knöpfen. Und Käse. Äh … die Leute meiden die komplizierteren Abscheulichkeiten. Selbst die Priester haben es aufgegeben, sie zu erklären.«

»Ja, ich glaube, ich verstehe den Grund dafür. Wir haben hier also ein Land, das versucht, die Gebote eines Gottes zu achten, der, wie manche vermuten, vielleicht seine Unterhose auf dem Kopf trägt. Hat Nuggan auch Unterhosen zu Abscheulichkeiten erklärt?«

»Nein, Herr. Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit.«

»Wie kommen die Borograwier zurecht?«

»Heutzutage beten die meisten zur Herzogin Annagowia. Bilder von ihr hängen in jedem Haus. Die Leute nennen sie ihre ›kleine Mutter‹.«

»Ah, ja, die Herzogin. Bekomme ich Gelegenheit, mit ihr zu sprechen?«

»Oh, sie empfängt niemanden. Abgesehen von einigen Bediensteten hat sie seit mehr als dreißig Jahren niemand gesehen. Um ehrlich zu sein, Herr: Sie ist wahrscheinlich längst tot.«

»Nur wahrscheinlich?«

»Niemand weiß es genau. Offiziell heißt es, dass sie trauert. Eine tragische Angelegenheit, Herr. Der junge Herzog starb eine Woche nach der Hochzeit. Während der Jagd wurde er von einem Wildschwein zerfleischt, soweit ich weiß. Sie begann mit der Trauer im alten Schloss von Prinz-Marmaduk-und-Pjotr-Albert-Hans-Josef-Bernhardt-Wilhelmsberg, und seit damals ist sie nie wieder in der Öffentlichkeit erschienen. Ich glaube, das offizielle Gemälde entstand, als sie etwa vierzig war.«

»Keine Kinder?«

»Nein, Herr. Mit ihrem Tod stirbt das Geschlecht aus.«

»Und die Leute beten zu ihr? Wie zu einem Gott?«

Kinn seufzte. »Ich habe in meinem Bericht darauf hingewiesen, Herr. Die herzogliche Familie in Borograwien hatte immer einen fast religiösen Status. Sie ist das Oberhaupt der Kirche, und die Leute beten zu ihr in der Hoffnung, dass sie bei Nuggan ein gutes Wort für sie einlegt. Die Familienmitglieder sind wie … lebende Heilige. Himmlische Vermittler. So läuft das eben in diesen Ländern. Wenn man irgendetwas erreichen möchte, muss man die richtigen Leute kennen. Und vermutlich kann man leichter zu einem Bild beten als zu einem Gott, den man nicht sieht.«

Mumm musterte den Konsul nachdenklich und jagte ihm mit der nächsten Frage einen gehörigen Schreck ein.

»Wer würde erben?«

»Herr?«

»Die Monarchie geht doch irgendwie weiter, Kinn. Wenn die Herzogin nicht auf dem Thron sitzt – wer sollte dort Platz nehmen?«

»Äh, die Sache ist außerordentlich komplex, Herr, aufgrund von Verwandtenehen und unterschiedlichen Rechtssystemen, die zum Beispiel …«

»Wer hat die besten Chancen, Kinn?«

»Äh, Prinz Heinrich von Zlobenien.«

Mumm überraschte Kinn mit einem Lachen. »Und ich schätze, er fragt sich, wie es der lieben Tante geht. Ich bin ihm heute Morgen begegnet. Kann nicht behaupten, dass er mir gefallen hat.«

»Aber er ist ein Freund von Ankh-Morpork«, sagte Kinn vorwurfsvoll. »Auch das stand in meinem Bericht. Ein gebildeter Mann. Er ist sehr an den Nachrichtentürmen interessiert. Hat große Pläne für sein Land. In Zlobenien gab es viele Nugganiten, aber er hat die Religion verboten, und ehrlich gesagt: Kaum jemand erhob Einwände dagegen. Er möchte Zlobenien zum Fortschritt führen und bewundert Ankh-Morpork sehr.«

»Ja, ich weiß. Er klingt fast so verrückt wie Nuggan«, sagte Mumm. »Na schön, wir haben es vermutlich mit einer komplizierten Farce zu tun, die verhindern soll, dass Heinrich den Thron bekommt. Wie wird Borograwien regiert?«

»Es gibt kaum eine Regierung. Es werden Steuern gesammelt, und damit hat es sich. Wir glauben, einige der hochrangigen Funktionäre am Hof machen einfach so weiter, als wäre die Herzogin noch am Leben. Die einzige Sache, die richtig funktioniert, ist das Militär.«

»Was ist mit der Polizei? Überall werden Polizisten oder Wächter gebraucht. Solche Leute stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden.«

»Ich glaube, inoffizielle Bürgerkomitees verschaffen dem nugganatischen Gesetz Geltung«, sagte Kinn.

»Bei den Göttern. Denunzianten, Verleumder und Vigilanten«, kommentierte Mumm. Er stand auf und blickte durchs schmale Fenster auf die Ebene. Es war Nacht. Die Kochfeuer im feindlichen Lager bildeten dämonische Konstellationen in der Dunkelheit.

»Hat man dir gesagt, warum ich hierher geschickt worden bin, Clarence?«, fragte er.

»Nein, Herr. Man wies mich nur darauf hin, dass Sie, äh, die Dinge beaufsichtigen würden. Prinz Heinrich ist darüber nicht sehr glücklich.«

»Nun, die Interessen von Ankh-Morpork sind die Interessen aller geldlie… Entschuldigung, aller friedliebenden Leute, wo auch immer«, sagte Mumm. »Wir können kein Land gewähren lassen, das unsere Postkutschen zurückschickt und immer wieder Nachrichtentürme verbrennt. So was ist teuer. Solch ein Land schneidet den Kontinent entzwei und ist wie die enge Stelle in einer Sanduhr. Ich soll die Dinge zu einem ›zufrieden stellenden‹ Abschluss bringen. Und um ganz ehrlich zu sein, Clarence: Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ein Angriff auf Borograwien die Mühe wert ist. Es wäre billiger, hier sitzen zu bleiben und darauf zu warten, dass dort drüben alles explodiert. Obgleich ich gelesen habe … wo habe ich den Bericht hingelegt … ah ja, dass die Borograwier zuerst verhungern werden.«

»Bedauerlicherweise ja, Herr.«

Igor stand stumm vor dem Rekrutierungstisch.

»In letzter Zeit sieht man Leute wie dich nicht sehr oft«, sagte Jackrum.

»Ja, euch sind wohl die frischen Gehirne ausgegangen, wie?«, fügte der Korporal gehässig hinzu.

»Ich bitte dich, Korporal, das ist nicht nötig.« Der Feldwebel lehnte sich auf seinem knarrenden Stuhl zurück. »Dort draußen sind viele Burschen auf Beinen unterwegs, die sie gar nicht mehr hätten, wenn kein hilfsbereiter Igor in der Nähe gewesen wäre, nicht wahr, Igor?«

»Ach?«, erwiderte der Korporal und richtete einen finsteren Blick auf Igor. »Ich habe von Leuten gehört, die aufgewacht sind und feststellen mussten, dass ein freundlicher Igor ihnen des Nachts das Gehirn geklaut und sich aufgemacht hat, es irgendwo zu verkloppen.«

»Ich verfichere dir, daff deinem Gehirn nicht die geringfte Gefahr droht«, sagte Igor. Polly begann zu lachen und hörte damit auf, als sie merkte, dass niemand sonst lachte.

»Ich bin mal einem Feldwebel begegnet, der erzählte, ein Igor hätte die Beine eines Mannes falsch herum angenäht«, sagte Korporal Strappi. »Was soll ein Soldat mit solchen Beinen anfangen?«

»Er könnte gleichfeitig vorrücken und fich furückfiehen«, entgegnete Igor ruhig. »Ich kenne all die Geschichten, Feldwebel, und fie find nichtf weiter alf gemeine Verleumdung. Mir geht ef nur darum, meinem Land fu dienen. Ich will keinen Ärger.«

»Wir auch nicht«, sagte Jackrum. »Setz dein Kreuz an diese Stelle und versprich mir, dass du Korporal Strappis Gehirn in Ruhe lässt, in Ordnung? Noch eine Unterschrift? Meine Güte, heute haben wir einen ganzen Haufen gebildeter Rekruten. Gib ihm seinen Pappschilling, Korporal.«

»Danke«, sagte Igor. »Und ich würde daf Bild gern abwischen, wenn ihr nichtf dagegen habt.« Er holte ein kleines Tuch hervor.

»Abwischen?«, fragte Strappi. »Ist das erlaubt, Feldwebel?«

»Warum willst du das Bild abwischen?«, erkundigte sich Jackrum.

»Um die unfichtbaren Dämonen fu entfernen«, erklärte Igor.

»Ich sehe gar keine unsichtbaren …«, begann Strappi und unterbrach sich.

»Lass ihn einfach«, sagte Jackrum. »Es ist nur eine kleine komische Igor-Angewohnheit.«

»Scheint mir nicht richtig zu sein«, brummte Strappi. »Läuft praktisch auf Verrat hinaus …«

»Warum sollte es falsch sein, das alte Mädchen ein wenig zu putzen?«, erwiderte der Feldwebel. »Der Nächste. Oh …«

Igor wischte das Bild sorgfältig ab, hauchte einen kurzen Kuss darauf, trat dann neben Polly, sah sie an und lächelte verlegen. Aber ihre Aufmerksamkeit galt dem nächsten Rekruten.

Er war klein und recht dünn, kein Wunder in einem Land, in dem man kaum genug zu essen bekam, um dick zu werden. Er trug ebenfalls schwarze Kleidung, aber teure, wie ein Aristokrat, und er hatte sogar ein Schwert. Deshalb wirkte der Feldwebel besorgt. Man konnte in Schwierigkeiten geraten, wenn man die falschen Worte an einen feinen Pinkel mit einflussreichen Freunden richtete.

»Bist du sicher, dass du hier am richtigen Ort bist, Herr?«, fragte er.

»Ja, Feldwebel. Ich möchte Soldat werden.«

Feldwebel Jackrum rutschte auf seinem Stuhl unruhig zur Seite. »Ja, aber ein vornehmer Herr wie du …«

»Willst du mich nun rekrutieren oder nicht, Feldwebel?«

»Es ist unüblich, dass ein Vornehmer zu einem einfachen Soldaten wird, Herr«, murmelte Jackrum.

»Du möchtest wissen: Verfolgt mich jemand? Ist ein Preis auf meinen Kopf ausgesetzt? Die Antwort lautet nein.«

»Und eine aufgebrachte Menge mit Heugabeln?«, fragte Korporal Strappi. »Er ist ein verdammter Vampir, Feldwebel! Das sieht man auf den ersten Blick! Ein Schwarzbandler! Sieh nur, er trägt das Abzeichen!«

»Und darauf steht ›Nicht ein Tropfen‹«, sagte der junge Mann ruhig. »Nicht ein Tropfen Menschenblut, Feldwebel. An dieses Verbot halte ich mich seit fast zwei Jahren, was ich der Liga der Enthaltsamkeit verdanke. Wenn du persönliche Einwände hast, brauchst du sie mir nur schriftlich zu geben.«

Polly fand diesen Hinweis sehr schlau. Der junge Mann trug sehr teure Kleidung, und die meisten Vampirfamilien waren piekfein. Man wusste nie, wer mit wem – besser gesagt: wer mit Wem – in Verbindung stand. Die »Wem« konnten in diesem Zusammenhang weitaus mehr Probleme verursachen als gewöhnliche »wem«. Der Feldwebel blickte über einen sehr holprigen Weg.

»Man muss mit der Zeit gehen, Korporal«, sagte er und beschloss, den Weg nicht zu beschreiten. »Und wir brauchen Soldaten.«

»Ja, aber angenommen, er will mir mitten in der Nacht das Blut aus dem Leib saugen?«, fragte Strappi.

»Dann muss er warten, bis Soldat Igor die Suche nach deinem Gehirn beendet hat«, erwiderte der Feldwebel scharf. »Unterschreib hier, Rekrut.«

Die Feder kratzte übers Papier. Nach ein oder zwei Minuten drehte der Vampir das Blatt und schrieb auf der anderen Seite weiter. Vampire hatten lange Namen.

»Aber ihr könnt mich Maladikt nennen«, sagte er und ließ die Feder wieder ins Tintenfass sinken.

»Ich danke dir sehr, He … Soldat. Gib ihm den Schilling, Korporal. Was für ein Glück, dass er nicht aus Silber ist. Haha!«

»Ja«, sagte Maladikt. »Welch ein Glück.«

»Der Nächste!«, rief Jackrum. Polly sah einen Bauernjungen, dessen Kniehose von Bindfäden zusammengehalten wurde. Er schlurfte zum Tisch und betrachtete den Federkiel mit der Verwirrung jener Menschen, die mit neuer Technik konfrontiert werden.

Polly wandte sich wieder der Theke zu. Der Wirt richtete den finsteren Blick auf sie, der allen ungemütlichen Wirten eigen war. Wie ihr Vater immer gesagt hatte: Wenn man ein Gasthaus hatte, mochte man die Leute entweder oder man schnappte über. Seltsamerweise waren es gerade die Übergeschnappten, die sich am besten um ihr Bier kümmerten. Hier schien das nicht der Fall zu sein, nach dem Geruch zu urteilen.

Polly stützte die Ellenbogen auf die Theke. »Ein Bier, bitte«, sagte sie. Der Wirt bestätigte, indem er das Gesicht verzog, und wandte sich dann den großen Fässern zu. Polly rechnete mit saurem Bier und stellte sich vor, wie der Inhalt der Abtropfeimer jeden Abend ins Fass zurückgekippt wurde, und vermutlich wurde der Zapfen nicht zurückgesteckt, und … ja, man servierte das Bier in einem ledernen Humpen, der wahrscheinlich nie gewaschen worden war.

Zwei neue Rekruten tranken bereits ihr Bier und gaben dabei Geräusche von sich, die auf Genuss hindeuteten. Aber dies war Plün. Hier war all das trinkenswert, das einen vergessen ließ, wo man sich befand.

Einer der beiden Jungen sagte: »Schmeckt gut, nicht wahr?« Der Junge neben ihm rülpste und erwiderte: »Ja, das beste Bier, das ich je getrunken habe.«

Polly schnupperte an ihrem Humpen. Der Inhalt roch nach etwas, das sie nicht einmal Schweinen anbieten würde. Sie trank einen Schluck und änderte ihre Meinung – sie würde dieses Zeug den Schweinen geben. Bestimmt hatten die beiden Jungen nie zuvor Bier getrunken. Es ist so, wie Vater sagte, dachte Polly. Auf dem Land gibt es Jungen, die für eine unbewohnte Hose zum Militär gehen. Und sie trinken diesen Mist und tun so, als fänden sie wie Männer Gefallen daran. He, Jungs, gestern Abend haben wir ordentlich einen gehoben, was? Und dann …

Lieber Himmel, das erinnerte sie an etwas. Wie mochte es um den hiesigen Abort bestellt sein? Der für Männer daheim, auf der anderen Seite des Hofes, war schlimm genug. Polly hatte jeden Morgen zwei Eimer Wasser hineingekippt und dabei versucht, nicht zu atmen. Seltsames grünes Moos wuchs auf dem Schieferboden. Und die »Herzogin« war ein gutes Wirtshaus. Seine Gäste zogen ihre Stiefel aus, bevor sie zu Bett gingen.

Polly kniff die Augen zusammen. Der dumme Narr vor ihr – ein Mann, der eine lange Augenbraue die Arbeit von zweien erledigen ließ – servierte ihnen Spülwasser und Essig, bevor sie in den Krieg zogen …

»Diefef Bier schmeckt wie Pferdepiffe«, sagte Igor.

Polly wich zurück. Das waren tödliche Worte, selbst in einem Gasthaus wie diesem.

»Ach, damit kennst du dich aus?«, fragte der Wirt und ragte bedrohlich vor dem Jungen auf. »Hast schon mal Pferdepisse getrunken, was?«

»Ja«, bestätigte Igor.

Der Wirt schüttelte die Faust vor seinem Gesicht. »Jetzt hör mir mal gut zu, du lispelnder kleiner …«

Ein dünner schwarzer Arm erschien erstaunlich schnell, und eine blasse Hand griff nach der Faust des Wirts. Plötzlicher Schmerz brachte Bewegung in die eine Braue.

»Die Sache ist folgendermaßen«, sagte Maladikt ruhig. »Wir sind Soldaten der Herzogin, habe ich Recht? Sag einfach ›Aargh‹.«

Er musste zugedrückt haben. Der Wirt stöhnte.

»Danke. Und was du uns als Bier servierst, lässt sich bestenfalls als schmutziges Wasser bezeichnen«, fuhr Maladikt im gleichen Plauderton fort. »Ich trinke natürlich keine … Pferdepisse, aber ich habe einen hoch entwickelten Geruchssinn und möchte lieber darauf verzichten, die Dinge zu benennen, die ich in dieser Flüssigkeit rieche, und deshalb begnügen wir uns mit dem Hinweis auf ›Rattenkot‹, einverstanden? Ein Wimmern genügt. Herzlichen Dank.« Am Ende der Theke übergab sich einer der beiden Jungen. Die Finger des Wirts waren weiß geworden. Maladikt nickte zufrieden.

»Einen Soldaten Ihrer Hoheit in Kriegszeiten kampfunfähig zu machen, läuft auf Hochverrat hinaus«, sagte er und beugte sich vor. »Und die Strafe dafür ist der … Tod.« Maladikt sprach dieses Wort mit einem gewissen Entzücken aus. »Aber wenn es hier noch ein anderes Fass gibt, eins mit gutem Bier, mit dem Bier, das du für deine Freunde reserviert hast … Ich schätze, dann können wir diesen kleinen Zwischenfall vergessen. Ich lasse jetzt dein Handgelenk los. Deine Augenbraue verrät mir, dass du ein Denker bist, und du denkst gerade daran, einen großen Knüppel hervorzuholen. Stattdessen solltest du über das schwarze Band nachdenken, das ich trage. Weißt du, was es bedeutet?«

Der Wirt schnitt eine Grimasse und ächzte: »Die Liga der Enthaltsamkeit …«

»Genau! Bravo!«, sagte Maladikt. »Und noch ein Gedanke für dich, wenn du dafür genug Platz hast. Ich habe mich nur verpflichtet, kein Menschenblut zu trinken. Es ist mir nicht verboten, dir einen solchen Tritt zwischen die Beine zu geben, dass du taub wirst.«

Er ließ die Faust los. Der Wirt richtete sich langsam auf. Unter der Theke lag bestimmt ein kurzer Holzknüppel, wusste Polly. Es gab ihn in jedem Gasthaus. Selbst ihr Vater hatte einen. Er nannte den Knüppel eine große Hilfe in Zeiten von Sorge und Verwirrung. Sie sah, wie die Finger der noch einsatzfähigen Hand zitterten.

»Du solltest auf ihn hören«, sagte Polly. »Ich glaube, er meint es ernst.«

Der Wirt entspannte sich. »Hier liegt ein kleines Missverständnis vor, Jungs«, brummte er. »Hab das falsche Fass geholt. Nichts für ungut.« Er wankte fort, und man konnte die klopfenden Schmerzen in seiner Hand fast sehen.

»Ich habe doch nur gefagt, daff ef wie Pferdepiffe schmeckt«, sagte Igor.

»Er wird keinen Ärger machen«, wandte sich Polly an Maladikt. »Von jetzt an ist er dein bester Freund. Ihm ist klar, dass er dich nicht schlagen kann, deshalb wird er dein bester Kumpel sein.«

Maladikt richtete einen nachdenklichen Blick auf sie. »Ich weiß das«, sagte er. »Aber woher weißt du es?«

»Ich habe in einem Gasthaus gearbeitet«, erwiderte Polly und spürte, wie ihr Herz schneller schlug, wie immer, wenn sich Lügen ansammelten. »Dabei lernt man die Leute kennen.«

»Als was hast du gearbeitet?«

»Als Kellner.«

»Gibt es noch ein Wirtshaus in diesem Kaff?«

»Nein, ich bin nicht von hier.«

Polly stöhnte beim Klang ihrer eigenen Stimme und wartete auf die Frage: »Wieso bist du dann hierher gekommen, um Soldat zu werden?« Aber die Frage blieb aus. Maladikt zuckte nur mit den Schultern und sagte: »Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand von hier ist.«

Zwei weitere Rekruten erreichten die Theke. Sie sahen gleich aus: verlegen, ein wenig trotzig, die Kleidung passte nicht richtig. Augenbraue kehrte mit einem kleinen Fass zurück, legte es wie ehrfürchtig in ein Gestell und zapfte es behutsam an. Er holte einen Humpen aus echtem Zinn unter der Theke hervor, füllte ihn und bot ihn zaghaft Maladikt an.

Der Vampir winkte ihn beiseite. »Igor?«

»Ich bleibe bei der Pferdepiffe, wenn du geftatteft«, sagte Igor. Er sah sich in der plötzlichen Stille um. »Ich habe nie behauptet, daff fie mir nicht gefällt«, fügte er hinzu und schob den Humpen über die Theke. »Noch mal daffelbe?«

Polly nahm den Zinnhumpen und schnupperte daran. Dann trank sie einen Schluck. »Nicht schlecht«, sagte sie. »Wenigstens schmeckt es wie …«

Die Tür öffnete sich und ließ die Geräusche des Unwetters herein. Etwa zwei Drittel eines Trolls schoben sich in die Gaststube und schafften es, auch den Rest durch die Tür zu ziehen.

Polly hatte nichts gegen Trolle. Sie war ihnen manchmal im Wald begegnet: Sie saßen zwischen den Bäumen oder stapften über die Wege, unterwegs zu den Dingen, mit denen sich Trolle beschäftigten. Sie waren nicht freundlich, sondern … resigniert. Es gab Menschen auf der Welt, also musste man mit ihnen leben. Sie waren keine Verdauungsstörung wert. Man kann sie nicht alle töten. Geh um sie herum. Auf sie zu treten hat langfristig keinen Sinn.

Gelegentlich nahm ein Bauer einen Troll in seine Dienste, um schwere Arbeiten von ihm erledigen zu lassen. Manchmal erschienen sie zur Arbeit, manchmal nicht. Manchmal kamen sie, wankten durch einen Wald, zogen Baumstümpfe wie Karotten aus dem Boden und gingen fort, ohne auf die Bezahlung zu warten. Viele Dinge, mit denen sich Menschen beschäftigten, verwirrten Trolle, und umgekehrt. Normalerweise ging man sich aus dem Weg.

Aber nur selten hatte Polly einen so … trolligen Troll gesehen wie diesen. Er sah aus wie ein Felsen, der Jahrhunderte in einem feuchten Kiefernwald verbracht hatte. Flechten bedeckten ihn. Klebriges graues Moos hing ihm gardinenartig von Stirn und Kinn. Ein Vogelnest steckte in einem Ohr. Der Troll hatte eine echte Trollkeule aus einem entwurzelten jungen Baum. Dieser Troll war fast eine Witzfigur, aber es wagte niemand zu lachen.

Das Wurzelende des jungen Baums schleifte über den Boden, als der Troll, beobachtet von den Rekruten und einem entsetzten Korporal Strappi, zum Tisch stapfte.

»Will werden Soldat«, sagte er. »Will leisten meinen Beitrag. Gib mir Schilling.«

»Du bist ein Troll!«, entfuhr es Strappi.

»Nicht doch, Korporal«, sagte Feldwebel Jackrum. »Wir stören uns nicht an Äußerlichkeiten.«

»An Äußerlichkeiten? Das ist ein Troll, Feldwebel! Er hat Felsspitzen! Es wächst Gras unter seinen Fingernägeln! Er ist ein Troll!«

»Ja«, sagte der Feldwebel. »Rekrutier ihn.«

»Du willst mit uns kämpfen?«, quiekte Strappi. Trolle hielten nichts davon, Abstand zu wahren, und das bedeutete in diesem Fall: Etwa eine Tonne Fels wölbte sich direkt über den Tisch.

Der Troll analysierte die Frage. Die Rekruten standen stumm da, die Humpen auf halbem Weg zum Mund.

»Nein«, antwortete der Troll schließlich. »Will kämpfen mit Heer. Mögen schützen die Götter die …« Der Troll zögerte und sah zur Decke hoch. Doch was auch immer er suchte, es schien unsichtbar zu sein. Er betrachtete seine Füße, auf denen Gras wuchs. Er blickte auf seine freie Hand und bewegte die Finger, als zählte er etwas. »… Herzogin«, sagte er. Es war ein langes Warten gewesen. Der Tisch knarrte, als der Troll die Hand darauf legte, die Innenfläche nach oben. »Gib mir Schilling.«

»Wir haben nur welche aus Pap…«, begann Korporal Strappi. Feldwebel Jackrum rammte ihm den Ellenbogen in die Rippen.

»Lieber Himmel, bist du verrückt?«, zischte er. »Es gibt eine Zehn-Mann-Prämie für die Rekrutierung eines Trolls!« Mit der anderen Hand griff er in die Jackentasche, holte einen echten Silberschilling hervor und legte ihn vorsichtig auf die riesige Hand. »Willkommen in deinem neuen Leben, Freund! Ich schreibe nur schnell deinen Namen auf, in Ordnung? Wie lautet er?«

Der Troll sah zur Decke, auf seine Füße, zum Feldwebel, zur Wand, auf den Tisch. Polly beobachtete, wie sich seine Lippen bewegten. »Karborund?«, erwiderte er schließlich.

»Ja, wahrscheinlich«, sagte der Feldwebel. »Äh, wie wär’s, wenn du etwas von dem Ha… Moos abschneidest? Bei uns gibt es, äh, so etwas wie … Vorschriften.«

Wand, Boden, Decke, Tisch, Finger, Feldwebel. »Nein«, sagte Karborund.

»Gut, gut«, entgegnete der Feldwebel schnell. »Eigentlich sind es keine Vorschriften in dem Sinne, sondern eher … Vorschläge. Hab sie immer für dumm gehalten. Freut mich, dich bei uns zu haben«, fügte er inbrünstig hinzu.

Der Troll leckte an der Münze, die in seiner Hand wie ein Diamant glänzte. Polly stellte fest, dass tatsächlich Gras unter seinen Fingernägeln wuchs. Dann stapfte Karborund zur Theke. Die Rekruten davor wichen sofort zur Seite, denn Trolle stehen nie ganz hinten, wo gewöhnliche Leute mit dem Geld winken und versuchen, die Aufmerksamkeit des Wirts zu erregen.

Er zerbrach die Münze und legte beide Hälften auf die Theke. Augenbraue schluckte und schien »Bist du sicher?« fragen zu wollen, aber eine solche Frage richtete kein Wirt an einen Gast, der mehr als eine halbe Tonne wog. Karborund dachte eine Weile nach und sagte dann: »Gib mir zu trinken.«

Augenbraue nickte, verschwand kurz im Raum hinter der Theke und kehrte mit einem Krug zurück, der zwei Griffe hatte. Maladikt nieste. Pollys Augen tränten. Diese Art von Geruch konnte man mit den Zähnen spüren. Schlechtes Bier mochte hier eine Selbstverständlichkeit sein, aber dies war reiner Essig.

Augenbraue ließ eine Hälfte der Silbermünze hineinfallen, nahm dann einen kupfernen Cent aus der Schublade mit dem Geld und hielt ihn über den dampfenden Krug. Der Troll nickte. Wie ein Cocktailmixer, der seiner Kreation den kleinen Papierschirm hinzufügte, ließ Augenbraue die Kupfermünze fallen.

Weitere Blasen stiegen auf. Igor beobachtete das Geschehen interessiert. Karborund hob den Krug mit zwei Fingern an jedem Griff und leerte ihn mit einem Schluck. Für einen Moment stand er völlig reglos und setzte den Krug dann vorsichtig auf die Theke zurück.

»Ihr solltet ein wenig zur Seite treten«, brummte Augenbraue.

»Was passiert jetzt?«, fragte Polly.

»Alle reagieren anders darauf«, sagte Augenbraue. »Dieser hier scheint … nein, es hat ihn erwischt …«

Mit beträchtlichem Stil kippte Karborund nach hinten. Er knickte nicht in den Knien ein, machte keinen Versuch, den Fall zu dämpfen. Im einen Augenblick stand er, die Hand ausgestreckt, und im nächsten lag er auf dem Rücken, die Hand nach oben. Nach dem Sturz schaukelte er sogar einige Sekunden lang.

»Verträgt das Zeug nicht«, sagte Augenbraue. »Typisch für einen der jungen Burschen. Möchte den großen Troll spielen, kommt hierher, bestellt einen Brodelnden Umhauer und verträgt ihn nicht.«

»Kommt er gleich wieder zu sich?«, fragte Maladikt.

»Nein, er bleibt bis morgen früh da liegen«, sagte Augenbraue. »Das Gehirn hört einfach auf zu funktionieren.«

»Dann sollte das Zeug bei ihm kaum wirken«, kommentierte Korporal Strappi und stand auf. »Na schön, ihr jämmerlichen Burschen. Ihr schlaft im Schuppen hinter dem Gasthaus. Es hat ein fast wasserdichtes Dach, und es gibt dort kaum Ratten. Wir brechen auf, wenn der Morgen dämmert! Ihr seid jetzt beim Militär!«

Polly lag im Dunkeln auf einem Bett aus modrigem Stroh. Die Frage, ob sie vor dem Schlafengehen die Kleidung ablegen sollten, stellte sich erst gar nicht. Regen hämmerte aufs Dach, und der Wind wehte durch den Spalt unter der Tür, trotz Igors Versuch, ihn mit Stroh zuzustopfen. In den sporadischen Gesprächen fand Polly heraus, dass sie den feuchten Schuppen mit »Toller« Halter, »Knaller« Manickel, »Reißer« Goom und »Stecher« Tewt teilte. Maladikt und Igor schienen keinen wiederholbaren Spitznamen zu haben. Polly wurde in gegenseitigem Einvernehmen zu »Schnieke«.

Ein wenig überrascht stellte Polly fest, dass der Junge namens Reißer aus seinem Rucksack ein kleines Bild der Herzogin zog und es nervös an einen alten Nagel hängte. Niemand sagte etwas, als er davor betete. So was machte man eben.

Die Leute sagten, die Herzogin sei tot …

Beim Geschirrspülen hatte Polly die Männer eines Abends darüber reden gehört. Arm dran ist die Frau, die nicht lauschen kann, während sie Lärm macht.

Tot, sagten sie. Aber die Leute im Schloss von Prinz-Marmaduk-und-Pjotr-Albert-Hans-Josef-Bernhardt-Wilhelmsberg gaben es nicht zu. Und weil es keine Kinder gab, und weil der Adel ausschließlich unter sich heiratete, Vettern und Kusinen und so weiter, würde der Thron des Herzogs an Prinz Heinrich von Zlobenien gehen! Ist das zu fassen? Deshalb sehen wir sie nie, kapiert? Und in all den Jahren hat es kein neues Bild von ihr gegeben. Das gibt einem zu denken. Angeblich trauert sie wegen des jungen Herzogs, aber er ist vor mehr als siebzig Jahren gestorben! Man munkelt, dass sie insgeheim begraben wurde und …

An dieser Stelle hatte ihr Vater den Sprecher unterbrochen. Manchmal möchte man vermeiden, dass sich die Leute daran erinnern, dass man sich während eines bestimmten Gesprächs im gleichen Zimmer aufgehalten hat.

Ob lebend oder tot, die Herzogin sah und hörte alles.

Die Rekruten versuchten zu schlafen.

Gelegentlich rülpste jemand oder ließ laut einen Wind streichen, und Polly steuerte einige falsche Rülpser bei. Das schien die anderen Schläfer zu größeren Anstrengungen anzuspornen, und erst als das Dach klapperte und Staub herabrieselte, kehrte wieder Ruhe ein. Ein- oder zweimal hörte sie, wie jemand nach draußen trat in die windige Dunkelheit, rein theoretisch mit der Absicht, den Abort aufzusuchen. Aber angesichts der männlichen Ungeduld wurde die Angelegenheit vermutlich nicht ganz so weit entfernt erledigt. Einmal, halb in einem Traum, hörte Polly jemanden schluchzen.

Sie achtete darauf, nicht zu laut zu rascheln, als sie den mehrmals gefalteten, viel gelesenen und sehr fleckigen letzten Brief ihres Bruders hervorholte und ihn im Licht einer einzelnen, tropfenden Kerze las. Die Zensoren hatten ihn geöffnet und den Text verstümmelt, und er trug den Stempel der Herzogin. Pollys Bruder schrieb:

Der Brief war in der sehr sauberen Handschrift von jemandem verfasst, der beim Schreiben jedes einzelnen Buchstabens große Sorgfalt walten ließ. Paul hatte sich Medaillen gewünscht, weil sie glänzten. Das war vor fast einem Jahr gewesen, als jede Rekrutierungsgruppe fast ein ganzes Bataillon versammelte, als Fahnen wehten und Musik spielte. Gelegentlich kehrten jetzt einzelne Gruppen von Männern heim. Den Glücklicheren unter ihnen fehlte nur ein Arm oder ein Bein. Es wurden keine Fahnen geschwenkt.

Polly entfaltete ein anderes Stück Papier, ein Flugblatt mit der Überschrift: »Von den Müttern Borograwiens!« Die Mütter Borograwiens ließen nicht den geringsten Zweifel daran, wie sehr sie wollten, dass ihre Söhne gegen den zlobenischen Aggressor in den Krieg zogen, und sie unterstrichen dies mit vielen Ausrufezeichen. Das war seltsam, denn die Mütter in Munz schienen sich nicht sehr darüber zu freuen, dass ihre Söhne in den Krieg zogen; sie versuchten sogar, sie daran zu hindern. Trotzdem waren irgendwie mehrere Exemplare des Pamphlets in jedes Haus gelangt. Es klang alles sehr patriotisch. Mit anderen Worten: Es ging darum, Ausländer zu töten.

Polly hatte einigermaßen Lesen und Schreiben gelernt, weil das Gasthaus groß und ein Geschäft war, weil die Dinge kontrolliert und aufgeschrieben werden mussten. Ihre Mutter hatte sie Lesen gelehrt, wogegen Nuggan keine Einwände erhob, und ihrem Vater verdankte sie, dass sie schreiben konnte, und das gefiel Nuggan nicht. Pater Joppe hatte eine des Schreibens kundige Frau als Abscheulichkeit klassifiziert, was bedeutete: Was auch immer sie schrieb, war per definitionem eine Lüge.

Aber Polly lernte das Schreiben trotzdem, weil Paul es nicht lernte. Sie lernte es gut genug, um ein Gasthaus zu leiten, in dem ein so großer Betrieb herrschte wie in der »Herzogin«. Paul konnte lesen, wenn er mit dem Finger ganz langsam den Zeilen folgte, und er schrieb Briefe im Schneckentempo, mit großer Sorgfalt und unter schwerem Atmen, wie jemand, der ein Schmuckstück zusammensetzte. Er war groß, gutmütig und langsam, konnte Bierfässer wie Spielzeuge heben, aber mit Schreibarbeiten kam er nicht gut zurecht. Ihr Vater hatte Polly sehr sanft, aber auch sehr oft darauf hingewiesen, dass sie direkt hinter ihm stehen musste, wenn die Zeit für ihn kam, sich um das Gasthaus zu kümmern. Wenn es niemanden gab, der ihrem Bruder sagte, was er als Nächstes tun sollte, stand er einfach nur da und beobachtete Vögel.

Auf Pauls Bitte hin hatte sie ihm den ganzen Text vorgelesen, der angeblich »Von den Müttern Borograwiens!« stammte, auch den Teil über Helden, und dass es nichts Besseres gab, als für sein Vaterland zu sterben. Das bedauerte Polly jetzt. Paul machte, was man ihm sagte. Leider glaubte er auch, was man ihm sagte.

Polly steckte Brief und Flugblatt unters Hemd und döste wieder ein, bis ihre Blase sie weckte. So früh am Morgen brauchte sie vor dem Abort sicher nicht Schlange zu stehen. Sie griff nach ihrem Rucksack und trat so leise wie möglich in den Regen.

Er kam jetzt größtenteils von den Bäumen, die im heftigen Wind brausten, der durchs Tal wehte. Der Mond verbarg sich in den Wolken, aber das Licht war stark genug, um die Gebäude des Gasthofs erkennen zu können. Fahles Grau deutete darauf hin, dass das, was in Plün als Morgengrauen galt, unterwegs war. Polly fand den für Männer bestimmten Abort und stellte fest, dass er tatsächlich nach Ungenauigkeit stank.

Planung und Übungen hatten sie auf diesen Augenblick vorbereitet. Die Kniehose half ihr. Sie gehörte zur altmodischen Art, großzügig ausgestattet mit Knöpfen, die Klappen öffneten. Und morgens früh, beim Saubermachen, hatte sie viel experimentiert. Kurzum: Polly wusste, dass auch eine Frau im Stehen pinkeln konnte, wenn sie den Details genug Aufmerksamkeit schenkte. Es funktionierte im Abort daheim, bei dessen Konstruktion man von einer gewissen Ziellosigkeit der Gäste ausgegangen war.