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Der dritte Teil der Pharaonen-Saga handelt von Prinz Jasen, dem Enkel des Pharaos. Er findet heraus, dass Nacht für Nacht vier fremde Männer das Palastgelände betreten und nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Was ist ihre Mission? Hängt ihr Erscheinen mit einem uralten Fluch zusammen? In Prinz Jasen erwacht das Jagdfieber. Er durchforstet das Palastarchiv und stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Dann taucht die junge, bildschöne Hentmira auf, eine Verwandte der Königsfamilie. Jasen verliebt sich Hals über Kopf in sie. Er hegt nicht den geringsten Verdacht, dass sie etwas im Schilde führen könnte, bis er ihr den Thronsaal zeigt und sich eine entsetzliche Szene abspielt. Das ist erst der Anfang einer unheilvollen Serie, die Jasen und ganz Ägypten trifft, denn es kommt zum Krieg. Kann sich der Prinz auch im Kampf bewähren?
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Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2024
Selma Nemo
Der dritte Teil der Pharaonen-Saga handelt von Prinz Jasen, dem Enkel des Pharaos. Er findet heraus, dass Nacht für Nacht vier fremde Männer das Palastgelände betreten und nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Was ist ihre Mission? Hängt ihr Erscheinen mit einem uralten Fluch zusammen? In Prinz Jasen erwacht das Jagdfieber. Er durchforstet das Palastarchiv und stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Dann taucht die junge, bildschöne Hentmira auf, eine Verwandte der Königsfamilie. Jasen verliebt sich Hals über Kopf in sie. Er hegt nicht den geringsten Verdacht, dass sie etwas im Schilde führen könnte, bis er ihr den Thronsaal zeigt und sich eine entsetzliche Szene abspielt. Das ist erst der Anfang einer unheilvollen Serie, die Jasen und ganz Ägypten trifft, denn es kommt zum Krieg. Kann sich der Prinz auch im Kampf bewähren?
Copyright © 2024 by Selma Nemo
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Lektorat: Christine Spindler
Cover: Ria Raven, www.riaraven.de
Verwendete Grafiken: @shutterstock: Surat suttiso 2417097853, Fedor Selivanov 157227299, KDdesign_photo_video 2039545907, Shutterstock AI 2558200297
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Erstellt mit Vellum
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Zeittafel
Danksagung
Selma Nemo
Durch meine Romane zieht sich ein roter Faden: Pharao Nehesi wird immer wieder neu geboren, manchmal unter einem anderen Namen, aber es ist immer derselbe Mann. Dies ist der dritte Roman in meiner Ägyptenreihe. Alle drei Romane sind in sich abgeschlossene Geschichten. Man muss nicht die anderen gelesen haben, um der Handlung des vorliegenden Romans folgen zu können. Zum besseren Verständnis für Neueinsteiger hier jedoch die wichtigsten Fakten über die Königsfamilie:
Pharao Nehesi sollte ursprünglich seine Schwester Sitamun heiraten. In den Königsfamilien war damals eine Ehe unter Geschwistern üblich, da die göttliche Abstammung des Pharaos über die weibliche Linie legitimiert wurde. Doch Sitamun betrog ihn kurz vor der Heirat mit seinem besten Freund. Er verbannte sie daraufhin aus der Stadt. Sie bekam zwei Töchter und später eine Enkelin namens Hentmira.
Für Nehesi war der Weg frei geworden, jene Frau zu finden, die ihm wirklich bestimmt war: die Keltin Keena. Sie war in ihrer Heimat mit einem Nordmann zusammen und brachte Tochter Edana zur Welt. Später wurde sie zur Kriegerin ausgebildet, ließ Edana bei einer ihrer Schwestern zurück und kämpfte im Süden Europas. Sie wurde gefangen genommen und als Sklavin nach Ägypten verkauft.
Nehesi lernte sie in der schlimmsten Stunde ihres Lebens kennen: Sie war wegen Mordes angeklagt. Er konnte ihren Freispruch bewirken. Die beiden wurden ein Paar, bekamen vier Söhne: Dedumose, Scharek, Schenes und Intef. Als jüngstes Kind wurde Tochter Madain geboren. Sie und ihr ältester Bruder Dedumose reisten als Jugendliche in Keenas Heimat. Madain verliebte sich in den Nordmann Rurig. Dass sie von ihm schwanger wurde, merkte sie erst, als sie schon wieder auf dem Rückweg nach Ägypten war.
Um nicht als ledige Mutter schief angesehen zu werden, heiratete sie Moks, einen Neffen ihres Vaters Nehesi. Sie brachte Sohn Jasen in einer abseits gelegenen Oase zur Welt. Moks war kurz vor der Heirat mit Madain Witwer geworden. Seine erste Frau Ori, eine Prinzessin aus Kreta, bekam im Lauf ihrer Ehe zwei Kinder: Sohn Tehuti und Tochter Neferu. Ori starb an dem Tag, an dem sie Neferu zur Welt brachte. Moks kam ein paar Jahre später bei einem Bootsunfall ums Leben.
Nachdem Madain Witwe geworden war, heiratete sie Dedumose. Sie bekam einen Sohn, der Mahu genannt wurde.
Noch eine Bemerkung zur Lebenerwartung der damaligen Zeit. Gleichgültig ob Ägypter oder Kelte, die Menschen wurden selten älter als vierzig Jahre. Sie heirateten dementsprechend früher als heute, manche bereits mit vierzehn Jahren. Ein hohes Alter war eine Ausnahme.
Am Ende des Romans habe ich eine Zeittafel mit den Titeln der Romane hinzugefügt, die bereits erschienen oder noch in Planung sind. Jetzt wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern, dass sie in die Welt des alten Ägyptens eintauchen können und sich verzaubern lassen.
Personen im Haushalt des Pharaos
Personen aus der Hauptstadt Waset
Weiter entfernt lebende Personen
Bereits gestorbene Personen
Als Jasen, der Enkel des Pharaos, fünfzehn Jahre alt war, bekam er einen neuen Lehrer, der andere Methoden anwandte als sein Vorgänger. Harmin verblüffte seinen Schüler, indem er gleich in der ersten Stunde von ihm verlangte, er solle jeden Tag eine kurze Geschichte aufschreiben. Jasen war es gewöhnt, die Namen all der vielen Götter Ägyptens auswendig zu lernen, ihre Besonderheiten und Feiertage. Er hatte zwei verschiedene Schriften gelernt, die der Hieroglyphen und eine einfachere, die im Alltag verwendet wurde. Man hatte ihm Rechnen beigebracht und die Sprache der Kreter, eines Inselvolks nördlich von Ägypten.
»Soll ich über die Geschichte Ägyptens schreiben?«, fragte er, denn auch das war eins der bisherigen Unterrichtsfächer gewesen.
Sein Lehrer lächelte geheimnisvoll: »Nein, mein Prinz, schreib über die Ereignisse deines Lebens, die dich nachts nicht schlafen ließen, weil sie dich beeindruckt, verwirrt, geärgert oder erfreut haben. Ich möchte dich kennenlernen, und das kann ich anhand solcher Geschichten.«
Jasen runzelte die Stirn und wünschte sich seinen alten Lehrer zurück, der zwar pedantisch, dadurch aber auch berechenbar gewesen war. Auf Anhieb mochte ihm rein gar nichts einfallen, was es aus seinem Leben zu berichten gab und falls doch, was ging das diesen Fremden an, der aus Memphis gekommen war? Doch irgendjemand musste ihn empfohlen haben, sonst hätte ihn sein Großvater, Pharao Nehesi, nicht eingestellt. Er verspürte vom ersten Augenblick an einen Groll gegen diesen Mann, der nur so tat, als wolle er ihn bestmöglich unterrichten, in Wahrheit aber nichts weiter als unverschämt neugierig war. Gedankenverloren griff er nach dem Pektoral, das auf seiner nackten Brust lag, und suchte Trost in der Berührung von Gold und Türkisen. Er hatte ein besonders schönes Schmuckstück für diesen Tag gewählt, um den neuen Lehrer zu ehren. Ferner hatte er sich von seinem Leibdiener in blütenweißen Leinenstoff kleiden lassen, der von der Taille bis zu den Knien reichte und von einem prächtigen Gürtel gehalten wurde. Morgen ziehe ich Alltagskleidung an, beschloss er verärgert.
Doch da man ihn zu großer Höflichkeit erzogen hatte, ließ er sich nichts anmerken und verabschiedete sich respektvoll, nachdem ihn der Neue den Rest des Vormittags mit Rechenaufgaben beschäftigt hatte. Jasen hatte wie üblich seinen Freund Ib eingeladen, draußen im Garten das Mittagsessen mit ihm einzunehmen, und freute sich, als er ihn am Teich warten sah. Es gab drei Teiche auf dem Gelände, die unterschiedlichen Zwecken dienten. Der vorderste lag in der Nähe des Haupttors. Von dort aus führte ein Laubengang Richtung Palast. Rechts und links schlossen sich prächtige Blumenbeete an, die hingebungsvoll gepflegt wurden. Der vorderste Teich war der größte und imponierte Besuchern durch eine kleine baumbestandene Insel.
Das Mittagessen für die königliche Familie wurde für gewöhnlich am kleinsten Teich serviert, wobei Jasen und sein Freund Ib immer die Ersten waren, die sich dort niederließen, während die anderen später folgten. Ib war ähnlich gekleidet wie der Prinz, trug aber keinen Schmuck und sein Gürtel bestand aus einer Kordel. Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Jasen auf eins der Polster fallen, griff nach den Weintrauben und dem Ziegenkäse und ließ sich von einem Diener Granatapfelsaft einschenken.
»Hat es dir die Sprache verschlagen?«, grinste Ib, weil Jasen noch kein einziges Wort gesagt hatte.
»Der Neue interessiert sich für Geschichten aus meinem Leben! Das ist doch absurd!«
Ib, der seit frühester Kindheit mit Jasen befreundet war, als Sohn eines Sklaven aber keinen Schulunterricht kannte, grinste schadenfroh: »Was hat sich dein Großvater dabei gedacht, diesen Mann einzustellen?«
Jasen fuhr sich mit einer hilflosen Geste durch die kurzen blonden Haare und brummte: »Das wüsste ich auch gern! Aber was bleibt mir anderes übrig, als tatsächlich etwas über mein Leben aufzuschreiben? Wie du weißt, gibt es jedoch ein paar Ereignisse, die einen Fremden überhaupt nichts angehen!«
»Was würdest du ihm am allerwenigsten anvertrauen?«
Jasen zögerte und senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Das mit meinem leiblichen Vater.«
Ib war zwar in der untersten Gesellschaftsschicht geboren worden, aber er hatte nie bezweifeln müssen, wer sein Vater war. Sein Leben war von Anfang an in überschaubaren Bahnen verlaufen. Seit seinem achten Lebensjahr durfte er im Stall des Pharaos arbeiten und dessen prächtige Pferde versorgen. Die Sklaven im Palast waren viel besser gestellt als im Rest des Landes. Sie waren stolz darauf, dem Pharao und seiner Familie zu dienen. Ib durfte sogar fast jede Mittagspause mit Jasen verbringen. So viel Glück hatte nicht jeder. Leise bot er an: »Würde es dich erleichtern, mir davon zu erzählen? Ich war nicht dabei, als du deinen Vater zu Gesicht bekamst. Wie alt warst du da?«
»Dreieinhalb.« Ein Schatten war über das schmale Gesicht des jungen Mannes gefallen und er starrte eine Weile vor sich hin. Schließlich gab er sich einen Ruck und begann: »Warum nicht? Bedank dich bei meinem Lehrer, dass ich es dir jetzt erzähle. Meine beiden Onkel, du weißt schon – die Zwillinge – waren mal wieder monatelang auf Reisen.« Er lachte abfällig, denn es war ein offenes Geheimnis, dass Scharek und Schenes immer wieder in Ungnade fielen und vom Pharao für ihr ungebührliches Verhalten bestraft wurden, indem er sie fortschickte.
»Und wie es das Schicksal wollte, trafen sie unterwegs meinen leiblichen Vater, ohne zu ahnen, dass er mein Erzeuger ist, und luden ihn zu uns ein.« Wieder lachte er, diesmal freudlos. Ihn schmerzte der Gedanke, dass er als kleiner Junge keine Ahnung gehabt hatte, wer sein Erzeuger war. Dabei hätte ihm auffallen müssen, dass er selbst ganz anders aussah als der Rest der Familie, abgesehen von seiner Großmutter Keena, der Ehefrau des Pharaos, die ebenfalls blond war.
»Plötzlich taucht dieser fremde Seefahrer auf. Meine arme Mutter Madain muss fast der Schlag getroffen haben, als sie es erfuhr. Eigentlich hatte sie mir nie von Rurig erzählen wollen. Aber jetzt war er hier, um Holz zu verkaufen, und da fasste sie sich ein Herz und beichtete mir, dass er sie geschwängert hatte, als sie auf den Spuren ihrer Mutter Keena in den Norden gereist war.
Anschließend stellte sie mich vor die Wahl, ob ich ihn kennenlernen wollte oder nicht. Ich kann mich noch an die Angst in ihrer Stimme erinnern, was mich sofort alarmiert hat. Ich fragte, ob es möglich wäre, nur einen Blick auf ihn zu werfen, ohne dass er mich sehen könnte. Erst danach wollte ich entscheiden. Sie brachte mich daraufhin zum Zollhaus, wo ich vom oberen Stockwerk aus einen Blick hinunter auf Rurig und sein Schiff werfen konnte.«
Erneut fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare. Dann sprudelten die Worte regelrecht aus ihm heraus: »Ich hatte noch nie einen so großen Mann gesehen. Inzwischen weiß ich, dass ich ihm nachschlage, denn ich bin jetzt schon genauso groß wie mein Stiefvater Dedumose und mein Großvater Nehesi. Doch Rurigs laute Stimme und seine energischen Bewegungen erschreckten mich vom ersten Augenblick an. Mir war sofort klar, dass er aus einer Kultur stammte, die mir fremd ist. Vielleicht hat er nach meiner Mutter gesucht. Er konnte sie wohl nicht vergessen. Aber da ich kein glücklicheres Paar kenne als sie und meinen Stiefvater Dedumose, würde Rurig niemals die Chance erhalten, sie für sich zu gewinnen.«
An dieser Stelle widersprach Ib: »Deine Großeltern sind mindestens genauso glücklich und das schon viel länger.«
Jasen setzte ein schwaches Grinsen auf. »Du hast recht, und ehrlich gesagt finde ich es beinah albern, wie verliebt sich mein Großvater immer noch aufführt.«
»Du meinst, das steht nur jüngeren Leuten zu, dir und meiner Cousine Scherit?«
Jasen boxte ihn gutmütig in die Seite und lachte. Doch dann wurde er gleich wieder ernst und beendete seine Geschichte. »Es war lehrreich für mich, Rurig zu sehen. Ein paar Augenblicke habe ich überlegt, wie es wäre, an seiner Seite Abenteuer zu erleben. Doch was müsste ich dafür aufgeben? Meine Familie, dich, Scherit, den Palast, meinen Wallach und tausend Dinge mehr. Jetzt bin ich jeden Tag dankbar, dass ich Dedumose als Stiefvater habe. Einen besseren kann man sich nicht wünschen.«
»Und Rurig ist tatsächlich wieder abgereist, ohne von deiner Existenz zu erfahren?«
»Ja. Er bekam weder mich noch den Rest der Familie zu sehen. Zum Glück wusste er nicht, dass meine Mutter die Tochter des Pharaos ist. Er kannte nur ihren Vornamen. Das Holz hat ihm ein Mittelsmann abgekauft.«
»Wäre dein Urteil über Rurig anders ausgefallen, wenn du ihm im Alter von zehn oder elf Jahren begegnet wärst?«
Jasen machte sich die Antwort nicht leicht, überlegte außergewöhnlich lang und bekannte schließlich: »Das ist ein Alter, in dem man anfängt, Kritik an denen zu üben, die einem nahe stehen. Man kann sich zum ersten Mal vorstellen, sie zu verlassen, und sei es nur, weil man sich gerade mit ihnen gestritten hat. Vielleicht hätte mich dann die Abenteuerlust gepackt und ich wäre Rurig gefolgt. Doch ehrlich gesagt bin ich froh, dass es nicht so gekommen ist.«
»Warst du sauer auf deine Mutter, weil sie dich im Glauben ließ, ihr erster Ehemann Moks wäre dein Vater?«
»Sie hatte ihre Gründe und die muss ich respektieren. Glaubst du mir jetzt, dass das keine Geschichte für meinen Lehrer ist, obwohl es eines der prägendsten Ereignisse meiner Kindheit war?«
Ib vergewisserte sich: »Du sollst nicht nur aktuelle Sachen, sondern auch welche aus deiner Kindheit aufschreiben?«
»Er will jeden Tag eine neue Geschichte haben.«
»Dann schreib vom Mord an Oberhofmeister Raneb! Auf die Weise kriegt er gleich einen Vorgeschmack darauf, wie gefährlich es sein kann, in Diensten des Pharaos zu stehen!«
Jasen lachte begeistert. »Du Fuchs! Genauso werde ich es machen. Ich werde den Mord schön blutig ausmalen, sodass ihm der Appetit auf weitere Geschichten vergeht.«
Gleich nachdem er sein Mittagessen beendet hatte, setzte er sich in sein Arbeitszimmer, auf das er ziemlich stolz war, weil es direkt neben dem seines Großvaters lag, und begann zu schreiben: »Im zwanzigsten Regierungsjahr meines Großvaters, Pharao Nehesi, wurde unser hoch geschätzter Oberhofmeister Raneb ermordet. Man fand ihn eines Morgens tot in seiner Unterkunft. Ich war damals fünf Jahre alt. Sofort schwärmten die Leibwächter meines Großvaters aus, um den Mörder zu suchen. Zeugenbefragungen ergaben, dass niemand Kampflärm oder Hilferufe gehört hatte, was nahelegte, dass Raneb seinen Mörder gekannt und ihm arglos die Tür geöffnet haben musste.
Die nächsten Tage waren furchtbar, weil wir glaubten, dass nur jemand, der unter uns lebte, diese abscheuliche Tat begangen haben konnte. Leider wurde der Mörder bis zum heutigen Tag nicht gefunden. Ein Nachfolger für Raneb wurde zum Glück schnell eingestellt. Pentawer, der schon vorher für meinen Stiefvater Dedumose gearbeitet hatte, wurde unser neuer Oberhofmeister und bekleidet seitdem dieses Amt. Pentawer habe ich eine Kiste voll wunderbaren Spielzeugs zu verdanken, das er in seiner Freizeit schnitzt: Pferde, Hunde, Löwen, Krokodile, alle so naturgetreu, wie es nur ein wahrer Könner vermag.«
Er verschwieg in seiner Darstellung, dass die Familie damals vorübergehend in das Haus des Wesirs gezogen war, denn im Palast hatte sich niemand mehr sicher gefühlt. Erst nach der Beisetzung Ranebs waren sie wieder zurückgekehrt. Als Vorsichtsmaßnahme wurden von da an die Wachen verdoppelt, vor den Toren des Anwesens sogar verdreifacht.
Jetzt wo er darüber nachdachte, wunderte er sich, wieso nicht der geringste Hinweis auf den Mörder gefunden worden war. Raneb hatte keine Familie und keine Feinde gehabt und war von allen respektiert worden. Warum brachte man einen solchen Mann um? Von seinem Geld, seinem Schmuck und anderen persönlichen Gegenständen hatte nichts gefehlt.
Er las alles noch einmal durch, fand keinen Schreibfehler und freute sich, dass ihm die Idee mit dem Spielzeug gekommen war. Sollte sein Lehrer ruhig wissen, dass andere ihm, dem Prinzen, Geschenke machten! Aber dann beging er den Fehler, als die Familie im kleinen Empfangssaal beim Abendessen saß, vom Wunsch des Lehrers zu erzählen, ohne zu erwähnen, dass er die erste Geschichte bereits fertiggestellt hatte. Erwartungsvoll schaute er in die Runde.
Eine Weile herrschte Schweigen und Jasen dachte schon, dass es niemanden interessierte, was er für eine Plage mit seinem neuen Lehrer hatte. Doch dann meldete sich Pharao Nehesi. Sofort wandten sich ihm alle Blicke zu, einem imposanten Mann in mittleren Jahren, dessen Haare an den Schläfen ergraut waren. »Ich habe den Lehrer eingestellt, weil er frischen Wind in deine Erziehung bringen soll«, begann er. »Es ist begrüßenswert, dass er dich um Geschichten aus deinem Leben bittet. Er will wissen, was dich beeindruckt, verwirrt, ärgert oder freut. Zeig ihm, dass wir seit jeher außergewöhnliche Wege gehen. Weißt du noch, wie man dir beigebracht hat, auf einem Pferderücken Kunststücke zu vollbringen?«
Jasen erinnerte sich mit Freuden an jene Lektionen, die ihm als Vierjährigem Heldenstatus eingebracht hatten. Doch jetzt meldete sich sein Onkel Scharek, einer der Zwillinge, zu Wort, indem er lautstark forderte: »Dann musst du deinem Lehrer aber auch berichten, wieso es nötig war, dir einen höheren Stellenwert bei deinen Spielkameraden zu verschaffen. Denn was ist vorher passiert?«
Jasen schlug die Hände vors Gesicht und klagte: »Onkel, nicht schon wieder! Ich hasse diese Geschichte!«
Inzwischen konnte keiner mehr ruhig auf seinem Kissen sitzen, denn alle wussten, was gleich kommen würde. Selbst Madain, die ihren Sohn vergötterte, platzte fast vor unterdrücktem Lachen. Da geschah es auch schon: Scharek imitierte den vierjährigen Jasen, indem er zum Eingang des kleinen Saals flitzte, sich dann umdrehte, halb in die Knie ging, so als laufe er mit Trippelschritten an der Hand einer Kinderfrau. Als er fast an der Empore angekommen war, auf der die königliche Familie saß, krähte er lautstark: »Ich hab die Nase voll vom Heiraten!«
Ohrenbetäubendes Gelächter erscholl, in das sogar Oberhofmeister Pentawer und die Diener, die das Essen servierten, verhalten einstimmten. Jasen schüttelte den Kopf, weil dieser Spaß, der seit vielen Jahren auf seine Kosten ging, immer noch Lachsalven auslöste.
Düster erinnerte er sich, wie er als einziger Blondschopf bei den gleichaltrigen Mädchen so viel Aufsehen erregt hatte, dass sie immer »Heiraten« mit ihm spielen wollten. Das ging monatelang so. Eine Weile ließ er es gutmütig über sich ergehen, obwohl er viel lieber mit den Jungen »Krieg« gespielt hätte. Als die Mädchen jedoch anfingen, dass er sie auf den Mund küssen sollte, riss ihm die Geduld und er beschwerte sich vor der versammelten Familie mit eben jenen Worten, die Scharek zum Besten gegeben hatte. Das schleppte er bis zum heutigen Tag mit sich herum wie einen Klotz am Bein. Es half auch nicht, dass er inzwischen zumindest eins dieser Mädchen wirklich von Herzen gern küsste, Ibs Cousine Scherit. Doch im Augenblick dachte er resigniert: Das wird man eines Tages an die Wände meiner Grabkammer schreiben, dass ich die Nase voll hatte vom Heiraten.
Das einzig Gute an diesem Abend war, dass seine Großmutter Keena, die er fast so sehr liebte wie seine Mutter Madain, herzhaft mitlachte. Sie war lange krank gewesen, was kaum jemand wusste, weil sie dies meisterhaft verborgen hatte. Ihr Arzt hatte ein Geschwür festgestellt, das aber dank einer besonderen Medizin nicht weiter wuchs, sondern sich eingekapselt hatte. Das verschaffte ihr Linderung, wenn auch keine vollständige Heilung. Jasen war einer der wenigen, der Keena durchschaute und spürte, dass es sie viel Kraft kostete, aufrecht sitzen zu bleiben. Da nahm er einen kleinen Schemel, hockte sich neben sie und raunte ihr zu: »Wir Blondschöpfe sollten zusammenhalten.« Dasselbe hatte sie früher immer zu ihm gesagt, wenn ihn jemand geärgert hatte. Jetzt grinsten sie sich an wie zwei Verschwörer und Jasen dachte: Wie schön, dass ich sie aufmuntern kann!
*
Während des Abendessens hatte er verstohlene Blicke mit Scherit getauscht. Er kannte sie genau wie ihren Cousin Ib seit Kindesbeinen. Ja, auch sie hatte er damals »heiraten« müssen. Inzwischen war sie ein wahres Prachtexemplar mit langen schwarzen Locken und großen braunen Augen, an denen er sich nicht sattsehen konnte. Sie durfte seit einem Jahr beim Abendessen bedienen, zwar leider nicht auf der Empore, sondern unten, wo Höflinge und Gäste Platz nahmen. Dass er weiter oben saß, bedeutete aber auch, dass er sie die ganze Zeit beobachten konnte. Er bewunderte ihre eleganten Bewegungen, wie sie ein Tablett hielt, so würdevoll, als wäre es ein heiliger Gegenstand aus dem Tempel. Männern gegenüber verhielt sie sich zurückhaltend. Bei Frauen war sie nicht so reserviert und am liebsten bediente sie Kinder.
Jasen war es gewöhnt, nachdem die Tafel von seinem Großvater aufgehoben worden war, eine Weile am Pavillon, ihrem vereinbarten Treffpunkt, auf Scherit zu warten, denn sie musste stets noch in der Küche beim Aufräumen helfen. Ungeduldig wippte er mit dem Fuß, weil sie an diesem Abend länger als sonst zu tun hatte. Hoffentlich war Pentawer nicht aufgefallen, dass sie sich seit einem halben Jahr mit Jasen traf, sich von ihm küssen und liebkosen ließ. Das hätte dem auf Standesunterschiede bedachten Oberhofmeister überhaupt nicht gefallen.
Bezeichnenderweise rechnete Jasen bei seiner Familie nicht mit so viel Widerstand, falls sein Geheimnis bekannt werden sollte. Auch Großmutter Keena war Sklavin gewesen. Allerdings konnte man sie nicht mit Scherit vergleichen, denn Keena war nicht nur die Frau eines Pharaos geworden, sondern auch eine Kriegsheldin, der das Tapferkeitsgold verliehen worden war.
Endlich tauchte Scherit auf und Jasens Herz machte einen Hüpfer, als er sie in ihrem wadenlangen engen Kleid aus gelbem Leinen auftauchen sah. »Warum hat es so lange gedauert?«, beschwerte er sich.
Normalerweise begrüßte er sie mit einer zärtlichen Umarmung und einem Kuss. Da erwiderte sie kühl: »Wenn du miese Laune hast, mein Prinz, gehe ich gleich wieder.«
»Habe ich kein Recht auf schlechte Laune, wenn ich daran denke, dass mich morgen mein Lehrer plagt?«
»Sei froh, dass du etwas lernen darfst! Schau mich und Ib an. Wir würden alles dafür geben, wenn wir einen Lehrer hätten!«
»Aber ich habe dir Lesen und Schreiben beigebracht, jedenfalls die Grundkenntnisse.«
»Du sagst es! Da fehlt noch viel, bis ich es richtig beherrsche, aber du hast ja keine Zeit mehr!«
Langsam wurde er richtig sauer. »Hast du eine Ahnung, wie mein Tag durchgeplant ist? Muss ich dir zum wiederholten Mal aufzählen, worin meine Pflichten bestehen?«
»Ja, das musst du wohl!« Ihre Stimme klang aufsässig.
Er schnappte nach Luft, dann legte er los: »Wecken bei Sonnenaufgang. Abwarten bis die Hymne für Großvater beendet ist. Rasieren, Waschen, Einölen, Anziehen. Frühstück mit der Familie. Eine Stunde Waffenübungen auf dem Exerzierplatz. Drei Stunden Unterricht. Eine Stunde Reitunterricht für meinen kleinen Bruder. Eine Stunde Mittagessen. Eine Stunde Hausaufgaben. Eine Stunde Heilgesang für meine Großmutter. Eine Stunde Verwaltungsarbeiten. Da ist es schon längst Abend. Wenn der Gong drei Mal ertönt, muss ich mich schleunigst fürs Essen umziehen. Soll ich dir noch aufzählen, was ich alles nach der Nilüberschwemmung zu tun habe? Interessierst du dich für Landvermessungen, Kanalöffnungen, Rechtsstreitigkeiten, den Bau von Rückhaltebecken? Ach, und mein Grabmal nicht zu vergessen! Ich bin zwar erst fünfzehn und müsste mich noch nicht darum kümmern, aber mein Stiefbruder Tehuti hat mich in Zugzwang gebracht, denn seins ist fast fertig, was er mir dauernd vorwirft!«
Er hatte blitzende Augen bekommen und seine Stimme war immer lauter und schneller geworden.
Da seufzte Scherit niedergeschlagen: »Schlaf gut, mein Prinz. Ich sehe, du hast Erholung nötig.« Dann schritt sie würdevoll davon wie eine Tempeltänzerin, die sich der Blicke zahlreicher Zuschauer bewusst ist. Es war das erste Mal, dass sie einen Streit hatten, und Jasen dachte erbittert: Auch das habe ich meinem Lehrer zu verdanken!
Nachmittags setzten sich Keena und ihre langjährige Dienerin Idut gern in den Schatten auf eine Bank vorm Haus. Sie kannten sich seit dem Tag, da Keena in den Palast gezogen war, und Idut wusste besser als alle anderen über Keenas Krankheit Bescheid. Dank eines neuen Medikaments, das aus Misteln gewonnen wurde, ging es ihr ein paar Jahre lang sehr viel besser. Doch in letzter Zeit spürte Idut, dass die gute Wirkung nachließ. Wie bereits in der Vergangenheit hatte sie Keena erneut versprechen müssen, mit niemandem darüber zu reden. Das ärgerte sie, denn die anderen waren wohl alle mit Blindheit geschlagen, wenn sie nicht merkten, wie es um die Kranke bestellt war. Keena war zwar immer noch außergewöhnlich schön mit ihren herrlichen blonden Haaren und blauen Augen. Doch sie war mager geworden. Man sah ihre Hüftknochen unterm Kleid hervortreten und auch ihre ständige Müdigkeit musste aufgefallen sein.
»Was sagt eigentlich dein Mann dazu, dass du immer dünner wirst, Herrin?«, begann sie.
»Ich soll mehr essen«, murmelte Keena.
»Und wieso merkt nicht einmal deine Tochter Madain, dass du leidest?«
Keena stöhnte unwillig, nicht nur wegen der Schmerzen, die sie heute wieder plagten, sondern auch, weil sie das Thema nicht mochte. Doch weil Idut nicht nur ihre Leibdienerin, sondern auch ihre Freundin war, fühlte sie sich verpflichtet zu antworten: »Ich erkläre dir gern zum wiederholten Mal, dass es mir lieber ist, wenn möglichst wenige Bescheid wissen! Madain muss man vorsichtig behandeln. Als Kind war sie zwar in vielerlei Hinsicht tapfer, dann aber wieder bei Kleinigkeiten erschreckend sensibel. Man konnte sie schnell aus der Fassung bringen. Ich will ihr daher auf gar keinen Fall Kummer bereiten. Du weißt, welch schwere Zeiten sie erlebt hat. Damals war sie mit ihrem Unglück beschäftigt, heute lacht ihr das Glück mit Dedumose, und das allein ist wie Medizin für mich! Außerdem hat sie zwei eigene und zwei Adoptivkinder und die erfordern ihre ganze Aufmerksamkeit.«
»Immerhin gibt es einen, der dir mit seinem Heilgesang Linderung verschafft, deinen Enkel Jasen«, bekannte Idut. »Hat er den Gesang nur dir zuliebe gelernt?«
»Nein, ursprünglich für seinen kleinen Bruder Mahu, als der krank war.« Das viele Reden hatte Keena erschöpft und am liebsten hätte sie ihre Dienerin gebeten, sie eine Weile in Ruhe zu lassen, doch da kam Iduts Mann Bran, verneigte sich vor ihr und fragte an seine Frau gewandt: »Hast du unsere Nachbarin vergessen? Du sollst ihr doch bei der Änderung ihres Lieblingskleids helfen.«
»Ach du liebe Zeit!« Idut schaute Keena schuldbewusst an und als jene zustimmend nickte, huschte sie davon. Keena blieb nichts anderes übrig, als den Neuankömmling mit einer Handbewegung einzuladen, neben ihr Platz zu nehmen. Doch da sie wusste, dass der Mann aus den Nordländern genauso schweigsam sein konnte wie sie selbst, würde ihr hoffentlich kein weiteres Verhör bevorstehen.
Zu ihrer größten Erleichterung blieb er bei seiner Gepflogenheit, einfach nur ein Weilchen dazusitzen, die Frühlingssonne zu genießen, dem Zwitschern der Vögel in den hohen Baumkronen zu lauschen und irgendwann wieder aufzustehen und sich mit einer Verbeugung zu verabschieden. Da musste sie lächeln, denn ihr war schon früher aufgefallen, dass alle Schreiber, die im Dienst der königlichen Familie standen, schweigsame Männer waren. Wenn es ihr besser gegangen wäre, hätte sie Mutmaßungen darüber angestellt, ob das am Beruf lag oder Zufall war. Doch im Augenblick war sie nur froh, in Ruhe gelassen zu werden.
Eines Nachmittags wünschte Jasens neuer Lehrer Aufklärung über die seiner Meinung nach komplizierten Familienverhältnisse. »Mal sehen, ob ich die Namen deiner vielen Verwandten zuordnen kann«, begann er. »Deine Großeltern bekamen vier Söhne: als ersten Dedumose, dann die Zwillinge Scharek und Schenes, gefolgt vom Jüngsten mit Namen Intef. Sie waren bestimmt hocherfreut, als am Ende auch noch eine Tochter geboren wurde, Madain, deine Mutter.«
Der Enkel des Pharos hatte die Aufzählung mit stoischer Miene verfolgt und als jetzt eine erstaunlich lange Pause eintrat, begriff er, was den Mann aus Memphis zögern ließ. Noch vor wenigen Tagen war Jasen der Meinung gewesen, dass es den neuen Lehrer nichts anging, wer sein leiblicher Vater war, aber jetzt bot sich ihm die Chance, ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen.
Da legte er los: »Du interessierst dich vermutlich für den Werdegang meiner Mutter. Sie und ihr Bruder Dedumose unternahmen in jungen Jahren eine Nordlandreise. Die beiden wollten die Heimat meiner keltischen Großmutter Keena erkunden. Dedumose ging dort bei einem Schiffsbauer in die Lehre, was ihn später dazu befähigte, eine Werft hier in Waset zu eröffnen. Meine Mutter verliebte sich in einen Nordmann und wurde schwanger. Das merkte sie aber erst, als sie und Dedumose bereits auf dem Rückweg nach Ägypten waren. Um ihren Ruf als Königstochter zu wahren, heiratete sie Moks, den Neffen meines Großvaters.«
Mit grimmiger Genugtuung registrierte Jasen, wie sein Lehrer bei den letzten drei Sätzen die Augen aufriss. Möglicherweise kursierten schon lange Gerüchte über Jasens wahre Abstammung und indem er sie völlig ungerührt zur Sprache brachte, bewies er, dass die Familie trotz allem stolz auf Madain war.
Sein Lehrer musste sich sammeln, ehe er antworten konnte: »Danke für deine offenen Worte, mein Prinz. Bitte erkläre mir jetzt noch, was mit Moks geschah. Wenn ich richtig informiert bin, starb er vor ein paar Jahren.«
»Er ertrank bei einer Bootsfahrt. Nach angemessener Trauerzeit konnte meine Mutter schließlich den Mann heiraten, der ihr von Anfang an bestimmt war, ihren ältesten Bruder Dedumose.«
»Es ist mir bewusst, dass eine Geschwisterehe in Königshäusern üblich ist«, gab sein Lehrer zu, »aber bitte hilf mir zu verstehen, was es mit Tehuti und Neferu auf sich hat. Wie sind sie mit dir verwandt?«
»Moks war in erster Ehe mit einer ausländischen Prinzessin verheiratet, die ihm zwei Kinder schenkte: meinen Stiefbruder Tehuti und meine Stiefschwester Neferu. Die ausländische Prinzessin, deren Namen ich nicht nenne, um das Ganze nicht noch komplizierter zu machen, starb bei der Geburt von Neferu. Moks war also Witwer, als er meine schwangere Mutter heiratete.«
Sein Lehrer machte ein nachdenkliches Gesicht und raffte sich zu einer letzten Frage auf: »Bliebe noch der Name Mahu. Ist es zutreffend, dass du auch mit ihm verwandt bist?«
»Ja, er ist der Sohn meiner Mutter und meines Stiefvaters Dedumose. Ich habe also drei Stiefgeschwister.«
Als er die gerunzelte Stirn seines Lehrers bemerkte, verspürte er Genugtuung. Er selbst fand die Familienverhältnisse überhaupt nicht kompliziert. Man musste sich nur dran entlang hangeln wie an einer Perlenschnur. Dann ergab eins das andere.
Gerne hätte er seinem Lehrer noch erklärt, wie lieb ihm Mahu war, viel lieber als die anderen beiden Stiefgeschwister. Aber die Unterrichtszeit war vorbei und das bedeutete, dass er gleich seinen kleinen Halbbruder treffen würde.
Er freute sich immer auf die eine Stunde in der Woche, in der er ihm Reitunterricht erteilen durfte. Mahu hatte schwarze schulterlange Locken und dunkle Augen. An seinem schmalen Gesicht erkannte man eine große Ähnlichkeit mit Madain. Von seinem Vater Dedumose hatte er den athletischen Körperbau geerbt. Bestimmt würde er mindestens genauso groß werden wie er.
Jetzt kam er in Hemd und Lederhose auf Jasen zu gerannt und rief schon von weitem: »Ich weiß einen neuen Witz!«
Eine der Lieblingsbeschäftigungen der Familie war, sich beim Abendessen Witze zu erzählen. Keena mit ihrem trockenen nordischen Humor hatte das eingeführt und war in diesem Metier unschlagbar. Niemand konnte so gut erzählen wie sie. Dadurch wurden alle anderen herausgefordert, sich nach neuen Witzen umzuhören.
»Schieß los!«, lachte Jasen.
Mahu versuchte, seine Aufregung in den Griff zu bekommen, sprach aber viel zu schnell. »Treffen sich ein Krokodil und eine Ente. Sagt die Ente: ›Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich habe Flügel, ich kann wegfliegen!‹ Antwortet das Krokodil: ›Federn mag ich sowieso nicht. Die schmecken eklig und sehen hässlich aus.‹ ›Wieso hässlich?‹, fragt die Ente beleidigt. ›Na gut, eigentlich sind nur die braunen hässlich. ‹ Die Ente rupft die braunen aus und fragt: ›Besser so?‹ ›Jetzt stören nur noch die grünen.‹ Die Ente rupft auch sie aus. Da grinst das Krokodil: ›Und nun versuch mal, ohne Federn zu fliegen!‹«
Jasen lachte bis ihm der Bauch wehtat. »Gut gemacht!«, lobte er. »Die anderen werden begeistert sein, wenn du das heute Abend vorträgst. Aber du musst langsamer sprechen! Komm jetzt, wir gehen rüber zu deinem Pferd.«
Sie liefen einen schmalen Pfad entlang, der zu einer halb von Gebüsch versteckten Gartentür führte. Das riesige Grundstück der königlichen Familie war von einer hohen Mauer umgeben, in der es den Haupteingang Richtung Nil gab und ein weiteres sehr kleines Tor am Ende des Gartens. Linkerhand von jenem Tor befand sich die Gartentür, die zum alten Palast führte. Er war vor vielen Jahren aufgegeben worden, weil seine Bewohner damals glaubten, er sei verflucht. Doch Nehesi ließ das Gebäude trotzdem nicht verkommen. Sobald ein Dach beschädigt war oder der Putz von der Außenmauer abbröckelte, ließ er Ausbesserungsarbeiten vornehmen.
Das Ziel von Jasen und Mahu war jetzt ein kreisrunder sandiger Platz hinter dem alten Palast. Mahus Wallach war bereits von Ib mit einer rauen Decke ausgestattet worden, auf der man besser balancieren konnte als auf dem glatten schwarzen Fell. Zum Reitunterricht gehörte nicht nur das Lenken des Pferds, Traben und Galoppieren, sondern auch Kunststücke auf seinem Rücken zu vollführen, ganz so wie es Jasen als kleiner Junge von seinem Stiefvater Dedumose gelernt hatte.
Eifrig machte sich Mahu an die erste Übung. Während der Wallach an einer langen Leine im Kreis herumgeführt wurde, lief der Junge barfuß auf seinem Rücken hin und her, vorsichtig Schritt für Schritt setzend. Das Umdrehen war das Schwierigste. Er brauchte all seine Konzentration, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Jasen ging langsam nebenher und hätte ihn aufgefangen, falls er gestrauchelt wäre.
»Kehr zur Mitte zurück und bleib auf einem Bein stehen!«, kommandierte der Ältere. Auch diese Übung gelang. »Jetzt wechsele das Bein!«
Es kamen immer kompliziertere Übungen hinzu, die alle gelangen, da sie schon seit Monaten geübt wurden. Jasen hatte als Ziel vor Augen, den Jungen einen Rückwärtssalto machen zu lassen. Aber das musste er zuerst auf dem Boden üben und da gelang es noch nicht. Es gab Reitervölker in der Wüste, bei denen die Männer die unglaublichsten akrobatischen Kunststücke vollführten, so tollkühn, dass einem beim Zuschauen das Blut in den Adern stockte. Jasen hatte eine Gruppe dieser Reiter als Zehnjähriger im Delta gesehen, als sie dort beim Schwiegervater seiner Zwillingsonkel gastierten.
Wie immer, wenn er etwas Schönes erlebte, verging die Zeit wie im Flug und die nächste Pflicht wartete bereits. Während er Mahu bedauernd hinterherschaute, wie er davonhüpfte, meinte Ib auf einmal: »Das mit dem Rückwärtssalto würde er besser hinkriegen, wenn er es am Ufer üben könnte.«
Jasen hatte das Bild sofort vor Augen und schmunzelte: »Du hast recht. Wir lassen ihn von einer erhöhten Stelle in den Nil springen.«
* * *
Sein Lehrer Harmin hatte die ersten vier Geschichten gelesen, gab jedoch keinen Kommentar dazu ab. Der junge Prinz ärgerte sich über dessen Schweigen und beschloss, beim Thema »Mord« zu bleiben. Irgendwann würde er ihn damit aus der Reserve locken. Und um das Ganze noch zu krönen, dachte er sich nicht selbst den Text aus, sondern ließ ihn sich von Tehuti diktieren. Als kleiner Junge hatte er geglaubt, Tehuti wäre sein leiblicher Bruder und sie hätten denselben Vater. Aber der Ältere hatte ihn von Anfang an abgelehnt und irgendwann begriff er warum. Inzwischen hatten sie gelernt, einander aus dem Weg zu gehen, was hervorragend gelang, denn Tehuti konnte seine Zeit aufteilen zwischen einer Lehre im angesehensten Handelshaus von Waset, Waffenübungen auf dem Exerzierplatz und dem Besuch gewisser Damen, von denen Jasen bis jetzt nur wusste, dass man sie bezahlen musste.
Als er ihn nach dem Abendessen bat, ob er ihm die Geschichte mit dem Mord an der Nebenfrau erzählen könne, grinste Tehuti: »Als du noch klein warst, hast du dir immer die Ohren zugehalten, wenn ich davon anfing. Bist du inzwischen erwachsen geworden?«
Jasen lächelte verlegen und gab zu: »Ich grusele mich nicht mehr so schnell. Außerdem will ich meinem Lehrer mit etwas Dramatischem imponieren. Wenn du nichts dagegen hast, schreibe ich mit.«
»Ich soll deine Hausaufgaben machen?«
»Nein, du erzählst nur. Das Schreiben erledige ich.«
Da lehnte sich Tehuti in seinem Korbsessel zurück, verschränkte die angewinkelten Arme hinterm Kopf und gähnte. Neidvoll erkannte Jasen den dunklen Bartschatten des Älteren. Eigentlich müsste er sich nicht nur morgens, sondern auch abends rasieren lassen, so wie es die anderen Männer der Familie taten, und es wunderte Jasen, warum ihn keine der Frauen beim Essen für diese Nachlässigkeit kritisiert hatte.
Doch jetzt ging es darum, die Hausaufgabe fertigzubekommen und genau aufzupassen, welche Formulierungen der Ältere benutzte. Nachdenklich begann Tehuti: »Ich persönlich glaube, dass es nicht nur um Eifersucht ging, sondern dass es der Magier war, der die Frauen mit seinen Horoskopen so lange manipulierte, bis sie einander an die Gurgel gingen.«
»Wie hieß er?«
»Wennufer. Er schaffte es schon bald, im Frauenflügel ein und aus zu gehen, was Männer sonst gar nicht dürfen. Doch er hatte unserem Urgroßvater weisgemacht, er wäre Heiler.«
»Wieso nicht Arzt?«
»Dann wären andere Ärzte misstrauisch geworden und hätten nachgeforscht, wo er seinen Beruf gelernt hat. Wenn er sich aber ›Heiler‹ nennt, ist das eine Gottesgabe. Jetzt unterbrich mich nicht dauernd, sonst wird das nie was mit deiner Hausaufgabe! Zwei der Nebenfrauen wetteiferten damals mehr als alle anderen um die Gunst des Pharaos und er stachelte ihre Konkurrenz noch weiter an, indem er zuerst der einen kostbaren Schmuck schenkte, dann der anderen. Er genoss dieses Spiel. Vielleicht kannst du dir denken, wie sie sich abmühten, ihn zu befriedigen.«
Nein, kann ich nicht, seufzte Jasen, denn so weit war es mit Scherit noch nicht gekommen, dass er hätte beurteilen können, was »von einer Frau befriedigt werden« bedeutete.
Aber da war Tehuti schon längst weiter mit seiner Geschichte und Jasen kam kaum noch hinterher. »Ein besonders heißer Sommer sorgte dafür, dass sich die ohnehin angespannte Situation verschärfte. Wenn sich die Sonne am Morgen erhob, verschlang sie das Land mit ihrem heißen Atem und nachts war kaum Abkühlung möglich. In einer dieser kaum zu ertragenden Nächte hörte man, wie sich mehrere Frauen auf dem Dach stritten. Der damalige Oberhofmeister rief Wennufer, damit er den Frauen ein Beruhigungsmittel gab. Das wirkte aber nicht schnell genug. Plötzlich waren erneut keifende Stimmen zu hören und dann mussten die Leibwächter, die im Garten ihre Runden drehten, mit ansehen, wie ein Frauenkörper vom Dach fiel und mit grotesk verkrümmten Gliedern auf dem Boden liegen blieb.«
Er machte eine Pause und Jasen knetete mit der Linken seine schmerzenden Finger. Gedankenverloren fuhr Tehuti fort: »Zum Prozess, der im Haus des Wesirs stattfand, sind Adlige aus ganz Ägypten angereist. Ein Mord im Frauenhaus des Pharaos! Der Wesir führte den Vorsitz und hatte aufgrund von Zeugenaussagen nicht nur die Mörderin, die eindeutig feststand, vorgeladen, sondern auch Wennufer, den dieselben Zeuginnen beschuldigten, den Streit ausgelöst zu haben. Die von ihm erstellten Horoskope wurden vorgelesen und das eine konnte durchaus als Aufforderung zum Mord verstanden werden. Für den Wesir war der Fall klar. Er verurteilte beide zum Tod durch Erhängen. Wennufer sprach schreckliche Flüche aus, bevor er hingerichtet wurde. Ich habe leider nie herausgefunden, wie diese Flüche lauteten, dabei würde ich es verdammt gern wissen.«
Endlich schwieg er, griff nach seinem Weinbecher und leerte ihn. Jasen starrte derweil auf die vollgekritzelte Papyrusseite und dachte bestürzt: So kann ich das nicht abgeben. Es ist ein einziges Gekrakel. Was bin ich dämlich! Jetzt muss ich alles noch mal schreiben!
Auch mit seiner Stiefschwester Neferu hatte Jasen immer »Heiraten« spielen müssen, obwohl sie älter war als er. Rein äußerlich ähnelte sie immer mehr ihrer verstorbenen Mutter, die von der Insel Kreta stammte, und war recht füllig geworden. Von ihrem achten Lebensjahr an wohnte sie im Frauenflügel des Palasts, der sich im rechten Winkel an den Männerflügel anschloss. Sie liebte es, ihre Räumlichkeiten immer wieder neu zu gestalten, und konnte Wochen damit verbringen, sich Gedanken über Alabasterlampen, Schminktische, Spielbretter und hundert Dinge mehr zu machen. Ihre Lieblingshofdame unterstützte sie dabei und man sah die beiden häufig, von Leibwächtern begleitet, durch die Händlerviertel von Waset streifen.
Pharao Nehesi ließ ihr alles durchgehen, denn ihre Eltern waren beide tot und darunter litt sie immer noch. Zwar war auch sie ein paar Jahre von einem Lehrer unterrichtet worden, doch keins der Unterrichtsfächer hatte sie wirklich interessiert. Sie verstand es, andere zu täuschen, nur einen nicht, ihren Bruder Tehuti. Ihm musste sie über alles Rechenschaft ablegen, was sie tagsüber getrieben hatte, und er tadelte sie, wenn sie wieder einmal allzu verschwenderisch Geld ausgegeben hatte.
»Unser Vater hätte dir das ausgetrieben!«, war einer seiner Lieblingssprüche. »Er hat über alle Ausgaben der Familie Buch geführt und es verabscheut, wenn jemand dauernd neue Sachen haben wollte.«
Er wusste genau, dass er sie damit verletzte. Da war´s auch schon geschehen. Ihre großen braunen Augen füllten sich mit Tränen und sie musste rasch nach einem Taschentuch greifen, um zu verhindern, dass die Schminke davonlief.
»Sei mir bitte nicht böse«, murmelte sie schwach. »Vielleicht ist das meine Art, um unsere Eltern zu trauern.«
Er spielte übellaunig mit dem neuen Handspiegel, den sie gekauft hatte und dessen Rahmen aus Elfenbeinschnitzereien bestand. Sie fürchtete schon, dass er ihn zu Boden werfen könnte und schlug rasch vor: »Sollen wir heute Abend ein Picknick machen, nur du und ich?«
Nachdenklich legte er den Spiegel auf ihren Schminktisch zurück. »Du meinst, wir schwänzen das Essen mit der Familie?«
»Ja, das meine ich.«
Da lächelte er gnädig: »In Ordnung!«
Eine halbe Stunde später war alles wunderbar am Ufer des mittleren Teichs vorbereitet. Die erlesensten Delikatessen türmten sich auf Silberschalen, in der Mitte knuspriger Gänsebraten, den Tehuti am meisten liebte. Zwei Sorten Wein standen bereit und Neferu hatte sogar daran gedacht, ein paar Spiele mitzubringen, darunter Hund und Schakal.
Tehuti streckte sich neben ihr auf einem Polster aus und griff als Erstes nach den Datteln. Sie wusste, welche Themen zu meiden waren und welche ihm lagen. Vorsichtig begann sie: »Wann wird man dich auf Handelsreise schicken? Das ist doch Teil deiner Ausbildung oder?«
»In einem halben Jahr!«, erwiderte er prompt. »Es geht nach Kreta. Ich werde die Verwandten unserer verstorbenen Mutter treffen und Olivenöl ordern. Ich werde einen guten Preis vereinbaren, was von der Bestellmenge abhängt.« Weitschweifig erläuterte er ihr die Kniffe, die es bei den Verhandlungen anzuwenden galt, und Neferu musste ein Gähnen unterdrücken.
Doch irgendwann hatte er sich müde geredet. Auch tat der süße Weißwein seine Wirkung, von dem er fast einen ganzen Krug geleert hatte, während sie immer noch an ihrem ersten Becher nippte. Er lag ganz entspannt auf dem Rücken, schaute zu den Sternen hoch und würde vermutlich schon bald einschlafen.
Neferu wäre am liebsten in ihre Gemächer zurückgekehrt. Eine Nacht draußen im Garten bedeutete, von Mücken gestochen zu werden. Außerdem hörte man unheimliche Geräusche, ein Knacken und Rascheln zwischen Bäumen und Sträuchern. Aber sie hätte alles verdorben, wenn sie ihn jetzt allein ließ. Da leerte sie ihren Becher, füllte ihn erneut und beschloss, sich zu betrinken. Das garantierte hoffentlich einen tiefen Schlaf.
Ein umsichtiger Diener hatte zwei Decken und jede Menge Kissen bereitgelegt. Draußen vor dem Tor hörte man den Wachwechsel der Leibwächter. Diejenigen, die abgelöst worden waren, kamen den Weg entlang und Neferu hörte sie leise lachen. Das war das letzte, was sie mitbekam, dann schlief sie ein.
Oberhofmeister Pentawer, ein gedrungener Mann mit scharfem Blick, musste wohl doch gemerkt haben, dass etwas zwischen Prinz Jasen und der Sklavin Scherit lief, was er nicht billigen konnte. Anders war es nicht zu erklären, dass er die junge Frau seit Neuestem noch lange nach dem Abendessen mit Aufträgen beschäftigte. Mitternacht war schon längst vorbei, als er sie endlich entließ. Mit hängenden Schultern machte sie sich auf den Weg zu den Sklavenunterkünften, die hinter den Häusern der Diener und Leibwächter lagen. Es hätte keinen Zweck mehr gehabt, am Pavillon vorbeizuschauen, ob Jasen dort immer noch auf sie warten würde.
Doch dann folgte sie einem inneren Impuls und machte einen kleinen Umweg. Einer der wunderschönen Teiche kam in Sicht. Das Mondlicht ließ die Wasseroberfläche wie einen Silberspiegel leuchten. Frösche quakten, Zikaden sirrten und Fledermäuse flogen lautlos durch die Nacht. Scherit sah zwei Gestalten am Teichufer liegen und konnte nicht widerstehen, nachzuschauen, wer das war. Als sie Tehuti und seine Schwester Neferu erkannte, seufzte sie neidisch.
Prinzessin Neferu hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen Finger krumm gemacht. Ihr Körper wurde täglich gebadet, von lästigen Haaren befreit, eingeölt, massiert und mit herrlichen Kleidern geschmückt, ganz abgesehen von den unzähligen Ketten, Pektoralen, Ringen, Armreifen und Diademen, die ihr zur Verfügung standen. Scherit spürte, wie es in ihr zu brodeln begann. Vielleicht sollte sie dem Drängen Jasens nachgeben. Wenn sie seine Bettsklavin würde, könnte das ihre Situation erheblich verbessern. Oberhofmeister Pentawer müsste sich dann vom Prinzen ein paar scharfe Worte anhören, wenn sie nicht pünktlich zu einem Stelldichein erschien. Doch andererseits könnte sie bei Jasen noch viel mehr erreichen, wenn sie es geschickt anstellte. Man denke nur an seine Großmutter Keena, die als Sklavin nach Ägypten gekommen war und das Herz von Pharao Nehesi im Sturm erobert hatte.
Schicksalsergeben schlug sie die Richtung zu den Sklavenunterkünften ein, da hörte sie eine Männerstimme. Instinktiv ging sie hinter einem Blütenstrauch in Deckung und linste zwischen den Zweigen hindurch. Die Fackeln, die abends entlang der Gartenwege entzündet worden waren, warfen ein gespenstisches Licht auf vier breitschultrige, hochgewachsene Männer. Sie trugen die schmucklosen Hüfttücher von Sklaven, ihre Oberkörper waren unbekleidet.
Das Unheimliche war die Ähnlichkeit ihrer Gesichter. Und wirklich verrückt war, dass sie außergewöhnlich langsam gingen und dass der Vorderste dauernd die Zahl »Elf« vor sich hin sagte. Jetzt verließen sie den Weg, machten noch ein paar langsame Schritte und blieben direkt vor den Geschwistern stehen. Scherits Herz klopfte zum Zerspringen. Das sind keine Sklaven, die hier arbeiten, dachte sie entsetzt. Wer sind sie dann und was wollen sie bei uns?
Nun beugte sich der Erste zu Neferu hinunter, auch dies in einer absurd langsamen Bewegung. Will er sie töten?, überlegte Scherit panisch. Neferu und ihr Bruder schliefen seelenruhig weiter, beide auf die rechte Seite gedreht, so dass Scherit ihre Gesichter im Profil erkennen konnte. Plötzlich hörte sie den Mann sagen: »Kein reines Blut.« Er verharrte ein paar Augenblicke über der Prinzessin, dann richtete er sich wieder auf, machte eine Kehrtwende und lief langsam den Weg zurück, gefolgt von den anderen.
Scherit hatte von dem Augenblick an, da sie die Männer entdeckte, hilfesuchend das kleine goldene Lebenszeichen umklammert, das sie an einer Kette um den Hals trug. Es war ihr kostbarster Schmuck, den sie nie achtlos anlegte, sondern immer voller Dankbarkeit für Jasen, der ihn ihr zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte.
Natürlich konnte sie in ihrer aufgewühlten Verfassung jetzt nicht schlafen gehen. Da tat sie etwas, was sie nie zuvor gewagt hätte: Sie suchte die Wohnung von Ibs Familie auf und rüttelte ihn wach. Er kam mühsam auf die Beine und starrte sie schlaftrunken an. »Was ist los?«, maulte er.
»Komm mit nach draußen. Es ist wichtig!«
Er gehorchte unwillig. Sie führte ihn zu einer Sitzbank und erklärte ihm flüsternd, was sie soeben beobachtet hatte.
»Waren die Männer bewaffnet?«, lautete seine erste Frage.
»Nein.«
»Und du hast sie noch nie gesehen?«
»Kennst du vier Sklaven, die alle so groß sind wie Jasen, aber schwarzhaarig, und sich vom Gesicht her gleichen wie ein Ei dem anderen?«
Verblüfft schüttelte er den Kopf. Sie ließ ihm Zeit, seine eigenen Überlegungen anzustellen. Eine Sache schien ihn am meisten zu beunruhigen, denn seine Stimme zitterte. »Wenn sie wirklich Fremde sind, wie kamen sie auf unser Anwesen? Alle Tore werden bewacht!«
»Keine Ahnung.«
»Scherit, du bist mir bis jetzt immer vernünftig vorgekommen. Du hast das Ganze doch nicht etwa geträumt oder?«
»Natürlich nicht! Ich war auf dem Weg nach Hause und kam zufällig am Teich vorbei.«
Ib war mit einem weiteren Rätsel beschäftigt. »Und wieso hat der eine ›kein reines Blut‹ gesagt?«
»Das weiß ich nicht.«
»Komm, wir schauen nach, ob die Geschwister unversehrt sind.«
Scherit war dankbar, dass er das vorschlug, und huschte hinter ihm her durch die Nacht. Sie fanden die beiden schlafend am Teich und nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatten, kehrten sie zurück. »Ich spreche morgen mit Jasen«, schlug er vor. »Mal sehen, was er davon hält.«
* * *
Ib begann wie alle sein Tagewerk kurz vor Sonnenaufgang. Frühstück würde es erst später geben. Zuerst mussten Pflichten erledigt werden. Normalerweise würde er die Ställe ausmisten. Doch an diesem Morgen eilte er als Erstes zum Teich. Tehuti und Neferu waren nicht mehr dort, was ihn aber nicht beunruhigte, denn die Polster, Decken, Kissen und Weinbecher lagen ebenfalls nicht mehr da, was bedeutete, dass Diener alles weggeräumt hatten.
Aufmerksam schaute er sich nach Spuren der mysteriösen Besucher um, konnte aber nichts entdecken. Trotzdem stand für ihn außer Frage, dass Scherit nicht gelogen hatte. Es gab Diener und Sklaven, die furchtbar abergläubisch waren und kleine Geschichtchen so sehr aufbauschten, dass die Wahrheit nicht mehr zu erkennen war. Scherit gehörte nicht dazu, im Gegenteil. Sie sagte selbst dann die Wahrheit, wenn sie ihr schaden konnte. Das war mit ein Grund, warum er sie schätzte.
Der restliche Vormittag verlief für ihn in der üblichen Routine. Er konnte es diesmal allerdings kaum erwarten, sich mit Jasen zu treffen, und freute sich, dass heute der Prinz der Erste war, der am Teich wartete. »Wie war dein Unterricht?«, fragte er.
»Ich mag meinen Lehrer immer weniger. Ich gebe mir so viel Mühe mit meinen Geschichten und er hat noch kein einziges Mal eine Bemerkung darüber gemacht!«
»Die Morde und Intrigen interessieren ihn nicht? Dann schreib etwas Langweiliges!«
»Vielleicht sollte ich das wirklich tun.« Jasen ließ sich Gazellenbraten und gedünsteten Lauch mit Sesamsoße schmecken, während sich Ib als Erstes über eine Schüssel Linseneintopf hermachte, bevor er zum Braten griff.
Als sie gegessen hatten, begann Ib ohne Umschweife: »Scherit hat letzte Nacht etwas beobachtet, das sie zutiefst beunruhigt.«
Jasen war sofort alarmiert. »Was ist passiert? Ich habe sie gestern Abend nicht mehr getroffen.«
»Das, was sie sah, geschah genau hier an diesem Teich.« Er schilderte, was ihm seine Cousine berichtet hatte, und merkte, wie Jasen blass wurde. Das Ganze war so ungeheuerlich, dass der Prinz erst einmal keine Worte fand und ihn nur hilflos anstarrte. Dann wiederholte er: »Vier Männer, die nicht hier arbeiten, aber einander ähneln wie ein Ei dem anderen?«
»Nur von Größe und Gesicht her sind sie gleich. Ihre Hüfttücher waren unterschiedlich, nämlich blau, grün, gelb und schwarz.«
Jasen staunte über die Beobachtungsgabe Scherits, die sich trotz Angst so viel gemerkt hatte. »Wie geht es ihr?«
»Sie hofft, dass wir herausfinden, was das alles zu bedeuten hat.«
»Ich werde die Torwächter fragen«, murmelte Jasen.
»Willst du Tehuti und Neferu auf den Vorfall ansprechen?«
»Nur ungern. Damit warte ich noch. Du weißt, wie Tehuti ist. Wenn ich ihm mit einer derart unglaubwürdigen Geschichte komme, lacht er mich aus.«
»Glaubst du meiner Cousine?«
»Jedes einzelne Wort.«
Ib dachte nach und wandte schließlich ein: »Aber solltest du nicht etwas tun, damit Neferu besser beschützt wird? Der seltsame Besuch galt anscheinend ihr.«
»Sie ist immer sehr auf Privilegien erpicht. Wenn ich ihr vorschlage, die Anzahl ihrer Leibwächter zu verdoppeln, wird sie begeistert sein. Wo waren die eigentlich, als sie mit Tehuti am Teich schlief?«
»Du weißt doch, dass sie nachts vor den Türen der Schlafgemächer Wache stehen, so lange man ihnen nicht befiehlt, dies woanders zu tun.«
Jasen runzelte die Stirn. Wenn es Feinden tatsächlich gelingen sollte, unbemerkt über die Palastmauern zu steigen, konnten sie sich überall frei bewegen, nur nicht in den Gebäuden und vor deren Eingängen. Ausnahmen gab es lediglich, wenn viele Gäste erwartet wurden. Dann drehten die Wächter Runden durch den Garten. Und wie schaffe ich es, dass die Anzahl der Leibwächter für Neferu verdoppelt wird?, überlegte er. Das kann ich nicht allein entscheiden.
»Weißt du, wo Scherit steckt?«, erkundigte er sich.
»Sie bereitet die Tische fürs Abendessen vor.«
»Dann entschuldige bitte, wenn ich dich allein lasse.« Er erhob sich und eilte zu dem Gebäude hinüber, in dem der kleine und der große Empfangssaal untergebracht waren. Es war das zweitprächtigste Haus des Anwesens mit schönen weißen Säulen an der Vorderfront. Innen war es mit herrlichen Marmorböden und dezent bemalten Wänden ausgestattet. Er linste durch eins der hohen Fenster in den kleinen Saal und sah Scherit mit ihrer Arbeit beschäftigt. Um sie nicht zu erschrecken, rief er unter der Türöffnung stehend: »Da bist du ja, meine Schöne!«
Überrascht schaute sie auf und ein frohes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sofort war er bei ihr, umarmte und küsste sie. Sie wehrte ihn lachend ab. »Ich habe zu tun!«
»Dann helfe ich dir. Ich verteile die Sitzkissen.« Er deutete auf den Stapel, der sich in einer Ecke türmte. Schon von Kindheit an wusste er genau, welche Aufgaben Diener und Sklaven zu erledigen hatten. Er besaß eine gute Beobachtungsgabe und merkte sich die Abläufe. Der kleine Empfangssaal wurde jeden Morgen leergeräumt und ausgefegt. Anschließend wurden die kleinen Tische wieder an ihre Plätze gestellt und alles andere für den Abend vorbereitet.
Scherit behielt ihn im Blick, während sie die Öllämpchen verteilte, und grinste, als er fertig war. »Das könntest du jeden Tag machen!«
»Ich tue es aus Eigennutz. Jetzt hast du mehr Freizeit und die kannst du mit mir verbringen.«
»Was ist mit deinen Pflichten?«
»Ich habe dir zuliebe das Mittagessen verkürzt.«
Er führte sie zum Hinterausgang und von dort aus in eine stille Ecke des Gartens. »Es tut mir leid, dass du letzte Nacht etwas Unheimliches erlebt hast. Magst du es mir erzählen?«
»Du weißt es doch schon von Ib. Siehst du eine Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen?«
»Ich werde alles tun, um sie aufzuklären.«
»Danke, Jasen.«
»Du trägst das Lebenszeichen, das ich dir geschenkt habe. Wie schön!«
»Es half mir.«
»Inwiefern?«
»Ich trug es gestern Abend und es gab mir die Kraft, das Ganze durchzustehen, ohne zu schreien.«
Er konnte sich kaum vorstellen, wie gruselig das Erlebnis gewesen sein mochte. Doch irgendwo ganz weit hinten in seinem Bewusstsein tat er es trotzdem als die Fantasie einer jungen Frau ab, der die überspannten oder vielleicht auch übermüdeten Nerven einen Streich gespielt hatten. Es war schlichtweg unmöglich, dass Fremde hier eindrangen und Neferu und Tehuti in Gefahr brachten. Scherit würde hoffentlich bald einsehen, dass sie einer Sinnestäuschung erlegen war.
Hohepriester Mentiu war im Lauf vieler Dienstjahre als Erster Prophet Amuns selbstgefällig und eitel geworden. Pharao Nehesi besuchte ihn daher nicht mehr so oft wie früher. Als er sich wieder einmal aufraffte, weil von ihm erwartet wurde, sich im Tempel zu zeigen, sah er eine lange Schlange von Gläubigen im Innenhof warten. Jeder trug ein Geschenk für den Gott, ein paar Feldfrüchte, Krüge mit Wein oder Öl. Die Wohlhabenden brachten Schmuckstücke oder kleine Säckchen mit Gold . Die Priester sind unter meiner Herrschaft reich geworden, dachte er, viel reicher, als sie unter meinen Vorgängern waren! Der Gedanke war nicht von Neid geprägt. Diese Eigenschaft kannte Nehesi nicht. Er war großzügig, entlohnte alle, die gute Arbeit leisteten, fürstlich und liebte es, seine Familie hin und wieder mit Geschenken zu verwöhnen. Doch in letzter Zeit kam ihm immer häufiger der Gedanke, dass in seinem Land etwas grundsätzlich schieflief und das hing mit den Priestern zusammen.
Er selbst erhielt einmal im Jahr Steuern von seinen Untertanen. Am Neujahrstag und seinem Geburtstag bekam er kostbare Geschenke aus allen Teilen des Landes. Außerdem erhielt er regelmäßig Tributzahlungen aus Zahi und zwei weiteren Ländern. Das Gold, das alle paar Monate aus Kusch eintraf, teilte er mit dem Tempel. Wenn er sich aber vorstellte, dass dessen Schatzkammer inzwischen bis unters Dach vollgestopft war, machte ihn das übellaunig. Wenn das so weiterging, würden die Priester ihre Macht irgendwann missbrauchen. Wie kann ich das verhindern?, dachte er, als er in seiner Sänfte an den Wartenden vorbeigetragen wurde.
Mentiu empfing ihn in seinen Privatgemächern, die sich stark verändert hatten, seitdem Nehesi zum ersten Mal hergekommen war. Die ehemals karge Einrichtung war einer Möblierung gewichen, die den Reichtum des Tempels widerspiegelte und bei Nehesi Unbehagen auslöste. Sie passte nicht zu der Aufgabe, demütig einem Gott zu dienen. Trotzdem begrüßte er Mentiu mit der nötigen Höflichkeit, merkte aber, wie ihm die Worte nicht recht über die Zunge wollten.
