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Ägypten im 3. Jahrhundert n. Chr. Die ehemalige Gladiatorin Luna führt mit ihrem Mann ein beschauliches Leben in einer ägyptischen Oase. Doch dann gerät ihr Enkel Senmut in eine Krise und sie fühlt sich verpflichtet, ihm zu helfen. Er schickt sie nach Ibiza, um seine Schwester Sarah abzuholen, die dort mit ihrer Familie lebt. Auf der Insel bekommt es Luna mit einer unerwarteten Bedrohung zu tun, die sie zwingt, noch einmal zu den Waffen zu greifen. Von da an überschlagen sich die Ereignisse und führen sie weit weg in die Sahara. Ihr wird eine Position angeboten, mit der sie nie im Leben gerechnet hätte. Diese Chance zu ergreifen, würde jedoch bedeuten, ihre Familie nie wiederzusehen. Wie wird sie sich entscheiden, und gibt es jemanden, der ihr in dieser verzwickten Lage helfen kann? Dieser Roman kann für sich allein oder als vierter Band der Gladiatorinnen-Reihe gelesen werden.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2024
Selma Nemo
Ägypten im 3. Jahrhundert n. Chr.
Die ehemalige Gladiatorin Luna führt mit ihrem Mann ein beschauliches Leben in einer ägyptischen Oase. Doch dann gerät ihr Enkel Senmut in eine Krise und sie fühlt sich verpflichtet, ihm zu helfen. Er schickt sie nach Ibiza, um seine Schwester Sarah abzuholen, die dort mit ihrer Familie lebt. Auf der Insel bekommt es Luna mit einer unerwarteten Bedrohung zu tun, die sie zwingt, noch einmal zu den Waffen zu greifen. Von da an überschlagen sich die Ereignisse und führen sie weit weg in die Sahara. Ihr wird eine Position angeboten, mit der sie nie im Leben gerechnet hätte. Diese Chance zu ergreifen, würde jedoch bedeuten, ihre Familie nie wiederzusehen. Wie wird sie sich entscheiden, und gibt es jemanden, der ihr in dieser verzwickten Lage helfen kann?
Dieser Roman kann für sich allein oder als Teil der »Gladiatorinnen«-Reihe gelesen werden.
1: Luna – Zur Liebe geboren, zum Kämpfen verdammt
2: Kaiti – Die Tochter der Gladiatorin
3: Senmut – Der Enkel der Gladiatorin
4: Luna – Das Erbe der Gladiatorin
Copyright © 2024 by Selma Nemo
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Cover: Ria Raven, www.riaraven.de
Verwendete Grafiken:
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Erstellt mit Vellum
In der Oase – Luna
Menan
Senmut
Luna
Senmut
Ein halbes Jahr später – Senmut
Luna
Ajinde
Senmut
Aschok
Senmut
Ajinde
Aschok
Ajinde
Senmut
Ajinde
Senmut
Auf der Insel Ebesus – Luna
Dokan
Sarah
Acht Tage später – Luna
Dokan
Sarah
In der Oase – Senmut
Sarah
Dokan
Senmut
Menan
Senmut
Menan
Senmut
Im Reich der Dimara – Luna
Hadin
Luna
Hadin
Luna
Hadin
Luna
Menan
Ajinde
Hadin
Luna
Harkas
Ajinde
Hadin
Luna
Ajinde
Harkas
Ajinde
Senmut
Menan
Senmut
Dokan
Luna
Menan
Luna
Senmut
Ajinde
Senmut
Ajinde
Luna
Ajinde
Menan
Hadin
Sarah
Senmut
Luna
Senmut
Luna
Senmut
Hadin
Menan
In der Oase – Kaiti
Nehesi
Luna
Nehesi
Unterwegs nach Norden – Sarah
Dokan
Sarah
Ein Jahr später in der Oase – Senmut
Luna
Personen
Selma Nemo
Luna - Zur Liebe geboren, zum Kämpfen verdammt
Kaiti - Die Tochter der Gladiatorin
Senmut – Der Enkel der Gladiatorin
Die Keltin und der Pharao
Sie lebte in einem Paradies nicht weit weg von der ägyptischen Hafenstadt Alexandria. Die von Wüste umgebene Oase erschien ihr immer noch wie ein Wunder. Ein See, der von einer unterirdischen Quelle gespeist wurde, hatte den Ort zum Leben erweckt. Zahlreiche Palmen, Maulbeerbäume, Akazien und Sykomoren spendeten Schatten. In den Gärten konnte man das ganze Jahr über Datteln, Lauch, Zwiebeln, Rettiche, Artischocken, Gurken, Knoblauch, Salat und Wassermelonen ernten.
Vor einiger Zeit hatte Luna mit ihrem Ehemann Menan die Verantwortung für die knapp zweihundert Bewohner übernommen, darunter schwarzhäutige Krieger aus Kusch, einem im Süden gelegenen Nachbarland Ägyptens. Die Krieger waren notwendig gewesen, um den letzten Pharao zu beschützen, von dessen Existenz die Römer, die das Land erobert hatten, nichts wissen durften. Er lebte jedoch seit einiger Zeit weit weg am Nil in der alten Königsstadt Waset zusammen mit Lunas Tochter Kaiti. Für ihn waren vor langer Zeit in der Oase prächtige Gebäude errichtet worden, darunter ein Palast, in dem jetzt Luna und Menan residierten.
Wenn sie daran dachte, dass sie in einem schäbigen Mietshaus in Rom geboren worden war und jetzt in einem Palast wohnte, konnte sie nur staunen, welche Wendung ihr Leben genommen hatte. Grundlegende Dinge hatten sich trotzdem nicht geändert. Luna pflegte keinen Müßiggang, sondern arbeitete jeden Tag im Gemüsegarten. Wenn sie dann am Abend heimkehrte und vor den baumhohen Säulen stand, die zum Portal des Palasts gehörten, stahl sich jedes Mal ein breites Grinsen in ihr Gesicht.
Sie erwiderte den Gruß der beiden Leibwächter, die am Eingang Aufstellung genommen hatten, durchquerte die mit Marmor ausgelegte Halle und steuerte die im linken Gebäudetrakt liegende Küche an. Dort übergab sie Zaza, der »Königin der Kochlöffel« die Schätze, die sie geerntet hatte, und hielt mit ihr ein kleines Schwätzchen. Danach lief sie zum Badehaus der Frauen, das außerhalb des Palastes errichtet worden war, wusch sich und zog ein neues Kleid an. Je nach Wetter wurde anschließend im Esszimmer oder im vorderen Blumengarten gespeist.
Da hier fast alles geerntet werden konnte, was die Bewohner zum Leben benötigten, war es nur selten erforderlich, Einkäufe in Alexandria zu tätigen. Doch Luna liebte es, zwei Mal pro Monat dort hin zu reiten und wieder eine Weile den Trubel der Großstadt zu genießen. Vor langer Zeit war sie in Rom als Gladiatorin im Kolosseum aufgetreten. Menan hatte ebenfalls die Gladiatorenlaufbahn eingeschlagen. Jetzt waren sie jeden Tag dankbar, dass ihr Schicksal in ruhigerem Fahrwasser verlief.
Luna wurde schon längst nicht mehr nach dem beurteilt, was sie einst gewesen war, sondern, wie meistens bei Frauen üblich, nach dem Aussehen. Sie war jetzt »die mit den mondgrauen Augen«. Wenn sie mitbekam, dass man so über sie sprach, dachte sie: Taten sind wichtiger als Aussehen. Wann begreift ihr das endlich?
Menan kam in dieser Hinsicht besser weg. Er wurde für seine Tüchtigkeit gelobt, die er bei der Verwaltung der Oase an den Tag legte. Manchmal sah man ihn selbst am späten Abend noch, wie er seinem Schreiber Serre Briefe diktierte.
Eines Morgens, als Luna wieder einmal, von zwei Leibwächtern begleitet, nach Alexandria aufbrach, fiel ihr nicht weit von der Oase entfernt ein seltsames Muster im Wüstensand auf. Sie zügelte ihre Stute und betrachtete die Linien, die offensichtlich von Menschenhand gezogen worden waren. Sie erinnerten entfernt an ein Spinnennetz. Irgendwo hatte sie ein ähnliches Muster schon einmal gesehen, allerdings nicht so groß. Das Gebilde hier im Sand maß mindestens dreißig Schritte im Durchmesser. Die Leibwächter hatten ebenfalls Halt gemacht und stellten Mutmaßungen darüber an, was das sein könnte.
»Sieht aus wie die Tätowierung von Harkas«, meinte der eine. Harkas kam ursprünglich vom anderen Ende der Sahara. Dort lebten die Dimara, ein Volk, bei dem es üblich war, die Gesichter der Erwachsenen mit seltsamen blauen Mustern auf Stirn, Nase und Kinn zu tätowieren. Jetzt arbeitete er als Waffenmeister in der Oase.
»Unsinn!«, widersprach der andere. »Das hier ist Hexenwerk. Schau mal genauer hin! Wenn es ein Mensch gezeichnet hätte, müssten irgendwo Fußspuren zu sehen sein. Das ist aber nicht der Fall.«
Luna hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl, obwohl sie keinesfalls abergläubisch war. Als Gladiatorin hatte sie noch nicht einmal einen Talisman besessen. Sie vertraute damals wie heute auf ihr eigenes Können, die Fähigkeit blitzschnell die richtigen Schlüsse aus dem Verhalten anderer zu ziehen und dementsprechend zu handeln. Das hatte ihr im Kolosseum immer zum Sieg oder zumindest zu einem Unentschieden verholfen. Doch jetzt kam es ihr urplötzlich so vor, als würde sich zu ihren Füßen eine böse Prophezeiung erfüllen, die niemand aufhalten konnte. Da murmelte sie besorgt: »Mich erinnert das Ganze an Jatuso.«
»Der ist zum Glück tot«, rief der ältere Leibwächter.
Der andere ergänzte prompt: »Möge er bis in alle Ewigkeit in der Unterwelt schmoren!«
Jatuso war der Wesir des Pharaos gewesen und hatte versucht, die Macht an sich zu reißen. Doch dann war ihm sein eigenes Horoskop zum Verhängnis geworden. Es hatte ihm prophezeit, dass ihm eine Frau und ein Feuer den Tod bringen würden. Er hatte daraufhin alle Frauen aus der Oase verbannt. Doch dann war Lunas Enkel Senmut mit einer Frau aufgetaucht, die feuerrote Haare besaß, und da wusste Jatuso, dass er verloren hatte, und war aus großer Höhe in den Tod gesprungen.
Luna merkte, wie es ihr bei der Erinnerung an jenes Ereignis kalt den Rücken hinunterlief und befahl jetzt dem älteren Leibwächter: »Zerstör das Hexenwerk!«
»Mit Vergnügen!«, knurrte er und ritt so lange kreuz und quer drüber weg, bis von dem Muster nichts mehr zu erkennen war.
Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Die Wüstenlandschaft breitete sich jetzt in all ihrer tödlichen Pracht bis zum Horizont aus. Da sie Richtung Osten ritten, leuchtete der Sand in der aufgehenden Sonne wie pures Gold. Eine knappe Stunde später sahen sie in einiger Entfernung eine junge Frau hinter einer Düne auftauchen. Sie bewegte sich mühsam vorwärts, stolperte mehrfach, rappelte sich aber wieder auf. Sie trug ein ärmelloses Kleid aus weißem Leinen, das keinesfalls für eine Wanderung in der Wüste geeignet war.
»Ich glaube, sie ist verletzt!«, rief Luna besorgt, galoppierte näher heran, stieg vom Pferd und packte die Fremde an den Schultern. Sie hatte frische Wunden an den Armen. Ihr Blick war der einer Irren, die nur knapp einer Katastrophe entronnen war. Luna versuchte, ihr Wasser einzuflößen, was anfangs misslang, weil die Frau so sehr zitterte. Inzwischen waren auch die Leibwächter abgestiegen und einer legte der Fremden seinen Umhang um die Schultern.
»Was ist passiert?«, erkundigte sich Luna.
Die Frau schüttelte den Kopf.
»Verstehst du kein Latein?«, hakte Luna nach.
»Doch, ich verstehe es«, lautete die Antwort.
»Wie heißt du?«
»Tirpana.« Das war ein fremdländischer Name. Dazu passte das Aussehen der Verletzten. Sie war größer und muskulöser als Römerinnen und besaß schrägstehende Augen.
»Wer ist schuld an deinen Verletzungen?«, forschte Luna weiter.
Wieder bekam sie nur ein Kopfschütteln als Antwort. Doch dann nach einer Weile murmelte Tirpana ein einziges Wort: »Carbo.«
Jetzt schaltete sich einer der Leibwächter ein. »Was meinst du mit ›Kohle‹?«
Der andere schien es zu wissen. »Hier gab es früher ein Bergwerk. Vielleicht wurde dort Kohle abgebaut.«
Beim Stichwort »Bergwerk« fiel Luna ein, dass sie vor einiger Zeit mit Menan ganz in der Nähe eine illegale Arena entdeckt hatte. Sie waren damals nicht hergekommen, um sich wie die anderen Besucher am Kampf der Gladiatoren zu ergötzen, sondern um herauszufinden, ob ihr Enkel Senmut zuvor in der Arena gewesen war. Der pflegte damals einen riskanten Lebensstil, ging keiner Rauferei aus dem Weg und hatte Wettschulden angehäuft.
Besorgt wandte sie sich jetzt an Tirpana: »Stammen deine Verletzungen von einem Kampf?«
»Ja, Herrin … «
Die Zeichnung im Sand und jetzt die junge Gladiatorin – hängt das etwa zusammen?, überlegte Luna entgeistert.
Das würde sie vermutlich nicht so schnell herausfinden und im Augenblick war es auch zweitrangig. Da bot sie an: »Wir nehmen dich mit nach Alexandria und bringen dich zu einem Arzt. Steig auf mein Pferd!«
Erst jetzt bemerkte Luna, dass ihre Hände blutverschmiert waren. Sie hatte wohl ohne es recht zu merken, Tirpanas Arme berührt. Das war ein unangenehmes Gefühl, denn das letzte Mal, als sie mit dem Blut einer fremden Person in Berührung gekommen war, war bei einem Kampf im Kolosseum gewesen.
Rasch goss sie Wasser über ihre Finger und setzte sich hinter Tirpana in den Sattel. Ihre Stute würde das Gewicht zweier Frauen den Rest des Weges tragen können. Anfangs versuchte sie, Tirpana weiter auszufragen, doch die war so erschöpft, dass sie kaum noch den Mund aufbekam.
Vorsichtig halfen ihr die Leibwächter aus dem Sattel, als sie vor dem Gasthaus »Gute Heimkehr« angekommen waren. Luna kannte Wirt Decimus vom ersten Tag an, da ihr Fuß vor vielen Jahren ägyptischen Boden betreten hatte. Jetzt schickte sie einen der Leibwächter los, um den Arzt zu holen, der drei Häuser weiter wohnte. Behutsam führte sie Tirpana in die Gaststube, begrüßte den Wirt und bestellte einen Krug Wein.
Das Getränk würde hoffentlich den Magen und die Nerven der jungen Frau beruhigen. Und mir selbst gönne ich auch einen Becher!, dachte Luna. Sie war dankbar, dass Decimus seine Neugierde vorerst im Zaum hielt. Nur ungern hätte sie ihm Auskunft gegeben, zumal sie selbst viel zu wenig über Tirpana wusste.
Sie mietete ein Zimmer im oberen Stockwerk. Dort untersuchte der Arzt die Wunden und stellte genau das fest, was Luna vermutet hatte – sie waren von einem Schwert verursacht worden. Er versorgte die Verletzte und man merkte ihm an, dass er gern ein paar deutliche Worte über die Art der Verletzung geäußert hätte. Doch Luna setzte eine abweisende Miene auf. Da nahm er seinen Lohn und versprach, am Abend noch mal vorbeizukommen.
Die Leibwächter aßen inzwischen unten in der Wirtsstube zu Mittag. Luna ließ einen Teller Hühnersuppe für Tirpana kommen. Ihr selbst hatte es den Appetit verschlagen. Dann zog sie der Gladiatorin die Sandalen aus, nötigte sie sich hinzulegen und deckte sie zu. Kurz darauf war sie eingeschlafen.
Luna schaute sich im Zimmer um. Es besaß zwei Fenster zur Gasse hinaus und war nur mit dem Nötigsten eingerichtet. Doch immerhin gab es eine Kommode mit einem Spiegel. Sie musterte ihr Gesicht und fand, dass es fast genauso angespannt aussah wie das von Tirpana. Die kleinen Fältchen um die mondgrauen Augen waren deutlich zu erkennen und selbst als sie versuchte, sich selbst zuzulächeln, blieb der besorgte Ausdruck. Ihre dunklen Haare waren von silbernen Strähnen durchzogen, was Menan erstaunlicherweise schön fand. Seine eigenen waren inzwischen völlig grau.
Sie konnte es selbst kaum verstehen, aber der Gedanke an Menan schmerzte. Er weiß noch nichts von dem, was mir heute widerfahren ist, begriff sie. Ich werde ihm Kummer bereiten, wenn ich zurückkomme, denn er wird dieselbe Schlussfolgerung ziehen wie ich: Wenn jetzt sogar Frauen in der illegalen Arena kämpfen, dürfen wir nicht länger tatenlos zuschauen!
Plötzlich zuckte das Wort »Carbo« erneut durch ihr Gehirn und sie dachte erschrocken: So hieß eine der Gladiatorinnen, gegen die ich in Rom antreten musste! Ist die etwa hier,und falls ja warum?
Jetzt konnte sie es kaum noch erwarten, bis Tirpana aufwachte, damit sie ihr endlich weitere Fragen stellen konnte. Es dauerte fast eine Stunde, bis jene die Augen aufschlug. Sie bestätigte Lunas schlimmste Befürchtung. Carbo, eine ungefähr sechzig Jahre alte Afrikanerin, bildete junge Frauen zu Gladiatorinnen aus. Sie griff sie in irgendwelchen zweitklassigen Tavernen auf, machte sie betrunken, und am anderen Tag erwachten sie in einer der Kammern des stillgelegten Bergwerks.
Am Vortag hatte Tirpana ihren ersten Kampf vor Publikum bestehen müssen und kläglich versagt. Im Morgengrauen beschloss sie zu fliehen, und da sie völlig desorientiert war, gelangte sie nicht nach Alexandria, sondern immer tiefer in die Wüste hinein.
»Was für ein unglaublicher Zufall, dass du mich gefunden hast!«, rief sie mit tränenerstickter Stimme.
Wieso hat Carbo noch nicht einmal dafür gesorgt, dass ihre Verletzungen behandelt wurden?, rätselte Luna und spürte eine derart große Wut auf die Afrikanerin, dass ihr heiß wurde.
»Was wäre jetzt das Beste für dich, Tirpana?«, erkundigte sie sich.
»In meine Heimat kann ich nicht zurückkehren, die ist zu weit weg. Aber ich habe Freunde auf Sicilia.«
»Warst du Kriegsgefangene oder Sklavin?«
»Ich stamme aus Asia. Legionäre haben mich und andere aus unserem Dorf nach Rom verschleppt. Dort hat man uns auf dem Markt verkauft wie Vieh. Ich kam in das Haus eines Händlers und der nahm mich mit nach Alexandria. Ich konnte weglaufen, bin aber an die falschen Leute geraten.«
Es ist die ewig gleiche Geschichte, dachte Luna betrübt. Auch ich geriet als junge Frau in schlechte Gesellschaft und von da an ging es bergab.
Da fasste sie einen Entschluss. »Wenn es dir morgen besser geht, bringe ich dich zum Hafen und bezahle dir eine Überfahrt nach Sicilia. Du musst mir nicht danken. Ich habe Ähnliches erlebt und zum Glück auch immer wieder Hilfe bekommen. Ich gebe nur weiter, was man mir Gutes getan hat.«
»Bist du Christin?«
»Nein. Ich bin eine Anhängerin der ägyptischen Göttin Isis. Aber manche vergleichen sie mit Maria, der Frau, die den Gottessohn der Christen geboren hat.« Sie überlegte eine Weile, dann fuhr sie fort: »Ich müsste noch etwas erledigen. Aber sei gewiss, dass ich mein Wort halte. Ich bitte die Wirtin, dass sie nach dir schaut. Am Abend bin ich wieder zurück. In Ordnung?«
»Geh nur. Ich werde schlafen. Aber erzählst du mir vorher noch ein wenig mehr über Isis?«
Wenn es um ihre geliebte Göttin ging, konnte Luna kaum widerstehen und erklärte bereitwillig: »Sie ist eine der wichtigsten Göttinnen Ägyptens, gleichzeitig Schwester und Ehefrau des Gottes Osiris. Man erkennt sie an der Sonnenscheibe, die sie auf dem Kopf trägt. Die Scheibe wird von Kuhhörnern umrahmt. Isis und Osiris haben einen Sohn, Horus. Die Göttin ist Zuflucht und Erlösung für die gesamte Menschheit, die große Mutter der Götter und der Natur. Sie hilft all jenen, die leiden müssen. Sie teilt ihre Macht mit denen, die sie verehren.«
»Wie kann man sie verehren?«
Luna freute sich, dass ihre Worte anscheinend auf fruchtbaren Boden fielen, und riet: »Hör dich auf Sicilia um. Ich bin sicher, dass es auch dort einen Isis-Tempel gibt.«
Sie verabschiedete sich von Tirpana und befahl dem älteren Leibwächter, in die Oase zurück zu reiten und Menan Bescheid zu geben, dass ihr etwas Wichtiges dazwischen gekommen sei und dass sie eine Nacht im Gasthaus verbringen würde. Dem anderen befahl sie, hier auf sie zu warten.
Ihre Stute war inzwischen von einem Stallknecht mit Wasser und Heu versorgt worden und hatte sich ausgeruht. Luna bat den Knecht, sie zu satteln, und ritt Richtung Stadtzentrum. Ihr Ziel war das Büro des Aufsehers der Märkte. Im Vorzimmer traf sie seinen Schreiber und bat ihn auszurichten, dass eine Frau namens Luna gekommen wäre. Es vergingen nur wenige Augenblicke, da kam Leo zur Tür herein, schloss Luna in die Arme und lachte: »Was für eine schöne Überraschung! Was führt dich zu mir?«
Er sieht noch genauso schneidig aus, wie ich ihn in Erinnerung habe, als er mit meiner Tochter Kaiti zusammen war, überlegte Luna verblüfft. Auch er war einst als Gladiator im Kolosseum aufgetreten, allerdings ein paar Jahre nach ihrer Zeit. Eine Weile hatte er sich Hoffnungen gemacht, das Herz von Kaiti erobern zu können, doch die entschied sich für Pharao Nehesi. Wenn ihre Wahl auf Leo gefallen wäre, wäre sie immer noch hier in Alexandria, sinnierte Luna betrübt.
Leo führte sie in sein Arbeitszimmer und bot ihr mit Minze gewürztes Bier an. Verstohlen ließ sie ihren Blick über sein Gesicht wandern. Er hatte immer noch dieselbe Frisur wie damals. Der Nacken war kahlgeschoren, von der Kopfmitte bis zu den Augenbrauen drehten sich die dunklen Haare in kunstvollen Locken. Seine Haut war olivfarben, die Nase leicht gebogen, das Kinn eckig. Er trug eine Tunika aus feinstem ägyptischem Leinen. Mehrere Ringe schmückten seine Finger und ließen seinen Reichtum erahnen.
Luna war ihm in den letzten Jahren häufig begegnet, meistens nur kurz auf der Straße. Sie wusste, dass er verheiratet war und in einer der besten Wohngegenden der Stadt ein Haus gekauft hatte.
»Wie geht es dir?«, erkundigte er sich mit sanfter Stimme.
Er hat gemerkt, dass ich mich in Aufruhr befinde, ahnte sie und fing gar nicht erst an, ihn mit irgendwelchen Floskeln abzuspeisen, sondern bekannte: »Ich muss dir von einer Sache berichten, die in deinen Zuständigkeitsbereich fällt.«
»Ist es dringend oder kann ich dir zuerst ein paar Fragen über Kaiti stellen?«
Da musste sie lächeln. Mit wenigen Worten berichtete sie, dass ihre Tochter inzwischen in dem Teil des Landes lebte, den man Oberägypten nannte, dass es ihr gut ging und dass sie regelmäßig Briefe schrieb.
»Und dieser Nehesi ist wirklich der Richtige für sie?« Es sollte spaßig klingen, doch Luna hörte heraus, dass er Zweifel hegte, schon allein weil Nehesi fünfzehn Jahre älter war als Kaiti.
»Finde dich damit ab, er ist der Richtige.«
»Aber sie haben nur ein Kind. Das klingt nicht nach einem erfüllten Liebesleben.«
Jetzt musste Luna lachen. »Erstens ist das ›Kind‹ – mein Enkel Senmut – inzwischen selbst verheiratet, und zweitens weißt du sehr wohl, dass es für manche Frauen nicht gut ist, wenn sie zu oft schwanger werden. Es gibt Methoden, das zu verhindern.«
»Meine Frau hat mir fünf Kinder geboren und unser erstes Enkelkind lässt auch nicht mehr lange auf sich warten.«
»Gratuliere«, murmelte Luna. Doch dann fand sie, dass der Höflichkeit Genüge getan war, und berichtete von ihrem Verdacht, dass es eine illegale Kampfarena außerhalb der Stadt gab und dass dort inzwischen Gladiatorinnen mit ziemlich brutalen Methoden angeworben wurden. Sie hätte zufälligerweise eine verletzte junge Frau aufgegabelt und bei Decimus einquartiert.
Leo wirkte aufrichtig betroffen und antwortete: »Es war richtig, dass du mit dieser Information zu mir gekommen bist. Ich gebe zu, ich hörte gerüchteweise von dieser Arena. Aber weil sie, wie du sagst, außerhalb der Stadt liegt, habe ich mich bis jetzt noch nicht darum gekümmert. Wenn du weißt, wo sich dieser Ort befindet, reiten wir noch heute hin.«
»Nicht so schnell, Leo! Ich muss dir noch etwas anderes sagen. Vermutlich kenne ich die Ausbilderin der Gladiatorinnen. Zumindest habe ich vor langer Zeit gegen eine Carbo gekämpft. Der Name dürfte nicht allzu häufig sein.«
»Gut. Was schlägst du vor?«
»Unterhalte dich mit Tirpana. Vielleicht gibt sie dir andere Antworten als mir. Wenn sich jedoch mein Verdacht bestätigt, möchte ich erst einmal allein mit Carbo reden. Es wäre mir aber eine Beruhigung, wenn ich dich und ein paar deiner Männer in der Nähe wüsste.«
Leo verschwand kurz im Nebenraum und informierte seinen Schreiber. Dann ritten sie zum Gasthaus. Tirpana war wach und reagierte erschrocken, als der große, ehrfurchtgebietende Römer auftauchte. Doch mit seinem Charme gelang es ihm, sie zum Reden zu bringen. Im Großen und Ganzen wiederholte sie alles, was er schon wusste, und fügte zum Schluss hinzu: »Auch heute werden wieder Frauen kämpfen. Damit lässt sich noch mehr Geld verdienen, als wenn Männer gegeneinander antreten. Bevor es losgeht, genehmigt sich Carbo stets einen Krug Wein in dem Gebäude neben der Arena. Dort könnt ihr sie finden.«
Luna kannte das Gebäude, war damals mit Menan dort gewesen. Da verabschiedete sie sich von Tirpana, ging hinunter in die Gaststube und befahl ihrem Leibwächter, sie zu begleiten. Leo hatte zwei eigene Leibwächter mitgebracht. Sie erreichten die Arena am Spätnachmittag. Luna hatte sich unterwegs überlegt, wie sie am besten vorgehen sollte, und befahl jetzt den Leibwächtern, draußen zu warten, und Leo bat sie, ihr erst nach einem Weilchen zu folgen.
Luna entdeckte Carbo sofort. Sie saß an der Theke und starrte in ihren Weinbecher. Die Zeit hatte auch bei ihr Spuren hinterlassen. Ihre kurzgeschnittenen Haare waren grau und in Stirn und Wangen hatten sich Falten gegraben.
»Ich grüße dich, Carbo«, begann Luna und hoffte, dass ihre Stimme nichts von ihrer Anspannung verriet.
Die Afrikanerin musterte sie einen Augenblick lang verblüfft. Dann kräuselte sich ein Lächeln um ihre Mundwinkel. »Na so was! Was verschafft mir die Ehre, Luna?«
»Ich hörte zufälligerweise, dass es hier heute einen Kampf gibt, und dachte, ich schau mal vorbei.«
Alarmiert ließ Carbo ihre Blicke durch den Raum schweifen und entdeckte Leo als denjenigen, den sie noch nie hier gesehen hatte. Doch weil er sich mit zwei Männern so vertraut und lebhaft unterhielt, als würde er sie schon lange kennen, schrumpfte ihr Misstrauen.
»Was willst du?«, erkundigte sie sich unwirsch. »Nur weil wir beide mal in derselben Lage waren, sind wir keine Blutsschwestern!«
Das war deutlich!, dachte Luna und legte, so wie sie es geplant hatte, einen Köder aus. »Gut, kommen wir gleich zur Sache. Man muss die Gier der Leute nach einem besonderen Nervenkitzel ausnutzen. Dabei lässt sich viel Geld verdienen. Ich wäre bereit zu investieren.«
Es war Carbo anzumerken, dass sie mit so einem Angebot nicht gerechnet hatte. Doch dann erschien wieder dieses Lächeln, als sie erwiderte: »An was für eine Summe hast du denn gedacht?«
»Das sage ich dir erst, wenn du mir deine Kämpferinnen zeigst. Ich kaufe keine Katze im Sack.«
»Bist du allein hier?«
»Nein, ich habe einen Leibwächter dabei. Er wartet draußen.« Hoffentlich steht er nicht mit Leos Männern herum, flehte Luna in Gedanken, sondern folgt meinem Befehl und hält sich abseits.
»Dann komm mit.«
Carbo erhob sich, obwohl sie ihren Wein noch nicht ausgetrunken hatte. Daraus folgerte Luna, dass sie wohl dringend Geld benötigte. Zu ihrer größten Erleichterung stand ihr Leibwächter bei den Pferden, während sich Leos Männer auf einer Bank niedergelassen hatten. Sie begleitete Carbo zur Arena, die sich in einer tiefen Senke befand, dem ehemaligen Bergwerk. Wie schon einmal empfand Luna auch jetzt wieder diesen Grusel, der sich einstellt, wenn man genau weiß, dass hier schreckliche Dinge geschehen. Die Tatsache, dass man viele Stufen hinuntersteigen musste, verstärkte das Gefühl.
Da sie hinter Carbo ging, konnte sie sich verstohlen umsehen und registrierte, dass ihr Leo und die Leibwächter in gebührendem Abstand folgten. Eine ovale Sandfläche kam in Sicht. Ringsum waren Sitzbänke aufgestellt worden und es gab eine Tribüne, auf der Ehrengäste Platz nehmen konnten. Hier unten war im Moment keine Menschenseele zu sehen.
Carbo steuerte einen Durchgang an, an dessen Ende Stufen noch ein Stück tiefer führten. Bis jetzt waren noch keine Fackeln entzündet worden, obwohl die Sonne bald untergehen würde. Luna hörte Frauenstimmen und nachdem Carbo einen Vorhang beiseitegeschoben hatte, entdeckte sie sieben blutjunge Kämpferinnen, die auf dem Boden saßen und neugierig zu ihr hoch starrten. Tirpana war die Achte, dachte Luna, und jetzt fehlt ihnen eine.
Als könne Carbo Gedanken lesen, meinte sie: »Eigentlich sollte ich dich fragen, ob du uns aushilfst und gegen unsere beste Kämpferin antrittst. Aber es ist offensichtlich, dass mit deinem rechten Fuß etwas nicht stimmt.«
Da hatte sie vollkommen recht. Luna war vor einigen Jahren in eine Felsspalte gerutscht und konnte den Fuß seitdem nicht mehr voll belasten. Das war natürlich einer gewieften Kämpferin wie Carbo sofort aufgefallen.
Da erwiderte Luna: »Es ist wahr, ich bin nicht mehr in Form. Aber ich trage gern mit finanziellen Mitteln dazu bei, dass deine Mannschaft so schnell wie möglich wieder komplett ist. Wieso fehlt euch eine Kämpferin?«
»Es gab einen Unfall.«
So nennt sie das also!, dachte Luna und spürte wieder diese heiße Wut.
Sie hatte mit wenigen Blicken festgestellt, dass die jungen Kämpferinnen in keinem guten Zustand waren. Bei der einen glänzte das Gesicht, so als ob sie stark schwitzte, vielleicht aber auch Fieber hätte. Eine andere hielt mit der Rechten ihren linken Arm umklammert, als hätte sie Schmerzen.
»Für Unfälle sind Ärzte zuständig«, erwiderte sie rasch. »Bevor ich Geld investiere, will ich euren Arzt sehen.«
Es war das erste Mal, dass Carbo aus dem Konzept geriet, denn sie zögerte, ehe sie antwortete: »Der ist heute nicht da.«
»Dann komme ich ein andermal wieder.«
»Nein, warte! Hier wird nicht auf Leben und Tod gekämpft. Falls es zu Verletzungen kommt, kann ich sie versorgen.«
Sie lügt mir glatt ins Gesicht!, ärgerte sich Luna. Am liebsten wäre sie jetzt wirklich gegangen. Aber da sie wusste, dass Leo draußen stand und alles mit angehört hatte, musste sie versuchen, einen letzten Beweis für die Illegalität der Arena zu bekommen. Da erkundigte sie sich in gespielt vertraulichem Tonfall: »Ich nehme an, dass du die rechte Hand des Organisators bist. Bevor wir ins Geschäft kommen, möchte ich seinen Namen wissen. Er hält bestimmt große Stücke auf dich, weil mit kämpfenden Frauen noch mehr Geld zu verdienen ist als mit Männern.«
Indem sie ihr schmeichelte, wiegte sie sie in Sicherheit, und da Carbos unverhohlenes Interesse an Geld größer war als ihre Vorsicht, antwortete sie: »Er heißt Marcus Metellus.«
Luna hatte den Namen schon mal gehört, als sie in Alexandria auf dem Markt gewesen war, und hakte nach: »Ist das der mit dem Weingut?«
»Genau der.«
Jetzt habe ich sie so weit, dass ich ihr und diesem verdammten Metellus das Handwerk legen kann!, dachte Luna. Das Dumme war nur, dass Leo nicht sofort einschreiten konnte. Sie und er mussten sich zuerst mit eigenen Augen davon überzeugen, dass hier schlecht ausgebildete Gladiatorinnen kämpften, und außerdem brauchte es noch mehr Leibwächter, um diese Schlangengrube auszuheben.
Die Afrikanerin spendierte Luna einen Becher Wein und versuchte, aus ihr herauszulocken, wie viel Geld sie investieren würde. Luna log das Blaue vom Himmel, kam noch auf andere eher harmlose Themen zu sprechen und wog Carbo in Sicherheit. Als sie den Raum verließ, war Leo nicht mehr zu sehen.
Dann, als die Fackeln entzündet worden waren, sich immer mehr Zuschauer einfanden, der Kleidung nach alles Römer, und Trommler den Beginn des ersten Kampfs ankündigten, nahm Luna voller Unbehagen auf der Tribüne Platz. An diesem Abend war sie die Einzige, der diese Ehre gebührte, was jedoch den Vorteil hatte, dass sie ihre Blicke ungeniert in die Runde schweifen lassen konnte. Erleichtert stellte sie fest, dass sich Leo und die drei Leibwächter einzeln unter die Zuschauer gemischt hatten.
Carbo war bei ihren Kämpferinnen geblieben und heizte ihnen wohl in diesem Augenblick noch mal ordentlich ein. Auf einmal musste Luna an ihren eigenen Ausbilder denken und schloss gequält die Augen. Er war ein wunderbarer Mann gewesen. Sie hatte es bis heute nicht verwinden können, dass er bei einem Gladiatorenaufstand ums Leben gekommen war.
Die nächsten beiden Stunden wurden für sie zur Qual, denn es blieb ihr nichts anderes übrig, als bis zum bitteren Ende auszuharren. Die jungen Frauen traten als einzelne Paare auf und waren unterschiedlich ausgestattet, teilweise auf recht ungewöhnliche Weise. Es kamen ein paar Waffen zum Einsatz, die Luna noch nie in einer Arena gesehen hatte. Als Erste kämpfte eine Lanzenträgerin gegen eine, die einen Krummsäbel trug. Beim nächsten Kampfpaar kamen eine Keule und eine Axt zum Einsatz. Das fand Luna ganz besonders barbarisch.
Beim letzten Kampf trat eine Schwertträgerin gegen eine Asiatin an, die mit einem Dreizack bewaffnet war und versuchen würde, ihre Gegnerin mit einem Netz zu fangen, das mit Bleikügelchen beschwert war. Wenn sie das Netz mit ausreichend Schwung warf, konnte sie die andere fangen. Als genau das geschah, fühlte sich Luna so schlecht, als müsse sie sich gleich übergeben.
Aber es war wirklich so, dass keine der Kämpferinnen starb. Die Todeshiebe wurden nur angedeutet. Trotzdem kam es zu schweren Verletzungen. Eine war von der Axtträgerin derart übel zugerichtet worden, dass sie von zwei Sklaven vom Platz getragen werden musste. Das Publikum johlte die ganze Zeit über, wenn Blut floss oder wenn eine Gladiatorin sich besonders tapfer gegen eine vermeintlich Stärkere zur Wehr setzte.
Wie können sich Menschen nur an so etwas ergötzen?, rätselte Luna und schloss immer häufiger die Augen, um nicht mit ansehen zu müssen, wie der Kampf ausging. Doch ihre Ohren konnte sie nicht verschließen. Die hämischen Kommentare, wütenden Schreie und der frenetische Applaus folterten sie geradezu.
Endlich war es vorbei, doch ihr selbst stand noch eine letzte Bewährungsprobe bevor. Sie musste Carbo im Glauben lassen, dass dies ein hervorragendes Spektakel gewesen sei und dass sie in den nächsten Tagen vorbeikäme, um die vereinbarte Summe zu bezahlen. Es gelang ihr mit Mühe und sie konnte nur hoffen und beten, dass ihr die Afrikanerin ihren Abscheu nicht anmerkte.
Leo wartete am oberen Eingang, nahm sie in die Arme und versprach: »Die werden sich wundern, wenn ich morgen ihrem Treiben ein Ende setze!«
»Ich habe noch nie jemanden verpfiffen«, murmelte Luna niedergeschlagen.
Er widersprach sofort: »Du rettest ein paar jungen Frauen das Leben oder zumindest ihre Gesundheit! Was schert dich Carbo? Du darfst ihr gegenüber kein schlechtes Gewissen haben. Sie kriegt genau das, was sie verdient hat.«
»Es belastet mich trotzdem.«
Er sah, dass sie sich wirklich elend fühlte, und bot an, sich um Tirpana zu kümmern und ihr am nächsten Tag eine Passage nach Sicilia zu spendieren. »Reite du nach Hause zu deinem Menan!«, schlug er vor.
Sie akzeptierte dankbar und versprach, sich beim nächsten Großstadtbesuch wieder bei ihm zu melden. Diesen Kampf gegen Carbo habe ich mit Worten gewonnen, dachte sie überrascht.
Auf dem Heimweg erkundigte sich ihr Leibwächter: »Was wird mit der Afrikanerin geschehen? Kommt sie mit einer Geldstrafe davon?«
Da Luna überzeugt war, dass in Leo immer noch ein gut Teil Gladiator steckte, erwiderte sie: »Nein, es wird auf die harte Tour geschehen. Er wird sie zu Sklavenarbeit verurteilen.« In Gedanken fügte sie hinzu: Mit Metellus wird es anders laufen. Der besitzt genug Geld, um sich freizukaufen.Es ist immer dasselbe: Die Kleinen müssen büßen und die Großen kommen davon.
Sie war so sehr mit Grübeleien beschäftigt, dass sie vergaß, noch einmal nach der Stelle mit dem seltsamen Muster zu schauen, das sie am Vormittag so sehr irritiert hatte.
Er freute sich, als Luna frühzeitig zurückkehrte. »Hattest du so große Sehnsucht, dass du die Nacht lieber bei mir als in Alexandria verbringen wolltest?«, neckte er sie. Aber dann sah er ihre angespannte Miene und bat: »Komm meine Schöne, erzähle mir, was du erlebt hast.«
Sie tat es und als sie geendet hatte, klagte er: »Ich wünschte, du wärest Carbo nicht begegnet.«
»Zuerst dachte ich genauso. Aber Leo hat mir versprochen, dass er dem illegalen Treiben ein Ende bereitet, und im Nachhinein bin ich froh, dass ich mit meinen Informationen dazu beitragen konnte.« Sie zögerte und ergänzte schließlich: »Wir beide haben das Kämpfen von Grund auf gelernt. Aber ist es dadurch besser? Meinst du nicht auch, dass man Gladiatorenkämpfe grundsätzlich verbieten sollte?«
Er machte es sich nicht leicht mit einer Antwort, schließlich gab er zu: »Ja, das sollte man. Vielleicht hast du den Grundstein dafür gelegt, dass Kämpfe irgendwann verboten werden. Das wäre dann dein Vermächtnis. Aber lass uns realistisch bleiben. In uns Menschen steckt mindestens so viel Böses wie Gutes. Unsere dunkle Seite wird immer eine Rolle spielen. Falls die Kämpfe jemals verboten werden, wird man etwas anderes finden, das ähnlich düster und morbide ist.«
»Wir sind beide keine Christen«, sinnierte Luna, »doch unser Sohn Agathon hat sich taufen lassen und ich höre ihm gerne zu, wenn er mir von seinem Glauben erzählt. Vielleicht könnte das Christentum dazu beitragen, die Kämpfe zu beenden. Es ist eine friedliche Religion, die keine Opfer fordert.«
Menan setzte eine skeptische Miene auf und widersprach: »Das Römische Reich ist nicht zuletzt dank seiner mächtigen Götter erfolgreich. Sie haben ihm viele Siege geschenkt, sodass uns alles rings ums Mare Nostrum gehört. Das hat noch keine andere Nation geschafft. Warum sollten wir an nur einen einzigen Gott glauben, der noch nicht einmal einen Namen besitzt?«
Diese Diskussion hatten sie in ähnlicher Form schon oft geführt, meistens mit ihrem Sohn, der beharrlich an seinem neuen Glauben festhielt. Doch da Luna nach den vielen Aufregungen des Tages keine Lust hatte, das Thema zu vertiefen, legte sie ihre Hände auf Menans Brust, gab ihm einen Kuss und erklärte: »In einem muss ich mich korrigieren. Es war nicht alles schlecht, was wir im Kolosseum erlebt haben.«
»Du meinst unsere wilden Liebesnächte?«, lachte er. Da sie von sich aus davon angefangen hatte, packte er die Gelegenheit beim Schopf und raunte ihr zu: »Als ich heute stundenlang in meinem Arbeitszimmer brütete, wünschte ich mir, dass du bei mir wärst und dich vor mir ausziehen würdest.«
»… während dein Schreiber Serre nebenan hockt und jederzeit hereinplatzen kann?« Ihre Stimme klang empört, doch ihr Grinsen verriet sie.
»Ich würde zu gern sehen, wie ihm seine griesgrämige Miene entgleist, wenn ihm aufgeht, was wir gerade treiben.«
»Du bist abscheulich!«, lachte sie. »Der arme Serre! So würdest du ihn also für seinen Fleiß belohnen?«
»Ich mag ihn nicht«, gab Menan zu. »Aber leider ist er der einzige Schreiber, den wir haben. Ich wette jedoch, dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hat.«
»Glaubst du, dass er Männer bevorzugt?«
»Nein, auch dafür ist er nicht geeignet. Aber jetzt genug von Serre, zurück zu dir und mir.«
Da küsste sie ihn erneut und schlang dabei ihre Arme um seinen Nacken.
Ihr Götter, habt Dank für diese Frau!, dachte er voller Vorfreude.
* * *
Als sie am anderen Morgen erwachten, beschlossen sie, einer herrlichen Nacht einen wunderbaren Tag folgen zu lassen. Ihr Ziel war es, zur kleinen Insel zu schwimmen. Jetzt im Spätsommer war es noch so schön warm, dass eine Abkühlung guttat. Vermutlich würden sie Harkas treffen, der beinah täglich angelte, und den sie beide ins Herz geschlossen hatten. Menan liebte es, mit ihm über Waffen und Kampftechniken zu fachsimpeln.
Offensichtlich waren auch andere auf den Gedanken gekommen, sich im See zu erfrischen, denn als sie auf der Insel ankamen, hörten sie ihren Enkel Senmut vom Ufer lautstark rufen: »Ist es in Ordnung, wenn Gani und ich euch Gesellschaft leisten?«
»Nur zu!«, ermunterte ihn Menan. »Bring einen Proviantkorb mit. Wir haben noch nicht gefrühstückt. Wir sind zu dritt. Harkas ist auch hier.«
Senmut eilte zurück in den Palast, um das Gewünschte zu holen. Seine Frau Gani zog sich bis auf die Unterwäsche aus, schwamm zur Insel und lachte, als sie aus dem Wasser stieg: »Normalerweise will er immer mit mir um die Wette schwimmen, dabei verliert er jedes Mal.«
Gani, eine hübsche großgewachsene Rothaarige, gehörte zu einer Familie von Seefahrern und hatte schon mit drei Jahren schwimmen und mit fünf Jahren segeln gelernt. Sie war auf der Insel Ebusus geboren worden. Dort hatte sie Senmut kennengelernt, als er wieder einmal in Schwierigkeiten steckte.
Eine Weile später kam Senmut mit Proviant und Geschirr an Bord herüber gerudert. Seine blauen Augen blitzten, als er bei ihnen eintraf. »Auf dem Rückweg wird geschwommen und dann verlierst du, Gani!«, behauptete er.
Da schaltete sich Harkas ein: »Deine Talente in allen Ehren, Senmut, aber Schwimmen gehört nicht dazu! Du pflügst immer durchs Wasser, als wärst du eine Bauer, der seinen Acker bestellt.«
Gani prustete los und weidete sich an Senmuts säuerlichem Gesichtsausdruck. Luna grinste verhalten und Menan war nur einfach froh, dass er mit seinem Enkel inzwischen besser auskam als früher. Das Problem hatte hauptsächlich darin bestanden, dass er gar nicht sein richtiger Großvater war. Das war Britannicus, ein anderer Gladiator, der schon lange nicht mehr lebte. Von ihm hatte Senmut die strahlend blauen Augen geerbt, die einen eigenartigen Kontrast zu seinen schulterlangen schwarzen Haaren bildeten.
Inzwischen hatte Luna die Würfel unten im Proviantkorb entdeckt und prophezeite: »Bevor ihr euren üblichen Wettkampf austragt, bei dem ich jetzt schon weiß, wer am Ende gewinnt, werdet ihr erst einmal beim Würfeln verlieren.«
»Nie im Leben!«, protestierte Senmut. »Deine Glückssträhne kann nicht ewig dauern!«
Menan verfolgte schmunzelnd ihre Kabbeleien, lehnte sich an einen Baumstamm, schloss ein Weilchen die Augen und sinnierte: So ein Tag mit der Familie ist wunderbar. Wir sollten öfter zusammen faulenzen.
Den Nachmittag verbrachte Gani im Kreis gleichaltriger Frauen. Senmut war froh, dass es ihr gelungen war, Anschluss zu finden. Eine Weile hatte er mit ihr auf der Insel Maior gelebt und dort in der Stadt Pollentia beim Bau eines Jupitertempels geholfen. Doch als jener eingeweiht worden war und keine weiteren Aufträge folgten, kehrten sie in die Oase zurück. Im Nachhinein bezeichnete er die Monate auf Maior als die bisher glücklichsten seines Lebens. Er hatte einer sinnvollen Aufgabe nachgehen können, liebte es, Grundrisse zu zeichnen und selbst Hand anzulegen, wenn Not am Mann war. Das alles fehlte ihm jetzt, aber es wollte sich keine rechte Idee einstellen, was er stattdessen machen könnte.
Nun wartete er schon seit einer halben Stunde auf Gani und als es dunkel wurde, schickte er einen Diener auf die Suche. Der kam kurz darauf mit der Nachricht zurück, dass sich niemand mehr im vorderen Palastgarten aufhalten würde, dort wo sich die Frauen regelmäßig trafen.
Da machte er sich selbst auf den Weg zu ihrer besten Freundin. Erstaunt erwiderte sie: »Ich dachte, sie wäre längst zu dir zurückgekehrt. Sie war nur kurze Zeit bei uns, dann erhielt sie eine Nachricht und ging.«
»Was für eine Nachricht?«
»Das weiß ich nicht. Ein Bote übergab sie ihr.«
»Wer war der Bote?«
»Keine Ahnung. Ich habe ihn nie zuvor gesehen.«
Als Erstes erkundigte er sich bei den Wächtern am Osteingang. Doch die schüttelten die die Köpfe. Den ganzen Tag über hatten sie keinen Boten mit einer Nachricht kommen sehen. Beunruhigt erkundigte er sich bei den Männern am Südeingang, mit demselben Ergebnis.
Was ist hier los?, überlegte er verwirrt.
Er ließ sämtliche Leibwächter kommen und schickte sie auf die Suche. Zuerst klopften sie an jedes Haus, dann durchkämmten sie die gesamte Oase zwei Mal, leuchteten mit Fackeln in alle Ecken. Luna, Menan und Harkas halfen tatkräftig und waren am Ende genauso ratlos wie er.
»Komm mit zu uns«, schlug Menan vor, »und lass uns gemeinsam überlegen, wie wir weiter vorgehen sollen.«
Luna und er waren es gewöhnt, mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen, und das beruhigte Senmut ein wenig. Doch nachdem sie schon eine ganze Weile debattiert hatten, meinte Menan auf einmal: »Schon seltsam, dass hier immer wieder junge Frauen verschwinden.«
»Du meinst Renes und Sarah?«, hakte Senmut nach.
»Ja. Aber von beiden wissen wir, was mit ihnen geschehen ist, und das Wichtigste: Sie sind wieder aufgetaucht und es geht ihnen gut.«
An Renes hatte Senmut nur wenige Erinnerungen. Er war noch ein Kind gewesen, als sie verschwand. Doch an dem Verschwinden von Sarah war er selbst beteiligt gewesen. Sie hatte ihn begleitet, als er Wettschulden bezahlen wollte. Aber dann waren sie an einen skrupellosen Mann geraten, der sie nach Rom verschleppen wollte. Sie erlitten unterwegs Schiffbruch und landeten auf der Insel Ebusus. Sarah lebte jetzt dort mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen Sohn.
»Du denkst, dass jemand Gani entführt haben könnte?«, stammelte Senmut.
»Vielleicht um Lösegeld zu erpressen?«, schlug Menan vor.
Luna hatte schon eine ganze Weile nichts mehr gesagt, was untypisch für sie war. Als Senmut kurz den Raum verließ, um noch einen Krug Wein zu holen, raunte sie Menan und Harkas zu: »Ich habe einen schrecklichen Verdacht. Als ich gestern nach Alexandria geritten bin, sah ich nicht weit entfernt vom Osteingang ein seltsames Muster im Sand, irgendein Hexenwerk. Einer meiner Leibwächter hat es zerstört. Aber ich hätte auf dem Rückweg nachschauen sollen, ob es wirklich fort ist. Lasst uns das morgen früh überprüfen.«
»In Ordnung. Aber jetzt müssen wir erst einmal dafür sorgen, dass unser Enkel die Nacht übersteht. Meint ihr, er lässt sich zu einer Würfelpartie überreden?«
»Er wird Revanche für den Vormittag wollen«, behauptete Harkas.
Luna konnte sich irgendwann nicht mehr wachhalten, während die Männer würfelten, und ging nach nebenan ins Schlafzimmer. Aber kaum lag sie im Bett, war ihre Müdigkeit wie weggeblasen und stattdessen stellten sich lauter düstere Gedanken ein, die um das verflixte Sandmuster kreisten.
Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit verzichtete sie aufs Frühstück. Menan aß rasch eine Scheibe Schwarzbrot mit Ziegenkäse und trank einen Becher Granatapfelsaft. Dann steuerten sie schweren Herzens Senmuts Gemächer an, die ebenso wie ihre eigenen im hinteren Teil des Palasts lagen und sich um einen Innenhof gruppierten, in dem zahlreiche Pflanzen in großen Tontöpfen wuchsen.
Die beiden Leibwächter rechts und links der Tür grüßten mit den üblichen Worten: »Langes Leben und Gesundheit.« Auf Menans Frage, ob Senmut wach wäre, antwortete der Ältere: »Nein, Herr. Soll ich ihn wecken?«
Menan warf Luna einen Blick zu und als sie unmerklich den Kopf schüttelte, befahl er: »Lass ihn schlafen und falls er nach uns fragt, dann sag ihm, dass wir in einer Stunde zurück sein werden.«
Als sie außer Hörweite der Wächter waren, murmelte Menan: »Dieses eine Mal finde ich es gut, dass er zu viel getrunken hat. Je länger er schläft, umso besser.«
Luna seufzte missbilligend. Anders als Menan konnte sie sich vorstellen, wie elend sich Senmut beim Aufwachen fühlen würde. Aber ihr selbst ging es auch nicht viel besser. Das Gefühl, auf ein Verhängnis zuzusteuern, schlug ihr gewaltig auf den Magen.
