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Dieses Buch enthält das Beste aus der Kolumne Quergedacht, die wöchentlich im Delmenhorster Kreisblatt und unter www.noz.de erscheint. Mit viel Sprachwitz, schwarzem Humor, einem Hauch Melancholie und einem Hang zum Nonsens blickt der Autor in die Abgründe und deckt die Absurditäten des Alltags auf. Satirisch, ironisch, spitzfindig: Die kurzen Kolumnen erinnern an das "Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marco Julius
Der einsamste Tölpel der Welt
Das Beste aus der Kolumne Quergedacht
© 2020 Marco Julius
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-17799-4
Hardcover: 978-3-347-17800-7
e-Book: 978-3-347-17801-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Ein Wort vorweg
Als Junge, da wollte ich – welcher Junge wollte das nicht? - Fußball-Profi werden. Wegen Kalle Rummenigge. Oder Frontman einer Band. Wegen der Beatles. Oder Schriftsteller. Weil ich die Bücher liebte, die mir der Bücherbus gebracht hat. Und weil ich mir das ganz entspannt vorgestellt habe, dieses Leben als Schriftsteller. Allerdings spielte ich damals wie heute Handball im Verein. Ich kann bis heute nicht singen und beherrsche auch kein Instrument. Und Schriftsteller? Da hat es dann auch nur zum Journalisten gereicht. Und jetzt gibt es also ein Buch von mir! Etwas spät, um als Newcomer durchzustarten. Das ist wahr. Und eigentlich auch nur deswegen, weil ich mir so zumindest diesen einen Traum noch spät erfüllen kann. Ein Buch mit meinem Namen drauf!
Ein Buch von mir, das Quergedacht-Kolumnen aus sechs Jahren versammelt, die ich im Delmenhorster Kreisblatt regelmäßig veröffentlichen darf, gibt es aber auch deshalb, weil es ein paar freundliche Menschen gibt, die mich immer mal wieder danach gefragt haben. Und weil es auf die Kolumne immer wieder liebe Reaktionen gibt. Manchmal sogar besonders wundervolle Antworten mit Münchhausen-Briefmarke per Postkarte. Dank dafür an ein Ehepaar, das jetzt hoffentlich weiß, dass es gemeint ist.
Die Kolumnen sind, das fällt beim Wiederlesen auf, immer auch ein Kommentar zum Zeitgeschehen. Ach ja, das war ja damals, denke ich dann. Ganz so, als blätterte ich in meinem Tagebuch, das es – besser ist das – nicht gibt. Vielleicht gibt es ein paar Leserinnen und Leser, die Freude daran haben, die Texte jetzt gesammelt zwischen Buchdeckeln zu finden. Wenn nicht: egal. Meinen Traum habe ich mir erfüllt.
Der Dank geht an alle, die mich motiviert haben, dranzubleiben. Besonders natürlich an die Frau, die mir hilft, das Leben zu meistern. An meine Mutter, meine Schwester, die noch heute jede Kolumne lesen. An meinen Vater, der nicht mehr alle lesen konnte. An alle, die sich die Mühe machen, mir zu schreiben, wenn es wieder einen neuen Text gibt. Und an Hans Zippert, den Ex-Chefredakteur der Titanic, der mir in einem Seminar das Gefühl gegeben hat, mich mit dem, was ich da so schreibe, nicht verstecken zu müssen.
14. April 2015
Der Lack ist ab
Das Smartphone, jener Gegenstand, der deutlich häufiger gestreichelt wird als der Mensch, der neben einem nächtens im Bette zu liegen kommt, ist ein seltsames Gerät. Es gibt Menschen, die brauchen stets das neueste Modell, schick soll es sein, der Glanz möge abfärben auf den Besitzer. Ein Statussymbol der modernen Welt. Doch es gibt Menschen – und deren Zahl wächst so schnell wie die Zahl der unterschiedlichen Handy-Tarife, die gehen bewusst einen anderen Weg.
Das Display zersprungen zu einem Spinnennetz, die Rückseite gehörig verkratzt – und doch geht der Besitzer nicht zum Handy-Doc. Denn das kaputte Smartphone ist auch ein Signal nach draußen, das für den Besitzer spricht. Ich lebe, sagt er durch sein Handy. Ich bin noch in der realen Welt unterwegs, vielleicht sogar – wie verrückt – nach Feierabend oder gar nachts. Da kann das Handy runterfallen, das beweist doch nur, wie aufregend abenteuerlich mein Leben ist. Ha!, ruft das Handy für den Besitzer: Die Daueroptimierung der Jetzt-Zeit mache ich nicht mit! Vielleicht aber ruft es am Ende doch nur seinem Besitzer zu: Wir passen zusammen, der Lack bei uns ist ab.
27. April 2015
Mein Rauchmelder
Der Zitronenfalter soll keine Zitronen falten, der Heckenschütze keine Hecken schützen. Selbst der Beckenbauer soll keine Becken bauen. Gleiches gilt für den Rauchmelder, der Einzug in mein bescheidenes Heim gehalten hat, dem Land Niedersachsen sei Dank. Wobei: natürlich soll der Rauchmelder Rauch melden, dafür hängt er schließlich da. Das ist seine Pflicht. Doch geht es nach mir, bleibt er stumm und blinkt nur gelegentlich sein beruhigend rotes Leuchten in die Welt hinaus. Denn wo Rauch ist, da ist auch Feuer – und das fürchte ich noch mehr als den sicher schrillen Fiepton meines Rauchmelders.
Zur Sicherheit hat das Land mir sogar zwei Melder vorgeschrieben, einen im Schlafzimmer, wo er wohl prüfen soll, ob es noch heiß hergeht – und einen im Flur, gleich bei der Küche, wo ich eigentlich auch nichts anbrennen lasse. Morgens um 6 beginnt der Melder an der Decke sein verlässliches Leuchten. Ich warte zu der Zeit schon – im Bett liegend – auf das Blinken, darüber sinnierend, was einem alles so bevorsteht, bevor man es dann hinter sich hat. Oder darüber, dass man oft im Leben nicht viel zu melden hat, so wie mein Rauchmelder eben.
Und so erfüllt der Rauchmelder, mein noch stummer neuer Freund, einen fast meditativen Zweck. Ich mache mir danach meist schnell Feuer unterm Hintern, starte in den neuen Tag und gehe wieder Zitronen falten.
22. Mai 2015
Glühende Grill-Fans
Jetzt, so kurz nach Vatertag und Pfingsten, stellt sich wieder die brennende Frage: Warum sind Männer so glühende Grill-Fans? Man kann es drehen und wenden wie das Steak auf dem Grill: Grillen ist Männersache. Und der Wonnemonat ist der Beginn der Hochsaison für den Mann, auch wenn er gewöhnlich bereits im Januar zum Angrillen lädt. Sagt die liebe Frau an einem romantischen Abend: „Hör mal Schatz, die Grillen“, antwortet der Mann: „Ich riech‘ gar nichts“. Männer sind eben Feuer und Flamme, wenn sie vor glühenden Kohlen stehen. Am Grill, dem einzigen Ort, wo Männer Schürze tragen, da gilt der Mann noch als Mann. Da sind – trotz Grillkäse – alle Berichte über vegetarisches Essen vergessen.
Fleisch bleibt des Mannes Gemüse. Und wer an einem sommerlichen Sonntag vom Wasserturm auf die Stadt schaut, der sieht: nur Rauch. Denn die ganze Stadt brutzelt, dass es eine Freude ist. Vereint am Grill sind alle Nationalitäten. Der Papa wird es schon richten, ob mit High-Tech-Grill oder dem Fünf-Euro-Teil von der Tanke. Wichtig ist: das Fleisch kriegt Farbe („Jaha, das Dunkle kann man abkratzen!“). Und die alte Bauernregeln gilt noch immer: Wer anderen eine Bratwurst brät, der hat ein Bratwurst-Bratgerät.
29. Juni 2015
Erinnerungen an Bundesjugendspiele
Mal verliert man, mal gewinnen die anderen. Das ist im Leben wie im Sport. Besonders traumatische Erlebnisse verbinden viele mit den Bundesjugendspielen. Allein dieses Wort, das Erinnerungen weckt an Turnbeutel, Riegenführer und viel zu warme Capri-Sonne. Bundesjugendspiele, die Zeit, in denen Mädchen ihre Tage hatten. Eine besorgte Helikopter-Mutter – nein, fliegen kann sie nicht, so nennt man nur überfürsorgliche Mamas – will die Bundesjugendspiele jetzt verbieten lassen, weil ihr Sohn nach den Spielen heulend nach Hause kam. Gemobbt, gedisst, da es nicht für die Ehrenurkunde reichte. Sport ist eben Mord. Besonders für Turnbeutel-Vergesser. „Du wirfst wie ein Mädchen“, war schon zu meiner Zeit, als noch Richard von Weizsäcker Ehrenurkunden unterzeichnete, ein beliebter Vorwurf an Jungs, die damals noch nicht Nerds hießen. Bundesjugendspiele waren für mich zu ertragen, wenn es um Leichtathletik ging. Mit der Sprungkraft eines Kachelofens gestraft, habe ich aber den Schlagball derart weit geworfen, dass „Häuptling Silberlocke“ in Bonn seinen Kaiser Wilhelm unter die Ehrenurkunde setzen musste.
Und überhaupt galt: Lieber Schule als gar keinen Schlaf, aber lieber Sport als Schule, wobei Sport eigentlich nur Fuß- und Handball meinte. Die Bundesjugendspiele im Turnen aber hätten auch in mir den Ruf nach einer Helikopter-Mutter hervorgerufen, hätte es sie denn schon gegeben. „Hat einer die Null gewählt, dass Du Dich meldest?“, rief der Sportlehrer, wenn ich vor dem Barren schwitzend die Hand hob. Sport mit Wattebäuschen geht anders. Aber es hieß ja auch: nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Und da verliert man mal. Oder es gewinnen die anderen.
3. Juli 2015
Männer in Badehosen
Dieser Sommer bringt es wieder ans Sonnenlicht. Die Rettung Griechenlands, der Weg zum Weltfrieden, der Versuch, aus dem HSV eine europäische Top-Mannschaft zu machen: all das ist im Handstreich zu schaffen im Vergleich damit, Männer in Badehosen würdig aussehen zu lassen. Anmut, Grandezza und Männer in Shorts? Das geht nicht zusammen. Doch die Natur hat sich etwas Wunderbares einfallen lassen. Den meisten Männern ist ihr Äußeres am See schlichtweg egal. Und viele halten sich trotz Bauch und Stachelbeerbeinen für den führenden Freibad-Adonis, selbst dann, wenn die hängende Hose schon den Blick auf die Kimme freigibt. Der Lohn des Testosterons. Und deshalb sieht man auch Daddys in den heute modernen Boardshorts, die zwar weit übers Knie reichen, den Bauch aber nicht kaschieren können. Man sieht aber auch die, die in knappen Badeslips, wie sie einst der US-Schwimmer Mark Spitz trug, mehr zeigen, als man je zu sehen wünschte. Andere wiederum tragen schlabbrige Badeshorts in Farben, von denen Ray Charles einst sagte, dass es sich für sie lohne, blind zu werden. Einen schönen Mann kann halt nichts entstellen, denkt der Träger, streicht sich genüsslich über den Musculus rectus abdominis, seinen Sixpack, der unter dem Rettungsring gut verborgen liegt, und fühlt sich dabei wie David „Baywatch“ Hasselhoff, als er seinen Durst noch gut im Griff hatte. Schaulaufen am Strand, im Kopf der Gedanke: „Wie geil bin ich denn?“. Auch wenn der Sommer stets das ein oder andere Kilogramm zu früh kommt: Sitzt, passt, wackelt und hat Luft reicht dem Mann als modische Maßgabe. Nichts aber bringt die Lächerlichkeit des Seins so zum Vorschein wie der Durchschnittsmann in Badehosen. Ein Anblick, der nur zu toppen ist, wenn die ungepflegten Füße zusätzlich in Gummi-Clogs stecken. Und da glauben die Griechen, sie hätten Probleme.
11. Juli 2015
Immer wieder Balla Balla
Noch zehn Mal schlafen, dann ist Weihnachten! Oder zumindest etwas ganz Ähnliches. Die Fastenzeit ist vorbei. Die Fußball-Bundesliga kehrt zurück. Der Ball rollt wieder. Der Ball, das Zentrum der Welt. Die globalen Krisen treten in den Hintergrund, jetzt geht es endlich wieder um Patellasehnen und Adduktorenzerrungen, jetzt geht es darum, ob mia noch mia san, wie der Bayer sagt, oder ob bei Werder Bremen noch die Wand wackelt, jetzt geht es um den richtigen Riecher in den Tipp-Gemeinschaften, jetzt geht es um Dinge, die jeder versteht. Selbst dumm kickt ja bekanntlich gut. Es geht wieder um lichterloh brennende Strafräume, um Ecken, die nichts einbringen und um den Ball, der so oft noch heiß ist. Der Ball ist nicht von ungefähr so geformt wie die Erde. Der Ball ist rund, sagt Sepp Herberger. Der Ball ist der springende Punkt, sagt Dettmar Cramer. Der Ball ist ein Sauhund, sagt Rudi Gutendorf. Der Ball ist alles. Und spricht nicht Huub Stevens über das zähe Leben von uns Büromenschen, wenn er sagt: „Aus dem Mittelfeld kam zu wenig, von hinten kam zu wenig, vorne kam auch zu wenig“? Und ist es nicht ein Trost für jeden mediokren Arbeitnehmer, wenn Johan Cruyff bilanziert: „Wenn Du einen Spieler sprinten siehst, dann ist er zu spät losgelaufen“? Wer will schon schnell laufen, wenn er richtig stehen kann? Fußball, das sagt Jürgen Klinsmann, „das sind Gefühle, wo man nicht beschreiben kann“. Ja, Fußball, das sagt der große italienische Philosoph Giovanni Trapattoni, „ist ding, dang, dong. Es gibt nicht nur ding“. So wie das Leben nicht nur ding ist. Wir Fans sind wieder bereit dafür, wir sind, wie Icke Häßler formuliert, nach langem Entzug in der Sommerpause wieder „körperlich und physisch topfit“.
20. Juli 2015
Schon gebucht?
Den Urlaub schon gebucht? Mit allem Komfort und komm zurück? Früher, da hat man kurz im Katalog geblättert, auf das Ziel, das zumeist in Bella Italia lag, getippt und ist dann einfach mit viel zu vielen Familienangehörigen in das viel zu kleine Auto gestiegen. Ab über den Brenner. Urlaub ohne Risiko, der Chef sagt wann, die Frau sagt wo. Heute ist der Urlaub eine Wissenschaft für sich, endlos klickt sich der Erholungssuchende durch Internetportale, liest Bewertungen anderer Urlauber, lernt, dass Hotels, die einen „unaufdringlichen Service“ versichern, Personalmangel haben, und dass „beheizbarer Pool“ für „Strand verdreckt“ steht. Manchmal ist Urlaub so anstrengend wie der Lohnerwerb, von dem man sich erholen will. Wohin nur soll es gehen? Die Welt steht einem offen. Zum Flughafen und Last Minute weg, am Schalter einfach sagen: Bringen Sie mich irgendwo hin, ich werde überall gebraucht? Keine durchdachte Lösung. Die westlichste der ostfriesischen Inseln verkündet da rechtzeitig und vollmundig: „Vögelurlaub macht man auf Borkum“. Aha, denkt man, besser Fremdenverkehr als gar keinen Sex – und liegt mal wieder daneben. Werbung verspricht eben mehr als sie hält, auf der Insel werden lediglich Vögel gezählt. Man träumt aber nun einmal davon, am Strand zu liegen; ein Schicksal, das früher eher Schiffbrüchigen vorbehalten war. Warum den Urlaub in der Sonne nicht politisch aufladen? Ist ja schließlich so: Der Grieche liegt am Mittelmeer, und er hat keine Mittel mehr. Aus Holidays Soli-Days machen. Was kost‘ das, Kostas? Ich trinke Ouzo, was trinkst Du so? Jamas – und die Wirtschaft floriert!
25. August 2015
Nur ein bisschen Liebe
Neulich an der Kasse im Supermarkt: Ein Paar vor mir, beide Anfang 40. Die Kassiererin fragt den Mann flötend: „Sammeln Sie Treuepunkte?“ Seine Frau antwortet direkt für ihn: „Er? Treuepunkte? Die hat er nicht verdient!“ Zack! Das hat gesessen. Ja, die Ehe ist eben, frei nach Oscar Wilde, der Versuch, zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein einmal gewesen ist. Drum prüfe, wer sich ewig schindet. Der deutsche Volksmund weiß schließlich: Treue ist ein seltener Gast, halt ihn fest, wenn du ihn hast.
Als ich an der Reihe bin, fragt mich die gute Frau von Kasse 4: „Haben Sie denn alles gefunden?“ Gute Frage. Sind wir nicht alle immerzu auf der Suche? Nach den frischen Nudeln im Regal, nach dem Schlüssel fürs Auto, dem Haar in der Suppe, dem Sinn in diesem Leben? Lauter Fragen im Kopf: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich – und wer zur Hölle will das eigentlich wissen? Nun, die Kassiererin vermutlich. Sie hat mich ja schließlich gefragt. Ja, wonach suche ich eigentlich? Oder finde ich schon? Die Kassiererin zieht die Waren übers Band und ich rufe: „Ich will keine Treueherzen! Ich will nur ein bisschen Liebe!“ Kurzer Gefühlsausbruch zwischen Tomaten und Tetra Pak. „Und ich sammle auch keine Punkte, ich bin ja kein Dalmatiner“, setze ich noch nach. Die Kassiererin bleibt ungerührt: „Das macht dann 19,68. Möchten Sie den Bon mitnehmen?“
22. September 2015
Tierische Arbeitswelt
In der Arbeitswelt geht es zuweilen tierisch zu. Der eine hat einen Chef, der ihn täglich zur Sau macht, in anderen Büros herrschen Zustände, dass die Hühner lachen. Andreas Ackermann, Mentaltrainer aus der schönen Schweiz, hat den wunderbaren Satz geprägt, der durchaus das Zeug zum Leitmotiv unserer modernen Arbeitswelt hat: „Wer täglich schuftet wie ein Pferd, eifrig ist wie eine Biene, abends müde ist wie ein Hund, sollte mal zum Tierarzt gehen – es könnte sein, dass er ein Kamel ist.“ Wer Ackermann heißt, der kann sicher ordentlich schuften. Das Ackern steckt ja schon im Namen. Forscher haben übrigens jüngst in Mainz – ganz abseits der Fasnacht – darüber diskutiert, welche Assoziationen Namen wecken. Kann jemand, der Kevin heißt oder Chantal eigentlich gut in der Schule sein, so lautete die Einstiegsfrage. Dass Kevin kein Name, sondern eine Diagnose ist, hat sich in populärwissenschaftlichen Theken-Gesprächen inzwischen durchgesetzt. Und siehe da, die Studie belegt: Jakob und Charlotte haben es bei Lehrern leichter als Mandy und Justin, macht Jakob einen Fehler, wird er übersehen, macht Justin denselben – genau: Setzen, Sechs! Vorurteile, wohin man blickt. Augen auf also bei der Namenswahl, liebe Eltern. Und wenn Ihr dann groß seid, liebe Kinder, egal ob Ihr nun Kevin oder Charlotte heißt, dann haltet die Augen auf bei der Berufswahl, sonst müsst Ihr am Ende tatsächlich noch zum Tierarzt gehen.
29. September 2015
Gefahr im Anzug
Es ist ja nun einmal so: Es gibt Männer, die tragen nur zur Hochzeit und Beerdigung einen Anzug (für manchen mag sich auch die eigene Hochzeit schon anfühlen wie der jüngste Tag). Andere hingegen werden offenkundig schon in einem Anzug geboren, sie tragen ihn so selbstverständlich wie eine zweite Haut. Wer zur ersten Gruppe gehört, der merkt schnell: Mode kann man kaufen, Stil muss man haben. „Suchen sie etwas Bestimmtes?“ und „Wenn Sie hier mal reinschlüpfen wollen?“ heißt es dann beim Herrenausstatter, aber: „Bitte nicht mehr als drei Teile mit in die Kabine nehmen!“ und los geht es: Der Schuh muss zum Gürtel passen. Und wichtig: No brown after six, der englische Gentleman trägt am Abend keine braunen Schuhe. Und er sagt auch: No brown in town, weil sich braune Schuhe selbst zum Spaziergang nicht gehören. Kurzarmhemd unter Jackett: No-Go! Krawatte zum Kurzarmhemd: erst recht No-Go! Man(n) ist schließlich kein Busfahrer. Könnte man ja gleich in kurzen Hosen kommen. Ärmel hochkrempeln im Sommer wiederum geht, sobald das Sakko aus ist, so will es die Etikette. Verstehe einer die Welt. Übrigens Männer: Motivkrawatte sind verboten! Und: Je feierlicher der Anlass, desto dunkler der Anzug! Es gilt Giorgio Armanis Spruch: Wenn ein Anzug auffällt, ist man schlecht angezogen. – Aber so lange die Hose nicht unter den Achseln kneift, ist ja alles gut.
6. Oktober 2015
Gelebte Einheit
Wie feiert man den Tag der Deutschen Einheit eigentlich in Delmenhorst, fernab der ehemaligen Zonengrenze? Wer am Samstagmorgen Brötchen holen wollte, der weiß es. Und was macht – ein alter Witz, pardon! – ein Ostdeutscher, wenn er im Wald eine Schlange sieht? Er stellt sich hinten an. Und so standen am Samstagmorgen, an dem, weil Feiertag, nicht mal die Hälfte aller Bäcker der Stadt geöffnet hatte, Delmenhorster in der langen Schlange an, um ihre Schrippen zu kaufen, ganz so wie die Ossis früher im vor 25 Jahren abhandengekommenen Arbeiter- und Bauern-Staat, als es kaum Konsumgüter gab. Und war man am Samstag an der Reihe, dann hieß es: Mohnbrötchen sind aus. So wie damals im Konsum oder HO. Das ist gelebte Einheit in Delmenhorst!
So richtig ostalgisch war es bereits am Freitagabend vor dem Feiertag, als – ob des selbigen – in den großen Supermärkten der Stadt Ausnahmezustand herrschte. 19.30 Uhr: Keine Bananen mehr an der Stedinger Straße! Der Porree: Geplündert! Mehr Ostalgie geht nun wirklich nicht in diesen Tagen. Die Delmenhorster beim Hamsterkauf, als käme die Plan- und Mangelwirtschaft, als käme der Genosse Honecker zurück. Vorwärts immer, rückwärts nimmer, hieß es beim Kauf von Aufbackbrötchen! Niemand wollte der Letzte sein. Leergeräumt die Regale, ausverkauft die Sättigungsbeilage. So feiert man angemessen das Fest der Einheit!
19. Oktober 2015
Bleibt alles anders
Nichts ist so beständig wie der Wandel. Bleibt alles anders, weiß ja auch Grönemeyer. In diesen Tagen ist das besonders spürbar, also nicht bei Grönemeyer, der bleibt irgendwie immer der Alte. Aber sonst: alles neu, alles anders. Der amerikanische Playboy, das „Bunny-Magazin“ für den Herrn schlechthin, das selbstredend ausschließlich für seine ausdruckstarken Interviews gelesen wird, will künftig keine blanken Busen mehr zeigen. Wer pro Asyl ist, muss plötzlich sogar Mutti Merkel gut finden. Und unser schönes Sommermärchen, als Fußballfreunde vom gesamten Erdball tatsächlich mit dem Spruch „Die Welt zu Gast bei Freunden“ mit einer ganz speziellen Willkommenskultur aufgenommen wurden: ergaunert und erkauft. Der ADAC, dein Freund und Pannenhelfer, hat selbst längst Achsenbruch erlitten und bräuchte einen Gelben Engel. Fehlt nur noch, dass unser zuverlässiger deutscher Volkswagen-Konzern in einen weltumspannenden Skandal verstrickt wird! Ach, das ist er ja schon! Nichts bleibt eben, wie es ist, nichts ist heilig. Wenn sich jetzt noch endgültig bestätigt, was das Satiremagazin Titanic schon Anfang der neunziger Jahre titelte –„Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!“ – steht die Welt tatsächlich Kopf.
17. November 2015
Außer Kontrolle
Wer öffentlich eine Jogginghose trägt, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Hat Karl Lagerfeld mal gesagt. Eine Schule im Schwäbischen scheint diese Worte „Laberfelds“ nun aufgreifen zu wollen. Sie will Schülern das Tragen der bequemen Freizeithose mit dem elastischen Beinabschluss im Unterricht verbieten. Argument: es käme ja auch kein Schüler auf die Idee, in diesem Schlabberlook zum Praktikum zu gehen. Sicher? Egal! Die Meldung klingt eh wie erdacht, damit durchschnittliche Glossenschreiber Stoff für Zeilen haben, so wie ja auch der Laubsauger nur erfunden wurde, damit Redakteure lustig-genervte Kommentare veröffentlichen können. Doch die Schwaben meinen es ernst. Kleidung habe mit Haltung zu tun. Aber ist es wirklich an der, Stillosen Einhalt zu gebieten? Auch im Büro ist ja längst vielerorts jeder Tag zum „Casual Friday“ ausgerufen worden. Und spätestens nach Feierabend ist das sackförmige Beinkleid aus Baumwolle doch wie ein guter Freund, der auf einen wartet. In der Jogginghose, da wo alles noch freies Spiel hat, fühlt man sich pudelwohl. Ist die Jogginghose also nicht eher ein Zeichen dafür, dass man die westliche Kunst zu leben verinnerlicht hat? Und gaukelt nicht gerade der dunkle Businessanzug lediglich Kompetenz vor, wie die Krawattenmenschen von VW und Co. belegen? Oder ist es am Ende alles Jacke wie Hose? Der Autor dieser Zeilen mag die Kontrolle über sein Leben längst verloren haben, aber wenigstens hat er es schön bequem dabei.
24. November 2015
Mit Pfiff durchs Leben
Ein Lied auf den Lippen so läuft es sich leichter durchs Leben. Doch was zwitschern jetzt die Spatzen von den Dächern? Die Demoskopen von You-Gov haben herausgefunden, dass 59 Prozent der Deutschen meinen, es werde in diesem Lande immer weniger gepfiffen. Immerhin 78 Prozent gaben an, dass sie selbst so manches Mal vor sich hin pfeifen. Nicht aus dem letzten Loch, das versteht sich in diesem Zusammenhang von selbst. Und schon gar nicht Frauen hinterher, das ist verboten. In deutschen Landen gibt es ja eine lange Tradition des Verpfeifens, womit jetzt nicht falsche Töne gemeint sind. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück zur Melodie. Hat sich nicht Ilse Werner, die Älteren werden sich erinnern, ganz wunderbar durch ganz unterschiedliche und mitunter dunkle Zeiten getrillert? Ist nicht das Pfeifen im Walde eine Kunstform, die die ängstlichen Deutschen ebenso wie den Wald an sich – quasi erfunden haben? Und bringt man nicht Nassforsche noch immer gern mit dem Spruch „Keine Zähne im Mund, aber La Paloma pfeifen“ zur Räson? Es gibt so viele Gründe, sich eines zu pfeifen. Spitzt die Lippen, liebe Leute, formt sie zu einem O, rollt die Zunge, lasst Luft ab. Tanzt nicht nach jedermanns Pfeife, aber geht mit viel Pfiff durchs Leben und pfeift auf die Umfragen.
9. Dezember 2015
Weihnachtsmarkt und Terror
Dieses mulmige Gefühl auf den Weihnachtsmärkten derzeit, die Angst, die mitschwingt beim Besuch, die Gefahr, die da allgegenwärtig unentwegt droht auf den belebten Plätzen, der Schatten, der sich bedrohlich auf die Stimmung legt. Terror!!! Doch warum die Panik? Rolf Zuckowski und Whams Lied über diesen „Lars Krismes“ in Dauerschleife, Glühwein, bei dem die Antwort nach seinen Bestandteilen weite Teile der Bevölkerung verunsichern würde, fetttriefende Puffer und Schnitzwerk aus Fernost – all das gibt es alle Jahre wieder. An den Terror hat man sich doch längst gewöhnt. Kein Grund zur Sorge also. Der Konsumterror ist fester Bestandteil unserer Einstimmung aufs Fest und diesen Teil wollen wir uns nicht nehmen lassen. Von niemandem. Auch wenn wir uns jedes Jahr die Frage stellen, warum wir immer ausgerechnet dann Weihnachten feiern, wenn die Geschäfte bummsvoll sind. Die meisten Menschen feiern halt Weihnachten, weil die meisten Menschen Weihnachten feiern. Einige glauben noch an den Weihnachtsmann, viele haben das Vertrauen längst verloren. Andere wiederum halten sich für den Weihnachtsmann, wieder andere sehen lediglich so aus. Der eine wünscht sich vom Mann mit dem großen Sack ein dickes Plus auf dem Konto und ein dickes Minus auf der Waage, wohl wissend, dass der alte Mann das schon im vergangenen Jahr verwechselt haben muss. Der andere wünscht sich innig, dass ihm nach dem Lumumba und Glühwein die Engelein singen. Und bis zum Fest demonstrieren alle gemeinsam weiter dort Fröhlichkeit, wo durch die Lüfte tönet froher Schall von Rolf und seinen Freunden: auf den Weihnachtsmärkten.
16. Dezember 2015
Noch alle Nadeln an der Tanne
Das Weihnachtsfest, das darf man sagen, gehört zu den schönsten Dingen, die man angezogen erleben kann. Vorausgesetzt, der Baum steht. Mit Ballen oder ohne? Mit echten Kerzen oder falschem LED-Licht?
Blaufichte oder Edeltanne? Etwa 24,5 Millionen Weihnachtsbäume schmücken jedes Jahr die deutschen Wohnzimmer, weiß die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Bäume haben den Menschen bekanntlich eines voraus: Sie sind auch in der Masse schön. Die Wahl der Deutschen fällt vor allem auf die Nordmanntanne, auch bekannt als Abies nordmanniana – und das steht hier nicht um mit einem Fremdwort zu imprägnieren. Jeder weiß längst, dass früher mehr Lametta war, aber ein Fest ohne Baum ist für viele auch kurz vor dem viel beschworenen Untergang des christlichen Abendlandes kaum vorstellbar. Und so muss Vati an einem trüben Dezembertag hinaus in die Welt, um den Baum mit den treuen Blättern, die nicht nur in der Sommerzeit grünen, zu erstehen. Findet er einen, der noch kein Fall für den Kieferorthopäden ist, ab damit nach Haus. Muttern wartet schon – und hätte natürlich lieber einen anderen genommen. Aber das war wohl schon bei der Hochzeit so. Am Heiligabend spätestens gilt es dann, den Baum im heimischen Wohnzimmer aufzurichten. Zumeist ist er dann ein Stück zu lang, sodass die Spitze gekürzt werden muss. Vorsicht: Die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Mag des Christbaumes Kleid Trost und Kraft zu jeder Zeit geben, wer mit dem Brotmesser hantiert und sich auf der Leiter stehend ins eigene Fleisch schneitet, für den gibt es eine verfrühte Bescherung.
30. Dezember 2015
Die Pferde satteln
Eines ist mal sicher: Ist Silvester hell und klar, ist am nächsten Tag Neujahr. Und dann tauschen wir ein altes, das vielen doch irgendwie gebraucht vorkam, gegen ein frisches Jahr ein. Vergangenes Jahr standen wir noch am Abgrund, jetzt sind wir einen Schritt weiter. Das Leben als Ansammlung von Varianten, von denen die beste selten die wahrscheinlichste Möglichkeit ist. Doch wer will vor der großen Sause Trübsal blasen? Lieber in die Zukunft schauen. Aber irgendwie ist Bleigießen am Ende nur Kaffeesatzleserei. Dann lieber nachdenken über gute Vorsätze für 2016. Der Facebook-Gemeinde möchte man zurufen, sie sollte sich statt über gute Vorsätze lieber Gedanken über brauchbare Haupt- und Nebensätze machen, aber das führt hier nicht zum Ziel. Bleibt der Klassiker: Im neuen Jahr muss erst einmal die Familie weg und dann wollen wir mehr Zeit mit unserem Bauch verbringen. Oder geht da etwas durcheinander? Und ich wäre natürlich gerne lieber vermögend als sexy, aber was man machen? Man muss das Leben eben nehmen, wie das Leben eben ist. Am Ende ist der gute Vorsatz doch nur ein Pferd, das oft gesattelt, aber nur selten geritten wird.
6. Januar 2016
Die vier Heiligen Drei Könige
Zum heutigen Dreikönigstag fällt mir ein, dass die Heiligen Drei Könige beim Krippenspiel am Heiligenabend in meiner Heimat zu viert waren. Ja, es kamen vier Heilige Drei Könige. Waren so viele Kinder und so wenige Rollen zu vergeben. Schafe und Hirten gab es schon genug, da musste es flugs eine Krone mehr sein. Das liegt nicht daran, dass man den Menschen in meiner Heimatstadt oft nachsagt, sie könnten nicht einmal bis drei zählen. Das können sie nämlich sehr wohl. Wenn sie drei Leute auf sich zukommen sehen, sagen sie: Kuck mal, da kommen zwei, die bringen einen mit. Man muss sich nur zu helfen wissen.
Früher taten mir die Heiligen Drei Könige immer sehr leid, dachte ich doch stets, sie seien besonders arm dran, so ganz ohne Mutter und Vater. Die drei Waisen aus dem Morgenland, wie sie so dem Stern hinterherlaufen mit Gold und Weihrauch und Myrrhe. Noch so Mysterien. Gut, Gold kannte ich als Kind, aber Weihrauch und Myrrhe? Immerhin stellte sich dann heraus, dass die Heiligen Drei Könige „nur“ Weise aus dem Morgenland waren. Ob das Trio heute bei Pegida im Abendland willkommen wäre? Sicherheitshalber sollten sie wohl lieber zu viert kommen.
Das Beispiel aus dem Krippenspiel könnte so oder so Schule machen. Es gibt schließlich auch fünf Jahreszeiten, Fasching mal mitgerechnet. Warum sollten die Glorreichen Sieben also nicht zu acht sein? Warum nicht acht Sieben Zwerge? Warum nicht die Fantastischen Fünf? Und warum sollten sie Fünf Freunde nicht zu sechst Fälle lösen, die drei Musketiere nicht zu viert fechten? Die Der??? hätten als Quartett auch wesentlich mehr Durchschlagskraft.
Der Mensch ist ein soziales Wesen, er ist gern in Gesellschaft. Der vierte König neben Caspar, Melchior und Balthasar beim Krippenspiel hieß übrigens Justin.
2. Februar 2016
Im Büro-Dschungel
Nachdem der TV-Dschungel nun wieder Geschichte ist, können wir zurückkehren zum wahren Dschungel des modernen Lebens. Greifen wir die Liane und schwingen uns in den Urwald des Großraumbüros. Zwar muss ein Büro auch in Zeiten des Home Office noch immer keine echte Überzeugungsarbeit leisten, damit es von Montag bis Freitag gefüllt ist: Die Camp-Bewohner kommen so oder so, geht es doch um den Broterwerb. Im Büro geht auch weiter Funktionalität über Wohnlichkeit, auch wenn der moderne Büromensch bemüht ist und selbst die Initiative ergreift, um die Stimmung unter den Leuchtstoffröhren aufzuhellen. Doch das Büro ist und bleibt kein verlängertes Wohnzimmer. Der beste Freund des Büromenschen ist der Ficus Benjamini, der in seinem natürlichen Umfeld vor sich hin trocknet und zusehends verstaubt, im privaten Wohnbereich aber oft ein ähnlich tristes Dasein fristet. Zu ihm gesellen sich im Büro verblasste Fotografien der Liebsten, damit man sie bei acht bis zehn Stunden Erwerbstätigkeit am Tag nicht zur Gänze vergisst. Die Wände des Büro-Dschungels zieren zweitklassige Kunstdrucke, von den so talentierten lieben Kleinen angefertigte Zeichnungen oder lieblos gestaltete Kalender, die immerhin den Weg zum nächsten Wochenende oder Urlaub verdeutlichen. In der Küche stehen Becher mit Sprüchen wie „Arbeit ist toll. Darum immer was für morgen aufheben!“ Ebenfalls zum Habitat Büro gehören Büromenschen, die im unmittelbaren Umfeld ihres Schreibtisches derart viele leere Flaschen ansammeln, als wollten sie vom Pfandgeld demnächst ein Sabbatical in Sidney bestreiten. Ob sie die wahren Dschungel-Könige sind?
16. Februar 2016
Dem Namen nach
Im Journalismus gilt seit jeher ein ungeschriebenes Gesetz, das es zu beachten gilt: „No jokes with names“, also: Keine Witze mit und über Namen. Dass ausgerechnet ein Dr. David Schnarch Vorträge über „Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen“ hält, soll also hier und heute ebenso kein Anlass sein für schlechte Scherze wie der Fakt, dass die neue Stadtbaurätin Delmenhorsts Bianca Urban heißt, ihr das Urbane also schon vorauseilt. Dass ein führender AfD-Politiker ausgerechnet Gauland benamst ist, soll als Treppenwitz der Geschichte auch unerwähnt bleiben. Und die Frage, ob eine Journalistin, die Fleischmann heißt, ein Buch über vegane Kochkünste rezensieren darf, wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Loriot sagte: „Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos.“ Wie komme ich ausgerechnet darauf? Tasso, eine Tierschutzorganisation, stellt stets die Liste der beliebtesten Hund-und Katzennamen vor. Und die Hitliste legt offen: Tierfreunde geben ihren Haustieren zunehmend menschliche Namen. Mieze und Maunzi sind passé. Katzen heißen falls weiblich, Lilly. Oder Felix, wenn es Kater sind. Beliebt sind zudem Mia uns Leo. Hunde hören oft auf den Namen Luna, wie die Tochter von Schweigers Til – wenn sie denn hören. Dem Schweiger wiederum möchte man empfehlen, seinem Namen einmal alle Ehre zu machen. Aber Vorsicht: „ No jokes with names“.
15. März 2016
Eier im Wind
Ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Frühling naht, ist derzeit wieder allüberall zu sehen. Vor den Hütten und Palästen der Stadt erblühen bunte Ostereier an den Bäumen und Sträuchern, wiegen sich im Winde und kündigen lieblich vom Kitsch. Des Frühlings blaues Band ist nicht mehr weit. Der Mensch in der norddeutschen Tiefebene drängt endlich wieder ins Freie. „Und kommt im März die Sommerzeit, ist’s länger hell für Schwarzarbeit“, heißt es ja auch. Der Frühling ist die Jahreszeit der Hoffnung. Wenn die Krokusse blühen, stehen die weltweiten Krisen und Katastrophen hinten an. Wenn die Sonne scheint und kitzelt, dann kann man fast vergessen, dass die Menschen immer kälter werden, das Wetter aber immer wärmer. Dabei wäre ein gesellschaftlicher Klimawandel spätestens nach dem vermaledeiten Wahlsonntag doch so wichtig. Der Frühling aber spendet jetzt Trost, er ist ein Neuanfang. Wer hofft nicht auf einen zweiten Lenz? Wer wartet nicht auf Frühlingsgefühle? Wer tauscht nicht gern des Winters Grau gegen lustig in der Nase juckende Pollen? Da kann man schon einmal darüber hinwegsehen, dass sich im deutschen Bier immer mehr Glyphosat findet. Da kann man Donald Trump vergessen – und all die Populisten, die sich auch hierzulande immer weiter aus dem Fenster lehnen. Aber bei aller Euphorie sollte nicht vergessen werden: „Fensterputz bei Sonnenschein bringt Dir nur Enttäuschung ein.“
5. April 2016
Zahlen, Daten, Fakten
Männer in Delmenhorst werden im Schnitt 77,2 Jahre alt. In Osnabrück hingegen erreichen sie ein Alter von 77,8 Jahren. Nun soll man bekanntlich keiner Statistik glauben, die man nicht selbst gefälscht hat. Und überhaupt: freut Euch nicht zu früh, Ihr Osnabrücker! Uns Delmenhorstern kommt das Leben dafür sehr viel länger vor. Wenn der Doktor hier sagt: „Ich kann sie beruhigen, Sie haben noch mindestens 20 Jahre zu leben“, dann lautet die Antwort: „Oh – und dabei wollte ich noch so wenig machen“. Mit Zahlen ist das eben so eine Sache. Fünf von vier Leuten können nicht rechnen. Und bereits 75 Prozent der Schüler haben keine Ahnung von Prozentrechnung, wobei: Das kann nicht stimmen. 75 Prozent, so viele Schüler gibt es ja gar nicht in Delmenhorst. Stichwort: Demografischer Wandel. Unter Mathematikern gibt es übrigens drei Sorten: die einen können gut zählen, die anderen nicht. Eine Statistik: Jährlich sterben in Deutschland etwa 74 000 Menschen durch Alkohol. Also verschwindet jährlich eine Stadt wie Delmenhorst durch den Suff. Delmenhorst verschwindet leider nicht. Darauf hat Ralf Husmann, Erfinder der TV-Serie Stromberg, einmal hingewiesen. Eine weitere Statistik beweist: Geburtstage sind gesund. Die Zahlen belegen, dass Menschen mit den meisten Geburtstagen am Ende auch am Längsten leben.
