Kaiti - Selma Nemo - E-Book

Kaiti E-Book

Selma Nemo

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Beschreibung

Ägypten im 3. Jahrhundert n. Chr. Luna hat es geschafft! Die ehemalige Gladiatorin konnte nach einem Aufstand fliehen und lebt mit ihrer Familie in Alexandria. Lunas Tochter Kaiti hat von ihren Eltern Mut und Willensstärke geerbt. Zusammen mit einer Artistentruppe reist sie nach Rom. Bei einem dramatischen Vorfall im Kolosseum lernt sie den jungen Gladiator Leo kennen und flieht mit ihm. Er bringt ihr das Messerwerfen bei und schon bald übertrifft sie ihn in diesem Metier. Er will mehr als nur ihr Weggefährte sein. Aber kann sie sich ein Leben an seiner Seite vorstellen? Während sie noch unterwegs ist, ahnt sie nichts von der Gefahr, in der ihre ganze Familie schwebt. Die Vergangenheit hat Luna eingeholt und bedroht ihr Glück. Doch die größte Herausforderung für Kaiti ist ein geheimnisvoller Ägypter, Nehesi. Dieser im Verborgenen wirkende Pharao behauptet, in ihr seine Seelenverwandte gefunden zu haben, mit der er schon viele Leben geteilt hat. Kann das rätselhafte Ägypten mit seinem Glauben an Wiedergeburt Eingang in Kaitis Herz finden? Oder ist ihr Freiheitsdrang stärker als die Liebe?

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kaiti

Die Tochter der Gladiatorin

Selma Nemo

Historischer Roman

Ägypten im 3. Jahrhundert n. Chr.

Luna hat es geschafft! Die ehemalige Gladiatorin konnte nach einem Aufstand fliehen und lebt mit ihrer Familie in Alexandria.

Lunas Tochter Kaiti hat von ihren Eltern Mut und Willensstärke geerbt. Zusammen mit einer Artistentruppe reist sie nach Rom. Bei einem dramatischen Vorfall im Kolosseum lernt sie den jungen Gladiator Leo kennen und flieht mit ihm. Er bringt ihr das Messerwerfen bei und schon bald übertrifft sie ihn in diesem Metier. Er will mehr als nur ihr Weggefährte sein. Aber kann sie sich ein Leben an seiner Seite vorstellen? Während sie noch unterwegs ist, ahnt sie nichts von der Gefahr, in der ihre ganze Familie schwebt. Die Vergangenheit hat Luna eingeholt und bedroht ihr Glück.

Doch die größte Herausforderung für Kaiti ist ein geheimnisvoller Ägypter, Nehesi. Dieser im Verborgenen wirkende Pharao behauptet, in ihr seine Seelenverwandte gefunden zu haben, mit der er schon viele Leben geteilt hat. Kann das rätselhafte Ägypten mit seinem Glauben an Wiedergeburt Eingang in Kaitis Herz finden? Oder ist ihr Freiheitsdrang stärker als die Liebe?

Dieser Roman kann für sich allein oder als Teil der »Gladiatorinnen«-Reihe gelesen werden.

1: Luna – Zur Liebe geboren, zum Kämpfen verdammt

2: Kaiti – Die Tochter der Gladiatorin

3: Senmut – Der Enkel der Gladiatorin

4: Luna – Das Erbe der Gladiatorin

Copyright © 2023 by Selma Nemo

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Cover: Ria Raven, www.riaraven.de

Verwendete Grafiken: 1804294231 Shutterstock, 1827343754 Shutterstock, 173036651 Shutterstock, 472629712 Shutterstock, 2059860365 Shutterstock, 324003953 Adobe Stockmedien

All rights reserved.

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Erstellt mit Vellum

Für Alex, die größte Freude meines Lebens

Inhalt

Luna

Kaiti

Luna

Kaiti

Luna

Kaiti

Luna

Kaiti

Luna

Kaiti

Luna

Kaiti

Luna

Kaiti

Glossar

Nachwort der Autorin

Selma Nemo

Luna – Zur Liebe geboren, zum Kämpfen verdammt

Senmut – Der Enkel der Gladiatorin

Luna – Das Erbe der Gladiatorin

Die Keltin und der Pharao

Luna

Sie war selten so glücklich gewesen wie an dem Tag, da sie zusammen mit ihrer Familie die ägyptische Hafenstadt Alexandria erreichte. Ein kleines Segelboot hatte sie von Rhodos übers Mittelmeer gebracht. Als der Leuchtturm von Pharos am Horizont auftauchte, staunte sie über dessen Größe. Solch ein Bauwerk hatte sie nie zuvor gesehen. Der Turm besaß einen Unterbau, der höher war als das größte mehrstöckige Gebäude, das sie aus ihrer Heimatstadt Rom kannte. Darüber verjüngte er sich und ganz oben würden nachts Signalfeuer entzündet werden, die herannahenden Schiffen den Weg zeigten.

Sie war mit ihrem Mann Menan und den beiden Kindern vor ein paar Tagen aufgebrochen und gleich würden sie ägyptischen Boden betreten. Ihre Wangen hatten sich gerötet und ihre mondgrauen Augen blitzten wie blank poliertes Silber als der Landesteg in Sicht kam. Jetzt sprang Menan als Erster von Bord und vertäute das Boot.

Dann kam der große Augenblick. Luna betrat voller Ehrfurcht den Steg, als wäre er heilig wie der Eingang eines Tempels. Hinter ihr folgte ihre fünfjährige Tochter Kaiti, die ihren kleinen Bruder Agathon auf dem Arm trug und ihre Blicke über die vielen Handelsschiffe gleiten ließ. »Wo kommen die her? Was haben sie geladen? Wann fahren sie weiter?« Es war typisch für Kaiti immer gleich mehrere Fragen auf einmal zu stellen, ohne wirklich zu erwarten, dass sie alle beantwortet wurden.

»Wir erkundigen uns ein andermal«, bot Luna an, »im Augenblick ist es wichtiger, dass wir ein Quartier finden.«

Zum Glück wurde hier genau wie im Rest des Reichs Latein gesprochen. Ein Hafenbeamter kam herbeigeeilt und erkundigte sich nach der Dauer ihres Aufenthalts. Menan erklärte, dass sie einen Monat bleiben und dann entscheiden würden, ob sie noch länger verweilen wollten. Er bezahlte die Hafengebühr und fragte nach einem Gasthaus, das zu empfehlen wäre. Eines der Besten würde nicht weit vom Rathaus liegen, erfuhr er, und der Weg dorthin wäre einfach zu finden – immer der Menge der anderen Fußgänger folgen, die zum Stadtzentrum streben.

Es war in der Tat leicht, sich zurechtzufinden, da von der langgestreckten Hafenmole verschiedene Straßen schnurgerade Richtung Süden führten. In regelmäßigen Abständen wurden sie von Querstraßen durchbrochen, die ostwestlich verliefen.

Luna freute sich jetzt schon darauf, die Umgebung in den nächsten Tagen zu erkunden. Bislang wusste sie nur, dass hier das Grabmal Alexanders des Großen lag, dass der Griechenkönig die Stadt gegründet hatte und immer noch Heldenstatus besaß. Der wichtigste Tempel war Serapis geweiht, einem Gott, der sowohl Zeus als auch Osiris verkörperte, aber vom Aussehen her griechisch war. Sie selbst war eine glühende Anhängerin der ägyptischen Göttin Isis. Bestimmt existierte auch von ihr eine Kultstätte. Die würde sie gleich morgen aufsuchen.

Das Gasthaus „Gute Heimkehr“, das genauso wie der berühmte Hafen hieß, stand in einer kleinen Seitengasse, in der es ruhiger zuging als auf den großen Straßen. Es besaß zwei Stockwerke und sah einladend aus mit den rosa blühenden Oleandersträuchern rechts und links vom Eingang. In der Gaststube trafen sie auf den Wirt, der gerade mit seiner Frau die Einkäufe für den nächsten Tag besprach. Er hieß Decimus, besaß ein rundes Gesicht und eine stämmige Figur, über deren Bauch sich eine hellbraune Tunika spannte. Er setzte ein wohlwollendes Lächeln auf, als sie nach einem Zimmer fragten, führte sie zu einem Tisch und schenkte Wein in zwei Becher, die er Luna und Menan hinschob.

Ausführlich begann er zu schildern, was für illustre Gäste er letzten Monat beherbergt hatte. Während er sprach, glitt sein Blick immer wieder zwischen Luna, Menan und ihrer Tochter hin und her. Es schien ihn zu irritieren, dass Kaiti als Einzige blonde Haare und blaue Augen besaß, während ihre Eltern und ihr kleiner Bruder dunkelhaarig waren. Er war jedoch taktvoll genug, keine indiskreten Fragen zu stellen. Als die Weinbecher geleert waren, führte er sie ins obere Stockwerk zu einem schönen großen Zimmer mit Blick auf einen Hinterhof, der mit Palmen, Rosenbüschen und einer Sitzecke zum Verweilen einlud.

Dann nannte er die Uhrzeit, zu der es Abendessen geben würde, und ließ sie allein. Kaiti setzte Agathon auf einem der beiden Betten ab, die mit bunt gemusterten Decken ausgestattet waren, trat an das Fenster, das zur Vorderfront hinauszeigte, schaute auf die Gasse hinunter und japste begeistert: »Ich sehe drei Mädchen und einen Jungen. Oh bitte, Vater, Mutter darf ich zu ihnen?«

Luna und Menan grinsten sich an. Sie kannten Kaitis größten Wunsch, eine Freundin zu finden, mit der sie über alles reden konnte, was ihr gerade durch ihren hübschen Kopf geisterte. Sie quoll sicher über vor Mitteilungsdrang, schließlich galt es von einer aufregenden Reise zu berichten.

»Meinetwegen«, erwiderte Menan gutmütig, »aber nur bis zum Abendessen!«

Sie gab erst ihm, dann Luna einen schmatzenden Kuss und eilte davon. Agathon schaute ihr hinterher, sichtbar enttäuscht, wie wenig sie sich für ihn und ihr neues Zuhause zu interessieren schien, geschweige denn dass er einen Kuss erhalten hätte. Dabei hatte sie auf dem ganzen Weg hierher ununterbrochen gemutmaßt, wie das Gasthaus wohl aussehen würde, ob sie ein eigenes Bett bekäme, ob die Kleiderkommode groß genug wäre und ob das Essen schmecken würde.

Jedes Mal, wenn ihr Gefühlsausbruch endete, weil ihr nichts mehr einfiel oder weil sie den Raum verlassen hatte, kam dem Rest der Familie die plötzlich eintretende Stille derart seltsam vor, als würde etwas so Wesentliches wie die Atemluft fehlen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sie die Ruhe genießen konnten. In der Regel machte Menan an dieser Stelle den üblichen Witz, so auch heute. »Man sollte Geld aus ihrem Redeschwall schlagen, dann wären wir reich bis ans Lebensende.«

»Du sprichst von schlagen?«, wiederholte Luna und boxte ihn spielerisch in die Seite. Weil er sich dann immer den Bauch hielt, als wenn er ernsthaft getroffen worden wäre, musste Agathon kichern und das wiederum brachte seine Eltern zum Lachen. Agathon war noch zu klein, um zu wissen, dass die beiden als Gladiatoren in Rom gekämpft hatten. Lunas Fausthiebe, selbst wenn sie spielerisch wirkten, zeugten immer noch von ihrer Kraft.

Agathon glitt jetzt vom Bett, schob sich zwischen seine Eltern und versuchte, an Menan hochzuklettern. Der nahm ihn auf die Arme, trug ihn zum Bett zurück und fing an, ihn zu kitzeln. Als sich jetzt auch noch Luna an dem Spaß beteiligte, wand sich der Kleine wie ein Fisch auf dem Trockenen. Dabei quietschte er hoch und wild, bis ihm die Tränen kamen. Anfangs genoss er es, durchgekitzelt zu werden und forderte es geradezu heraus. Aber dann kam immer der Punkt, an dem er sich über das schadenfrohe Gelächter seiner Eltern ärgerte und spätestens dann hörten sie auf.

»Wir sollten nicht so einen Radau machen«, seufzte Menan, »möglicherweise haben wir Zimmernachbarn, denen das nicht gefällt.«

Luna schaute ihn erschrocken an. Er hatte recht. Sie waren hier nicht zuhause. Es wäre fatal, Aufmerksamkeit zu erregen. Das hatte sie vor lauter Freude über ihre Ankunft ganz vergessen. Von jetzt an mussten sie mehr Vorsicht walten lassen, denn es gab einen Grund, warum sie Griechenland verlassen hatten. Eigentlich hatten sie dort für immer bleiben wollen. Aber dann war ihnen ein anderer Gladiator auf die Spur gekommen und sie hatten fliehen müssen. Denk nicht an Britannicus!, ermahnte sie sich jetzt. Dies ist dein erster Tag in Ägypten. Du sollst dich freuen und nicht mit der Vergangenheit hadern. Heute beginnt für dich und deine Familie ein neues Leben.

* * *

Nachdem sie am anderen Morgen in der Gaststube kleine mit Kräutern gewürzte Fladenbrote, Datteln und Melonenscheiben zum Frühstück bekommen hatten, gingen sie wieder in ihr Zimmer. »Was wollt ihr zwei heute unternehmen?«, erkundigte sich Menan bei Luna, als er sah, wie sie sich vor den großen Wandspiegel stellte und ihre dunkel glänzenden, leicht gewellten Haare mit einem blauen Band schmückte.

»Das weißt du doch«, belehrte sie ihn, »seit gestern rede ich von nichts anderem. Ich möchte die Stadt erkunden. Du könntest derweil unseren Wirt aushorchen. Wir müssen wissen, ob wir hier sicher sind oder ob er einer von denen ist, die wegen jeder Kleinigkeit zu den Behörden rennen.«

Während sie sprach, war er hinter sie getreten, so dass man jetzt im Spiegel zwei Gesichter sehen konnte, sein eigenes über dem von Luna. Er war einen Kopf größer, so dass er sein Kinn, wenn er gewollt hätte, auf ihren Scheitel legen konnte. An seinen Schläfen zeigten sich erste graue Haare, um die braunen Augen winzige Fältchen. Doch er fand, dass er immer noch dieses jungenhafte Grinsen hinbekam, das Luna so sehr mochte. Sie lächelte prompt, als er eine Kostprobe davon gab, drehte sich um, schlang ihre Arme um seine Taille und küsste ihn.

Kaiti hatte die Szene beobachtet und verdrehte die Augen. Sie fand das Benehmen ihrer Eltern manchmal ziemlich peinlich. Wieso müssen sie sich dauernd küssen?, überlegte sie verdrossen.Sie warf einen raschen Blick auf Agathon, doch der war vollkommen ahnungslos wie immer.

»Können wir endlich gehen?«, murrte sie.

Luna löste sich zögernd von Menan und griff nach dem Geldbeutel, der auf dem Tisch lag. Sie streichelte Agathons Wange und folgte Kaiti die Treppe hinunter. Als sie in der Wirtsstube an Decimus und seiner Frau vorbeigingen, die ihnen neugierige Blicke zuwarfen, wurde ihr schlagartig bewusst, dass sich die Wirtsleute jetzt das Maul zerreißen würden, weil Menan und Agathon hierblieben. Normalerweise war es umgekehrt: Männer erkundeten die neue Umgebung und Frauen warteten auf deren Rückkehr.

Draußen auf der Gasse liefen sie einem der Mädchen über den Weg, mit dem Kaiti am Vorabend gespielt hatte, und Kaiti lachte überdreht: »Wie schön, dass ich dich treffe, Acca! Meine Mutter und ich erkunden die Stadt, sind aber am Nachmittag wieder zurück. Können wir dann spielen? Wir sind doch jetzt Freundinnen oder?«

Acca, die sich an den Redeschwall erst noch gewöhnen musste, erwiderte verlegen: »Ob wir spielen können, weiß ich nicht. Ich muss meiner Mutter beim Kochen helfen.« Die Frage nach dem Freundinnenstatus ließ sie vorsichtshalber unbeantwortet. Doch sie warf einen neugierigen Blick auf Luna. Selbst sie, die Achtjährige, wunderte sich genau wie die Wirtsleute, warum Luna und Kaiti so wenig Ähnlichkeit besaßen und warum sie ohne männliche Begleitung in die Stadt gingen.

Luna nickte Acca freundlich zu und nahm Kaitis Hand, um sie Richtung Hauptstraße zu dirigieren, sonst wäre es ein endloses Palaver geworden. »Du musst mir jetzt zuhören«, begann sie eindringlich, »ich weiß, dass du mir von Acca erzählen möchtest. Doch im Augenblick müssen wir uns auf unsere Umgebung konzentrieren, sonst finden wir den Rückweg nicht. Hast du verstanden?«

Kaiti seufzte niedergeschlagen. Warum mussten Erwachsene dauernd Ermahnungen vom Stapel lassen? Doch sie schaffte es, eine Weile den Mund zu halten. Schließlich war es eine große Freude, mit ihrer Mutter allein zu sein. Nicht, dass sie Menan weniger geliebt hätte, obwohl er genau betrachtet nicht ihr Erzeuger war. Das war Britannicus. Aber der war tot. Manchmal wünschte sie sich, mehr über dessen Leben und sein allzu frühes Ende zu erfahren. Doch Luna und Menan wichen jedes Mal aus, wenn sie Fragen stellte. Eines Tages erwische ich den passenden Augenblick und dann müssen sie mir Auskunft geben, schwor sie sich zum wiederholten Mal.

Inzwischen gelang es ihr, sich auf die neue Umgebung zu konzentrieren und deren Besonderheiten aufzusaugen. Von Rhodos kannte sie nur das abgeschiedene Landhaus, in dem sie geboren worden war, und ein paar Dörfer. Alexandria war die erste Großstadt, die sie erlebte, zudem die zweitgrößte des Römischen Reichs. Das allein war furchtbar aufregend. Schon am Vortag hatte sie festgestellt, dass hier Menschen aus verschiedenen Ländern unterwegs waren: Ägypter, Römer, Griechen, Syrer. Am auffälligsten waren Afrikaner. Luna musste sie mehrfach ermahnen, die vielen Schwarzhäutigen nicht so anzustarren. Vom Wirt wusste sie ferner, dass hier auch so ziemlich alle Religionen vertreten waren und dass es eigene Stadtviertel für Juden und Christen gab.

Ihr war nicht bewusst, dass sie selbst ebenfalls angegafft wurde, was zum Teil daran lag, dass ihre Tunika aus demselben türkisfarbenen Stoff geschneidert war wie die ihrer Mutter. Kaiti mochte es, sich farblich ihrer Mutter anzupassen und hätte am liebsten auch ähnlichen Schmuck getragen. Doch in der Hinsicht biss sie bei Menan auf Granit. Er hatte ihr, abgesehen von einem einzigen Goldkettchen, nur einfachen bunten Perlenschmuck zu verschiedenen Gelegenheiten wie Geburtstag und besonderen Feiertagen geschenkt. Luna hingegen trug hoch erhobenen Hauptes ägyptische Symbole wie das Lebenszeichen und Ringe mit Skarabäen. Menan hatte ihr die Stücke vor langer Zeit gekauft. Damals hatten sie noch viel Geld besessen. Doch seitdem sie Rhodos verlassen hatten, rieb man Kaiti ständig unter die Nase, dass sie jetzt sparsamer leben mussten.

Die paar Münzen, die Luna heute mitgenommen hatte, sollten nur dazu dienen, in einer der vielen Garküchen ihren Hunger zu stillen. An der nächsten Straßenecke duftete es derart verführerisch nach Mandelkonfekt, dass sich Luna eine Tüte geben ließ. Nachdem sie die Hälfte genüsslich aufgefuttert hatten, setzten sie ihren Weg Richtung Osten fort, indem sie gewissenhaft alle Querstraßen zählten. Kaiti war furchtbar stolz, weil sie bis hundert zählen konnte, und hatte am Vorabend den anderen Kindern gegenüber ziemlich damit angegeben.

Als Nächstes würde sie hoffentlich schreiben lernen, falls Menan genug Zeit übrig blieb. Er hatte angekündigt, dass er sich eine Arbeit suchen wollte. Und im Gasthaus würden sie auch nur so lange bleiben, bis sie eine preiswerte Wohnung fanden. So viele Veränderungen in nächster Zeit, das war nur schwer zu verkraften, fand Kaiti.

Eine halbe Stunde später näherten sie sich dem Isis-Tempel. Er stand am Ende einer Sackgasse und man begriff sofort, dass dies ein heiliger Ort war. Rechts und links vom Eingang erhoben sich breite, aber nicht sehr hohe Türme. Beide waren durch einen Überbau verbunden. Diese Bauweise wurde von den Ägyptern Pylone genannt. Auf der Frontseite jedes Turms war ein überlebensgroßes Abbild der Göttin zu sehen, jeweils im Profil, die Gesichter einander zugewandt. Ehrfürchtig näherten sie sich den weit geöffneten Flügeltüren aus kostbarem Zedernholz. Da sie zu dieser frühen Stunde die einzigen Besucher waren, konnten sie erst einmal eine Weile stehenbleiben und das Ganze auf sich wirken lassen.

Plötzlich geschah etwas mit Kaiti. Der Anblick des Gebäudes, die herrliche Göttin, deren Krone aus einer Sonnenscheibe bestand, die von zwei Kuhhörnern umrahmt wurde, lösten etwas in ihr aus, gegen das sie sich nicht wehren konnte. Als wäre sie eine Schlafwandlerin, setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen, die Augen starr auf die Hieroglyphen gerichtet, die über dem Tor in den Stein gemeißelt waren.

Luna hatte die Veränderung sofort bemerkt und folgte ihr beunruhigt. Sie hatte von religiösen Verzückungen gehört, die manche Pilger ergriffen. Aber so etwas konnte doch niemals ihrer Tochter widerfahren! Die war viel zu selbstbewusst, um die Kontrolle über ihr Tun zu verlieren.

Jetzt blieb Kaiti ruckartig stehen, den Blick immer noch nach oben gerichtet, und flüsterte mit einer Stimme, die vor Sorge zitterte: »Glaubst du, dass ich ein reines Herz besitze, Mutter?«

Inzwischen bekam es Luna wirklich mit der Angst zu tun und antwortete rasch: »Natürlich hast du das, mein Kind! Was für eine Frage!«

Kaitis seltsames Verhalten hatte einen kahlgeschorenen, ganz in Weiß gekleideten Priester herbeigelockt, der sich erkundigte, ob sie beide dem Tempel einen Besuch abstatten wollten. Kaiti konnte nur nicken. Sie, die sonst immer so viele Worte fand, blieb stumm. Luna griff nach ihrer Hand und führte sie in die vom Priester gewiesene Richtung, den Innenhof. Ein überdachter und von Säulen gestützter Gang lief um den Hof herum.

»Das Allerheiligste dürft ihr leider nicht betreten, bleibt am besten hier«, erklärte der Mann.

Luna und Kaiti setzten sich auf eine Bank und ließen die imposante Anlage auf sich wirken. Die ägyptische Bauweise beeindruckte durch ihre Größe. Das Wesen eines Gottes oder einer Göttin wurde allein dadurch ausgedrückt. Jetzt versenkten sie sich in den an- und abschwellenden Gesang, der aus der Nähe ertönte, und rochen kostbaren Weihrauch.

Beide verloren jegliches Zeitgefühl. Für Luna war es, als hätte sie eine der wichtigsten Etappen ihres Lebens erreicht und könnte von jetzt an immer wieder Trost und Heilung an diesem Ort erfahren. Es beunruhigte sie jedoch, wie stark Kaiti auf den Tempel reagiert hatte. Vielleicht spricht er bei Kindern etwas an, was Erwachsene nicht so offensichtlich wahrnehmen, überlegte sie.

Als sie am Sonnenstand erkannte, dass fast eine Stunde vergangen sein musste, gab sie Kaiti ein Zeichen, sich zu erheben. Ihre Tochter schaute sie mit einem verwunderten Gesichtsausdruck an, als hätte man sie aus einem Traum gerissen, erhob sich aber gehorsam. Derselbe Priester von vorhin trat zu ihnen und erteilte ihnen seinen Segen. Er begleitete sie vor die Tür, um sich dort zu verabschieden. Wieder schaute Kaiti zu den Hieroglyphen hoch, die in den Torbogen gemeißelt waren, und erkundigte sich mit belegter Stimme: »Bitte sag mir, was dort geschrieben steht, Herr.«

Die Antwort klang feierlich: »Tritt ein, wenn du reinen Herzens bist.«

Jetzt seufzte Kaiti wie jemand, der bei einer schwerwiegenden Angelegenheit Gewissheit erlangt hat.

Luna aber dachte verblüfft: Von mir hat sie diesen Tempelspruch nie gehört. Ich kannte ihn gar nicht. Was für ein Zauber ist hier am Werk?

* * *

Abends, als die Kinder schon schliefen, unterhielt sich Luna im Flüsterton mit Menan und erzählte ihm vom Isis-Tempel. Irritiert hakte er nach: »Sie hat es geschafft, eine Stunde lang den Mund zu halten? Ist sie krank?«

»Dass sie eine Weile nicht mehr gesprochen hat, war verständlich. Schließlich soll man sich in einem Tempel angemessen verhalten. Aber wieso hat sie gewusst, dass man ein reines Herz besitzen muss, wenn man ihn betreten möchte? Auf dem Rückweg habe ich versucht, sie darüber auszuquetschen. Entgegen ihrer Art hat sie nur einsilbig geantwortet. Der Gipfel war schließlich, dass sie behauptet hat, schon einmal in solch einem Tempel gewesen zu sein.«

Menan versuchte es mit einer Erklärung. »Wir hielten sie immer für außergewöhnlich selbstbewusst. Aber ich glaube, sie ist im Augenblick ziemlich durcheinander. Sie ist wunderbar behütet auf Rhodos aufgewachsen. Dann mussten wir von einem Tag auf den anderen fliehen. Jetzt fällt es ihr schwer, sich an ein vollkommen anderes Leben zu gewöhnen. Kinder sind zwar neugierig, doch im Grunde genommen wollen sie, dass alles beim Alten bleibt. Bestimmt vermisst sie auch unseren Freund Pelagius und dessen Familie, die wir zurücklassen mussten.«

»Da ist was Wahres dran.«

»Konntest du sie nicht auf ein anderes Thema bringen? Was ist zum Beispiel mit dem Mädchen, mit dem sie sich angefreundet hat?«

»Du meinst Acca. Deren Familie stammt ursprünglich aus einem kleinen Dorf am Nil und sie würden alle furchtbar gern in zwei Wochen zu einer Hochzeit reisen. Aber das scheint irgendwie schwierig zu sein. Kaiti erzählte Acca daraufhin, dass wir ein Segelboot besitzen, und jetzt stellt sich die Frage, ob wir sie zu ihrem Fest fahren sollen.«

Menan hob in gespielter Verzweiflung die Hände wie jemand, der vor einem übermächtigen Feind kapituliert. »Verdammt noch mal, wann lernt sie endlich, zuerst nachzudenken, bevor sie irgendetwas ausplaudert? Warum sollten wir wildfremde Leute auf unser Boot einladen?«

Er erwartete, dass ihm Luna Recht geben würde. Doch sie konterte geschickt: »Du bist doch auf der Suche nach Arbeit. Unser Boot könnte dabei von Nutzen sein, entweder indem du dich anbietest, Leute zu befördern, oder indem du reichen Alexandrinern, die nach Zerstreuung lechzen, das Segeln beibringst.«

Er starrte sie fassungslos an. Wie schnell hatte sie diesen Plan ausgeheckt? Sie waren erst eineinhalb Tage hier und schon kommandierte sie ihn herum. »Aber dann wäre ich getrennt von euch, vielleicht tagelang auf dem Meer oder dem Nil. Willst du das?«

»Du wirst keine Arbeit hier im Gasthaus finden. Also musst du uns tagsüber sowieso verlassen. Du liebst das Segeln! Warum also nicht eine Leidenschaft mit etwas Nützlichem verbinden?«

Er ärgerte sich immer mehr, weil sie sofort lauter vernünftige Gründe parat hatte. Er liebte sie von ganzem Herzen, war immer noch verrückt nach ihr und konnte sich ein Leben ohne sie und die Kinder nicht vorstellen. Aber irgendwie ging ihm das jetzt gewaltig gegen den Strich.

Um sie vom Thema Arbeit abzulenken, über das er erst noch in Ruhe nachdenken wollte, kam er auf den Wirt zu sprechen. »Ich glaube mit ihm haben wir Glück. Er verkörpert eine wohltuende Mischung aus Diskretion und Offenherzigkeit. Er arbeitet nur dort mit den Behörden zusammen, wo es unbedingt nötig ist. Zwar besitzt er gute Kontakte und erfährt so manches, was nicht gleich in der ganzen Stadt die Runde machen soll. Er ist sich aber auch bewusst, dass man als Bürger vorsichtig sein muss und nicht zu viel von sich selbst preisgeben darf. Am meisten gefällt mir, dass er abends, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Essensreste an die Armen verteilt.«

»Hat er über die Dinge gesprochen, die nicht gleich die Runde machen sollen?«

»Er hat nur angedeutet, dass in Kürze hoher Besuch aus Rom erwartet wird.«

Diese Aussage alarmierte Luna augenblicklich. »Frag ihn, was mit ›hoher Besuch‹ gemeint ist. Du weißt, dass es ein paar Leute gibt, denen wir nie mehr begegnen sollten!«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Ich werde mich erkundigen. Aber, mein Liebling, hast du mich denn gar nicht vermisst? Sollen wir beide einander nicht beweisen, was uns den ganzen Tag gefehlt hat?«

Er setzte ein hinterhältiges Grinsen auf und Luna, die genau wusste, wie das gemeint war, huschte zum Bett der Kinder hinüber. Nachdem sie sich überzeugt hatte, dass beide tief und fest schliefen, kam sie zurück und zog bereits im Gehen ihre Tunika aus. Menan seufzte beglückt, weil sie es jedes Mal genoss, mit ihm Liebe zu machen. Sie war sinnlich und erfinderisch. Es bereitete ihr Freude, Lust zu schenken und zu empfangen. Das stellte er zum wiederholten Mal fest, als er ihren Schoß mit seinen Fingern erkundete.

»Meine Schöne«, murmelte er mit rauer Stimme, »genau das hat mir gefehlt.«

* * *

Am nächsten Morgen liefen Luna und Kaiti genau wie am Vortag Acca über den Weg. Diesmal begrüßten sich die Mädchen, als würden sie sich schon lange kennen und Kaiti lachte vergnügt: »Acca, zeigst du meiner Mutter, was du mir gestern vorgeführt hast?«

Die kleine Alexandrinerin zierte sich ein wenig, setzte dann aber zu einem Sprung an und machte einen Salto vorwärts und gleich danach einen rückwärts.

»Wunderbar!«, rief Luna beeindruckt. »Das sah perfekt aus. Ich gratuliere!«

Accas Gesicht fing an zu glühen und sie wusste nicht, wo sie hingucken sollte. Luna versuchte, ihr ihre Verlegenheit zu nehmen. »Es ist schön, dass ihr euch angefreundet habt. Wir Erwachsenen sollten uns ebenfalls kennenlernen. Acca frag doch bitte deine Mutter, ob ich in den nächsten Tagen vorbeikommen darf.«

Dann verabschiedete sie sich freundlich und dirigierte ihre Tochter Richtung Hafen. Kaiti hatte beim Frühstück gebettelt, dass sie dem Isis-Tempel einen erneuten Besuch abstatten sollten. Luna fand es zwar einerseits wunderbar, dass sie sich so sehr zu der wichtigsten Göttin Ägyptens hingezogen fühlte. Doch das gestrige Erlebnis gab ihr immer noch zu denken. Vielleicht fanden sie heute ein anderes lohnenswertes Ziel. Kaiti war in der Regel schnell abzulenken und das wollte sich Luna zunutze machen.

Eigentlich wäre es rechtens gewesen, gleich zu Beginn ihres Aufenthalts dem Serapeum einen Besuch abzustatten. Doch wie würde Kaiti wohl auf einen noch viel größeren Tempel reagieren? Luna steuerte daher lieber den Palast am Hafen an und umrundete ihn staunend. Die Vorderseite bestand aus mehreren großen Torbögen, über denen ein breiter Fries verlief. In die Bögen und den Fries hatten Steinmetze wunderbare Blumenornamente gemeißelt. Hier hatte vor langer Zeit Kleopatra residiert. Inzwischen tat dies der Kaiserliche Statthalter.

Ägypten war dank seines Getreideanbaus zu einer der wichtigsten Provinzen des Römischen Reichs geworden. Wenn eine Ernte, was selten vorkam, nur mager ausfiel, brachen in der Hauptstadt Unruhen aus, weil eine Hungersnot befürchtet wurde. War es nicht bezeichnend, dass der Kaiser vor allem deswegen Gladiatorenkämpfe abhalten ließ, damit die einfachen Leute von solchen Problemen abgelenkt wurden? Sie mussten sich nicht mehr mit ihrem eigenen Elend beschäftigen, sondern konnten baumstarken Männern und Frauen dabei zuschauen, wie sie sich gegenseitig abschlachteten

Wie habe ich jemals an solch grausamen Spektakeln teilnehmen können?, fragte sich Luna schaudernd. Es war das Umfeld, das sie damals dazu gezwungen hatte. In einer Stadt, in der das Perverse normal geworden war und Brutalitäten der Belustigung dienten, verloren die Einwohner ihr gesundes Maß an Anstand. Doch die Erinnerung an jene Zeit im Kolosseum würde sie niemals abschütteln können. Falls es ihr tagsüber gelang, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, suchte die Vergangenheit sie in Form nächtlicher Albträume heim. Sie wusste, dass es Menan genauso ging, und das war mit ein Grund, warum sie dauernd Liebe machten. Es steckten viel Verzweiflung dahinter und der brennende Wunsch, etwas Schönes zu erleben.

Jetzt warf sie einen raschen Seitenblick auf Kaiti, die seit einer ganzen Weile keinen Mucks von sich gegeben hatte. Sie verändert sich in dieser Stadt, überlegte Luna besorgt, und ich weiß nicht, ob zum Guten oder Schlechten. Ein Glück, dass sie sich mit Acca angefreundet hat. Das wird ihr helfen, sich besser zurechtzufinden.

Sie gingen die Hafenstraße entlang und entdeckten einige Gasthäuser, die nicht so einladend aussahen wie ihr eigenes. Manche waren richtig heruntergekommen. Auch gab es hier mehr Bettler als im Zentrum und an einer Straßenecke fielen Kaiti ein paar Frauen auf, die sich auf seltsame Weise herausgeputzt hatten. Ihre Kleider waren kürzer als üblich und erstaunlich tief ausgeschnitten, so dass man den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte. Außerdem trugen sie viel Schmuck und klimperten herausfordernd mit ihren Armreifen.

Kaiti blieb in gebührendem Abstand stehen und erkundigte sich: »Was sind das für Frauen, Mutter?«

Vor dieser Frage, die zwangsläufig in einer Großstadt auftauchen musste, hatte sich Luna gefürchtet, antwortete jedoch beherzt: »Man nennt sie Huren. Von den meisten Menschen werden sie verachtet. Sie müssen einem Gewerbe nachgehen, das einen schlechten Ruf hat. Männer haben es leichter, sie können schon in jungen Jahren einen Beruf lernen und gutes Geld verdienen. Aber ich sage dir jetzt etwas, das du dir merken sollst. Manchmal wächst ein Mädchen in einer bitterarmen Familie auf. Dann kommen irgendwelche Schicksalsschläge hinzu. Ein Eltern- oder Geschwisterteil benötigt teure Medizin oder es stirbt derjenige, der die Familie bis dahin ernährt hat. Dann muss die junge Frau für sich selbst sorgen. In so einem Fall bleibt ihr kaum etwas anderes übrig, als das Einzige zu verkaufen, was sie besitzt, und das ist ihr Körper.«

Kaiti schaute mit großen Augen zu ihr auf und murmelte beeindruckt: »Das muss schlimm sein. Aber was meinst du mit ›ihren Körper verkaufen‹?«

Luna war froh, dass Kaiti auf dem Land aufgewachsen war und schon öfter Tiere bei der Paarung beobachtet hatte. Es fiel Luna daher nicht allzu schwer, mit ihrer Erklärung fortzufahren. »Du weißt, wenn sich Erwachsene lieben, vereinen sich ihre Körper. In der Regel heiraten Mann und Frau, bevor sie das tun. Aber es gibt Situationen, da ist eine Heirat nicht möglich oder unerwünscht. Männer, die trotzdem das Bedürfnis haben, mit einer Frau zusammen zu sein, tun es in dem Fall mit einer Meretrix. Dafür müssen sie ihr Geld geben.«

Kaiti dachte eine Weile nach und fragte: »Gibt es das auch umgekehrt? Dass eine Frau einen Mann haben will und ihm Geld für seinen Körper gibt?«

 »Das gibt es auch«, lachte Luna, »aber es findet nicht so öffentlich statt wie bei den Huren und in der Regel sind es nur reiche Frauen, die sich einen Liebhaber leisten können.«

Es war typisch für Kaiti, jetzt eine Provokation vom Stapel zu lassen. »Wie gut, dass wir nicht mehr so viel Geld haben!«

Luna schnappte empört nach Luft, beschloss jedoch, das wiedererwachte lose Mundwerk ihrer Tochter als Fortschritt zu werten, und grinste verhalten.

Doch irgendwie war Kaiti durch das Thema Armut in eine düstere Stimmung geraten und seufzte betrübt: »Mir fehlen Pelagius, Daphne und ihre Kinder ganz schrecklich!«

»Das verstehe ich«, gab Luna zu. »Mir fehlen sie auch.« Pelagius hatte ihnen damals nach dem Gladiatorenaufstand aus Rom herausgeholfen und sie auf ihrer Irrfahrt durch halb Griechenland begleitet, bis sie sich mit ihm zusammen auf Rhodos niederließen. Es war eine tiefe Freundschaft zu ihm, seiner Frau und seinen Kindern entstanden. Sie lebten alle in dem Landhaus, in dem Kaiti geboren worden war. Doch als Britannicus auftauchte und sie fliehen mussten, beschlossen Luna und Menan, sich von Pelagius zu trennen. Sie gaben ihm eine ansehnliche Summe, damit er sich woanders eine neue Existenz aufbauen konnte. Er sollte keinesfalls den römischen Behörden in die Hände fallen, die zweifellos nach Mitwissern des Aufstands suchten.

Es war ein tränenreicher Abschied geworden und sie hatten vereinbart, über seinen Schwager in Kontakt zu bleiben. Der war Bürgermeister einer kleinen Stadt auf Naxos. Doch es würde noch eine Weile dauern, bis sie ihm einen Brief schicken konnten. Sie mussten abwarten, wie sich ihre Zukunft in Alexandria gestaltete. Vielleicht sahen sie sich gezwungen, schon bald ein neues Ziel anzusteuern. Es machte erst dann Sinn, sich bei Pelagius zu melden, wenn sie einen sicheren Ort gefunden hatten.

Das alles wusste Kaiti nicht. Sie hatte nur von einem Tag auf den anderen Abschied nehmen müssen. Menan hatte recht. Das war für eine Fünfjährige kaum zu verkraften, die in ihrem bisherigen Leben nichts weiter als Frieden und Geborgenheit erlebt hatte. Aber wie sollte Luna ihre Tochter trösten? Wenn wenigstens ein Verkaufsstand mit Süßigkeiten in der Nähe gewesen wäre!

Da sie inzwischen müde Füße bekommen hatten, schlugen sie den Rückweg ein, diesmal direkt am Rathaus vorbei. Das hatten sie bis jetzt noch nicht erkundet. Als sie sich dem Prachtbau näherten, fielen Luna sofort die Fahndungsplakate auf, die an der Außenmauer hingen. Und wie unter einem inneren Zwang ging sie näher, um sie mit raschem Blick zu studieren. Es waren elf Plakate, teilweise mit Zeichnungen der Gesuchten versehen, meistens aber nur mit deren Namen und der Verbrechen, die sie begangen hatten.

Als sie das Letzte überflogen hatte, stieß sie einen stillen Seufzer aus. Ihr eigenes Plakat und das von Menan hingen nicht mehr dort. Was für eine Erleichterung! Sie konnte sich noch genau an den Wortlaut von Menans Plakat erinnern. »Ancus Volero Domenian, genannt Menan, wird gesucht als Rädelsführer eines Gladiatorenaufstands«. Von ihr selbst war damals nur der Name Luna bekannt gewesen, und die Zeichnung, die sie darstellen sollte, hätte jede x-beliebige Römerin sein können.

Das mit dem Gladiatorenaufstand war eine furchtbar waghalsige Aktion gewesen. Doch ihrem damaligen Mut war es zu verdanken, dass sie und Menan aus Rom fliehen konnten. Es waren noch mehrere andere Gladiatoren beteiligt gewesen. Sie waren hingerichtet worden bis auf zwei: Britannicus hatte ein geniales Versteck gefunden und war anschließend ein paar Jahre herumgereist, bis er nach Rhodos kam. Der vierte Überlebende war ein Afrikaner, hieß Tikonago, genannt Tikko, und stammte aus Kusch, einem Land südlich von Ägypten. Er hatte es damals zusammen mit Luna und Menan aus Rom heraus geschafft, war aber so schwer verletzt gewesen, dass sie ihn zurücklassen mussten. Die Ungewissheit, was anschließend mit ihm geschehen sein mochte, machte Luna immer noch zu schaffen, und sie spürte einen heftigen Stich, als sie jetzt an ihn dachte. Sofort ermahnte sie sich: Kaiti darf nicht merken, wie sehr es mich erschüttert, an die Vergangenheit erinnert zu werden.

Doch ihre Knie zitterten immer noch, als sie in die Gasse bogen, die zu ihrem Gasthaus führte. Sie sehnte sich nach Menans starken Armen und seiner beruhigenden Stimme. Sie war daher erleichtert als sie Acca trafen, und erlaubte Kaiti, bis zum Abendessen bei ihrer Freundin zu bleiben. Zum Glück war die Wirtstube leer, so dass sie kein Schwätzchen mit Decimus oder seiner Frau halten musste. Wenn die beiden auf ihren jüngsten Sohn Silvanus zu sprechen kamen, der ein ziemlich berühmter Dichter geworden war, nahm ihr Redefluss kein Ende.

Mit schweren Schritten erklomm sie die Treppe. Menan und Agathon hatten gerade ihren Mittagsschlaf beendet, als sie zur Tür hereinkam. Menan spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, zog sie zu sich aufs Bett und erkundigte sich leise: »Was ist los, meine Schöne?«

Stockend berichtete sie, welch großen Schrecken ihr die Fahndungsplakate eingejagt hatten. »Wir werden unser Leben lang Angst haben«, klagte sie. Sie weinte normalerweise nur selten, aber jetzt musste sie sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen.

Er widersprach sofort: »Wir besitzen einen großen Vorteil – ein Ehepaar mit zwei Kindern ist unverdächtig. Hier leben fast so viele Menschen wie in Rom. Niemand interessiert sich für ein paar Neuankömmlinge. Außerdem benutzen wir hier andere Namen, wir heißen Claudia und Marcellus.«

»Aber Kaiti wird sich irgendwann verplappern und unsere richtigen Namen nennen.«

»Das spielt keine Rolle. Römische Frauen haben zwei Namen, römische Männer bis zu drei. Du bist Claudia Luna und es ist unverdächtig, falls dich Kaiti irgendwann mal Luna nennt. Außerdem hängen unsere Plakate nicht mehr am Rathaus, wie du eben selbst festgestellt hast.«

»Sollen wir nicht weiterreisen zu irgendeinem kleinen Ort, in dem niemals Fahndungsplakate aufgehängt werden?«

»Du weißt doch wie neugierig Dörfler sind. Dort kennt jeder jeden. In einer Großstadt können wir viel besser untertauchen. Und vergiss nicht die Perücken, die wir mitgenommen haben. Wir können uns in Windeseile verwandeln.«

Jetzt musste sie lächeln. Die Perücken bereiteten Kaiti großen Spaß. Sie liebte es, sich zu verkleiden, schaffte es sogar mit veränderter Stimme zu sprechen. Menan witzelte nicht umsonst, dass sie als Erwachsene Karriere als Schauspielerin machen könnte.

Jetzt fing er an, Lunas Gesicht und ihre langen Haare zu streicheln und lockte sie mit zarten Küssen. Doch sie ließ sich nicht auf sein Spiel ein und murmelte niedergeschlagen: »Im Hafenviertel sind wir ein paar Huren begegnet und Kaiti wollte wissen, was das für Frauen sind. Ach, Menan, ich habe mich nicht getraut, ihr die Wahrheit zu sagen!«

Er konnte sich vorstellen, wie unangenehm das für sie gewesen sein musste, und tröstete so gut es ging: »Mach dich nicht verrückt! Wir beide hüten nun mal Geheimnisse, die wir unseren Kindern nicht eingestehen sollten.«

Er sah ihre skeptische Miene und beschloss, das Thema zu wechseln. »Du wolltest, dass ich Decimus weiter aushorche. Es geht das Gerücht, dass Kaiser Caracalla hierher kommen will.« Damit hatte er Luna nichtsahnend einen neuen Schrecken eingejagt und merkte es sofort an ihrer Reaktion. »Kennst du ihn etwa?«, erkundigte er sich bang.

»Nur seinen Bruder Geta, als ich gegen die Asiatin kämpfen musste.«

Jetzt spürte auch Menan, wie es ihm kalt den Rücken runterrieselte. Er erinnerte sich sofort an diesen Kampf, obwohl Luna damals alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, damit er nichts mitbekam. Sie hatte dafür gesorgt, dass er an jenem Tag ein Wagenrennen im Circus Maximus besuchte, doch der andere Gladiator, der ihn dorthin begleitet hatte, verplapperte sich. Menan war daraufhin zum Kolosseum zurück gerast und hatte das Ende von Lunas Kampf verfolgen können.

Rein körperlich war sie der Asiatin vollkommen unterlegen gewesen. Doch mit ihrer Fantasie hatte sie ihre mangelnde Körperkraft wettgemacht. Sie schaffte es, das Band, das ihre rote Tunika schmückte, in ein Seil zu verwandeln, an dessen Ende sie ihr Schwert knüpfte. Dann schwang sie es so geschickt, dass das Schwert in den Hals ihrer Gegnerin fuhr und sie tötete.

Dieses Ereignis war monatelang Gesprächsthema Nummer eins in Rom gewesen: Wie trickreich Luna ihre Gegnerin vor den Augen Getas besiegt hatte. Das Schlimme daran war - der perverse Junge hatte damals nicht der Asiatin, sondern Luna den Tod gewünscht.

Wie sollte er sie jetzt trösten? Getas Bruder Caracalla würde einen triumphalen Einzug in Alexandria halten und sich feiern lassen. Jeder, der nicht als Zuschauer am Rand der Prachtstraßen Aufstellung nahm, würde sich verdächtig machen. Da beschloss er schweren Herzens: »Wir werden nicht hier sein, wenn er kommt. Wir tun das, was Kaiti vorgeschlagen hat, bringen Acca und ihre Familie in ihr Heimatdorf, und wenn du willst, meine Schöne, fahren wir noch weiter südwärts und erkunden die Städte, Tempel und Paläste von denen du schon dein Leben lang träumst.«

»Ach, Menan!«, lachte sie, »weißt du, dass du mir damit die allergrößte Freude machst?«

* * *

Kurz vorm Abendessen kam Kaiti ins Zimmer gestürzt und prahlte: »Ich kann jetzt Saltos schlagen! Nur den Spagat kriege ich noch nicht hin. Aber das ist reine Übungssache, sagt Acca.«

Menan wunderte sich: »Wieso beherrscht deine Freundin solche Kunststücke?«

»Das hat sie von ihrem Vater. Der war früher Ringer, ein recht berühmter sogar. Ihr glaubt nicht, wie er sich verrenken kann! Manches sieht urkomisch aus.« Sie machte eine kurze Pause und fügte berechnend hinzu: »Ich frage mich, was ich von meinem Vater Britannicus geerbt habe außer meinen blonden Haaren und blauen Augen.«

Wie nicht anders zu erwarten, versteinerten die Gesichtszüge von Luna und Menan augenblicklich. Doch diesmal war Kaiti nicht gewillt, ihr Schweigen auf sich beruhen zu lassen. Hitzig fügte sie hinzu: »Ich glaube, dass blonde Haare und blaue Augen ziemlich selten sind! Ich habe hier noch niemanden gesehen, der mir ähnelt.«

Menan gelang es, ruhig und freundlich zu antworten: »Deine Haare und Augen sind ein Geschenk. Aber du hast hoffentlich nicht vor deiner Freundin den Namen Britannicus erwähnt!«

»Natürlich nicht!«, erwiderte sie heftig. »Genauso wenig wie ich jemals verraten werde, dass ihr früher als Gladiatoren gekämpft habt.«

Luna, die spürte, dass sich das Ganze jetzt ziemlich hässlich aufschaukeln konnte, warf Menan einen raschen Blick zu. Als er Zustimmung signalisierte, griff sie nach Kaitis Händen und sagte leise und eindringlich: »Du wirst gleich einen Freudenschrei ausstoßen wollen. Aber bitte verkneif ihn dir. Wir möchten bei den Zimmernachbarn kein Aufsehen erregen. Menan und ich haben beschlossen, Acca und ihre Eltern zu der Hochzeit zu bringen, von der du erzählt hast.«

Jetzt riss Kaiti die Augen so weit auf, dass einem himmelangst werden konnte. Dann presste sie beide Fäuste derart fest auf den Mund, dass kein Freudenschrei herauskam, nur eine Art Grunzen. Sie wollte singen, tanzen, schreien, jubeln und auf dem Bett herumhopsen. Doch das durfte sie alles nicht. Wie sollte sie damit zurechtkommen? Schließlich brach sie in Tränen aus.

Menan schaute sie mitleidig an. Ihm war ein deprimierender Gedanke gekommen. Warum müssen Luna und Kaiti dauernd weinen, seitdem wir hier sind? Hätten wir doch lieber in Griechenland bleiben sollen?

Es wurde recht eng zu siebt auf dem Segelboot. Doch Accas gelenkiger Vater Spunus entpuppte sich als wertvolle Hilfe beim Segelsetzen. Dadurch gewann er Menans Sympathie. Seine hübsche Frau Clio verstand sich auf Anhieb mit Luna und die beiden Mädchen waren ohnehin ein Herz und eine Seele. Menan hatte anfangs befürchtet, dass es mühselig werden könnte, den Nil flussaufwärts zu befahren. Doch zu seiner größten Erleichterung wehte ein beharrlicher Nordwind und trieb sie voran Richtung Süden.

Gierig nahm Luna alles auf, was die Fahrt zu bieten hatte. Die herrlichen grünen Ufer zu beiden Seiten des Nils voller Obstgärten, Getreidefelder, Weinreben und Dattelpalmen. Ein Dorf nach dem anderen erschien, dazwischen Städte. Nirgendwo sonst war Ägypten so dicht besiedelt, wie hier. Als sie die Pyramiden am westlichen Ufer entdeckte, blieb ihr vor Staunen der Mund offen stehen. Man hatte ihr erzählt, dass dies die imposantesten Bauwerke der Welt wären. Jetzt fühlte sie sich regelrecht erschlagen von deren Größe und Erhabenheit. Acca und ihre Familie lächelten stolz, weil Luna so beeindruckt war.

Kurz darauf kam Heliopolis in Sicht, was auf Griechisch »Stadt des Lichts« bedeutete. Bei den Ägyptern hieß die Stadt Tonis. Da schlich sich Traurigkeit in ihr Herz. Wie musste es für die Erben eines jahrtausendealten Reichs gewesen sein, als immer mehr Fremdvölker eindrangen, um es zu erobern? Nach den siegreichen Griechen kamen Römer. Sie brachten ihre eigenen Götter und Gesetze mit, duldeten zwar die alten, doch Land und Menschen veränderten sich zwangsläufig.

Accas Eltern erklärten sich bereit, auf dem Markt einzukaufen und Kaiti und Agathon mitzunehmen, damit Luna Zeit hatte, die Tempel zu erkunden. Menan spürte ihre Nervosität und auch, dass sie zwischen Ehrfurcht und Bedauern schwankte, denn der Ort befand sich im Niedergang. Von den zahlreichen an den Spitzen vergoldeten Obelisken, für die Heliopolis berühmt war, existierten nur noch wenige. Die meisten zierten jetzt andere Städte, einige waren sogar nach Rom gebracht worden. Fast alle Tempel waren zerstört und dort, wo es früher riesige Stallungen für Stiere gegeben hatte, die von den Gläubigen geopfert worden waren, herrschte gähnende Leere.

Trotzdem spürte Luna immer noch die Kraft, die diese Stadt einst durchströmt hatte. Als noch alle Obelisken standen und das Sonnenlicht frühmorgens einfingen, musste Tonis wie ein gigantischer Goldschatz gefunkelt haben. Es hieß, dass hier die Welt entstanden war in Form eines Hügels, der aus dem Ozean ragt. Von hier aus wurde nach und nach die ganze Erde besiedelt.

Luna fand ein stilles Plätzchen in einer abseits gelegenen Tempelruine und dort betete sie lange Zeit. Es gelang ihr, sich zu versenken und Frieden zu finden, denn etwas, das lange Zeit heilig gewesen war, konnte nicht wirklich zerstört werden. Menan wartete geduldig draußen vor dem Eingang und war klug genug, sie anschließend nicht mit Fragen zu bedrängen. Dankbar nahm sie seine Hand.

Accas Vater hatte einem Bauern ein Lamm abgekauft und das brutzelte bereits über dem Lagerfeuer. Gemeinsam genossen sie die Abendstimmung am Ufer des Nils, die sich wie ein ewiges Versprechen über das Land und den Fluss legte. Selbst Agathon spürte, dass dies ein besonderer Ort war, und beobachtete andächtig, wie die Sonne hinter dem Horizont versank.

* * *

Ein paar Tage später erreichten sie das kleine Dorf, in dem die Hochzeit gefeiert werden sollte. Luna war der beunruhigende Gedanke gekommen, dass man von ihnen erwarten könnte, dem Brautpaar ein Geschenk mitzubringen. Menan wiegelte ab: »Wir haben unser Boot zur Verfügung gestellt. Ohne unsere Hilfe wären Acca und ihre Eltern vermutlich nicht rechtzeitig hergekommen.«

»Aber es erscheint mir falsch, mit leeren Händen aufzutauchen.«

»Wo sollen wir auf die Schnelle ein Geschenk herkriegen?« Er sah, dass Luna ernstlich besorgt war und schlug spaßeshalber vor: »Wir bitten Kaiti und Acca, vor den Gästen ihre akrobatischen Kunststücke vorzuführen, und ich selbst biete mich an, gegen Spunus im Ringkampf anzutreten. Mach nicht so ein Gesicht, meine Schöne! Ich war in meiner Jugend ziemlich gut im Ringen und gegen einen ehemaligen Gladiator hat Spunus sowieso keine Chance.«

Da lachte sie verblüfft: »Du warst ein guter Ringer? Hast du den beachtlichen Brustkasten von Spunus gesehen?«

»Ich bin flinker als er und außerdem abgebrühter. Wer in der Arena den Schwur der Todgeweihten geleistet hat, nimmt es selbst mit einem Dämonen auf.«

Sie blieb skeptisch. »Und was mache ich, während Kaiti und du mit Lorbeeren bekränzt werdet?«

»Du applaudierst uns.«

Sie wurden begeistert begrüßt. Der Älteste der Sippe dankte ihnen wortreich, dass sie den weiten Weg von Alexandria auf sich genommen hatten, und stellte ihnen das Brautpaar vor. Der junge Mann wirkte ein wenig zurückhaltend, unterhielt sich aber später lange mit Spunus. Die Braut war zierlich, besaß ein hübsches Gesicht und lachte selbst über die banalsten Späße. Da das Paar aus bescheidenen Verhältnissen stammte, war kein Priester erforderlich, um ihnen göttlichen Segen zu erteilen. Es genügte, dass sich die beiden einig waren, ihr künftiges Leben miteinander zu teilen, und dass ihre Eltern einverstanden waren.

Luna staunte über die unfassbaren Mengen an Essen, die auf langen Tischen in Zelten aufgereiht wurden. Es gab knusprigen Entenbraten mit scharfer Soße, verschiedene Fischsorten, Fenchelgemüse, Gurkensalat mit Radieschen, Fladenbrote und eine große Auswahl an Kuchen. Zahlreiche Bier- und Weinkrüge lagerten in einem Keller und wurden nach und nach geholt. Der Dorfplatz in der Mitte der Ortschaft diente als Festplatz.

Musiker fanden sich ein und spielten eine fröhliche Melodie nach der anderen. Das Brautpaar eröffnete den Tanz, dem sich andere anschlossen. Luna bildete schon bald den Mittelpunkt der Tänzer. Es war eine Augenweide zu beobachten, wie vollkommen sie mit der Musik verschmolz. Der Rhythmus schien in ihren Adern zu pulsieren. Menan hielt sich anfangs zurück und beschränkte sich aufs Zuschauen. Er hatte Luna bereits früher tanzen sehen und damals wie heute bekam er leuchtende Augen, weil eine Seite von ihr zum Vorschein kam, die ihr innerstes Wesen offenbarte.

Nach einer Weile schaute er zu Kaiti hinüber. Die schien Lunas Talent geerbt zu haben, bewegte sich mit derselben Leichtigkeit und Anmut. Aber auch Accas Tanzkünste waren nicht zu verachten. Als die Musiker eine Pause einlegten, fragte er die beiden Mädchen, ob sie Lust hätten, später ihre Saltos vorzuführen. Sie waren begeistert und Kaiti bedeckte sein Gesicht mit lauter kleinen Küssen, was sie sonst nur tat, wenn sie ein Geschenk erhielt.

Spunus wurde eingeweiht und übernahm es, den Gästen mit seiner lauten wohltönenden Stimme das Spektakel anzukündigen. Mit glühenden Gesichtern nahmen die Mädchen einander gegenüberstehend Aufstellung und begannen Vorwärts- und Rückwärtssaltos im Wechsel zu schlagen, so dass einem beim Zuschauen schwindlig wurde. Menan hatte Agathon auf den Arm genommen und der Kleine begann so begeistert im Takt der Saltos zu klatschen, dass die übrigen Gäste seinem Beispiel folgten.

Irgendwann ging den Mädchen die Puste aus, erstaunlicherweise Acca eher als Kaiti. Sie verneigten sich nach allen Seiten und wurden noch einmal mit Applaus belohnt. Als Luna und Menan in die blitzenden Augen ihrer Tochter schauten, wussten sie, dass dies der schönste Tag ihres Lebens war, und begannen zu ahnen, dass es wochenlang kein anderes Gesprächsthema geben würde.

Menan hatte sein Angebot, mit Spunus zu ringen, ernst gemeint, und Accas Vater hätte bereitwillig mitgemacht. Aber sie wussten beide nicht so recht, ob sie nach dem grandiosen Auftritt ihrer Töchter möglicherweise die Stimmung verdarben, denn ein Ringkampf, auch wenn es die ehrlichste Art war, sich mit einem Gegner zu messen, endete nun mal mit einem Sieger und einem Verlierer. Die Mädchen hatten jedoch gerade vorgemacht, wie viel schöner ein Gleichklang war.

Luna half in den Zelten das Essen zu verteilen. Dabei lernte sie die Brautmutter Reja kennen, eine sympathische Frau, die genauso gern lachte wie ihre Tochter, ganz unerwartet aber ernst wurde und mit einem tiefen Seufzer bekannte: »…ich habe ein ungutes Gefühl…«

»Wegen der Hochzeit?«, wunderte sich Luna.

Die Antwort kam zögernd. »Meine Tochter wollte ursprünglich einen anderen heiraten, doch der starb vor einem Jahr an einem Fieber.«

»Das ist schlimm. Aber jetzt hat sie einen neuen Bräutigam. Das sollte dich freuen.«

»Weißt du, in unserer Familie gab es in letzter Zeit immer wieder ähnliche Vorkommnisse. Manchmal denke ich, dass wir verflucht sind. Mir wäre lieber, wir könnten so wie in alten Zeiten einen Seherpriester zu Rate ziehen oder wenigstens jemanden, der aus der Hand liest.«

Accas Mutter Clio war hinzugetreten und hatte den letzten Satz gehört. Jetzt wandte sie sich an Luna. »Hast du mir nicht neulich von deiner Tante erzählt, dass sie aus der Hand lesen kann? Die wäre uns jetzt hoch willkommen.«

»Reili liebt Hochzeiten!«, lachte Luna. »Aber leider lebt sie ganz weit weg in einem Dorf außerhalb von Rom. Ich habe sie jahrelang nicht mehr gesehen.«

Da erwiderte Reja: »Es ist ein Wink des Himmels, dass du gekommen bist. Du hast doch bestimmt deiner Tante Reili beim Handlesen zugeschaut und kannst uns jetzt helfen!«

Entgegen ihrer sonstigen Art, sich Entscheidungen gut zu überlegen, erwiderte Luna spontan: »Du hast Recht. Ich weiß wie es geht. Wenn du willst, lese ich deiner Tochter aus der Hand.« Kaum war dies ausgesprochen, erschrak sie über sich selbst. Bin ich noch ganz bei Trost? Mit so einer Gabe kann man ganz viel Schindluder treiben! Doch gleich darauf gab ihr ein anderer Gedanke neue Entschlossenheit. Ich habe als Gladiatorin gekämpft, da werde ich ja wohl noch aus der Hand lesen können!

Zum Glück hatte sie sich in ihrer Jugend die eisernen Regeln dieser Kunst eingeprägt, wonach man niemals jemandem einen frühen Tod oder eine schwere Krankheit voraussagen durfte. Auch durfte man keineswegs aus der Hand eines Kindes lesen. Jenes veränderte sich schließlich von Jahr zu Jahr. Fieberhaft versuchte sie, sich an weitere Kniffe zu erinnern, und da sie glücklicherweise ein gutes Gedächtnis hatte, fiel ihr rechtzeitig ein, dass man wichtige Erkenntnisse allein schon aus der äußeren Form einer Hand gewinnen konnte.

Die einzelnen Handlinien zu lesen, war eine Wissenschaft für sich, und in dem Punkt war Luna nicht sicher, ob sie noch alle Feinheiten parat hatte. Aber die vier verschiedenen Formen »Feuerhand«, »Erdhand«, »Lufthand« und »Wasserhand« würde sie einwandfrei unterscheiden können. Und da jede Form Rückschlüsse auf die wichtigsten Eigenschaften eines Menschen lieferte, würde sie sich nicht allzu sehr blamieren. Das hoffte sie jedenfalls.

Sie war froh, dass sie noch einen Aufschub erhielt und sich alles gut überlegen konnte, während sich Clio und Reja auf die Suche nach der Braut machten. Ich komme mir vor wie ein Jongleur, seufzte sie in Gedanken. Nur sind es keine Kugeln, die ich in die Luft werfe und wieder auffange, es sind die Gefühle der Menschen, mit denen ich spiele und mit denen ich sehr behutsam umgehen muss. Die Erkenntnis, dass sie eine gewisse Macht besaß, veränderte alles. Auf einmal geschah etwas mit ihr. Sie merkte nicht gleich, was es war, und horchte in sich hinein. Aber es war nichts in ihrem Inneren, was jetzt anders war, sondern etwas trat von außen an sie heran.

Vom Gefühl her war es so, als ob hinter ihr jemand ins Zelt getreten wäre. Die Härchen an ihren Armen stellten sich auf und ihr Herz begann zu jagen. Immer noch saß sie stocksteif da, unfähig sich umzudrehen. Ähnliches war ihr noch nie zuvor widerfahren. Doch nach einer Weile konnte sie deutlich das Gewicht und die Wärme zweier Hände auf ihren Schultern spüren. Als dann auch noch der Duft von Lavendelseife hinzukam, traf es sie wie Blitz und Donner: Ihre Tante Reili war zu ihr gekommen! Wie war das möglich?

Reili blieb unsichtbar und war trotzdem anwesend. Luna fühlte wie etwas Kraftvolles auf sie überging, eine starke Gewissheit, dass sich der richtige Weg vor ihr auftat. Überwältigt schloss sie die Augen und überließ sich dem wunderbaren Gefühl. Plötzlich war es wieder vorbei und Reili verschwand genauso wie sie gekommen war. Da faltete Luna ihre Hände und sprach ein inniges Dankgebet an Isis, die zweifellos die Begegnung ermöglicht hatte.

Es war ein Glück, dass die beiden Frauen, die die Braut suchten, unterwegs von anderen Festgästen aufgehalten wurden. So konnte Luna das Erlebte nachwirken lassen. Sie fragte sich, ob auch andere die Gegenwart Reilis gespürt hätten, wenn sie hier gewesen wären.Als die drei endlich eintrafen, schien keine zu ahnen, dass sich hier gerade ein kleines Wunder ereignet hatte. Darüber war Luna froh. Sie hätte keine Worte für das gefunden, was ihr geschenkt worden war.

Es gelang ihr, sich auf das Naheliegendste zu konzentrieren. Was für eine Handform passte zu der quirligen jungen Braut? Sie besaß lange filigrane Finger und insgesamt gesehen recht schmale Hände, gehörte also zum Typ »Wasserhand«, was bedeutete, dass sie anpassungsfähig war. Sie würde ihren frischgebackenen Ehemann schon bald um den kleinen Finger wickeln. Sie war kreativ und sensibel und verkörperte hoffentlich nicht die Schattenseite dieses Typs, die Überempfindliche.

Die Brautmutter und Clio beugten sich interessiert näher als Luna anfing, die Handinnenflächen der Braut zu prüfen. Bei der Herzlinie war sie sich aufgrund ihres perfekten Verlaufs sicher, dass die junge Frau zu großer Liebe fähig war. Der Brautmutter fiel auf, wie gewissenhaft rechte und linke Hand miteinander verglichen wurden, und hakte nach: »Welche Hand ist wichtiger, wenn es darum geht, die Zukunft vorauszusagen?«

Luna überlegte, was Reili antworten würde und erklärte vorsichtig: »Jeder der auf seriöse Weise das Handlesen betreibt, wird dir sagen, dass die Linien keine zukünftigen Tatsachen darstellen, sondern nur Hinweise geben. Denk an eine Landschaft voller Hügel und Täler. Wenn dort irgendwo Wasser fließt, sucht es sich seinen Weg vielleicht nicht unbedingt dort, wo man es vermuten würde. Siehst du hier neben dem Daumen deiner Tochter die Erhebung? Sie wird Venushügel genannt. Er ist gut ausgebildet, was bedeutet, dass die Liebe im Leben deiner Tochter eine wichtige Rolle spielen kann. Sie besitzt also die Veranlagung Kinder zu bekommen. Doch alles andere liegt in der Macht der Götter.«

Die Braut begann zu kichern und ihre Mutter lächelte zufrieden. Entgegen ihrer Besorgnis gab es wohl doch eine Chance auf Glück.

* * *

Das Fest dauerte die ganze Nacht. Luna, Menan und ihre Kinder kehrten im Morgengrauen zum Schiff zurück. Acca und ihre Familie blieben bei ihren Verwandten. Menan hatte im Lauf der Nacht ein paar Festgäste tuscheln hören und hakte nach: »Stimmt es, dass du der Braut aus der Hand gelesen hast?«

Luna lachte leise: »Nicht nur ihr! Schätzungsweise jeder erwachsenen Dorfbewohnerin. Meine Zunge ist heiß geworden und hat Blasen bekommen vom vielen Quasseln.«

»Männern hast du nicht aus der Hand gelesen?«

»Die wissen so etwas nicht zu schätzen.«

Jetzt war er beleidigt. »Du würdest es nicht mal bei mir machen?«

Ihre Antwort klang traurig. »Ich hätte Angst, etwas Schlimmes zu entdecken. Das Handlesen kann ein Fluch sein, deswegen werde ich es auch nie bei unseren Kindern machen. Ich sage dir nur eins: Man kann schon allein durch die Form viel über die Eigenschaften eines Menschen herausfinden. Es gibt vier Formen, alle nach den Elementen benannt. Wir beide haben Feuerhände. Deswegen haben wir als Gladiatoren gekämpft.«

Das gab ihm zu denken. »Und was sagt man noch über Feuerhände?«

»Wer sie besitzt, hat Mut und liebt das Abenteuer. Er ist lebhaft, manchmal ungeduldig. Er will Dinge verändern; Stillstand ist ihm zuwider. Er kann sowohl egoistisch als auch großzügig sein.«

Menan erkannte sich in allem wieder und war beeindruckt. Auf einmal fiel ihm das Gespräch wieder ein, das sie kurz vor ihrer Flucht geführt hatten. Da musste er grinsen. »Weißt du noch – unsere letzte Nacht auf Rhodos? Ich habe gewitzelt, dass wir mit unseren Perücken aus dir und Kaiti Zigeunerinnen machen könnten und dass ihr auf dem Jahrmarkt auftreten sollt, du als Wahrsagerin!«