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Ägypten im 3. Jahrhundert n. Chr. Senmut liebt das Risiko. Die Vorfahren seines Vaters haben ein Weltreich regiert – doch er muss sich zusammen mit seiner Familie in einer Oase verstecken! Getrieben von großer Unruhe, häuft er in einer illegalen Kampfarena Wettschulden an. Als er sie nicht rechtzeitig zurückzahlt, zwingt man ihn, selbst zu kämpfen. Schlimmer noch, er soll gegen seinen Willen nach Rom gebracht und zum Gladiator ausgebildet werden. Seine Schwester Sarah beschließt mutig, ihm zur Seite zu stehen. Auf der Überfahrt erleiden sie Schiffbruch und können sich auf die Insel Ebusus (Ibiza) retten. Während Sarah sich schnell in die Gemeinschaft einfügt und ihr Herz an den charismatischen Torwächter Dokan verliert, kommt Senmut nicht zur Ruhe. Als er erfährt, dass sich in seiner ägyptischen Heimat eine Katastrophe anbahnt, erwacht sein Kampfgeist. Der hintertriebene Wesir seines Vaters spinnt dunkle Machenschaften, die alle ins Verderben stürzen könnten. Gelingt es Senmut, die Intrigen des Wesirs zu enthüllen und gleichzeitig eine tiefere Verbindung zu der furchtlosen Seefahrerin Gani einzugehen?
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2023
Selma Nemo
Ägypten im 3. Jahrhundert n. Chr.
Senmut liebt das Risiko. Die Vorfahren seines Vaters haben ein Weltreich regiert – doch er muss sich zusammen mit seiner Familie in einer Oase verstecken! Getrieben von großer Unruhe, häuft er in einer illegalen Kampfarena Wettschulden an. Als er sie nicht rechtzeitig zurückzahlt, zwingt man ihn, selbst zu kämpfen. Schlimmer noch, er soll gegen seinen Willen nach Rom gebracht und zum Gladiator ausgebildet werden.
Seine Schwester Sarah beschließt mutig, ihm zur Seite zu stehen. Auf der Überfahrt erleiden sie Schiffbruch und können sich auf die Insel Ebusus (Ibiza) retten. Während Sarah sich schnell in die Gemeinschaft einfügt und ihr Herz an den charismatischen Torwächter Dokan verliert, kommt Senmut nicht zur Ruhe. Als er erfährt, dass sich in seiner ägyptischen Heimat eine Katastrophe anbahnt, erwacht sein Kampfgeist. Der hintertriebene Wesir seines Vaters spinnt dunkle Machenschaften, die alle ins Verderben stürzen könnten. Gelingt es Senmut, die Intrigen des Wesirs zu enthüllen und gleichzeitig eine tiefere Verbindung zu der furchtlosen Seefahrerin Gani einzugehen?
In einer fesselnden Erzählung aus Hingabe, Verrat und Aufbegehren entfaltet sich ein historischer Roman, der die Leser in eine Welt voller Leidenschaft und Abenteuer entführt.
Dieser Roman kann für sich allein oder als Teil der »Gladiatorinnen«-Reihe gelesen werden.
1: Luna – Zur Liebe geboren, zum Kämpfen verdammt
2: Kaiti – Die Tochter der Gladiatorin
3: Senmut – Der Enkel der Gladiatorin
4: Luna – Das Erbe der Gladiatorin
Copyright © 2023 by Selma Nemo
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Cover: Ria Raven, www.riaraven.de
Verwendete Grafiken:
2059860365 von Shutterstock, Tryvona „The storm is coming in over the ocean“ von Freepik, man-5740564_1280 von envato Elements
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Erstellt mit Vellum
Luna
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
Sarah
Senmut
In der Oase
Dokan
Sarah
Dokan
Senmut
Dokan
Senmut
Sarah
Dokan
Viviana
Senmut
Sarah
In der Oase
Senmut
Dokan
Sarah
Dokan
Sarah
Viviana
Senmut
Dokan
Sarah
Dokan
Senmut
Dokan
In der Oase
Senmut
Dokan
Senmut
Dokan
Sarah
Senmut
Gani
Dokan
Senmut
In der Oase
Dokan
Senmut
Sarah
Senmut
Gani
Dokan
Senmut
Gani
Jatuso
Senmut
Sarah
Dokan
Gani
Senmut
Sarah
Dokan
Sarah
Dokan
Sarah
Senmut
Sarah
Dokan
Senmut
Gani
Sarah
Dokan
Sarah
Dokan
Ein halbes Jahr später - Senmut
Personen
Selma Nemo
Luna - Zur Liebe geboren, zum Kämpfen verdammt
Kaiti - Die Tochter der Gladiatorin
Luna - Das Erbe der Gladiatorin
Die Keltin und der Pharao
Manchmal, wenn sie am Ufer des Sees saß, der die Oase mit erstaunlich kühlem Wasser versorgte, wurde sie plötzlich von einer Erinnerung überrollt, auf die sie gern verzichtet hätte. In jungen Jahren hatte sie in Rom als Gladiatorin gekämpft, was bedeutete, jedes Mal ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Um diesen Schrecken besser zu ertragen, hatte sie Zuflucht zur ägyptischen Göttin Isis genommen, der Schutzherrin aller Menschen, die leiden. Im Kolosseum gab es einen kleinen Gebetsraum, der nur von wenigen Personen aufgesucht wurde. Dorthin flüchtete sie oft und kniete sich vor den behelfsmäßigen Altar, der mit einer kleinen Isis-Statue geschmückt war. Am eindrucksvollsten fand sie die Krone der Göttin, die aus einer von Kuhhörnern umrahmten Sonnenscheibe bestand.
Einmal war Luna hereingekommen, als jemand kurz zuvor den Raum gesäubert hatte. Es stand noch eine Schale mit Wasser herum. Luna hatte sie hochgehoben, um sie hinaus zu tragen, da sah sie eine Spiegelung auf der Wasseroberfläche. Das Unbegreifliche dabei war: Es handelte sich nicht um ihr eigenes schmales Gesicht mit den mondgrauen Augen, der geraden Nase, dem schönen Mund und den langen braunen Haaren, sondern um das Antlitz eines jungen Mannes. Er besaß strahlend blaue Augen, die in einem krassen Gegensatz zu seinen rabenschwarzen schulterlangen Haaren standen. Seine Nase war leicht gebogen, das Kinn kantig und sein Mund lächelte auf eine Weise, wie sie es noch nie gesehen hatte – einer Mischung aus Arroganz und Traurigkeit.
Aber das war noch nicht alles an Rätselhaftem, denn während sie das Gesicht angestarrt hatte, war ihr damals der völlig absurde Gedanke gekommen: Das ist mein Enkel.
Dieses Erlebnis hatte sie derart verstört, dass sie es mit aller Macht aus ihrem Bewusstsein verdrängen wollte. So etwas Verrücktes konnte sie überhaupt nicht gebrauchen, wenn es galt, sich auf den nächsten Kampf vorzubereiten. Ihr war zwar durch den Isis-Kult bekannt, dass es in Ägypten Seherpriester gab, die heiliges Öl auf eine Schale mit Wasser träufelten, um darin die Zukunft zu schauen. Doch im Kolosseum war weit und breit kein ausgebildeter Priester, und das Wasser hatte zum Putzen gedient und nicht für eine heilige Handlung.
Inzwischen wusste sie, dass sich ihr damals tatsächlich die Zukunft offenbart hatte, denn sie war seit neunzehn Jahren Großmutter eines Enkels mit dem ägyptischen Namen Senmut, der genauso aussah wie das Spiegelbild im Gebetsraum. Vielleicht lag es an ihrer Abstammung, dass sie Senmut bereits viele Jahre vor seiner Geburt erblicken konnte. Sie gehörte zum Volk der Zingara, das für seine hellseherischen Fähigkeiten bekannt war.
Trotzdem blieb ihr der Vorfall immer noch rätselhaft. Falls die drei Schicksalsgöttinnen gewollt hatten, dass sie in die Zukunft schauen konnte, warum hatten sie ihr nicht das Gesicht ihrer Tochter Kaiti gezeigt, die damals auch noch nicht auf der Welt gewesen war? Und falls es aus irgendwelchen Gründen erforderlich gewesen sein sollte, dass sie ihren Enkel sah, warum nicht als Kleinkind? Stattdessen hatte er so ausgesehen, wie sie ihn heute kannte – als erwachsenen Mann. Die strahlend blauen Augen hatte er von seiner Mutter Kaiti, die rabenschwarzen Haare von seinem Vater Nehesi.
Bliebe noch das Lächeln, diese kaum zu ertragende Mischung aus Arroganz und Traurigkeit. Dass Senmut ziemlich überheblich sein konnte, hatte sich leider bewahrheitet. Aber traurig hatte sie ihn bis jetzt nur selten erlebt.
Doch Lunas wichtigste Frage lautete inzwischen: Was sollte aus ihm werden? Einen Vater wie Nehesi zu haben, dessen Vorfahren Pharaonen gewesen waren und ein Weltreich regiert hatten – was machte das mit einem Jungen, der vor Kraft nur so strotzte, keiner Rauferei aus dem Weg ging, halsbrecherische Jagden auf Gazellen in der Wüste veranstaltete und ganz bestimmt nicht damit zufrieden sein würde, auf Dauer in dieser abgeschiedenen Oase zu leben?
Durch seine Mutter Kaiti wurde die Situation nicht besser. Der selbstsüchtige Anteil der Mutterschaft war bei ihr offensichtlich. Als Senmut noch ein Kind war, ging sie völlig darin auf, ihn zu umsorgen und zu verwöhnen. Das hatte am Ende nur bewirkt, dass er umso mehr nach Freiheit lechzte und das wiederum stürzte Kaiti in eine Krise.
Ich sollte nicht so viel grübeln, ermahnte sich Luna. Aber ich liebe nun mal den See und sitze gern an seinem Ufer. Leider kommt mir dann häufig diese verflixte Sache in den Sinn, die ich bis heute nicht richtig verstehe.
Doch weil sie eine Frau der Tat war, machte sie sich auf die Suche nach ihrem Ehemann Menan, der sie hoffentlich auf andere Gedanken bringen würde. Sie fand ihn im Pferdestall. Er begutachtete gerade eine junge Stute mit herrlich kupferfarbenem Fell. Dass Luna hereingekommen war, hatte er noch nicht bemerkt. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Pferd. Wie kommt es, dass mein Herz immer noch einen Freudensprung macht, wenn ich diesen großgewachsenen Mann sehe?, überlegte Luna. Er besitzt Charisma. Das hat mich vom ersten Tag an fasziniert.
Endlich hatte er sie entdeckt und grinste. »Was meinst du? Ist das das richtige Geschenk zu Sarahs fünfzehntem Geburtstag? Dann muss sie dein Pferd nicht mehr ausleihen.«
Luna trat näher, streichelte die Mähne der Stute und lächelte. »Eine größere Freude wird man ihr kaum machen können. Woher hast du dieses herrliche Geschöpf?«
»Gerade eben Karawanenführer Mortai abgekauft.«
»Du hast immer die besten Ideen, was Überraschungen betrifft. Ich hatte mir überlegt, ob ich ihr eine Halskette schenken soll.«
Seine Antwort klang diplomatisch. »In der Regel freuen sich weibliche Wesen über Schmuck. Aber wir sollten Sarah etwas schenken, was sie stärkt. Sie ist die Einzige, die Senmut davon abhalten kann, noch mehr Dummheiten zu machen. Wenn er sie auf seinen Ausritten mitnimmt, wird er hoffentlich verantwortungsbewusster sein. Oh verdammt …!« Er unterbrach sich erschrocken und führte die junge Stute rasch in eine der Boxen. Dann schnappte er Lunas Ellenbogen und dirigierte sie in die entgegengesetzte Richtung.
Erstaunt sah sie sich um. Als sie Senmut am anderen Ende des Ganges auftauchen sah, begriff sie Menans Vorsicht. Ihr Enkel sollte nichts von dem Geschenk wissen. Unberechenbar wie er manchmal zu Werke ging, könnte er die Überraschung verderben.
Er konnte sich an keinen Tag erinnern, an dem er nicht bereits beim Aufwachen eine gewisse Unruhe verspürte. Was würde heute Schönes, Aufregendes oder Unvorhergesehenes geschehen? Den morgendlichen Unterricht konnte er nur deshalb überstehen, weil ihn sein Lehrer sonst bestraft hätte. Kaum waren die schier endlosen Schreibübungen, Rechenbeispiele und das Auswendiglernen ägyptischer Dynastien beendet, stürmte er hinaus zu seinen Altersgenossen, die sich nicht so wie er den Kopf mit Wissen vollstopfen lassen mussten.
Draußen war er in seinem Element, konnte mit wilden Schwimmzügen den See durchqueren, auf den Grund tauchen und nach Krebsen suchen. Er konnte auf die höchste Palme klettern, vorausgesetzt, dass ihn keiner dabei sah. Am meisten liebte er es, wenn er sich unter Anleitung von Harkas im Schwertkampf, Bogenschießen, Lanzenwerfen oder Ringen üben durfte. Harkas war sein Waffenmeister. Er überragte ihn um Haupteslänge und stammte aus Dimara, einem Land am anderen Ende der Sahara. Das Besondere an Harkas und den Dimara war, dass ihre Gesichter mit blauer Farbe tätowiert waren, die sich in seltsamen Mustern über Stirn, Nase und Kinn zogen.
Beim Ringkampf ließ Harkas seinen Schützling anfangs gegen einen Jungen antreten, der bereits viel Erfahrung mit dieser Art von Zweikampf besaß. In den ersten Monaten verlor Senmut. Vor einem halben Jahr endete ihr Übungskampf zum ersten Mal unentschieden, und letzte Woche hatte er ihn besiegen können. Das war einer der schönsten Tage seines Lebens gewesen.
Heute hatte er wieder gewonnen, sich anschließend von seinem Leibdiener waschen und einölen lassen, hatte Reitkleidung angezogen und war zum Stall geeilt. Als er dort Luna entdeckte, beschleunigte er seine Schritte. Über seine Großmutter freute er sich jedes Mal, wenn er sie zu Gesicht bekam. Doch was Menan betraf, hatte sich seine Zuneigung zu ihm schlagartig abgekühlt, als er im Alter von zehn Jahren erfahren hatte, dass der gar nicht sein richtiger Großvater war. Folglich sollte Menan sich gefälligst nicht so aufspielen. Senmut hätte viel lieber seinen leiblichen Großvater, den berühmten Gladiator Britannicus, kennengelernt, nur war der leider tot.
Jetzt gab er Luna einen Kuss auf die Wange und bedachte Menan mit einem kühlen Blick.
Luna fühlte sich jedes Mal unbehaglich, wenn Senmut unfreundlich zu Menan war, und um die aufkeimende Missstimmung zu überbrücken, fing sie an, ihrem Enkel Fragen zu stellen. »Magst du uns verraten, was du Sarah zum Geburtstag schenkst? Bis morgen ist nicht mehr viel Zeit. Sollen wir dir einen Tipp geben, falls dir noch nichts eingefallen ist?«
Senmut tat überrascht: »Was, morgen? Ich dachte, es wäre erst nächste Woche!« Ein paar Augenblicke weidete er sich an den erschrockenen Gesichtern der beiden, dann lachte er: »Selbstverständlich weiß ich schon längst, was ich ihr schenken werde.«
Jetzt ärgerte sich Luna erst recht. Warum treibt er immer solche Spielchen? Es macht ihm Spaß, andere zu verunsichern. Kann ihm das nicht mal einer abgewöhnen?
Senmut, der schon als kleiner Junge den Bogen herausgehabt hatte, keine Fragen zu beantworteten, indem er selber welche stellte, erkundigte sich scheinheilig: »Verratet mir erst einmal, was ihr Sarah schenken wollt!«
Luna seufzte innerlich über seine Spitzfindigkeit. »Es soll eine Überraschung werden, auch für dich. Aber ich sage dir, was sie von deinen Eltern bekommt: Einen Webrahmen mit allem, was dazugehört.«
Sofort setzte er eine überhebliche Miene auf. »Wie langweilig! Ist ihnen nichts Besseres eingefallen?«
Luna mochte es nicht, wenn er auf diese Weise über seine Eltern sprach. Falls es etwas zu kritisieren gab, sollte das direkt geschehen. Doch bei ihm lief Vieles hinten herum. Da erwiderte sie scharf: »Du weißt, dass es deiner Mutter gerade nicht gut geht, und dein Vater ist ein wenig unsicher, wenn es gilt, ein passendes Geschenk auszuwählen. Davon abgesehen: Sarah wird sich mit Sicherheit über einen funkelnagelneuen Webrahmen freuen.«
Senmuts Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. »Sie bilden sich immer ein, dass sie sie genauso behandeln wie mich. Aber bei so einer Gelegenheit kommt dann doch heraus, dass sie in ihr nur jemanden sehen, der für seinen Lebensunterhalt arbeiten soll.«
Jetzt platzte Menan der Kragen. »Senmut, ich weiß nicht, woher du solche Unterstellungen nimmst! Es ist wahr, Sarah ist ein Findelkind und keiner weiß, von wem sie abstammt. Doch sie ist immerhin in der Lage, deinen Eltern durch ihre pure Anwesenheit ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, was man von dir nur noch selten behaupten kann.«
Luna hatte den Schlagabtausch der beiden verfolgt und beschloss, dem ein Ende zu bereiten. »Senmut, es gefällt dir, gegen deine Eltern zu rebellieren. Als ich jung war, habe ich bei meinen Eltern dasselbe getan. Aber wie ich eben schon sagte, deiner Mutter geht es nicht gut. Bitte lass nicht zu, dass es an Sarahs Geburtstag zum Streit kommt. Verkneif es dir, den Webrahmen zu kritisieren. Versprich uns wenigstens das!«
Anstatt ihr zu antworten, sattelte er seinen Wallach und ritt grußlos an den beiden vorbei. Ihr könnt mich mal!, dachte er hitzig. Er galoppierte in scharfem Tempo den Weg hinunter, schenkte weder dem mit Fahnen geschmückten Tempel des Amun noch dem prächtigen Palast einen Blick, sondern konzentrierte sich nur darauf, die Oase so schnell wie möglich durch den Südausgang Richtung Wüste zu verlassen. Es war ein schöner milder Frühlingstag, den man von Herzen genießen sollte, wenn man sich nicht ständig mit Eltern und Großeltern herumplagen musste, die immer alles besser wussten.
Irgendwann hatte sich sein Pferd verausgabt. Senmut sah, wie ihm der Schaum aus dem Maul flog. Da lenkte er es in den Schatten einer Düne und stieg ab. Der scharfe Ritt hatte ihn nicht abgekühlt, sondern in seiner schlechten Laune eher noch bestärkt. Sie richtete sich jetzt auf seinen Vater Nehesi. Wie klein die Oase doch war im Vergleich zur Größe des Landes! Ganz Ägypten hatte seinen Vorfahren gehört, bevor der Griechenkönig Alexander es erobert hatte. Nach dem Tod von Kleopatra war es eine römische Provinz geworden. Doch es gab immer noch eine Seitenlinie früherer Pharaonen, Senmuts Vorfahren. Er selbst könnte, wenn sein Vater mehr Mumm hätte, den Titel ›Falke im Nest‹ tragen und wäre somit künftiger Herrscher. Diesen Gedanken wälzte er häufig in seinem Gehirn und beleuchtete ihn von allen Seiten.
Seinen Traum wahr werden zu lassen, würde allerdings bedeuten, Krieg gegen die Römer zu führen. Die wussten zum Glück nicht, dass in der Oase eine Keimzelle uralter Größe darauf wartete, zu neuem Leben erweckt zu werden. Wie würden sie staunen, falls es den fünfhundert schwarzhäutigen Kriegern seines Vaters gelang, die Macht in der nahegelegenen Hafenstadt Alexandria unter ägyptische Kontrolle zu bringen! Wer Alexandria beherrschte, dem gehörte auch der Rest des Landes.
Nachdem sich seine Gedanken wie üblich im Kreis gedreht hatten, kehrten sie zu Sarah zurück. Was für einTamtam jedes Mal um ihren Geburtstag veranstaltet wird, nur weil niemand das genaue Datum kennt und die Priester willkürlich eines festgelegt haben!, überlegte er aufsässig.
Doch dann kam ihm ihr hübsches Gesicht in den Sinn und sein Groll schwand ganz von selbst. Ihre wilden schwarzen Locken gaben ihr etwas Verwegenes. Wenn man jedoch in ihre großen verträumten Augen schaute, musste man an eine Gazelle denken, diese genügsamen Tiere, die selbst in der Wüste immer noch ausreichend Nahrung fanden. Die kleine gerade Nase und der kirschrote Mund ließen ahnen, dass sie als erwachsene Frau immer noch etwas Kindliches besitzen würde.
Halte ich sie für naiv?, fragte er sich. Nein, sie hat sich verändert. Ich weiß nur noch nicht in welche Richtung.
Und wo er schon mal dabei war: Er hatte immer noch kein Geschenk, dabei erwartete sie gerade von ihm etwas Besonderes. Von klein auf hatte sie ihn angehimmelt, ihren großen ›Bruder‹, war ihm gefolgt wie ein Schatten. Das hatte er immer genossen.
Doch irgendwann hatte sich der Altersunterschied zwischen ihnen schmerzlich bemerkbar gemacht, am deutlichsten an Senmuts Verhältnis zu weiblichen Wesen. Spätestens mit vierzehn hatte er begriffen, dass er eine schockauslösende Wirkung auf sie besaß, was natürlich an seinen strahlend blauen Augen lag. Wer ihm zum ersten Mal begegnete, konnte gar nicht anders, als ihn anzustarren, und jetzt, da er einen halben Kopf größer war als sein Vater, erst recht.
Mit fünfzehn hatte er zum ersten Mal mit einer Frau Liebe gemacht und es von da an regelmäßig getan. Jatuso, der Wesir seines Vaters, hatte ihn mit nach Alexandria genommen und einer älteren erfahrenen Liebesdienerin vorgestellt. Zuerst hatte er sie nicht gemocht. Doch dann war sie so geschickt zu Werke gegangen, dass er im Handumdrehen seine Unberührtheit gegen Leidenschaft eingetauscht hatte. Inzwischen suchte er jüngere Liebesdienerinnen auf, von denen es eine besonders gut verstand, ihn zu befriedigen. Sie besaß einen herzförmigen Mund und wenn sie lächelte, erschienen Grübchen in ihren Wangen.
Eigentlich war er mit seinen neunzehn Jahren schon längst im heiratsfähigen Alter. Doch seine Eltern, die sein überschäumendes Temperament zur Genüge kannten, hatten beschlossen, ihn bei dieser wichtigen Angelegenheit nicht unter Druck zu setzen. Sie fürchten, dass es keine Frau mit mir aushält, grinste er innerlich. Bezeichnenderweise brachte ihn dieser Gedanke zurück zu Sarah. Sie hatte angefangen, ihren Freundinnen nachzueifern und Erfahrungen in Liebesdingen zu sammeln. Das war zwar ihr gutes Recht, aber irgendwie gefiel ihm das nicht.
Plötzlich wie aus dem Nichts kam ihm eine Idee, was er ihr zum Geburtstag schenken könnte. Morgen werden sich alle um sie scharen mit ihren lieblosen Gaben, sinnierte er, aber das, was sie von mir bekommt, wird sie entzücken! Ganz berauscht von diesem Gedanken stieg er auf seinen Wallach und ritt zurück.
Dummerweise traf er als Ersten Jatuso. Der Wesir besaß die Eigenschaft, überall dort aufzutauchen, wo man nicht mit ihm rechnete. Er war ein Mann, den alle fürchteten. Keiner wusste, wie er es schaffte, dass die Oase all die Jahre über im Verborgenen existieren und nur von wenigen Eingeweihten besucht werden konnte. So wurde verhindert, dass irgendein Römer das kleine ägyptische Reich entdeckte. Jetzt trat Jatuso aus dem Halbdunkel des Pferdestalls und erkundigte sich in barschem Tonfall: »Wo warst du, mein Prinz? Wir hatten eine Verabredung!«
Senmut starrte verwirrt in das außergewöhnlich schmale Gesicht und die machtvollen Augen, die der Wesir jeden Morgen mit Kajal schminken ließ, damit sie noch größer wirkten.
»Eine Verabredung?«, wiederholte Senmut erschrocken.
Er fing sich einen strengen Blick ein, dann erklärte Jatuso: »Jetzt ist es zu spät. Ich muss nach Alexandria.«
»Darf ich dich morgen besuchen, Wesir?«
»Meinetwegen zur zehnten Stunde, aber sei pünktlich!«
Senmut hatte das Gefühl, haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt zu sein, bedankte sich hastig und eilte Richtung Palast davon.
Sie liebte es, in der Küche zu helfen. Köchin Zaza, die ursprünglich aus Asia stammte, ließ ihr freie Hand, weil sie geschickt war und ein gutes Gespür für Dosierungen hatte. Diesmal wollte sie ein neues Rezept für Artischocken ausprobieren, indem sie eine Soße aus zerdrücktem Ziegenkäse mitein wenig Öl, Salz, Pfeffer und Senf abschmeckte. Ihre Freundin Tetischeri schaute ihr dabei über die Schulter und meinte schmunzelnd: »Mir läuft das Wasser im Mund zusammen!«
Sarah grinste und rührte eifrig weiter. Abgesehen von der Küchenarbeit war es einfach wunderbar, Zeit mit Tetischeri zu verbringen, die fast genauso alt war und mit der sie über alles reden konnte, was ihr am Herzen lag. Sie hatte noch drei andere Freundinnen, die alle zu ihrem Geburtstag kommen würden und jetzt schon ganz aufgeregt waren.
Während sie sich weiter ihrer Aufgabe widmete, betrat Senmut den Raum. Er schlich sich von hinten an, legte plötzlich seine Hände auf ihre Hüften und zog sie mit einem Ruck herum. Erschrocken riss sie die Augen auf, doch dann lachte sie. »Willst du mir bei der Arbeit helfen?«
»Nein! Ich sorge dafür, dass du sie beendest. Pack dein schönstes Kleid ein. Wir machen einen Ausflug.«
»Wohin denn?«
»Lass dich überraschen! Wir treffen uns im Pferdestall.«
Tetischeri hatte die Szene atemlos verfolgt und schaute zu Senmut auf, als wäre er direkt einem Märchen entsprungen. Da stibitzte er blitzschnell einen Löffel von dem Kuchenteig, den sie vorbereitet hatte. Das brachte sie zum Kichern. Bevor ihn die Köchin zur Rede stellen konnte, war er schon wieder durch die Hintertür verschwunden.
Sarah eilte zum hinteren Teil des Palasts, in dem die Privaträume der königlichen Familie lagen. Da sie Senmuts Ungeduld kannte, schnappte sie das erstbeste Kleid und stopfte es in einen Rucksack. Dann lief sie zum Stall, wo ihre Reitkleidung in einer durch einen Vorhang abgetrennten Ecke hing. Rasch zog sie die Hose aus sandfarbenem Leder an, streifte Handschuhe über und schlüpfte in ihre Stiefel.
Senmut hatte inzwischen Lunas Stute für sie gesattelt und half ihr aufzusteigen. Sie staunte nicht schlecht, als er den Weg Richtung Alexandria einschlug. Doch bevor sie die Stadt erreichten, bog er nach Süden ab und ritt eine halbe Stunde weiter durch die Wüste. Schließlich hielten sie vor einem langgestreckten, flachen Gebäude, das schon bessere Tage gesehen hatte. Der Kalk blätterte von der Außenmauer ab und vor dem Eingangsbereich war schon lange kein Unkraut mehr gejätet worden.
»Was sind das für Geräusche?«, wunderte sich Sarah und deutete nach rechts zu einer tiefer gelegenen Stelle. Es hörte sich an, als würden Metallgegenstände aufeinander schlagen. Außerdem vernahm man scharfe Kommandos.
»Kümmere dich nicht darum!«, befahl Senmut. »Wir sind wegen etwas anderem hier.« Er führte sie zur Rückseite des Gebäudes. Dort gab es einen Anbau, der als Pferdestall diente. Sarah fand auch hier eine stille Ecke, in der sie sich umziehen konnte. Als sie in ihrem hellgrünen bodenlangen Kleid ins Sonnenlicht hinaustrat, grinste er. »Du siehst wunderschön aus!« Dann öffnete er den Hintereingang des Gebäudes und schob sie hinein.
»Das ist ja traumhaft!«, rief sie überrascht. Der Raum war mit Wandmalereien geschmückt, wie sie sie in dieser Form noch nie gesehen hatte. Ein Zwerg tanzte mit einer dicken Frau. Eine Mäusefamilie äugte von einem Tisch auf eine Katze hinunter. Ein Hund machte Handstand. Hingerissen schritt Sarah von einer Szene zur nächsten, bis sie am Ende des Raums auf eine lange Theke traf, hinter der zwei Männer damit beschäftigt waren, Getränke an Besucher auszuschenken.
Im Handumdrehen bekam sie einen Becher Wein gereicht und Senmut prostete ihr zu. »Das ist mein Geschenk. Mit fünfzehn bist du alt genug, dich einen Abend lang zu amüsieren.«
Sie strahlte, als hätte er ihren größten Wunsch erraten, und nahm einen ordentlichen Schluck. Schon bald füllte sich der Raum mit immer mehr Gästen, der Kleidung nach alles Römer. Und als Sarah Musiker entdeckte, die ihre Instrumente stimmten, kannte ihre Begeisterung keine Grenzen mehr.
»Danke, Senmut!«, flüsterte sie ehrfürchtig. »Schon allein, dass du Zeit mit mir verbringst, ist wunderbar, und wenn wir jetzt auch noch das Tanzbein schwingen, bin ich selig.«
Er grinste stolz, führte sie auf die freie Fläche und schwenkte sie elegant herum. Anfangs war es ihr peinlich, von den anderen Besuchern angestarrt zu werden, doch dann schwor sie sich, dass sie diesen Abend auskosten würde. Sie verlor jegliches Zeitgefühl, ließ keinen einzigen Tanz aus, trank nur zwischendrin rasch einen Schluck Wein. Sie hätte noch endlos weitermachen können, aber es war Senmut, der eine Pause benötigte.
Da trat ein junger Römer auf sie zu und bat um den nächsten Tanz. Senmut musterte ihn misstrauisch. Man merkte ihm an, dass er seine Zustimmung am liebsten verweigert hätte. Sie tanzte mit zwei weiteren Männern. Mit dem Letzten fing Senmut Streit an. »Halte Abstand zu meiner Schwester!«, verlangte er.
Der Angesprochene lachte überheblich: »Du hast mir gar nichts zu sagen!«
Mit einem Sprung war Senmut bei ihm und brüllte: »Lass sie los!«
Sarah blieb stocksteif stehen und beobachtete entsetzt, wie Senmut dem Mann seine Fäuste ins Gesicht drosch. Der ging zu Boden. Sofort sprangen zwei andere Römer herbei, packten Senmut, bevor er noch mehr Hiebe austeilen konnte, drehten seine Arme auf den Rücken und schleiften ihn fort. Er wehrte sich nach Kräften, doch zu zweit waren sie stärker. Sarah eilte hinterher. Sie sah, wie Senmut hinausgeworfen wurde. Dann gab man ihr einen Schubs, so dass sie ebenfalls vor der Tür landete. Senmut schrie vor Wut. Die beiden Männer lachten und knallten ihm die Tür vor der Nase zu. Er hämmerte dagegen, doch sie hatten von innen abgeschlossen.
Sarah brach in Tränen aus. Der Abend hatte so wunderbar begonnen, warum musste er derart schlimm enden? Sie verstand Senmuts Eifersucht nicht. Es war doch gar nichts geschehen!
Anfangs hatte er den Abend genossen und sich zu seiner Idee beglückwünscht. Doch schon bald fielen ihm die feurigen Blicke auf, die die Männer Sarah zuwarfen. Verflixt, woher kommt auf einmal diese erotische Ausstrahlung, die alle ganz wild macht?, überlegte er verärgert. Von diesem Gedanken kam er auch auf dem Heimritt nicht los und schwieg verdrossen zu allen Fragen, die ihm Sarah stellte.
Dummerweise hatten sie keine Umhänge mitgenommen und zitterten vor Kälte, als die Oase endlich im Morgengrauen auftauchte. Senmut sah schon von weitem, dass doppelt so viele Wächter vorm Eingang postiert waren wie üblich, und wusste, was das bedeutete. Jetzt hätte er Sarah vorwarnen müssen, doch er unterließ es. Sie erschrak daher, als sie angeschnauzt wurde: »Sofort absteigen und im Palast melden!«
»Wieso? Was habe ich getan?«, stammelte sie.
»Ihr habt euch unerlaubt entfernt.«
»Hast du nicht gefragt, ob wir fort dürfen?«, erkundigte sie sich mit zittriger Stimme bei Senmut.
»Nein!«, knurrte er. »Ich bin volljährig und will nicht mehr wie ein Kind behandelt werden!«
Senmuts Eltern erwarteten sie mit bleichen Gesichtern in Nehesis Arbeitszimmer. Kaiti stürzte sich auf ihren Sohn, umklammerte ihn heftig und konnte vor lauter Weinen nicht sprechen. Sarah stand da wie ein Häufchen Elend und wagte es nicht, irgendjemandem in die Augen zu schauen.
»Dass du einfach abgehauen bist, daran sind wir leider gewöhnt!«, begann Nehesi mit scharfer Stimme. »Aber dass du Sarah mitgenommen hast, ist unverzeihlich. Wir dachten, dass sie entführt worden ist. Du weißt, was mit meiner kleinen Nichte Renes passierte, die vor ein paar Jahren spurlos verschwand.«
Ich kann´s nicht mehr hören!, fluchte Senmut innerlich. Mit der Gruselgeschichte von der verschwundenen Renes haben sie uns Kindern immer Angst eingejagt. Da konterte er wütend: »Ihr hättet nur die Stallknechte fragen müssen! Die hätten euch sagen können, dass Sarah und ich zu einem Ausflug aufgebrochen sind.«
»Die haben wir gefragt. Aber sie konnten uns nicht erklärten, wohin ihr geritten seid und vor allem wussten sie nicht, dass ihr die ganze Nacht wegbleiben würdet. Außerdem hättest du Leibwächter mitnehmen müssen.«
Jetzt machte Senmut anstandshalber ein betretenes Gesicht.
»Mein Sohn«, sprach Nehesi gefährlich leise, »diesmal hast du den Bogen überspannt. Ich verbiete dir ab sofort derartige Ausflüge.«
»Das kannst du nicht machen!« Senmuts Stimme überschlug sich schier.
»Oh doch, ich kann und ich werde! Komm Kaiti, lass uns zu Bett gehen. Wir haben jede Menge Schlaf nachzuholen.« Er griff nach ihrer Hand und führte sie zur Tür.
»Wie lange gilt das Verbot?«, rief Senmut hinterher.
»Vier Wochen. Danach wird neu verhandelt.«
Senmut schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte: »Das darf nicht wahr sein!«
Ein paar Augenblicke stand er da wie festgewurzelt, dann verließ er den Raum, ohne Sarah die geringste Beachtung zu schenken. Auf dem Weg zu seinem Zimmer fiel ihm die Verabredung mit Jatuso wieder ein. Da befahl er seinem Leibdiener, der die ganze Nacht auf ihn gewartet hatte: »Weck mich in drei Stunden und erinnere mich, dass ich zum Wesir gehen muss.«
Schlaflos wälzte er sich hin und her, quälte sich schließlich aus dem Bett und ließ sich rasieren, waschen und ankleiden. Normalerweise frühstückte er ausgiebig, doch an diesem Morgen hatte es ihm den Appetit verschlagen. Er lief zum Haus des Wesirs, das in der Nähe des Palasts errichtet worden war. Jatuso erwartete ihn in seinem Arbeitszimmer. Der Raum wurde von hohen Wandregalen beherrscht, in denen sich zahlreiche Schriftrollen und Bücher stapelten. Der Wesir saß hinter seinem Schreibtisch und kam gleich zur Sache: »Hast du noch eine andere Geldquelle aufgetrieben oder muss ich dir die Summe leihen, mein Prinz?«
Beschämt senkte Senmut den Kopf und murmelte: »Ich wäre dir dankbar, wenn du mir aushelfen könntest, Wesir.«
Jatuso setzte ein verkniffenes Lächeln auf und meinte: »Ich bin um deine Zukunft besorgt und habe ein Horoskop erstellt. Es sieht nicht gut aus.« Er machte eine Pause, musterte die betroffene Miene seines Schützlings und fuhr fort: »Es warnt dich davor, ein Schiff zu betreten. Du hast doch nicht etwa vor, eine Reise zu unternehmen oder?«
»Natürlich nicht, Wesir!«
»Na gut. Dann vertraue ich darauf, dass du keine weiteren Nächte außer Haus verbringst.«
Sie fühlte sich dermaßen durcheinander, dass sie nicht wusste, was sie machen sollte. Sie liebte ihre Pflegemutter Kaiti von Herzen und fühlte sich wahrhaftig als ihre Tochter. Ihrer Meinung nach gab es keine schönere Frau. Sie besaß die gleiche Augenfarbe wie Senmut, dazu jedoch herrliche blonde Haare. Man musste sie immerzu bewundern. Bei ihr wirkten Augen- und Haarfarbe harmonisch, nicht verstörend wie bei Senmut. Sie liebte auch Nehesi, diesen groß gewachsenen vornehmen Mann, dem man anmerkte, wer seine Vorfahren waren und der seine bescheidene Rolle mit Würde akzeptierte.
Es tat ihr in der Seele weh, dass sie die beiden enttäuscht hatte, wenn auch unwissentlich. Aber eigentlich hätte sie sich denken können, dass Senmut wie so oft übers Ziel hinausschießen würde. Normalerweise tröstete sie ihn, wenn er Ärger bekommen hatte. Aber diesmal dachte sie, dass er seine Strafe verdiente.
Ich muss mit jemandem reden, sonst werde ich noch verrückt, überlegte sie unglücklich. Da hörte sie im Lauf des Vormittags, wie sich Kaiti draußen mit einer Dienerin unterhielt. Sofort erhob sie sich, zog sich an und eilte hinaus.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«, strahlte Kaiti. »Ich freue mich schon auf das Fest heute Nachmittag.«
»Es tut mir furchtbar leid, was letzte Nacht passiert ist!«, erklärte Sarah mit zittriger Stimme.
»Ja, es war ein Albtraum. Diese schreckliche Zeit, in der Renes verschwand, stand uns wieder vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Du weißt, dass ich mich damals schuldig gefühlt habe. Das werde ich einfach nicht los.«
Sarah hatte keine Ahnung, was sie darauf erwidern sollte. Die Frage, ob Kaiti schuld am Verschwinden von Renes trug, quälte ihre Adoptivmutter seit Jahren. Fest stand, dass sie die Letzte gewesen war, die Nehesis Nichte gesehen hatte. Leider war es zum Streit gekommen, eigentlich wegen einer Belanglosigkeit. Beim Würfelspiel hatte Renes plötzlich behauptet, dass Kaiti schummeln würde. Es war bekannt, dass jene ganz versessen aufs Gewinnen war.
Renes war irgendwann wutschnaubend hinaus gestürmt. Da war es schon Abend gewesen. Kaiti ging davon aus, dass sie sich bald wieder beruhigen würde. Sie versäumte es, sich zu vergewissern, ob Renes in ihr Zimmer zurückgekehrt war. Erst am anderen Morgen stellte sie fest, dass Nehesis Nichte verschwunden war. Eine wochenlange Suche in der Oase und außerhalb endete ohne Ergebnis. Da nahmen alle an, dass sie entführt worden war. Kaitis größte Angst bestand fortan darin, dass Senmut dasselbe geschehen könnte. Das war mit ein Grund, warum sie ihn viel zu eng umsorgte.
Als junges Mädchen war sie abenteuerlustig gewesen und immer zu Späßen aufgelegt. Das behauptete jedenfalls Luna. Sarah kannte Kaiti kaum anders als nachdenklich, in sich gekehrt und mit Selbstvorwürfen kämpfend.
Wie konnte sie sie jetzt auf andere Gedanken bringen? Da bot sie an: »Ich rede nachher mit Senmut. Er soll sich bei euch entschuldigen. Das ist das Mindeste, was er tun muss.«
Kaiti schenkte ihr einen dankbaren Blick und murmelte: »Du bist die Einzige, von der er sich Kritik gefallen lässt. Auf uns Erwachsene hört er nicht.«
Warum hat Kaiti kein weiteres Kind bekommen?, überlegte Sarah. Es würde ihr viel besser gehen, wenn sich die geballte Wucht ihrer Liebe nicht ausschließlich auf Senmut konzentrieren würde. Diese Frage stellte sie sich oft, obwohl sie die Antwort kannte. Kaiti war mit sechzehn Mutter geworden. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jetzt auch schon bald ein Kind bekäme, würde ich genauso durchdrehen wie Kaiti damals.
Rasch schüttelte sie diesen Gedanken wieder ab und schlug vor, einen Spaziergang zum See zu machen. Das entlockte Kaiti ein Lächeln. Nachdem sie sich an den farbenfrohen Ibissen, Reihern, Enten und Gänsen erfreut hatten, steuerten sie die gegenüberliegende Seite an und setzten sich auf eine Bank. Sie stand seitlich von einer Grotte, in der vor langer Zeit eine vergoldete Isis-Statue aufgestellt worden war. Die Gestalt der Göttin leuchtete im Morgenlicht wie ein ewiges Versprechen.
»Isis und Maria sind einander ähnlich«, erklärte Sarah voller Ehrfurcht.
Es war ein offenes Geheimnis, dass sie sich vom Christentum angezogen fühlte, obwohl die meisten Oasenbewohner den ägyptischen Göttern huldigten. Kaiti bewunderte jetzt ihr Geschick, die verschiedenen Glaubensrichtungen miteinander in Einklang zu bringen und sagte lächelnd: »Du musst dich nicht rechtfertigen. Wir akzeptieren es, dass du getauft wurdest. Denk an den Zettel, den man zusammen mit dir auf den Tempelstufen fand. Er enthielt nur ein einziges Wort: Sarah. Wer auch immer dich dort abgelegt hat, wollte, dass du einen christlichen Namen trägst.«
Sarah kannte den Zettel, hatte ihn wohl schon mehr als hundert Mal betrachtet. »Wie viele Christen gab es hier, als man mich fand?« Auch diese Frage hatte sie schon häufig gestellt.
»Außer meinem Bruder Agathon nur seinen Freund Sebastian. Sie haben damals eine Weile hier gewohnt, bevor sie wieder nach Alexandria gingen. Sie haben geschworen, dass sie keine Ahnung hatten, wer deine leiblichen Eltern sind. Du kannst dir denken, dass wir jeden einzelnen Oasenbewohner befragt haben. Niemand wusste etwas von einer Frau, die schwanger gewesen ist. Es gab außer Luna, Renes und mir damals nur vierzehn weitere Frauen, die hier lebten, und es war verdammt unwahrscheinlich, dass irgendeine Fremde nur gerade so lange hergekommen war, um dich heimlich zur Welt zu bringen und gleich wieder zu verschwinden.«
»Das ergibt keinen Sinn«, gab Sarah zu. »Weißt du, in der Regel spielt es keine Rolle, dass meine Herkunft Rätsel aufgibt. Ihr behandelt mich wie eine leibliche Tochter. Ich hätte es nicht besser treffen können …«
»Aber der Ärger mit Senmut lässt alles wieder hochkochen«, erriet Kaiti.
»Manchmal fühle ich mich vollkommen fremd.« Das hatte sie bis jetzt noch nie zugegeben und Kaiti empfand schlagartig so viel Mitleid, dass sie sie in ihre Arme zog und anbot: »Lass uns zurück zum Palast gehen und Zazas Nusskuchen probieren.«
Sie passierten das imposante Eingangstor, das von zwei Leibwächtern bewacht wurde und vernahmen deren Gruß: »Langes Leben und Gesundheit.« Falls Kaiti tatsächlich die Küche ansteuern wollte, hätte sie sich jetzt nach links wenden müssen, doch sie durchquerte die Empfangshalle, deren rosaroter Marmorboden warm im Sonnenlicht schimmerte. Sarah seufzte innerlich, als sie begriff, wohin ihre Pflegemutter wollte. Zielstrebig wandte sie sich dem hinteren Teil mit dem herrlichen begrünten Innenhof zu.
Vorsichtig drückte sie die Klinke von Renes´ ehemaligem Zimmer hinunter und betrat es so andächtig, als wäre es ein Heiligtum. Alle Gegenstände, die der Nichte von Nehesi gehört hatten, waren auf Kommoden und Tischen auf eine Weise arrangiert, als besäßen sie religiösen Charakter. Ehrfürchtig schritt Kaiti an der Reihe entlang und Sarah folgte mit klopfendem Herzen.
Als kleines Mädchen hätte sie furchtbar gern mit den schönen Puppen gespielt oder den Schmuck übergestreift, doch es durfte nichts angefasst werden. Wann hört Kaiti endlich auf, um Renes zu trauern?, überlegte sie niedergeschlagen. Ihr muss doch klar sein, dass sie schon längst tot ist, auch wenn man ihren Leichnam nie gefunden hat. Aber eine Lösegeldforderung wurde nicht gestellt, folglich kann sie nur tot sein.
Jetzt musste sie hier ausharren, bis Kaiti ihre Runde gedreht hatte und das konnte dauern. Wegen dieser Marotte verpasse ich noch mein Geburtstagsfest, ärgerte sich Sarah.
Er ließ seine schlechte Laune an jedem aus, der das Pech hatte, ihm über den Weg zu laufen. Doch dann brachte ihn ausgerechnet das Geburtstagsgeschenk der Großeltern auf eine Idee, wie er seine Situation verbessern könnte. Die Stute litt seit drei Tagen an Koliken. Senmut war zufälligerweise in der Nähe, als der Pferdeknecht, der mit ihrer Pflege beauftragt worden war, Menan Rechenschaft ablegen musste.
»Ich weiß nicht, Herr«, stammelte er, »vielleicht war sie schon krank, als du sie gekauft hast.«
Menan funkelte ihn wütend an. »Das werden wir nicht beweisen können. Sie muss jedenfalls wieder gesund werden. Nur darauf kommt es an.«
»Ich gebe mein Bestes, Herr.« Der Mann war kurz davor, die Fassung zu verlieren.
Was für ein Dummkopf!, dachte Senmut. Doch dann ging ihm die Vermutung nicht mehr aus dem Sinn, dass die Krankheit mit der Herkunft der Stute zusammenhängen könnte. Sie wurde in der Wüste geboren. Das könnte bedeuten, dass sie unser gutes Futter nicht gewöhnt ist, überlegte er. Plötzlich stahl sich ein breites Grinsen in sein Gesicht, als ihm aufging, wie ihm dieser Gedanke helfen könnte, das Problem zu lösen, das ihn seit Tagen plagte.
Er gab Sarah, die eben erst zur Stalltür hereingekommen war, einen Wink, ihm nach draußen zu folgen, und als sie genügend Abstand zu Menan hatten, begann er mit leiser Stimme: »Wir müssen herausfinden, was die Stute zum Fressen bekommen hat, bevor sie hierher kam. Ich vermute, dass das nur Heu war, und das ist leichter zu verdauen als unser Klee und die herrlichen Wiesenkräuter.«
Sarah schaute voller Bewunderung zu ihm auf. »Das wäre durchaus möglich! Ach, Senmut, ich danke dir! Morgen kommt Karawanenführer Mortai noch mal vorbei, dann frage ich ihn. Bis dahin gebe ich der Stute nur Heu und massiere weiter ihren Bauch.«
»Ich will dabei sein, wenn du mit dem Mann sprichst«, antwortete Senmut rasch. »Ich habe mehr Autorität als du. Dich würde er möglicherweise belügen.«
»Und was ist mit Menan? Soll der auch dabei sein?«
»Weiß er, dass Mortai morgen kommt?«
»Von mir nicht.«
»Dann verschweig es. Wir regeln das allein. Falls uns das gelingt, wird unser Ansehen wieder hergestellt, genauer gesagt meins.«
»Ist Vater immer noch böse auf dich?«
»Leider ja.«
Als sie am nächsten Tag im Stall auftauchte, waren weder Senmut noch Menan dort, nur Karawanenführer Mortai. Er gab zu, dass Koliken leider häufig vorkamen. Wenn er gewusst hätte, dass die Stute davon betroffen ist, hätte er Medizin mitgebracht. Aber da das nicht der Fall war, wäre es am besten, wenn Sarah sofort mitkäme, um die Arznei zu holen.
»Ich muss erst Bescheid geben, bevor ich die Oase verlassen darf.«
»Das kann einer meiner Männer machen. Er muss sowieso noch mit Menan sprechen. Bewahrst du deine Reitkleidung hier im Stall auf? Dann zieh dich bitte um und wir brechen gleich auf. Es ist nicht weit, nur ungefähr eine Stunde entfernt.«
Sie war dermaßen erpicht, der Stute zu helfen, dass sie alle Vorsicht vergaß und nicht einmal verlangte, von Leibwächtern begleitet zu werden. Sie ritt auf Lunas Stute dem Karawanenführer hinterher zum Ostausgang der Oase. In dreißig Schritten Entfernung warteten seine Gehilfen und schlossen sich ihnen an. Wie alle, die in der Wüste lebten, trugen sie bodenlange weiße Gewänder und Turbane, deren Enden um Nase und Mund geschlungen waren und sie so vor der Sonne schützten. Sarah hatte einen Kapuzenumhang dabei, der notfalls denselben Dienst leisten würde.
Nachdem die Oase aus ihrem Blickfeld verschwunden war, lenkte einer der Gehilfen sein Pferd neben ihres und sagte lachend: »Danke Schwesterlein, dass du mir geholfen hast, aus dem Gefängnis zu entwischen!«
»Senmut!« Sarah starrte ihn an, als wäre er ein Gespenst. Vorhin hatte er den Kopf gesenkt, als sie an ihm vorbeigeritten war. Jetzt schenkte er ihr einen strahlenden Blick.
»Bist du wahnsinnig?«, keuchte sie. »Dreh sofort um und bete, dass Vater noch nichts gemerkt hat.«
»Beglückwünsche mich lieber zu meiner Verkleidung! Ich habe sie von einem von Mortais Männern geliehen. Schlau von mir, was?«
Sie begann vor Enttäuschung zu zittern. Bei Senmut musste man leider immer auf unangenehme Überraschungen gefasst sein, doch das hier war wirklich dreist. Da zischte sie aufgebracht: »Mach, dass du heimkommst!«
»Und was ist mit deiner Stute? Die braucht doch Medizin! Meinst du, ich lasse dich allein mit diesen ungehobelten Burschen fortreiten?«
Ihr war sofort klar, dass es garantiert einen anderen Grund gab, warum er weg wollte, keineswegs um sie zu beschützen. Verdammt noch mal: Die Frage Mortais, ob sie ihre Reitkleidung im Stall aufbewahrte – das hatte er von Senmut erfahren!
Jetzt war sie nicht nur enttäuscht, sondern wütend. »Ich glaube dir kein Wort! Erklär mir, was wirklich los ist, und wage es ja nicht, mich zu belügen!«
Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn so schnell durchschauen würde, und stöhnte innerlich. Doch dann begann er mit einschmeichelnder Stimme: »Bitte, Sarah, ich konnte nicht anders handeln. Ich habe Wettschulden und wenn ich die nicht begleiche, lauern mir ziemlich üble Männer auf.«
»Wettschulden?«, wisperte sie erschüttert.
»Ja. Anfangs ging alles gut und ich habe viel gewonnen. Doch dann verließ mich das Glück. Bitte hilf mir jetzt, die Sache wieder in Ordnung zu bringen!«
»Und woher hast du das Geld, die Schulden zu bezahlen?«
»Jatuso hat es mir geliehen.« Er merkte ihr an, dass sie immer noch sauer war. Da fügte er rasch hinzu: »Wenn alles erledigt ist, reiten wir sofort zurück.«
Sie ging davon aus, dass sie dort, wo er seine Schulden bezahlen würde, auch die Medizin erhielt, und konnte es nicht fassen, als er sich eine halbe Stunde später von Mortai mit den Worten verabschiedete, dass er erst noch etwas anderes mit Sarah zu erledigen hätte und ihn später aufsuchen würde.
Die Skrupellosigkeit, mit der er sie in seine Pläne einbezog, sie ausnutzte und letztendlich vielleicht sogar in Gefahr brachte, schmerzte unfassbar. Und ich dachte immer, dass er mich liebt, überlegte sie unglücklich.
Eine Weile später tauchte das Gebäude auf, in dem sie neulich tanzen gewesen waren. Doch Senmut lenkte diesmal sein Pferd nach rechts zu der Senke, aus der die eigenartigen Geräusche zu hören gewesen waren. Heute war alles still. Am Rand einer tiefen und fast kreisrunden Grube hielt er an.
»Was ist das?«, erkundigte sich Sarah besorgt.
»Das war mal ein Bergwerk. Jetzt ist es eine Arena.«
»Für Gladiatoren?«
»Sie nennen sich anders. Doch gekämpft wird tatsächlich.«
»Und hier hast du Schulden gemacht?«
Verlegen gab zu: »Ja, man kann vor den Kämpfen Wetten abschließen.«
»Wie lange machst du das schon?«
»Seit ein paar Wochen.«
Von beiden unbemerkt, war ein groß gewachsener Mann aus dem Gebäude getreten. Er kam direkt auf sie zu. Senmut zuckte zusammen, als er ihn bemerkte und murmelte: »Der hat mir gerade noch gefehlt.«
»Wer ist das?«
»Crispus. Er ist ein Lanista, bildet Gladiatoren aus.«
Sarah merkte, wie sich die Härchen an ihren Armen aufstellten, als sie einen Blick von Crispus auffing. Er war voller Berechnung, als würde er eine Ware begutachten. Eine dunkelrote Narbe zog sich längs über seine Wange und um seinen Mund spielte ein rätselhaftes Lächeln. Sein muskulöser Oberkörper war nackt. Er trug nichts weiter als einen Lendenschurz und Sandalen.
Die raue Stimme, mit der er sich jetzt in lateinischer Sprache an Senmut wandte, jagte Sarah kalte Schauer über den Rücken. »Du kommst zu spät. Die Zahlung war vor drei Tagen fällig.«
»Das stimmt nicht!«, widersprach Senmut hastig.
»Ich wiederhole: Du bist zu spät und für das Versäumnis musst du extra zahlen!«
Senmut erbleichte und murmelte: »Dann muss ich morgen noch mal herkommen und den Rest bezahlen.«
»Von wegen! Heute ist Zahltag, und zwar inklusive Versäumnisgebühr!«
»Wie soll ich das auf die Schnelle bewerkstelligen?«
Die Stimme von Crispus klang brutal. »Indem du kämpfst!«
Einen schrecklichen Augenblick lang schien die Welt stillzustehen, als wäre alles, was bis eben noch lebendig gewesen war, plötzlich mausetot. Senmut sollte in der Arena kämpfen?
Crispus ließ ihm keine Zeit für eine Antwort, geschweige denn zur Flucht. Mit einem einzigen Griff riss er ihn vom Pferd und warf ihn mit dem Kopf voran zu Boden.
Sarah, die alles beobachtet hatte, konnte sich gerade noch an der Mähne der Stute festkrallen, sonst wäre sie vor Schreck aus dem Sattel gekippt.
Senmut kam ächzend auf die Knie. Er atmete ein paar Mal hektisch ein und aus, ehe er sich mit wackligen Beinen erhob. Schlagartig begriff er die Aussichtslosigkeit seiner Lage. Das war so bitter, dass er einen Moment die Augen schließen musste. Ein Gefühl bodenloser Verzweiflung stieg aus seinem Magen in die Kehle und würgte ihn. Nur unter größter Anstrengung gelang es ihm, wieder zu sprechen: »Also gut, Crispus, ich kämpfe. Aber du musst mir etwas schwören!« Er machte eine Pause und legte dann so viel Schärfe in seine Worte, dass der Lanista erstaunt die Augenbrauen hob. »Meiner Schwester darf nicht das geringste Leid geschehen!«
Prompt ließ Crispus seine Augen über Sarahs Körper tanzen, wobei er außergewöhnlich lange auf ihren kleinen Brüsten verharrte, die unter dem weitgeschnittenen Oberteil nur vage zu erkennen waren. Nach einer gefühlten Ewigkeit schwenkte sein Blick zu Senmut herum. »Von deinen vergangenen Besuchen weißt du, dass stets ein paar hübsche Frauen anwesend sind. Das ist gut fürs Geschäft. Also höre, Senmut: Deiner Schwester geschieht nichts, aber sie soll sehen, wie du dich in der Arena schlägst.«
Während er sprach, hatten sich zwei seiner Gehilfen von hinten an Senmut herangespirscht. Einer stülpte ihm blitzschnell einen Sack über Kopf und Arme, der andere schubste ihn in Richtung Arena.
Sarah schaute fassungslos hinterher, wurde jedoch zur selben Zeit von zwei anderen Männern gezwungen, vom Pferd zu steigen, an den Ellenbogen gepackt und in das flache Gebäude gezerrt. Sie schrie und wehrte sich, doch das kümmerte die beiden nicht. Sie sperrten sie in eine winzige Kammer. Dort gab es nichts weiter als eine schmale Liege. Darauf ließ sie sich fallen, schlug die Hände vors Gesicht und begann hemmungslos zu weinen.
Wird es ein Kampf auf Leben und Tod sein? Beim Gedanken, dass Senmut sterben könnte, krampfte sich ihr Herz zusammen. Am Morgen war unsere Welt noch in Ordnung. Ich glaubte, dass uns ein ganz normaler Tag erwartet. Wie viel Angst hast du jetzt, lieber Bruder? Wenn man uns wenigstens zusammen eingesperrt hätte, könnte ich dir beistehen! Was um alles in der Welt kann jetzt noch helfen?
Sie versuchte, sich an die tröstlichen Worte zu erinnern, die sie von Agathon kannte. Sie hatte ihn häufig in Alexandria besucht und er hatte ihr aus den Schriften der ersten Christen vorgelesen. Aber jetzt, wo sie dringend Zuspruch benötigte, konnte sie sich nur an einen einzigen Satz erinnern, und der lautete: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“
Man hatte ihn in einen kahlen Raum gesperrt, der unter den Zuschauertribünen lag. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er kalte, nackte Todesangst. Womit habe ich das verdient?, überlegte er am Rande einer Panik. Niemand sollte mit neunzehn sterben! Er malte sich aus, wie seine Eltern reagieren würden, wenn sie von seinem unwürdigen Ende erfuhren. Seine Mutter könnte das nie verwinden.
Beinah genauso schlimm war es, an Sarah zu denken. Man zwingt sie, meinen Kampf anzuschauen. Doch so etwas Martialisches hat sie noch nie gesehen! Es wird sie umhauen. Als er sich bildlich vorstellte, wie sehr sie leiden würde, schlug seine Angst in Wut um. Wenn er dank Harkas eines über das Kämpfen gelernt hatte, dann, dass nach der Angst die Wut kam, und die wiederum konnte man umwandeln in kalte Überlegung. Alles, was vermeintlich zum Nachteil war, konnte man in etwas Starkes ummünzen.
Es geht um mein Leben, meine Zukunft, mein Ansehen, meine Familie, es geht um Sarahs Seelenheil! Diese Worte wiederholte er wie ein Gebet.
