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Dies ist der 4. Teil der Pharaonen-Familiensaga von Selma Nemo. Navakam, der Neffe des Pharaos, verliebt sich bereits im Alter von vier Jahren in Amenardis, ein Mädchen, das mit ihm weitläufig verwandt ist. Später, im Alter von fünfzehn, wird er von Hofdamen umlagert, was ihn von Amenardis entfremdet. Erst als sich ein anderer brennend für sie interessiert, muss Navakam handeln. Er erwirkt vom Pharao die Erlaubnis, sie und ihre Freundin Meret nach Kreta mitzunehmen, einem Inselreich, das mit Ägypten traditionell befreundet ist. Dort entwickelt sich alles anders als geplant. Amenardis und Meret beschließen, weiter zu reisen ins Land der Dimara. Deren Reich wird von einer Königin regiert und Frauen besetzen auch alle anderen wichtigen Positionen. Jetzt sind die Rollen vertauscht. Amenardis wird hofiert, während Navakam keine Beachtung mehr findet. Es warten weitere schwere Prüfungen auf ihn. Er muss dem jungen unerfahrenen König von Kreta im Kampf gegen Seeräuber beistehen. Und schließlich erfährt er etwas über Wiedergeburt, das sein Leben und das von Amenardis völlig auf den Kopf stellen wird.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2025
Selma Nemo
Dies ist der 4. Teil der Pharaonen-Familiensaga von Selma Nemo.
Navakam, der Neffe des Pharaos, verliebt sich bereits im Alter von vier Jahren in Amenardis, ein Mädchen, das mit ihm weitläufig verwandt ist. Später, im Alter von fünfzehn, wird er von Hofdamen umlagert, was ihn von Amenardis entfremdet. Erst als sich ein anderer brennend für sie interessiert, muss Navakam handeln. Er erwirkt vom Pharao die Erlaubnis, sie und ihre Freundin Meret nach Kreta mitzunehmen, einem Inselreich, das mit Ägypten traditionell befreundet ist. Dort entwickelt sich alles anders als geplant.
Amenardis und Meret beschließen, weiter zu reisen ins Land der Dimara. Deren Reich wird von einer Königin regiert und Frauen besetzen auch alle anderen wichtigen Positionen. Jetzt sind die Rollen vertauscht. Amenardis wird hofiert, während Navakam keine Beachtung mehr findet. Es warten weitere schwere Prüfungen auf ihn. Er muss dem jungen unerfahrenen König von Kreta im Kampf gegen Seeräuber beistehen.
Und schließlich erfährt er etwas über Wiedergeburt, das sein Leben und das von Amenardis völlig auf den Kopf stellen wird.
Copyright © 2025 by Selma Nemo
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Lektorat: Susanne Rauchhaus
Cover: Ria Raven, www.riaraven.de
Verwendete Grafiken: @shutterstock: 2257942641, 601704728-4, 2417097853, 2621515503
All rights reserved.
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Erstellt mit Vellum
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Personen
Zeittafel
Danksagung
Selma Nemo
Dieser Roman schließt zeitlich gesehen an die ersten drei der Pharaonen-Saga an, deren Titel lauten:
»Die Keltin und der Pharao«
»Die Kinder des Pharaos«
»Der Enkel des Pharaos«
Jeder Roman ist so konzipiert, dass man nicht unbedingt die anderen Teile gelesen haben muss. Nach dem Ende von Teil drei sind in der Geschichte der Pharaonenfamilie fünf Jahre vergangen.
Wer die bisherigen Teile kennt, wird zwei liebgewonnene Mitglieder der königlichen Familie vermissen. Aber da sich durch meine Ägyptenromane der rote Faden der Wiedergeburt zieht, gibt es Hoffnung, dass sie erneut das Licht der Welt erblicken.
Am Ende des Romans habe ich ein Personenregister hinzugefügt.
Seitdem Intef, der neue Pharao, die Geschicke Ägyptens lenkte, galten strengere Regeln. Er schaffte es, die Macht der Priesterschaft zu beschneiden, indem er den Ersten Propheten frühzeitig in den Ruhestand schickte und durch einen neuen ersetzte, der sich von ihm lenken ließ. Er verpflichtete seine beiden Wesire zu absoluter Treue, und sämtliche Generäle hatten ihm wöchentlich Bericht zu erstatten. Auch innerhalb der königlichen Familie wurden strengere Maßstäbe angelegt. Alle, selbst die Älteren, mussten ihn mit »Majestät« anreden und durften sich nur rückwärtsgehend von ihm entfernen. Und spätestens als er sich in seinem zweiten Regierungsjahr einen Harem zulegte, wurde den anderen Familienmitgliedern bewusst, wie sehr er sich von seinem verstorbenen Vater, Pharao Nehesi, unterschied, der auf Nebenfrauen verzichtet hatte.
In einem extra errichteten Anbau war von da an fast alles an weiblicher Schönheit vertreten, was man sich nur vorstellen konnte. Die meisten Bewohnerinnen waren Einheimische. Sie verstanden es, ihre sinnlichen Formen in hautengen Kleidern zur Geltung zu bringen. Kunstvolle Frisuren und Schmuck aus Perlen, Gold und Türkisen vervollständigten ihr Erscheinungsbild. Hinzu kamen ein Dutzend Frauen aus dem fernen Osten mit zierlichen Figuren und Mandelaugen. Den größten Kontrast bildeten zwei Rothaarige. Sie stammten von einer fernen Insel aus dem Meer der grauen Wellen und waren groß und schlank. Sie betörten den Herrscher mit ihren grünen Katzenaugen. Kürzlich waren drei Schwestern mit rabenschwarzer Haut hinzugekommen, ein Geschenk des Königs von Kusch. Sie erschreckten die anderen Frauen mit ihren lauten Stimmen.
Als Intef eines Tages überlegte, was ihm noch an weiblicher Schönheit fehlen könnte, bat er seinen Haremswächter Senu, nach einer Frau mit blonden Haaren Ausschau zu halten. Gelegentlich tauchten solche Raritäten auf dem Sklavenmarkt im Nildelta auf und erzielten Höchstpreise. Doch als er sein Vorhaben bei einem Abendessen im Familienkreis erwähnte, solidarisierten sich seine beiden Hauptfrauen zum ersten Mal in ihrem Leben miteinander. Alle anderen Haremsdamen hatten sie klaglos hingenommen. Doch jetzt wagten sie es, Kritik zu üben.
Seine Große Königliche Gemahlin Neferu, die im Rang höher stand als seine erste Gemahlin Hathfertiti, schnaubte wie eine wildgewordene Löwin: »Ich fasse es nicht, dass du deine eigene Mutter so schnell vergessen kannst! Keena bleibt auf ewig eine Göttin! Sie war einmalig und die Erinnerung an sie sollte nicht durch eine neue Blondine beschmutzt werden!«
»Ich gebe dir recht«, fügte Hathfertiti mit bebender Stimme hinzu, »es ist schockierend.«
Nach dem Wutausbruch herrschte gespenstische Stille im kleinen Empfangssaal, der ein Sinnbild ägyptischer Eleganz darstellte mit dem aufgemalten Sternenhimmel an der Decke, den vielen niedrigen Tischen und Sitzkissen. Die Diener, die mit dem Abräumen des Abendessens beschäftigt waren, verharrten stocksteif. Alle hielten die Luft an und starrten angestrengt auf ihre Füße. Jeder Anwesende hatte prompt Keenas schönes Gesicht vor Augen, ihre blauen Augen und goldenen Haare.
Intef, der mit seinen beiden Frauen auf der Empore saß, zischte mühsam beherrscht: »Ich denke jeden Tag an sie und auch an meinen Vater Nehesi, die beide leider viel zu früh gestorben sind. Ich erweise ihnen alle erdenkbare Ehre und sorge dafür, dass sie auch für künftige Generationen präsent bleiben. Wie ihr wisst, habe ich erst kürzlich eine Statue meiner Mutter in einem der Höfe des großen Tempels aufstellen lassen. Doch was meinen Harem angeht, so ist es allein meine Sache, wer dort aufgenommen wird! Verkneift es euch einfach, im hinteren Garten spazieren zu gehen! Dann bekommt ihr nicht mit, ob ich eine neue Frau hinzugewonnen habe!«
Er hatte sich in Rage geredet und seine beiden Gemahlinnen senkten erschrocken die Köpfe. Heftig atmend schaute er auf Hathfertiti hinunter, die lange Zeit seine einzige Frau gewesen war und ihm zwei Söhne geboren hatte. Sie war immer noch schön und schlank. Dann fiel sein Blick auf Neferu, die er hatte heiraten müssen, um Pharao werden zu können, weil sie dank ihrer Herkunft königliches Blut besaß. Ihr bekam das Eheleben nicht. Sie war kinderlos geblieben und hatte aufgrund ihrer Vorliebe für Süßigkeiten so stark an Gewicht zugelegt, dass es inzwischen beängstigend war.
Sein Blick glitt weiter über die Köpfe seiner drei Brüder, deren Ehefrauen und Kinder. Keiner getraute sich, ihm in die Augen zu schauen. Doch er glaubte, ein zynisches Lächeln um die Mundwinkel von Dedumose spielen zu sehen, dem Ältesten, der kurze Zeit vor ihm geherrscht hatte und der mit seiner Entscheidung, die Leichname der Eltern nicht auf der anderen Seite des Nils, sondern im Garten beisetzen zu lassen, beinahe einen Bürgerkrieg ausgelöst hatte. Da seufzte er und beschloss, es gut sein zu lassen. Zwei zankende Ehefrauen konnte er ertragen, aber nicht auch noch Brüder, die sich gegen ihn stellten. Mit einem Fingerschnipsen gab er zu verstehen, dass die Diener mit ihrer Arbeit fortfahren sollten.
Eine halbe Stunde später richtete er ein paar höfliche Worte an die auswärtigen Gäste, die an diesem Abend anwesend waren, erhob sich, schritt würdevoll an den mit Blumen geschmückten Tischen vorbei, erwiderte den Gruß der Leibwächter, die zu beiden Seiten der hohen Eingangstür standen, und trat in den stillen Garten hinaus. Er streckte sich und atmete die kühle Nachtluft ein. Gedankenverloren spreizte er die Finger seiner rechten Hand und ballte sie zur Faust, eine typische Geste, die seinen Ärger verriet.
Er besaß ein schmales Gesicht, eine leicht gebogene Nase und sinnliche Lippen. Er war groß und athletisch dank täglicher Waffenübungen. An hohen Feiertagen, wenn er die Doppelkrone trug und ein goldener, geflochtener Bart an seinem Kinn befestigt wurde, flirrte seine Erscheinung so machtvoll, dass alle erschauerten. Ein Hauch dieser Macht war eben gerade zu spüren gewesen, als er seine Frauen zurechtwies.
Doch jetzt sah er sich gezwungen, ernsthaft darüber nachzudenken, ob es wirklich angemessen war, seinen Harem mit einer blonden Schönheit aus den fernen Nordländern zu krönen. Er schlug den Weg zum hinteren Garten ein, in dem die Gräber seiner Eltern in einer stillen Ecke lagen. Schaudernd erinnerte er sich, wie viel Widerstand die Priesterschaft gegen Dedumoses Entscheidung geleistet hatte, denn seit Jahrhunderten wurden alle Mitglieder der königlichen Familie auf der anderen Seite des Nils in unterirdischen Grabkammern beigesetzt.
Doch Keena, die im Land der Kelten geboren worden war, hatte sich zu Lebzeiten vor diesen Gräbern gefürchtet und wollte lieber, wie es in ihrer Heimat üblich war, in einem Erdgrab bestattet werden, und ihretwegen hatte man Nehesi, der ein paar Wochen nach ihr gestorben war, neben ihr zur letzten Ruhe gebettet. Jetzt setzte sich Intef auf die Bank zu Füßen der Gräber und atmete den zarten Duft der Frühlingsblumen ein, die darauf gepflanzt worden waren.
Wie immer, wenn er hier saß, spürte er den dumpfen Schmerz der Trauer, der einfach nicht weichen wollte. Er vermutete, dass das an der großen Liebe lag, die Nehesi und Keena verbunden hatte. Was eben geschah, ist mir eine Lehre, ging ihm durch den Kopf. Doch er korrigierte sich sogleich. Nein, es sind zwei Lehren, die ich ziehen muss! Erstens werde ich meine Gemahlinnen künftig immer vor vollendete Tatsachen stellen, was meinen Harem betrifft. Zweitens: Es darf vorläufig tatsächlich keine Blondine im Palast geben. Die Erinnerung an Keena ist noch zu frisch. Er sinnierte eine Weile vor sich hin, bis sich ein kleines Lächeln in sein Gesicht stahl. Denn schließlich gab es dank Keena zwei blonde Männer im Palast, ihren Enkel Jasen und dessen Sohn Navakam. Wenn die Götter wollen, wird eines Tages ein Mädchen mit goldenen Haaren geboren!, lautete sein Fazit. Und mit dem müssen sich alle abfinden, ob sie wollen oder nicht.
* * *
Er ahnte nicht, dass das Thema ›Blondine‹ von da an Tagesgespräch bei sämtlichen Palastangehörigen sein würde. Selbst Navakam, der zu diesem Zeitpunkt erst vier Jahre alt war, bekam das hitzige Gefecht mit, das sich seine Eltern am nächsten Vormittag lieferten. Er mochte es nicht, wenn sie sich stritten, und versuchte dann immer, ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Stimme seiner Mutter Sansu wurde unangenehm schrill, wenn sie sich aufregte, und seinem Vater Jasen gelang es wenn überhaupt nur mit Mühe, sie zu beruhigen.
Navakam sah, wie seine Lieblingskatze, ein hellbraunes elegantes Wesen, die Ohren anlegte. Auch ihr behagte der giftige Ton nicht. Da nahm er sie behutsam auf den Arm und brachte sie in den Garten hinaus. Dankbar schnurrend strich sie um seine Beine. Sofort kam seine Kinderfrau hinterher. »Wo willst du hin, mein Prinz?«
Er hatte sich angewöhnt, ihr keine Rechenschaft zu geben, sondern Gegenfragen zu stellen. Jetzt stand er aufmüpfig vor ihr, ein blonder Knirps in einem weißen Hüfttuch, das bis zu den Knien reichte, und erkundigte sich: »Wie lange dauert es bis zum Mittagessen?«
»Schau auf die Sonnenuhr. Dann siehst du es.«
Er ärgerte sich, weil er nicht von selbst auf diesen Gedanken gekommen war und richtete seinen Blick auf die Südmauer des größten Palastgebäudes, in dem der Thronsaal untergebracht war. Als er sah, dass er fast zwei Stunden Zeit hatte, bis ihn seine Eltern zurück erwarteten, formte sich ein Plan: Er würde wieselflink zwischen den Bäumen und Sträuchern verschwinden und in aller Ruhe den hinteren Garten erkunden.
Zum Palast gehörten mehrere prächtige Gebäude und drei Gärten, die fließend ineinander übergingen. Der vorderste Garten, direkt am Ufer des Nils beginnend, war für Besucher vorgesehen und wurde hingebungsvoll von den Gärtnern gepflegt. Im mittleren Garten hielt sich bei schönem Wetter die Königsfamilie auf. Und im hinteren Garten, in dem die Leibwächter, Diener und Sklaven großzügige Unterkünfte besaßen, flanierten jetzt die Schönheiten in einem extra für sie vorgesehenen Areal.
Navakam war schon ein ganzes Stück weit gekommen, hörte seine Kinderfrau rufen und duckte sich tiefer in den Schatten einer mächtigen Akazie. Erfahrungsgemäß würde sie zwei Leibwächter beauftragen, die nach ihm suchen sollten. Doch jene brachten weitaus mehr Verständnis für die Abenteuerlust eines kleinen Jungen auf und hielten Abstand, wenn sie ihn entdeckten. Es sei denn, Leibwächterinnen hätten an diesem Tag Dienst. Die nahmen ihre Aufgabe sehr viel ernster. Dass auch Frauen die königliche Familie beschützten, war Navakams Mutter zu verdanken, die früher selbst als Leibwächterin gearbeitet hatte.
Während er mit heftig klopfendem Herzen hinter dem Baumstamm kauerte, betete er innerlich, dass man ihn nicht entdecken möge. Schließlich tauchten zwei bewaffnete Männer auf, umrundeten die Akazie und taten so, als hätten sie ihn nicht gesehen. Er wartete, bis sie sich ein Stück weit entfernten, und schlich geduckt weiter zum hinteren Garten. Der besaß die größte Faszination für ihn, abgesehen davon, dass er von zu vielen Frauen bevölkert wurde. Es waren nicht nur die Haremsfrauen, die dort spazieren gingen, sondern auch die Hofdamen der Großen Königlichen Gemahlin Neferu. Besonders Letzteren galt es aus dem Weg zu gehen. Er mochte ihre zwitschernden Stimmen nicht und noch viel weniger ihr hochnäsiges Getue. Sie glaubten, in der palasteigenen Hierarchie höher als die Nebenfrauen des Pharaos zu stehen, und ließen es diese spüren.
Doch eben gerade war eine günstige Tageszeit. Alle Damen waren noch mit ausgiebiger Körperpflege beschäftigt und der immens wichtigen Frage, welche Kleider sie anziehen und welchen Schmuck sie überstreifen sollten. Leise vor sich hin summend schlug er einen Pfad ein, der schmaler war als die Hauptwege. Er wusste, dass im hinteren Garten auch ein paar Verwandte niederen Adels wohnten. Einige Ältere von ihnen sah er regelmäßig beim gemeinsamen Abendessen im kleinen Empfangssaal. Er kannte ihre Namen und wünschte sich, ihre Kinder kennenzulernen, denn im mittleren Garten, wo er mit seinen Eltern wohnte, gab es nur Kinder, die älter waren als er. Die wollten immer, dass er sich an ihren Mutproben beteiligte. Er sollte auf Bäume klettern, doch er fürchtete sich vor großer Höhe.
Jetzt bog er gerade in den nächstbesten Pfad ein, da sah er zwei Mädchen auf sich zukommen. Das eine war älter und größer als er, das andere vermutlich so alt wie er selbst. Plötzlich geschah etwas Seltsames mit ihm. Er konnte seinen Blick nicht von der Gleichaltrigen wenden. Sie war einen halben Kopf kleiner als er, besaß ein ovales Gesicht, große dunkle Augen, einen zart geschwungenen Mund und herrliche schwarze Haare, die in Wellen bis zur Taille reichten. Sie trug ein schlichtes gelbes Leinenkleid und Sandalen. Über ihrem rechten Arm hielt sie einen Korb, der mit Radieschen gefüllt und offensichtlich zu schwer für sie war. Das erkannte er an ihrer schiefen Körperhaltung.
Die beiden Mädchen verharrten, als sie ihn kommen sahen, unschlüssig ob sie ihm aus dem Weg gehen sollten, da er offensichtlich zur Herrscherfamilie gehörte, denn er trug ein kostbares Pektoral um den Hals, ein goldenes Abbild des Gottes Horus. Hinter ihm sahen sie zwei Leibwächter auftauchen, hochgewachsene Männer mit aufgestellten Speeren. Offensichtlich hatten die Mädchen auch noch nie jemanden mit blonder Haarfarbe gesehen, denn ihre Blicke wanderten immer wieder über Navakams schulterlange Locken.
Er war ebenfalls stehengeblieben. Doch dann liefen seine Beine ganz von selbst auf das kleinere Mädchen zu und als er bis auf eine Armlänge herangekommen war, fragte er atemlos wie unter einem inneren Zwang: »Weißt du, wer ich bin?«
Ratlosigkeit zuckte über ihr Gesicht. Irgendetwas abgesehen von seiner Haarfarbe machte sie stutzig, doch sie hätte nicht sagen können, was. Da schüttelte sie den Kopf und schaute zu dem größeren Mädchen hoch. Das war genauso irritiert und runzelte die Stirn. Navakam war inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit Schwestern sein könnten, und erkundigte sich nach ihren Namen.
»Nihotep«, erwiderte die Größere. Nach einigem Zögern erfuhr er auch den Namen der Kleineren. »Amenardis.«
»Amenardis«, wiederholte er wie einer, der gerade aus einem Traum erwacht und krampfhaft versucht, sich an alles zu erinnern. Behutsam nahm er ihr den Korb ab und tadelte: »Der ist zu schwer für dich!«
Amenardis gab keine Antwort, schaute ihn nur aus großen Augen an. Nihotep beschloss, in die Offensive zu gehen. »Du scheinst ein Prinz zu sein. Du hast nach unseren Namen gefragt, ohne deinen zu nennen. Und mit Verlaub, es geht dich nichts an, wie schwer der Korb ist, den meine Schwester trägt. Gib ihn zurück!«
Ein kleines verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er erwiderte: »Du hast recht, Nihotep. Entschuldige bitte, ich war unhöflich. Mein Name lautet Navakam.« Er zögerte und wiederholte seine Frage an Amenardis: »Kennst du mich wirklich nicht?«
Sie kramte in ihrem Gedächtnis, ob sie ihn schon einmal irgendwo gesehen haben könnte. Sie und Nihotep waren bis jetzt noch nie bei dem großen Abendessen dabei gewesen, weil ihr Vater das nicht wollte. Doch irgendwie musste sie jetzt die Situation retten und diesen Jungen beruhigen, der unverständliche Fragen stellte. Da lächelte sie ganz bezaubernd: »Es freut mich, dich kennenzulernen, Navakam. Im Augenblick habe ich keine Zeit, mich länger mit dir zu unterhalten. Aber magst du nach dem Mittagessen noch mal vorbeikommen?«
Jetzt war es vollends um ihn geschehen. Ihre ganze Erscheinung, die schönen dunklen Augen, ihr zauberhaftes Lächeln und ihre erstaunlich rauchige Stimme beschworen etwas Machtvolles in ihm herauf, dem er sich nicht entziehen konnte. »Ist gut«, würgte er hervor. Er sah, wie sie und ihre Schwester höflich die Köpfe neigten und dann ein Gemüsebeet ansteuerten, um dort Lauch und Kräuter zu ernten. »Können das nicht Sklaven für euch erledigen?«, rief er hinterher.
Amenardis drehte sich noch einmal um und erklärte würdevoll: »Wir arbeiten gern. Alles gedeiht hier ganz wunderbar.«
Von da an traf er sich jeden Nachmittag mit ihr, anfangs nur eine halbe Stunde. Doch schon bald sorgte er dafür, dass es mehr als eine Stunde wurde. Jedes Mal war Nihotep dabei, so als müsse sie auf Amenardis aufpassen. Leider gelang es ihm immer seltener, seine Kinderfrau abzuschütteln. Doch er verlangte von ihr, dass sie seinen Eltern nichts von den Besuchen im hinteren Garten verriet. »Dort wohnen Verwandte«, erklärte er altklug, »und ich tue nichts Unrechtes, wenn ich sie besuche. Ich will nur nicht, dass meine Mutter anfängt, mir Musikunterricht aufzubürden. Deswegen sollst du schweigen.«
Jedes Mal, wenn er Amenardis besuchte, brachte er ein kleines Geschenk mit, eine Muschel, eine besonders schöne Blume oder eine bunte Feder. Dann glitt wieder dieses zauberhafte Lächeln über ihr Gesicht, das sein Herz schneller schlagen ließ. Meistens taten sie nichts weiter, als im Gras zu sitzen und sich zu unterhalten. Manchmal spielten sie Verstecken oder Fangen, dann beteiligte sich Nihotep und gewann natürlich.
Amenardis erzählte ihm von ihren Eltern. Ihr Vater hieß Hentiu, stammte aus der nördlich gelegenen Stadt Qebt und war Landkartenzeichner. Er hatte Navakams Vater auf dem letzten Feldzug begleitet und sich durch große Tapferkeit ausgezeichnet. Ihre Mutter hieß Sarit und war die Tochter eines Verwaltungsbeamten.
* * *
Eigentlich hätte er wetten können, dass seine Kinderfrau ihr Versprechen nicht halten würde. Zwei Wochen später war es soweit. Er wurde zu seiner Mutter zitiert und musste ihr Auskunft geben, was er nachmittags im hinteren Garten trieb. Zu ihrer größten Verblüffung antwortete er: »Ich habe zwei Schwestern kennengelernt. Sie sind entfernt mit uns verwandt. Sie heißen Nihotep und Amenardis. Du kannst mir nicht verbieten, sie zu treffen, denn wir haben uns angefreundet und du betonst schließlich immer, wie wichtig es ist, Freunde zu haben.«
Er musste den Kopf in den Nacken legen, wenn er mit ihr sprach, denn sie war fast so groß wie sein Vater. Es imponierte ihm, dass sich seine Eltern im Krieg kennengelernt hatten. Andererseits war es aber auch gruselig, dass seine Mutter damals auf Seiten der Feinde gekämpft hatte und von seinem Vater gefangen genommen worden war.
Jetzt setzte sie ein verkniffenes Lächeln auf und erklärte: »Also gut. Aber ich möchte die beiden in Augenschein nehmen. Wenn du sie das nächste Mal besuchst, komme ich mit.«
»Bitte, Mutter, gib mir noch einen Tag Zeit, damit ich sie vorbereiten kann.«
Sie musterte ihn verblüfft, versprach jedoch, bis übermorgen zu warten.
Als er zu Amenardis eilte, um sie vorzuwarnen, zitterte seine Stimme. »Du bist den Umgang mit meiner Mutter nicht gewöhnt. Sie kann einem ganz schön zusetzen.«
Amenardis, die unter einem strengen Vater zu leiden hatte, bat: »Sag mir, wie ich mich verhalten soll.«
»Vielleicht behauptet sie etwas, was dich ärgert oder traurig macht, und dann willst du nichts mehr mit mir zu tun haben.«
»Dann vereinbaren wir ein geheimes Wort oder besser einen ganzen Satz. Wenn ich den sage, weißt du, dass du mir helfen musst.«
Aufgeregt flüsterte er: »Welcher Satz wäre geeignet?«
Sie überlegte sorgfältig. »Es muss etwas Unverfängliches sein. Wenn ich zum Beispiel sage ›man sollte jeden Tag Gutes tun‹, kommt deine Mutter bestimmt nicht auf die Idee, dass das ein geheimes Signal ist.«
»In Ordnung. Wenn du das sagst, sorge ich dafür, dass sie dich in Ruhe lässt.«
»Magst du mir noch mehr über sie verraten? Je mehr ich weiß, umso weniger kann sie mich einschüchtern.«
Navakam freute sich über ihre Klugheit und antwortete: »Sie hat schlimme Sachen erlebt, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Sie stammt aus den Nordländern, ist aber nicht blond, sondern schwarzhaarig. Ein Fluch ist bei ihr am Werk, jedes Mal, wenn sie ein anderes Land betritt. Es ist so, als wenn die nordischen Götter verhindern wollten, dass sie ihre Heimat verlässt.«
»Wie äußert sich der Fluch?«
»Sie wird krank. Als sie nach Ägypten kam, wurde sie blind. Aber das dauerte zum Glück nur ein paar Monate. Dann konnte sie wieder sehen.«
»Das muss furchtbar gewesen sein. Ich bin froh, dass es ihr jetzt wieder gut geht.« In Amenardis‘ Stimme schwang so viel Mitgefühl, dass Navakams Herz wieder einmal überfloss.
* * *
Als es soweit war, schaute Sansu die beiden Mädchen aufmerksam an. Dabei stellte Navakam verwundert fest, dass ihre Blicke viel länger auf Amenardis ruhten als auf Nihotep. Sie konnte sich kaum losreißen. Schließlich begann sie Fragen zu stellen. Es waren aber keine dabei, die aufdringlich oder unangenehm gewesen wären. Es fiel den Schwestern daher leicht, sie zu beantworten. Navakam entspannte sich, als er merkte, dass alles glatt laufen würde. Der vereinbarte Satz fiel jedenfalls nicht.
Zum Schluss nahm ihn seine Mutter beiseite und raunte ihm ins Ohr: »Amenardis ist wirklich süß. Aber vor Nihotep musst du dich in Acht nehmen. Ich lasse euch jetzt in Ruhe. Übrigens – vom nächsten Monat an lernst du das Sistrum. Die bist alt genug, dich mit einem Musikinstrument zu beschäftigen.«
Er seufzte schicksalsergeben. Bald würde er auch Rechnen, Schreiben, Lesen und einen Haufen anderes Zeug lernen müssen. Er bedauerte, dass er keine Geschwister hatte. Die ganze Aufmerksamkeit seiner Eltern und Großeltern galt ihm allein, und das konnte bedrückend sein. Doch solange wie er Amenardis jeden Tag sehen durfte, würde er alles ertragen.
Er hätte sich denken können, dass sich als Nächster sein Vater einschalten würde. Der nahm ihn eines Abends beiseite und erklärte mit ernster Miene: »Wie ich hörte, hast du Freundschaft mit einem Mädchen geschlossen. Ich gebe dir jetzt einen Rat, den du unbedingt beherzigen sollst. Wenn sie anfängt, mit dir ›Heiraten‹ zu spielen, dann lauf weg! Das hört sonst nie auf. Ein Junge sollte lieber ›Jagd‹ oder ›Krieg‹ spielen.«
Wieder musste Navakam seinen Kopf in den Nacken legen. Doch dann konterte er geschickt: »Du und Mutter, ihr seid doch auch verheiratet. Was ist verkehrt daran?«
Jasen fing an zu grinsen: »Wenn das Heiraten im richtigen Alter geschieht, ist es wunderbar. Aber du bist ein Junge und solltest dich nicht von Mädchen vereinnahmen lassen.«
Navakam hatte das Gefühl, eine wichtige Hürde genommen zu haben, doch noch eine weitere stand ihm bevor, denn es war sonnenklar, dass sich als Nächstes seine Großeltern einmischen würden, wenn er Glück hatte, zuerst Großmutter Madain. Die stand erfahrungsgemäß auf seiner Seite. Leider war es Großvater Dedumose, der ihn zur Rede stellte. »Ich möchte nicht, dass du dich im hinteren Garten herumtreibst. Wir haben zwei andere viel schönere Gärten. Außerdem kannst du jederzeit zum Angeln oder Schwimmen gehen, wenn du Leibwächter mitnimmst. Es gibt genug Zerstreuung für einen Jungen wie dich.«
Navakam starrte zu ihm hoch, in sein schönes Gesicht, das Pharao Intef verblüffend ähnlich sah. Sein Blick wanderte über die grauen schulterlangen Haare, den nackten Oberkörper mit den eindrucksvollen Muskeln und dem Pektoral aus Silber, einem Material, das in Ägypten wertvoller als Gold gehandelt wurde. Dedumoses makellos weißer Hüftrock mit dem breiten juwelenbesetzten Gürtel vervollständigte seine Erscheinung.
Navakam schaute wieder hoch und erklärte mit einer Stimme, von der er hoffte, dass sie selbstsicher klang: »Ich danke dir für deinen Rat, Großvater. Der hintere Garten ist jedoch deshalb so verlockend, weil ich dort gleichaltrige Freunde gefunden habe. Sie sind mit uns verwandt. Es wäre sehr unhöflich, wenn ich plötzlich den Kontakt zu ihnen abbrechen würde. Meinst du nicht?«
Dedumose musterte ihn verblüfft. »Du strolchst also nicht im Dickicht herum, wo du aus Versehen auf eine Schlange stoßen könntest? Es geht dir nur darum, mit Gleichaltrigen zu spielen?«
»Ja, Großvater.«
»Dann lade sie in unseren Garten ein.«
»Vielen Dank, Großvater. Das werde ich tun.« Erleichtert hüpfte er davon, um Amenardis die frohe Botschaft zu überbringen.
Das Schönste für ihn war, wenn er sie zum Lachen bringen konnte, was nicht oft gelang, denn sie war ein ernstes Kind. Wenn ihm aber ein Scherz glückte und das Lächeln wie Sonnenschein über ihr Gesicht glitt, fühlte er sich reich belohnt. Seine Freunde aus dem mittleren Garten merkten natürlich, wie wichtig ihm Amenardis geworden war, und begleiteten ihn bei einem seiner Besuche. Die drei älteren Jungen musterten das Mädchen argwöhnisch. »Sie ist zu dünn«, befand ihr Wortführer, »gibt es im hinteren Garten nicht genug zu essen?«
»Sie trägt Arbeitskleidung!«, spottete ein anderer hinter vorgehaltener Hand. Als sie dann auch noch merkten, dass Amenardis tatsächlich bei der Gartenarbeit helfen musste, versuchten sie, Navakam dazu zu bewegen, wieder öfter mit ihnen zu spielen. »Gute Idee«, befand er, »geht schon mal voraus!«
Als sie fort waren, erkundigte er sich bei Amenardis: »Kennst du ein Versteck?«
Sie lächelte wissend und führte ihn einen Pfad entlang, der im hinteren Garten unter einer prächtigen Sykomore endete. Von da an gelang es ihnen meistens, den anderen zu entwischen. Dafür musste er am nächsten Tag jede Menge Spott einstecken, wenn er die Freunde wieder traf. »Hat dich deine Süße verhext?«, war noch das Netteste, was er zu hören bekam. Er ignorierte ihre Bemerkungen, weil er glaubte, dass dies die beste Methode wäre, ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Einmal als Nihotep mit Amenardis schimpfte, sie solle endlich wieder helfen, anstatt mit Navakam herumzusitzen, übernahm er das Unkrautjäten, stellte sich aber so ungeschickt an, dass ihm Nihotep die Hacke aus der Hand nahm. Da begnügte er sich mit der Zuschauerrolle. Gleich nachdem er die Schwestern kennengelernt hatte, war ihm aufgefallen, dass Amenardis ihre linke Hand nicht richtig bewegen konnte. Das gab ihm einen heftigen Stich. Er brauchte lange, bis er es wagte, sie darauf anzusprechen.
Sie schenkte ihm einen langen Blick aus ihren schönen dunklen Augen und erklärte verlegen: »Bei meiner Geburt ist etwas schiefgelaufen.«
»Ihr Götter!«, wisperte er. »Was denn?«
Sie vergewisserte sich, dass Nihotep zu weit weg war, um ihr Gespräch zu belauschen, und fuhr leise fort: »In der Nacht, als ich geboren wurde, lag noch eine andere Frau in den Wehen, eine aus der Königsfamilie, und die Hebamme widmete sich nur ihr allein und schickte eine Helferin in unser Haus, die noch zu jung war, um mit Komplikationen fertig zu werden. Sie hat mich aus dem Leib meiner Mutter gezerrt und dabei wurde mein Arm verletzt.«
Navakam wurde bleich, musste aber weitere Fragen stellen. »Wann wurdest du denn geboren?«
»Vor vier Jahren, am zweiten Tag des Monats Phamenat.«
Verblüfft riss er die Augen auf. »Das ist auch mein Geburtstag! Dann war das meine Mutter, die zur selben Zeit in den Wehen lag …«
Das war jetzt für Amenardis genauso schockierend wie für ihn. Zaghaft lächelte sie: »Was für ein seltsamer Zufall.«
* * *
Als Nächstes fiel ihm auf, dass sie all die kleinen Geschenke, die er ihr mit feierlicher Miene überreichte, in einem Schuppen versteckte. Als er sie darauf ansprach, erklärte sie mit gesenktem Kopf, dass sie Angst hätte, ihr Vater könne ihr den Umgang mit ihm verbieten. Das erfüllte ihn mit großer Sorge. Bis jetzt hatte Nihotep dichtgehalten und ihren Eltern gegenüber nichts von den Treffen verraten. Da begann er, auch ihr kleine Geschenke zu machen. Als er es zum ersten Mal tat, fuhr sie ihn an: »Du musst mich nicht bestechen!«
Rasch erwiderte er: »Ich will dir lediglich danken, dass du deiner kleinen Schwester zur Seite stehst.«
Das schien sie zu akzeptieren. Doch er beobachtete, dass auch sie die Geschenke versteckte. Da kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass der Vater der Mädchen wohl überaus streng war und dass er selbst Glück mit seinen Eltern hatte, denn trotz ihrer erdrückenden Fürsorge ließen sie ihm auch manches durchgehen, wenn er es schlau genug anstellte.
Einer seiner Freunde versuchte immer wieder, Navakam zum Mitmachen zu verleiten und schlug eines Abends vor: »Jetzt ist es warm genug, um nachts auf dem Dach des Männerflügels zu schlafen. Bist du dabei?«
Der Vierjährige seufzte. Seit er denken konnte, hatte er Angst vor großer Höhe. Wenn er Sklaven sah, die Datteln aus den Wipfeln der Palmen pflückten, wurde ihm beim bloßen Hingucken schwindlig. Bestimmt passierte dasselbe, wenn er auf eins der vielen Flachdächer stieg. Da griff er zu einer Notlüge und behauptete, sich beim Abendessen den Magen verdorben zu haben.
Sein Freund musterte ihn irritiert, gesellte sich aber schon bald zu den anderen, die es kaum erwarten konnten, vom Dach aus den Sternenhimmel zu beobachten.
Es ist das erste Mal, dass ich mich als Außenseiter fühle, dachte Navakam betrübt. Er beschloss, Amenardis auf die Probe zu stellen. Er erzählte ihr vom Ansinnen seines Freundes und dass er gelogen hatte, weil er seine Angst nicht eingestehen wollte. Sie schaute ihn lange schweigend an. Schließlich erklärte sie mit ernster Stimme: »Du hättest nicht lügen sollen, denn für seine Ängste muss man sich nicht schämen. Ein Mensch, der niemals Angst hat, ist dumm. Sie warnt einen vor zu großen Risiken. Auch in meinem Leben gibt es etwas, was mir Furcht einjagt.«
»Was meinst du damit?«
Zögernd bekannte sie: »Es lässt sich nicht in Worte fassen.«
So eine seltsame Antwort hatte er noch nie gehört und bat: »Versuch es trotzdem.«
Ihre Stimme sank zu einem Flüstern. »Es ist als hätte ich eine Schuld auf mich geladen. Manchmal denke ich, dass ich etwas Wichtiges hätte tun sollen, jedoch zu unentschlossen war. Aber das ist so lange her, dass ich mich nicht erinnern kann.«
»Du glaubst, dass es in einem anderen Leben geschehen ist?«
Diese Möglichkeit hatte sie anscheinend noch nicht erwogen, denn sie starrte ihn erschrocken an.
»Vielleicht hast du in diesem Leben die Chance, es wiedergutzumachen«, schlug er vor.
Sie fasste immer mehr Vertrauen zu ihm und bekannte eines Nachmittags: »Ehrlich gesagt fühlen sich meine Eltern nicht mehr richtig wohl hier. Sie sagen, dass wir als niederer Adel nur geduldet werden.«
Diese Aussage empörte ihn. »Wir sind alle zusammen eine große Sippe, vereint durch die ehrenwerte Nihotep, eine Namensvetterin deiner Schwester, die in hohem Alter starb und großes Ansehen genoss. Sie stammte aus derselben Stadt wie deine Eltern.«
»Bei euch wird sie verehrt als die Großmutter von Pharao Nehesi. Doch ihre Verwandten in Qebt hat sie gepiesackt, wenn sie zu Besuch kam.«
Er war fassungslos. »Wie kann das sein? Mir hat man gesagt, dass sie immer wieder versucht hat, ihre Großnichten und Großneffen mit hiesigen Verwandten zu verkuppeln.«
»Ist das jemals gelungen? Kannst du mir ein Beispiel nennen?«
»Nein«, musste er zugeben.
Als sein Schulunterricht bei einem eigens für ihn eingestellten Lehrer begann, schweiften seine Gedanken immer wieder zu Amenardis. Auch sie erhielt vom selben Tag an Unterricht, allerdings mit fünf anderen Kindern zusammen bei einem anderen Lehrer. Als sie ihm von diesem berichtete, beneidete er sie sofort. Erstens war es viel schöner, nicht der einzige Schüler zu sein, und zweitens war ihr Lehrer ein weitgereister Mann, der viele andere Länder kannte und von diesen berichtete. »Stell dir vor«, berichtete Amenardis atemlos, »im hohen Norden gibt es riesige Wälder mit uralten Bäumen. Man kann dort tagelang unterwegs sein, ohne das Ende des Waldes zu erreichen.«
Navakam musste an seine Urgroßmutter Keena denken, die solche Wälder gekannt hatte und lauschte hingerissen. Amenardis hatte ihre Freundin Meret mitgebracht, die ebenfalls im hinteren Garten wohnte. Navakam kannte sie bereits und schätzte ihren Humor. Sie brachte es fertig, über sich selbst, insbesondere ihre stämmige Figur, Witze zu reißen. Aber auch alle anderen bekamen ihre bissige Spottlust zu spüren. Jetzt sprach sie an Amenardis gewandt: »Wenn wir so einen Wald hätten, könntest du dich darin verstecken und müsstest nicht so viel im Garten arbeiten.«
Navakam erschrak über die Reaktion von Amenardis, die mit Grabesstimme verkündete: »Möglicherweise ist das die Last, die ich tragen muss – ich lebe am falschen Ort.«
Sofort widersprach er: »Das kann nicht sein! Du wurdest hier geboren, sogar am selben Tag wie ich. Du gehörst nach Waset, in die Hauptstadt Ägyptens.«
Sie schaute ihn nachdenklich an und erklärte: »Ich war mit meinen Eltern und meiner Schwester ein paar Mal bei unseren Verwandten in Qebt. Dort ging es mir besser als hier. Ich kann es nicht richtig erklären, aber hier ist etwas, was mich niederdrückt.«
Ihr Götter!, dachte er entsetzt. Wie kann ich ihr das ausreden?
Auf einmal kam ihm eine Idee. »Ich weiß, dass man bei schwierigen Fällen den Seherpriester um Rat fragen darf.«
Sie überlegte eine Weile und antwortete schließlich: »Aber was ist, wenn er etwas ganz Schreckliches über mich herausfindet, was ich in einem vorangegangenen Leben getan habe?«
Es war das erste Mal, dass sie selbst über Wiedergeburt und deren mögliche Schattenseiten sprach. Er verzweifelte beinah, weil es anscheinend nichts gab, womit er ihre Bürde leichter machen konnte. Trotzdem hakte er nach: »Versuche bitte genauer zu erklären, was dich niederdrückt.«
Wieder überlegte sie sorgfältig, ehe sie antwortete: »Es ist so ein Gefühl, als hätte ich jemanden im Stich gelassen, den ich eigentlich von Herzen liebe, vielleicht meinen damaligen Ehemann.« Sie senkte den Kopf und ergänzte leise: »Darum habe ich beschlossen, nie zu heiraten.«
Das zog ihm jetzt regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Er fühlte sich vom ersten Augenblick an magisch zu ihr hingezogen. Sie wollte jedoch ihr Leben in Einsamkeit verbringen? Das jagte ihm Angst ein und er konnte sie nur hilflos anstarren.
Auf dem Rückweg zum Haus seiner Eltern traf er seinen Großvater Dedumose. Der wies ihn prompt zurecht: »Wieso treibst du dich schon wieder im hinteren Garten herum?«
Navakam senkte den Kopf und überlegte, ob es klug wäre, dieselbe Taktik wie bei seinem Kindermädchen anzuwenden und mit einer Gegenfrage zu antworten. Da er gerade eine Abfuhr von Amenardis erfahren hatte, beschloss er, dass sowieso alles egal war, und begann: »Verehrter Großvater, es gibt etwas, was ich schon lange von dir wissen will. Du hast nur kurze Zeit geherrscht. Hat dir das leidgetan?«
Hoppla, dachte Dedumose, dieser gewitzte kleine Kerl schafft es mühelos, mich in die Defensive zu drängen. Er studierte das ernste Kindergesicht mit den schönen braunen Augen und erwiderte wohlüberlegt: »Nach dem Tod meines Vaters Nehesi habe ich Entscheidungen getroffen, die nur zum Wohl der Familie, aber nicht zum Wohl Ägyptens waren. Das bereue ich nicht. Ich würde es immer wieder so machen.
Aber es gab starke Kräfte in unserem Land, vorneweg die Priester, die es mir übel nahmen, dass ich meinen Vater neben meiner Mutter hier im Garten begraben ließ. Sie hetzten das Volk auf. Wenn ich mich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln gewehrt hätte, wäre es zu einem Bürgerkrieg gekommen. Doch dieses Risiko darf ein Herrscher niemals eingehen! Also war es klüger abzutreten. Manch einer mag mir das als Schwäche auslegen. Ich aber fand meinen Frieden mit dieser Entscheidung. Mein Bruder Intef ist ein guter Herrscher. Also habe ich alles richtig gemacht.«
Da lächelte Navakam: »Zum Glück hat seine Majestät Intef zwei Söhne, von denen der Älteste sein Nachfolger wird. Aber manchmal frage ich mich, was aus mir wird. Glaubst du, dass ich einen guten Wesir abgeben würde?«
Dedumose strich seinem Enkel liebevoll über die Wange und schmunzelte: »Du bist außergewöhnlich klug für dein Alter. Du kannst später alles Mögliche werden! Aber zerbrich dir jetzt noch nicht den Kopf darüber. Lauf los und amüsiere dich mit deinen Spielkameraden!«
Amenardis hatte geglaubt, den hinteren Garten zu kennen. Doch eines Tages stand sie in einem abgeschiedenen Winkel vor den beiden Gräbern von Keena und Pharao Nehesi und dachte: Hier bin ich noch nie gewesen. Ihrer Schwester Nihotep schien es ähnlich zu gehen, denn sie murmelte unbehaglich: »Eigentlich ist es schön hier mit all den Blumen und der Bank, auf der man eine Pause einlegen kann. Aber ich weiß nicht, ob wir uns hier aufhalten dürfen.«
»Wieso gibt es hier drei Gräber?«, wisperte Amenardis. »Vater sprach nur von Pharao Nehesi und seiner Frau Keena, als wir ihn nach den Eltern unserer jetzigen Majestät fragten.«
»Ich glaube, dass auch der Lieblingssklave von Nehesi hier beigesetzt wurde.«
Amenardis spürte auf einmal, wie ihr schlecht wurde. Es war, als ob alle Kraft aus ihrem Körper wich. So musste es sein, wenn man in Ohnmacht fiel. Da keuchte sie: »Lass uns verschwinden! Irgendetwas ist falsch hier!«
Sie stolperte mehr als dass sie lief und hätte um ein Haar Navakam umgerannt, der sich auf die Suche nach ihr begeben hatte und plötzlich vor ihr auftauchte. »Was ist los?«, fragte er bestürzt.
Amenardis rang nach Luft und sah sich außerstande, ihm zu antworten. Das übernahm Nihotep. »Wir waren an den Gräbern deiner Urgroßeltern.«
Er spürte, wie sein Herz einen Sprung machte und erkundigte sich vorsichtig: »Jagen dir die Gräber Angst ein, Amenardis?«
Sie kannte ihn jetzt seit einem halben Jahr und hatte ihn schätzen gelernt. Doch seine bisweilen seltsamen Fragen machten sie immer noch ratlos. Höflich wich sie aus: »Wer hält sich schon gern in der Nähe von Gräbern auf? Ich werde diese Ecke des Gartens künftig meiden.«
»Es kann aber nicht schaden, mehr über Keena und Nehesi zu erfahren. Sie werden Bestandteil deines Schulunterrichts sein. Ich könnte dir und deiner Schwester etwas zeigen, was noch nicht einmal dein Lehrer weiß.«
Damit hatte er ihre Neugierde geweckt und fuhr berechnend fort: »Kein Lehrer darf ohne Weiteres den alten Thronsaal betreten, der seit Langem leer steht. Aber ich darf es. Kommt mit, ihr zwei, wenn ihr wollt!«
Gehorsam trotteten sie hinterher, als er den Weg zum größten Gebäude einschlug. Dessen Inneres hatten sie noch nie betreten und erschauerten vor Ehrfurcht, als ihnen zwei Leibwächter die riesigen Flügeltüren öffneten. Andachtsvoll traten sie in das Halbdunkel eines großen Saals, dessen Fußboden aus Marmor bestand. Prächtige Säulen trugen das flache Dach. Alle Wände waren mit Szenen aus dem Leben vergangener königlicher Familien bemalt. Zielsicher steuerte Navakam eine bestimmte Wand an und wies auf ein Bild, das zwei Kinder zeigte, die eine seltsame Frisur trugen. Ihre Schädel waren kahl geschoren bis auf eine einzige Locke, die seitlich vom Kopf abstand.
»Das Bild stellt Nehesi und seine Schwester Sitamun dar«, erklärte er. »Damals trugen alle adligen Kinder diese eine Locke auf der Seite. Als Keena in den Palast kam, schaffte sie die Tradition ab. Sie begründete es damit, dass ihre eigenen Kinder eine hellere Haut besaßen. Das bedeutete Sonnenbrand, und den wollte sie ihnen ersparen.«
»Ein Hoch auf Keena!«, lobte Nihotep. »Dank ihr dürfen wir unsere langen Haare behalten.«
Navakam grinste stolz und schritt weiter zu einer der vorderen Säulen. Darauf war eine groß gewachsene Frau mit blauen Augen und blonden Haaren dargestellt, die einen Langbogen spannte, um damit Pfeile auf Hethiter und Zahi zu schießen, die Erzfeinde Ägyptens.
Amenardis blieb lange davor stehen und studierte jedes Detail der schlanken, athletischen Gestalt. Schließlich murmelte sie: »Keena hat im Krieg gekämpft. Das weiß ich bereits von meinem Lehrer. Aber er erwähnte nicht, dass sie einen Langbogen benutzt hat. Wie gern würde ich selbst Bogenschießen lernen, aber mit meiner schwachen Hand wird mir das nie gelingen.«
Navakam hätte sich ohrfeigen können. Seine Präsentation, wie bewundernswert Keena gewesen war mit dem Hintergedanken, dass man weder vor ihr noch ihrem Grab Angst haben musste, war schon wieder zunichte.
Als die Mädchen dann auch noch in der Mitte des Saals eine verkohlte Stelle auf dem Fußboden entdeckten und er ihnen erklären musste, dass hier vor langer Zeit ein Zauberer sein Unwesen getrieben hatte, ärgerte er sich vollends. Was bin ich dämlich! Das jagt ihnen jetzt wirklich Angst ein. Es half auch nicht, dass er schwor, der Zauberer wäre ein für alle Mal vernichtet. Bedrückt starrte er ihnen hinterher, wie sie aus dem Saal huschten.
Als er wieder bei seinen Eltern war und in seinem Zimmer mit dem Sistrum übte, schweiften seine Gedanken zurück zu seinen Urgroßeltern Nehesi und Keena. Leider hatte er sie nicht kennengelernt, denn sie starben ein paar Monate vor seiner Geburt. Davon abgesehen, dass heute noch sämtliche Familienmitglieder voller Liebe und Ehrfurcht von ihnen sprachen, gab es noch etwas anderes, was ihn schwer beschäftigte. Er hätte gern gewusst, warum die beiden kurz hintereinander gestorben waren, doch wenn er danach fragte, erhielt er stets nur ausweichende Antworten. Das war mit ein Grund, warum er beinah täglich die Richtung zu ihren Gräbern einschlug. Oft tat er dies, bevor er Amenardis besuchte. Deswegen war sie ihm heute in die Arme gelaufen.
An dem Tag, an dem Amenardis und Navakam fünf Jahre alt wurden, trafen sie sich früh am Morgen im hinteren Garten. Sie umarmten sich schüchtern und Amenardis führte ihn in eine Ecke, die abseits aller Pfade lag. Er staunte, als er unter den tief hängenden Zweigen eines uralten Maulbeerbaums eine Decke liegen sah, die mit vielen Blütenblättern bestreut war. In der Mitte standen zwei Teller mit kandierten Früchten, ein Krug Granatapfelsaft und zwei Becher.
»Gefällt es dir?«, erkundigte sich Amenardis bang.
Navakam spürte, wie sein Herz einen Hüpfer machte, und ein paar Augenblicke lang brachte er keinen Ton hervor. Schließlich murmelte er: »Das ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe!«
»Ein einfaches Frühstück ist schöner als Spielzeug?«
»Ja! Weil es von dir kommt. Weil du diesen verwunschenen Ort ausgesucht hast und weil du dir viel Mühe gemacht hast, damit es besonders schön wird.«
Mit einem glücklichen Seufzer ließ er sich auf die Decke fallen, griff nach den Süßigkeiten und stopfte sich den Mund voll. Als er gegessen und getrunken hatte, grinste er: »Jetzt bist du dran. Dein Geschenk habe ich neben dem Teich versteckt. Komm mit!« Er zog sie auf die Füße und lief voraus durchs Gras. Schließlich holte er mit geheimnisvoller Miene ein Holzkästchen unter einem Strauch hervor und überreichte es ihr mit einer Verbeugung. Sie hatte keine Ahnung, was das sein könnte. Schließlich klappte sie den Deckel auf und japste vor Überraschung, als sie Papyrus, Farben und Pinsel entdeckte. Doch dann bekam sie es mit der Angst zu tun. »Nava, es ist wunderschön und ich würde es furchtbar gern annehmen. Aber mein Vater erlaubt es bestimmt nicht.«
Jetzt stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht, als er erklärte: »Ich habe ihn gefragt, ob ich dir das schenken darf und er hat zugestimmt.«
»Wann hast du das getan? Du warst doch erst einmal in unserem Haus und das ist einen Monat her.«
»Du vergisst, dass er ein Arbeitszimmer im Verwaltungsgebäude hat.«
Sie versuchte, sich das Ganze bildlich vorzustellen. Für Navakam war es selbstverständlich, sich auf dem gesamten Gelände und in allen Gebäuden frei zu bewegen. Er konnte einfach ins Arbeitszimmer ihres Vaters spazieren, was sie selbst nie gewagt hätte.
Da flüsterte sie ergriffen: »Wenn für dich das Frühstück das schönste Geschenk ist, dann ist es für mich das Malkästchen. Ich danke dir tausend Mal. Aber wie bist du auf die Idee gekommen?«
»Das eine Mal, als ich in eurem Haus war, durften wir die Zeichnungen deines Vaters anschauen, und ich habe an deiner Reaktion gemerkt, dass du auch gern zeichnen würdest, vielleicht nicht gerade Landkarten. Aber es gibt viele andere Dinge, die man malen kann.«
»Den Nil, Blumen, Vögel, Bienen, Affen, Krokodile.« Sie zählte zehn weitere Motive auf und Navakam konnte gar nicht anders, als sie ein weiteres Mal zu umarmen. Er hätte ihr gern einen Kuss auf die Wange gedrückt, war aber unsicher, ob ihr das gefallen würde. Voller Bedauern ließ er sie los und murmelte: »Jetzt muss ich zurück, bevor sie einen Suchtrupp losschicken. Heute Nachmittag können wir uns leider nicht sehen, weil mich meine Familie in Beschlag nimmt. Aber morgen treffen wir uns zur üblichen Zeit.«
* * *
Als er acht Jahre alt war, begann er, sich näher mit dem Thema Wiedergeburt zu beschäftigen. Sein Lehrer hatte ihn darauf gebracht. Doch als er am anderen Tag genauere Informationen haben wollte, lautete die Antwort, dass er dafür noch zu jung wäre. Er müsse zehn Jahre alt sein, ehe er alles verstehen könne.
Navakam ärgerte sich. Erst macht er mir den Mund wässrig und dann lässt er mich verdursten! Er überlegte, ob es jemand anderen gab, der ihm Auskunft geben könnte, und kam auf seinen Großvater Dedumose. Aber dann getraute er sich doch nicht, ihn darauf anzusprechen. Bei seinem Vater Jasen brauchte er es gar nicht erst zu versuchen. Der machte abfällige Witze über Wiedergeburt. Erst neulich hatte er beim Abendessen zum Besten gegeben: »Treffen sich zwei Bauern. Sagt der eine zum anderen: ›Ich glaube, wir beide haben schon mal gelebt. Immer wenn ich dich sehe, habe ich das Gefühl, dich aus einem vorherigen Leben zu kennen.‹ Erwidert der andere: ›Du hast recht. Du warst der Esel, der meine Kornsäcke zum Markt geschleppt hat.‹«
